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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Viertes Buch

Ahnung

Eine sanfte, andächtige Stimme las langsam, gleichmäßig, Wort für Wort: »Ich war in dem ersten Augenblick gleichsam weggerückt, und in einen heiligen Hain versetzt, und glaubte, den Gott selbst zu sehen, wie er den Sterblichen erschienen.«

»Mit Verehrung schien sich meine Brust zu erweitern und aufzuschwellen.«

»Gefiele es der Gottheit, in dieser Gestalt sich zu offenbaren, alle Welt würde zu ihren Füßen anbeten, die Weisen der ältesten Zeit die Gottheit der Sonne in menschlicher Gestalt finden.«

»Sein Gang ist wie auf flüchtigen Fittigen der Winde.«

»Es scheint ein geistiges Wesen, welches aus sich selbst und aus keinem sinnlichen Stoff sich eine Form gegeben, die allein eine Erscheinung höherer Geister hat bilden können.«

»Keine Anstrengung der Kräfte und keine lasttragende Regung der Glieder spürt man in seinen Schenkeln, und seine Knie sind wie an einem Geschöpf, dessen Fuß niemals eine feste Materie betreten hat.«

»Weder schlagende Adern noch wirksame Nerven erhitzen und bewegen diesen Körper.«

»Zorn schnaubt aus seiner Nase und Verachtung. wohnt auf seinen Lippen.«

»Aber sein Auge ist wie das Auge dessen . . .«

Mit stumm erhobenem Arm gebot Goethe Einhalt.

Göttlich vom Himmel herab, über den Statuenhof, dem der Springbrunn entquoll, schwieg die weltweite Seligkeit italischer Bläue.

Irdisch vom Marmor empor die Seele des Künstlers, der dem Rufe des Himmels gefolgt war.

Wo, überm Gesims des Bogengangs, der gegen Osten lief, die Sonne in das feiernde Achteck hereinfloß, in einem breiten Strahl des Urlichts, vereinigten sich beide Gewalten: Himmel und Erde; vermählt schwebten sie nieder auf den Belvederischen Apoll.

Behutsam, wohl prüfend, ob er wache, hob Goethe das Auge auf zum Verstummten. Dann nach links. Dann nach rechts. Aber nur noch glücklicher kehrte es zurück. »Laokoon, Antinous, Nil, Meleager, Phokion!« flüsterte der ehrfürchtige Mund. Aber schnell wieder, zum demütigsten Schweigen, legten sich die Lippen aufeinander. Ein Atemzug, trinkend aus der Quelle der reinsten Lust, dennoch scheu wie der eines Kindes am ersten Morgen des Bewußtseins, wölbte die selige Brust. Aber auch, wie sie den Strom dieser Wonne nun ausatmete, tat sie es leise, geheim, in der heiligen Furcht vor dem Gotte.

»Ich lege den Begriff, welchen ich von diesem Bilde gegeben«, hub die sanfte, andächtige Stimme wieder zu lesen an, »zu dessen Füßen, wie die Kränze derjenigen, welche das Haupt der Gottheit, das sie krönen wollten, nicht erreichen konnten.«

Aber nur noch gebannter verharrte das Auge des Schauers über dem Gotte. Die klirrenden Geräusche des Lorbeers und der Myrthe wußte er nicht, die, vom Novemberhauch angeraschelt, die keusche Kühle des Morgens vom Garten des Hofes her an die Sockel der steinernen Bilder trieben. Die Säule des Springbrunnens nicht, die aus dem marmornen Schatten der Schale, ewige Schwester der reglosen Bilder, in die Höhe der Sonne stieg, in der Sonne mit Blitzen zerplätscherte, und lächelnd wieder herabrann in den Schatten der Schale. Und die wie mit Schwalben, die zwitschernd über dem Achteck flogen, mit duftigen Winden, die von den sieben Hügeln in die Geheimnisse des Steins wehten, – ach, mit Stimmen aus allen Zeiten in die Tempelstille hereinklingenden Rufe der ewigen Stadt nicht. Nur noch den Gott! Die Küste der Heimat, nach der ihn die Furien der Sehnsucht durch barbarische Länder und Jahre gehetzt hatten. Die Offenbarung der Schönheit, die er zum erstenmal, staunend, genoß.

»Winckelmann«, wagte sich die sanfte, andächtige Stimme zum drittenmal hervor, »Winckelmann meinte, zu den Kunstwerken, die den Betrachter durch augenblickliches lebhaftes Ergreifen fesseln, gehören im besonderen jene, die eine Erscheinung darstellen, darin der Künstler den plötzlichen Eintritt eines Wesens aus einer andern Welt oder aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare veranschaulichen wollte. Auch die Wirkung des Apoll hat er auf dies Visionäre zurückgeführt, – auf die ›Theophanie‹.«

Aber der Schauer nahm das Auge auch jetzt nicht weg von dem Gotte. Reglos, in der Gnade der Anbetung, hielt er das Antlitz ihm stumm gegenüber. Stumm; aber glühend von nimmer zu bändigender Liebe, nimmer zu fesselndem Danke. O! Nicht mehr lahm sein! Nicht mehr Bettler sein! Ruhig nun lahm oder Bettler werden dürfen, ohne den Preis dieser endlichen Heimkehr je noch verlieren zu können! »Mir sind diese Arme ausgebreitet! Meiner Sehnsucht diese Augen zugekehrt!« frohlockte die Glut. Und betend, mit Händen, die zum erstenmal frei waren von jeder Armut und Häßlichkeit, hielt er das tiefgehöhlte Gefäß seines Menschen empor zu dem Gotte. Und unablässig, ungemessen und unerschöpflich troff das Licht herab, schwoll bis zum Rande, strömte über, – Überfluß, Ende jeder Not.

»Mengs«, entschloß sich Tischbeins sanfte Stimme nun aufzuwecken, »wich in seiner Beurteilung vom Grade des Apoll von Winckelmann ab. Die Weichigkeit in der Behandlung der Haare galt ihm als ein Zeichen der besten Zeit; des Phidias und Alexander. Früher seien sie steif gemeißelt worden. Erst in der Zeit des Nero kam man diesem ältesten Geschmack wieder näher. Die bestgearbeiteten Haare aber finde man von Marc Aurel bis Septimius Severus, als die Kunst das Ganze vernachlässigte und das Detail dafür hervorhob. Auch die erhabene Brust sei in der Dauer des höchsten griechischen Stils ein Element der Bildhauerkunst gewesen. Die flache bildeten sie erst nach Alexander. Dadurch sei viel Harmonie verloren gegangen; man vergaß, meinte Winckelmann, daß ein großförmiger Körper auch von großen Teilen zusammengesetzt sein müsse. Trotzdem haben ihn diese Mängel am Apoll nicht gestört. Mengs aber, gerade ihrethalben, rechnete den Torso, nicht aber den Apoll, zu den Statuen des ersten Grades.«

»Ich kann weder denken noch reden!« Völlig entrückt erhob sich Goethe, griff nach der Hand des Sprechers. Und unwirklich, in Glanz gebadet völlig, winkte er das Paar herbei, das geduldig wartend vor dem Meleager drüben saß. Und als er sie nun alle drei um sich hatte: Tischbein, den ganz seiner sichern Malermann, das dreiundzwanzigjährige Kind Bury und den gemütlichen Dreißiger Schütz, umarmte er sie inbrünstig in einem alle drei, der Mund öffnete sich, wollte etwas sagen; nur ein hilfloses Lächeln erschien, im Strahl einer Träne.

