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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10. Der indianische Häuptling

Es mochte etwa fünf Uhr nachmittags sein, als die neu eingetroffenen Deutschen ihre wichtigsten Vorbereitungen beendet hatten. Die Goldwäscher waren alle wieder bei ihrer Beschäftigung, teilweise in der Flat selbst, teilweise an den einzelnen kleinen Bächen. Das ›Paradies‹ lag ziemlich still und öde mit seinen weißen Leinwandwänden im heißen Sonnenschein.

Die Hauptstraße war völlig menschenleer, abgesehen von einem Indianer. Er war mit einem zerlumpten Hemd bekleidet und kam mit einer Holzladung auf dein Rücken gerade aus dem Wald, um es in ein Speisezelt zu bringen. Die Weißen gaben ihm dann ein Stück Brot und, die Hauptsache, einen Schluck Branntwein dafür. Um seine Gesundheit damit zu zerstören, strengte der rote Sohn der Berge vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben seinen Körper an. Da klapperten rasche Hufe auf der harten Straße, die von den Bergen herunterführte. Der ungewohnte Laut veranlaßte selbst einige der faulen Händler, die Köpfe aus dem Zelt herauszustrecken, nur um zu sehen, wer wohl kam. Diesmal bereuten sie ihre Neugier nicht, denn der Anblick lohnte die kleine Mühe.

Fünf nicht sehr große, aber kräftige braune Ponys kamen in vollem Galopp den Weg entlang. Auf den sattellosen Rücken der Tiere hingen Indianer. Der Führer des Trupps war ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mann. Er war ganz europäisch gekleidet, was sehr selten war. Er trug helle Hosen, eine kurze, mit vielen Knöpfen besetzte Jacke und einen Strohhut. Darunter flatterte lustig sein langes, rabenschwarzes Haar. Schuhe trug er jedoch nicht. Über der linken Schulter hing eine lange, einläufige Schrotflinte, und in einem roten, seidenen, chinesischen Gürtel steckte ein langes spanisches Messer.

Die kalifornischen Indianer reiten eigentlich nie und haben auch keine Pferde. Der Mann ritt aber wie mit seinem Tier verwachsen und lenkte es mehr durch den Druck seiner Schenkel als mit dem leichten Zaumzeug. Er hatte auch nichts von dem scheuen, verschlossenen Wesen an sich, das sonst bei dieser Rasse wegen der Übergriffe der mächtigen Weißen zu finden ist. Wie er da so leicht und trotzig auf seinem weit ausgreifenden Renner saß, nickte er sogar hier und da in eines der Zelte zu einem bekannten Gesicht hinüber. Aber kein freundliches Lächeln huschte über sein ernstes Gesicht, das strenge, aber doch edle und schöne Zöge aufwies. Der junge und mächtige Indianerhäuptling Kesos, der große Gewalt über alle benachbarten Stämme der Berge hatte, war den Händlern hier schon bekannt. Wo ein Streit geschlichtet werden mußte oder gestohlene Waren gesucht wurden, wandte man sich an ihn. Sie konnten sicher sein, daß er ihnen zu ihrem Recht verhalf. Das größte Interesse galt jedoch eben den beiden Reiterinnen, die ihm folgten. Es war ein faszinierendes Bild, wie diese beiden wilden Mädchen auf den schnaubenden Pferden vorüberjagten.

Die Kleidung der Wildnis, einen Schurz aus gegerbter Hirschhaut, mit Stroh umflochten und Fruchtschalen verziert, hatten sie abgelegt. Dafür trugen sie die buntfarbigen Stoffe der Weißen als lange, bis auf den Knöchel reichende Kleider. Es waren sehr schöne Mädchen, ihre großen, dunklen Augen bei dem wilden Ritt blitzend und funkelnd. Die vollen, schwarzen Haare wurden nur von einem roten Perlmuttschmuck zusammengehalten und flatterten dadurch im Wind. Die üppige Figur der einen wurde von einem weiten, brennend roten Kleid umschlossen, das am Hals eng anlag und in der Taille durch eine gleichfarbige chinesische Schärpe zusammengehalten wurde. Ein schwefelgelbes Kleid mit roter Schärpe trug die andere. Hals, Arme und Füße der beiden waren unbedeckt. Sie ritten wie die Männer ebenfalls ohne Sattel, und ihre leichten Kleider flatterten so bei dem schnellen Ritt, daß ihre schönen Beine ständig zu sehen waren.

