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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11. Ein Abend im Paradies

Die neu angekommenen Deutschen waren inzwischen in dem kleinen Zeltstädtchen herumgeschlendert, ohne sich viel um die erwähnten Ereignisse zu kümmern. Sie verstanden ja auch die spanische Sprache gar nicht, die englische nur wenig und wußten deshalb nicht, was dort verhandelt wurde. Sie hatten nur ihre Freude an den beiden wilden Mädchen. Wie fest die auf ihren Pferden saßen und wie keck sie über gefällte Baumstämme und selbst ausgeworfene Gruben hinwegsetzten!

Aber auch das fesselte ihre Aufmerksamkeit nur kurze Zeit. Hauptsächlich wollten sie Landsleute finden, die sich hier auskannten und von denen sie Einzelheiten über die Minen, die Art der Arbeit und besonders den Gewinn erfahren konnten. Mit einem Wort verlangten sie jetzt an Ort und Stelle sehnsüchtig nach der Bestätigung ihrer wilden, goldenen Träume. Ehe sie die nicht erhielten, fühlten sie sich auch nicht behaglich.

Endlich ging die Sonne unter. Von allen Seiten kamen die Goldwäscher von der Arbeit und sammelten sich teilweise um die Feuer vor ihren eigenen Zelten, um ihr Abendbrot zu bereiten. Andere gingen gleich in die verschiedenen Trink- und Eßbuden, um dort ihre Mahlzeit zu halten.

Von unseren Freunden Lamberg, Binderhof und dem Justizrat hätte nun eigentlich einer ›nach Haus‹ gemußt, um den armen Hufner abzulösen, der gern ebenfalls etwas von dem neuen Minerleben zu sehen wünschte. Daran dachte aber keiner von ihnen. Hufner saß da oben gut, und morgen bekam er Zeit genug, um einen Spaziergang durch die Stadt zu machen.

Lamberg und Binderhof gingen zusammen, weil der Justizrat Binderhof nicht leiden konnte. Sie waren vor einem der auch hier schon etablierten Spielzelte stehengeblieben, als sie sich angesprochen fühlten.

»How d'you do miteinander«, sagte ein Bursche. Er trug ein rotes Wollhemd und hatte eine abgegriffene Mütze fast ganz auf dem rechten Ohr sitzen. Beide Hände steckten fest in den von einem Fettrand umzogenen Hosentaschen.

»Hallo«, sagte Lamberg. »Wen haben wir da? Einen Landsmann? Woher, Kamerad?«

»Leipzig«, antwortete der Deutsche, dessen dickes, rotes Gesicht sich zu einer Art Lächeln zusammenzog. Schon das eine singend gezogene Wort verriet den Sachsen.

Binderhof, der aus besseren Verhältnissen stammte, maß den unsauber aussehenden Gesellen von Kopf bis Fuß und schien keine besondere Lust zu haben, sich mit ihm einzulassen. Der praktischere Lamberg konnte sich besser in die hiesigen Verhältnisse versetzen. Erkundigungen mußten sie ohnehin einziehen, und was von dem einen nicht herauszubekommen war, ließ sich vielleicht der andere im Gespräch entschlüpfen – nämlich die Andeutung, wo es eine gute Stelle zum Goldwaschen gab.

»So? Von Leipzig also? Schon eine Weile hier in den Minen?«

»Yes!« sagte der Sachse so breit wie möglich.

»Und was gefunden?«

Der Deutsche hob die Achseln so hoch, daß sie ihm bis an die Ohrläppchen stießen. »Faul!« war das einzige Wort, das er sprach.

