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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Hände in den Taschen, schlenderten inzwischen einige der Yankee-Storekeeper, der Händler, die Straße hinab, genau dorthin, wo die beiden wilden Mädchen mit den Pferden hielten. Dank ihrer Auffassungsgabe hatten sie auch von der Sprache der Indianer so viel gelernt, daß ›Walle-Walle‹ (Freund-Freund) der Gruß der Indianer war. Dieses ›Walle-Walle‹ war bei ihnen allerdings wenig mehr als der abgebrochene Henkel eines Topfes in ihren Händen, denn jede begonnene Konversation war damit auch wieder abgeschnitten. Nichtsdestotrotz und im Gefühl ihres Wertes als Weiße und Amerikaner, ja als Herren des Landes, gingen die langen, schlaksigen Burschen ziemlich zuversichtlich auf die beiden Schönen zu und brachten ihren Gruß an. Dann blieben sie abwartend vor ihnen stehen.

Die beiden Mädchen hatten sie schon von weitem kommen sehen und beobachtet, ohne ihre Stellung auch nur gering zu verändern. Sie waren abgestiegen und standen dicht beieinander auf einer kleinen Anhöhe, während die beiden Jungen die fünf Pferde hielten. Von hier aus konnten sie das ganze Zeltstädtchen bis zu seiner entferntesten Grenze übersehen. Es war derselbe Hügel, auf dem die Deutschen ihr Zelt errichtet hatten.

»Walle-Walle!« sagten die Yankees und sahen die beiden Mädchen freundlich lächelnd an.

»Walle-Walle!« antworteten sie, aber nur mit dem Mund. Ihre Augen schweiften zu der Stelle, an der der Häuptling jetzt gerade wieder aus dem Zelt des Alkalden trat, um den Sheriff zu suchen und ihn zum Alkalden zu bringen.

»Hm, verdammt nette Mädchen!« meinte einer der Amerikaner zum anderen. »Besonders die Rote, und die braune Haut steht ihr nicht übel. Der Indianerlump hat einen guten Geschmack!«

»Und gleich zwei!« sagte der andere.

Die Mädchen wechselten rasch ein paar Worte, ohne sich dabei anzusehen. Um die Lippen des Mädchens im roten Kleid spielte ein spöttisches Lächeln.

»Wenn man nur ihr verdammtes Kauderwelsch verstehen könnte!« sagte der erste Sprecher wieder. »Die Worte klingen aber alle, als ob sie kurz gehackt und in einem eisernen Mörser gestoßen worden wären. Ich glaube, ich könnt's nicht lernen, und wenn ich zehn Jahre in Kalifornien wäre.«

»Walle-Walle!« versuchte der zweite, das Gespräch noch einmal anzuknüpfen. Wieder verzog ein Lächeln die etwas aufgeworfenen Lippen der Schönen, aber keine erwiderte den erneuten Gruß. Für sie waren die Höflichkeiten erledigt, und sie wollten mit den Fremden weiter nichts zu tun haben.

»Zum Henker, vielleicht verstehen sie Amerikanisch!« rief der erste wieder. »Deutlicher klingt's auf jeden Fall, und ich denke, man müßte es den Worten gleich anhören, was sie meinen. Na, Mädels, wie geht's? Immer munter? Hübschen Spazierritt gemacht, he?« Dabei streckte er die Hand aus, um dem Mädchen im roten Kleid unter das Kinn zu greifen. Aber es blieb bei dem Versuch. Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, warf die Indianerin den langsam ausgestreckten Arm mit ihrer rasch emporgehobenen Hand beiseite. Dabei drückte ihr wirklich schönes Gesicht mehr Verachtung und Ekel als nur bloßen Unwillen aus.

»Nu, nu!« sagte der Yankee etwas bestürzt und wie beschwichtigend. »Ich beiße nicht etwa!« Er drehte sich damit halb der anderen Indianerin zu, als ob er dort den hier verunglückten Versuch erneuern wollte. Der Blick, der ihn hier traf, ermutigte ihn nicht besonders. Er steckte die Hand wieder in die Tasche, drehte sich auf dem Absatz um und sagte zu seinem Gefährten:

»Komm, Bill, hol der Teufel die verdammten Weiber. Sie sind wie die wilden Katzen und so bissig wie roter Pfeffer. Gegen unsere grünen Bergmädchen kommen sie doch nicht an.« Damit schlenderte er wieder langsam, von dem anderen gefolgt, in die Stadt zurück.