Hinter ihnen, auf nur mittelmäßigen Ponys, die ihren niedrigen Rang deutlich zeigten, ritten zwei indianische Jungen, vielleicht vierzehn bis sechzehn Jahre alt. Auch sie hatten den Versuch gemacht, sich europäisch zu bekleiden. Sie hatten Jacke und Hose – aber geteilt. Der mit der Hose hatte einen freien Oberkörper, der mit der Jacke trug einen Lederlendenschurz. Sie waren wohl die Diener oder Reitknechte des Häuptlings.

Im gestreckten Galopp sprengte der junge Häuptling die Straße herunter und überholte jetzt den Indianer, der das Holz trug. Sein schwankender Gang unter der leichten Last verriet deutlich, welchen Lohn er für seine Arbeit immer erhielt. Im Nu riß er sein Pferd zur Seite, das sich auf den Hinterbeinen herumwarf. Während die beiden Mädchen rechts und links auswichen, zügelte der junge Häuptling sein schnaubendes, dampfendes Tier und sah finster auf den erschrockenen Stammesgenossen.

»Kesos! Capitano!« stammelte der Holzträger erschrocken und sah scheu zur Seite, als ob er schnell flüchten wollte.

»Schämst du dich nicht?« sagte Kesos mit leiser, unwillig gedämpfter Stimme. »Schämst du dich nicht, Tibuka? Du trinkst das Gift der Bleichgesichter, du Krieger der Cayota trägst den Fremden Holz zum Feuer? Soll ich dir Weiberkleider schicken?«

Der Indianer stammelte einige entschuldigende Worte vor sich hin, aber der junge Häuptling erwiderte keine Silbe darauf. Er sah ihn nur verächtlich an. Der Holzträger sah nicht zu ihm auf, aber er fühlte trotzdem den Blick und senkte den Kopf tiefer.

»Soll ich dir einen Weiberrock schicken?« flüsterte der Häuptling noch einmal. Der Indianer war nicht mehr imstande, den Hohn zu ertragen. Er warf seine Holzlast mitten auf die Straße und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, die Straße hinauf, wieder in die Berge.

Ein verächtliches, aber bitteres Lächeln zuckte für einen Augenblick um die Lippen des jungen Reiters. Er drehte aber nicht den Kopf nach dem Flüchtling um. Er warf sein Pferd wieder herum und setzte seinen Weg so schnell wie vorher fort. Die beiden Reiterinnen lenkten zur Seite und flogen mit ihren munteren Tieren über den Holzhaufen. Gleich darauf stieß der kleine Trupp noch auf ein Hindernis. Es bestand in der Person des deutschen, plötzlich nach Kalifornien versetzten Justizrates. Er hatte mit seiner langen Pfeife und einer kleinen grauen Mütze eben seinen Spaziergang angetreten, um die ›Stadt‹ etwas in Augenschein zu nehmen. Der Justizrat hörte zwar die galoppierenden Pferde, hatte aber soviel damit zu tun, in die rechts und links liegenden Zelte zu sehen, daß er nicht weiter darauf achtete. Jetzt flog Kesos so dicht an ihm vorüber, daß er ihm mit der Spitze des rechten Fußes den Ärmel streifte. Im Nu prallte er zur Seite, um aber dem Mädchen mit dem feuerroten Kleid in den Weg zu springen. Hätte sie nicht so rasch ihr Tier herübergerissen, so wäre der Mann gleich bei seinem Mineneintritt über den Haufen geritten worden. So kam er mit dem Schreck davon. Die beiden nachfolgenden Burschen hatten Zeit genug gehabt, um ihm auszuweichen. In der nächsten Sekunde waren sie schon vorbeigebraust.

»Donnerwetter!« sagte der Justizrat und hob die heruntergefallene Mütze auf. »Auch eine Art? Schwarze Heiden – Lumpenpack!« Ohne sich weiter um die Indianer zu kümmern, setzte er damit seinen Weg fort.

Der Häuptling zügelte sein Pferd vor dem Zelt des Alkalden unter der matt wehenden amerikanischen Flagge. Er sprang herunter und übergab den Zügel einem der rasch abspringenden Jungen. Den Mädchen rief er ein paar Worte zu. Sie nickten und ritten dann langsam weiter, bis sie die Stadt hinter sich und eine kleine Anhöhe zwischen verstreuten Zelten erreicht hatten. Dort hielten sie, um die weiteren Befehle ihres Herrn abzuwarten.

