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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Der Doktor hat seinen eigenen Dialekt, eine Art Rezeptsprache, an die Sie sich wohl erst noch gewöhnen müssen. Übrigens werden Sie alle diese Ausdrücke, wie ledge – Felsen, gravel – Kies, clay – Ton oder Lehm, und wie sie alle heißen, noch bis zum Überdruß kennenlernen. Der Doktor hat jedoch recht, einen Platz angeben kann Ihnen niemand. Denn wenn einer von uns eine Stelle wüßte, wo wirklich genug Gold läge, um eine reiche Ausbeute zu liefern, ginge er natürlich selber hin. Etwas Gold finden Sie überall, nur ob es die Arbeit bezahlt, ist die Frage. Jetzt tun Sie mir aber den Gefallen und lassen Sie uns von diesem verdammten Thema schweigen. Gold! Gold! Ewig Gold! Man hört hier nichts weiter den ganzen Tag in diesen nichtswürdigen Diggins, und ich versichere Ihnen, daß das Wort mir schon widerlich geworden ist.«

»Hallo, da kommt Johnny!« rief auf einmal der Aktuar und deutete auf den Eingang. Als alle sich umdrehten, kam eine so merkwürdige Persönlichkeit in die Tür, wie sie wirklich nur in diesem merkwürdigsten von allen Ländern ausgebrütet werden konnte.

Es war ein kleiner, hagerer Bursche, zwischen sechsundzwanzig und sechsunddreißig Jahren. Das Alter ließ sich nicht genau bestimmen, da er sein Gesicht in Falten zog und außerdem in den letzten acht Tagen wohl kaum mit Wasser in Berührung gekommen war. Er trug eine kurze, graue Baumwolljacke und eine Baumwollhose, die durch den langen Gebrauch schon sehr abgenutzt war. Seine Füße steckten ohne Strümpfe in den Schuhen. Eigentümlich war aber auch sein Hut. Es handelte sich um einen ganz gewöhnlichen, einmal schwarz gewesenen Filzhut mit breiter Krempe. An drei Seiten war der Rand nach oben geschlagen und festgenäht, und die eine Ecke wurde noch durch eine alte Bronzebrosche mit einem großen, blauen Glasstein geschmückt.

Die ganze Gestalt war kaum größer als 1,50 Meter. Das Gesicht in finstere, ernste Falten gelegt, trat er auf die Deutschen zu, als er sie am Tisch erblickte. Etwa drei Schritt vor ihnen blieb er stehen, schlug dabei die Arme über der Brust zusammen und sagte:

»So ist das Volk! Lebt in den Tag hinein, unbekümmert, was die nächste Stunde bringt, und unheildrohend hängt schon die Gewitterwolke über ihrem Kopf, um die Ahnungslosen zu verderben!«

»Meine Güte!« rief Binderhof erstaunt und verblüfft aus und drehte sich zu der Erscheinung um. »Wo ist der nun wieder ausgebrochen? Lamberg«, flüsterte er dann seinem Nachbarn zu, »wenn ich wieder nach Hause reise, lasse ich mir den und den Doktor abwaschen und ausstopfen und nehme sie für unser Museum mit!«

»Na, Napoleon!« sagte Fischer gutmütig. »Laß deine Schrullen und setz dich hier zu uns. Hier sind neue Landsleute eingetroffen, gib Pfötchen und sag ihnen guten Abend!«

»Ein schlechtes Willkommen gebe ich Ihnen in den Minen!« erwiderte der Mann mit den untergeschlagenen Armen. Dabei ließ er seine Augen, die unter den zusammengezogenen Brauen fast verschwanden, über die einzelnen Gäste schweifen. »Es wäre besser für sie, wenn sie das Land nie gesehen hätten!«

»Donnerwetter, was ist nun los?« sagte der Justizrat bestürzt und fuhr halb von seinem Sitz auf.

