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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
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Drittes Buch

Freie

Wind weht um den Helm des Campanile. Blauer Seewind. Frischer Seewind. Spiel aus Luft und Takt aus Duft. Die Stadt zu seinen Füßen, – gewiß: die vecchia putana ist sie jetzt, wie Piero sagt. Das Weib, das nicht vergessen kann, wie prunkvoll schön es war; wie heiß und üppig es gelockt, geliebt, gelacht und triumphiert hat. Das sich im letzten Strahl hinsinkender Glorie auf einem Bett von Sünden und von allzu kunstvoll lang erhaltener Jugend noch immer schminkt, pompöses Lever erhält und aus vergilbten Briefen – vor blindgewordnen Spiegeln – vergangne Lust liest. Umsonst, natürlich! Der Leib ist ausgelebt, das Herz erstickt, im Antlitz rinnen Runzeln. Und die Kanäle stinken. Goldüberzug erblaßt. Die Pfähle morschen. Stein röchelt in Verwitterung. Das Bett sogar, auf dem sie sterben wird, ist faul. Ein Wind jedoch, ein Strich von diesem blauen Wind, – und sie steht auf! Das faule Bett, elastisch, wirft sie ab. Sie lacht: Provinzen erschrecken. Sie hebt die Arme in das fließend goldenrote Haar: Prinzen, echte, stammeln Wollust. Sie öffnet, siegsicher schon, die Lippen, nur ein einzig Wort

Unwiderstehlich, aus einem Volk von Herzen, reißt der blaue Wind das Lied: »La regina, la regina tu sei del mar'!«

Und sie ist siebzehn Jahre wieder!

Frohlockend überm Deutschenkopf, der inbrünstigen Auges vom Campanilesöller aus dies Fest der Runde trinkt, stürzen sich die Himmel in die unerschöpflichen Höhen unbegrenzter Freude. Und Freude ist, im Nu von neuem, des Lebens einzige Moral! Gott hat die Welt geschaffen, daß der Einzige, der ihn ahnt, der Mensch, sie hell genieße! Denn wo, wo hat Beschwernis, Bangheit, Herznot, Angst noch einen Sinn, so lang ein Wind in solchen Schmeichelwellen lächelnd leicht von Griechenland herüber, von Afrika herauf und von den Alpen abwärts rollen kann? Die Welt ist groß, ist nicht nur, wo man stockend hockt! Wüßt' man das stets, man hätte keine Flausen! Wird jetzt in Altona oben ein gemeiner Mord getan, – in Mekka unten betet zur selben Stunde das weiße Lämmchen eines heiligen Wilden zu Mohammed empor! Und weint in Tibet drüben jetzt ein unrettbar unglücklicher Idealist den letzten Tropfen Kraft aus, weil er den Busen Massilamas nicht bewegen kann, – in einem Weingartstück in Ungarn oben zwingt rücksichtslos der braune Tokaierbub das sonst so wilde, plötzlich sanft verstummte Mädel zur Wonne in den Boden nieder.

Oder – ist's nur die Freiheit in der entflohenen Brust drin, die so urtrostvoll alldurch sehen macht? So weltrundweit? Und gegenwärtig?

»Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit«, flüstert schelmisch fast der Mund in den verwegenen Wind hinaus.

»In jenes Schattenreich hinabzugehn!
Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade,
Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen,
Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden.
Ich denke nicht den Tod; ich sinn und horche,
Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht
Die Götter Rat und Wege zubereiten.«

Und hingerissen, Dank für tausend Götter, liebkost der Blick die Berge des Nordwestens, zwischen denen der See von Garda die ersten Verse wie langgereifte Früchte von den befreiten Lippen pflückte. »Ich denke nicht an Tod; ich sinn und horche« . . . . .

Rasch fuhr der Blick hinab: eine Glocke hatte angeschlagen.

Wo, in welchem Turm schwingt diese Glocke?

Aber während das Ohr noch suchte, mitten im Tönen des Klangs, den der blaue Wind wie Vater den Sohn empfing, schoß eine Gondel von San Moisè heraus, hinterm Palaste Giustiniani in den Kanal herein.