»Buenos Dias!« grüßte inzwischen der junge Häuptling. Er hatte ohne weiteres den Zelteingang zurückgeschlagen und war eingetreten. Der Alkalde lag gerade in einer etwas verlängerten Siesta auf seinem Bett in der Ecke des Zeltes ausgestreckt und fuhr überrascht von seinem Lager auf. Als er aber den Häuptling erkannte, blieb er auf dem Rand seines Lagers sitzen, streckte sich etwas und erwiderte dann freundlich nickend:

»Buenos Dias, Kesos!« Damit hatte er aber auch schon fast seinen ganzen Vorrat spanischer Wörter erschöpft und setzte ohne Umschweife auf englisch hinzu: »Was willst du?«

»Mit dir sprechen, Richter!« erwiderte der Indianer in gebrochenem, aber verständlichem Englisch. »Aber nicht in deiner Sprache, die schwer und ängstlich auf meiner Zunge liegt. Laß deinen Dolmetscher holen, denn ich habe dir viel zu sagen.«

»Hm«, brummte der sogenannte Alkalde, ein kleiner, ziemlich fetter Amerikaner. Er wurde von seinen Landsleuten – Gott weiß warum – Major genannt. »Viel zu sagen? Wäre mir nicht gerade angenehm, denn ich habe mehr zu tun, als deine indianischen Scherereien anzuhören. Was hast du wieder?«

»Wo ist Sheriff ?« erkundigte sich der Häuptling, ohne die Frage zu beantworten.

»Wo ist Sheriff?« wiederholte der Alkalde ärgerlich. »Ja, wo ist Sheriff – was geht mich Sheriff an? Sheriff wird schlafen oder Gold waschen oder spazierengehen oder sonstwas tun, was ihm gefällt. Muß ich mich um den Sheriff kümmern oder er sich um mich?«

»Hol ihn!« sagte lakonisch der Indianer.

»Hol ihn?« rief jetzt der Friedensrichter erstaunt über den Ton. »Das ist nicht schlecht, hol ihn! Als ob ich sein Stiefelputzer bin! Hol ihn selbst, wenn du was von ihm willst, ich brauche ihn nicht.«

»Gut!« sagte Kesos, drehte sich herum und verließ ohne Gruß das Zelt, um den Sheriff, den er kannte, selbst aufzusuchen.

Major Ryoth blieb in einer unbehaglichen Stimmung zurück. Wenn er irgend etwas auf der Welt haßte, so waren das Geschäfte, mit denen ihn der Sheriff ohnehin schon genug plagte. Außerdem kannte er den Einfluß, den der indianische Oberhäuptling auf die verschiedenen Stämme ausübte. Er wußte, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein mußte, sonst hätte er keinen Dolmetscher verlangt, um seine Verhandlung zu führen. Und war von den Indianern jemals Geld für ihre Klagen zu bekommen? Nicht einen Krümel! Ja, wenn es ein Landsmann oder ein Fremder gewesen wäre, der den Schutz der amerikanischen Gesetze verlangt hätte! Dann konnte er gut zwei bis drei Unzen oder mehr fordern und tunkte keine Feder ein, ehe er nicht das Gold sicher hatte. Aber mit den Indianern war das eine sehr unerquickliche Sache, die selten oder nie etwas einbrachte. Und doch mußte sie erledigt werden, wenn er nicht von dem Alkalden des Distriktscourts zur Rechenschaft gezogen werden wollte.

Einige Bewohner des Städtchens hatten sich inzwischen vor dem Zelt eingefunden, um den seltenen Besuch anzustaunen. Der Häuptling war überall als ein weit über seine Verhältnisse gebildeter, eigentlich schon halbzivilisierter Indianer bekannt. Die benachbarten Stämme sahen mit fast abgöttischer Verehrung zu ihm auf und erfüllten seine Befehle ohne Widerrede. So zog er, während er eigentlich bei den Calaveres-Indianern sein Hauptquartier hatte, von Stamm zu Stamm, um ihre Streitigkeiten zu schlichten und ihre Beschwerden zu hören. Leider gab es in dieser Zeit mehr als genug davon. Waren nicht die Bleichgesichter in ihr Land eingefallen wie ein Strom, der alle Dämme bricht, um gierig nach dem gelben Metall zu suchen? Hatten sie nicht ihre Eichenhaine gefällt, ihre Fischereien zerstört, ihr Wild getötet oder vertrieben, und waren sie nicht selbst aus ihren Jagdrevieren wie die Tiere des Waldes verjagt worden? Wo sie zusammentrafen, erlaubten sich die weißen Eindringlinge Übergriffe. Die geringste Vergeltung, die sie übten, zog die Rache von Tausenden über diese sonst so harmlosen Söhne der Wildnis herauf. Weiter und weiter wurden sie zurückgedrängt, höher und höher hinauf, nicht nur in den tiefen Schnee der Gebirge, sondern auch in Gebiete feindlicher Stämme. Und noch immer steckten die Bleichgesichter keine Grenzen, immer noch mehr Land beanspruchten sie als ihr Recht und Eigentum. Wie sollte das enden? Wo sollte endlich die Grenze zwischen dem roten und dem weißen Mann gezogen werden?