Langsam, in zwei Paaren – die Jüngeren hinterdrein – schritten sie aus dem Hofe.

Schweigend.

Bis Bury – er verschlang Goethen von hinten mit seinen Augen – laut losplatzte: »Er ist mir lieber als zehn Apolls!«

»Er ist der Mensch«, erklärte Schütz fest, »der jeder von uns sein möchte.«

»Und sollte!«

»Aber nicht kann.«

»Mir gehen Lampen auf«, – dem genießerischen Schütz galt das Leben sonst mehr als die Arbeit! – »seit er da ist. Obwohl er wie Pythagoras schweigt.«

»Diese cherubinische Bescheidenheit! Diese kindliche Ehrfurcht! Wie er nie als der Goethe vor etwas hintritt!«

»Im Gegenteil: eben als der Goethe tritt er hin.«

»Weiß Gott, das Genie ist ohne Prätentionen!«

»Vor allem: ein guter Mensch ist das Genie.«

»Ja, das ist das Richtige!« Kreise von Feuer im passionierten Auge. »Dieser preußische Linealschlucker und Cicerone von einem Reiffenstein, zum Beispiel . . .«

»Fürchterlicher Kerl!«

»Aber wie hat er ihn umgekrempelt! Dissinvolto geradezu geht er, und Maul halten tut er, seit er Goethe kennt!«

»Und der Zucchi! Dieser wallische Kunstgeldler, der seine Frau magari prügelt, wenn sie nicht wöchentlich mindestens dreihundert Zechinen ermalt! Wie dieses Limonigesicht aloisianisch wird, wenn es ihn nur zu riechen kriegt!«

»Das ist alles nichts gegen sie, gegen die Angelica! Hast du sie nicht beobachtet, gestern, wie sie in einem einzigen Augenblick geradezu schön wurde, als er eintrat? Sie liebt ihn!«

»Sie liebt ihn?« Hell lachte Schütz auf. »Alle lieben ihn! Er kommt und sie lieben ihn. Braucht nicht einmal den Mund aufzutun, und sie lieben ihn. Weil sie merken, daß er sie liebt.«

»Und was merkt man lieber?«

»Die Siora Piera! Wenn der Carlo die Hosen vom Herrn Möller nicht ordentlich peitscht! Und der Carlo, wenn die Siora eine Zwiebelsuppe gekocht hat! Und beide, wenn das hinkende Luder von einer Domenica nicht früh genug sein Zimmer ausgekehrt hat: avanti, gobbino! Vuol scriver il sior Möller!«

Er verstummte: Goethe und Tischbein standen vor dem Torso des Herakles.

»Es geht die Sage«, sagte Tischbein, sein Gesicht schimmerte erregt über dem blausamtnen Künstlerwestchen mit den Silberknöpfen, »daß Michelangelo, als Greis mit erloschenen Augen, sich hieher führen ließ, um den Marmor, den er nicht mehr sah, zu betasten.«

»Apollonios Athenaios« stand auf dem schmalen Postamentsaume. Ungeheuer wölbte sich die Riesenbrust. Ungeheuren Taten entgegen? Oder auf der Rast nach ihnen, aber niemals fürder mehr frei von der Erinnerung an sie?

»Winckelmann meinte«, fuhr Tischbein gewissenhaft fort, »wenn den Apoll nur ein göttlicher Dichter schaffen konnte, so habe an den Herakles die Kunst ihre äußersten Kräfte gewandt, so, daß sie ihn den größten Erfindungen des Witzes und Nachdenkens entgegensetzen könnte.«

Aber Goethe sah bereits die Heimat des Herakles! Argos. Der heroisch in den lichtreichen Südosten des Archipelagos hinausgreifende Zipfel des Peloponnesos erstand vor seinen Augen. Das Gemach, in dem der wachsgelbe Torso wie die grausam verstümmelte Leiche der Menschheit schimmerte, war angefüllt mit dem kalten Abglanz der Morgenbläue, die seine marmornen Wände umwallte und schweigend und fern jedem Puls machte wie eine Gruft. Trotzdem redete der Torso. Was ein auserwähltes Volk durch die Wildheit und Willkür des ersten Bestands hindurch unbewußt auf jedem Schritt der Eroberung und Fortsetzung begleitet, dann hinangeleitet hatte zum Besitz seiner Gaben auf gefriedeter Erde, sprach wie mit Jahrhunderten aus jedem Muskel. Aus jeder Fiber aber: die Summe der Geburten, die dem Erwachen dieses Instinkts zur Zivilisation vorausbegangen waren; das Stück Kulturgeschichte, das die Reihe der Zeugungen bis zu der Zeugung des Helden in sich schloß. »Von Inachos stammt Herakles ab«, träumte Goethe, an einen Pfeiler zurückgelehnt, das Auge hoch oben in der glanzlosen Kuppel, vor sich hin, »von Inachos, dem ersten König von Argos.« Dessen Tochter Io gebar, vom Zeus nach Ägypten entführt, den Epaphos. Von diesem kommt die Königin von Libyen, Lybia. Von dieser Belos und der Phönikerkönig Agenor. Die Söhne des Belos, Aigyptos und Danaos entzweien sich. Danaos wandert nach Argos aus und nimmt Besitz vom Stamm und Erblande. Neidig um den Reichtum, rücken die fünfzig Söhne des Aigyptos ihm nach. Sie erzwingen es, daß ihnen die fünfzig Töchter des Danaos vermählt werden. Danaos aber mißtraut. Auf sein Geheiß töten die Danaiden, in einer einzigen Nacht, ihre Männer, – mit einer Ausnahme: Hypermnestra bringt es nicht über sich, Lynkeos zu morden. Aus diesem Bette stammt Akrisios. Seine Tochter Danae gebiert, vom Zeus, den Perseos. Dessen und der Andromeda Sohn ist Alkaios. Von Alkaios wird Amphytrion gezeugt, der Gatte Alkmenes, die von Zeus den Herakles empfängt.

