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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9. Das Paradies

Wie schon erwähnt, sind die beiden Hauptströme Kaliforniens, an deren Ausläufern das Gold gefunden wird, der Sacramento und der San Joaquin. Der erste kommt vom Norden herunter, der andere vom Süden herauf, beide laufen am Fuß des Gebirgsrückens entlang, der im Westen die dritte und niedrigste Bergreihe Amerikas bildet. Es ist gewissermaßen das Rückgrat der Gebirge, die im Norden Felsengebirge, in Mittelamerika Anden und in Südamerika Kordilleren genannt werden. Von diesem Bergrücken laufen eine große Zahl kleiner Bäche und Bergströme von Osten nach Westen in dieses Tal und in die Hauptströme hinab. Gerade an diesen kleinen Bächen hatten sich die Uferbänke und Betten als sehr goldhaltig erwiesen. Schon jetzt arbeiteten Tausende von geschäftigen Händen daran, sie umzuwühlen und ihnen die lang bewahrten Schätze zu entreißen.

Oben im Norden waren die wichtigsten dieser Ströme der Featherriver, Yuba und Bearcreek mit dem American Fork und manchen anderen, kleineren. Im Süden hatten dagegen der Calaveres, Macalome und Stanislaus den besten Namen.

Zwischen dem Stanislaus und Calaveres floß ein kleiner, klarer Bergbach dem Stanislaus zu. Ihm hatten die Indianer in ihrer bilderreichen Sprache den Namen ›Himmelsauge‹ gegeben. Später eintreffende Amerikaner gaben ihm aus irgendeiner Laune heraus den Namen ›Teufelswasser‹.

Sie hatten beide recht. War der Bergquell mit seiner klaren, unter Blumen spielenden Flut früher ein Himmelsauge gewesen – jetzt mit seinem durchwühlten Bett, mit der durch Maschinen getrübten Flut, mit seinen umgegrabenen und durcheinandergestürzten Uferbäumen war er wirklich zum Teufelswasser geworden. Die vertriebenen Nymphen des mißhandelten Stromes hätten sich nicht besser rächen können als eben durch das Gold.

Ziemlich weit oben sprang das ›Teufelswasser‹ aus einer herrlichen, von steilen Wänden eingedämmten Kluft und bildete ein breites, kesselartiges Tal mit völlig flachem Boden. Weiter unten floß es wieder durch eine ähnliche Kluft ab. Es war erkennbar, daß sich in früheren Jahrhunderten das Wasser hier zu einem See gesammelt hatte. In gewisser Tiefe zeigte der Boden überall klaren Kies und kleine Muscheln. Als das Wasser zu stark anschwoll, hatte es sich wieder einen Ablauf gesucht und dadurch den See wieder trockengelegt. Das Tal wurde dadurch zu einer sogenannten Flat, wie sie hier in den Bergen häufig vorkommt. Nach einigen mißglückten Versuchen erwies sich gerade diese Flat als so reichhaltig mit dem edlen Metall, daß sie den Namen der ›reichen Diggings‹ erhielt. Nicht nur aus den Städten, sondern auch aus den benachbarten Minen kamen zahlreiche Goldwäscher hierher, um ihr Glück erneut zu erproben. Händler brachten gleichzeitig ihre Waren herauf, Proviant, Kleider, Handwerkszeug und Branntwein. Wenige Wochen später stand in der Flat, in deren weichem Boden die Spuren des grauen Bären noch nicht einmal wieder durch neuen Regen verwischt waren, eine kleine Zeltstadt, einer abgerissenen Ecke San Franciscos nicht unähnlich.

