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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Abend brach an, und im hell erleuchteten Parkerzelt herrschte bereits wildes Leben. Allerdings fehlten die anregenden, frivolen Bilder, und die rauhen, eingerammten Pfosten mit den Lampen gaben dem Platz nichts von seiner früheren Eleganz. Aber der innere Raum war hell erleuchtet. Aus rohen Brettern hatte man ein Orchesterpodium errichtet, von dem die rauschende Musik wirbelte. Um die mit grünen Tüchern gedeckten Tische scharten sich die Spieler, soviel nur Platz fanden. Schon die Neugierde hatte viele Fremde hergebracht, die den Betrieb wieder eingerichtet sehen wollten, wo noch vor wenigen Stunden Flammen zum Himmel schlugen. Andere Spielhäuser waren ja auch vorübergehend zur Untätigkeit verurteilt, weil ihnen die Mittel für den schnellen Aufbau fehlten. Aber spielen mußten die Leute, womit sollten sie sonst den langen Abend verbringen. Was nur Platz finden konnte, drängte herbei.

Wie erwähnt, war der hintere Raum des Zeltes für die Speisetafel freigehalten und durch eine hölzerne Barriere, die am Abend noch einen Zeltvorhang erhielt, getrennt. Der Ertrag deckte zwar kaum die Kosten der Einrichtung, aber hier galt es, die Leute festzuhalten, die ihr Geld verspielen wollten. Sie sollten nicht außer Haus ihr Abendessen suchen und dann vielleicht nicht mehr zurückkehren. Auch der Champagner floß dort reichlich. Da sich der Wirt die Flasche mit fünf Dollar bezahlen ließ, ersetzte ihm das etwas von dem geringen Verdienst, den das Essen brachte. Die gedeckten Plätze waren fast alle belegt. Stand hier oder dort einmal einer auf, nahm sofort ein anderer seinen Sitz ein, und die Kellner wurden ständig in Atem gehalten. Erst mit einbrechender Dunkelheit verloren sich die Gäste immer mehr, um in der benachbarten Abteilung ihr Glück zu versuchen. In der Zeit zwischen Mittagessen und Abendbrot kamen nur wenige herein, die rasch abgefertigt wurden.

Unser alter Bekannter, der Kellner Emil, war ebenfalls den ganzen Tag außerordentlich beschäftigt gewesen. Erst jetzt, als sich die Zahl der Eßlustigen verminderte, fand er die Zeit, an sein eigenes Mittagessen zu denken. Das holte er sich selbst aus der Küche an einen gerade unbesetzten Teil des Tisches, schenkte sich ein Glas Wein ein und aß in aller Ruhe. Dabei warf er aber doch hin und wieder einen Blick zum Eingang, ob nicht noch eine größere Anzahl Gäste eintrat. Da hob Doktor Rascher die Leinwand auf, und Emil sprang mit einem Satz von seinem Stuhl auf.

»Hallo, Doktor, wie geht es Ihnen? Haben Sie bei dem Brand viel von Ihren Sachen verloren?«

»Vor allen Dingen bleiben Sie sitzen, und essen Sie Ihr Abendbrot, Herr Baron!« sagte der alte Arzt und schüttelte die Hand des jungen Mannes.

»Wenn Sie mich doch bloß nicht mehr ›Baron‹ nennen würden!« sagte er lächelnd und setzte sich wieder. »Sie werden doch wohl zustimmen, daß der Titel und meine Beschäftigung nicht zusammenpassen – wenigstens nach unseren europäischen Ansichten. Nennen Sie mich Emil, und wenn es nur wegen der anderen Leute ist. Wenn wir uns später einmal wieder zu Hause treffen, was hoffentlich der Fall ist, dann können Sie mich wieder nennen, wie Sie wollen.«

»Wenn Sie es nicht anders haben wollen, meinetwegen.«

»Ist Ihnen in der vergangenen Nacht viel verbrannt?«

»Gott sei Dank, nein. Meine Apparate befanden sich zum Glück noch an Bord. Nur meine kleine Medizinkiste und etwas Wäsche hatte ich an Land und konnte das glücklicherweise retten.«

»Es freut mich, das zu hören«, sagte Emil. »Jetzt aber erlauben Sie mir, Sie zu bedienen. Sie wollen doch essen? Bitte, keine Umstände, ich hoffe, wir verstehen uns doch?«

Der alte Mann lächelte.