»Hat Danaos, der Ahnherr des Herakles«, trat Goethe rasch vom Pfeiler vor, »nicht dadurch das Erbland Argos erhalten, daß, während er mit dem angesessenen König Gelanor stritt, ein Wolf vor der Stadt in eine Rinderherde fiel und den anführenden Stier bezwang, und daß die Argiver dies als göttliches Zeichen für ihn auffaßten?«

Tischbein, vor den zwei ratlos einander anblickenden Jüngeren, lächelte. »Richtig! Der Wolf aber ist das Lieblingstier Apolls; Apoll hatte den Wolf gesendet. Darum erbaute Danaos dem Gotte sogleich einen Tempel und führte seinen Dienst in Argos ein.«

»Ach, Tischbein!« Überwältigt legte ihm Goethe die Hand auf die Schulter. »Also auch das zweite Stück Kulturgeschichte! – Nein! Nein!« Fröhlich lachte er; Tischbein war zu sichtbarlich erschrocken. »Ich denke nicht daran! Das Erschütternde ist nur, daß der ungeheure Weltinhalt zuletzt in der Tat eines Künstlers zusammengefaßt wurde; in einer einzigen Statue!«

»Winckelmann –«, nein! Diesmal brach Tischbein ab. War er nicht wie ein abstrakter Professor?

»Bitte! Bitte! Bitte!« drängte Goethe gierig.

»Winckelmann erkannte die Bedeutung des Torsos darin, daß der Held und der Gott in ihm zum Ausdruck kommen. In jedem Teil dieses Körpers offenbare sich, wie in einem Gemälde, der ganze Held in einer besonderen Tat. Die wellige Übergleitung des eines Muskels in den anderen aber, die den Blick des Beschauers in ihrer Bewegung geradezu mitverschlinge, zeige den vergötterten Leib, jenen, der auf dem Berge Ötha von den Schlacken der Menschheit gereinigt worden ist.«

Aber den Schauer mit dem halben Ohre zog es schon lange geheimnisvoll unerbittlich zurück. Suchend noch ein paar Schritte tat er mit, stahl sich auf einmal geschickt in das Gewühl einer britischen Fremdenherde, ließ sich von dieser aus der Tür in die Treppe hinausschieben –, und stand plötzlich allein vor dem Gotte. Und nun redete der Gott zu ihm! Die Sonne hatte den Statuenhof ganz erobert. Bis über die Knie des Bildes stieg sie den Marmor empor; nicht höher und nur mit bescheidenem Scheine. Dennoch war es gewiß wie das Dasein: ob sie auch greifbar da oben hing im azurnen Himmel und von seiner Höhe herab die Welt bestrahlte, – einzig und allein doch nur aus der Erscheinung des Gottes kam sie. Denn wie die schrankenlos fließende Güte alles dessen, was ewig ist, redete der Gott! Wo war noch Zorn und Verachtung in dieser Miene zu lesen, die unter dem Gesetz der Offenbarung, dem die ganze Gestalt gehorchte, nichts als die Erlösung verkündete, mit der die endlich geborene Wahrheit das lechzende Herz der irrtumbefangenen Menschheit entknechtet hatte? Was konnte der Glaube an einen persönlichen Gott mehr wirken als: die Befreiung von der Mauer zwischen dem Irdischen und dem Ewigen, zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen, wie sie der Anblick dieses bildgewordenen Gottes bescherte? Nicht nur die Schuppen vom nachtgewöhnten Auge fielen ab, auch die Panzer vom fronerdrückten Herzen. Man mußte nur an die Stelle der törichten Heere unnatürlicher Gewohnheiten, willkürlicher Begriffe und erlisteter Erkenntnisse die eine einzige Wahrheit setzen: das Urbewußtsein des nackt in die Welt gestellten Menschen von seiner unmittelbaren Kindschaft gegenüber der Schöpfung, – und alles war Licht! Diese Kindschaft aber und nichts anderes predigte die Tatsache, daß ein Einzelner die Gewalt des Antriebs empfunden hatte, alle wechselnden Epochen des inneren Aufstiegs seines Volkes so, als wären sie die Stadien seines eigenen Schicksals, in der Idee der Geborgenheit alles Geschaffenen im Willen der Schöpfung zu sammeln, und diese erlösende Idee in einer Statue zu verkörpern. Denn Apoll bedeutete Erlösung! Nur, wo er war, wich der Bann des Blutes vor der Herrschaft des Gedankens; linderte dieser sich zur Macht des Herzens. Was den Bezwinger der Löwen, Drachen, Schlangen, Untaten, Urfrevel, Gegengötter und Feinde des Menschlichen auf dem Berg Ötha von den Dämmerungen des Irdischen befreit und zum Gottgleichen verwandelt hatte, war Apoll, nur Apoll gewesen. »Erkenne dich selbst!« stand dem delphischen Tempel in die Stirne gemeißelt. »Dann aber sei du selbst!« forderte unwiderstehlich das Auge dieses Liebe gewordenen Gottes.

Verzaubert, trunkene Fülle des Lichts über ihm und um ihn und zu seinen Füßen, schritt er, als es Mittag läutete, aus dem Palaste. Der Platz, alle seine Maße hinausgeschoben in die unwirkliche Vermählung von Bläue und Sonne, dehnte sich ins Sagenhafte. Die Geräusche des Lebens, wie unerbittlich ins süßeste Verstummen gezwungen, schwebten mit dem Glanze zitternd in der Lohe des Schemens. Plötzlich, er hatte die Kolonnaden schon im Rücken, sprach er laut vor sich hin: »Eigentlich habe ich den Geist Apolls ja schon lebendig gemacht, bevor ich hierherkam. In der Iphigenie? Es gibt keine Erlösung Orests ohne genau diesen Geist! Als ob ich geahnt hätte . . . . . .« Knapp machte er halt. »Herr Geheimerat!« hörte er rufen. »Herr Geheimerat!«

