Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

»Die Sache ist nicht abgemacht!« rief, trotzig sich emporrichtend, der Wilde. »Er hat das Blut eines meiner Männer vergossen, das Blut eines Greises, der jetzt mit einer schweren Wunde leidet. Ich bin zu dir, dem Alkalden dieses Reviers, gekommen, um die Bestrafung des Weißen zu verlangen, ebenso wie du sicher sein kannst, daß von meinen Leuten die bestraft werden, die sich gegen einen der Fremden vergeben!«

»So?« rief der Richter mit einem boshaften Blick auf den Indianer. »Hast du auch etwa die spitzbübischen Kanaillen bestraft, die mir vor vierzehn Tagen mein Maultier gestohlen haben, he? Habe ich mein Tier etwa wiederbekommen?«

»Es ist von keinem meiner Leute gestohlen worden«, sagte der Indianer ruhig. »Wer weiß, wohin es gelaufen ist oder wer von deinen eigenen Freunden es mitgenommen hat. Ich bin nicht da, um deine Maultiere zu hüten.«

»Und ich nicht deine Frauen!« rief der Major ärgerlich und doch froh dabei, endlich einen Grund für seinen Zorn zu haben. Der Sheriff schien nicht gesonnen zu sein, die Sache so oberflächlich abgemacht zu sehen. Er konnte sich zwar denken, daß von seiten des Majors kaum ein Gerichtsverfahren gegen einen Weißen eingeleitet würde, der noch dazu nur indianische Zeugen gegen sich hatte, aber trotzdem wollte er für sich mehr von der Sache wissen.

»Aber Sie sind gar nicht dabeigewesen, als der Weiße in euer Lager einbrach«, redete er jetzt den jungen Häuptling wieder an. »Sie wissen nicht einmal, ob es ein Amerikaner, Franzose, Mexikaner oder Deutscher gewesen ist, und was nützt da eine Klage?«

»Es war ein Amerikaner«, sagte der Indianer bestimmt.

»Ein Amerikaner?« brummte der Sheriff, noch immer ungläubig.

»Wir erkennen euch Amerikaner aus allen anderen heraus«, rief da Kesos finster. »Er sprach auch englisch und war ein langer, hagerer Mann, das Gesicht eingefallen, die Augen klein und grau. Seine Jacke war bis unter den Hals zugeknöpft, seine blaue Zarape anders, als sie die Mexikaner und Kalifornier tragen.«

»Und wohin ist er geflüchtet?«

»Hier in diesen Ort. Bis hierher, bis in den glattgetretenen Pfad eurer Straße bin ich seinen Spuren Schritt für Schritt gefolgt. Sein Pferd, ein starkes, schweres Tier, hat aus dem Hufeisen des linken Hinterbeines zwei Nägel verloren und schont sein Bein vermutlich wegen des lockeren Eisens.«

»Das geht uns alles nichts an!« rief der Richter ärgerlich dazwischen. »Der Mann hat kein Verbrechen begangen, und da...«

»Allerdings, Major«, sagte aber der Sheriff ernst. »Wenn er in die Zelte der Eingeborenen brach und die Frauen überfiel, einen Mann sogar mit seinem Messer verwundete, so ist das allerdings ein Verbrechen. Sie als Friedensrichter sind jedenfalls verpflichtet, auf eine solche Klage hin eine Jury zusammenzurufen.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich's tue!« sagte der Richter.

»Dann kann der Indianer an das County Court gehen, und Sie werden gezwungen, ihn wenigstens anzuhören.«

»Ach, zum Teufel auch«, rief da der Richter, in die Enge getrieben. »So soll er uns den Burschen herschaffen, der den Alten verwundet hat. Dann wollen wir hören, was der dagegen zu sagen weiß. Wenn diese Rothäute einem Weißen mit ihren verwünschten Glasspitzen an den Pfeilen zu nahe kommen, soll er sich nicht wenigstens mit seinem Messer verteidigen dürfen?«

»Ja, Sheriff, da hat der Major recht!« riefen jetzt auch einige der herbeigeschlenderten Händler. »Den Friedensrichter oder Sheriff möchte ich sehen, der mir verweigern wollte, mich meiner eigenen Haut zu wehren, wenn ich angegriffen werde.«

»Bah, redet nicht solchen Unsinn!« rief Hale ärgerlich. »Davon spricht ja niemand! Soviel ist aber sicher: Wenn uns Kesos, der sich stets als ordentlicher und redlicher Indianer betragen hat, die Person zeigen und angeben kann, die den Frieden seines Lagers gebrochen hat, so haben wir allerdings Gesetze, die ihm zu seinem Recht verhelfen. Das Blut eines Eingeborenen darf nicht ohne wichtigen Grund vergossen werden.«

»Ordentlicher und redlicher Indianer, ja!« brummte einer der Händler. »Anstatt seine Indianer zum Arbeiten anzuhalten, damit sie sich ihr Brot auf nützliche Weise verdienen und nicht hier bettelnd und vagabundierend herumlaufen, jagt er sie fort und schickt sie wieder in die Berge, wie noch vor kaum einer halben Stunde. Einer der Rothäute, die ich in den Wald geschickt habe, um für mich Holz zu holen, kam mit einer Ladung zurück und mußte sie mitten auf der Straße abwerfen, als er dem Herrn da begegnete!«