»La regina, la regina tu sei del mar'!«

Nun, hinter der Maria della Salute, verschwand sie! Und jetzt – die Glocke hat eine zweite gefunden, irgendwo, die sie begeistert begleitet – kommt sie wieder hervor, in der Giudecca.

»La regina, la regina . . . . .«

Wenn eine Glocke in Weimar läutete, – dumpfer Schlag, pochende Mahnung: memento mori! Diese Glocken, – wie vom Wind getrieben, nackt, sehnig, warm, Schuß Natur in jeder Ader, beugte sich der Selige über die Brüstung. In den Glast hinaus, der unter der Sonne überm blauen Zackenkranz der Alpen von Vicenza und von Padua die hundert Kuppeln, Campanili, Kreuze, Kelchkamine, Flachdachplatten wie Fluß ununterbrochen strömenden Goldes überrieselte. Diese Glocken klingeln an die Schale des Leibs, die biegsam gegenzittert; an die Membrane des Bewußtseins, das lachend, im Augenblick, antwortet: memento vitae!

O! Arme ausgebreitet! An dieses Herz, an dieses todentrungene Herz, ihr Alle! Alles! »Vita! Vita! Vita!«

Denn: lebt er nicht, der blaue Wind, als käme er blank unmittelbar aus Gottvaters quellendem Munde her? Und schwebt sie nicht, in seiner Brise, die Heiterkeit der Allgegenwart? Sind seit der Schöpfung Millionen von Jahren verflossen? Trennen die Meere die Erdeteile, Berge und Flüsse die Länder, Sonne und Sitte die Menschen? Nichts trennt! Ein einziger Blick, getan mit freigelöstem Auge von der Warte über einem neubeschrittenen Schollenbug, – und die Vergangenheit versinkt; es stürzt der Grenzpfahl ein, und jedes Unterscheiden zwischen dir und mir zerschmilzt im Kuß der Gegenwart; des Augenblicks! Was ist Venezia da unten, rund herum um den scharfen Blauschatten des Turms? Reliquie der Geschichte? Symbol des Vergehens? Eine Stadt an der Adria? Italienisches Mirakel? Nur Leben! Nichts als Leben! Das ewig gleiche, ewig neue Leben! Oder hören diese Glocken je zu klingen auf? Im Gegenteil! Was der blaue Seewind nur geweckt hat, reißen sie mit ihren vollen Tönen erst hervor ans Licht! Das Licht ist: Oktober des Südens. Rauchlose Helle. Badend in der Flut dieser opalenen Klarheit, dringt das Auge die Flimmer des Sonnuntergangs hindurch in den Norden des Kanals. Findet: San Rocco, San' Staë, Santa Chiara, San Geremia und, am Ausgang des Canareggio, San Giobbe. Der Kanal zieht zwischen Nachtblau und Grellblond seine geplätscherten Windungen aufwärts. Schiebt links Paläste und Klöster mit verdufteten Gärten hinaus ins Gewitter der Strahlen. Läßt rechts die Wirrnis ihrer triebhaft willkürlichen Formen, zwischen hundert pfützenschmal blitzenden rivi, der wildgehäuften Mitte der Stadt, dem Rialto. Das Auge, besessen, läuft höher. Im Norden vermählt sich, in triefenden Kaisteinen, gesprungenen Firsten und geschwungenen Simsen, der Prunk des mastengetragenen Westlichts mit der geklärten Durchsichtigkeit, die von der terra herabrinnt. Aber, hinübergeeilt an die glasklare Küste der Misericordia, und vor den Türmen der Santi Apostoli, von San Giovanni Chrisostomo und Santi Giovanni e Paolo, wie vor junihaft rosenrot-akeleiblauem Garten stumm atmender Steine, wogt die Welle, von keinem Pfeilstrahl der Sonne geritzt, nur von der Gnade des Widerscheins angehaucht, in mild östlicher Unschuld hinüber an die Inseln Murano, Burano, Torcello und weiter. So unschuldig mild, daß das Auge nun ruhig hinabzieht übers Arsenal nach dem Lido, in der größeren Woge von rollendem Purpur die schwersüdlichen Glanze des Meeres auffischt, – und zuletzt, gesättigt zu völliger Rundheit, zurückpilgert über Chioggia, Pellestrina, Malamocco und San Giorgio Maggiore in den länger gewordenen Schatten des Turms; und in das Läuten der Glocken. Denn diese Glocken . . .

