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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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»Professor Moritz« stellte sich ihm sehr verlegen und ungeschickt ein Mann vor, als er in Tischbeins Studio eintrat. Die züngelnde Ölflamme, vom hohen Messingschaft her, beleuchtete den Tisch, um den dieser Mann und die anderen Freunde erwartungsvoll aufgesprungen waren.

»Der Herr Professor ist heute angekommen,« strebte Tischbein artig zu Hilfe, weil den linkischen Worten ein linkisches Schweigen gefolgt war. »Er wird einige Zeit hier verweilen.«

Aber völlig ungerührt ließ Goethe die Pause anwachsen. Erst als sie zu trippeln begannen alle Viere, weil sie nicht mehr wußten, wie sie sich helfen sollten, schlich er an Moritz vorbei in das Nebengemach, wo vor Tischbeins immer noch nicht fertigem »Paris« zwei Kerzen auf Flechtstühlen standen. »Nichts gemacht heute?« hörte man ihn gleich darauf rufen.

Eilig ging Tischbein ihm nach.

»Er ist sonst einfach entzückend!« tröstete Bury den verängstigten Moritz.

»Und uns zweimal heut durchgebrannt!« blinzelte Schütz mit pfiffigem Lächeln. »Und geniert sich jetzt. Er hat nämlich, müssen Sie wissen, das Gemüt einer Jungfrau.«

»Hab ich's nicht gesagt?« Im Triumph schoß Bury auf: die ganze bunte Flut dieses Tages auf dem Antlitz, kam Goethe zurück. Und ein Lächeln, – dann streifte die straffe Gestalt den Tabarro ab. »Sühnegeschenke entsteigen den Falten.«

»Engel, Sie!« flog ihm Bury um den Hals, das Pfund Johannisbrot in den begeisterten Fingern.

»Ich bin nämlich auch aus Frankfurt,« erklärte Schütz Moritzen, den Fiasco Chianti am Busen.

Wortloser Liebender hingegen, Glanz um den Mund, drückte Tischbein die verborgene Hand; er hatte die äsopschen Fabeln mit Stichen bekommen.

»Sie sind der Verfasser des ›Anton Reiser‹, Herr Professor, nicht wahr?«

Wie ein Soldat, den der König anredet, reckte sich Moritzens zusammengefallene Gestalt in die Höhe. »Zu dienen, Exzellenz!«

Lange, aufmerksam sah Goethe ihn an. Schmerz und Ruhelosigkeit standen in diesem verzehrten Gesichte. Zerrissenes Leben in den eckigen Formen des schlecht gekleideten Körpers. »Ich schätze dieses Buch außerordentlich,« sagte er endlich, scharf betonend, die Hände auf dem Rücken. »Es hat viel Verdienst. Übrigens . .« – und mit einer unvermittelten Verbeugung gegen den hochrot Gewordenen hin wich er an die Tür zurück – »wollen Sie mich nicht ohne Titel nennen?«

»Er ist jeden Tag anders!« lächelte Tischbein, als sie mit Moritzen, ohne Goethe, beim Abendmahl um den Tisch saßen.

»Aber mit jedem himmlischer!« Die Augen verzückt in der Höhe, hob Bury sein Glas. »Tibi, Jupiter!«

»Er hat eine Liebschaft!« schwor Schütz; mit der Zunge schnalzte er. Und ein viel größeres Glas, als Burys Jünglingsgurgel leerte, trank die viellebende Männerkehle. »Ich wette meinen Schädel! Er hat eine!«

»Blödsinn!«

»Bei dem ist nichts Blödsinn!«

»Ich bewundere nur,« – unbehaglich rückte Moritz den Sessel – »wie Sie es zustande brachten, ihn so . . . zahm zu machen, möchte ich sagen. In Deutschland gilt er als völlig unnahbar.«

»Weil wir keine Philister sind!« protzte Bury sehr frech.

»Weil wir ihn lieben.« Den dritten Weihebecher goß Schütz hinab.

»Er ist der vollendete Kenner der Menschen!« sagte Tischbein besonnen. »Er sieht, daß wir dankbar und glücklich sind, ihn da haben zu dürfen, im übrigen aber nichts von ihm begehren. Das macht ihm Vertrauen.«

»Und was tut er jetzt? Bleibt er allein?«

»Wir üben die vollste Freiheit.«

»Und – schweigt er auch hier so viel, wie in Weimar?«

»Ich habe nie einen Menschen getroffen«, antwortete Tischbein, sehr ernst, »der mehr Auge als er ist. Er schaut von Morgen bis Abend. Da erübrigt sich denn das Reden. In Rom.«

Aber am nächsten Morgen war nichts davon wahr. Hatte den aufgepeitschten Neuling keine Absicht, keine Spur auf das Kapitol hinaufgetrieben? Im Rundbogen des Südtors, gegen den Campo vaccino hinab, – wer saß da? Zwei Stunden später stieg der gefundene Schweiger, nach ellenlangem Gespräch mit dem deutschen Professor über die schauderhafte Unsicherheit der deutschen Prosodie, mit diesem Professor die Treppe Michelangelos zurück. »Es wäre also eine Tat, und zwar eine bedeutende«, schloß er angelegentlichst, – er müsse um elf Uhr im Pantheon sein – »wenn Sie sich einmal der Vergleichung der Silbengesetze der klassischen Sprachen mit der Gesetzlosigkeit der deutschen widmeten. Ich schwitze Blut über meiner Iphigenie!«

»Ich finde nicht, daß er schweigsam ist,« prahlte darum Moritz am Abend bei Tische; ein vollkommen anderer Mensch war er seit dem Morgen. »Im Gegenteil.«

»Siehst du?« Einen wütenden Rippenstoß unterm Tisch versetzte Bury Schützen; wie ein Eifersüchtiger im Drama zischelte er. »Jetzt ist er schon hinweg über uns. Wir sind ausgeweidet. Also tranchiert er den Neuen!«

»Er hat mir geschlagene drei Stunden lang . . .«

Glatt verstummte Moritz; Goethe war eingetreten; kein Wort mehr wußte er zu sagen. »Sie sind auf dem Kapitol gewesen heute mittag?« platzte dafür um so lauter Bury los; sie erschraken allesamt, so begehrte er auf.

»Auch auf dem Kapitol,« erwiderte Goethe, im Nu sehr verlegen.

»Sie sagten aber, Sie gingen ins Pantheon?«

»Auch im Pantheon bin ich gewesen.« Und noch unsicherer hüstelte Goethe.