Die Mehrzahl der Indianer kannte allerdings nicht die Tragweite dieses Überfalles, den sie nur für vorübergehend hielten. Sie wußten, die Weißen waren herübergekommen, um nach dem gelben Metall zu suchen, und dachten, sie würden wieder gehen, wenn sie alles ausgegraben hätten. Kesos sah weiter. Er war schon selbst in San Francisco gewesen, hatte die Schiffe gesehen, die dort mit Häusern und Werkzeugen einliefen, und erkannte bald zu seinem Schreck, daß dieser Einbruch der verhaßten Fremden mehr als nur ein vorübergehender Besuch war. Überall zäunten sie schon große Stücke Land ein und ackerten es um. Auf den Missionen hatte er gelernt, was das bedeutete: Saat hatten sie dort in die Erde getan, von der sie später ernten wollten. Die Häuser, die sie bauten, sahen für den Wilden nicht danach aus, als ob sie nur für den milden Winter einer einzigen Jahreszeit errichtet wurden. Als die Missionare herüberkamen und ihre Missionsgebäude aufgestellt hatten, dachten sie nicht daran, das Land wieder zu verlassen. Sie wollten auch nur mehr und immer mehr Boden gewinnen. Diese neuen Ankommenden würden es nicht anders machen. Er hatte auch die furchtbare Zahl der Fremden gesehen. Er kannte die Gewalt ihrer Feuerwaffen und wußte, welches Übergewicht sie ihnen über seine armen, nackten und nur mit schwachen Bogen und Pfeilen bewaffneten Landsleute geben mußte. Er fühlte das Verzweifelte ihres Kampfes, ihres Widerstandes gegen diesen Koloß, und sein Herz blutete. Aber er war auch entschlossen, ihnen Schritt für Schritt streitig zu machen. Er war entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Eine Hoffnung blieb ihm dabei: daß die Weißen untereinander nicht einig waren.

Er hatte genug von fremden Sprachen bei seinem häufigen Besuch der katholischen Missionare gelernt, um einen Unterschied zwischen Amerikanos, Mexikanern und Franzosen zu machen. Es konnte ihm dabei nicht entgehen, daß die in Masse einströmenden Abkommen der spanischen Rasse eher mit den Franzosen und anderen Fremden zusammenhielten, den Amerikanern aber bitter feind waren. Hatten die ihnen doch auch den ihnen sonst gehörenden Küstenstrich mit Waffengewalt geraubt! Mit der Hilfe der einen Gruppe hoffte er die andere zu besiegen. – Armer Indianer, du hattest deine Hoffnung auf einen schwachen und morschen Anker, auf eine feige, entnervte Nation gestützt und kanntest die allmächtige Gewalt des Goldes nicht! Was half es dir, wenn sich selbst die Mexikaner ermannt und den Amerikanern Widerstand geboten hätten – etwas, wozu sie nicht einmal den Mut und die Kraft besaßen, als es galt, ihren eigenen Herd gegen den einbrechenden Feind zu verteidigen. – Die Berge, in denen deine Heimat lag, waren goldhaltig, und wer auch immer Sieger geblieben wäre – für dich und deine Leute waren und blieben sie für immer verloren.

Aber Kesos, trotz seines jugendlichen Alters in den höchsten Hang erhoben, den ein Kind seines Stammes erreichen konnte, sah die Zukunft noch nicht so schwarz und düster vor sich liegen. Er wollte nicht glauben, was ihn selbst manchmal wie eine Ahnung in trüben Stunden beschlich. Die Hoffnung, dieses Kind des Himmels, für uns arme Sterbliche ein Trost, hielt ihn aufrecht.

Solange der Mensch noch hofft, lebt er auch – nehmt ihm die letzte Hoffnung, und er wird, er muß zum Selbstmörder werden.

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