»Sie müssen es einem eingefleischten Deutschen schon verzeihen, daß er sich von seinen alten Vorurteilen nicht so rasch losreißen kann. Aber Sie wünschen es so, lieber Emil, und so will ich mich fügen. Ja, ich möchte gern nachher etwas essen, denn ich hin fast noch nüchtern. Aber zuerst möchte ich Sie um Auskunft bitten. Es handelt sich um einen Mann, wohl einen Amerikaner, der im Parkerhaus wohnt oder sich vor dem Brand dort sehr häufig aufgehalten hat.«

»Mit dem größten Vergnügen, wenn ich ihn kenne. Haben Sie seinen Namen, oder können Sie ihn mir beschreiben?«

»Ich weiß nur, daß er Siftly heißt.«

»Siftly?« sagte der Kellner erstaunt. »Was haben Sie denn mit dem zu tun?«

»Sie kennen ihn?«

»Allerdings. Er gehört zu der nichtsnutzigen Sorte amerikanischer Spieler, die schon jetzt der Fluch des Landes geworden sind. Er ist nicht ungebildet, aber schon in seinem Gesicht erkennt man seinen Hang zu allen Lastern der Welt. Er ist rücksichtslos bei der Verfolgung seines Zieles, viel Gold zu bekommen. Diese Küste wird er nur als reicher Mann wieder verlassen, und wenn er dazu rauben und morden muß.«

»Sie schildern ihn ja in sehr schwarzen Farben!«

»Ich schildere Ihnen aber nicht nur einen, sondern leider eine ganze Klasse von solchen Menschen, deren Repräsentant Siftly ist. Wenn Sie meinem Rat und meiner kalifornischen Erfahrung etwas glauben wollen, dann lassen Sie sich mit dem Mann in nichts ein, wozu Sie einen ehrlichen Menschen brauchen.«

»Kalifornische Erfahrung«, lächelte der Arzt gutmütig. »Wie lange sind Sie denn schon eigentlich im Lande?«

»Drei Monate«, lautete die Antwort. »Sie müssen aber wissen, daß unser Jahr hier nur einen Monat hat oder daß sich in Kalifornien die Erlebnisse eines Jahres in diese Zeit zusammendrängen. Wir leben hier entsetzlich schnell, und selbst die Zinsen werden nicht nach Jahren, sondern nur nach Monaten gerechnet. Kaufleute zahlen jetzt nicht selten schon zehn oder zwölf Prozent monatliche Zinsen für das Kapital, und sechs Prozent per Monat ist der niedrigste Zinsstand. Vermögen wird hier ja auch in Monaten oder sogar Wochen gewonnen und oft in Tagen oder Stunden verloren. Wer einmal fünf Jahre in diesem Land verbracht hat, kann sich einen Greis an Erfahrung nennen!«

»Sie mögen vielleicht recht haben«, stimmte ihm der alte Arzt zu. »Was ich schon in den vierundzwanzig Stunden meines Aufenthaltes erlebt und gesehen habe, bestätigt das vollkommen. Um Sie aber zu beruhigen, ich habe selbst nichts mit diesem Siftly zu tun. Einer meiner Reisegefährten ist aber sehr krank und verlangt nach ihm. Wenn er aber eine solche Persönlichkeit ist, wie Sie ihn beschrieben haben, will ich ihn auch nicht belästigen, sehen möchte ich ihn aber doch. Ist er hier im Zelt?«

»Gewiß, denn die Spieltische sind das Element, in dem er lebt. Er könnte genausowenig ohne das grüne Tuch und die Karten existieren wie ein Fisch ohne Wasser. Er kommt aber auch zum Essen hierher, weil er bei uns abonniert und vorausgezahlt hat. Wenn Sie noch etwas warten wollen, können Sie ihn nachher beobachten. Sonst gehe ich aber auch einmal mit Ihnen in das Spielzelt und suche ihn, nur ist das Gedränge eben sehr arg.«

»Noch habe ich Zeit«, sagte der Arzt. »Da ich auch etwas genießen muß, kann ich gleich beides verbinden. Bitte, lieber... Emil, bestellen Sie mir etwas zu essen.« Der junge Mann verbeugte sich lächelnd, rückte dem Gast Teller, Messer, Gabel und Glas zurecht und verließ dann das Zelt, um sein Abendbrot zu besorgen.

