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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Ah, Herr Justizrat«, sagte der Assessor freundlich. »Ist mir sehr angenehm, Sie auf festem Land begrüßen zu können. Wie Sie sehen, gehe ich mit der armen Frau Siebert in die Stadt hinauf, in das Gasthaus, in dem ihr Mann gestorben ist.«

»Hm ja, hab's gehört, tut mir leid. Eigentlich verfluchte Geschichte«, brummte der Mann des Gerichts in einem leisen Anflug von Mitgefühl. »Na, schadet weiter nichts«, setzte er dann aber auch gleich, gewissermaßen als Trost, hinzu. »Können dann Erbschaft gleich antreten und mit nächstem Schiff wieder umkehren. Heilloses Land, das Kalifornien, fordern einem für ein Pfund schlechten Knaster sieben Dollar ab – noch gar nicht dagewesen. Wie kann eine Frau da existieren?«

Die arme Frau antwortete keine Silbe. Der Schmerz und Schreck hatte sie niedergebrochen. So zuversichtlich und selbstbewußt, wie sie an Bord dem Leben in Kalifornien entgegengesehen hatte, so niedergedrückt und unempfindlich für alles um sie herum war sie jetzt. Der Justizrat nahm weiter keine Notiz von ihr und erkundigte sich bei dem Assessor nach dem Gasthof. Er hatte selbst das Schiff nur verlassen, um sich einen Wohnplatz auszusuchen, ehe er sein Gepäck an Land schaffte. Da er seine Worte in der gewöhnlichen, barschen Art herauspolterte und dabei dicht neben dem Assessor ging, fing das kleine Kind wieder an zu schreien und wollte sich nicht beruhigen lassen. Den Justizrat konnte das allerdings nur wenig davon abhalten, in seinen Meinungsäußerungen über das Land, von dem er eigentlich noch gar nichts gesehen hatte, fortzufahren. Der kleine Einwanderer schien aber entschlossen zu sein, das Wort zu behalten. Je lauter der Justizrat sprach, desto mehr schrie das Kind, und die Leute auf der Straße blieben schon stehen und sahen ihnen nach. War doch selbst ein kleines Kind etwas Ungewöhnliches in Kalifornien.

Besonders dem armen Assessor war seine Lage jetzt sehr peinlich. Einige Male warf er einen halbverzweifelten Blick auf den neben ihnen fahrenden Güterkarren, ob er nicht vielleicht dort seine kleine, unruhige Last absetzen könne. Das ging aber doch nicht an, die Mutter nahm nicht die geringste Notiz von ihrem Kind, das sie gut aufgehoben wußte, und dem Mann blieb so nichts anderes übrig, als eben auszuharren.

Die Umstehenden hätten sich vielleicht noch mehr mit dieser wunderlichen kleinen Karawane beschäftigt, hätte nicht San Francisco zu dieser Zeit ständig Neues und Sonderbares geboten. Die Aufmerksamkeit der Leute wurde jetzt auch auf einen anderen Trupp gelenkt, der sie allerdings auch mehr verdiente. Die Gerüchte, die damals im Ausland über Kalifornien verbreitet wurden, schilderten das Land kaum besser als eine Art großer Räuberhöhle, in der man ständig mit gespannter Pistole seinen Sack voll Gold und sein Leben schützen mußte. Daß in einem noch so wilden Land zuweilen ungesetzliche Handlungen vorfielen, ließ sich allerdings nicht leugnen. Die ganzen Zustände waren ungesetzlich – wenn auch nicht in dem Maße, in dem sie geschildert wurden. Deshalb hatten sich auch die meisten Einwanderer, die sich ein Land ohne Polizei nicht denken konnten, mit allen möglichen, tragbaren Waffen ausgerüstet. Gewehre, Dolche und Pistolen spielten bei dem Minengepäck eine bedeutende Rolle. Das Nonplusultra dieser fast krankhaften Selbstschutzmanie bot aber ein kleiner Trupp von Leuten, die in diesem Augenblick über die Plaza zogen.

