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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jetzt sind sie an dem Flußarm vorbeigekommen, unterstützt vom Wind und von den harten Rudern. Die Flut, die südlich nach dem Arm, wo San Francisco und weiter unten San Jose liegen, und östlich in die Carquines-Bai mündet, ihr Wasser wälzt, unterstützt sie dabei.

Wie wunderbar hier rings um sie die neue Welt ausgebreitet liegt! Rechts die kahlen, nur mit dürftigem Gras bewachsenen Berge, an denen zahlreiche Herden weiden. Links mehr baumbesetzte Ufer mit einzelnen freundlichen, bewaldeten Buchten und Einschnitten, die dem Verkehr noch nicht geöffnet und von der einströmenden Bevölkerung nicht übervölkert wurden. Was sollen die Leute auch dort? Da liegt kein Gold. Und doch sehen sie gern wieder einmal zu den grünen Waldschatten da drüben. Es ist gewissermaßen die Versicherung, daß nicht ganz Kalifornien eine so öde, trostlose Wüste ist wie die Küstenberge. Aber Naturschönheiten können hier nicht lange den Menschen fesseln. Was ist das da oben rechts, auf der hohen, bergartigen Uferkuppe, die den Horizont bis dort hinaufgeschoben hat? Dort wird plötzlich eine Gestalt sichtbar, die wie eine Erscheinung in der Luft hängt. Ein einzelner Reiter, klein und zierlich in der Entfernung, wie aus Elfenbein geschnitten. Die Konturen, die zarten Beine des Pferdes, der schöne, emporgeworfene Kopf, der wallende Poncho über den Schultern des Mannes, sind haarscharf gegen den blauen Himmel geprägt.

Es ist ein Kalifornier, der vielleicht seit Monaten zum ersten Mal wieder aus dem Landesinneren an die Küste kommt, um hier nach seinem wild weidenden Vieh zu sehen. Als er das letzte Mal hier war, verließ er eine öde Wildnis und findet jetzt das neuentdeckte Kalifornien wieder. Aber diesem Treiben will der wilde Sohn der Berge nicht lange aus der Ferne zusehen. Das muß er in der Nähe fassen und begreifen lernen. Er wirft sein Pferd herum und läßt dem fröhlich wiehernden Tier die Zügel. Als er im halsbrecherischen Ritt die weite Bai entlangschießt, verschwindet er für die Leute im Boot wie im Erdboden.

Drüben, am linken Ufer, zeigt sich bei der anwachsenden Flut nur noch ein schmaler Felsstreifen mit grünem Baumbewuchs. Dort spielt eine Schar Seehunde, wälzt sich im warmen Sonnenschein und springt dann plätschernd in die klare, salzige Flut. Hier und da versucht ein Boot, näher heranzukommen, und die stets bereitgehaltenen Gewehre senden hin und wieder einen heißen Bleigruß herüber, aber die Entfernung ist zu groß. Die munteren Tiere sehen neugierig die Kugeln auf das Wasser schlagen und versinken und spielen ruhig weiter, bis ein kecker Feind ihnen näher rückt. Blitzschnell sind sie dann im Wasser, schauen mit den bärtigen Gesichtern noch einmal, wie neckend, heraus und tauchen tief aus dem Gefahrenbereich.

Jetzt verengt sich die Bai und zieht sich zur Straße von Carquines zusammen. Aber das ist gut für die Fahrzeuge, die sie erreicht haben. Die Flut hat ihren höchsten Stand, und während sich das Wasser staut, können sie den Wind ausnutzen, der sie in die dort wieder breiter werdende Bai hineinträgt. Mit der bald zurückkehrenden Ebbe geht hier eine solche Strömung durch, daß die Segelschiffe nicht mehr dagegen ankommen.

Drei Schoner segeln hier nebeneinander durch die Straße, um das freie Wasser wiederzugewinnen. Sieh nur, wie ihre Decks vollgestopft mit Waren sind, mit Mehlsäcken und Fässern voll gepöckeltem Fleisch, mit Brettern und Planken hochgetürmt, und dazwischen kauern die Passagiere.

Die Agenten versprachen ihnen alle mögliche Bequemlichkeit für unterwegs, als sie ihre Passage teuer genug bezahlten. Jetzt wird ihnen noch nicht einmal ein glatter Platz zum Schlafen geboten! Kein Schutz gegen den Nachttau, keine Ecke, an der sie ihr kaltes Essen verzehren können! Aber was tut's? »Das ist Kalifornien! Morgen oder übermorgen sind wir in den Bergen, und da liegt das Gold!«

Dicht am Ufer rudert ein kleines Boot mit vier Riemen. Eine riesige Gestalt mit einem Säbel zwischen den Knien und einer Doppelflinte neben sich sitzt am Steuer. Auch vorn im Bug des Bootes liegen vier geladene Flinten, und an den Seiten des Bootes sind Ledergriffe angebracht, in denen Messer und Pistolen zum sofortigen Gebrauch stecken.

