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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der einzige, der bei diesem Empfang des Fremden und der ganzen Aufregung vollkommen seine Ruhe behielt, war gerade der, der ihn als Bekannten vorgestellt hatte – der Apotheker Kulitz. Als ob ihn das alles nichts anginge, nahm er Platz, bestellte ein Glas Likör, holte dazu eine Tafel Schokolade und ein Stück Käse aus seiner Tasche und verknusperte beides, ohne nur ein Wort zu reden.

Zu dem Wirt trat inzwischen ein langer Amerikaner, ließ sich ein Glas Brandy und Wasser geben und flüsterte dann mit dem Wirt.

Der verstand wohl etwas Englisch, schien aber auf dessen Mitteilungen nicht eingehen zu wollen. Endlich zuckte er die Achseln und sagte:

»Meinetwegen, wenn Sie spielen wollen, habe ich nichts dagegen. Dort an dem Tisch ist noch eine Ecke frei.«

»Vielen Dank!« sagte der Amerikaner, drehte sich ab und ging zu dem Tisch. Mit einem höflichen Gruß setzte er sich bei den Deutschen hin.

»Hol's der Teufel«, flüsterte da Fischer dem neben ihm sitzenden Graf Beckdorf zu. »Das ist der Halunke, der neulich den Indianer verwundet oder sogar umgebracht hat, und hinter dem der Häuptling heute her war. Einer dieser nichtsnutzigen, betrügerischen amerikanischen Spieler – was will der an unserem Tisch?«

»Gentlemen«, wandte sich der Amerikaner an die Gruppe. »Wenn Sie nichts dagegen haben, können wir doch ein Spielchen machen? Die Abende sind lang, und man weiß wirklich oft nicht, wie man die Zeit totschlagen soll, denn im Dunkeln läßt sich nun leider kein Gold waschen.«

Mit diesen Worten nahm er ein Spiel spanischer Karten aus seiner Tasche, legte sie vor sich hin und hob dann einen ziemlich gewichtigen Beutel auf den Tisch.

»Ah, jetzt kommt Leben in die Sache!« sagte Johnny, der keine Karte sehen konnte, ohne sofort den Spielteufel zu fühlen.

»Das bezweifle ich, Napoleon«, sagte Fischer ruhig. »Denn wenn du dein Geld den Betrügern in den Rachen werfen willst, dann mußt du wahrscheinlich woanders hingehen.«

»Woandershin? Und weshalb?« rief der Kleine. »Hier ist alles fix und fertig, und jetzt sollt ihr einmal sehen, wie ich dem Herrn da die Unzen aus dem Beutel ziehe.«

»Das sieht vielleicht ganz hübsch aus, Johnny«, erwiderte Fischer. »Aber wenn die anderen meiner Meinung sind, dann dulden wir hier kein Spiel. Ich denke, die Franzosen da drüben haben dieselbe Ansicht.«

»Hinaus mit dem Spieler!« rief auch Graf Beckdorf. »Diese Pest des Landes soll da bleiben. wo sie hingehört – bei den Amerikanern!«

Fischer hatte einige Worte mit dem nächsten Franzosen gewechselt. Diese stimmten ihm lebhaft zu. In diesem Zelt sollte nicht gespielt werden. Da gleich mehrere von ihnen aufstanden, glaubte Mr. Smith wahrscheinlich, daß sie jetzt zu ihm kommen und mitspielen wollten. Lächelnd mischte er seine Karten, ließ sie ein paarmal durch die Hände gleiten und schob dann das Spiel zu Erbe hinüber.

»Be so kind to cut, Sir – seien Sie so freundlich und heben Sie ab!«

»Cut yourself!« antwortete ihm aber Erbe, ohne seine Hände aus den Taschen zu ziehen. Seine Antwort war sehr doppeldeutig, denn ›to cut‹ heißt sowohl ›abheben‹ wie auch im Slang ›machen, daß man fortkommt‹ oder ›sich drücken‹.