Die kleine Gesellschaft bestand aus fünf Personen. Ihr Anführer hatte eine fast riesengroße Gestalt, trug einen krausen, schwarzen Bart, mächtige Schultern und schritt gravitätisch voran. Der Mann, der sicher seine sieben Fuß maß, trug einen breitrandigen weißen Filzhut, ein grünes Hemd und helle Hosen. Um den Körper in einem etwa zehn Zentimeter breiten, weißen Ledergurt hing ein riesiger Degen, der hinter ihm klirrend den trockenen Staub aufwühlte. Neben dem Degen hing aber noch ein mächtiger Hirschfänger mit Hirschhorngriff, wahrscheinlich für ein engeres Handgemenge bestimmt. Daneben wieder ein etwa dreißig Zentimeter langer ›Nickfänger‹ zum Zusammenklappen, ebenfalls in einer Scheide. Rechts im Gürtel steckte außerdem ein Dolch mit Pistolenläufen daran, und zwei doppelläufige Pistolen füllten den vorderen Raum aus. Zugleich hing ihm über der Schulter eine leichte Vogelflinte mit enormem Kaliber. Trotzdem paßte zu dieser wirklich verzweifelten Ausrüstung das Gesicht des Mannes keineswegs. Mit seinen roten Backen und seinen treuherzigen, blauen Augen sah er gutmütig und freundlich aus und schien ein wenig erstaunt sich umzusehen. Möglich, daß er geglaubt hatte, er müßte bei seiner Landung jeden Zollbreit des Bodens mit der blanken Waffe erkämpfen. Nun schien er überrascht zu sein, nirgends auch nur auf den geringsten Widerstand zu stoßen. Komisch wurde aber sein Erscheinen durch die vier Begleiter. Dazu hatte er sich vielleicht sogar absichtlich den kleinsten Menschenschlag herausgesucht. Die vier kleinen Burschen, die ihm folgten, trugen die gleichen Bärte und Bekleidung wie er. Allerdings fehlte ihnen der Degen, ihre Bewaffnung begann bei dem Hirschfänger, der auch besser zu ihrer Statur paßte. Sonst waren sie auch reichlich mit Dolchen und Pistolen versehen und zogen dabei einen kleinen, vierrädrigen Handkarren, auf dem wahrscheinlich ihr Gepäck lag. Es standen nämlich vier kleine und ein großer Koffer darauf, daneben lagen Schaufeln, Spitzhacken, Blechpfannen, Kochgeschirr und Regenschirme. Die vier kleinen Riesen, von denen wohl immer zwei abwechselnd den Karren zogen und die anderen als Wache mitgingen, folgten dem großen vertrauensvoll, wohin er sie führen würde.

Es waren übrigens unverkennbar Deutsche. Schon die baumwollenen Regenschirme verrieten das, wenn nicht schon ihre Gesichter oder ihre Kleidung. Schweigend und ohne sich um jemand zu kümmern, schritten sie über die Plaza und verschwanden bald in einer der nach Westen führenden Straßen.

In diesem Augenblick erschien Hufner wieder auf dem Schauplatz, schweißgebadet und sich ängstlich nach Ballenstedt umsehend. Der war aber nirgends mehr zu finden. Auf einige in mittelmäßigem Englisch vorgetragene Fragen an Vorübergehende schickte man den bestürzten jungen Mann rasch hinter dem kleinen Trupp der Bewaffneten her. Hier erkannte Hufner allerdings bald, daß er sich geirrt hatte. Ballenstedt war aber in diesem Menschengewirr nicht mehr aufzufinden, und die Deutschen, an die er sich wandte, konnten ihm auch keine Auskunft geben. Der Schaden ließ sich jedoch leicht ersetzen, ja, vielleicht konnte er seine Aussichten sogar noch verbessern, wenn er sich dieser Karawane anschloß. Dadurch würde er auch sein schweres Bündel, das ihm schon so Mühe machte, auf einen Karren bringen. Ohne weiteres wandte er sich deshalb auch an den Führer des kleinen Trupps.