»Allerdings!« rief der Häuptling trotzig, in seinem schlechten Englisch direkt antwortend. »Aber weshalb? Weil Sie ihm statt Gold oder Brot nur das giftige Feuerwasser geben. Eure Gesetze verbieten euch, einem Indianer Branntwein zu geben, und drohen mit harter Strafe. Aber haltet ihr euch an die Gesetze? Fürchtet ihr, für eine Übertretung jemals bestraft zu werden? Nein, natürlich nicht. Fragt euren Alkalden, ob er das Zeugnis eines Indianers, und wenn ich es selber wäre, annehmen würde, und von euch Bleichgesichtern verrät keiner den anderen, ihr habt doch alle einen Nutzen dabei!«

»Der Kerl hat doch ein echtes Schandmaul!« sagte der Major. »Werft ihn hinaus, Sheriff, wir sind fertig mit ihm und wollen seine Vorwürfe hier nicht länger mit anhören.«

Der Sheriff antwortete nicht auf den Befehl, sondern zündete sich langsam eine Zigarre mit dem auf dem Tisch stehenden Feuerzeug an. Da wurde plötzlich draußen ein wilder, jubelnder Schrei laut.

»Hallo, was ist das?« sagte der Richter erstaunt.

»Das kann ich euch sagen!« rief Kesos mit leuchtendem Blick und eilte zum Zelteingang. »Melangaju hat den Weißen, der uns überfallen hat, unter euren Leuten entdeckt. Einen Namen könnt ihr ihm jetzt selbst geben!« Mit diesen Worten riß er die Zeltleinwand zur Seite und sprang ins Freie.

»Der Kerl hat den Teufel im Leib!« sagte der Major, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren, während der Sheriff mit den anderen rasch dem Indianer folgte.

Draußen auf dem Hügel hatten inzwischen die beiden jungen Mädchen regungslos neben den Pferden ausgeharrt. Ihre Augen fixierten scharf die verschiedenen Gestalten der Fremden, die in ihren Bereich kamen. Die beiden indianischen Jungen plauderten dabei miteinander und zeigten sich hier und da eine mehr oder weniger auffallende Persönlichkeit, über die sie dann lachten. Kam aber derjenige in ihre Nähe oder sogar an ihnen vorbei, so waren sie plötzlich ganz still und ernst und sahen schweigend vor sich nieder – bis er vorüber war. Dann ließen sie sich wieder gehen. Das hinderte sie jedoch nicht daran, mit ihren scharfen Adleraugen umherzuspähen. Nichts in ihrem Gesichtskreis entging ihnen. Besonders scharf beobachteten sie die aus der Flat heimkehrenden Arbeiter, bis ihre Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Mann gelenkt wurde, der auf der Straße vorüberging. Sein Gesicht konnten sie nicht erkennen, denn er hielt es von ihnen abgewandt. Nach ein paar rasch miteinander geflüsterten Worten nahm aber der eine von ihnen die Zügel aller Tiere in die Hand, während der andere wie eine Schlange den Hügel hinunterglitt und dem Fremden folgte. Doch noch ehe er ihn überholte, hatte er sich schon Gewißheit verschafft. Der lange Bursche hörte nämlich die leichten Schritte dicht hinter sich und drehte sich um. Kaum hatte aber der junge Indianer nur einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht geworfen, als er, wie von einem Schlag getroffen, in die Knie einknickte.

Der Lange zog die Brauen finster zusammen und verfolgte, ohne weiter auf den Burschen zu achten, seinen Weg. Der Knabe deutete mit ausgestrecktem Arm auf ihn, und dieses Zeichen wirkte eigenartig auf die Mädchen am Hügel.

›Melangaju‹, ›die Wespe‹, wie sie der junge Häuptling genannt hatte, zuckte empor, raffte ihr langes, rotes Kleid zusammen und war mit einem Sprung bei ihrem Pferd. Kaum hatte der kleine Bursche Zeit, den Zügel loszulassen, so riß sie ihn schon über den Nacken des Tieres, griff mit der linken Hand in die zottige Mähne, schwang sich auf seinen Rücken und flog im nächsten Augenblick schon in toller Hast den Hügel abwärts. Kaum zwei Minuten später hatte sie den breiten Weg erreicht. Die Weißen konnten ihr kaum, lachend und fluchend, schnell genug Platz machen, da hatte sie auch schon den Fremden erreicht, den sie nicht für einen Moment aus den Augen verloren hatte.

Als der die Hufe auf dem harten Weg hörte, drehte er sich um und wollte aus dem Weg springen. In dem Augenblick hatte Melangaju auch schon ihr Pony herumgeworfen, preßte ihm die Hacken in die Flanken und hob es zum Sprung. Es flog über den Weg, dicht vor dem Erschrockenen vorbei. Dabei stieß sie ihren triumphierenden Schrei aus, der den Häuptling alarmieren mußte.