Fischer ließ sich nicht weiter mit dem Spieler ein, sondern ging zum Wirt. Von den Franzosen unterstützt, sprach er ihren festen Entschluß aus, daß sie alle das Zelt verlassen und nicht wiederkommen würden, wenn er es zu einer Spielhölle machen würde. Der Wirt hätte es vielleicht ganz gern gesehen, wenn in seinem Zelt manchmal gespielt wurde, denn die Leute blieben so bis in die Nacht hinein sitzen und tranken mehr. Seine Gäste wollte er damit aber auch nicht vertreiben und ging deshalb zu dem Amerikaner, um ihm den Entschluß der Gäste mitzuteilen.

»Mister, die Herren wollen nicht spielen, packen Sie Ihre Karten wieder ein.«

»Wollen nicht spielen?« sagte Johnny auf englisch. Er dachte gar nicht daran, seine Aussicht auf Gewinn aufzugeben. »Wer sagt das, Bockfeld? Natürlich will ich spielen!«

»Wer nicht spielen will, läßt es bleiben!« sagte der Amerikaner lächelnd und nickte Johnny zu. »Wir beide fangen inzwischen an. Hier, Sir, liegt die Drei und das As, hier fünf und neun – auf welche?«

»Es soll hier in diesem Zelt nicht gespielt werden, Sir!« mischte sich Fischer in das Gespräch. »Ich glaube, das war deutlich genug. Sie haben doch wohl verstanden?«

»Ist das Ihr Zelt, Sir?« erkundigte sich der Amerikaner trotzig.

»Die Sache geht dich gar nichts an, Fischer«, rief auch Johnny.

»Halt 's Maul, Napoleon!« sagte Fischer ganz ruhig. »Du bist überstimmt und kannst nichts machen. Das ist allerdings nicht mein Zelt, aber es gehört dem Mann, der Ihnen eben gesagt hat, daß hier nicht gespielt werden soll. Also seien Sie so gut und packen Sie Ihre Lockvögel wieder ein. Wir Ausländer haben mehr Verstand, als uns damit fangen zu lassen.«

»Sie sind der Dolmetscher von heute, nicht wahr?« sagte der Amerikaner und maß ihn mit einem boshaften Blick von oben bis unten.

»Ja, allerdings«, antwortete Fischer. »Wenn wir hier Recht und Gerechtigkeit in den Minen hätten oder einen anderen Richter als diesen Holzkopf von Major, so würden Sie jetzt fest im Eisen sitzen, anstatt hier mit einem Goldbeutel herumzulaufen.«

»Das ist Ihre Meinung von der Sache?« lachte der Amerikaner. »Schade, daß Sie nicht Alkalde sind!«

»Für Leute Ihres Schlages ein Glück«, brummte der Deutsche. »Und jetzt sind Sie so gut und räumen den Tisch hier. Wir brauchen den Platz für eine ehrlichere Unterhaltung – für Flaschen und Gläser.«

»Sir!« rief der Amerikaner mit kaum unterdrückter Wut.

»Weg mit den Karten – fort mit dem Gold!« schrien ihn aber auch jetzt die anderen Franzosen und Deutschen an. Johnny wollte noch einen letzten Versuch unternehmen und sprang mit dem Ruf »Messieurs – Messieurs!« auf die Bank. Lachend und schreiend wurde er aber wieder heruntergezogen. Die Leute drängten sich jetzt so nahe um den Tisch, auf dem der Goldsack stand, daß es der Amerikaner doch für geraten hielt, sich zurückzuziehen. Er schob rasch die schon ausgebreiteten Karten zusammen und in seine Tasche, raffte seinen Beutel wieder auf und sagte:

»Gentlemen, ich will Ihnen dann nicht länger im Wege sein. Freuen Sie sich noch über die kurze Zeit, die man Ihnen erlaubt, in Kalifornien zu bleiben. Es wird ja nicht mehr so lange dauern.«

»Versucht's, uns hinauszutreiben!« rief einer der Franzosen, der Englisch verstand und sich zu ihm durchdrängen wollte. Die anderen hielten ihn aber zurück.