»Hört einmal, Landsleute, ich habe eben meinen Kameraden verloren, mit dem ich in die Minen wollte. Wenn es euch recht ist, so bleibe ich bei euch, und wir können dann ›da oben‹ zusammenarbeiten.«

»Und wo haben Sie Ihre Waffen?« erkundigte sich da der Riese, der zu Hufners Erstaunen eine ganz merkwürdig feine und weiche Stimme hatte.

»Meine Waffen?« sagte er deshalb etwas verblüfft. »Waffen habe ich keine, mein Brotmesser ausgenommen und eine kleine Pistole. Sie ist aber nicht geladen, denn ich fürchte, daß sie mir einmal in der Tasche losgeht. In Bremen ist neulich so ein Unglück passiert.«

»Keine Waffen?« rief da der Riese und drehte sich vor lauter Erstaunen ganz zu ihm herum. »Womit wollen Sie sich denn da verteidigen?«

»Ja...«, stotterte Hufner, »ist es... ist es denn so gefährlich in den Minen da oben? Ich dachte...«

»Gefährlich?« wiederholte der Riese mit einem fast mitleidigen Achselzucken. »Sehen Sie uns einmal an. Glauben Sie, wir hätten uns bis an die Zähne bewaffnet, wenn es nicht gefährlich wäre?«

»Aber Ballenstedt hat nur einen Regenschirm und eine Schaufel bei sich«, sagte Hufner bestürzt.

»Armer Mann«, seufzte leise der Riese. »Wer weiß, unter welchem Baum seine Knochen in den nächsten Tagen bleichen werden. Wir werden uns jeden Abend richtig verschanzen. In ein paar Stunden können wir fünf schon einen richtigen Wall aufwerfen. Wir sind auch bereit, noch mehr tüchtige Besatzung zu uns stoßen zu lassen, aber wehrhafte Männer müssen wir haben. Mit dem Schirm können Sie sich nicht verteidigen, und selbst Ihr Terzerol ist nicht ausreichend. Unter diesen Umständen tut es mir also leid, Sie nicht meiner kleinen Schar einverleiben zu dürfen, es ist gegen unsere Vorschriften.«

»Aber da kann ich doch nicht ganz allein...«

»Bedaure sehr«, unterbrach ihn der Gewaltige. »Hier in Kalifornien muß jeder selbst für sich sorgen. Achtung, Leute! Ordnung beibehalten – vorwärts – marsch!« Damit hob er freundlich und huldvoll zu Hufner die linke Hand, machte eine militärische Schwenkung, warf den rechten Arm in die Höhe und stellte sich wieder an die Spitze des Zuges, der im nächsten Augenblick seinen unterbrochenen Weg fortsetzte.

Unschlüssig blieb Hufner noch an derselben Stelle stehen. Er hatte den Gedanken, ihnen zu folgen und sich wenigstens den Schutz ihrer Nähe zu sichern. Seine angeborene Bescheidenheit hinderte ihn aber, und er kehrte schließlich in sein altes Quartier zurück. Unter diesen Umständen konnte er es natürlich nicht wagen, allein in die Minen zu wandern. Es blieb ihm jetzt nichts anderes übrig, als sich Waffen anzuschaffen und sich dann einer anderen Gesellschaft anzuschließen.