Das Orchester war von der Speisetafel nur durch die dünne Leinwand getrennt. Es hatte ununterbrochen wüsten Lärm gemacht, den man allerdings nach einiger Zeit nicht mehr hörte. Betrat man erst den Raum, so klang es wie das schwere Klappern und Rauschen einer Mühle, das uns zuerst betäubt. Dann aber härtet sich das Gehör so dagegen ab, daß man keinen bestimmten Eindruck mehr davon wahrnimmt. Ja, man gewöhnt sich so stark daran, daß man nur lauter spricht, um von einem anderen gehört zu werden. Den Lärm vergißt man dabei ganz – bis er plötzlich schweigt.

So ging es Doktor Rascher. Er saß an dem Tisch und wartete auf sein Essen. Dabei dachte er an seinen Patienten Hetson, während dieses Chaos von wilden, schwirrenden und schmetternden Tönen sein Ohr erfüllte und betäubte, als die ›Musik‹ ganz plötzlich und wie abgeschnitten schwieg. Erschrocken zuckte er von seinem Stuhl hoch und fühlte erst jetzt das Unangenehme des früheren Tobens.

»Gott sei Dank, daß es vorüber ist«, murmelte er leise vor sich hin. »Jetzt werden sie mich doch die paar Bissen ruhig essen lassen.«

Der leise zitternde Ton einer Violine antwortete ihm darauf. Er setzte fast so unmittelbar ein, wie die übrigen Instrumente schwiegen, und der Doktor rückte sich unwillig auf seinem Stuhl zurecht. Dieser Unwille in seinem Gesicht wich aber bald einem angenehmen Erstaunen, mit dem er dem Fortgang der Töne lauschte. Immer seelenvoller und mächtiger schwollen sie an, er hörte und sah nichts weiter um sich her und beachtete noch nicht einmal, daß Emil das Essen vor ihn hingestellt hatte und hinter seinem Stuhl stehenblieb. Das war auch ohne das leiseste Geräusch geschehen, und der Kellner schien selbst ganz verloren den schwermütigen Klängen des wunderbaren Instrumentes zu lauschen. Andere Gäste hatten inzwischen das Zelt betreten und Platz genommen – er bemerkte es gar nicht. Regungslos lauschten die beiden der süßen Melodie.

»Emil! Zum Henker, Emil!« weckte ihn da eine rauhe Stimme aus seinen Wachträumen. »Sind Sie durch das Gefiedel da draußen so müde geworden, daß Sie im Stehen Ihren Mittagsschlaf halten? Was gibt's heute zu essen? Ich habe einen Hunger wie ein Wolf und den ganzen Tag noch keinen ordentlichen Bissen über die Lippen gebracht!«

Emil schrak auf, wie von einer Nadel gestochen. Er warf einen zornigen Blick auf den Störer, doch der bemerkte ihn nicht. Er war völlig in den vor ihm liegenden Speisezettel vertieft. Dann war er wohl zu einem Resultat gekommen, schob ihn zur Seite und rief: »Eine Portion Roastbeef und Kartoffeln. Nachher will ich einmal einen Schnitt von dem Grizzlybären versuchen – aber ein bißchen rasch, wenn's gefällig ist, ich habe nicht viel Zeit.«

Auch der Doktor war durch die rauhe Störung wieder zu sich selbst gekommen und betrachtete den eben eingetretenen Mann. Der hatte seine Zarape über die Stuhllehne geworfen, den Hut weiter nach hinten geschoben und dann beide Hände abwartend gegen den Tisch gestemmt.

