Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

8. Eine Vogelperspektive

Am anderen Morgen stieß bei Tagesanbruch ein kleiner Dampfer, der ›Goldfisch‹, mit einer Anzahl Passagieren vom sogenannten langen WerftDiese Werft bestand aus starken, eingerammten Pfählen, vielleicht fünfzehn Schritt breit, und einem schon damals über eine halbe englische Meile langen Bohlenweg, der sich in die Bai hinausdehnte und es ermöglichte, daß schwerere Fahrzeuge unmittelbar an Land ihre Waren löschen konnten. in San Francisco ab.

Es war ein etwas langsames Boot, deshalb hatte man die frühe Abfahrtsstunde gewählt, um den anderen Fahrzeugen die eiligsten Passagiere wegzunehmen. Daß sie dabei angeführt wurden, merkten sie meistens erst dann, wenn sie von dem nächsten Dampfer unterwegs überholt wurden. Kaum räumte es den Platz, als der nach Stockton am San Joaquin bestimmte Dampfer ›The Golden Gate‹ dort anlegte und mit rauchenden Schornsteinen seine Glocke läutete.

Ein hagerer, langer Mann, der ein ziemlich schweres Gewicht unter seinem fadenscheinigen Mantel zu tragen schien, kam mit raschen Schritten die Werft entlang. Er blieb an der Planke des Dampfers stehen und sah forschend über die lange, schmale Werft zurück. Dann ging er eilig an Bord. Wenige Minuten später läutete die letzte Glocke, und das Boot wollte eben abstoßen, als ein kleiner Trupp Deutscher die Werft entlanglief. Schon von weitem winkten sie mit den Tüchern und gaben Zeichen, um noch an Bord zu kommen.

Es waren Leute verschiedenen Alters, aber alle in großer Eile. Nur einer schien sie nicht zu teilen. Mit weit langsameren Schritten, eine lange Pfeife im Mund, folgte er den anderen. Dabei sah er sich so sicher und selbstgefällig um, als ob er fest davon überzeugt war, daß das Boot auf ihn warten mußte.

Der Kapitän des Dampfers hielt natürlich, um sich den Verdienst nicht entgehen zu lassen. Die sechzehn bis zwanzig Stunden dauernde Überfahrt nach Stockton kostete damals nämlich noch ohne Verpflegung dreißig Dollar pro Kopf, und diese sechs Passagiere bezahlten demnach die Kosten der ganzen Reise.

Die ersten waren schon lange an Bord gesprungen. Selbst der Neger, der ihr Gepäck auf einem Handkarren führte, war in raschem Trab mit seinem leichten Fuhrwerk über die Planken gerollt. Nur der letzte Passagier beeilte sich nicht. Wenn er seinen Schritt auch etwas beschleunigte, so geschah das doch in der Angst, sich ja nichts zu vergeben – ein Herr läuft nicht!

»Justizrat, Sie werden wirklich zurückgelassen!« schrie ihm Hufner ängstlich zu. Der Justizrat antwortete nicht, sah nach rechts und links hinüber und blies die blauen Dampfwolken seines deutschen Knasters wohlgefällig in die klare, reine Morgenluft.

»Stoßt ab!« rief da der Kapitän seinen Leuten zu. »Wenn der Bursche da soviel Zeit hat, wollen wir ihm den Spaß nicht verderben... Aber halt!« unterbrach er sich da plötzlich. »Dahinten kommt noch jemand, der in größter Eile ist. Schade, ich hätte den mit der langen Pfeife gern sitzengelassen.«

Hinter dem Justizrat kam ein Mann in einer kalifornischen Zarape, der schon von weitem mit der Hand winkte. Als er nahe genug gekommen war, um das vorn aushängende Schild ›Nach Stockton‹ zu lesen, mäßigte er seinen Schritt.

»Nun, Sir, mit in die Minen?« rief ihm der Kapitän zu.

»Legen Sie in Sausalita an?«

Der Kapitän schüttelte mit dem Kopf und gab seinen Leuten das Zeichen, um das Boot frei zu machen. Der Justizrat war eben an Bord getreten.

»Da drüben geht das Sausalita-Boot«, rief der Kapitän zurück.

»Teufel, ich dachte, um sechs geht das erste Boot!« schrie der mit der Zarape.

»Um halb sechs das erste nach Sacramento. Stoßt ab!« antwortete der Kapitän.

Der in der Zarape stand unschlüssig und stampfte nur wütend mit dem Fuß.