Die Leute auf dem nächsten Schoner sehen neugierig in das schwerbewaffnete kleine Fahrzeug hinab. Haben freche Seeräuber das offene Meer verlassen, um hier glücklichen, aus den Minen zurückkehrenden Goldsuchern aufzulauern? – Es sind unsere biederen Landsleute, die Magdeburger, die harmlos wie die Kinder mit einem Waffenarsenal in die Minen steuern.

Hier erweitert sich die Bai wieder, aber es bleibt so lebendig wie vorher. Zwei kleine Städte liegen sich hier gegenüber, und der Atlantische Ozean sowie das Adriatische Meer mußten die Namen dazu geben: New York und Venedig, ein Spott auf beide!

Dort links Venedig – eine Karikatur der alten Dogenstadt, auf kahlem, nacktem, gelbem Strand mit hellgrünen Grasflächen dazwischen. Im Hintergrund ein kleines Weidendickicht und bunt zerstreut ein lächerliches Gemisch kleiner, viereckiger, weiß zusammengezimmerter Häuser. Es wirkt wie eine Schachtel mit Nürnberger Tand, dort ausgeschüttet und unordentlich wie auf den gelben und grünen Feldern einer Anzahl Lottokarten aufgestellt. Nicht einmal die Kirche mit dem abgebrochenen Kirchturm fehlt dem Ort.

Rechts dann New York – als hätte sich Venedig widergespiegelt.

Aber das ist alles nur der Beginn. Wie Samenkörner wurden die Häuser hier über den sandigen Boden ausgestreut. Da sie Wurzeln gefaßt haben, wächst in einem Jahr die wirkliche Stadt rasch und sicher genug empor.

Ernst und schweigend, mit ihren vierkant gebraßten Rahen ankern aber dort drei amerikanische Kriegsschiffe. Der scharfe Bau, die akkurat verlegten Taue machen in jeder Spiere ihre Herkunft deutlich. Die Mannschaft wird gut genug bewacht, um ein Desertieren unmöglich zu machen. Fest und eisern liegen sie da und zeigen ihre Zähne. Über ihre Hängematten werfen die Matrosen manchen sehnsüchtigen Blick nach den vorbeischießenden Booten.

Überall hier niedrige, flache Ufer, nur im Hintergrund die grünen Berge. Dort nähern wir uns auch den gar nicht so weit auseinanderliegenden Mündungen der beiden Hauptströme Kaliforniens. Der Sacramento kommt von Norden durch waldiges Talland, der San Joaquin von Süden durch dichten Binsensumpf in die Bai. Den Sacramento schließen weiter oben Kiefern- und Zedern-, hier unten Eichenwälder ein. Wenn der San Joaquin die Berge verläßt, treibt er sich im Zickzack und in unzähligen Krümmungen durch den weiten Sumpf. Schon in großer Entfernung sieht man die kleine Zeltstadt Stockton vor sich liegen. Aber wie eine Schlange windet sich der schmale Fluß einmal rechts, dann wieder links ab, einmal gerade darauf zu, und dann sieht es so aus, als wolle er in die Berge zurückkehren. Er scheint von dort hierher gesprungen zu sein und sich verlaufen zu haben.

Wie belebt ist der Strom! Dampfboote begegnen sich oft an Stellen, wo sie in dem schmalen Fahrwasser kaum ausweichen können. Schoner und Kutter drängen mit geblähten Segeln dazwischen und versuchen mit Stangen und Tauen stromauf zu gelangen. Einige haben geankert, um die Flut abzuwarten. Nur die Boote werden rüstig weitergerudert, und die Leute legen sich stärker in die Ruder, um soviel Fahrzeuge wie möglich zu überholen.

Jetzt das neugebaute Stockton – die Familienähnlichkeit mit San Francisco läßt sich nicht leugnen, wenn es auch nur eine jüngere Schwester oder eigentlich Tochter ist. Zelte und Bretterbuden, womöglich noch leichter gebaut, sind bis unter das Dach mit Waren für die Minen vollgestaut. Wie das hier hetzt und jagt und weiterdrängt! Ja, wer hat hier Zeit, wo die Berge in einem Tagesmarsch zu erreichen sind?

Hier beginnt auch die Landpassage. Während San Francisco fast völlig auf seine Wasserwege angewiesen ist und ein schwerer Wagen eine Seltenheit ist, ist hier alles darauf berechnet, die Waren von den Booten so schnell wie möglich auf Achse oder Packsattel weiterzubefördern. Die schweren Überlandwagen der westlichen Farmer, die bis hierher gedrungen sind, werden hoch beladen. Mit vier oder auch sechs Ochsen bespannt, kehren sie wieder in die Minen zurück. Zahlreiche Maultiertrupps lagern überall, und Mexikaner sprengen durch die Straßen oder arbeiten schweißüberströmt mit Fässern und Säcken, um die Lasten ihren Packtieren aufzubürden.