Jauchzend riß er den Hut vom Haupte: Jetzt läuten sie alle!

Feiernder Brust atmete er, als sie eine nach der anderen verklangen, vor der smaragdgrün aufwachsenden Weite. Unten im schwarzblauen Pflaster des Markusplatzes klapperten die hohen Absätze lockender Dirnen. Vor dem Palazzo ducale stampfte der Schaftstiefelschritt der hellebardeblinkenden Wachen. Auf der riva Schiavoni schlichen, abgetretener Sohlen, schwarzradmantelige Nobili. Aus dem Schlauch der Merceria scholl hebräisch gedehnt der habeilige Ruf ihrer Händler. Vom Schwalbensöller des kerzeschmalen Hauses hinter den Prokuratien kam gezwitschert das Lied eines Weibes, das Wäsche aufhängte; vom viel tieferen Doppelbogen des Fensters im Palazzetto daneben der knatternde Lärm zügellos gepeitschter Betten. Die Uhr in San Marco schlug dröhnend. Hahnschrei! Taubengeflatter! Schlank hallend wird die Luft aufgewirbelt. Das Banner des Evangelisten auf der Piazzetta knallt gierig. »È?« schreit toll der Gondoliere, den das Auge nicht sieht, im verborgenen Engpaß. »Stalì!« antwortet bassig gemütlich der zweite. Vom Ponte dei sospiri kommt, Geheimnis, der Laut scheu ausgesetzter Gondel. An dem Marmor der Salute bricht sich gurgelnd die Woge. Jede Hochzeit, die von den Töchtern des Regenbogens gefeiert werden kann mit den Söhnen des Regenbogens, leuchtet noch einmal, farbiger magisch, empor aus der in den Abend hinsinkenden Stadt. Und sofort, wie das zweite Märchen von Buntheit, folgt der Chor aller Stimmen der Menschen und Dinge. Aber lächelnd übertönt ihn die Woge, die brandet an dem Marmor der Salute; brandet an allen marmornen Stufen, umschaukelten Pfählen, überalgten Schwellen und gequaderten Mauern der Stadt. Und es zerbrechen die Farben. Versterben die Klänge. Und die Woge allein rauscht!

Bis ein Schlag in der Brust, die ihr atemsüß lauscht, mit dem Hochgefühl des Geschöpfes erkennt: rauschest Leben wie ich! »Vita! Vita! Vita!«

»Bin ich wieder ein Mensch? Atmet ringsumher nichts mehr als Menschheit?«

Barhaupt, ein Lächeln, das nimmermehr starb, auf den Lippen, stieg der Andächtige die finsteren Stufen zurück. Schritt er aus dem niedrigen Modertor in den schwerdämmernden Platz. Ach, wie erzengelgut rief Piero endlich, als er den Herrn die Holzstiege in der Königin von England emporklettern sah, übers Geländer herab: »Heilige Jungfrau! Wo sind Sie so lange geblieben? Ich warte angstvoll. Seit Mittag.«

Ja! Das ist Piero! Noch immer wie im Traum schüttelte Goethe den Kopf. Piero, die Seele von einem Menschen! »Niente paura!« Köstlich geruhsam, als käme er nun erst recht nach Hause, trat er in der düsteren Gasthofkammer ein. »Ich bin auf dem Campanile gewesen.«

»Ah!« Begeistert ging der schöne alte Apostelkopf in die Höhe. »Spendida vista! N'e?«

In den schwarzledernen Lehnstuhl, das einzige bequeme Möbel im Raum, ließ sich Goethe fallen. »Meravigliosa!«

