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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Erbärmlicher Schuft!« schrie da Smith mit vor Wut heiserer Stimme und griff blitzschnell nach dem in der Weste versteckten Revolver. Siftlys Hand lag aber wie Eisen auf seinem Arm. Sie durften auf keinen Fall mit der Polizei zu tun bekommen. Deshalb trat er zwischen die beiden, um sie zu trennen.

»Brown«, sagte er dabei mit ernster und beschwichtigender Stimme, »ich glaube, daß Sie Smith unrecht tun, und jedenfalls ist die Art...«

»Glauben Sie, was Sie wollen«, unterbrach ihn aber kurz der kleine, äußerst gereizte Mann. »Wenn Sie mich wegen meiner Worte zur Rede stellen wollen, wissen Sie, wo ich wohne.« Damit drehte er sich auf dem Absatz um, würdigte keinen mehr eines Blickes und ging rasch die Straße hinunter.

Smith machte eine Bewegung, als wolle er ihm folgen, aber Siftly ließ seinen Arm nicht los. Er zog ihn in die entgegengesetzte Richtung und flüsterte leise:

»Laß ihn laufen! Wenn er nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, mußte er etwas merken. Jetzt hat er sich ausgesprochen, und die Sache ist viel leichter und schneller vergessen. Er weiß genausogut wie wir, daß er nichts machen kann. Ich denke, die paar Worte können wir uns wohl von ihm gefallen lassen. Er hat sie teuer genug bezahlen müssen.«

»Er wird uns aber weiter nachspüren«, sagte Smith. »Wenn du mich nicht gehalten hättest, wäre er jetzt unschädlich gemacht!«

»Und wir vielleicht in den Händen einiger freundlicher Konstabler, die sich genauer nach unseren Verhältnissen erkunden möchten, als uns wahrscheinlich lieb wäre«, sagte lachend Siftly. »Nein, Kamerad, nicht hier in der Stadt, die wir doch morgen verlassen. Sollte er aber wahnsinnig genug sein, uns zu folgen, dann überläßt du mir die Sache. Ich hoffe, du wirst dann mit der Erledigung zufrieden sein. Aber jetzt Schluß mit dem Unsinn und zu den Geschäften. Ich war leider nicht in der Lage, dich nach dem Feuer wiederzufinden. Unser Zusammentreffen würde ich auch zufällig nennen, wenn ich nicht wüßte, daß wir beide mit stärkeren Banden aneinander gefesselt sind. Ist das Gold in Sicherheit?«

»Ja«, erwiderte Smith.

»Außerhalb der Stadt?«

»Natürlich. Hier wußte ich keinen sicheren Platz und wollte uns auch keiner Entdeckung aussetzen.«

»Natürlich nicht. Und wann brechen wir auf?«

»Morgen früh, denke ich, aber nach dem, was eben zwischen uns und dem Burschen vorgefallen ist, nicht zusammen. Wir treffen uns lieber an einem anderen Ort, am besten in den Minen.«

Siftly warf einen raschen, forschenden Blick auf das Gesicht seines Kameraden. Im Schatten der Häuser, in dem sie gemeinsam gingen, ließen sich jedoch seine Züge nicht mehr erkennen.

»Und wie willst du das Gold wegbringen?« erkundigte sich Siftly nach einigem Überlegen.

»Auf einem Dampfboot bis Sacramento natürlich«, sagte Smith. »Dort kaufe ich ein Maultier und packe es in die Satteltasche.«

»Und wo ist es jetzt?«

»Das Gold? In Sausalita. Ich war heute morgen drüben. Am besten, du nimmst den Landweg um die Bai nach Sacramento, auch wenn der etwas weiter und mühsamer ist. Wir treffen uns dann nicht in Sacramento City, wohin Brown auch kommen könnte, sondern in Yuba City. Dort spürt uns kein Teufel auf, soviel ist sicher.«

Siftly überlegte kurz. »Nein, das wohl nicht, aber – ich habe mir die Sache doch anders überlegt und denke, wir machen die Reise lieber zusammen. Wenn uns Brown wirklich nachspüren wollte und uns zusammen trifft – was weiter? Daß er uns nicht schaden kann, dafür will ich schon sorgen!«

»Meinetwegen, wenn du mir nicht traust!« sagte Smith finster.