Obwohl sich die Sonne mehr und mehr dem Horizont zuneigte und ihre rote Scheibe schon hinter dem Rand der Küstenberge verschwand, ließ das geschäftige Treiben auf der Plaza noch nicht nach. Von allen Seiten wogten die Menschen herüber und hinüber, und schwerbeladene Karren kamen ununterbrochen vom Ufer herauf. Sie brachten das Passagiergepäck in die verschiedenen Gasthäuser – oder vielmehr Gastzelte. Gerade zu dieser Zeit war die Einwanderung beträchtlich. Die Nachrichten vom Reichtum der Goldfelder hatten in der ganzen Welt gewirkt. Aus allen Erdteilen kamen die Abenteurer herbeigeströmt, um die fabelhaften, in ihrer Einbildung noch gesteigerten Schätze zu heben. Zehn bis zwölf Schiffe pro Tag waren völlig normal. Behinderte der Wind einmal ihre Einfahrt, stieg die Anzahl am nächsten Tag gleich über zwanzig. Die Mehrzahl sah aber San Francisco nur als ersten Landungsplatz an, wo sie keine bleibende Unterkunft suchten. Die Berge waren ihr Ziel, dem sie so schnell wie möglich entgegenstrebten. Sie hätten vielleicht noch nicht einmal die erste Nacht in einem Gasthof geschlafen, vor dessen hohen Preisen sie sich fürchteten. Aber das eigene Gepäck war ihnen im Wege. Wohin damit? Ihre Koffer und Kästen konnten sie nicht mit in die Minen schleppen, und sie mußten deswegen schon irgendwo einen Unterschlupf finden. So waren die meisten Passagiere der ›Leontine‹ den ganzen Nachmittag herumgelaufen, um eine sichere Aufbewahrung für ihr Gepäck zu finden, aber ohne Erfolg. Die Wirte erklärten sich allerdings bereit, das Gepäck aufzuheben, aber mehr als Schutz vor Regen konnten sie nicht bieten. Eine Aufsicht war unmöglich, trotzdem betrug die Lagermiete einen Dollar für den Koffer pro Monat, zwei Dollar für eine Kiste.

Es half aber nichts. Die Leute hatten sich zu Hause von Verwandten und Freunden und allem losgerissen, an dem ihr Herz hing. So konnten sie sich hier nicht von einem Koffer oder einer Kiste festhalten lassen! Deshalb wurde das Gepäck in irgendeinen angewiesenen Verschlag aus Leinwand oder Brettern geschleppt, der Wirt stellte einen Zettel aus, daß er das Stück erhalten habe, aber weiter nicht dafür hafte. Dann zogen die Goldlustigen in die Minen, ohne sich um ihr Gepäck weiter zu kümmern – und in wie wenig Fällen sahen sie es wieder.

»In die Minen!« hieß der allgemeine Ruf. Die wenigen in San Francisco noch erscheinenden Zeitungen steigerten die Hast täglich neu durch immer tollere Berichte von frisch entdeckten Schätzen. Jede Stunde, die die ›Goldwäscher‹ hier noch ausharren mußten, hielten sie für verloren. In rastloser Ungeduld durchstreiften sie die Stadt, als ob sie damit die Zeit betrügen könnten. Gerade diese Tausende, die so ohne Beschäftigung in San Francisco waren und am nächsten Tag bereits durch andere ersetzt wurden, füllten die zahlreichen Spielsäle. Einmal konnten sie sich dort die Zeit am besten verkürzen, dann blieb es zugleich ein Beginn des Goldlandes, ein Probierstück, wie günstig ihnen das Glück in den Minen sein würde. »Jedenfalls müßte man Fortuna einmal die Tür öffnen und ihr Gelegenheit geben hereinzukommen«, hieß es allgemein. So opferte fast jeder fünfzehn bis zwanzig Dollar oder sogar mehr an den Spieltischen. Daß dort falsch gespielt wurde, wollte natürlich niemand wahrhaben. Die Leute sahen so ehrlich aus, das Spiel ging einen so geregelten Gang, ein Betrug konnte da ja kaum vorkommen! Und doch verschwand ihr Geld. »Es hat nicht sein sollen«, trösteten sie sich dann, und wohl ihnen, wenn sie damit aufgaben.

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