»Incommensurabile!« Diensteifrig in die Steinfließen niedergekniet, streifte Piero dem Herrn die Stiefel ab. »Indimenticabile! N'e?«

»Indefinibile!«

Wollüstig schmunzelnd erhob sich Piero. Holte die zweite Garnitur aus dem Schranke. Wischte mit der grünen Schürze, die er über den Hemdärmeln trug, den makellosen Glanz. Kniete nun, sehr zufrieden knurrend, zum zweitenmal nieder und zog dem Herrn die Schuhe an. So abgemessen gewissenhaft wie der Levite beim Hochamt, wenn er dem Patriarchen die purpurnen Sammetpantoffel anpaßt. »Contento?«

»Wie spät ist es?« Die letzte Schnalle war geknöpft; leicht stand Goethe auf aus dem Stuhl.

»Fünfe vorbei!« Aber Piero war schon beim Fenster. Indem er mit behutsamer Hand über den Vitruv strich, der symmetrisch ausgerichtet neben Tintenfaß, Kiel und Wasserglas auf dem Fenstertisch lag, griff er mit der anderen ins Freie.

»Donnerwetter! Was für göttliche Früchte du gebracht hast!«

Die winzigen, messingenen Ohrringchen unterm grauen Struwwelhaar glänzten. »Von der Gigiotta, der alten Kupplerin an der Mauer von San Giacomo. Mir macht sie keine Witze!« Und mit stolzen Fingern kniffe Piero in die Feigen, hob er die Pfirsiche, drehte er die Trauben. »Und all diese Schönheit für zwei Paoli!«

Aber er hatte noch Anderes gebracht. Aus einem Henkelkorb, der mit Seegras ausgelegt war, hob er: sechs Eier, einen Ziegel Käse, ein Knöllchen Butter, zwei Weißbrote, eine gefüllte Meerspinne und eine ungeheure neapelgelbhautige gekerbte Melone. »Santo Dio!« frohlockte Goethe, dem der Saft des Pfirsichs, den er aß, von den Mundwinkeln rann, einen Luftsprung tat er auf dem mattroten Backstein. »Du fütterst mich wie eine Martinigans! Gib her!« Und stürzte, noch am Pfirsichsaft arbeitend, auf die Melone zu. Aber Piero – »nein!« sagte er einfach, seelenruhig, und ließ die Melone verschwinden. »Die bleibt für das Nachtmahl!« Und mit bestimmter Hand schloß er den Henkelkorb wieder; denn er hatte noch Anderes gebracht. Erstens ein Moskitonetz, zweitens zwei Porzellanteller, ein Salzfaß und Gabel und Messer aus Blech. Drittens ein Paar Bastpantoffel und einen knallroten gutzügigen Hosengurt. »Der, den Sie anhaben«, sagte er zur Rechtfertigung, »bricht morgen,« und die Abendessen auf Papier seien eine porconeria. Er habe mit dem Wirte verhandelt, und dieser ölige Schmutzian schließlich eingesehen, daß das Kochen von Eiern, die er nicht selber gelegt, im Hause keinen Diebstahl bedeute. Also werde er heute zu Nacht dem Herrn endlich etwas Warmes servieren können. Das Moskitonetz aber – »o nein!« beteuerte er stolz, mit überlegenem Lächeln. »Nicht gekauft etwa! Ausgeliehen!« Pietätvoll, mit den Fingerspitzen, hob er's in die Höhe, schaukelte es wie einen Brautschleier. »Die Tante Rosalia, – das heißt: eigentlich ist sie die Tante meiner Mutter – hat es mir geliehen. Esplicitamente e soltanto per voi, Vossignoria! Die Tante Rosalia nämlich habe vor elfeinhalb Jahren, als sie ihren Gatten, den Herrn Girolamo Benvenuti, verlor, – er war bei der herzoglichen Leibgarde, ein Monstrum von einem Athleten, Riesen, Giganten, »mezzodio, per bacco!« – eine Garküche aufgemacht, im rivo Orseolo, Numero 11, und als diese Garküche – sie kochte wie keine andere in Venedig die verze con scampi, »candellostia, che verze con scampi!« – als diese Garküche sehr gut ging, im Nebenhaus ein paar Zimmerchen zur Garküche dazugemietet und an Fremde vermietet. Denn die Tante Rosalia, weil sie eine außerordentlich standesgemäße Frau war, – zum Beispiel: die erste Köchin im Palazzo ducale, die Teresina . . .