»Und ich auch. Den ganzen Vormittag und den ganzen Nachmittag. Aber Sie nicht! Denn sonst hätte ich Sie sehen müssen!«

»Du bist ein loser Bursche!« Nur den Blick hob Tischbein; ein verdächtiges »Hm« hatte Herr von Goethe gemacht.

Und, wahrhaftig, nun, da Bury den Kopf verstockt senkte, kam es noch einmal; und nun noch ein drittes Mal, dies verdächtige »Hm«.

»Noch ein Löffelchen Frittura, Herr Geheimerat?« fragte Tischbein sehr fein, als das Schweigen schon rauchdick über den fünf Köpfen hing.

»Und dieses ist Falerner!« lockte Schütz nach fünf Minuten; der Herr Geheimerat, ohne »Mu« gemacht zu haben, aß weiter Frittura. »Famoser!«

»Es war ein ungewöhnlich warmer Tag!« wagte sich nach einem Viertelstündchen bang Moritz hervor; der Herr Geheimerat goß, ohne nur genickt zu haben, eben das fünfte Glas Falerner hinunter. »Man möchte nicht glauben, daß um die Mitte November . . .«

Da brach Bury in Weinen aus.

Im Augenblick erhob sich Goethe.

»Hysterisches Weib, du!« gab Schütz den Rippenstoß, aber viel wütender, zurück; mit zorniger Hand riß er das Kind in die Höhe. »Jetzt haben wir die Bescherung. Du, wenn du nicht schnurstraks deine zwei Stelzen jetzt findest und zu ihm hingehst und um Verzeihung bittest . . . !«

Aber anstatt Burys ging Moritz. Am ganzen Leib zitterte er. Hatte, um Gotteswillen, er den faux pas gemacht? »Herr Geheimerat«, stammelte er unter der mißlungensten Verbeugung, »ich möchte um alles in der Welt nicht . . .«

»Schlafen Sie recht gut, lieber Professor!«

Mundoffen, trotz dem liebreichsten Händedruck, vom Tisch an die Wand und wieder von der Wand an den Tisch schleichend, wankte Moritz aus der Tür.

»Ich kann nichts dafür!« Die Tür war kaum ins Schloß gefallen, und schon stand Bury vor Goethen. Jeder Muskel Aufruhr, Blitz in den schwimmenden Augen. »Ich liebe Sie, und lasse mich vom nächstbesten hergelaufenen Professor nicht über Nacht ausstechen!«

»Kinder!« Den eiligsten Schritt tat Goethe vor. Und mit der einen Hand Tischbeinen, mit der anderen Schützen erfassend, mit der übervollen Brust aber Bury vor sich herschiebend, strebte er nach der dunkelsten Ecke des Raumes. »Kinder, ihr müßt mir helfen! Ich bin in der Sixtina gewesen!«

»Ah!« Frei riß sich Bury. Ungeheure Erlösung. »Hab ich's nicht gesagt? Also doch!«

Groß, aus weit aufgerissenen Augen schaute Goethe ihn an. »Ja. Ich bin heute mittag in der Sixtina gewesen . . .«

»Und?« Jetzt verlor selbst Tischbein die Ruhe. Heute, nach dem Apoll von gestern, allein in der Sixtina ist er gewesen? »Und?«

Hilflos, während sich das Antlitz umwölkte: »Und – ich komm nicht vom Fleck! Weiß nicht, wie ich es anpacken soll, um in die Bilder der Decke zu geraten. Weiß es nicht!«

»Eigentümlich!« sagte Tischbein nach langer Pause, sehr leise.

»Nun, nun, nun?« Schütz nach der zweiten. Aber nicht mehr; der Falerner war prima!

Bury aber, wie ein Kreisel drehte er sich plötzlich auf den Füßen, daß ihm das Blondhaar um die Schläfen flog. »Und da hat dieses Rhinozeros von einem Schütz gemeint, er hat eine Lieb . . .«

»Und du«, fauchte Schütz wie eine Rakete im Steigen, »daß er sich über Nacht in einen Professor ver . . .«

»Still!« befahl Tischbein. »Und aufgepaßt jetzt!« Und kerzengerade hob er die Rechte vor Goethes gespanntem Blick in die Höhe und spreizte die Finger. »Ein Gerippe der Deckenarchitektur wird für den Herrn Geheimerat gemacht! Und zwar richte das ich. Ihr aber zeichnet ihm je eine Sibylle, einen Ignudo, eine Lunette und eine Stichkappe. Dann, möchte ich doch wetten, dann geht es!«

Natürlich ging es. »Liebe, gute Bursche!« flüsterte Goethe gerührt in die Decke der Sixtina empor, als er eine Woche darnach, mutterseelenallein, im Boden der Kapelle lag. »Brave, getreue Bursche!« Tischbeins Riß gab unübertrefflichen Aufschluß. Schützens Kopie des Daniel ließ keinen Sprung im Bild unberücksichtigt. Burys Cumaea, in Farben, hätte Michelangelo selber loben müssen. Dennoch! Er stöhnte und keuchte! »Die Decke ist ein Spiegelgewölbe,« wiederholte fieberhaft arbeitend, zum zehnten Mal, das Gehirn. Und um dieses Gewölbe im Geiste, aus den mitgegebenen Winken, aufzubauen, nur im Geiste die Decke zu gliedern, schloß er die Augen. Ja! Das behielt sich jetzt freilich leicht! Das ebene Feld der Decke geht mit einer Wölbung in die Seitenwände der Kapelle über. Jede Längswand hat unter der Wölbung sechs Rundfenster. Die östliche Schmalwand zwei. Die Altarwand keines. Im ganzen also sind vierzehn. Über jedem dieser Fenster ragt ein Halbkreisbogen in die Wölbung hinauf. Über jedem Halbkreis ein Spitzbogen in die Decke hinein. In den vier Ecken der Decke treffen je zwei solche Spitzbögen zusammen: ergo gibt es auch vier Zwickelfenster. Nur selbstverständlich, daß der Mann diese gegebenen Räume entschlossen benutzte. Die Halbkreisbögen und die Spitzbögen füllte er mit den Bildern der Vorfahrenfamilien Christi, die Zwickelfelder mit Darstellungen der Errettung Israels vom drohenden Untergang. Wie aber nun – das war ja das Ungeheuerliche der Aufgabe! – zu einer viereckigen Decke kommen? Auch dieses höchst einfach! Zwischen je zwei Spitzbögen wurde je ein Pilasterpaar gemalt, das bis zur Spitze des Bogens hinanwächst. Jedes Paar umrahmt je einen Thron; macht zusammen zwölf Throne. Auf diese Throne, in abwechselnden Reihen, kamen die Propheten und Sibyllen zu sitzen, die Vorhersager des Heilands. Die Pilaster aber nun wagrecht durch ein durchlaufendes Gesimse miteinander zu verbinden, diese Idee ergab sich erst recht von selber! Allerdings schrie gerade dieses Gesimse, kaum auf die Decke gepinselt, nach Leben. Aber das machte nicht zweifeln: auf jedes Pilasterpaar, dort, wo es ins Gesimse einmündet, setzt sich ein nackter Jüngling, der zusammen mit dem gegenübersitzenden die runde Bronzetafel am Thronsockel festmacht. Und jetzt: von jedem Pilaster der Nordwand zu jedem der Südwand je zwei Linien gezogen, – und die Decke mit den neun Feldern war da.