»Das ist Siftly«, flüsterte Emil hinter ihm. Dann wandte er sich ab, um seiner Pflicht als Kellner nachzukommen.

»Der also?« murmelte Rascher leise vor sich hin und vergaß dabei sogar die weiche Melodie. »Ja, da haben der Baron und Mrs. Hetson allerdings recht. Das Gesicht gefällt mir auch nicht. Der große Bart steht ihm zwar, aber diese kleinen, schwarzen Augen blicken tückisch unter den dunklen Augenbrauen. Entschlossen sieht er auch aus und wird sich seinen Weg in diesem wilden Land bahnen. Ob der aber der richtige Arzt für meinen Kranken ist, möchte ich bezweifeln.«

Siftly bemerkte den unter einer Lampe sitzenden Fremden nicht oder beachtete ihn nicht. Er nickte Emil zu, der eben mit dem Essen kam, ergriff Messer und Gabel und schien jetzt für nichts anderes mehr Sinn zu haben als für seine Mahlzeit. Die Violine war draußen verstummt, und Emil trat wieder zum Stuhl des Doktors.

»Na, wie gefällt er Ihnen?« erkundigte er sich leise.

»Gar nicht«, erwiderte er rasch. »Sie haben vollkommen recht, der Mensch hat ein gefährliches Gesicht und kann wohl einem anderen nicht frei ins Auge sehen. Aber sagen Sie doch mal, wer ist dieser wunderbare Violinspieler, der sein Instrument so meisterhaft beherrscht, und welcher unglückliche Stern hat ihn in eine der schlimmsten Spielhöllen von San Francisco geführt?«

»Ja, ein unglücklicher Stern«, seufzte da Emil viel ernster, als er bislang war. »Das trifft besonders zu, weil die Violine durch ein Mädchen gespielt wird.«

»Ein Mädchen?« rief der Doktor und drehte sich rasch zu ihm um.

»Eine Spanierin«, bestätigte Emil, »deren Vater der besten Klasse seines Landes anzugehören scheint, so edel sind sein Äußeres und sein Benehmen, wenn – wenn nicht das Spiel ihn zu dem gemacht hätte, was er jetzt ist – ein unglücklicher, verlorener Spieler, der sich und sein Kind rettungslos zum nahen Abgrund des Verderbens zieht.«

»Sie machen mich neugierig, sie zu sehen«, sagte der Doktor.

»Da kommen sie«, flüsterte Emil. Wäre Doktor Rascher im Moment nicht mit den Personen beschäftigt gewesen, so hätte ihm die Veränderung im Gesicht seines jungen Freundes nicht entgehen können. So aber sah er nur rasch zum Einschnitt im Segeltuch, der als Tür diente. Manuela, wie immer in Schwarz gekleidet, das bleiche, wunderschöne Gesicht halb verhüllt, betrat, schüchtern an ihren Vater gelehnt, den Raum.

»Hallo, Don Ronez!« rief ihm da Siftly ungeniert zu. Er hatte sich ein paar spanische Worte gemerkt und gebrauchte sie zumeist falsch. »Sta bueno – aqui – aqui esta... Damn it, wie heißt das nun auf spanisch... he! Hier ist Platz, setzen Sie sich hierher mit der Señorita!«

Don Ronez schien die Einladung nicht gehört zu haben oder beachtete sie nicht. Er neigte nur leicht den Kopf zu dem Amerikaner, den Manuela überhaupt nicht ansah. Dann ließ er sich mit seiner Tochter an der anderen Seite des Tisches nieder. Siftly schien aber die Unterhaltung noch nicht aufgeben zu wollen. Mit dem wenigen Spanisch, das er radebrechte, versuchte er ein Gespräch mit dem jungen Mädchen anzuknüpfen und versuchte ihr Spiel zu loben. Manuela gab ihm aber keine Antwort und sah auch nicht von ihrem Teller auf. So wies sie hartnäckig jede Annäherung zurück, bis der Amerikaner ihr einen nicht gerade freundlichen Blick zuwarf, seine Unterlippe zwischen die Zähne kniff und mit dem Messer sein Brot zerstieß.

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