»Faul?« rief aber jetzt auch Binderhof, mit dessen Hoffnungen diese Auskunft keineswegs übereinstimmte. »Warum nennt man dann diese Minen reich? Und den Ort das Paradies?«

»Die store keepers werden reich, yes«, sagte der Leipziger. »Aber die miners, die in der Erde worken und mit ihren cradlen schukklen, blasen Trübsal! Puh – Namen! Solche Orte nennt man so, um viel people herzukriegen!«

»Mein Gott, spricht der ein Deutsch!« flüsterte Binderhof seinem Kameraden zu. »Verstehen Sie, was er sagt?«

»Zum Teil«, lachte der. »Darf ich Ihren Namen wissen?«

»Erbe – Louis Erbe!«

»Ah, sehr gut, Herr Erbe, dann können Sie uns vielleicht auch Auskunft geben, ob es hier noch andere Deutsche gibt und wo wir die finden können.«

»Oh, lots!« sagte Erbe.

»Was meinen Sie?«

»Nun, lots, eine ganze Menge, Deutsche gibt's every where hier oben.«

»Das wäre prima«, sagte Lamberg. »Wo könnte ich wohl einige von ihnen treffen? Haben Sie nicht eine Art Casino hier, einen Sommerklub, wo sie abends zusammenkommen? Im Belvedère oder irgendwo anders?«

»Stopp, Doktor, das reicht!« sagte Erbe trocken. »So Dinger, wie Sie da nennen, haben wir hier nicht, aber in dem Zelt von dem Frenchman da oben können Sie die meisten nach Dunkelwerden catchen.«

»Was?« sagte Binderhof erstaunt.

»Na, catchen, mein ich, antreffen, Herr Jäses, verstehen Sie denn kein Deutsch mehr?«

»Vortrefflich, lieber Freund«, rief aber Lamberg, dem der Mann Spaß machte. »Wären Sie da wohl so freundlich, uns hinzuführen, wenn Sie Zeit haben? Wenn Sie jetzt noch nicht dort sind, können wir wenigstens warten und vielleicht ein Glas zusammen trinken. Wir sind erst heute nachmittag hier eingetroffen und möchten wenigstens soviel wie möglich von unseren Landsleuten kennenlernen.«

»Nicht die geringste objection«, entgegnete Erbe. Er hielt jede weitere Erklärung für überflüssig, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte langsam die Straße hinauf, ohne sich nach den beiden umzudrehen.

»Das ist ein origineller Kauz«, lachte Lamberg leise, als sie ihm folgten.

»Wenn der Kerl nur nicht so schmierig aussehen würde!« sagte Binderhof.

»Du liebe Güte!« antwortete Lamberg. »Glacéhandschuhe werden die Leute hier in den Minen nicht oft tragen!«

»Wer weiß, ob der nicht sogar welche anhat? Ich habe seine Hände nämlich noch nicht gesehen. Fast glaube ich, er hat sie in den Hosentaschen festgenäht. Der wird uns in eine schöne Kneipe führen!«

Zu weiteren Betrachtungen blieb ihnen keine Zeit, denn Erbe hatte in diesem Augenblick einen Bretterverschlag erreicht, der durch den Vorbau eines blauen Zeltes noch etwas vergrößert war. Am Eingang drehte er sich kurz um, um zu sehen, ob die beiden folgten. Dann verschwand er im Inneren.

Draußen im Freien hatten sie noch einen matten Dämmerschein gehabt. Hier im Inneren brannte aber schon Licht – einzelne Kerzen auf Blechleuchten – die den Raum nur notdürftig erhellen konnten. Für die Umgebung genügte aber die Beleuchtung.

Im Hintergrund stand ein langer, etwa meterhoher Schanktisch mit einer Tafel aus gehobelten Brettern. Bezogen war er mit dem gleichen blauen Stoff, aus dem ein Teil des ganzen Gebäudes hergestellt war. Hinter dem Schanktisch standen auf einem Bretterverschlag eine Anzahl verschiedener Flaschen. Dazwischen fehlte nicht einmal Champagner in einer bleiverschlossenen Flasche. Tische und Bänke waren aus Zedernholz und lagen auf Pfählen, die man in den Boden gerammt hatte – zur Bequemlichkeit der Gäste.