»Ungeheuer! Unfaßbar!«

»Nein! Gar nicht unfaßbar!« Wütend schüttelte sich das im Boden liegende Haupt. »Wenn das Genie in diesen Kotter hereingeführt und ihm herrisch befohlen wird: schaff' oder verzweifle?«

Aber – die Bilder der Decke?

Der Inhalt im Rahmen?

Wie vor dem Unbekannten, dessen fremde Gewalt die ans zählbar Vertraute gewöhnte Seele mit Schrecken peitscht, schloß sich das Auge von neuem. Zwei Nonnen, auf Katzenpfoten, waren eingetreten. Schwer, angstvoll aneinandergelegt, streiften sie mit leeren Blicken die Decke, die Gemälde an den unteren Flächen der Wände, die schmal grausame Unnahbarkeit des Raumes; endlich, wie vom Fegefeuer in die Hölle gestoßen, blieben sie am »Jüngsten Gericht« hängen.

»Schöpfung, Sündenfall, Sintflut, steigende Sünde, Notschrei der Sünde nach Erlösung, Errettung von Sünde, Wiedersünde, Ahnung in sündebar gebliebenen Gemütern, Prophezeiung vom Kommen des Erlösers . . . .« – wie in einem Fieberzwang, ohne Klarheit und Wahrheit, las das angetriebene Gehirn des im Boden weh Liegenden von den Bildern der Decke abwärts zu den Mienen der inbrünstig messiassehnenden Ahnen und Propheten und Sibyllen, von diesen nieder zu den Szenen aus dem Leben Mosis und Christi, – und nun hinauf zum ›Gerichte‹.

»Wenn man wüßte«, flüsterte atemlos die ältere der zwei Nonnen, mit wachsgelber Hand, darin wie ein Strohhalm die Hand der anderen steckte, wies sie auf die Teufel empor, die die himmelgierig aufsteigenden Leiber zu Minos hinabstießen, »wenn man wenigstens wüßte, daß man nicht zurückgetrieben werden wird!«

»Nützt nur: hoffen!« lallte, selber bebend wie Espenlaub, die jüngere, ihr Antlitz in der Haube war weiß wie Alabaster.

»Was nützt die Hoffnung, wenn von allen Seiten die Teufel . . . .« – da tat sie einen Schrei, daß das Gewölbe entsetzt widerhallte; in Todesangst flogen die zwei Kutten aus dem Raume.

Auf sprang Goethe. »Was – war?« Aber schon lächelte er. Eine Eidechse! Ein Lazertchen, vom heißen Pflaster des Damasushofes herein verirrt, flitzte über die Fliesen. Vor diesem Tier waren die Nonnen davongelaufen. Nur noch ein einziger Sonnenstrahl fiel durch das letzte Ostfenster steil nieder auf das weiße Tuch des Altars. In diesen Streifen floh das Lazertchen. Gerettet im Licht, mit zitternd grünen Flanken, aus armselig bangen Äuglein sah es Goethen an. Mit dem Schritt eines Kindes nahte der ihm. Im Nu floh es in den Schatten. Mit bangen, kurzen Sprüngen, unter seinem reglosen Blick, setzte es darin fort. Endlich ans kalte Gold eines Leuchters geborgen, verlor es sein Leben; ward grau. Jede Hoffnung schwand schon aus dem Auge. Plötzlich, als ob jede weitere Sekunde in diesem Goldeis den Tod brächte, blitzend, schoß es in die Sonne zurück. »Armes Geschöpfchen!« Und ein Schritt und ein Griff, und er hatte es in der Hand.

»Liebling! Wohin bist du geraten?« Mit zuckendem Leib wehrte sich das Geschöpflein. Aber er gab es nicht frei. An den Altar gelehnt, so, daß er die Decke ganz überblickte, hielt er das zappelnde Leben mit heißer Hand an die Brust. Sah es nicht an, aber fühlte es. »Blut von meinem Blut? Sinn von meinem Sinn? Oder umgekehrt?« Wirr flammte sein Blick. »Unbekanntes umgibt uns beide! Gefahr?« Der Prophete Jeremias, mit verdammendem Blick, schaute weg von ihm! Gottvater, in sausendem Flug durch die Lüfte, weg von ihm! Der Erzengel Michael, reine Feuerstirn über dem kupplerischen Geschiller der Schlange, mit unbarmherzigem Arm wies er weg von ihm. Eine gebeugte Mutter, neben traurigem Kinde die Schauder der Zeit beseufzend, die noch immer nicht den Gerechten taute, verhüllte das Antlitz vor ihm! Und nur eine, nur Eva, nur der süß in allen Reizen lohleuchtende Leib der Frau unter der üppigen Flut des lustspendenden Baums lächelte nieder auf ihn. Aber – floh dieser selbe Leib nicht, drei Spannen weiter rechts, mit der Gebärde des Wahnsinns hinaus in die Leere, die ihn mit dem Jammer der Geburt und den Steinen der unfruchtbaren Äcker erwartete?

Geräuschvoll, mit trotzigem Schritt, verließ der Abgewiesene den Raum. Draußen auf der Freitreppe vor Sankt Peter gab er dem Tierchen die Freiheit. »Zu den Göttern!« rief er ihm trotzig nach, als er schon badete im Strom der Sonne; und lächelte trotzig.