Froh erkannte er. Leicht lief er zum Tisch der Osteria hinüber, um den die drei Gefährten saßen. »Wußtet ihr nicht,« lachte er schnell, weil ihn die schmollendsten Vorwürfe trafen, »daß ich in dem sein mußte, was . . .« – da schrie das schwarze Mädel, das eben aus dem Tor getreten war, um ihn zu bedienen, schrill auf, mit fliegenden Röcken jagte sie ins Haus zurück, »Il Santo Padre!« hörte man sie treppauf und treppab rasen, als hätte ein Trompetenstoß den Brand des Borgo verkündigt, schrie jedes Tor, jedes Fenster, jeder Gassenmund, jeder Pflasterstein im Nu: »Il Santo Padre!« und wie aus der Nacht aufgerissen, urplötzlich in die panisch leere Sonnenstille des Platzes hinein, stürzte das Volk. Unfaßlich veränderte sich der Platz. Eine heisere Glocke hatte schon seit Minuten die Feier der rastenden Luft gestört. Nun, dringend, erscholl vom Castell Sant' Angelo herüber eine andere. Diese, tyrannisch, mit drei wilden Schlägen, riß alle übrigen des Borgo mit: ein Chor von Tönen, als das Volk sich mit tollem Schwall zur tausendgebärdigen Gasse entzweigewälzt hatte, brauste über die zappelig gereckten Köpfe, verstrickte ihre gierig rote Eile mit der erstaunt zurückweichenden Würde des Platzes, beide mit dem wirren Rausch seines Klangs. Bis das Volk, wie ein Regiment, das der Blitz mit einem einzigen Strahl getroffen hat, in die Knie sank. Aus dem riesigen vergoldeten Wagen, hinter den Trabanten, die klirrend in den Schatten des violetten Obelisken hineinritten, hob sich die segnende Rechte des wunderschönen Greises. Unschuldig weiß schimmerte, vom Gold, das um die Schultern blinkte, gefestigt, der Atlas des Kleides um die leicht aufrechte Gestalt. Liebereich grüßte die Sanftmut der Augen aus dem lächelnden Antlitz, väterlich flehten die ehrwürdig bleichen Locken unterm Saum des purpurnen Käppchens. Aber der Kutscher, barhaupt, mit scharlachenem Schnürrock auf dem Bock gerade über den zwei seraphisch milden Kardinälen, die dem Greise gegenübersaßen, schwang trotz dem Verbote die geflockte Peitsche; die arabischen Schimmel flogen. In der steigenden Woge der verzückten Leiber versank der Greis. Die Garden, goldübersäte Reiter auf schaukelnden Schabracken, die Hellebarden in die blitzenden Hüften gestemmt, zügelten unnötig kriegerisch die prachtvollen Tiere. Gemach und pompös, wie der schwertrittige Molosservers dem tänzelnden Trybrachis, folgten ihnen die Kutschen des Hofstaats: die Prälaten, Monsignori und Diakone. Die letzten rollten aus dem Borgo, als die Trabanten an der Treppe von Sankt Peter ankamen. Magisch schnell ward der weißgoldene Tragsessel auf die erste Stufe gesetzt. Die Glocken verklangen. Als körperliche Kulisse stand vor der Scheibe der Sonne, über der schattig erwartenden Brust der Kirche, die göttliche Kuppel auf. Mit Schleiern von Glast umwölkten sich die Kolonnaden. Der Obelisk, als ob er den Spuk dieser Verwandlung erriete, loderte wie eine Fackel ins Hohe, – in diesem Augenblick ward das vierte Tor in Sankt Peter geöffnet. Flatternden Goldornat über dem blumenweißen Chorhemd, schwebt eine Priestergestalt, die Arme sehnend weit ausgebreitet, aus dem schwarzen Viereck hinaus in die Terrasse, hin über die Terrasse, hebt, um die Stufen hinabzueilen, schon den Fuß. . . .

Da geschieht das Seltsame: Der Greis, soeben aus dem Wagen gehoben, wehrt den Sänfteträgern ab, steigt hochaufgerichtet allein die Treppe hinan, hebt die entsetzt in die Knie gesunkene Gestalt aus dem Stein auf und umarmt sie mit dem Kusse des Friedens.

Unter dem Wahnsinn des Jubels, der wie steil aufgepeitschte Meerflut sich aus dem Platz reißt und den Platz überwellt und an die Treppe hinanbrandet, tritt er nun, vom Verklärten geleitet, in die Halle der Kirche.

»Komödiant!« Mit einem verächtlichen Ruck setzte sich Schütz an den Tisch zurück.

»Ich bin sehr glücklich darüber,« lächelte Goethe nach einem gütigen Räuspern, »daß ich nun auch an den Katholizismus heranrücken darf.«

»Etsch!« Ellenlang streckte Bury die Zunge heraus; puterrot wurde Schütz.

»Sie müßten ihn sehen«, sprang Tischbein hilfreich ein, »wenn er am Himmelfahrtstag, nach der feierlichen Adoration durch das Kollegium der Kardinäle, da oben von der exedra aus urbi et orbi den Segen erteilt. Da ist er . . . .« – da stand das Mädel wieder da. Also, was der Herr – trippelnd hatte sie vor Goethen Halt gemacht – zu essen begehre? »Maccaroni? Fisolen? Foglie?« Aber ehevor Goethe nur ein Wort sagen konnte, drehte sie sich, wie von einem Strick gezogen, um, tauchte das Auge in das noch immer schwarzoffene Tor der Kirche hinein, ließ die Lippen wollüstig aufzittern, – »O, quanto è bello!« stieß sie begeistert hervor.

»Santo padre!« meckerte in derselben Sekunde ein Gassenbub hinter ihrem Rock, den er starr festhielt. »Dateci la benediziom!«

»Con una bella collaziom!« piepste schlagfertig ein zweiter.

»Werdet ihr?« In heiligem Zorn ließ ihnen das Mädel das schmierige Handtuch um die Ohren sausen. »Lumpen, verdammte!« Und wonnig, ganz umflossen von Seligkeit, lachte sie Goethen an: »Also? Maccaroni?«

»Also, Maccaroni.«

»Es ist ja nicht unbegreiflich«, nahm Tischbein pflichtbewußt gleich wieder den Faden auf, »daß er sich sonnt. Unter Innocenz Albani geboren, noch dazu arm wie eine Kirchenmaus und in Cesena, hat er sechs Päpste durchgelebt, die nicht von Pappe waren und ihn kaum hoffen lassen konnten, daß er einmal werden würde, was sie waren. Als Benedikt Lambertini antrat, kam er nach Rom, und es war kein vielverheißender Anfang, daß er auf einen Heiratsantrag aus glühender Liebe einen Korb mit der ausgesprochenen Begründung empfing: zu wenig Zechinen! Aber gerade mit der Einsargung seines Herzens scheint er die Bahn für die Karriere freigemacht zu haben. Er wird Auditor der päpstlichen Kanzlei, schnell darauf Benedikts Geheimschreiber, unter Clemens Rezzonico erst Auditor des Kardinals Camerlengo, dann Generalschatzmeister, – endlich Kardinal; und zwei Jahre später Papst. Daß ihn die Römer nicht eben lieben, merkt er gar nicht. Daß ihn die Heidengelder, die er in die Pontinischen Sümpfe gesteckt hat, nicht berühmt machen wollen, sagt ihm niemand. Zu Nepoten hat er sich die Untauglichsten ausgesucht. Der Herzog von Nemi ist ein Schneider auch heut noch, und der Kardinal Romuald dumm wie ein Pfau. Aber Pius weiß, daß es nichts Vollkommenes auf der Erde gibt, und die Unvollkommenheit des päpstlichen Hofes kennt er genau. Drum freut er sich seines hübschen Fußes, läßt sich eine Tiara nach der anderen machen und bildet sich ein, in der Förderung der Künste Lambertinis Nachfolger zu sein. Übrigens« – interessiert tippte er Goethen an, der nun seine Maccaroni vor sich hatte – »er hat Clemens Ganganelli den Rat gegeben, den Statuenhof zum Ausgangspunkt des neuen Museums zu machen!«

»So?«

»Und er hat, nach Clemens, das Museum um ganze sieben, wenn nicht acht Säle und Kabinette vermehrt. Wenn man auf einem Stiche sieht, wie noch zu Winckelmanns Zeiten das Belvedere einsam am Ende eines öden, leeren Korridors auf dem Hügel stand, . . .«

»Jedenfalls« – himmlische Klarheit umfloß Goethen – »ist es der größte Triumph der olympischen Götter, daß sich der Statthalter Christi als der König der Geister fühlt, weil er sie beherbergt!« Kräftig wischte er sich den Mund ab. Und ganz insgeheim, aus dem tiefsten Überfluß heraus, begann er zu lächeln. »Wissen Sie, daß ich mir die elende Gesichtsfarbe der Welschtiroler aus ihrer Kost erklärt habe? Sie essen Tag für Tag diese welsche Blende. . .«

»Plenten!« behauptete Schütz.

