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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Und nur auf solche Meldungen hin lassen Sie Ihre Verlobte nachkommen?«

»Wieso nicht?« wiederholte Hufner erstaunt. »Als ob das nicht Sicherheit genug wäre! Fragen Sie einmal Frau Siebert, oder lassen Sie sich einmal die Briefe zeigen, die ihr Mann aus San Francisco geschrieben hat! In drei Tagen haben zwei Mann aus einer alten Schlucht für viertausend Dollar blankes Gold herausgegraben. In drei Tagen, sage ich Ihnen!«

»Da haben die beiden allerdings ein gutes Geschäft gemacht!« meinte Ohlers. »Wie viele mögen aber da oben in den Bergen hocken und hacken und schaufeln, ohne mehr zu finden, als sie täglich für das Leben brauchen? Und wie teuer wird da oben der Proviant inzwischen sein? Nein, Hufner, wo ein Viergroschenbrot fünf spanische Dollar kostet, hört die Gemütlichkeit auf.«

»Aber weshalb sind Sie denn nach Kalifornien gegangen?« Hufner sah Ohlers lächelnd an. Er war sich sicher, daß er ihn nun gefangen hatte.

»Also wirklich nicht, um da oben in den alten, faulen Bergen nach Gold zu buddeln!« rief aber der Apotheker. »Kranke Menschen wird es genug in San Francisco geben. Leichtsinniges Gesindel, das sich in den Minen so lange herumgetrieben hat, bis es die Knochen nicht mehr regen kann. Die fallen mir nachher in die Hände, und daß ich die auspressen will, bis sie auch kein Korn Gold mehr hergeben, darauf können Sie sich verlassen!«

Ihr Gespräch wurde hier unterbrochen, weil zwei andere Personen den Gang heraufkamen. Sie gingen an die Larbord-Schanzkleidung und sahen zum Land hinüber. Es handelte sich dabei um die gerade erwähnte Frau Siebert und den Assessor Möhler, den gefälligsten, bescheidensten, aber auch wunderlichsten Menschen unter der Sonne.

Siebert, ein leichtsinniger Abenteurer, war nach Amerika gegangen, um sein Glück zu suchen. Frau und Kinder hatte er in Deutschland zurückgelassen und jahrelang nichts von sich hören lassen. Aber fast noch mit der ersten Kunde von Goldfunden in Kalifornien traf auch ein Brief von ihm ein. Siebert war mit anderen Deutschen bei einem Trupp Freiwilliger, die von den Vereinigten Staaten nach Kalifornien geschickt wurden. Sie sollten von dem Land Besitz ergreifen. Die bunt zusammengewürfelte Schar der Abenteurer hielt zunächst gut zusammen und besetzte ein entsprechendes Gebiet, in dem sie sich aufhielten. Kaum drang aber die Kunde der neuentdeckten Goldminen zu ihnen, als sie auch schon fast alle desertierten, um selbst nach Gold zu graben.

Es war eigentümlich, aber diesen Leuten fielen gleich zu Beginn die reichsten Stellen zu. Einige von ihnen gruben in wenigen Tagen den Goldwert von Tausenden von Dollars aus den Bergschluchten. Zu ihnen gehörte auch Siebert, der trotz seines wilden Lebens ein gutes Herz hatte und jetzt sofort an seine Familie schrieb. Seine Beschreibung der kalifornischen Schätze lief sofort durch die Nachbarschaft und verleitete viele, die Heimat zu verlassen und ebenfalls nach den Schätzen zu suchen. Niemand war glücklicher als Frau Siebert, die von Haus zu Haus lief und den Brief ihres Mannes vorzeigte. Wie sie dabei beneidet wurde, läßt sich denken. Sie verlor aber auch keine Zeit, um sich für die Reise zu rüsten. Das Geld für die Überfahrt hatte ihr Mann nach Hamburg überwiesen. Das erste Schiff, das nach San Francisco ging, nahm sie und ihre Kinder an Bord.