Aber nicht mehr, als er im Nachmittag aus dem Hohlweg des Monte Mario in die Vigna einschritt, in einen Pfad, der eben vor der grenzenlosen Sicht zwischen den Weinstöcken hinausleitete zu wenigen, dürftigen Hütten. Das Häuschen, das er suchte, fand er bald. Am Abhang des Hügels, sonneselig dem Süden hingebaut, saß es auf der halmraschelnden Wiese; an der Bergseite von Lorbeer und Thymian umbuscht. Das Rundrelief, eine Madonna mit dem Knaben zeigend, trug es wirklich überm Tor. Das Tor stand offen. Stimmen drangen daraus hervor. Dennoch trat er nicht ein. Mit Diebsschritten schnell in die Vigna zurückgeschlichen, ließ er sich, verborgen dem Häuschen, am Rand des Hangs nieder ins verbrannte Gras; Rom zu seinen Füßen.

»Rom zu meinen Füßen!« Lang und bang, ohne sich zu rühren, hatte er hinabgeschaut, bis ihn die unbegreifbare Bangnis, die über ihm schwebte, zwang, die eigene Stimme aufzurufen gegen diese Bangnis. Rostig klang die Stimme. »Rom zu meinen Füßen, und ich seh' dennoch nicht Rom!« Ach, es lag hingeschüttet da vor ihm, hingebreitet in die Täler zwischen den sieben Hügeln und in all seiner Weite und Enge und voll vom reinsten Lichte. Aber sein Auge war nicht mehr das gestrige. Mit bleicher Furcht, plötzlich, fühlte er das Leiblein der Eidechse in seiner Hand wieder, vor deren animalischen Augen jäh die Bilder der Kapelle in die unbekannte Zone fremdseelischer Wesenheit geflohen waren. Schimmerrot stieg, während ihm die Hand wieder zitterte vom Blut des Lazertchens, der Platz hinter der Porta del popolo aus dem Gewirre der goldbraunen Dächer. Hellgelb lief die Straße, schnurgerade, zum Quirinal, zu den zwei Kolossen empor. Der Turm des Kapitals winkte gekannt in jedem seiner urheimatlichen Maße. Die Kuppel des Pantheons hob sich, obwohl niedriger als alle anderen, lächelnd aus dem Gewoge der vielen. Das Kolosseum am Ende des erratbaren Campo vaccino, hinterm Palatin, wie der vertrauteste Freund mit der zinnoberroten Wunde seines barbarischen Risses grüßte es. Ach, alles grüßte und winkte! Trotzdem: noch gestern war es anders gewesen, all dieses! Hatte es, kindlich blutsverwandt der großen Mutter Natur mit all seinen Geheimnissen des Lebens und Sterbens, geborgen im Arm dieser Mutter gelegen. Jetzt nicht mehr! Rein! Als ob das natürliche Leben und Sterben, auch wenn es mit der feinsten Kraft gelebt und mit der tiefsten Einordnung in die Gesetze des Lebens gestorben würde, nicht die letzterreichbare Möglichkeit des Geschöpfes wäre, sondern darüber hinaus noch eine Fähigkeit, ja sogar eine Pflicht des Geschöpfs läge und die beschränktere Welt der Natur überlegen belächelte, schwebte ein unwirklicher Hauch über der Stadt und entzog ihre lesbare Sichtbarkeit dem Auge. Warum, ja warum weinten die griechischen Götterbilder nicht? Warum fraß an den Zügen und Gliedern auch des Philoktet, das Laokoon, der Niobe, des Tantalos und des Sisyphos nur der begrenzte Schmerz des Irdischen, – nie aber das unendliche Leiden der Seele, die nach einem anderen Sein dürstet? Halt! Das wäre nicht genau! Nach einem anderen Leben verlangte auch die Träne und die Trauer dieser Bilder. Aber dieses andere Leben war höchstens der Olymp oder das Elysium, wo das irdische Leben in neuer Folge fortgesetzt werden sollte. Hier aber . . . .

Scharf riß sich das Haupt in die Luft empor. Ja! So war es: Die Griechen hatten einen Olymp, aber keinen Himmel! Der Apoll und die Hera und das ganze antike Rom gehörten dem Diesseits, – Michelangelos Bilder aber dem Jenseits! Und es gab also zwei Kunstarten . . .

Diese Erkenntnis war schlagend! Es gab zwei Arten von Kunst: Die Kunst der Erde, die, wie der Nußkern in der Nußschale, im Bezirk des körperlichen Seins eingesperrt war, – und die Kunst des Übersinnlichen, die grenzenlos durch Sein und Nichtsein flog, nach dem Übersinn. Aus zwei aufeinanderfolgenden Weltanschauungen, ganz natürlich, waren diese beiden Arten geflossen; das Heidentum hatte sterben müssen, das Evangelium hatte leben müssen, und weil – auch dies war selbstverständlich! – die Kunst der späteren Zeit die Grenzen der früheren sprengen mußte, hatte, zuletzt, das Christentum triumphiert!