»Davon ist jetzt keine Rede«, erwiderte Siftly ruhig. »Ich weiß, daß du mich kennst, und deshalb mache ich mir keine Sorgen. Also, um wieviel Uhr geht das Sausalita-Boot morgen früh ab?«

»Um sechs.«

»Und das Sacramento-Boot?«

»Um sieben. Es legt aber auch in Sausalita an.«

»Gut, dann gehst du morgen früh mit dem ersten Boot hinüber, und ich komme mit dem zweiten nach. An der Landestelle wartest du mit dem Gold auf mich, und wir reisen zusammen. Bist du einverstanden?«

»Von Herzen gern, wenn nur Brown uns keinen Streich spielt!«

»Genug, das ist besprochen. Wohin gehst du jetzt?«

»Ins Parkerhaus oder vielmehr Parkerzelt«, lachte Smith. »Der Betrieb hat sich ja etwas reduziert. Gehst du mit?«

»Klar!« erwiderte Siftly. »Wenn wir jetzt auch keine freie Hand mehr im Spiel haben können, bin ich das Leben doch zu sehr gewohnt und vermisse es. Ich will heute abend sehen, ob ich selbst Glück habe.«

In der Pacific Street stand ein kleines, einzelnes Haus aus Sparrbalken und mit blauem, von der Sonne schon gebleichtem Kattun bespannt. In eine Ecke hatte man auf die bloße Erde eine Matratze geschoben, und dort lag, von einer Decke zugedeckt, ein Kranker. Er schlief fest, aber unruhig.

Neben dem Lager stand eine junge, bleiche, aber bildschöne Frau. Ein alter Mann mit weißen Haaren hatte sich gerade über den Fieberkranken gebeugt und fühlte mit vorsichtigem Finger seinen Puls. Die Frau schaute mit ängstlich gefalteten Händen und besorgtem Blick zu. Als der alte Arzt nachdenklich den Kopf schüttelte, ergriff sie seinen Arm und führte ihn zur Tür.

»Sie sind mit seinem Zustand nicht zufrieden, Doktor?« erkundigte sie sich mit zitternder Stimme. »Verhehlen Sie mir bitte nichts, die Ungewißheit und Angst sind für mich viel schlimmer als die Wahrheit!«

»Sie müssen nichts befürchten, Mrs. Hetson«, sagte der alte Mann freundlich. »Sein Puls gefällt mir allerdings nicht, aber er hat gerade starkes Fieber, und ich hoffe, daß aus der ganzen Sache nichts weiter wird als eben ein Fieber, das wir schon wieder beheben können. Es wäre aber für Sie beide wünschenswert, wenn Sie eine freundlichere Umgebung bekämen als diese alte Kattunbude. Der erste starke Regen würde sie doch zusammenwaschen!«

»Denken Sie nicht an mich, Doktor«, bat die Frau. »Schaffen Sie mir nur die Beruhigung, daß mein armer Frank wiederhergestellt wird, und ich will Ihre Kunst segnen!«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Beste Mrs. Hetson, ich befürchte fast, daß das eigentliche Übel außerhalb des Bereiches meiner Kunst liegt und mehr in seinem Geist, vielleicht in seiner Einbildung beruht. Sie wissen, weshalb er in diesem Zustand ist?«

»Nein, ich habe keine Ahnung.«

»Wo haben Sie ihn gefunden?«

»Der Arzt fand ihn, ein Gentleman aus England. Wir waren in sein Haus geflüchtet, ehe die Flamme auch dort hinüberschlug und uns zur Flucht zwang. Hetson war zum Parkerhaus geeilt, um noch etwas von unseren Sachen zu retten. Der Arzt fand ihn bewußtlos auf der Straße liegen. Er erkannte ihn und ließ ihn in dieses kleine Haus bringen, das ihm ebenfalls gehört. Ich war in der Wohnung seines Bruders und kam dann auch hierher. Jetzt ist er gegangen, um Medizin zu besorgen. Ich danke nur Gott, daß er Ihre Schritte hierhergelenkt hat. Aber wie erfuhren Sie, daß wir uns hier befanden?«

