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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mr. Hetson war ebenfalls wieder an Deck gekommen. Der Anblick der fremden Schiffe schien ihn erneut aufzuregen. Er lief zu dem Kapitän und verlangte von ihm zu erfahren, was das für Fahrzeuge wären und wo sie herkämen. Da jedoch keines beflaggt war, ließ sich das nicht bestimmen. Nur die Stellung ihrer Segel konnte Vermutungen darüber erlauben, ob es sich um Engländer, Franzosen oder Deutsche handelte.

Die Sonne neigte sich zum Horizont, und die ›Leontine‹ braßte ihre Segel um und hielt von der Küste ab, anstatt ihren Anker auszuwerfen. Die Passagiere, die sich für den Landgang vorbereitet hatten, waren erbost. Erst mit Dunkelheit war der junge Amerikaner in seine Kajüte gegangen. Auch die meisten anderen Passagiere gingen trotz des wunderbar warmen Abends in die Hauptkajüte, um mit Kartenspielen und einer Bowle den ›hoffentlich letzten‹ Abend an Bord zu feiern. Nur der Doktor ging mit dem Steuermann eine Weile auf dem Deck auf und ab. Als der Seemann nach vorn mußte, blieb der Doktor allein stehen, lehnte sich über das Deck hinaus und sah nach dem Steuerruder hinunter, das in der leicht bewegten See einen Feuerstrudel zog und in tausend Funken blitzte und glitzerte.

»Doktor!« flüsterte da eine leise, ängstliche Stimme an seiner Seite.

Rasch fuhr er empor, denn an der Stimme hatte er Mrs. Hetson erkannt.

Die junge Dame stand in ihren Schal gehüllt neben ihm.

»Mrs. Hetson? Was treibt Sie denn in der feuchten Nachtluft allein an Deck? Wo ist Ihr Mann?«

»Er schläft, Doktor«, antwortete die Frau. sichtlich erregt. »Ich habe den Augenblick genutzt, um Sie einmal allein zu sprechen. Ich fürchte, daß wir später an Land dazu keine Gelegenheit mehr haben werden. Ich... ich weiß nur nicht, ob Sie die Geduld haben, mir eine Viertelstunde zuzuhören.«

»Aber Mrs. Hetson, selbst wenn ich kein Arzt wäre, wäre dieser Zweifel ungerecht. Sie wollen mit mir über Ihren Mann sprechen?«

»Ja«, sagte die junge Frau leise und sah sich um, ob auch niemand in der Nähe wäre. Nur der steuernde Matrose lehnte an den Speichen des Rades, konnte aber von der mit unterdrückter Stimme und in englischer Sprache geführten Unterhaltung nichts verstehen. Der Steuermann war wieder auf das Quarterdeck gekommen und stand an einer Treppe zum Mitteldeck, um den Gang des Schiffes zu beobachten.

»Ich dachte es mir«, sagte der Arzt, »und habe mir lange gewünscht, daß Sie oder er offen zu mir wären. Ich hätte Ihnen dann vielleicht Hoffnung auf seine Heilung geben können. Sein Leiden scheint mir tief und schwer zu sein. So leicht man aber äußere Krankheiten nach ihrem Erscheinungsbild beurteilen kann, so schwer sind die Seelenleiden eines Patienten herauszufinden, wenn er dem Arzt dabei nicht hilft. Und ein seelisches Leiden ist es mit Sicherheit, unter dem Ihr Mann leidet.«

»Sie haben recht«, antwortete sie leise. »Ich habe ihn schon oft gebeten, mit Ihnen zu sprechen. Er hat mir sogar streng verboten, mit jemand überhaupt darüber zu sprechen. Aber ich fühle, daß ich nur zu seinem Besten handele, wenn ich mich darüber hinwegsetze. Ich muß auch meinethalben reden, wenn mich nicht die Sorge um ihn schließlich aufreiben soll.«

»Fassen Sie sich«, bat der alte Mann die erregte Frau und zeigte zu dem aufmerksam gewordenen Matrosen hinüber. »Die Leute verstehen fast alle etwas Englisch, und wir brauchen keinen weiteren Zeugen.«

»Ja, das ist richtig«, sagte die junge Frau jetzt völlig ruhig und gesammelt. »Seien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich etwas weiter aushole. Ich will mich dabei so kurz wie möglich fassen.«