Gespannt: »Wissen Sie das gewiß?«

»Zuverlässig!«

Dankbar: »Der ewige Brei muß ja die Gefäße verstopfen. Dieser Maccaronipapp aber sie geradezu verkleistern!« Dennoch! Ja, er wage es trotzdem! Ein volles Glas Wein goß er hinab. »Ich mag auch die hiesigen tunkelosen Braten gern. Unsere herzoglich weimarischen Saucen kommen aus der Ilm! Überhaupt: sie essen eben, diese Italiener, wie die Alten aßen: das Material! – Sylvia!« Wollüstig schmunzelte er; ein verborgener Blick in die Fülle des Himmels empor, ein versteckter Atemzug, der mit gezähmtem Jauchzen den Aspekt des Platzes grüßte: ich bin da! bin lebendig da! – »Bring mir,« lachte er, »Sylvia, noch einmal Maccaroni!«

Aber als er nach der zweiten Schüssel die Früchte gegessen hatte, stellte er den Wein entschieden weg. Schob er sich vom Tische fort und senkte in rätselhaft plötzlichem Antrieb den Blick in die zitternde Sonnenwelle, die über der Laterne der Kuppel rollte. Die Freunde sahen diesen Blick. Er kümmerte sich nicht darum. Ließ den Blick festwachsen im Ätherhaften, die solide Wirklichkeit des Leibes vergessen, der ihn ausschickte, und endlich den Mut bekommen, mit der gerufenen Seele allein zu schauen. Apoll – und ein Papst? An einem und demselben Morgen? Gingen, ja gingen Offenbarungen auf, die vor diesem Morgen gar nicht ahnbar gewesen? Das Auge, von Herzschlag zu Herzschlag forschender und tapferer, machte das Antlitz ernst. Verzog den Ernst in Bewegtheit. Ward auf einmal eine Wesenheit für sich, mit der das Antlitz nichts mehr zu tun hatte. Kein Zweifel! Wie aus einer zauberhaft aufgerissenen Bühne traten Gestalten aus dem grenzenlosen Bogen des Lichts. Die einen aus der Hemisphäre zur Linken, die andern aus der Hemisphäre zur Rechten der Kuppel. Herabgestiegen langsam auf gesonderten Treppen in die Tiefe des Platzes, vereinigten sich beide vor dem gebannten Auge, zeigten ihre nackten Naturen in Körper und Seele, in Miene und Absichten, und lächelten wie mit einem einzigen Munde ihn an: Nun – wähle! Diejenigen, die den sittlichen Imperativ darstellten . . . .

Ins Schaukeln geriet der Stuhl, auf dem er saß. »Nichts!« lachte er verhüllt, weil die drei auffuhren; »ein Nickerchen nur!« Und die Augen geschlossen! Innen raste das Herz. Denn: Was bedeutete es, um Gotteswillen, daß die einen den sittlichen Imperativ vorstellten, und die anderen den Egoismus der Lebenssteigerung?

Vorsichtig öffnete er die Augen. Rasender schlug das Herz. Ungeheure Gewissenspflicht der Wahl! Nein! Zornig warf der Blick jede Vorsicht jetzt ab, jede Scham. Die einen, die den sittlichen Imperativ darstellten, die Glorie der Selbstüberwindung, – sie trugen durchaus Gesichter, die er seit langem kannte. Die Versinnbildlichungen seiner streitreichen Jahre der Aufopferung waren sie; Schauspieler der Tragödie, die er bis zur Erschöpfung erlitten. Die andern aber, die das Gebot unbekümmerter Ausbildung des eigenen Seins aussprachen, lächelnd, – Gestalten seiner Träume waren sie bis vor Wochen gewesen! Gehörten Rom an, diesem jetzt erst erreichten Rom, und boten eben deshalb dem Geiste, der zu wählen gezwungen ward, die teuflischeste Gefahr. Denn waren die einen nur noch Erinnerungen seiner Brust und seines Hirns, – die anderen besaßen nun seine Sinne! Allein! Ohne jede Nebenbuhlerschaft! Eines allerdings – laut bange geatmet hätte er am liebsten – eines allerdings war auch in Rom, was ihnen sinnenhaft gegenüberstand, Leib gegen Leib sie kritisierte: Die evangelische Idee! Nicht der Papst und die dreihundertundzwölf Kirchen und siebentausendvierhundertneunundzwanzig Priester! Die hatten mit dieser Idee nicht mehr viel zu tun. Aber eine Philosophie wie die des Evangeliums redet, wenn nicht mit Menschenstimmen, mit den Stimmen der Steine! Und wenn nicht aus pulsenden Leibern, aus gemalten! Oder saß etwa nicht da drüben im Gewirr der Paläste jene unheimliche Kapelle, jenes noch unerfüllt Ungelöste . . .?

Dennoch! »Er ist eben schön! Der Inbegriff aller Schönheit!« Laut, ohne zu wissen, daß er es tat, rief er es in den Flimmer der Luft über der Laterne hinein. »Oder?« Der Sessel flog an den Tisch vor. »Tischbein! Reden Sie!«

»Darum möchte ich ihn ja so schrecklich gerne malen!« antwortete Tischbein sofort; auch die anderen zwei sahen erleichtert den Bann weichen, der von einem aus alle bedrückt hatte. »Es wäre auch gar nicht schwer zu erreichen. Man läßt ihm durch einen Pfaffen zustecken, ein deutscher Maler sei verrückt in ihn verliebt, . . . .«

»Nein!« Ganz leise, mit dem scheuesten Händeauflegen zerstörte Goethe die Täuschung. »Ich meinte nicht den Papst; ich meinte den Apoll.«

Feuerrot im Augenblick wurden sie, alle drei; bissen sich die Lippen.

»Nicht böse sein!« Innig erstrahlte Goethes Antlitz. »Ihr dürft nie vergessen: Ihr habt ja schon alles, was ich erst empfange. Auch« – und nun wurde er rot – »auch lebte ich bisher mehr vom Geben als vom Nehmen. Das Nehmen beginnt erst.«

»Ach was!« Heiß flammte Tischbeins nüchternes deutsches Auge auf. »Reden Sie nicht und machen Sie mit uns, was Sie wollen!« Tief beugte er sich über den Tisch, zustimmend drängten sich die zwei anderen zu seinen Seiten. »Ja! Was Sie nur wollen! Wir sind doch nur einmal glücklich darüber, daß Sie da sind! In meinem ganzen Leben habe ich keine größere Freude erlebt, als wie ich Ihren Zettel bekam, in die Locanda an der Ripetta rannte, die Türe aufriß,« – die Faust schlug er in den Tisch – »nie werde ich das vergessen: Sie saßen in einem grünen Rock am Tisch, sprangen auf, »ich bin Goethe«, sagten Sie . . .«

Schamvoll, wie nach einem Liebesgeständnis, lehnte er sich zurück; starrte in den Himmel hinauf, und schwieg.