»Nur durch einen Zufall«, sagte der alte Mann, »der hier das kalifornische Schicksal zu vertreten scheint, wenn wir in unserem wunderbaren Leben überhaupt einen Zufall gelten lassen wollen. Von Mitpassagieren hörte ich, daß Mr. Hetson, der einigen auf der Straße begegnet war, seine Frau verloren habe und ganz außer sich geraten sei. Einer der Leute hatte glücklicherweise geholfen, ihn in dieses Haus zu tragen, und war so freundlich, mich hierherzuführen.«

»Aber wie kann um Gottes willen diese Krankheit nur in seiner Einbildung verwurzeln?« sagte die Frau.

»Vielleicht bin ich selbst schuld«, antwortete Doktor Rascher. »Ich sah Sie während des Feuers in Begleitung des englischen Arztes, den ich natürlich nicht kannte. Ich nahm an, Ihr Mann wäre bei Ihnen. Als ich ihn dann suchend traf, sagte ich ihm, daß ich Sie unter dem Schutz eines fremden Mannes getroffen hätte. Ich fürchte, daß er ihn für seinen Nebenbuhler hielt. Nach dem, was Sie mir berichtet haben, könnte das seinen Zustand erklären.«

Jenny schwieg, sie war fast noch blasser geworden und sah ernst zu Boden.

»Armer, armer Frank!« flüsterte sie dann leise. »Was glauben Sie, Doktor, kann ihn von diesem unglücklichen Wahn befreien, ihn gründlich heilen?«

»Gründliche Heilung«, sagte der alte Mann, »ist nur durch ein persönliches Begegnen und Aussprechen der beiden Männer möglich. Aber es ist auch ein gefährliches Mittel. Jetzt quält er sich ab in der Angst um ein Schattenbild, ein Phantom, das ihm überall droht und doch nicht erreichbar ist. Wenn er ihm erst einmal Auge in Auge gegenübersteht...«

»Befürchten Sie nicht, daß das seinen Zustand verschlimmern könnte, Doktor?«

»Ehrlich gesagt, nein. Allerdings läßt sich die Entwicklung solcher Seelenzustände unmöglich vorherbestimmen. Wissen Sie, wo dieser Mann sich aufhält?«

»Ich habe davon keine Ahnung. Erst durch Frank habe ich gestern erfahren, daß er in Kalifornien ist, und selbst das kann noch eine Namenstäuschung sein. Ich befürchte für ihn aber das Schlimmste, sogar für sein Leben, wenn er in diesem Zustand ihm begegnet.«

»Dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als entweder Kalifornien mit dem ersten besten Schiff wieder zu verlassen, und das wäre für Sie beide, insbesondere für Sie, Mrs. Hetson, das allerbeste. Oder Sie machen, wenn Ihr Mann einverstanden ist, eine Reise in die Gebirge, sobald er in der Lage ist, das ohne Gefahr auf sich zu nehmen. Die frische Bergluft und das Gefühl der Sicherheit oben in der Wildnis werden dazu beitragen, seine alte Kraft und Gesundheit zurückzubringen. Dann wird er sich auch die früheren, häßlichen Träume fernhalten.«

»Doktor!« flüsterte in diesem Augenblick der Kranke und erhob sich mühsam von seinem Lager. »Doktor! Sie sind dort die Straße hinaufgeflohen! Wenn Sie ein Pferd nehmen, können Sie ihn noch einholen! Jenny! Jenny!«

»Frank – mein Frank!« rief die Frau, stürzte an sein Lager und nahm ihn in die Arme. »Ich bin doch bei dir und werde dich nie wieder verlassen! Kennst du deine Jenny nicht mehr?«

»Die Straße hinauf, Doktor!« rief aber der Unglückliche, den die Stimme nicht erreicht hatte. »Dort drüben! O Gott, jetzt sind sie um die Ecke, und in dem Menschengewirr werden Sie die Spur verlieren!«

»Frank, lieber Frank, komm zu dir! Ich bin doch hier, bei dir, sieh mich an!«

Der Kranke lauschte einen Augenblick, dann stöhnte er: »Siftly! Wo ist Siftly? Rufen Sie ihn, Doktor. Ich muß ihn sprechen, aber schnell! Er kennt alle Winkel und Wege dieser irren Stadt – er hat mir auch ein Mittel genannt, um Ruhe und zu finden! Siftly – Siftly... kann mir... helfen!« Erschöpft, mit geschlossenen Augen sank der Kranke zurück in die Arme seiner Frau, wo er ruhig liegenblieb.