»Gut, kommen Sie hier herüber zur Schanzkleidung. Auf die See hinausgesprochen, verhallen die Worte, und niemand an Deck kann hören, über was wir sprechen.«

Die Frau trat zu ihm, lehnte sich mit ihrem Arm auf das breite Holz und sagte dann ruhig: »Ich will Ihnen alles ersparen, was mich selbst betrifft. Nur soviel müssen Sie aber wissen, daß ich vor etwa zwei Jahren mit einem Landsmann von mir, einem Engländer, in meiner Heimat verlobt wurde und ihn auch liebte. Er war Seemann und wollte nur noch eine Reise nach Ostindien machen, nach seiner Rückkehr wollten wir heiraten. Wenige Tage später traf die Schreckensnachricht bei uns ein. Sein Schiff war gleich beim Auslaufen aus der Themse auf den Goodwin Sands verunglückt und mit der gesamten Mannschaft untergegangen. Nur ein einziger Matrose sei wie durch ein Wunder gerettet worden und wieder an die englische Küste gebracht. Mich warf der Schmerz um, und lange Zeit lag ich krank im Bett. Mein Vater nahm mich deshalb um so lieber mit, als man ihm eine amtliche Sendung nach Buenos Aires anbot. Luft- und Ortsveränderung sollten mich von meinem Kummer heilen. Wir reisten ab, und schon unterwegs erholte ich mich völlig. Unser Aufenthalt in der Argentinischen Republik dauerte nicht lange. Die politischen Verhältnisse in dem unruhigen Land zwangen meinen Vater, dem allmächtigen Diktator Rosas aus dem Weg zu gehen. Wir schifften uns nach Chile ein, und in Valparaiso lernte ich meinen jetzigen Mann, Mr. Hetson, kennen. Er hatte meinem Vater in aufopfernder Weise viele Dienste erwiesen. Dabei lernten wir ihn als einen aufrichtigen und edlen Mann kennen und gewannen ihn lieb. Als er mich bat, ihn zu heiraten, willigte ich ein. Er war unendlich glücklich und trägt mich bis heute auf den Händen. Unser Hochzeitstag kam heran. Wir sollten im Hause des amerikanischen Konsuls getraut werden und waren gerade im Begriff, dorthin zu fahren. Da trafen mehrere Depeschen für meinen Vater aus Europa ein, die er natürlich bis nach dem Schluß der feierlichen Handlung liegenließ.«

Mrs. Hetson schwieg einen Augenblick, als ob sie erst Kräfte sammeln müsse, um die Erinnerung an diese Zeit noch einmal durchzustehen. Als sie der Arzt aber mit keinem Wort unterbrach, fuhr sie endlich nach kurzer Pause langsam fort.

»Als wir nach Haus zurückkehrten, wo meine Eltern ein kleines Fest für uns arrangiert hatten, fand ich auch einen Brief für mich vor. Schon beim Anblick der Aufschrift durchlief mich ein Zittern. Ich will Sie aber nicht ermüden, sondern Ihnen einfach die Tatsachen mitteilen. Der Brief war von Charles...«

»Von wem?«

»Von meinem früheren Verlobten«, flüsterte die Frau. »Nach dem Schiffbruch seines eigenen Fahrzeugs wurde er von einem amerikanischen Schoner gerettet. In der Nacht und am nächsten Tag tobte ein Nordoststurm und hinderte das Schiff daran, an Land zu setzen. So ließen sie Europa hinter sich, und Charles war gezwungen, die Reise nach Brasilien mitzumachen. Da aber warf ihn ein starkes Fieber monatelang auf das Krankenlager. Schon bewußtlos brachte man ihn an Land und in das Spital. Als er wieder zu sich kam und an uns nach England schrieb, erhielt er von dort keine Antwort mehr. Wir waren abgereist und hatten sogar eine volle Woche in derselben Stadt, Rio de Janeiro, zugebracht, ohne etwas von ihm zu wissen. Sowie er sich aber wieder erholt hatte, reiste er nach England, erfuhr unseren Aufenthaltsort und schrieb uns nach Buenos Aires. Aber auch der Brief verfehlte uns, da wir inzwischen nach Valparaiso verzogen waren. Als er endlich unseren neuen Wohnort erfahren hatte, schrieb er von England erneut, schrieb von seinen Erlebnissen und seiner Liebe zu mir und daß er dem Brief auf dem Fuß folgen würde.«

»Weiß Ihr Mann von diesem Brief?« erkundigte sich der Arzt.