An allen Fibern gerüttelt von der Rute dieser Offenbarung, schloß er die Augen. Umsonst. Der Grashalm, den er anfühlte, das Myrtenreis, das er fest zwischen die Finger nahm, die nach Erde und Äther duftende Luft, die ihn anstrich, der winterliche Boden, dessen tote Kühle ihm den Rücken hinaufrieselte, entzogen sich ebenso unnahbar dem Kreise des sinnlichen Lebens, wie das Bild von Rom es getan. »Es ist unser Los«, flüsterten alle diese unheimlichen Dinge, »stumm zu blühen und zu verwelken, zu wallen über den Erden, fest zu sein unter den Lüften!« Und flüsterten es mit ganz anderer Stimme, als mit welcher sie noch gestern verkündet hatten: »Du und ich, wir sind dasselbe!« »Aber«, flüsterten sie, »die Seele des Menschen hat die Gewalt und das Gebot, uns zu verlassen und über unser gebundenes Geschäft dorthin zu dringen, wo wir beschlossen sind. Und je nachdem diese Seele will, nimmt sie uns mit, oder benutzt uns nur als Brett zu ihrem Sprung – in das uns Fremde.« Und im Nu, wie reife Früchte von geduldig gehegtem Baum herab, fielen die Bilder der Sixtina in die Schwärze vor seinen Augen. Die nackten Leiber der Jünglinge, der nackte Leib Adams, der nackte Leib Evas, die geschmeidige Riesenkraft der geringelten Schlange, die Stirn Gott-Vaters, die Hand Gott-Vaters, die sich über die Weltschlucht hin ausstreckt nach dem ersten Geschaffenen, – lächerlich, zu versuchen, sie weniger gigantisch sich vorzustellen, als sie gebildet waren! Die majestätische Tragik eines überirdischen Geistes hatte sie geschaffen, der die Maße der Erde für seine Flüge verlächelt. In den Augen Ezechiels lohte der Brand eines Feuers, das zehntausend gewöhnliche Gesichter zu Asche brennen müßte. Im Wahnsinn der Glieder, die aus der Sintflut nach Rettung schrien, rollte das Blut von unzähligen Bestien, die lebengierig ihre eigenen Kinder zerträten. Alle Reinheit eines Mannesantlitzes saß, unter den hauchverwehten Locken, um die Schläfen des Daniel. Alle Wollust des Freiheitsgrußes im himmelwärts gewandten Jonas. Und alle Anmut und Würde des weiblichen Geheimnisses um den Mund der Delphica. Schwieg da nicht, diesen gegenüber, der wächserne Apoll? Schlief nicht, diesen gegenüber, die Hera? War er nicht gedankenlos, dem fliehenden Adam gegenüber, der Torso des Herkules? Ha! wie spielend hatte dagegen Raffael, der fortunato garçon Bilder desselben Ursprungs – später! – in seine Loggien gemalt! Und wie unbeteiligt an der Mühle jedweden Innenkampfs thronten die Thronenden in seiner Disputa, standen die Lehrer und Schüler in der Schule von Athen! Denn auch die Regung des Gehirns ist gebunden an die Welt der Sinne, – und nur die Seele, die leidet, rüttelt machtvoll gegen die Stäbe des Käfigs. Nicht in Lust oder Wollust, Glanz oder Not ihrer Leiber wanden sich ja die Gestalten auf dieser Decke, rangen sie, reckten sie die Hände, rollten oder geduldeten ihre entloderten Augen; sondern im Orkan einer Begierde, deren Furor alles Irdische verneinte. »Nicht nur: zwischen der Kunst und dem Verzicht auf mich selbst also heißt es wählen«, tobte in Stößen die Brust, die keine Stimme mehr hatte, »sondern auch noch: zwischen der Kunst des Erlebens und der Kunst des Verzichtens!« Und im Schrecken die Augen aufgeschlagen, – und: Rom von Ponte Molle tiberabwärts bis zur Cäcilia Metella, und von Sankt Peter tiberüber bis hinaus in die rostbraune Campagna hinter der Porta Maggiore, und mit dem Schneesaum der Sabiner und dem goldenen Kraterwerk der Albaner über allem Flimmer der Trümmer, – wie auf königlicher Schüssel hielt es die Pranke eines Riesen, dem der titanisch aus der Erde gewachsene Leib von der Sehnsucht nach drüben in jedem Muskel bebte, hinan in die Glorie des Himmels, zum Opfer. Und eine Stimme, groß, läutete aus der Tiefe der Tiefen empor in die Höhe der Höhen: Agnus dei, qui tollis peccata mundi.

»Miserere nobis!« stammelte der Geschlagene im Dampf des Rausches. »Miserere nobis! Miserere . . . !«

»Ah?«

Als ob ihn ein Steinwurf vor die Brust getroffen hätte, sprang Goethe auf: Der hagere, schwarze Alte stand vor ihm.

»Kommen Sie schon zu mir?« lächelte der Mann nach einer unerträglichen Pause des Anschauens in das zerrissene Gesicht hinein. »Das – ergötzt mich!«

Einen wilden Schritt wich Goethe zurück. Die Lippen, bis sie bluteten, bissen sich. Dieser Fremde brauchte sein Taumeln nicht zu bemerken! »Zeigen Sie mir«, stieß er endlich steif aufgerafft hervor, »was Sie mir zu zeigen haben!«

Aber sie schritten, durch einen feierlichen Luftraum voneinander getrennt, lange in dem Wiesenpfad auf und nieder, ehe der Alte zu reden begann. »Sie haben mir« hob er an, »bei unserem seltsamen Zusammentreffen den Zweifel ausgedrückt . . .«

»Ich habe mich falsch ausgedrückt,« unterbrach Goethe sofort. »Nicht darum handelt es sich, ob man das eine oder das andere wählen müsse; sondern darum: welches von beiden, von der Rangordnung der unbedingten Werte aus gesehen, das unbedingt Höhere, Bessere ist. Ich bin zwar in der Meinung auferzogen, daß ein großer Künstler kein nicht guter Mensch sein könne; aber es wäre immerhin möglich . . .«

»Möglich?« Grell lachte der Mann auf. »Es ist gewiß, daß von dem Menschen vor allem verlangt wird, daß er gut sei!«

»Was ist gut?«

»Vollkommen!«

Und im selben Augenblick sah Goethe die ersten Zeichen der Dämmerung aus dem Himmel fallen. Die Sonne war im Meer verglitten, ein aschfarbiger Schleier rollte wie Vorhang von den westlichen Säulen des Horizonts nieder auf die Erde. »Ich war in der Sixtina,« sagte er wie bewußtlos in diesen Vorhang hinein. »Komme soeben aus ihr.«

»Und?« Eine Fußangel schien dem schwarzen Mann den Schritt zu ankern. »Also?«

»Eine widrige Komplikation! Es gibt also auch eine zweite Art der Kunst? Die christliche?«

»So vielleicht,« – wie Fanfare des Hohns – »wie es auch einen zweiten Gott neben dem ersten gibt?!«

»Zwischen der christlichen und der heidnischen gähnt ein Abgrund!«

»Sind Sie vor Christi Geburt in Athen auf die Welt gekommen und haben seither in Athen geschlafen?«

»Ich bin zum erstenmal in Rom.«

»In der Welt, mein Freund! Sonst könnte Ihnen nicht verborgen geblieben sein, daß es seit dem Erscheinen Christi – in der Philosophie, wie in der Kunst! – kein gewolltes Zurückgehen mehr in die Zeiten des Perikles gibt. Wer Michelangelo kennt, kann nimmer Praxiteles zum Kanon haben!«

»Das ist – eben die Frage.«

»Und wie man sie beantwortet, hängt einzig vom Maß der Gewissenlosigkeit ab, das der Frager aufbringt. Und dieser Gewissenlosigkeit geringstes Maß heißt: Autoritätsglaube, – und das ist: Faulheit!«

»Sie haben aber doch selber die Griechen als Muster hingestellt?«

»Junger Mann!« Von fahlem Schein ward das gelbe, alte Gesicht überflammt. »Als ob Sie nicht gesehen hätten, daß Michelangelo wie kein zweiter bei ihnen allein in die Schule gegangen ist. Die Form der Griechen bleibt Kanon, bis eine höhere erreicht ist. Der Inhalt aber, der nach Form schreit, – nicht um Raum und Zeitmaße, sondern um seelische Raum und Zeitlosigkeiten stieg er seit ihnen. Und von diesem Mehr – und dies Mehr ist doch nichts anderes als der Beweis dafür, daß die Menschheit vorschreitet! – von diesem Mehr soll ein gewissenhafter Künstler zurückkriechen zu jenem Weniger? Bedenken Sie doch! Nur zum Beispiel gesagt, als Teilbild: Die Alten hatten einen Olymp, aber keinen Himmel!«

Wie vom Blitz gerührt, starrte Goethe ihn an.