»Laß den Lump laufen, er ist ärgerlich, weil wir ihn heimschicken!«

Der Wirt hatte das größte Interesse daran, daß in seinem Zelt keine Gewalttätigkeiten ausbrachen, und sprang ebenfalls dazwischen. Er bat den Amerikaner, sich keinen weiteren Unannehmlichkeiten auszusetzen. Mr. Smith war auch keineswegs dazu geneigt. Als er den Eingang frei sah, schob er sein Gold unter den Arm und verließ rasch das Zelt.

Damit war aber Johnny noch nicht zufriedengestellt.

»Messieurs!« schrie er, sprang auf die Bank und drehte seinen Hut auf dem Kopf so weit herum, daß die Brosche mit dem blauen Stein hinten saß. »Wir sind hier in einem freien Land, wo jeder treiben kann, was er will und wozu er Lust hat!«

»Jawohl, Johnny – natürlich Napoleon!« sagte ein Teil der Leute lachend.

»Messieurs!« fuhr aber Johnny erbittert fort. »Sie haben den Mann hinausgejagt, mit dem ich spielen wollte, dazu haben Sie kein Recht. Dieses Zelt ist ein Wirtshaus, daran bin ich Miteigentümer, solange ich meine Zeche bezahle, und wer mir in meine Rechte greift, greift mir an mein Leben, und das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen.«

»Bravo, Johnny, bravo!« rief und lachte es von mehreren Seiten.

»Messieurs!« schrie aber der kleine Bursche, der dadurch nur noch erboster wurde. »Ich schüttele den Staub von meinen Füßen und werde nie an den Ort zurückkehren, wo ich mißhandelt worden bin.«

Damit fuhr der dreieckige Hut wieder herum, Johnny sprang von der Bank herunter und wollte ohne Abschied das Zelt verlassen. Der Wirt und Fischer versuchten, ihn zurückzuhalten, aber der kleine Bursche war ganz außer sich, riß sich von ihnen los und stürmte hinaus ins Freie.

Durch diesen Zwischenfall war die Gesellschaft in allgemeine Verwirrung geraten und selbst der Justizrat von seinem Platz aufgestanden. Nur Erbe blieb unbekümmert von dem ihn umwogenden Sturm ruhig sitzen. Er war sogar so zerstreut, daß er sich aus der Flasche seines Nachbarn ein Glas füllte und dann wieder, wie gewöhnlich, auf einen Zug leerte.

»Ach, lieber Herr Justizrat!« flüsterte da Korbel und faßte den würdigen Mann vertraulich unter den Arm. »Ich möchte Sie um etwas bitten.«

»Jawohl, recht gern!« erwiderte der, mit dem eben erlangten Resultat außerordentlich zufrieden und guter Laune. »Erst, bitte, antworten Sie mal Frage.«

»Sehr gern.«

»Wer ist der... der Herr da im Frack? Komische Idee das – hier in den Minen Frack.«

»Oh, das ist ein Tenor aus Deutschland«, lachte der Aktuar. »Er scheint seinen Urlaub verlängert zu haben, um mal in aller Geschwindigkeit in den Minen ein paar tausend Dollar auszugraben.«

»Tenor? Alle Wetter«, sagte der Justizrat erstaunt. »Hätte zu Hause bleiben sollen. Tenöre verdienen viel Geld bei uns – kriegen soviel wie Minister.«

»Ja nun«, sagte der Aktuar. »Es wird wohl keiner von den allerersten sein – nehme ich an. Aber, um was ich Sie bitten wollte. Ich bekomme heftige Zahnschmerzen und will lieber nach Hause gehen, habe aber ganz in Gedanken meinen Geldbeutel im Zelt liegengelassen. Sind Sie so freundlich und borgen mir bis morgen früh eine halbe Unze, um damit meine Zeche zu bezahlen?«