»Ja«, antwortete die Frau. »Ich war schließlich verheiratet und fühlte, daß ich kein derartiges Geheimnis vor ihm haben dürfte, wenn nicht unser ganzes künftiges Glück gefährdet sein sollte. Eine Verbindung mit Charles war ja völlig unmöglich geworden, und ich hoffte, daß mein Mann mir genug vertrauen würde, meinen Versicherungen zu glauben. An diesem Abend konnte ich allerdings den Mut dazu noch nicht aufbringen. Aber am nächsten Morgen erzählte ich ihm alles, zeigte ihm den Brief und versicherte ihm, daß ich zwar Charles früher geliebt hätte, jetzt aber entschlossen wäre, jede Verbindung mit ihm abzubrechen. Das nächste Postschiff sollte meinen Brief an ihn mitnehmen, in dem ich ihm das Geschehene auseinandersetzte und ihn bat, sich mit der unabänderlichen Situation abzufinden.«

»Und wie nahm Ihr Mann das Geständnis auf?« fragte der Arzt leise.

»Am Anfang so ruhig und vernünftig, wie ich nur hoffen und erwarten konnte«, erwiderte die Frau. »Er dankte mir herzlich für das Vertrauen und bedauerte den Unglücklichen, der durch eine Verkettung solcher Unglücksfälle um mich gebracht wurde. Er bat mich auch, ihm so rasch wie möglich zu schreiben, denn nur wenn er alles wußte, konnte er auch verstehen, wie es dazu gekommen war. Ich schrieb also den Brief, den ich meinem Mann zu lesen gab. Er war vollkommen damit einverstanden, und die nächste Post nahm ihn nach England mit. Von diesem Tag an wurde mein Mann unruhig. Immer wieder las er Charles' Brief, in dem ja stand, daß er keine Antwort erwarte, sondern gleich selbst kommen würde. Vergeblich versicherte ich ihm, daß ich Charles nicht sehen wollte, selbst wenn er nach Valparaiso käme. Ich war fest überzeugt, daß er sofort zurückreisen würde, wenn er erführe, was inzwischen geschehen war. Es blieb alles umsonst. Tag und Nacht ließ es ihm keine Ruhe. Der Gedanke, daß Charles kommen und mich zurückfordern würde – so unwahrscheinlich das war –, setzte sich immer fester in ihn. In einem Ausbruch der Verzweiflung bat er mich schließlich, mit ihm in ein anderes Land zu fliehen. Er sei nicht mehr imstande, diese aufreibende Angst zu ertragen. Ich willigte ein. Meinem Vater hatte ich alles berichtet. Er redete mir selbst zu, den Wunsch meines Mannes zu erfüllen. Da legte gerade Ihr Schiff, das nach San Francisco weitergehen sollte, an. Mein Mann entschloß sich, diese Gelegenheit sofort zu nutzen. Unsere Vorbereitungen waren schnell getroffen. Allerdings sah ich nicht ein, weshalb sie mein Mann so heimlich betrieb. Da gestand er mir, daß er fürchte, daß mein früherer Verlobter uns auch nach Kalifornien folgen würde. Er habe deshalb beschlossen, ihn von unserer Fährte abzubringen. Im Hafen lag nämlich noch ein anderes Schiff, das nach Australien gehen sollte. Es blieb ein Brief für Charles zurück mit der Meldung, daß wir uns nach Neuholland eingeschifft hätten.

Vergeblich bat ich meinen Mann, doch bei der Wahrheit zu bleiben und sich fest darauf zu verlassen, daß Charles unsere Ruhe nicht stören würde. Schon diese Bitte weckte sein Mißtrauen, seine Eifersucht. Er begann zu glauben, daß mir daran läge, ein Zeichen zu hinterlassen, und überwachte jeden meiner Schritte, solange wir uns noch an Land befanden. Meine Eltern beschwor er bei allem, was ihnen heilig sei, Charles nicht unseren wirklichen Aufenthaltsort zu verraten. Dabei befand er sich ständig in einer furchtbaren Erregung. Ich sehnte den Tag herbei, an dem wir endlich Chile verlassen konnten. Ich hoffte, daß sich seine Unruhe legen würde, wenn wir erst einmal an Bord waren.«

»Aber das hat sich nicht erfüllt?« sagte teilnahmsvoll der Arzt.