»Ich bin ein Glückskind!« sagte Goethe nach lange verhaltener Pause. »Trotz allem! Aber ihr dürfet mir glauben . . . . .«

Aber er vollendete nicht. Unbarmherzig forderte das Innere: weiter! »Kommt!« Rasch stand er auf, schob den Stuhl von sich, streckte ihnen die Hände entgegen. »Lasset jetzt mich euch führen! Hier winkt immer nach dem schönen Morgen ein noch schönerer Abend!«

Aber als der Abend wirklich winkte, schritt er doch wieder allein. Trat er allein durchs Pförtchen im Tor in die Villa Ludovisi ein. »Wisset ihr nicht«, versöhnte das zitternde Gemüt in die Mauern der Stadt zurück die wieder verlassenen Getreuen, »daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?« »Vater!« lispelte er in einem Sturm von Reue, als das Pförtchen, ins Schloß fallend, aufknirschte im Kies. »Sei nicht böse, Vater, daß ich nicht dich damit meine, jetzt, sondern . . . . . .« Sondern? Seine eigenen Atemzüge hörte er. Die gezwungene, dennoch gezähmte Hast seiner Schritte sah er. Was trieb ihn? Wer führte ihn? Was erwartete? Bereiteten sich Höllen von Zweifeln vor? Taten sich Paradiese des Friedens auf? Öffnete sich . . .?

Da stand er schon; festgewurzelt; unbeweglich. Ihm genau gegenüber: die Hera.

Die Sonne war im Sinken. In der Wehmut des Scheidens, in der ungeduldigen Hoffnung, die Nacht bald überwunden zu haben, strahlte sie wie ein faustischer Geist vor der Stunde leibaufgenötigter Rast. Ein Frösteln wie zwischen halbem Winter und halbem Frühling bebte mit ihrem Feuer durch die seidenblaue Ostluft. Die kurz abgesichelten Halme im hingedehnten Gartenplan lohten mit langen schmalen Funken aus dem Rahmen von angeglühtem Stein und stumpfgrünem Buchs. Rechts, weit hinausgerückt in die Harmonie der Linien, glomm der Säulenbau der Villa vor dem Steineichenwalde. Dieser Wald, bald sanft erhoben in den Himmel mit vielgliedrigen Kronen, bald ihm entgegengereckt in strengen Senkungen, zog sich über den ganzen Hintergrund nach dem Pincio hinan. Dem Tor gegenüber aber, ihm verbunden durch einen schnurgeraden Pfad, auf dem der Kies wie Wasserzeile glänzte, drang der Wald in die Welle des Gartens vor, bildete einen schwarzgrünen Hain; aus dem Hain glotzte Dickicht.

Vor dem Hain stand das riesige Haupt der Göttin.

Mit gefesselten Schritten, wie schon ihr hörig, ging Goethe ihr näher. Voll, obwohl leise das Auge gesenkt, blickte sie ihn an. In stürmisch eiliger Woge flog ihr das hohe Licht aus dem flammenden Garten herauf in das Antlitz, bis empor in die herb gewölbte Krone. Stolz sprach die Stirn unter dem Bogen des Haars die Helle des Landes aus, dem sie entstammte, während das Auge, versonnen in Wolken unnahbaren Schicksals, die stille Trauer verriet, die der Mund über dem erfahrenen Kinn mit versiegelten Lippen verschwieg.

Aphrodite, wie viele vermeinten?

Lächeln der Wegwerfung! Das ist Hera, die wissende Gattin des ewigen Zeus! Der Garten lächelt wohl, umgeben von einer Stadt der Ruinen, die Lust der gegenwärtigen Zeit aus. Die Spuren gegenwärtiger Menschen tragen die Pfade. Die Glocke von Trinità dei monti herüber singt: Ave Maria! Aber: in diesem Haupt glüht der Funke, der die fernste und nahste Zeit in eine schmilzt, die Enden der Welt mit blutigem Faden verwebt! Was von Uranfang an das Weib der Welt gewesen ist, indem es dem Manne gehört, mit ihm Wonne geschlürft, von ihm Qualen genossen, und aus ihm geboren hat, und was jemals dem Ahnen sinnarmer Sterblicher eine Göttin hat bedeuten gemußt: Erbarmerin, für sie, vor dem Donner des Gottes, und – weil sie weiblichen Blutes – auch Rächerin trotz dem sanften Gutsein des Gottes, – in diesem Riesenhaupt stand es geschrieben.

»Urweib!« flüsterte er hingerissen. »Göttermutter!« Tappte hingerissen näher . . . . . .

Da stand er vor ihr.

Zwerg mit einem Schlag. Ihrem Auge entrückt. Seine Hände, die das Fieber des Erratenwollens biß, nur den Hals mit bettelnden Findern wollten sie berühren; wie weggeschleudert sanken sie zurück, – ein Mann kam aus dem Walde hervor.

Fröstelnd floh er in den Schatten. Eilig berechnete er: drei Minuten lang kann das Licht noch währen. Dann wird sie in furchtbarer Bleiche erschauern; und mich erschlagen. Und noch weiter weg wich er, wie von Stürmen gehetzt. In seinem Rücken die Steine der Stadt zerflossen in Luft. Die Messungen des Gartens ins Grenzenlose. Seine Augen suchten furchtsam nach etwas Verwandtem. Die Füße nach einer Scholle, die festsaß. Seine Hände, – wie? Stablos, auf einmal, auch sie? Geländerlos, grifflos?

»Lotte!« Ohnmächtig stöhnte er auf. Die Kälte des blassesten Alleinseins schnürte ihm das Herz zusammen, zog die bebenden Glieder in einsamstem Krampf hinauf nordwärts, nach Deutschland. »Lotte! Oder, wenigstens, Fritz! Mein kleiner, lieber Bub!« Und wie in eine Wolkenbank gierig gesammelt, fiel die Dämonie der Sehnsucht, die er seit Wochen so höhnisch leicht niedergehalten, der süße Bann der Gewohnheit, der Heimat, die grausame Macht seiner irdischen Grenzen herab auf sein Taumeln. Wenn Charlotte jetzt da neben ihm ginge, in den schönen Händen den wildfrommen Strauß der unzähligen Stunden des Hangens und Bangens, Lechzens, immer wieder Erlöstwerdens und wiederum Lechzens! »Lotte! Liebstes! Armes! Verlassenes! Einziges!« Mit aller Gewalt raffte er sich auf. Fast drei Monate schon fort! Und noch keine einige Zeile von ihr! Hunderttausend Briefe hatte er ihr geschrieben. Aber kein einziger von ihr! »O, es ist nicht wahr!« Nein, es war nicht wahr, was er sich so oft vorsagte: daß er sie nicht mehr liebte! Es war mehr als Liebe, vielleicht war es nicht Liebe, aber – sie war die Rast seines Herzens! Und er hatte ihr weh getan! Wissend? Unwissend? Halbwissend? Deshalb schwieg sie ja! Darum! Aber wenn sie nun niemals mehr lachen und die Lippen aufmachen wird, um zu sagen: »Dich! Nur dich?«!

