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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vor dem Wagen hielt ein Mann mit einer schwerbeladenen Eselin. Er wollte offensichtlich ebenfalls in die Minen. An das Tier schmiegte sich ständig ein wenige Wochen altes Eselchen an, so daß es nicht sehr rasch von der Stelle kam. Die alte Eselin hatte wohl auch zu viel aufgepackt bekommen, und das Gehen fiel ihr schwer, während ihr Herr ständig mit einem dicken Stock auf sie einschlug. Der Wagen konnte jetzt eben vorüberfahren, und die Eselin ging ein paar Schritte nach vorn, aber das Junge drängte sich wieder vor sie, und erneut blieben alle stehen.

Der Mann war jedenfalls ein Deutscher. Er trug lange Wasserstiefel, eine Mütze und über der Schulter ein einläufiges Jagdgewehr an einem Riemen. Er stieß ständig fürchterliche Flüche aus, weil er das Tier nicht von der Stelle brachte. Dabei trat er das arme Füllen so mit seinen schweren Stiefeln in die Seite, daß es stürzte.

»Na, das ist grausam!« brummte der Justizrat, der jetzt gerade neben dem fremden Landsmann war. »Donnerwetter, Tierquälerei!«

»Donnerwetter!« fluchte aber, dadurch gereizt, auch der Eseltreiber. »Das ist mein Vieh, und mit meinem Vieh kann ich machen, was ich will. Das Biest hat mich lange genug aufgehalten, und ich habe es satt.«

Mit diesen Worten warf er seinen Stock hin und riß die Büchse von der Schulter. Ehe einer der Leute ahnte, was er vorhatte, erschoß er das kleine Eselfüllen, das eben wieder aufgestanden war und bei der Mutter Schutz suchte. Dann griff er seinen Stock auf, und hieb unbarmherzig auf die Eselin ein, um sie von dem toten Jungen wegzutreiben. Das Tier leckte das Füllen und stieß es mit der Schnauze an.

Die Tat war zu roh, um nicht die gerechte Entrüstung aller Zeugen hervorzurufen. Der Wagen hielt, und besonders der Justizrat war so außer sich, daß er selbst die Pfeife ausgehen ließ.

»Kümmert euch um euch selbst!« schrie aber der Deutsche. »Das Tier ist mein Eigentum, und ich kann damit machen, was ich will. Wenn ich zu spät in die Minen komme, gibt mir keiner von euch etwas dazu!«

»Was sagt er?« erkundigte sich der Wagenführer, ein baumlanger Mann aus Tennessee. Er musterte dabei den Mann von oben bis unten mit nicht gerade freundlichem Blick.

Hufner, der etwas Englisch mit sehr gezwungenem Dialekt sprach, übersetzte dem Langen die Worte. Kaum war er damit fertig, als der seine Peitsche ergriff und ausrief: »So, mein Lieber, das Eselfüllen gehört dir, und du kannst damit machen, was du willst? Sieh dir mal die Peitsche an; die gehört mir, und ich, habe die gleichen Grundsätze!« Dabei hieb er dem frechen Burschen aus voller Kraft eine Anzahl Streiche über Kopf und Schultern.

Der Deutsche faßte in blinder Wut nach seiner abgeschossenen Büchse und riß dann sein Messer aus der Tasche. »Bravo, bravo!« schrien die Amerikaner und seine Landsleute, die sich ihm alle drohend entgegenstellten. Gegen die Übermacht konnte er nichts ausrichten. Der Justizrat zählte inzwischen mit großer Genugtuung die verabreichten wohlverdienten Hiebe.

»Hm«, sagte er dann, als der Amerikaner aufhörte und wieder ruhig zu seinem Wagen ging. »Neun! Hätte fünfundzwanzig verdient! Pft! Lumpenkerl!«

Der Deutsche fluchte und schimpfte und schwur, er wolle den Fuhrmann über den Haufen schießen wie einen tollen Hund, sobald er wieder geladen hätte. Aber es kümmerte sich niemand um ihn, und als er allein war, durfte er ungestraft seine Wut an der armen Eselin auslassen.