»Und da reden Sie von einer zwiefachen Kunst!«

So urnackt dämonische Unbarmherzigkeitluft also streicht um die Höhe, wo der Scheideweg läuft? Dennoch: Im Geklapper des eisigen Frosts fühlte Goethe, wie ihn die Parze dennoch zwang, auch von dieser Höhe hinab in die tiefste Tiefe zu graben. O! Briefe einfachster Wonne und Ruhe schrieb er nach Hause! Rom als die morgenblanke Tafel sanft erlauchten Gemäldes zeigte er; Rast der zerrissenen Seele. Während diese Seele, versteckt jedem Auge, in den Schrauben aller Foltern gezwickt stöhnte! »Vielleicht wird man sich«, stammelte er mit dem falschen Tonfall der Stimme, die zweifelt, »nur durch einen Ausgleich aus der Pein dieser zwei Wahlen retten können? Indem man sich zum Künstler dieser zweiten Kunst macht . . .?«

»Macht?« Schrei der haßwilden Schmähung. »Sich zum Künstler macht?«

»Aber« – wirr beide Hände streckte Goethe aus in die erloschene Gebärde des lautlosen Abends – »ich habe Pflichten! Menschen, die von mir abhängen! Die mich brauchen! Denen ich das Bewußtsein angewöhnt habe, daß sie auf meine Hilfe . . .«

»Plagen Sie sich nicht!« Wie mit Bissen gesprochen jedes Wort. »Wenn Sie Rom verlassen können, ohne zu wissen, daß Sie Künstler sein müssen . . .«

»Und wenn nicht?«

Da beschnellte der Alte wie zur Antwort den Schritt. Knapp vor einem würfelförmigen Steine, der aus dem bergseitigen Rain aufwuchs, grauviolett gegen den sonnenachglänzenden Opal der Luft, machte er halt. Säße ein Mensch jetzt auf dem moosigen Stein, gegen die schwindende Helle gewendet, und sähe hinüber nach der Hütte, die sich dunkelblau mit den Pyramiden des Lorbeers aus der Fahlnis des Hanges hob, – unkenntlichen Angesichts wie der Sohn der Dämmerung tauchte er auf aus dem Rätsel dieser Dämmerung. Denn wie aus ferner, ins Fernste entflohener Welt schimmerte das erlöschende Rom empor in diese violettsilbrige Gräue, die seegrüne Kuppel von Sankt Peter und, aus dem Aureliatale, die erdunkelnden Bögen der Aqua Paola. »Wenn nicht,« – wie der Terror eines Märtyrer scholl es – »dann macht man's wie er! Michelangelo! Daß der ein Künstler war, daran zweifelt kein Mensch mehr. Aber daß er es zustande gebracht hat, als der größte der Künstler auch der evangelischeste Christ zu sein, – der sittlichste Mann, den die neue Welt sah – wenn Sie das nicht erfühlen, dann: invano studiar e spettar! Und trotzdem, mein Freund,« – und nun schmetterte die verrauchte Stimme, wie die Johannis des Täufers gefordert haben mußte – »trotzdem: bis in seine letzte Stunde hat ihn der Wurm des Zweifels zernagt, ob es nicht trotzdem das »Höhere, Bessere« gewesen wäre, als ein schmieriger Mönch unter den Knöpfen der Geißel ekstatisch zu grinsen. Sie brauchen also« – die Zähne fletschte er zwischen den Strähnen des Barts – »nicht zu fürchten, daß der Kelch, den Sie nach diesem Kampf etwa annehmen, ein Becher . . .«

» . . . der Lust ist?« Jagend, im Ansturm unbändig erlösenden Lichts stieß es Goethe hervor.

»Des nadellosen Behagens. Künstler sein, heißt: Priester sein! Aber einen Priester, der – seit Golgatha! – nicht den ewigen Skorpion dieses Streites in sich trägt, speit die Welt, und nicht etwa nur Gott, heutzutage wie Dreck aus!«

»Das ist es,« – er keuchte – »was ich Ihnen sagen wollte. Und was ich Ihnen zeigen wollte . . . .« Ein sanftes Sichhinabbeugen zum Steine, und wie zu einem ahnungslosen Kinde ein inniger Vater redete er nun. »Sehen Sie diesen Stein da? Mensch!« Rasend in der Scham seines zweifelnden Stolzes: »Hören Sie überhaupt, was ich sage?«

Als ob der grausame Gipfel nun schon überwunden wäre, leichthin lächelte Goethe. »Ich übersetze . . . ins Meinige.«

Finster wie Zypresse ward der Alte. »Das Haus steht seit 1487. Francesco da Urbino . . .«

»Ah?«

»Jawohl! Sein Herr hat ihm das Geld dazu gegeben. Von Francesco aber stamme ich ab. Nie kam dies Haus in fremde Hand. Als ich ein Kind war von vier Jahren, führte mein Vater mich, an einem Feberabend, da heraus. Das war Vermächtnis! Von Vater je zu Kind. Ich zwar« – wie einen lehmigen Bissen würgte er's heraus – »ich hab' kein Kind! Und heute ist nicht Feber. Dennoch!« Mit einem Tritt zertrat er das letzte Zögern. »Ja! Dennoch! Am Abend des 9. Feber 1564, neun Tage vor seinem Tode, saß er, der Greis, auf diesem Steine. Daniele da Volterra und Tommaso de' Cavalieri hatten ihn heraufgeführt; auf seinem Maultier; über eigensinnigen Befehl. Angekommen, so ängstlich sie sich auch dagegen wehrten, schickte er sie fort. Auch Francescos Bruder, – Francesco war schon tot – der damals Hausherr war und schnell herübereilte, um seine Hand zu küssen, schickte er fort. »Geht nur, ich ruf' euch schon, wenn's Zeit ist.« Allein, er war bei Sonne angekommen, und wie's finster wurde, erwartete ihn die Drei noch immer fruchtlos hinter den Sträuchern. Er rief nicht.« Wie Röcheln raspelte der alte Atem nun. »Denn noch einmal, und höllisch wie noch nie, hat ihn vor diesem letzten Blick auf Rom der Krampf gepackt. Wie eine Garbe, die der Hagel umwirft, Wahnsinn und Ohnmacht im zerrenkten Antlitz, fand man ihn zur Nacht da liegen. Sein ganzes Werk: das Grabmal für Papst Julius, die Decke der Sixtina, das Gericht, die Pietà, den Christus in Minerva, die Gräber der Medici in Florenz, den Tambur der Kuppel dort, – wie ein gesammelt einziges erschien es nocheinmal vor seinem Auge. Und – entsetzte dieses Auge!«