Einige hatten sich auch schon eingefunden, obwohl die Mehrzahl wohl noch beim Essen war und erst später kam. Lamberg und Binderhof staunten nicht schlecht, als sie an einem der Tische in aller Ruhe den Justizrat sitzen sahen. Vor ihm stand eine Flasche Rotwein, und er schien sich so behaglich zu fühlen wie noch nie auf der ganzen Reise. Nur als er Binderhof erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht etwas und verschwand gleich darauf hinter einer undurchdringlichen Dampfwolke, die er von sich blies. Binderhof entging er aber dadurch nicht.

»Donnerwetter, Justizrat!« rief er ihn an. »Auch schon vor Anker gegangen? Ich dachte, Sie wollten Herrn Hufner oben ablösen, der noch immer beim Zelt als Wache steht!«

Diese Bemerkung war überflüssig, er bekam keine Antwort. Nur zu Lamberg wandte sich der Justizrat aus seiner Qualmwolke heraus:

»Famoser Wein – Flasche zweieinhalb Dollar, setzen sich hierher, Lamberg!« Er hatte Angst, daß Binderhof sonst an seine Seite kam. »Sind auch noch ein paar Landsleute hier... sehr gefreut – Donnerwetter, ist ganz hübsch in Kalifornien.«

Lamberg warf einen flüchtigen Blick auf die Flasche. Es fehlte erst etwa ein Glas, der Justizrat war also schon mindestens bei der zweiten. Lamberg wich aber nie einem vergnügten Abend aus. Den ersten Tag in den Minen hielt er für einen guten Grund, die Gelegenheit feierlich zu begehen. Der Justizrat war heute gesprächiger als sonst und stellte ihm noch zwei weitere Deutsche vor, die ebenfalls an dem Tisch saßen.

»Da, Lamberg – noch Landsleute. Herr Fischer aus Hamburg und Herr Korbel aus Meißen. Kollege von mir, der Herr Korbel, hm, hm.« Dabei hustete er kräftig. »Aktuar. Hat sein Gehalt, zwei Taler Federgeld, im Stich gelassen und nach Kalifornien gegangen. Leichtsinniger Mensch der, hm, hm, hm!«

Lamberg schüttelte den beiden zur Begrüßung die Hände. Fischer sah ihm über die Schulter und bemerkte Erbe, dem er zurief:

»Hallo, Doktor, auch da? Na, wie geht's, wo sind Sie denn die letzten Tage gewesen?«

»Umgesehen!« sagte Erbe, ohne auch nur seine Hände zu bewegen. Er hob das rechte Bein über die Bank, zog das linke nach und setzte sich gemütlich dicht neben den Justizrat.

»Doktor?« rief Lamberg erstaunt und nahm jetzt ihm gegenüber neben Fischer Platz. »Sind Sie Arzt?«

»Barbier!« antwortete aber Erbe und warf dabei einen flüchtigen Blick zu der noch fast vollen Flasche seines Nachbars. »Hier in den Minen callen sie mich aber Doktor.«

Der Wirt, ein Elsässer, war an den Tisch getreten, um die Wünsche seiner Gäste aufzunehmen. Der Justizrat musterte dabei etwas mißtrauisch seinen Nachbarn.

»Schönes Land hier, wie?« nahm der Aktuar das Gespräch wieder auf. »Wirklich ein italienisches Klima. Läßt sich alles gut an, der Herr Justizrat wird sich freuen, wenn er erst einmal einen Blick in dieses Leben tut.«

»Na, wissen Sie, Herr Korbel, jeder managt, so gut er eben kann«, sagte da Erbe, nahm eines der auf den Tisch gestellten Gläser und schob es neben die Flasche des Justizrates. »Und sonst können wir immer noch ganz satisfied sein, und ich denke, daß es wohl noch schlechtere gibt.«

Der Justizrat sah seinen Nachbarn immer erstaunter an, und zwar wegen des vorgeschobenen Glases, nicht wegen der fremden Worte. Fischer befreite ihn aber aus der Lage, indem er aus seiner eigenen Flasche Erbe einschenkte. Darauf zog der seine rechte Hand aus der Tasche, trank das Glas in einem Zug leer und schob die Hand dann an die alte Stelle zurück.