Unterwegs wurde die Frau, die so lange Zeit ärmlich gelebt hatte, mit besonderer Ehrfurcht behandelt. Ging sie doch in Kalifornien keiner unsicheren Zukunft entgegen, und ihr Mann gehörte zu den wenigen Glücklichen, die gleich zu Anfang die Schätze des Landes ausbeuten konnten. Sie hatten den Rahm abgeschöpft, und die Frau traf jetzt nur noch dort ein, um die Früchte der leichten Arbeit zu genießen. Sicherlich kannte ihr Mann die besten und reichsten Stellen in den Bergen und konnte allen die beste Anleitung geben – wenn er nur wollte. Jedermann behandelte deshalb seine Frau besonders achtungsvoll und tat alles mögliche, um ihr nur zu gefallen. Vielleicht legte sie dann bei ihrem Mann ein gutes Wort ein!

Dieses ehrfurchtsvolle Benehmen der Leute an Bord verwöhnte sie aber. Nach dem Brief ihres Mannes mußte sie sich für eine reiche Frau halten. Das bislang unbekannte Gefühl, jemanden fördern zu können, kam dazu. So schüchtern sie an Bord gegangen war, so zuversichtlich wurde sie nach und nach, und ihre Einbildungskraft half ihr dabei, sich das Leben in Kalifornien in den glühendsten, lebendigsten Farben auszumalen.

Assessor Möhler war ganz das Gegenteil von ihr. Er hatte bereits das 50. Lebensjahr erreicht, sprach aber nie über seine früheren Verhältnisse. Einige an Bord schienen ihn aber von früher her zu kennen, und so erfuhren auch die anderen bald, daß er doch in ganz guten Verhältnissen in Deutschland gelebt hatte. Es waren seine beiden verheirateten Töchter, die ihn nach Kalifornien getrieben hatten. Alles hatte er für seine Kinder getan, mußte aber doch bald erkennen, daß er ihnen überall im Wege stand. Seine Kinder zeigten ihm das auch ständig, und der gutmütige Mann suchte die Schuld für das schlechte Verhältnis zu ihnen nur bei sich selbst. Allen Mitreisenden gegenüber war er liebenswürdig und gefällig, trotz häufiger Neckereien. Kein Messer wurde an Bord geschliffen, zu dem er nicht den Stein drehte, kein Knopf angenäht, den er nicht aus einem großen Vorrat zusammen mit Nadel und Faden lieferte. Sein Kochgeschirr wanderte von Hand zu Hand. Oft kam es verbeult und beschädigt zurück, und er schwor sich, nichts mehr auszuleihen. Doch dieser Vorsatz hielt nie länger als bis zur erneuten Bitte eines Reisegefährten – denn eine Bitte konnte er nun einmal nicht abschlagen.

Schon in Deutschland hatte er sich sehr gern mit kleinen Kindern beschäftigt. Die einzigen, die er an Bord vorfand, gehörten Frau Siebert. Die kleinen Wesen merkten schnell, wie freundlich er zu ihnen war. Wo er sich aufhielt, hingen sie sich an ihn, und er wurde es nicht müde, sich mit ihnen zu beschäftigen, sie zu säubern und sogar umzuziehen. Eine Menge Spiele kannte er und fertigte Bilder an, schnitt ihnen Figuren und Häuser aus Papier aus und war mit einem Wort der gute Geist der drei Kinder an Bord. Frau Siebert hatte zunächst sehr dankbar auf seine Bemühungen reagiert. Nach und nach überließ sie aber die ganze Kinderarbeit dem Assessor und kümmerte sich dafür um seine Wäsche. Von Rio ab aber fand sie, daß eigentlich alles selbstverständlich war, und als der Assessor wieder einmal den Wäschkübel hervorholte, tat sie so, als würde sie es nicht bemerken.

Von da an war der Assessor seine eigene Waschfrau, kümmerte sich aber nach wie vor um die Kinder. Frau Siebert bedankte sich nicht mehr bei ihm, hatte sich aber vorgenommen, daß ihr Mann ihm dafür eine gute Stelle nennen müßte. Das versprach sie dem Assessor auch von sich aus, und der gutmütige, einfache Mann freute sich aufrichtig. Kalifornien kam ihm jetzt nicht mehr so fremd und öde vor, er würde ja dort einen Freund vorfinden, der ihn mit Rat und Tat unterstützen könnte. Mit diesen Gefühlen sah er, das jüngste Kind der Sieberts auf dem Arm, zum Land hinüber. Er zeigte dem dreijährigen Jungen die Berge, hinter denen sein Vater wohnte.