Zug um Zug verläßt so die Stadt. Hier eine Karawane mit Goldwäschern, die sich einen Wagen für ihr Gepäck und Handwerkszeug genommen haben. Nur mit Hemd und Hose leicht bekleidet, marschieren sie singend und lachend nebenher. Dort ein Trupp Maultiertreiber mit bunten Zarapen über den Schultern, die Madrina mit der klingenden Glocke um den Hals. Hier keucht ein einzelner Goldwäscher unter seinem Packen, auf dem auch noch Schaufel, Hacke und Gewehr befestigt sind. Er hatte nicht genug Geld für die Fracht seiner wenigen Sachen und muß einsam und allein seine Bahn suchen. Dort sprengen ein paar Reiter, Händler oder Spieler, auf schäumenden Ponys die staubige Straße entlang.

Aber wohin man auch sieht, überall nur wilde, bärtige Männer, rauhe, in Wald und Wildnis zugehauene Burschen. Kein Kind und kein weibliches Wesen ist zu sehen. Erblickt man wirklich einmal ein langes, buntes Kleid, so kann man sicher sein, daß die Trägerin zu dem ältesten Gewerbe gehört. Das war auch damals kein Land für Frauen und Kinder, für die erst eine Heimat gegründet werden mußte. Hier mußte nicht nur erst dem Boden eine Existenz abgerungen werden, sondern auch das eigene Leben mußte beschützt werden. In die Berge paßte keine Frau.

In die Berge drängt und treibt das Volk. Wagen reiht sich an Wagen, Trupp an Trupp. Fast erstaunt sehen die eiligen Wanderer auf, wenn ein Mann sich die Mühe macht und Bäume am Weg fällt und Bretter anfährt. Aber der Mann hat dazu guten Grund: Die Amerikaner sind ein praktisches Volk, und wo sie spekulieren, geschieht das ohne jede Phantasie. Ein Amerikaner wird sich nie eine reizende Gegend als Wohnsitz aussuchen, wenn er nicht einen ganz besonderen Zweck damit verbindet. Er liebt den rauschenden Wald – wenn er seine Stämme zu Brettern und Pfosten benutzen kann. Er freut sich über die murmelnde Quelle, wenn sie stark genug ist, um eine Mühle zu treiben.

Es ist auch möglich, daß die, die sich am Weg niederlassen, schon ihr Glück in den Minen vergeblich versucht haben. Es ging damals das echt amerikanische Sprichwort herum, daß jeder erst ›den Elefanten sehen mußte‹. Jedenfalls erkannten diese Leute, welchen Wert für später die feste Besitznahme passender Stellen bringen mußte. Das nutzen sie jetzt aus. Es war gar nicht gesagt, daß sie hier auch wirklich wohnen wollten. Sobald ihm ein annehmbarer Preis geboten wurde, verließ er es mit dem größten Vergnügen, um woanders anzufangen, denn Kalifornien war groß. Sie wollten sich aber das ›Squatter-‹ oder ›Preemption right‹ sichern, das dem Ansiedler Grund und Boden sicherte. Daß sie damit gut spekulierten, bewies die Zukunft.

Jetzt dunkelte es. Hinter den Küstenbergen sank die Sonne ins Meer, und fast unmittelbar folgte die Nacht. Wie still und leer die Straße plötzlich wird. Die Wagen sind zur Seite gefahren, um den noch folgenden den Weg nicht zu versperren. Das Vieh wurde ausgespannt, mit einer Glocke versehen oder auch gehobbelt und auf die nächste Weidemöglichkeit getrieben. Die Pferde ›hobbeln‹ ist ein deutsch-amerikanischer Ausdruck. Dabei werden ihnen die Vorderbeine so zusammengebunden, daß sie nur kurze Schritte machen können und ihren Weideplatz also in der Nacht nicht weit verlassen. Die Leute haben schon am nächsten Bach ein Feuer angezündet und Holz für die Nacht gesammelt.

Die mexikanischen Maultiertreiber haben ihre Tiere abgeladen, die Waren in der Mitte aufgetürmt und aus den hohen Packsätteln eine Barrikade im Kreis errichtet. Jetzt backen sie auf dünner Blechplatte ihr Weizenbrot. Hier und dort funkelt ein rotes, züngelndes Feuer durch die Büsche. Dunkle Gestalten bewegen sich darum herum und strecken sich endlich neben den glühenden Kohlen auf dem Boden aus. Die Leute brauchen kein Wirtshaus. Sie wußten vorher, daß sie unterwegs keins finden würden, und haben sich mitgebracht, was sie benötigen. Etwas zu essen und eine Decke, manchmal auch ein Zelt, in den Minen geht es ihnen auch nicht besser.

Jetzt sind die Feuer heruntergebrannt. Vom Himmel funkeln die Sterne auf das ruhig schlummernde Land mit all seinen Hoffnungen und Träumen.

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