»Bleiben Sie ruhig sitzen«, beschwichtigte ihn aber Fischer. »Dies hier ist Napoleon, Johnny Napoleon, der manchmal ganz verrückte Einfälle hat. Wer weiß, was ihm heute wieder durch den Kopf geschossen ist!«

»Ich will dir was sagen, Fischer«, brach da Johnny plötzlich ab. Er ließ die Arme sinken und sprach völlig natürlich. »Mach erst mal Platz, daß ich da mit hin kann, und dann schenk mir ein Glas Wein ein, denn ich habe furchtbaren Durst. Zuletzt bitte ich dich dringend, nichts zu beurteilen, was du nicht verstehst. Guten Abend, meine Herren«, wandte er sich dann mit einer formellen Verbeugung an die übrigen Gäste, warf ein Bein über die Bank, um neben dem zur Seite rückenden Fischer Platz zu nehmen.

Fischer betrachtete ihn bei dieser Bewegung, bei der er ihm den Rücken zudrehte, lächelnd und sagte dann, als er ihm das Glas füllte:

»Johnny, Johnny, nimm dich in acht, du hast heute deinen Kragen wieder verkehrt geknöpft!«

»Fischer!« erwiderte Johnny ernst. »Guten Abend, Doktor – laß mich mit solchen Lappalien zufrieden.«

»Da hast du das richtige Wort getroffen, Johnny«, lachte der andere. »Aber was gibt's denn wieder? Ist etwas vorgefallen?«

»Etwas?« rief Johnny und drehte sich feierlich zu ihm um. »Ein ganzer Haufen, wie der Doktor sagen würde.«

»Na, dann schieß mal los!« sagte Fischer. »Aber erst muß ich dich hier unseren Landsleuten vorstellen. Also, meine Herren, dies ist der große Goldwäscher Jean Stülbéng, eigentlich Johnny Stuhlbein, gewöhnlich Johnny genannt oder wegen seiner enormen Ähnlichkeit mit dem auf St. Helena verstorbenen Kaiser Napoleon genannt. Er ist marchand tailleur, zweiunddreißig Jahre alt, vollständig ausgewachsen und wurde vor etwa vier Monaten von uns am Mormongulch lebendig eingefangen. Jetzt scheint er völlig zahm zu sein, ißt von einem Teller, trinkt aus einem Glas und hat sogar, trotz eines früheren Aufenthaltes in Frankreich, seine Muttersprache zum Teil wiedergelernt.«

»Bist du nun fertig?« sagte Johnny, der dieser Vorstellung zugehört hatte, ohne eine Miene seines ernsten Gesichtes zu verziehen.

»Vollkommen, Johnny.«

»Gut, dann erlaubst du wohl, daß ich auch etwas zu meiner Rechtfertigung sage. Herr Wirt! Bitte, bringen Sie uns doch drei Flaschen Champagner! Ich habe...«

»Bravo, Johnny!« rief Fischer lachend. »Das war schon vollkommen ausreichend und eine der besten Reden, die du je im Leben gehalten hast. Du brauchst jetzt kein Wort weiter zu sagen.«

»Bitte, unterbrach mich nicht. Ich muß leider gleich zu Beginn bei unseren neuen Landsleuten ein Vorurteil beseitigen, weil sie mich in solcher Gesellschaft antreffen. Ich hoffe aber, daß eine nähere Bekanntschaft das ändern wird und uns alle im richtigen Licht erscheinen läßt. Jetzt aber, Fischer, sei doch so gut und öffne eine von den Flaschen...«

»Mit dem größten Vergnügen, Johnny!«

»Zugleich aber«, fuhr Johnny fort, »habe ich Ihnen allen eine ernste Nachricht zu bringen, die Sie hoffentlich aus Ihrer Ruhe und Selbsttäuschung aufrütteln wird. Die Legislatur von Kalifornien hat nämlich ein Gesetz erlassen, nach dem alle Fremden in den Minen, d. h. alle Goldwäscher, denn die Händler sind ausgenommen, eine Gebühr von zwanzig Dollar bezahlen sollen!«

»Unsinn!« riefen die Deutschen, und Fischer und Korbel sprangen von ihren Sitzen auf. »Das ist ja nicht möglich!«

»Was gibt's?« riefen einige Franzosen, die an einem anderen Tisch saßen und wohl merkten, daß eine unschöne Neuigkeit mitgeteilt wurde. Der Wirt, der am Tisch stehengeblieben war, übersetzte ihnen auch die Nachricht, und ein einziger Schrei der Entrüstung lief durch das ganze Zelt. Nur die Neuangekommenen blieben ziemlich ruhig, weil sie die ganze Tragweite dieses unerwarteten Gesetzes noch nicht begreifen konnten.