Hufner hatte vom Zelt aus, wo er als Posten zurückgelassen worden war, das rege Leben in dem vor ihm liegenden Städtchen beobachtet. Auch die Indianermädchen entgingen ihm nicht, die hier dicht vor seiner Behausung auf jemand zu warten schienen. Einerseits wurde ihm die Zeit schon entsetzlich lang, und dann hielt er es aber auch für erforderlich, den braunen Damen wenigstens guten Tag zu sagen. Als die Amerikaner fort waren, kam er langsam aus seinem Zelt heraus. Er ging aber aus angeborener Schüchternheit nicht gerade auf die Mädchen zu, sondern tat so, als wollte er an ihnen vorüber. Sie konnten ja auch nicht wissen, daß er von seinem Zelt gar nicht fort durfte. Erst als er dicht vor ihnen war, zog er höflich seinen Hut und sagte auf englisch, denn den indianischen Gruß kannte er gar nicht:

»Good evening, Ladies!«

Die beiden Mädchen hatten einen flüchtigen Blick auf ihn geworfen und betrachteten ihn dabei nicht anders als die eben abgewiesenen, zudringlichen Amerikaner. Bei dem für sie aber merkwürdigen Gruß erhellte ein leichtes Lächeln ihre Züge, und sie drehten einander den Kopf zu, öffneten jedoch nicht die Lippen und wandten sich im nächsten Moment wieder ruhig ab.

»Hm, die haben dich nicht verstanden«, dachte Hufner und wurde bis hinter die Ohren rot. Eine weitere Annäherung wagte er aber nicht, nahm jedoch sein Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn ab, als ob er nur deshalb den Hut gezogen habe, setzte ihn wieder auf und ging in einem weiten Bogen zu seinem Zelt zurück, in dem er gleich darauf verschwand.

Unten vor dem Zelt des Alkalden versammelte sich inzwischen eine größere Menge, darunter viele Amerikaner. Der Sheriff hatte einigen mitgeteilt, daß ihnen der junge Häuptling etwas anzuzeigen hatte. Manche der Händler kamen näher, um zuzuhören. Hier und da kehrten auch schon Goldwäscher aus der Flat oder der Nachbarschaft zurück und wollten sehen, was da vorging. Ein Dolmetscher war ebenfalls bald gefunden. Es war ein Deutscher, der lange in Chile gelebt hatte. Er sprach Spanisch fast ebenso perfekt wie Englisch. Er kannte außerdem den jungen Häuptling. Kaum hatte ihn Kesos gesehen, bot er ihm freundlich die Hand und schüttelte sie derb. Dabei sagte er:

»Das ist gut, daß ich dich finde, Compañero. Komm mit hinein, du sollst mir Recht verschaffen bei den Amerikanern.«

»Hast du Gold?« erkundigte sich der Deutsche lächelnd.

»Gold?« rief der junge Häuptling entrüstet. »Brauche ich Gold, wenn ich Gerechtigkeit verlange? Nimmt Kesos Gold von denen, denen er sie gibt?«

Der Deutsche zuckte mit den Achseln und schob die Spitzen seiner beiden Hände in den Gürtel.

»Der alte Major da drin«, sagte er dabei, »will aber gewöhnlich erst den blanken Stoff sehen, ehe er den Mund auftut, und nachher möchte man ihn lieber gleich noch einmal bezahlen, damit er nur wieder ruhig wird.«

»Aber der Sheriff...«

»Ist ein Ehrenmann, das muß man ihm lassen«, sagte der Dolmetscher. »Vor dem fürchtet sich auch unser Alter da drin. Wenn der ihm nicht manchmal den Daumen aufs Auge hielte, wäre bald der Teufel los. Na, komm, wir wollen sehen, was zu machen ist. Hat unser beschäftigter Alkalde heute nachmittag ordentlich ausgeschlafen, so ist er vielleicht auch guter Laune und tut einmal sein Bestes.«

Der Sheriff, ein Amerikaner natürlich, und zugleich der Fleischer des Ortes, hieß Hale. Er war inzwischen in das Zelt des Alkalden getreten und fand hier den Major in keineswegs so guter Laune, wie der Deutsche gehofft hatte.