»Hast du ihn, Mädchen?« rief er ihr auch schon von weitem zu, als er nur die Szene erblickte.

»Das ist er!« jauchzte sie ihm zu. »Sieh nur, wie bleich er geworden ist! Das sind die Zeichen meiner Nägel, die ich ihm in die Stirn und die Wange gegraben habe!«

»So nah ist er dir gewesen?« zischte der Indianer zwischen den Zähnen hindurch und warf einen Blick voll tödlichem Haß auf den Amerikaner. »Da, Sheriff, ist das einer Ihrer Landsleute oder nicht?« sagte er dann zu dem Mann, der ihm eilig nachgekommen war. »Ich denke, sein Vaterland steht ihm deutlich genug auf der Stirn.«

»Das wäre eine verdammt schlechte Empfehlung!« brummte der Sheriff leise in den Bart. Es blieb ihm keine Zeit für lange Betrachtungen. Der Gestellte hatte sich von der ersten Überraschung erholt und rief jetzt ziemlich barsch, was das zu bedeuten habe. Gleichzeitig zog er seinen Revolver und sah den Sheriff wie den Indianer trotzig an.

Der Sheriff war nicht der Mann, der sich von einer gezogenen Waffe einschüchtern ließ. Im Gegenteil stimmte ihn das noch eher zugunsten des Indianers ein, an dessen Klage er keinen Augenblick zweifelte.

»Stecken Sie bitte den Revolver wieder ein«, sagte er deshalb ruhig. »Sie haben keinen Überfall zu befürchten, denn ich bin der Sheriff hier.«

»Und was habe ich mit dem Sheriff zu tun?« sagte der Lange, der jedoch der Aufforderung Folge leistete und seine Waffe in eine Seitentasche zurückschob.

»Das werden Sie gleich hören. Wie ist Ihr Name?«

»Smith.«

»Gut, Mr. Smith. Sie halten sich hier im Paradies auf?«

»Wie Sie sehen, ja.«

»Wo schlafen Sie?«

»In Dolkins Zelt.«

»Gut. Der Indianer hier hat eine Klage gegen Sie eingebracht. Sie sollen in sein Lager eingebrochen sein und einen alten Mann seines Stammes mit dem Messer verwundet haben.«

»Der Bursche träumt«, sagte der Lange finster. »Seit ich in Kalifornien bin, habe ich kein Lager dieser braunen Schufte betreten.«

»Du lügst, Weißer!« rief ihm der Häuptling entgegen, und wieder zuckte die Hand des Amerikaners nach der Waffe. Rasch trat der Sheriff zwischen die beiden und sagte ernst:

»Auf offener Straße kann die Sache nicht abgemacht werden. Sie werden sich morgen im Zelt des Majors Ryoth einfinden.«

»Wegen der Aussage eines Indianers?« lachte Smith höhnisch. »Seit wann gelten diese Gesetze in den Vereinigten Staaten?«

»Sie werden sich nicht weigern, sich einer Jury zustellen«, sagte der Sheriff finster.

»Bestimmt nicht«, lachte der Amerikaner, »aber natürlich nur einer Jury von weißen Männern, falls Sie etwa eine andere Absicht hätten.«

»Es ist gut«, erwiderte der Sheriff, ohne auf die höhnische Bemerkung weiter ein Wort zu entgegnen. »Es wird meine Sorge sein, daß Sie morgen um die bestimmte Zeit noch hier an Ort und Stelle sind.«

»Ich werde mich der edlen Gerichtsbarkeit nicht entziehen!« lachte Smith und schritt langsam durch die angesammelte Menge die Straße hinab.

»Lassen sie den Mörder gehen?« rief erstaunt das junge Mädchen dem Häuptling zu.

Der Indianer biß seine Zähne fest aufeinander und drehte sich, um zum Hügel zu gehen, auf dem die Pferde standen.

»Kommt morgen rechtzeitig in die Stadt, Kesos!« rief ihn da der Sheriff an. »Wenn es irgend möglich ist, bringt den Verwundeten mit!«

»Glauben Sie, daß mich Ihr Stock von einem Richter überhaupt hören wird?« fragte der Indianer finster.

»Er kann es nicht verweigern«, erwiderte der Sheriff. »Viel Erfolg kann ich Ihnen allerdings nicht versprechen, auch wenn Sie das Recht auf Ihrer Seite haben. Wenn Sie nur einen Weißen als Zeugen hätten! Aber kommt trotzdem, mir liegt viel daran, daß der rauflustigen, vor nichts zurückschreckenden Menschenklasse wenigstens bewiesen wird, daß das Gesetz die Indianer unter ihren Schutz stellt. Sie müssen dann weniger befürchten, weiter belästigt zu werden.«

»Ich werde kommen!« sagte der Häuptling, ergriff den Zügel des neben ihm reitenden Mädchens und schritt langsam mit ihr zu dem nahen Hügel zurück. Wenige Minuten später sprengte der kleine Trupp wieder in voller Flucht, die Stadt umreitend, den Bergen zu.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.