Dieses kleine Intermezzo lenkte die Aufmerksamkeit der Reisenden für kurze Zeit von den Goldwäschern ab. Mit Entrüstung sprachen sie über die Brutalität des rohen Menschen. Die ›Passagiere‹ holten dabei ihre verschiedenen Flaschen heraus und tranken dem Fuhrmann zu, der dem Kerl doch mit seinen Peitschenhieben gezeigt hatte, wie sie über sein Verhalten dachten. Bald nahm aber wieder der Weg ihre Aufmerksamkeit in Anspruch, denn er führte einige Male hin und herüber durch den überall von Löchern durchwühlten Bergbach. An einigen Stellen wurde er so schmal, daß sich die Räder gerade noch so in der ausgefahrenen Spur halten konnten. Sie befanden sich jetzt auch an der Stelle, wo sich das Wasser des früheren Bergsees seine Bahn ins Freie und in das enge Tal gewaschen hatte. Hier vorüber, und alle Schwierigkeiten waren beseitigt.

Der Fuhrmann konnte übrigens hervorragend mit seinen vier Ochsen umgehen. Mit Wort und Peitsche dirigierte er sie genau auf die Fahrgleise, wie er sie haben wollte. Wenn die Eigentümer auch manchmal ängstlich ihr Gepäck auf dem Wagen musterten, so rollte der doch auch am äußersten Rand unter wegbröckelnden Wänden noch sicher dahin. Der Mann war aber auch mit diesem Wagen, allerdings mit anderen Tieren, über die Felsengebirge gekommen und dort an schlimmere Wege gewöhnt worden. Hier sah er weiter keine Gefahr als das mögliche Umwerfen der Fracht, an der er weiter kein Interesse hatte. Oben in den Bergen hing oft sein Leben und das der Tiere an einem einzigen falschen Schritt, an dem Rollen eines Steines.

Jetzt erreichten sie den oberen Paß, und dicht vor ihnen ausgebreitet lag in einer Entfernung von kaum hundert Schritt diese ganze wunderliche Welt. Der Justizrat betrachtete sie kopfschüttelnd. Dazu hatte er allerdings jetzt auch gerade Ursache. Selbst die Amerikaner, die an das wilde Treiben viel eher gewöhnt waren, sahen überrascht hinab und konnten sich nicht erklären, was der wilde Lärm zu bedeuten hatte. Die ganze Flat schien in Aufruhr zu sein. Von allen Seiten sprangen die Miner kreischend, jauchzend, hüpfend und lachend herbei. Alle in dem Städtchen benahmen sich so ausgelassen wie zu Fasching oder einem anderen, tollen Fest. Hier stand ein Mann, der auf einem chinesischen Gong herumhämmerte. Die scharfen, ohrenzerreißenden Töne schmetterten weit über die Berge hinaus und suchten da ihr Echo. Dort stand ein anderer mit einer kleinen Kindertrompete. Sein Gesicht war zinnoberrot, seine Backen zum Zerspringen aufgeblasen, als er dem Instrument schrille Töne entlockte. Da wirbelte jemand auf einer Trommel, dort schlug man ein paar Becken zusammen, während ein Fünfter mit aller Kraft eine alte, zersprungene Glocke läutete. Den Leuten schien es nur darauf anzukommen, soviel Lärm wie irgend möglich zu machen. Während die Goldwäscher von allen Seiten herbeiströmten, sah es fast so aus, als ob hier zu irgendeinem Zweck Sturm geläutet wurde.

»Was um Himmels willen ist denn hier los?« erkundigte sich der eine Amerikaner bei einem schnell vorbeispringenden Landsmann. »Brennt's irgendwo?«

»Brennen?« rief der lachend zurück. »Nein, nur in der Küche. Aber Hunger haben wir, und das sind die verschiedenen Signale, damit jeder von uns weiß, wohin er gehört. Ihr kommt gerade zur richtigen Zeit.« Damit sprang er vorüber.

Der Mann hatte ihnen die Wahrheit gesagt. Viele der Kaufzelte hielten es für vorteilhaft, ihren Kunden für zwei Dollar auch ein Essen zu bieten. Die verschiedenen Alarmzeichen dienten also dazu, den Gästen anzuzeigen, daß das Essen fertig war. Da es nicht genug Glocken gab und es dadurch auch nur Verwirrung gegeben hätte, hatte jedes Eßzelt ein anderes Instrument. Die gerade Angekommenen konnten aber davon noch keinen Gebrauch machen, denn sie mußten erst ihr Gepäck abladen und dann auch im Auge behalten, bis es an einer sicheren Stelle, im Zelt oder Bretterverschlag, untergebracht werden konnte.

Nur der Justizrat nahm darauf keine Rücksicht. Er hatte die Überzeugung, daß seine Reisegefährten stillschweigend die moralische Verpflichtung übernommen hatten, nicht nur auf ihr Gepäck zu achten, sondern auch auf seins. Ohne sich deshalb darum zu kümmern, wanderte er zum nächsten Zelt, als er erfahren hatte, was die Signale bedeuteten. Er trat ein, legte die lange Pfeife und seinen Hut in die Ecke und nahm am gedeckten Tisch Platz.