»Wollen Sie nach Sausalita?« rief da ein kleiner Junge. »Da drüben die ›Jenny Lind‹ fährt in zehn Minuten ab und holt den ›Goldfisch‹ noch ein, ehe er seine Flossen am Land reibt.«

»Danke dir, mein Junge!« rief der Fremde und warf ihm einen Dollar zu, den der Junge mit einem Schlenkern des rechten Beines, das wahrscheinlich seinen Dank ausdrücken sollte, in die Tasche steckte. Im selben Augenblick schob das ›Golden Gate‹ vom Ufer ab, und aus einem der kleinen Kajütfenster, sein Gesicht durch den vorgehaltenen Arm so weit verdeckt, daß nur die kleinen zusammengekniffenen Augen sehen konnten, blickte Mr. Smith mit boshaftem Lächeln zu seinem Kameraden und Helfershelfer Siftly. Sowie der Platz an der Landung frei wurde, dampfte dann auch das kleine Boot, die ›Jenny Lind‹, heran. Als sie zum dritten Mal geläutet hatte, folgte sie dem ›Goldfisch‹ nach Sausalita.

Drüben in den östlichen Bergen, dem Sehnsuchtsziel all der Tausende, die hier gelandet waren, war die Sonne aufgegangen. Sie goß ihr volles Licht auf die blitzende, mit zahllosen Booten belebte Bai nieder. Welch ein Unterschied lag zwischen diesem Augenblick und einem einzigen Jahr! Welcher riesenhafte Fortschritt sollte in den nächsten zwölf Monaten hier einziehen!

Noch vor einem Jahr stand hier ein kleines, dürftig belebtes Städtchen, gebaut aus ungebranntem Lehm. Es war kaum mehr als ein großes Dorf. Der Handel bestand aus der Ausfuhr von etwas Talg und Häuten. Einlaufende Walfänger wurden mit frischem Wasser und Fleisch versorgt. Und jetzt? Dicht gedrängt, einem Jahrmarkt ähnlich, Zelt an Zelt, Bude an Bude, nur hier und da von einem Holzhaus überragt. Das war die aus dem Boden gewachsene ›Stadt der Einwanderer‹, San Francisco. Sie dehnte sich über das ganze sichelförmige Ufer der Bai aus und wurde von kahlen Küstenhügeln eingeschlossen. Rings um ihren Rand, wohin das Auge auch sah, flatterte die Leinwand neuer Zelte, hämmerten Leute und rammten Pfosten ein, setzten Zelle an Zelle zu diesem merkwürdigen Bau.

Schon jetzt genügte ihnen der Raum nicht mehr. An den steilen Hängen kletterte das ungeduldige Menschenvolk hinauf, riß mit Hacke und Brechstange Stück für Stück von dem alten Berg los, um ebene Fläche für ein Zelt zu bekommen. Auf der anderen Seite baute man in die Bai hinein, mit langen, werftähnlichen Brücken. Festverankerte Schiffe wurden in Magazine und Warenhäuser verwandelt, die plötzlich, nur ein einziges Jahr später, mitten in den Straßen der zu ihnen hinausgebauten Stadt lagen.

Überall wurde gearbeitet, auf dem Wasser, auf dem Land, mit Handwerkszeug und Rudern. Wie die kleinen, winzigen Gestalten da drüben am Ufer so geschäftig hin und her liefen und mit schwerbeladenen Karren Güter – Futter für das nächste Feuer – in ihr Zeltnest schleppten! Und wo ist denn die Brandstelle von dem Feuer, das vor kaum vierundzwanzig Stunden erst einen Teil der Stadt in Asche legte? Du kannst sie deutlich noch erkennen, Freund – es ist der ganze weite Raum, auf dem die weißeren Zelte und helleren Häuser stehen. Die Leute hatten ja volle vierundzwanzig Stunden Zeit, und fast alles ist schon wieder aufgebaut.

Mast an Mast bedeckt die ganze Reede unserer neuen Stadt. Mast an Mast, so dicht sich die Schiffe nur legen durften, um bei dem Herumschwenken durch Ebbe und Flut von ihren Ankern nicht gefährdet zu werden. Hier ein Dreimaster, der mit vollgedrängtem Deck und flatternden, losgeworfenen Segeln um Clarks Point herumschießt und, fast erschrocken über die zahlreiche Gesellschaft, rasselnd seinen Anker fallen läßt. Mit der einsetzenden Flut schwenkt er vor seiner Kette herum, als wollte er den Platz so schnell wie möglich wieder verlassen. Dort eine Brigg, die ihre Ladung mit teuer gemieteten Leuten löscht, denn die Matrosen sind ihr lange davongelaufen. Da drüben ein Schoner, der eben mit frischem Gemüse und einer ganzen Ladung goldhungriger Insulaner von den Sandwichinseln herüberkommt. Auf all diesen Fahrzeugen ist aber doch noch Leben und Bewegung, sie passen zu dem Bild um sie her. Der Kern dieses fest am Anker liegenden Mastenwaldes aber sieht aus, als wäre die Pest ausgebrochen und hätte die Mannschaft in ihr kühles Grab gebracht.

Kein Segel mehr an den Rahen, keine Wache an Deck, kein niet- und nagelloses Stück flattert. Leer und öde liegen die Schiffe auf dem stillen, unbewegten Wasser der Bai. Ihre kahlen Masten schauen vergeblich nach der Mannschaft aus, die schon lange mit Spitzhacke und Schaufel in die Berge gezogen ist.