»Und wie sieht's hier aus in den Minen? Was zu machen?« sagte jetzt Lamberg, der ebenfalls eine Flasche bestellt hatte und Binderhof einschenkte.

»Wie's kommt«, sagte der Aktuar. »Wenn Sie eine gute Stelle finden, kann es gut gehen, denn es liegt grobes Gold in der Nachbarschaft. Man kann aber auch lange herumgraben und waschen, ehe man was Gescheites findet.«

»Apropos waschen!« sagte der Justizrat, den das Gold noch wenig interessierte. Sie waren ja nun in den Minen, und wenn es hier nicht lag, wo sollte es sonst sein? »Können Sie mir nicht Waschfrau empfehlen? Muß Sachen abgeben!«

»Waschfrau, Herr Justizrat?« lachte Fischer. »Na, warum nicht? Wir haben hier alles, es sieht nur etwas anders aus als bei uns zu Hause. Wenn Sie etwas waschen lassen wollen, dann fragen Sie morgen nach Old Tomlins – in jedem Zelt wird man Ihnen den Weg zeigen. Dort wird alles erledigt.«

»Danke!« sagte der Justizrat und schenkte sein Glas wieder voll, ohne jedoch das seines Nachbarn zu berücksichtigen.

»Aber es gibt doch bestimmt viele hier, die bedeutende Mengen Gold finden!« fuhr Lamberg fort, dem die gleichgültige Antwort über die Minen nicht recht behagte.

»Allerdings«, sagte Fischer. »Die Chinesen, die gleich unter der Flat arbeiten, sollen hervorragende Funde haben. Weiter oben haben auch Mexikaner schönes Gold gefunden. Auch in der Flat sind ein paar gute Plätze, aber Zufall bleibt es immer.«

»Ich will Ihnen etwas sagen«, nahm da Erbe das Wort. Er warf so begehrliche Blicke zu seinem leeren Glas hinüber, daß Lamberg diesmal nicht anders konnte und dem Wink folgte. Er hoffte doch auch, von dem Burschen, der sich wahrscheinlich schon eine ganze Weile in den Minen herumtrieb, etwas Ausführlicheres zu erfahren. Erbe tat, als bemerkte er es gar nicht, trank aber dann das eingeschenkte Glas sofort wieder aus und fuhr dann fort: »Unten in der Gulch, wie man den Bergbach nennt, ist das Gold feiner, aber mehr. Hier oben ist es viel grobkörniger. Und nun können Sie anfangen, wo Sie wollen.«

»So?« sagte Binderhof lachend. »Na, jetzt wissen wir es. Lamberg, das Glas des Doktors ist wieder leer.«

Lamberg tat, als hätte er die Bemerkung nicht gehört. Erbe schien aber den Erfolg nicht abwarten zu wollen. Erst als nichts weiter geschah, setzte er hinzu:

»Ja, und die ganze Golddiggerei kann ich Ihnen auch in wenigen Worten schildern. Sehen Sie, erst suchen Sie sich einen claim und graben ein hole, so tief, bis Sie auf den clay oder auf den ledge kommen. Well, und wenn Sie da sind, dann fangen Sie an zu cradlen. Finden Sie clay und gracel zusammen, um so besser, da steckt gewöhnlich was. Liegt der bloße ledge da, ist es meistens faul. Wo Sie anfangen wollen, ist ganz egal. Die ganze Geschichte ist Glückssache. Morgen früh schultern Sie Ihre Picke und crowbar, Ihren Spaten und eine Pfanne, die cradle können Sie nach dem dinner hinunterbringen, und dann diggen Sie ein, wo Sie gerade eine notion kriegen.«

»Eine was?« fuhr der Justizrat erstaunt auf und sah seinen Nachbarn ganz verwundert an.

»Wo Sie gerade glauben, daß ein passender Platz ist«, ergänzte Fischer, der sich an Erbes Erklärung und den verblüfften Gesichtern der Neueingewanderten ergötzte.

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