»Da ist dieser rotfellige Landstreicher wieder, und so geschäftig wie eine Biene!« rief er dem Sheriff entgegen. »Wahrscheinlich wieder mit einer Klage gegen einen Weißen, als ob sich die Lumpen überhaupt zu beklagen hätten. Gottes Erbarmen ist es allein, daß wir sie noch am Leben lassen, die roten diebischen Schufte, die das Maultier eines Menschen nicht sehen können, ohne es zu stehlen!«

Dem Richter war nämlich vor etwa vierzehn Tagen ein Maultier abhanden gekommen.

»Ich glaube, wir stehlen ihnen mehr als sie uns, Major«, sagte der Sheriff trocken. »Es hilft auch nichts, sie müssen die Klage annehmen, denn unsere Gesetze sind da ziemlich klar: Klagen können vor einem Friedensrichter durch Weiße oder Indianer vorgebracht werden.«

»Auf keinen Fall aber«, rief der Friedensrichter, »soll ein weißer Mann irgendeines Vergehens auf die Aussage eines Indianers hin überführt werden können! Nun machen Sie mal was! Ich werde auch den Teufel tun, mir wegen einer solchen Rothaut hier unsere Goldwäscher auf den Hals zu ziehen. Kann mich der Staat schützen, wenn sie mir einmal über kurz oder lang eine Kugel durch den Kopf schießen?«Das Gesetz, Abschnitt VI, lautet wörtlich: »Klagen können vor einem Friedensrichter durch Weiße oder Indianer vorgebracht werden, in keinem Fall aber soll ein weißer Mann irgendeines Vergehens auf das Zeugnis eines oder mehrerer Indianer überwiesen werden können. In allen solchen Fällen soll es der Diskretion des Richters und der Jury überlassen bleiben, nachdem sie die Klage eines Indianers angehört haben.« Abschnitt XII: »In allen Fällen zwischen Weißen und Indianern können beide Parteien eine Jury beanspruchen.«

»Pah«, sagte der Sheriff verächtlich. »Soviel Gewalt haben wir auch noch, um das übermütige Gesindel im Zaum zu halten. Hören müssen Sie den Burschen jedenfalls. Wer weiß denn, was er hat und was vorgefallen ist.«

»Meinetwegen«, brummte der Richter verdrießlich. »Anhören kann man's, aber einlassen werde ich mich nicht weiter mit dem braunen Lump. Er ist mit allem unzufrieden und hetzt sein Gesindel mit jedem Tag mehr gegen uns auf. Wie lange wird's dauern, daß uns die Kerle sogar hier überfallen und zu plündern anfangen? Unverschämt genug sind sie jedenfalls dazu. Rufen Sie ihn herein, aber da ist er ja schon selbst. Dieses Volk läßt sich nicht lange bitten.«

Noch während der Richter sprach, betrat der junge Häuptling das Zelt. Der Deutsche folgte ihm. Ungeniert kamen auch sechs oder acht der Nachbarn herein, die wissen wollten, um was es sich handelte. Der Richter nahm verdrießlich an einem Tisch Platz, der Sheriff stellte sich neben ihn. Dann wurde, wie üblich, der Dolmetscher vereidigt, und der Major rief:

»Im Namen des Teufels, fangt endlich an. Was ist wieder vorgefallen, und wo brennt's? Wieder einmal wahrscheinlich eine Dummheit, die einer von euch gemacht hat und die jetzt ein Weißer ausbaden soll. Was habt ihr überhaupt hier in der Nachbarschaft zu tun? Macht, daß ihr weiter hinauf in die Berge kommt, dort stört euch niemand, und dort kommt auch keiner von uns hin, und Wild ist da ebenfalls genug. Hier seid ihr uns doch nur überall im Wege!«

Der Indianer hatte die englische Anrede wohl verstanden, denn sein Auge blitzte, und als der Dolmetscher Fischer sie ihm lachend übersetzen wollte, winkte er mit der Hand ab.