»Nach wem ruft er da?« fragte der Arzt mit unterdrückter Stimme, als er wieder nach dem Puls faßte.

»Ein Jugendfreund meines Mannes, den er hier zufällig getroffen hat«, erwiderte Mrs. Hetson.

»Da er nach ihm ruft, wäre es vielleicht gut, ihn herzubringen. Vielleicht kann seine Nähe die wilden Träume zerstören. Wissen Sie, wo er zu finden ist?«

»Soviel ich weiß, wohnte er im Parkerhaus. Zumindest kennt man ihn dort, denn trotz der Überfüllung des Hauses verschaffte er uns noch ein Zimmer. Aber sein Aussehen ist nicht gerade eine Empfehlung. Ich kann mich irren, aber ich glaube kaum, daß ich mich in seiner Nähe wohl fühlen würde.«

»Liebe Mrs. Hetson«, sagte achselzuckend der Arzt und legte den Arm des Kranken wieder auf die Decke. »Nach dem, was ich bislang von dem Land und seinen Bewohnern gesehen habe, scheint es mir, als könnte man nicht immer nach dem Äußeren gehen. Oft steckt hier in der unscheinbarsten Hülle ein ganz hervorragendes Exemplar eines Menschen. Ich habe selbst ein merkwürdiges Beispiel davon erlebt, was ich Ihnen vielleicht später einmal erzähle. Von dem ersten Eindruck müssen wir hier absehen. Jedenfalls will ich nach dem Mann im Parkerhaus sehen. Wenn wir von seiner Anwesenheit eine Besserung für unseren Kranken erwarten können, bringe ich ihn hierher. Sind Sie damit einverstanden?«

»Mit allem, was Sie anordnen!« sagte sie und ergriff seine Hand. »Sie haben sich schon an Bord als so guter, ehrlicher Freund erwiesen, daß ich...«

»Aber, Mrs. Hetson, ich wollte, ich könnte wirklich etwas Wesentliches für Sie tun. Bis das geschehen ist, sparen Sie sich den Dank!« sagte der alte Mann abwehrend und lächelte.

»Was soll ich jetzt mit dem Kranken tun? Die ganze Nacht allein ohne Hilfe vergehe ich ja vor Angst!«

»Allein dürfen Sie auch nicht bleiben, man weiß nie, was passiert. Ich habe deshalb schon daran gedacht, Ihnen eine Frau herüberzuschicken, und zwar die, die die Schiffsreise mit uns gemacht hat. Es ist zwar eine Deutsche, aber ich weiß, daß Sie sich auch in meiner Sprache verständlich machen können. Sie wohnt nur ein paar Häuser weiter und hat ihre Kinder unter der Aufsicht eines Reisegefährten. Sie kann immer einmal hier hereinsehen und wird meine Bitte bestimmt nicht abschlagen. Ich bin ihr unterwegs auch immer gefällig gewesen und habe das jüngste Kind von einer Krankheit geheilt. Der englische Arzt wird Ihnen wahrscheinlich ein Beruhigungsmittel für Ihren Mann bringen, denn ein anderes Mittel können wir kaum anwenden, ehe wir die Krankheit nicht genau kennen. Jedenfalls sehe ich selbst in einer Stunde noch einmal nach und bringe dann hoffentlich gleich die versprochene Frau und einige Medikamente mit.«

Jenny Hetson wollte ihm danken, aber der Arzt schüttelte freundlich seinen Kopf, ergriff den Hut und verließ rasch das Haus. Er wollte zuerst mit Frau Siebert sprechen und dann zum Parkerzelt gehen.

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