Der Ort, der von Tag zu Tag größer wurde und durch Laubhütten, Schindeldächer und blaue und weiße Zelte immer neue Auswüchse erhielt, mußte einen Namen erhalten. Viele Vorschläge wurden dazu gemacht. Zuletzt entschied ein Zufall den Streit. Ziemlich in der Mitte der Flat stand ein einzelner knorriger Eichenbaum, der mit dem darumliegenden Terrain für die reichste Stelle gehalten wurde. Er war schon von einer amerikanischen Gesellschaft in Beschlag genommen, ehe die Miner hierherkamen. Jetzt verweigerten sie den anderen die Erlaubnis, in der Nähe nach Gold zu suchen, obwohl sie selbst den Platz nicht bearbeiteten, denn sie hatten noch einen anderen in Arbeit. Sie waren auch zahlreich genug, um ihre Rechte verteidigen zu können. Niemand wagte es deshalb, ihnen zu trotzen. Es gab auch genug Stellen in der Nachbarschaft, die sich ebenfalls als sehr reich herausstellten. So wurde der Platz mit dem Baum bald nur noch ›der verbotene‹ genannt, die Stadt selbst bald im Scherz das ›Paradies‹. Soviel Mühe sich auch ein gewisser Mr. Brown gab, der hier das erste Zelt aufgebaut hatte und den Ort Browntown nennen wollte, seine Versuche scheiterten trotz etlicher Brandyflaschen. Das Paradies mit dem ›verbotenen Baum‹ stand für ewige Zeiten – oder doch so lange, wie dieses Tal Gold hatte – am Teufelsbach.

Vom Namen einmal abgesehen, bot das Paradies aber sehr wenig Anspruchsvolles. Die ganze kleine Stadt bestand aus einer einzigen etwa vierhundert Schritt langen Straße, an der sich alle Kaufzelte gesammelt hatten. Die ›Vorstädte‹ wurden durch einzelne unordentlich in der Nachbarschaft stehende Zelte und Buschhütten gebildet. Trotzdem war dieser kleine Staat hier in der Bergwildnis bereits organisiert. Ein Friedensrichter und ein Sheriff waren gewählt. Vor dem Zelt des Richters wehte als Zeichen seiner Würde lustig das Sternen- und Streifenbanner der Vereinigten Staaten. Sonst trieb natürlich jeder, was ihn erfreute. Steuern und Abgaben existierten nicht. Der Friedensrichter oder, wie man ihn kalifornisch nannte, der Alkalde, mußte sehen, wie er sein Gehalt durch allerlei Amtsgebühren und andere zufällige Einkünfte herausschlug.

Das ›Paradies‹ bildete so nur den Mittelpunkt der hier plötzlich an allen Stellen in Angriff genommenen Minen, den Ort, an dem sich nur ein Teil der wirklichen Goldwäscher für den Augenblick niedergelassen hatte. Von hier aus konnten auch die benachbarten Miner ihre Lebensmittel beziehen, solange sie es für gut hielten, in der Nachbarschaft zu bleiben. Sonst war niemand an den Boden einer solchen ›Stadt‹ gefesselt. Selbst die wenigen Händler, die hier Bretterbuden für ihr Lager aufschlugen, konnten durch die Nachricht von einem reicheren Platz bewogen werden, sofort zusammenzupacken und dorthin aufzubrechen – ein Fall, der fast jede Woche in den verschiedenen Minen vorkam.

Trotz des weiten, ebenen Tales war die Gegend sehr malerisch. Die Berge waren mit Kiefern, Zedern und Eichen bewaldet, und die grüne Flat bot einen reizenden Ruhepunkt für das Auge. Ja, die bunten, unter den einzelnen Baumgruppen verstreuten Zelte dienten nur dazu, das Bild lebendiger zu machen. Wohin der Blick auch fiel, traf er an den Hängen auf die hellen Leinwandhäuser, vor denen abends die Lagerfeuer flammten und abenteuerlich und wild gegen die düsteren Schatten der Felswände abstachen. Es war doch auch ein abenteuerliches und wildes Leben, das die Bewohner dort führten. Jetzt aber schien die Sonne hell und klar auf die grüne Waldung, auf das freundliche, menschenbelebte Tal. Wer plötzlich von den umliegenden Bergen dahinunter gegangen wäre, ohne zu wissen, was sie da unten trieben, wer nur das hübsche, von den grünen Hängen eingeschlossene und scheinbar von der Welt abgeschiedene Fleckchen Erde vor sich gesehen hätte, hätte vielleicht dasselbe ausgerufen: Ein Paradies!