Das Zeltinnere war nicht vielversprechend. Eine ungehobelte lange Tafel aus Zederbrettern mit Bänken in gleicher Art stand in der Mitte. Nur an einigen Stellen lagen kurze und schon öfter benutzte Tischtücher. Messer, Gabel und Teller gab es allerdings und auch ein großes Salzfaß, vielleicht aus Zinn, denn der darauf liegende Staub ließ es nicht richtig erkennen. Aber zwei riesige Flaschen mit sogenannten Pickles, kleinen, eingelegten Gurken in Essig und spanischem Pfeffer, bildeten den eigentlichen Anlockungspunkt für diese Mahlzeiten. Es war etwas Pikantes für die Zungen, die sich das ewige frische Fleisch und Weizenbrot schon übergegessen hatten. Die Leute bezahlten auch gern einen ziemlich hohen Preis dafür. Das Essen konnten sie sich auch in ihrem Zelt zubereiten, aber die sauren und gepfefferten Pickles gab es nur hier.

Eine Menge Gäste strömten jetzt herein und hatten schon Platz genommen. Der Justizrat erwartete jetzt ein richtiges Menü, wurde aber natürlich enttäuscht. Das ganze Essen bestand aus einem Stück etwas zähem Rindfleisch, Kartoffeln mit Schale und Weizenbrot. Er versuchte auch die Pickles, mußte aber schon nach dem ersten Bissen so furchtbar husten, daß er kaum wieder zu sich kommen konnte. Dafür durfte er zwei Dollar bezahlen. Als er voller Entrüstung über solche ›Prellerei‹ das Zelt wieder verlassen wollte, mußte er feststellen, daß inzwischen jemand seinen guten, breitrandigen Filzhut von der Pfeife weggenommen und statt dessen einen alten Strohdeckel darüber gestülpt hatte. Seine Nachforschungen waren vergeblich. Er konnte sich im Englischen auch nur schwer verständlich machen, und die Leute lachten ihn auch noch aus. Es blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als zu seinen Leuten zurückzukehren und den Hut aufzugeben.

»Sieh mal an«, empfing ihn dort der ihm verhaßte Binderhof mit vergnügtem Lächeln. »Solche Eitelkeit hätte ich dem Justizrat nicht zugetraut! Ist er doch gleich in die Stadt gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!«

»Verdammter Deckel!« fluchte der ärgerliche Mann, der den alten Strohhut in Gedanken aufgesetzt hatte. Er riß ihn herunter, knüllte ihn zusammen und warf ihn auf den Boden. »Nichtsnutzige Bande hier – wo ist meine Mütze?«

Lamberg war der einzige praktische Mensch in der kleinen Gesellschaft, hatte aber vor der Arbeit den gleichen Widerwillen wie der Justizrat. Vor dem besaß er allerdings den Vorteil, daß er wenigstens sagen konnte, wie etwas gemacht wurde. Zur Ausführung benutzte er dann Hufner, der mit großer Gutmütigkeit und Gefälligkeit nie jemand gern eine Bitte abschlug. Außerdem achtete Hufner den Justizrat besonders – wegen seines Titels.

Vor allen Dingen war es jetzt erforderlich, daß sie ihr mitgebrachtes Zelt an einem passenden Ort aufschlugen. Den Platz suchte Lamberg aus und zeigte die Stellen, wo die Löcher für die Zeltstangen gegraben werden mußten. Binderhof mußte dann die Stangen halten, während Hufner im Schweiße seines Angesichts die ersten Spitzhackenschläge in kalifornischen Boden tat.

Das Zelt stand endlich, und die mitgebrachten Gegenstände wurden – diesmal gemeinsam von allen – hineingetragen. Hufner blieb als Wache zurück, weil die anderen sich erst einmal den Ort ansehen wollten. Er hätte allerdings selbst gern so einen Spaziergang gemacht. Der Justizrat war aber nach der Unterbringung seines Gepäcks mit seiner wieder gestopften Pfeife losgegangen. Binderhof steckte beide Hände in die Taschen und schlenderte ihm nach. Lamberg hielt es für erforderlich, Gegend und Gelegenheit für die nächsten Arbeiten zu untersuchen. So blieb dann natürlich niemand außer Hufner übrig, um die Sachen im Auge zu behalten.

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