»Halbe Unze?« sagte der Justizrat, dem das etwas viel vorkommen mochte. »Sind acht Dollar!«

»Ja, bloß acht Dollar«, sagte der Aktuar. »Ich möchte aber nicht gern, ohne zu bezahlen, gehen. Nur bis morgen früh, wenn ich bitten darf.«

»Hm ja... jawohl... mit... mit Vergnügen!« erwiderte der Justizrat, zu gutmütig, um die Bitte abzuschlagen. Es war ja auch nur bis morgen früh. Er griff deshalb in die Westentasche und gab dem Aktuar einen zur Vorsicht in Papier gewickelten ›halben Adler‹, wie man ein Fünfdollarstück nannte, und drei einzelne Silberdollar, die der einfach in die Tasche steckte.

»Danke schön, Herr Justizrat«, sagte er dabei. »Morgen habe ich sicher das Vergnügen, Sie wiederzusehen, und dann mache ich es mit Dank gut.«

»Bitte, gar keine Eile...«, brummte der Justizrat, während sich der Aktuar zu dem Wirt hindurchdrängte, mit ihm ein paar Worte flüsterte und dann rasch das Zelt verließ. Fast unwillkürlich war ihm der Justizrat mit den Augen gefolgt, nicht aus Mißtrauen, sondern aus Neugierde, um zu sehen, wie der junge Mann seine Zeche bezahlte. Er sah aber nichts Derartiges. Hatte er ihm das Geld vielleicht heimlich in die Hand gedrückt? Andere drängten sich jetzt zwischen ihn und den Wirt, und nur die Deutschen nahmen größtenteils wieder ihre Sitze ein.

»Kommen Sie, Herr Justizrat«, rief ihn da Fischer an. »Setzen Sie sich noch etwas zu uns.«

»Vielen Dank für heute. Müssen mich entschuldigen... verdammt Kopfweh... früh zu Bett gehen.«

»Bett? Glücklicher Mensch, hat der ein Bett?« rief Fischer. »Aber bleiben Sie nur da, wir singen jetzt noch ein paar Lieder. Können Sie mit anstimmen, Herr Binderhof?«

»Wenn ein zweiter Tenor fehlt...«

»Ah, herrlich, der fehlt immer, einen ersten haben wir schon, und für den zweiten Baß – Donnerwetter, wo ist denn der Komet hin? Ist der durchgebrannt?«

»Der Komet?« sagte Lamberg lachend. »Wen nennen Sie denn so?«

»Na, unseren Gerichtsmann, den Aktuar. In allen Minenstädten geht er nach einer Weile durch und hinterläßt einen ganzen Schwanz Schulden, deshalb hat er den Namen Komet bekommen. Was dem wohl heute durch den Kopf gegangen ist? Ob seine Zeit hier vielleicht auch schon um ist?«

»Vielleicht ist er mit Johnny zum Spielen gegangen!« sagte Graf Beckdorf.

»Ach was, dazu hat er kein Geld«, lachte Fischer. »Ja, wenn ihm noch jemand borgen würde, aber selbst Johnny hütet sich vor ihm!«

»Wohnt weit weg von hier?« sagte der Justizrat, dem die eben gehörten Neuigkeiten nicht gerade angenehm waren.

»Gar nicht, etwa fünfzig Schritt von hier steht das Zelt, wo er mit dem Apotheker Kulitz schläft. Donnerwetter, Kulitz, bei der wievielten Tafel Schokolade sind Sie jetzt eigentlich? Sie müssen ja eine ganze Kiste davon mitgebracht haben! – Also, Sie wollen wirklich nicht länger bleiben, Justizrat?«

»Danke – Hause gehn!« sagte der und trat zu dem Wirt. Er bezahlte seine Zeche, grüßte noch einmal im Vorbeigehen seine Landsleute durch ein einfaches Nicken, nahm die Mütze zu den Franzosen hin ab und verließ dann das Zelt, um sein eigenes Lager aufzusuchen.

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