Ja, Gottes Welt ist schön und die Natur überall zu bewundern, wenn nur nicht die Leidenschaft der Menschen überall eingriffe! Ein entweihtes Heiligtum war auch dieses Tal, dem die Natur nichts versagt hatte, um ein wirkliches Paradies zu werden – aber die Menschen darin gruben nach Gold!

Das war ein Leben und Treiben überall! Aus allen Tälern und Bachbetten heraus tönte das klappernde, rasselnde Geräusch der sogenannten Wiegen oder Waschmaschinen. Wo man hinuntersah, standen Gruppen von Männern, die schweren Spitzhacken in den starken Fäusten, um den harten Boden damit aufzureißen. Und hin und wider zogen die Scharen der Kommenden und Gehenden! So viele durch das Gerücht von reichen Minen hierhergelockt sein mochten, so viele wurden auch enttäuscht, sie fanden nicht das, was sie erhofft hatten. Andere Märchen, von den Nachbarminen in Umlauf gesetzt, machten die Runde, und viele schnürten wieder ihr Bündel, um dorthin zu wandern. Damals gingen bis heute unbestimmte Sagen von einem Goldsee oben in den Bergen herum, den wenige Glückliche zufällig gefunden hätten und der unermeßliche Schätze bergen sollte.

Der Weg wand sich an ziemlich rauhen Felsen das Tal hinauf. Er wurde aber trotzdem von den derben und schweren Auswandererwagen der Amerikaner befahren. Eben kam eine neue Karawane anmarschiert. Sie gingen neben dem Wagen, der ihr Gepäck transportierte. Die Gesellschaft schien bunt zusammengewürfelt und verdankte auch ihre Vereinigung nicht einer freiwilligen Wahl. Allein das Gewicht ihres Gepäcks hatte sie für die kurze Zeit der Reise aneinandergebunden. In Stockton fanden nämlich viele dieser Fuhrwerke eine außerordentlich einträgliche Beschäftigung mit dem Transport des Gepäcks in die Minen. War die Gesellschaft groß genug, um einen besonderen Wagen zu füllen, dann gab es weiter keine Schwierigkeit, und sie konnten sofort aufbrechen. Bestand sie aber nur aus wenigen Mitgliedern, dann mußten sie so lange warten, bis sich noch andere fanden, die in die gleiche Richtung oder zumindest in die Nachbarschaft wollten. Da die zukünftigen Goldwäscher selten ein genaues Ziel hatten und sie ihr Glück an dem einen Platz genausogut versuchen konnten wie an einem anderen, schlossen sie sich häufig solchen reisefertigen Wagen an. Sobald der Fuhrmann seine Ladung voll hatte, brach er auf.

Auf diese Weise hatte sich auch hier nur zum Transport des Gepäcks eine gemischte Gesellschaft aller möglichen Nationen zusammengefunden. Sie trugen fast alle nur ihre Hemden und hatten die Jacken und Röcke auf den Wagen geworfen. Lachend und plaudernd gingen sie daneben her, blieben dann und wann stehen, um die in der Nähe des Weges arbeitenden Gruppen zu beobachten. Das war doch für sie ein Bild ihres künftigen Lebens.

Merkwürdig genug sahen diese Gruppen aus. Hier, gleich am Weg, der um einen Felsenvorsprung bog, arbeiteten drei Neger und ein Mulatte zusammen in der Nähe des Flusses. Sie hatten ein tiefes Loch in das Ufer gehackt, aus dem sie die goldhaltige Erde zum Wasser schleppten. Etwa hundert Schritt weiter oben wühlten sich drei Weiße, offensichtlich Iren, in den harten Boden hinein. Über ihnen arbeiteten Mexikaner mit ihren flachen Holzschüsseln und kurzen Brechstangen, und noch weiter oben dämmte eine größere Gesellschaft von Amerikanern den ganzen Bergstrom zur Seite. Für eine kurze Strecke gab man ihm ein anderes Bett, um in dem alten nach seinen Schätzen zu suchen.