»Nein, im Gegenteil, seit wir das Land in Sicht haben, ist es noch stärker wieder ausgebrochen. Schon in den ersten Tagen unserer Reise hatte er die fixe Idee, daß sich Charles heimlich mit an Bord geschlichen habe. Erst als er sich fest vom Gegenteil überzeugt hatte, wurde er ruhiger. Jetzt, mit dem Land vor uns und den vielen fremden Schiffen, scheint die alte Angst noch stärker zurückzukommen. Auf jedem Fahrzeug, das den Eingang zur San-Francisco-Bai sucht, fürchtet er den Mann, den er für seinen Nebenbuhler hält. Er zittert sogar schon vor dem Betreten des fremden Bodens, weil Charles vielleicht schon eher dasein könnte. Ich bin über seinen Zustand, der schon an Wahnsinn grenzt, verzweifelt. Deshalb drängte es mich auch, einmal mein Herz jemand ausschütten zu können. Wem hätte ich besser vertrauen können als gerade Ihnen?«

»Ihr Vertrauen soll auch nicht enttäuscht werden, verehrte Frau«, sagte der alte Mann gerührt. »Aber ich weiß nicht, wie ich Ihnen da beistehen kann. Ihr Mann hat diese unglückliche, fixe Idee, und da ist mit äußeren Mitteln nichts zu bessern.«

»Wenn man ihm nur die Nachricht bringen könnte, daß Charles wirklich nach Australien gegangen ist!«

»Um Gottes willen, nicht!« rief der Arzt schnell. »Dann hätte er doch erst die Gewißheit, daß er Sie wirklich verfolgt, und findet nie wieder im Leben Ruhe. Wie ich hörte, kommen von Australien auch sehr oft Schiffe nach San Francisco, und jedes würde seiner Unruhe neue Nahrung geben.«

»Aber was soll, was kann ich tun? Wie soll das enden, wenn diese fixe Idee mehr und mehr überhandnimmt? Schon jetzt hält sein Körper diese ständige Aufregung kaum durch.«

»Vor allen Dingen sollten Sie weiterhin aufrichtig zu Ihrem Mann sein. Der geringste Widerspruch, den er findet, würde sein Leiden nur noch verschlimmern. Geben Sie ihm keinen Anlaß zum Verdacht, und hört er auch nichts mehr von dem vermeintlichen Nebenbuhler, so ist die Zeit sein bester Arzt und wird ihn bald wieder vollkommen herstellen.«

»Aber wenn nicht?« fragte die Frau und faltete ängstlich ihre Hände. »Wenn in dem fremden Land die entsetzlichen Träume stärker und stärker werden?«

»Vertrauen Sie auf Gott«, unterbrach sie ernst der alte Mann. »Bedenken Sie vor allen Dingen, daß Sie durch solche ängstlichen Phantasien auch Ihre eigene Gesundheit mutwillig untergraben. Seien Sie stark, das neue, aufregende Leben da drüben wird den besten und heilsamsten Einfluß auf Ihren Mann haben. Jetzt ist er noch auf dem engen Schiff eingeschlossen und Tag für Tag ohne jede Beschäftigung. Da ist es kein Wunder, wenn er sich um so stärker seiner unglücklichen Idee hingibt. Erst einmal in dem praktischen kalifornischen Leben, von all dem Drängen und Ringen nach Gold und Schätzen erfaßt, wird er auch nach und nach seine trüben Gedanken vergessen.«

»Ich will es hoffen«, seufzte die Frau aus tiefstem Herzen. »Ich selber will gern alles tun, was in meinen Kräften steht, um ihn aufzuheitern und zu zerstreuen – wenn nur sein Geist nicht schon gelitten hat!«

»Das befürchte ich nicht«, sagte freundlich der Arzt. »Geben Sie sich aber nicht selber solchen gefährlichen Träumen hin, darin wird schon alles gut werden. Ich kenne ja nun sein Leiden, und sollten Sie in San Francisco meine Hilfe benötigen, so werde ich Ihnen jederzeit zur Seite stehen.«

»Das lohne Ihnen Gott«, sagte die Frau und ergriff zitternd seine Hand. Der alte Herr bot ihr freundlich seinen Arm und geleitete sie zu der in die Kajüte hinabführenden Treppe. Dort verließ er sie, um an Deck zurückzukehren.

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