Da traf ihn die Göttin zum zweitenmal! Verwandelt! Von der Seite. Wie ein gefährlicher Fels schnitt sich die Stirn in den Kristall des Himmels; die Nase, der Mund, das Kinn mit fast grausamem Kontur in das pralle Finster der Steineichen. Und das Licht, das, im Sterben verzehnfacht, sie beglühte, bebte vom dämmerigen Schimmer des Blutes, und mit Blitzen in diesem Schimmer zitterten die Frevel, die das Leben am Leben tut, um zu leben. Die Hand ihres Vaters Kronos, die den Urvater Uranos mordgierig verstümmelt hatte, schien wie ein Berg auf ihrer Krone zu liegen. Von der Erde auf, als wäre sie die Woge, in die des Uranos schreiendes Blut geflossen, ringelten sich mit Schlangenleibern, reckten sich mit Leopardentatzen, wuchsen mit qualligen Gliedern die Erinnyen, die Giganten und die melischen Nymphen über das Postament empor zum schaudernden Halse und zischelten: Rache! Trotzig, dennoch angstgebissen, wehrten sich die gerafften Züge. Aber die wahnsinnige Furcht der Mutter Rheia, die ihre Kinder von Kronos verschlungen sah und mit Zeus schwanger ging, preßte immer wilder, sich ringend wie eiserner Reif, die Errettung sehnende Stirn. Hilft keine List? Doch! In den Mienen der Tochter erschien sie nun, lösende Stärke, diese List der Mutter. Kronos verschlingt den Stein, den ihm Rheia vorwirft statt des geborenen Zeus, Zeus wächst heran; wirft den Vater in den Staub; der sündige Rachen speit die Kinder zurück, – und die Olympier sind! Jauchzt nun nicht Siegesruf um die entbundenen Schläfen? Nektar und Ambrosia, die Lippen süß öffnend, segnen den Mund: Zeus setzt den Stein, den Kronos erbrochen, in Pytho auf als ein Zeichen und Wunder den staunenden Menschen, und zu Delphi verkündet nun Apolls Pythia des Gottvaters allmächtigen Willen!

Trotzdem! Senkt sich das Auge der Göttin nicht trotzdem? Warum weint sie? Warum gleitet der Flor des Schmerzes über die Zeichen des Sieges? Kommt Schatten? Der Tod? Nein! Die Schmach! O, daß, wer diesen Mund geküßt hat, nimmer frei blieb von der Gier auch nach anderen Küssen! Wer diesen Schoß gekostet hat, vom Trieb auch nach Kindern aus anderem! Und Paris versteht nicht den Durst der betrogenen Frau nach nur schmeichelndem Trost! So sinkt Hektor dahin – und Achill! Wie ein Krampf zuckt's, wie schüttelnder Ekel vor Leben und Gottsein durchs tiefelende Haupt: » . . . und Achill!« Und das Licht ist dahin.

Glanzlos, unlebendig jetzt, nimmermehr Seele der Hera, nur noch Bildnis von Künstlerhand, Kunstwerk, stand das Haupt vor dem Menschen. Aber auch der Sturm in der Brust des Menschen war verebbt nun. Die Not, das Bild durch die Dünste der Menschheitsgeschichte zu betrachten, der Zwang, bis in die tiefste Wurzel des Menschlichen hinab erschüttert zu werden von den Gesichten dieser Schau, fielen ab. Die Erinnyen wichen, der Qualm zerfloß. Und wie vor dem Apoll blieb allein ein Gedanke noch atmend: alles Leben befreit nur die Kunst! Furchtlos trat er vom Haupte weg. Furchtlos nahte er ihm wieder. Furchtlos sah er den Mann, der vom Walde gekommen war, dasselbe tun, ihm gegenüber. Ohne Absicht kam es, daß sie plötzlich, nur durch die Göttin geschieden, sich hörten; jetzt, daß sie, der eine dem anderen wie zugetrieben, nebeneinander standen. Mit schnell erhobenen Blicken maßen sie sich. Der Mann war hoch, in einen langen schwarzen Talar gekleidet; gelben Gesichts, dessen strenge Züge ein tief in die Brust niederfallender Bart ins Ungewisse verzerrte. Mit den knochigen Händen hielt er, vor dem Kinne, ein abgenutztes Buch in Schweinsledereinband. Die Augen, nun davon abgewendet, schienen den Geist des Gelesenen mit dem des Bildes zu vergleichen. Da, es war dieselbe Sekunde, in der Goethe und er frierend zusammenschraken: die Dämmerung war da. In der nächsten, in seltsam gleichzeitigem Antrieb, entfernten sie sich von dem Bilde, traten in den Garten zurück. Schritten lange zu zweit. Vor einem Rosenstrauch endlich, der noch Blumen trug, machten sie halt, drehten um: wie ein Stern im Himmel, der weder Nähe noch Ferne kennt, stand das Bild in der unabmeßbaren Geometrie des Raumes; bleich, jeder Lust ebenso ledig wie jedweden Leides; göttlich!

»Dies ist die edle Einfalt und die stille Größe der griechischen Kunst!«

Leidenschaftlich – also hatte er ihn doch endlich zum Reden gebracht! – fuhr Goethe auf. »Sie kennen Winckelmann?«

»Ich kannte ihn. Salus et pax ei!«

»Persönlich?«

»Ich war im Dienste des Kardinals Albani.«

Herzbange Pause.

Die schwarze Brust des fremden Mannes, im Widerstreit feierlicher Gefühle, hob sich. »In der Villa Albani,« sagte er mit knarrender Stimme, »stand lange das Tonmodell seiner Büste; in der Halle des Kasinos. Oft führte ich den erblindeten Kardinal hinauf. Er liebkoste dann die Züge seines unersetzten Gioachino. Er hat ihn außerordentlich geliebt. – Kannten Sie ihn?«

»Als er ermordet wurde, war ich neunzehn.«

»Sie sind zum erstenmal in Rom?«

Nicken.