»Ich könnte dir darauf antworten, Richter«, sagte er dabei in seinem gebrochenen Englisch. »Aber wenn du noch etwas Schamgefühl in deinem Herzen hättest, würdest du mich, den Häuptling der eigentlichen Herren dieses Landes, nicht fragen, was wir hier zu tun haben. Wer hat euch gerufen? Aber genug davon«, setzte er hinzu und streckte die Hand wie zur Abwehr vor, als der Richter einen roten Kopf bekam und etwas erwidern wollte. »Nicht darüber wollten wir sprechen. So höre, was ich dir zu sagen habe.«

»Hol's der Teufel, Sheriff«, rief aber der Major. »Wenn mir der Kerl noch einmal solche Sachen ins Gesicht sagt, lasse ich ihn aus der Court werfen!«

Statt einer Antwort schüttelte der Sheriff nur ungeduldig mit dem Kopf und nickte dem Häuptling zu.

In der spanischen Sprache, die ihm völlig geläufig war und in der er sich deutlicher und verständlicher ausdrücken konnte, begann der Häuptling jetzt: »Gestern abend ist ein Weißer in unser Lager gekommen, während die jungen Leute auf der Jagd waren, und hat gegen die Weisung eines alten Mannes, der ihn fortschickte, die Frauen im Lager geärgert und beleidigt. Sogar an meine Hütte wagte er sich heran, deren innerer Raum geheiligt ist, überfiel meine Frauen und mußte von ihnen mit Gewalt vertrieben werden.«

»Was sagt er?« erkundigte sich der Richter, der jetzt neugierig wurde. Als ihm aber Fischer die Worte übersetzte, schüttelte er ärgerlich mit dem Kopf und rief:

»Unsinn! Das fehlte auch noch, daß wir uns mit solchen Lappalien befassen sollen! Was geht mich das an? Ich soll jetzt wohl auch noch die indianischen Weiber hüten?«

»Halt!« rief aber der Häuptling und streckte stolz die Hand gegen ihn aus. »Die hüten sich selber, und sind wir in der Nähe, so tun es unsere Arme. Leider«, setzte er dann in spanischer Sprache hinzu, »kam ich zu spät zurück. Als der weiße Schurke sah, daß ihn die Frauen mit Verachtung zurückwiesen, schlug er einen alten Mann zu Boden, der ihnen helfen wollte. Einen anderen verwundete er mit dem Messer und floh erst, als er fürchten mußte, daß der gellende Schrei der Frau einen der jungen Leute herbeirufen würde. Sein Pferd hatte er in der Nähe angebunden, ein ihm nachgeschossener Pfeil erreichte ihn nicht mehr.«

»So?« sagte der Richter, als ihm die Anklage übersetzt war. »Das ist nicht übel. Ihr schießt mit Pfeilen nach einem Weißen und verlangt dann am Ende auch noch, daß wir ihn dafür bestrafen sollen?«

»Lieber Freund«, ergriff da der Sheriff das Wort, ohne sich weiter um seinen Vorgesetzten zu kümmern, »das ist alles schön und gut, ich denke auch, ihr hattet das Recht, die zu vertreiben, die euch überfallen wollten...«

»Aber nicht mit Pfeilen nach ihnen zu schießen«, unterbrach ihn heftig der Major.

»Und warum nicht?« sagte der Sheriff ruhig. »Wenn der Bursche sein Messer gezogen und einen der Leute verwundet hat, so muß er auch damit rechnen, daß eine andere Waffe gegen ihn verwendet wird. Sie haben ja weiter keine Wehr als ihre schwachen Bogen und Pfeile. Davon abgesehen – kennen Sie den Namen des Schuldigen?«

»Was geht uns der Name an?« unterbrach ihn erneut der Richter, der sich jetzt über den Sheriff ärgerte. »Ich will seinen Namen gar nicht wissen, denn er hat Narrenstreiche gemacht! Ein Holzkopf, sich mit den Braunfellen einzulassen, dafür haben sie auf ihn geschossen, und die Sache ist abgemacht!«

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