Johnny drehte sich auf seiner Bank halb um und sprach so teilweise zu den Franzosen, teilweise zu den Deutschen. In einer verzweifelten Mischung aus Deutsch und Französisch begann er beiden Nationalitäten die eben durch einen direkt von San Francisco kommenden Amerikaner erhaltene Nachricht auseinanderzusetzen. Dabei sprach er seinen festen Entschluß aus, lieber zu sterben, als diese enorme Taxe zu bezahlen.

Alle Anwesenden im Zelt waren in helle Aufregung versetzt. Andere, jetzt eintretende Franzosen bestätigten die Nachricht. Es gab keinen Zweifel mehr, daß man den Fremden zugunsten der Amerikaner eine Last aufbürden wollte, die sie nicht tragen wollten. Die heißblütigen Franzosen machten auch schon allerlei Pläne, wie sie die Fremden um ihre Fahne vereinen konnten und den Amerikanern Widerstand leisten wollten. Das Resultat war im Augenblick nur für den Wirt günstig, weil die Leute in ihrer Aufregung Flasche auf Flasche forderten.

Immer mehr Gäste hatten sich versammelt, meistens Franzosen, die zusammen an den Tischen saßen und lebhaft über das neue Gesetz sprachen. Aber auch zwei Deutsche waren neu dazugekommen. Mit einem kurzen, aber höflichen »Guten Abend!« setzten sie sich zu ihren Landsleuten.

Einer von ihnen war noch ein junger Mann mit dunklen, gelockten Haaren. Auch er trug ein rotes Minerhemd, darunter offensichtlich aber noch ein anderes, schneeweiß und aus feinem Leinen. Auch seine Hose war nach neuestem Schnitt und aus feinem Stoff, wenn sie auch hier und da durch Dornen oder scharfe Steine beschädigt war. Ein Brillantring an seinem Finger paßte aber nicht zu der ganzen übrigen Umgebung und verriet, daß der Träger eigentlich zu einer besseren Gesellschaft gehörte.

Die Erscheinung des anderen war in dieser Umgebung noch auffallender. So wie man in einer europäischen Abendgesellschaft erstaunt gewesen wäre, wenn jemand nur im Hemd hereingekommen wäre, so auffallend war es hier, wenn zwischen den rauhen Goldgräbergestalten einer war, der kein buntes Baumwollhemd trug, sondern einen schwarzen Frack, einen runden, hohen Hut und dazu – Glacéhandschuhe.

Selbst dem Justizrat fiel das auf, obwohl er sonst solche Sachen völlig übersah. Er drehte sich von dem Mann ab, zu seinem rechten Nachbarn, und wollte sich nach der ungewöhnlichen Erscheinung erkundigen. Hier sah er aber in Erbes dickes, vom Champagnergenuß strahlendes Gesicht und – gab jede weitere Frage in diese Richtung auf. Neben seinen Nachbarn, dem Aktuar gegenüber, hatte sich der Fremde gesetzt. So mußte er seine Neugierde für den Augenblick unbefriedigt lassen.

»Ah, Sie haben Champagner!« lachte der junge Mann im roten Hemd. Er hing seinen Strohhut an eine der Zeltstützen, drehte seinen leichten, dunklen Schnurrbart ein wenig höher und nahm dann an dem Tisch Platz. »Johnny hat bestimmt wieder seinen spendablen Tag. Herr Wirt, für mich auch eine Flasche!«

»Halt!« rief da Johnny und streckte den Arm aus. »Sie müssen mit uns trinken, Graf Beckdorf!«

»Vielen Dank«, lachte der. »Heute abend habe ich schon bestellt, ein anderes Mal!«