Matrosen sind ein leichtsinniges Volk, das nur für den Augenblick lebt. Vielleicht bringt ihnen doch schon die nächste Reise den Tod! Daß sie nicht auf ihren Schiffen mit magerem Lohn aushalten, wo sie eine rasche Flucht und ein kurzer Marsch in den Bereich von fabelhaften Schätzen bringen, ließ sich denken. Alle desertierten, wo sich nur nach dem ersten Ankerwurf die Gelegenheit dazu bot. Was half es den Kapitänen, daß sie das bislang verdiente Geld, vielleicht sogar fünfzig oder hundert Dollar, zurückbehielten? Dort drüben fanden sie vielleicht in einer Schaufel soviel. Von manchen Fahrzeugen waren sogar die Kapitäne und Steuerleute dem Beispiel gefolgt und überließen das arme Schiff sich selbst. Was sollten sie auch jetzt mit diesen großen Segelschiffen machen? Wo hätten sie in diesem Taumel, der alle erfaßte, Leute finden sollen, um wieder hier wegzufahren? Wer wollte jetzt Kalifornien verlassen?

Nur die kleinen Schoner mit geringem Tiefgang, die es gewagt hatten, Kap Hoorn zu umschiffen, wurden hier belohnt. Man brauchte sie, um Proviant, Bauholz, Werkzeuge und überhaupt alle Minenbedürfnisse den Sacramento und San Joaquin hinauf in die dort rasch aufblühenden Städte Sacramento und Stockton zu schaffen. So konnten sie auch ihren Leuten acht Dollar pro Tag zahlen, Fracht und Passage standen dazu im richtigen Verhältnis, und die Eigentümer wurden dabei reich.

Überall in der Bai baute man zugleich kleine Dampfer, um dem dringenden Bedürfnis nach diesen Fahrzeugen abzuhelfen. Dampfmaschinen waren an Bord größerer Schiffe von den spekulierenden Yankees schon mehrfach eingeführt. Kleine Kutter, ja selbst Walfischboote wurden dazu hergerichtet. Man verlängerte sie dazu teilweise und überbaute sie mit einem breiteren Deck, um die leichte Maschine zu tragen. Es kam ja nicht darauf an, wie lange sie hielten. Für zwei oder drei Fahrten waren sie wohl tauglich, und wenn sie dann zusammenbrachen – was tat's, sie hatten ihren Zweck erreicht und sich doppelt und dreifach bezahlt gemacht. Daß Menschenleben dabei in Gefahr kamen, konnte kein Gegenstand sein. Menschenleben waren das Billigste in ganz Kalifornien.

Und wie das Menschenleben dort wogt und schafft! Auf der Halbbai, die durch den sichelförmigen Uferboden San Franciscos gebildet wird, liegen große Mengen dieser kleinen Fahrzeuge. Sie haben längsseits an den großen Schiffen festgemacht, um dort ihre Ladung zu übernehmen, oder stehen durch Boote und kleine Kähne mit dem Land in Verbindung, um Fracht für die Minen so schnell wie möglich aufzunehmen. Und schnell geht es wirklich, denn die Arbeiter werden für ihr Tagewerk enorm bezahlt, aber sie leisten auch etwas dafür. Hier findet sich nicht der Schlendrian des Festlandes, der dem lieben Gott die Zeit stiehlt und mit schlechtem Feuerschwamm und schwer schließenden Schnupftabakdosen die Stunden hinbringt, indem sie stundenlang entweder mit dem Versuch beschäftigt sind, sich eine Zigarette anzuzünden oder aber eine Prise Tabak zu schnupfen. Jeder geht dem anderen zur Hand, und die tiefgeladenen Boote zischen mit schäumendem Bug durch die Flut, angetrieben von Rudern, die zum Zerspringen gebogen sind.

Das lebt und atmet wirklich mit den zahlreichen weißgespannten Segeln, die sich dem nördlichen Arm der Bai entgegenblähen. Schoner und kleine Briggs, die so geringen Tiefgang haben, daß sie die Sacramento-Barre passieren können, und zahllose offene, flache und Kielboote sind es, mit einem Schwarm von Minenlustigen besetzt. Links liegt der Arm, der sich dem ›Goldenen Tor‹ der See entgegenstreckt. Dort, wo sie hereinkommen, sehen sie wieder fünf, sechs verschiedene Schiffe kommen, alle mit Goldsuchern, alle mit Konkurrenten beladen. Aber die wollen ebenfalls in den Minen graben, deshalb müssen sie sich beeilen, um ihre paar Tage Vorsprung zu nutzen. Gingen ihnen doch schon so viele Tausende voran, daß sie nicht einmal wissen, ob sie noch einen Platz da oben finden!

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.