Auch das ›himmlische Reich‹, China, hatte seine Söhne herübergesandt, um die kalifornische Erde aufzuwühlen. Noch etwas weiter oben, wo sich das Tal verengte und der Bergstrom so nach seinem rechten Ufer hinüberdrängte, daß ihn der Weg hier kreuzen mußte, arbeitete ein kleiner Trupp von Chinesen in ihren blauen, baumwollenen geräumigen Jacken und kurzen weißen Hosen.

Einer unterschied sich von allen anderen, nicht nur durch die Kleidung, sondern durch sein ganzes Wesen. Er schien der Anführer der Schar zu sein. Er war ungewöhnlich groß und kräftig für diesen sonst eher kleinen und schmächtigen Menschenschlag. Er trug einen wunderschönen schwarzen langen Zopf, der ihn aber bei der Arbeit behinderte. Deshalb hatte er das untere Ende zusammengewickelt und trug ihn in der linken Jackentasche. Gerade als der Wagen vorbeifuhr, war er ihm einmal herausgerutscht. Er legte seine Spitzhacke hin, wusch sich erst die Hände und brachte dann dieses Heiligtum der Chinesen wieder sorgfältig an seinen früheren Platz zurück.

»Donnerwetter, Justizrat«, sagte da einer der Wanderer, der sich die Chinesen mit besonderer Neugier angesehen hatte. »Was der Bursche für einen Schopf hat!«

»Hm ja!« stieß der Justizrat heraus. Mit seiner ewig langen Pfeife war er am Wegrand stehengeblieben und schien fest entschlossen, sich in Kalifornien über nichts mehr zu wundern, so außergewöhnlich und neu es ihm auch sonst wohl erscheinen mochte. »Aber nichts Besonderes, wir Haare wachsen lassen – ebensolang!«

»Na, das wäre was, nehmen Sie mir's nicht übel!« rief der andere erstaunt.

»Nein, nehmen Sie es ihm lieber nicht übel, Herr Hufner«, näselte der dritte, der eben herankam und bei seinen Reisegefährten stehengeblieben war. »Daß dem Herrn Justizrat hier die Zöpfe nicht so groß vorkommen, ist wohl leicht erklärbar. Zu Haus in seinem Büro hat er sie bestimmt größer gesehen und für sich selbst ein Prachtexemplar mitgebracht.«

»Unausstehlicher Mensch, dieser Binderhof«, brummte der Justizrat vor sich hin, zog an seiner Pfeife und drehte sich, ohne ein Wort auf die boshafte Bemerkung zu erwidern, rasch ab, um den Wagen wieder einzuholen.

»Aber, lieber Herr Binderhof, was haben Sie denn ständig mit dem armen Justizrat?« sagte Hufner freundlich vorwurfsvoll.

»Gar nichts«, lachte der Lange, »nur meinen Spaß.«

»Sie werden ihn noch richtig böse machen!«

»Das sollte mir leid tun, denn er allein bestreitet meine Unterhaltung hier in dem langweiligen Land«, sagte der Lange. »Hören Sie mal, Hufner, die Geschichte scheint mir hier faul zu sein, denn wenn ich solche Löcher in die Erde hineinkratzen soll wie die Leute hier, dann werde ich wohl sehr wenig Gold finden.«

»Hm ja«, meinte Hufner etwas kleinlaut. »Sie haben da nicht so unrecht, Herr Binderhof. Was ich so von den Minen gehört habe, sollten die Arbeiten ganz anders gehen. Man kratzte da bloß das Gold mit dem Messer aus den Felsspalten heraus.«

»Nicht wahr, das habe ich auch gehört. Aber was tut's, wir wollen schon unser Gold finden, und wenn wir andere für uns graben lassen müssen. Hallo, was ist da vorn los? Sehen Sie einmal, das muß ein Deutscher sein.«

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