»Graf Beckdorf?« flüsterte der Justizrat erstaunt Erbe zu. Der aber hörte die Bemerkung nicht, sondern betrachtete mit breitem Grinsen den Mann im schwarzen Frack, der eben einen feingestrickten Wollschal vom Hals wickelte. Dann bog er sich zu ihm über den Tisch und sagte:

»Sie haben wohl einen cold gecatcht, Mister Bu... Bubli... – wie heißen Sie gleich?«

»Bublioni«, lachte der Mann im Frack, der Erbe schon kannte, und hustete leicht hinter der vorgehaltenen Hand. »Nein, Doktor, ich trage den Schal nur, damit ich keinen ›cold catche‹, wie Sie sagen. Wo haben Sie eigentlich Ihr prächtiges Deutsch gelernt?«

»Ich? In Leipzig, wo sonst?«

»Und sagt man da cold catchen, anstatt erkälten?«

»Na, of course... oder eigentlich in die States, aber das ist ja alles a like, Sie wissen ja doch, was ich meine.«

»Jawohl, lieber Doktor, jawohl!«

Binderhof und Lamberg waren inzwischen mit Korbel in ein Gespräch über die Minenarbeit vertieft. Von dem Wein erhitzt, wurde die Unterhaltung bald laut und lebhaft. Je weiter der Abend vorrückte, desto mehr Gäste versammelten sich, und die Tische waren fast vollständig besetzt. Da kamen noch zwei Deutsche herein, und zwar ein kleiner Bursche mit einem riesigen, feuerroten Bart und einer viereckigen Pelzmütze. Das war der Apotheker Kulitz. Hinter ihm kam der Mann mit den großen Wasserstiefeln, der heute morgen dicht vor der Flat das junge Eselfüllen erschossen hatte.

»Guten Abend, Kulitz, wie geht's?« rief ihm Fischer entgegen. »Hierher, Mann, Sie kommen gerade rechtzeitig, um noch ein Glas Sprühgeist mitzutrinken. Wen haben Sie denn da, einen frischen Landsmann?«

»Ja, einen Schiffsgefährten«, sagte Kulitz und lächelte etwas verlegen. »Er war einige Zeit in San Francisco und will jetzt auch sein Glück in den Minen versuchen.«

»Dann soll er sich aber eine andere Gesellschaft suchen als unsere!« rief Binderhof und stand von seiner Bank auf. Die anderen sahen ihn erstaunt an.

»Donnerwetter, ja!« rief jetzt auch der Justizrat. »Ist ja der gleiche Kerl, der heute Schläge bekommen hat! Der Kutscher!«

»Ach, laßt die alte Geschichte!« sagte Lamberg dazwischen. »Jeder soll vor seiner Türe fegen, was geht uns das an?«

»Was das uns angeht?« rief aber Binderhof. »Das geht mich so viel an, daß ich wenigstens mit dem Lump nicht an einem Tisch sitzen will!«

»Hallo, was ist denn da passiert?« riefen die Deutschen durcheinander. Der mit den Wasserstiefeln wartete aber eine weitere Erklärung nicht ab. »Geht zum Teufel!« brummte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zelt. Binderhof erzählte jetzt mit kurzen Worten den heutigen Vorfall und die gemeine Grausamkeit des Mannes.

»Der Lump!« schrie da Fischer und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser in die Höhe sprangen. »Und der wagt es, noch zu Landsleuten in ein Zelt zu treten? Ein Hundsfott, wer mit dem Kerl umgeht, und man sollte einen solchen Schuft für vogelfrei erklären!«

»Nanu«, sagte Erbe, der sich alles nicht so schwarz vorstellen mochte. »Was ist denn da nu weiter, wenn er auch einen Esel gekilled hat?«

»Herr Erbe, wenn Sie sich mit ihm einlassen«, rief aber Fischer noch in gerechter Entrüstung über die rohe Tat, »dann war dies das letzte Glas, das Sie mit uns getrunken haben, darauf können Sie sich verlassen.«

Erbe schüttelte verwundert den Kopf, sagte aber kein Wort weiter, denn die Drohung war zu deutlich gewesen. Er wollte sich nicht weiter zur Verteidigung eines wildfremden Menschen auslassen.

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