»Er war ein Greis!« Wie leicht abwinkend gegen Spuk, der umgeworfen werden mußte, lachte Goethe. »Unmittelbar vor seinem Tode!«

»Und ist ein Greis, der auslöscht, leicht entsetzt?« Strich Donner aus dem Mund des Alten? »Ich hab' nicht Ihm gedient!« begehrte es auf mit Teufelsstimmen in der Brust drin, die nie licht gewesen war. »Nur mir! Dem Trieb des Künstlers, den ich nie verwand! Kein Werk entsprang der Inbrunst, Ihn zu preisen! Ein jedes nur der höllverdammten Gier, den Adler, der da drinnen tobte, zu befreien! Ich nur in allen, – und in keinem Er!« Und nichts mehr sah er von der Not, den Tränen, der Entbehrung, dem eingefressenen Gram ums Lieblingswerk, das ihm der Papst mit Schmeicheln angeschafft, sodann mit Schlägen abgeschafft. Nichts mehr von Kindesliebe, Bruderliebe, schwer erstrittener Keuschheit, Lammsgeduld, von Beten, Fasten, Hoffen, Schuften in einer Wüste von Borniertheit. Nur noch: die Eitelkeit, die Schmähsucht, Eifersucht, gallgelbe Selbstsucht, – und als das Zeichen selbstgemalter Strafe: den Zorn des Heilands im »Gericht«. Wie? Neunzig Jahre falsch gelebt? Dem Schein vertan? Dem Ruhm der eigenen Tat vergeudet? Todsünde ringsumher? Verzweiflung, – die Drei da hinten im Gebüsch sahn ihn sich krümmen, Hände ringen, schlottern, – Verzweiflung faßte ihn. So, so zurückgehen müssen? Mit nichts, mit weniger als nichts in Händen? »O! Miserere!« heulte er vernichtet in die Nacht auf, »Miserere! Miserere! . . .«

»Hören Sie auf!« Das war nicht zu ertragen! »Hören Sie auf!«

»Da sieht er plötzlich,« – und wie in plötzlicher Verzückung bekam die Stimme Klang und Süße – »vom Hause drüben, deutlich sich abhebend von diesem Himmel, kommt ein Weib; ein Kind an der Hand. Erst glaubt er's gar nicht, daß da jemand . . .«

Wild stampft er in den Boden. Vom Hause drüben, deutlich sich abhebend vom Transparent des Himmels, kam ein Weib, ein Kind an der Hand.

»Gerade so wie jetzt?« Flugs hingewendet, alle Glieder freiheitselig dem wirren Netz entrissen, lachte Goethe. »Nicht?«

»'s ist meine Nichte mit ihrem Buben.« Armselig tote Stimme. Und ein armselig scheuer Schritt, – und er stand Leib an Leib vor Goethen. »Ich komm zu Ende, eh sie da ist! Hören Sie!«

»Wie die Madonna mit dem Kinde sieht sie aus!« Begeistert schwang die Stimme Goethes. Der Bann sinkt ab! Das Dunkel bricht! Die Wahrheit naht! Ein Künstler sein, heißt Priester sein! Den bittern Kelch gereicht bekommen! Kein Kampf erspart! Ein unbedingtes Muß, in höchste Tat des Sittlichen geleitet! »Wie die Madonna? Nicht?«

»'s war die Madonna!« Und, nicht mehr irdisch, wahrhaft schwörend, fuhr er fort: »Und da, auf diesem Steine, dicht bei ihm, ließ sie sich nieder. Und wissen Sie, was sie ihm sagte?«

»Verzeihen Sie!« Licht, nichts als Leuchten trotz dem Drang der Dämmerung, hob sich der Schauer von dem Seher weg. »Ich bin für nichts, was wahr ist, taub. Für Mystik aber . . .«

»Er hat's geschrieben! Hinterlassen!«

»Für Mystik aber rettungslos verloren!«

»Dort, überm Tore, die Madonna!«

»Ver – loren!«

Mit einer Hand, die Körperliches nicht mehr schied von Geistern, fuhr der entfachte Mann in Goethes Kleid. »Es ist ein Werk von seiner Hand! Das Kind blickt ahnungsschwer dem Kreuz entgegen. Die Mutter aber, – o! Nicht, weil der Engel kam, verrät der Busen unter tausend Schwertern, nein, weil ich lieben mußte, hab' ich dich geboren! Und nicht, weil du am Kreuz als Heiland stirbst, – nein, weil mein Kind stirbt, wird dies Herz einst brechen! Und dennoch, lachte sie, mein Michelangelo, – und dennoch hab' ich Gottes Welt erlöst! Obwohl ich liebte nur und Mutter war! Wer Werkzeug ist . .«

Das wieder war voll Sinn! »In Schöpfers Hand?«

»Der muß nur fühlen, daß er's ist, und folgen!«

»Und daß er's fühle?«

»Erbeten!«

»Nein! Erleben!«

»Oheim?« Da stand das Weib vor ihnen. Das Kind an der Hand. Und alles Wunderbare war dahin! Aus neugierig üppigem Munde lachte es Goethen an. Aus frechem und je silberner, je feindlicher der Alte sich zusammenzog, den Alten. »Ich hab Euch Milch gestohlen«, kicherte es, wie Vipernstich stach das den Alten; »und Hirse.«

»Und das halbe Zicklein,« grinste unverschämt der Knabe.