»Die Frau ist versorgt«, sagte jetzt Herr Hufner mit unterdrückter Stimme zum Apotheker, »der Mann hat ein Heidenglück gehabt!«

»Wer? Der Assessor?«

»Pst, nicht so laut! Nein, ich meine Siebert. Ich weiß nicht, wieviel tausend Dollar er mit seinen Kameraden regelrecht aus der Erde geschaufelt hat. Aber solche Stellen gibt es noch mehr, und die Matrosen kennen ein gutes Sprichwort: ›Es sind noch so viele gute Fische im Meer, wie sie herauskommen!‹«

»Ja, ich kenne da auch ein gutes«, sagte Ohlers, »nämlich: ›Schuster, bleib bei deinem Leisten!‹«

»Wieso?« erkundigte sich Ohlers erstaunt.

»Ach, ich meine nur. Ich bin aber sicher, daß die, die jetzt noch am liebsten mit der Schaufel und der Spitzhacke spazierengehen, bald merken werden, daß das keine sehr angenehme Unterhaltung ist, die sie sich ausgesucht haben. Aber – der Geschmack ist verschieden. Wenn ich mich nicht irre, kommt da unser verrückter Amerikaner angeschlichen. Bin neugierig, was der eigentlich in Kalifornien verloren hat und was er da mit seiner Frau will!«

Der Passagier, von dem er sprach, war ein noch junger, schlanker und blasser Mann. Er war Amerikaner und wurde auf dem Schiff aufgrund seines merkwürdigen Verhaltens nur kurz ›der Verrückte‹ genannt. Schiffspassagiere sind sehr schnell mit solchen Beinamen zur Hand. Er war erst in Valparaiso mit seiner jungen, sehr liebenswürdigen Frau an Bord gekommen. Er konnte tagelang auf dem Quarterdeck sitzen, ohne ein Wort mit jemand zu reden. Dabei starrte er nur auf das Meer hinaus, in die Richtung, in der er Kalifornien vermutete. Die Zwischendeckspassagiere vermuteten, daß er sich nur einen Platz im Wasser aussuchte, wo er demnächst hineinspringen wollte.

Während der ersten Tage war er auf dem Schiff umhergewandert und musterte die Reisenden genau. Er sah sie starr und aufmerksam an, ohne einen anzusprechen. Fast schien es so, als suchte er jemand unter ihnen. Am ersten Tag hatte er sich auch die Passagierliste geben lassen und aufmerksam durchgesehen. Ob er aber einen Bekannten zu finden hoffte oder sich davor fürchtete, wußte niemand. So war es verständlich, daß sich die Passagiere über sein merkwürdiges Verhalten die merkwürdigsten Geschichten erzählten. Aber er hielt sich still zurück, und endlich wurde man es auch leid, sich mit ihm zu beschäftigen. Er wurde kurzerhand mit seinem Beinamen abgefertigt.

Seine Frau war kaum achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Wenn sie an Deck erschien, wich sie nie von seiner Seite. Er war ihr gegenüber stets zärtlich und sehr aufmerksam, ja, er konnte dann sogar heiter sein. Nur wenn sie ihn verließ, kam wieder der düstere, unheimliche Geist über ihn. Aber heute schien selbst ihre Gegenwart den sonst beruhigenden Einfluß auf ihn verloren zu haben. Mit dem Land in Sicht überkam ihn eine seltsame Unruhe. Immer wieder lief er über das ganze Deck bis zum Bugspriet, starrte zur Küste hinüber, als ob er damit ihre Ankunft dort beschleunigen könnte, und kehrte dann wieder auf das Quarterdeck zurück.