»Noch nicht lange?«

»Einige Wochen.«

»Und haben natürlich schon alles gesehen?«

»Weniges.«

»Was?«

Sofort entspannten sich die gerufenen Züge. »Heute morgen den Apoll.«

»Und?«

»Und, merkwürdiger Weise,« – als ob es nun schon ganz sicher wäre, daß er Klarheit hier finden müßte, schaute er hell in den diamantenen Himmel hinauf – »nur die Wirkung des Ganzen. Die schöne Wahrhaftigkeit; die wahrhaftige Schönheit. Nicht aber das Einzelne. Kaum: den Apoll. – Hier hingegen, bis vor wenigen Augenblicken, nur die Hera. Warum?«

»Sie ist wie ein Gesang Homers!« stieß der Schwarze nach langem Zaudern wie gewürgt hervor. Der Blick grub im erdämmerten Kiese. »Viel einfacher als der Apoll! In der Kunst aber ist Einfachheit alles. Das Verbergen alles Unnötigen, Verschweigen alles Überflüssigen alles. Der Stoff muß bis auf seine Grundelemente entkleidet, bis auf den Typus jener Wesenheit zurückentwickelt werden, die allen Stoffen gleichen Charakters gemeinsam ist. Der Apoll aber ist ein bestimmt tätiger, in einer der unzähligen Regungen seines Wirkens tätiger Apoll.«

»Aber doch – schön?«

»In einem Blitz seiner Schönheit.«

»Und die höchste Kunst, glauben Sie, sei jene, die nicht diesen einen Blitz ausdrückt, sondern alle?«

Als ob Dolchspitzen in seinen Pupillen säßen, so scharf sah der Fremde ihn an. »Alle. Aber natürlich wiederum: in einem.« Unfreundlich klang es. »Dieser eine aber muß der urwesentliche, alle anderen mitenthaltende sein. Deshalb ist Einfachheit dasselbe wie Charakteristik des Typischen. Einfachheit in der Charakteristik der zufälligen Teilerscheinung ist gar nicht möglich. Nur im Typus wird der Teil verzehrt. Das gelang in dieser Hera. Und darum ist sie vom hohen Stil der Griechen. Aber« – und mit rücksichtslos höhnischem Lachen streifte er den Jungen, der mundoffen ihn anstarrte – »nicht deshalb hat der Apoll Sie weniger getroffen und gleich als das Schöne an sich ergriffen. Sondern, weil diese Hera der Urausdruck des Weibes ist! Das Ewig-Weibliche hat Sie, – hat den Mann gepackt!«

»Sie hassen das Weib?«

Nur ein Achselzucken. Hart zum Abschied drehte der Fremde um. »Ich weiß ja nicht, ob Sie ein Künstler sind?«

»Ich auch nicht! Aber, um Gotteswillen,« – heiß trat ihm Goethe in den Weg – »bleiben Sie doch! Reden Sie, sagen Sie!«

»Die Kunst«, lachte der Fremde grimmig in die erblichene Flur hinaus, »haßt das Wort. Braucht nur das Schweigen. Einsamkeit. Sammlung. Auge, Herz und Hirn in nichts anderes eingetaucht als einzig und allein nur in sie. Weg von der Welt! Vom Erleben! Vom Menschen! Und vom Weibe am meisten! Liebe, Leidenschaft, Lust schaffen Abhängigkeit. Abhängigkeit Nebengötter. Die Kunst verträgt keinen!«

»Ich fürchte mich aber . . .«

»Wovor?«

Atemlos: »Vor dem . . wie soll ich sagen? Vor dem Egoismus des Künstlers.«

»Warum sind Sie nach Rom gekommen?«

Ratlos!

Schrill lachte der Mann auf. »Man wird geboren zum Künstler, oder man wird nicht dazu geboren. Im ersten Fall aber kommt todsicher der Augenblick, da man, gepreßt wie eine Rose im Herbar, die Frage ausstoßen muß: Als was werde ich dem Ganzen – das mich doch geschickt hat! – besser dienen: als Künstler oder als, sagen wir, barmherziger Bruder? Wenn nun einen dieser Augenblick hier in Rom anfällt, und ich hoffe,« – daß der Boden bebte, stampfte er in den Boden: »ich erwarte, daß er ihn hier anfällt, – und er kommt nicht zur Entscheidung . . .«

»Dann?«

»Soll er Pinsel feilhalten in der via Merulana, wie ich. Gute Nacht!«

»Gehen Sie nicht!« Auf fliegenden Sohlen raste Goethe ihm nach. »Bleiben Sie! Reden Sie! Sie sind mir gesendet!«

In der Wollust des Spotts: »Ich bin niemandem gesendet!«

Die packenden Finger im grau gewetzten Talar drin, wie im Rausch flehte Goethe: »Doch! Sie sind es! Ich fühle es! Raten Sie! Helfen Sie! Bitte!«

»Es gibt nichts zu helfen.«

»Aber« – von bebenden Lippen, aus flackernden Augen: »Sie tragen da den ›Platon‹?«

»Ich bin ja kein Künstler!«

»Aber das Gesetz der Sittlichkeit?«

»Ah! Und das Heidentum, meinen Sie?«

»Es gibt, wie Sie gerade gesagt haben, zwei Gipfel des Menschlichen: den Künstler und den Asketen?«

»Und der Asket ist nie Künstler?«

»Also ein Heide nie sittlich?«

Teuflisch, denn er sah den riesenhaften Kampf, kicherte der Fremde. »Und die Griechen der Antike also . . .?«

»Von Jesus aus gesehen!« Mit ringendem Atem, gegen eine blutrote Scham: »Jesus war eben nachher! Und wir alle sind nachher!«

Daß der Talar sich bäumte, hob der Alte den gewaltigen Brustkorb. »Zum zweitenmal: Ich bin kein Künstler. Bin ein Sohn der katholischen Kirche.«

»Aber das Eine wissen doch auch Sie« – mit eisernem Leib stellte sich Goethe vor ihn hin –: »daß man nicht zugleich Priester der Kunst sein kann, und samaritischer Geist?«

»Wer nicht kann Mutter und Vater verlassen und Schwester und Bruder und Weib und Kind . . . .«

»Aber: um meinetwillen! heißt es, und nicht um der Kunst willen! Also heißt es gewiß auch: Wer nicht kann die Kunst verlassen um meinetwillen?« Verzweifelt ließ er die Arme sinken. »Mißverstehen Sie mich nicht! Ich bin kein evangelischer Zweifler. Kein Herrnhuter. Kein Religiose. Aber« – und wie Glas im Orkan zitterte seine Stimme – »ich habe Pflichten. Menschen, die von mir abhängen. Mich brauchen. Denen ich das Bewußtsein von meinem helfenden Dasein angewöhnt habe. Die mit keiner Ahnung daran denken, daß ich da in Rom mit der plötzlichen Gewißheit herumirre: du bist auf dem Scheideweg! Wähle! Und wenn ich dabei nicht so ganz gewiß fühlte: ist's die Kunst, die mich wählt, dann gibt es kein Bleiben mehr bei den anderen! Dann gibt es nur noch: die Kunst! Und das ist: mich! Oder wissen Sie es anders?«

Wie ein Stein schwieg der Mann.

»Sagen Sie! Gestehen Sie: Wissen Sie's anders?«

Mit einem Ruck riß der Mann das Haupt empor. »Besuchen Sie mich einmal. Ich will Ihnen dann etwas zeigen. Es steht ein kleines Häuschen auf dem Hang des Monte Mario, gegen Sankt Peter hinab. Darin wohne ich. Sie finden es leicht. Es trägt ein Rundrelief, eine Madonna mit dem Kind, überm Tor. – Auf Wiedersehen!« Und schritt ohne weiteres davon.

Wie betäubt, als schon die Finsternis über dem Walde und dem entsunkenen Bilde der Göttin gondelte, wankte Goethe nach Hause.

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