»Geh!« Mit einem Blitz von Blick verbrannte sie der Alte. »Gib auf den Buben acht!« Da fand die Hand, die zwischen Weh und Liebe sich dem Knaben in die Locken stahl, dort Goethes Hand. »Mach einen Mann daraus! Nicht einen römischen Gassenbuben!« stöhnte er. Und hart, die Finger traurig weggezogen: »Gute Nacht!«

»Sie lassen mich – allein?«

Kein Wort, kein Blick zurück. Hoch, lang und schmal, mit düster hilflosem Schritt schlich der Mann davon. Erst rasch. Dann, wie schon heimgekehrt in sein Alleinsein, gemessener, ja langsam. Je weiter fort er sich entfernte, umso langsamer und sicherer. Als er zuletzt – es schien, als ob er in den Lorbeer hineinschritte – dem Haus ganz nahe war, wuchs ihm der Schattenriß wie ein Phantom in den verlebten Himmel.

»Wie Michelangelo!« fuhr's kalt durch Goethen.

»Ihr geht auch nach der Stadt?«

Er hob den Blick; sah ängstlich: Zähne, die ihm lüstern blitzten.

Endlich, nach langem Zögern, wie betäubt, urbang – warum? – schritt er dem Weibe nach; die Hand noch immer in des Knaben Locken. »Da hab' ich nun nach Wochen wieder,« riß er sich angestrengt aus dem Chaos zurück, das unerklärlich streifend um ihn wallte, »ein Kind bei mir!« Aber, auf dieses kräftig ausgesprochene Wort hin quoll das Chaos nur umso dichter ringsum auf. »Und dennoch!« befahl er sich. »Zusammenhang, trotz allem Chaos, zwischen all und jedem! Der Platz, auf dem du stehst, ist schmal und grau. Und dennoch: durch das Korn der Erde schon, durch diesen Himmel, der darüber hängt, ist er der ganzen Welt, dem ganzen Sein verbunden. Wer nur recht fest auf dieser Erde steht, – er wächst von selbst, und unbewußt, »hinüber«. Es gibt kein Hier und Dort! Der Geist ist's, der dem Menschen Raum zumißt, die Zeit ihm leicht zur Ewigkeit ausweitet. Und ich, – ich bin, von Anfang an, Antäus! Oder? Bin ich's nicht?« Wirr fuhr er sich durchs Haar. Vielleicht, wer sich entschlossen von der Erde weg ins »Drübere« wirft, entdeckt von dort aus – auch die Erde? Und zwar: erst dort die wirkliche, die wahre? Doch woher stammt die unentdeckte Macht, die ihn –

Da blieb er stehen.

»Die mich, kaum daß ich nur durch einen Spalt in jenes »Drübere« blicke, schon wieder erdwärts reißt? Unwiderstehlich?«

»Ein edler Mann, der Oheim!« Voll Rührung sprach er's in die Nacht hinein. Eins war ja jetzt, trotz allem Chaos, klar: Ein Künstler sein, heißt: Priester sein! Und Priester sein: den bitteren Kelch gereicht bekommen! »Wie hab' ich mich nach diesem Kelch gesehnt! Ein Kelch muß weihen können!«

»Ein armer Narr!« Leibnah, gefährlich, stand das Weib vor ihm. »Er hat Euch sicherlich vom Wunder vorerzählt?«

Was hämmert da, so heiß urplötzlich, raubtierträchtig drin in meinem Blut? »Kommt Euer Mann Euch nicht entgegen, dort?«

»Mein Mann ist tot!«

»Wo wohnt Ihr dann?« Du gut erzogenes Blut. wirst du parieren?

»Bei meinem Vater.«

Die liebestolle Hand noch tiefer drin im Haar des Knaben: »Der Oheim liebt Euch sehr?«

Verwegen helles Lachen. »Das glaub' ich nicht. Ich bin ihm viel zu lustig!«

»Seid Ihr so keck?«

»Seid Ihr es nicht?«

Da fiel sie. »Der verflixte Weg!« Nackt traf ihr Aug das seine. Gach schwoll der Leib in seinen Armen auf. Ein Riß – Besinnung! – »So!« Sie stand schon wieder.

»Er wollte Maler werden.«

»Wer? Euer Mann?«

»Der Oheim. Aber es langte nicht. Nun redet er sich's dreißig Jahr lang ein, daß es nicht langte, – das Zeug dazu – weil er nicht richtig wollte. Als ob . . .«

»Als ob?«

Ein Feigenbaum, mit prallen Früchten überhängt, die trotz der Nacht wie dickes Blut das dicke Laub durchtropften, stand über ihr. Gerade über ihrem Haupte.

»Als ob?«

»Als ob man – nur zum Beispiel sag' ich's – lieben könnte, wenn man nicht g'rad müßte.«

Sturm, Nadel, Feuer schoß in seine Adern. »Wie – wo – wohnt Euer Vater? In der Stadt? Im Borgo?«

»Nein! Im Theater des Marcellus hat er die Osteria › la campana‹.«

»Und – wie heißt dieser Knabe?«

»Gianbattista.«

»Und Ihr?«

»Faustina.«

»Faustina! Du!« Und mit verhexten Armen, die roh das Joch zerrissen, das zu lang schon preßte, die Welt vergaßen, alles, nicht ihr Blut, riß er das Weib an sich. Wild, ganz, urganz an sich, den ganzen, hingeschwungenen Leib, Duft, Atem, Arme, Busen, Lächeln, Lachen. Und, wie ein Meer den Damm der Welt einreißt: Kuß, Trank und Trinken – un-, un-, unersättlich!

»Faustina! Hör'!«

Sie war schon fort. »Kommt mich besuchen!« scholl's wie sündiges Echo.

Die Brücke vor der Engelsburg erdröhnte unter seinem Schritt.

Das Pflaster, drin im Valle, schwang wie Stromflut unter seinem Schritt.

»Ich bin Antäus!«

Pechschwarzfinsteres Rom!

Flammglanz im Antlitz, kam er heim. »Und bleib' Antäus!« Da sah er –: auf dem Tisch ein Brief. Von ihr? Hin an den Tisch! Von ihr? Nein! Nur von Seideln. Doch! Ein Einschlag steckt darin. Der – ist von ihr!

»Ich weiß dir nichts zu sagen. So wie du schwiegst, so schweige ich nun. Schreibe, wo du meine Briefe aufbewahrt hast. Ich will sie haben!«

Gestürzt, in einem einzigen Augenblick ins Nichts gestürzt, sank er aufs Bett. »Apoll!« schrie noch, vom Heft durchstoßen, stumm die Brust, »Du! Hera!« der erschlagene Geist . . .

Doch nicht Apoll erschien jetzt; und nicht Hera. Der nackte Adam nur, der vor dem Engel floh; vor Michelangelos schwertwildem Engel.

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