Ein weiterer Kajütpassagier befand sich noch an Bord. Es war ein alter Arzt, der nur ›der Doktor‹ genannt wurde. Er hatte die Nachbarkabine des Amerikaners und war der einzige, mit dem er sich einmal unterhielt. Dann klagte er über Schmerzen im Kopf und über Beklemmungen in der Brust und ließ sich von dem Arzt leichte Medikamente verschreiben. Er nahm sie zwar gehorsam ein, aber das Übel besserte sich nicht. Doktor Rascher bemerkte bald, daß es sich um eine Gemütskrankheit handelte, die tiefere Ursachen hatte. Alle Anspielungen darauf blieben jedoch erfolglos. Der Patient leugnete hartnäckig, irgend etwas in dieser Richtung zu kennen, und wich jeder Andeutung aus. Er schien entschlossen, den fremden Arzt nicht ins Vertrauen zu ziehen, und der konnte deshalb seinen Zustand auch nicht bessern.

Hetson, der Amerikaner, hatte wieder eine Weile über Bord gesehen, während Ohlers ihn schweigend und kopfschüttelnd beobachtete. Endlich richtete er sich auf, hob gegen Süden, von wo aus sie gekommen waren, seine Faust drohend und murmelte einige englische Worte. die weder der Apotheker noch Hufner verstanden. Dann drehte er sich wieder um, um auf das Quarterdeck zu gehen. Die nebenstehenden Zwischendeckspassagiere würdigte er mit keinem Blick.

»Ob sie wohl Irrenhäuser in San Francisco haben?« sagte Ohlers, der ihm nachsah. »Es ist vielleicht keine schlechte Spekulation, ein großzügiges Institut da drüben anzulegen. Eigentlich und genau genommen ist schon die Hälfte von denen, die jetzt hinüberfahren, schon halb verrückt. Daß es bei den meisten dort drüben zum Ausbruch kommt, ist fast sicher. Ich muß mir die Sache noch einmal gründlich überlegen.«

Hetson ging inzwischen auf dem Quarterdeck auf und ab. Seine Frau ging zu ihm und legte ihren Arm in seinen, und das schien ihn zu beruhigen. Jedenfalls verließ er jetzt das Deck und ging in seine Kajüte hinunter.

Mittag rückte heran, und der Kapitän hatte sich mit dem Steuermann auf dem Deck eingefunden. Sie trugen ihre Geräte, um die Schiffsposition zu bestimmen. Leider versteckte sich aber die Sonne gerade gegen zwölf Uhr. Wenn auch die Seeleute versuchten, wenigstens einen Schein von ihr zu bekommen, blieb es doch vergebliche Mühe. Auf offener See hat das nicht viel zu sagen, das Schiff hält seinen Kurs, und ein heller Tag gleicht alles wieder aus. Hier aber, dicht vor einer fremden Küste, deren Landmarken keiner von ihnen kannte, war eine Sonnenobservation wichtig. Nur so konnten sie die genaue Breite bestimmen. Bei der günstiger wehenden Brise trieben sie jetzt aber auch dem Land immer näher. Sie hofften darauf, ein anderes Schiff zu treffen, das ihnen die unbekannte Einfahrt in die Bucht von San Francisco zeigen konnte.

Mehr und mehr traten jetzt auch die schroffen, felsigen und vollkommen kahlen Küstenberge des Festlandes hervor. Deutlich konnten sie in ihrer Nähe einige Segel erkennen. Aber dadurch ließ sich nicht erkennen, wo die Einfahrt lag. denn einige fuhren südlich, andere nach Norden hinauf. Andere änderten ihren Kurs völlig und fielen vor der Küste wieder ab. Es war klar, daß diese Schiffe die Einfahrt ebensowenig kannten wie sie selbst.

So mußte die ›Leontine‹ ihren Kurs wieder ändern, um den Uferklippen nicht zu nahe zu kommen. Die Passagiere wußten allerdings nicht, was sie davon halten sollten. Auf offener See waren sie gezwungen, die Führung des Schiffes dem Kapitän zu überlassen. Sie hatten keinen Anhaltspunkt, wo sie sich befanden, und dafür waren ja die Seeleute auch zuständig. Hier aber wurde das ganz anders. Hier sahen sie das Land hell und klar mit all seinen Einschnitten und Kuppen, seinen Bergen und Tälern liegen. Daß der Kapitän da nicht geradezu drauflosfuhr und Anker warf, kam ihnen unverantwortlich vor. Man betrog sie um weitere kostbare Stunden! Die Gefahr, die ihnen vor einer fremden Küste bei plötzlich auftretendem Sturm drohte, kannten sie nicht.

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