»Eccocci!« lachte Goethe, himmlisch vergnügt: das Moskitonetz war auf den Boden geglitten.

»Massignore!« Feuerrot nahm es Piero aus den Händen des Herrn zurück. Aber dem Schrecken folgte die Rede gleich neu. Die Tante Rosalia hatte hervorragende Gäste. Den Herrn Candido Smelzio aus Bologna, zum Beispiel. »Sie kennen ihn vielleicht?« Oder den Herrn Antonio Franchini aus Brescia. »Sie kennen ihn vielleicht?« Oder den Herrn Marco da Paglia aus Rimini. »Diesen werden Sie doch gewiß kennen?«

»Piero«, sagte Goethe und führte die letzte Feige – es war die zweiunddreißigste – zum Munde, »Piero, ich werde dich mit nach Deutschland nehmen! Was meinst du?«

Im Nu stutzte der Alte. Aus gekniffenen Augen, vorsichtig sah er den Herrn an. Drei Schritte vor dessen Leibe. Den Henkelkorb in den nußbraunen Händen. Als ob er sich wieder einmal auf Herz und Nieren fragen wollte: Ja, wer ist denn dieser Herr Filippo Möller eigentlich? Dies dunkle Gesicht mit der strengen Nase, dem schmalen Willensmund und dem starkgeprägten Kinn, – nicht zu vergessen die Augen! – war es das Gesicht eines kärntnerischen Holzhändlers, eines tirolischen Weinreisenden, oder eines Leipziger Papiermachers? Nein! Aber: Möller, – und Kaufmann!? Die Kleider allerdings, die Herr Möller trug: sie waren nicht prima. Per esempio jene leinenen Unterstrümpfe, die er anzog, sobald es kühl war! Sah man aber Herrn Möller dasitzen, ein Bein übers andere geschlagen, das Gesicht leicht in die flache Hand gestützt, den Blick mit einem Schimmer weltglatter Sicherheit auf den Dritten gerichtet, etwa auf den alten Franzosen, der hie und da kam . . . . . . . »Jesus, Maria!« Gott sei dank, daß ihm das eingefallen war! »Vor einer halben Stunde ist der Herr Villet dagewesen. Er erwartet Sie pünktlich um sechs beim Café Marocchino!«

Wehmütig lächelte Goethe. Der gute, alte Franzose! Pritschelnd wusch er sich im Alkoven die Hände. Aber: was sei es nun mit Deutschland, Pierino? »Hm? Was meinst du?«

Von Venedig nach Deutschland, erwiderte Piero schnell, seien es, so viel er wisse, mehr als »do passi?«

»Aber die Wölfe fressen einen dort auch nicht mehr.«

»Wölfe!« Piero mußte den Korb niederstellen, so lachte er. Aber was man dort, sagen wir, zu essen kriege?

»Auch nicht Wölfe.«

Den Bauch hielt sich Piero vor Vergnügen. So eine burlesca! Daran zweifle er nicht. Aber wie man, per carità, zum Beispiel dort wohne? Ein Mensch, der sozusagen mit Schwimmhäuten geboren ist?

»Ich sage dir, Piero, daß du in Deutschland mit vier Schwimmhäuten nicht auskömmst. Mit sechs nicht!«

»Im – Herbst, natürlich!«

»Ja, denn im Winter schneit es. Aber auch der Schnee wird zu Wasser.«

»Gut!« Das finde er, für Deutschland, begreiflich. »Aber im Frühling?«

Das Handtuch in den Händen, trat Goethe aus dem Vorhang. »Im Frühling wird es wiederum warm, da kommt der Schnee also als Regen herab.«

»Aber um Gotteswillen! Die Deutschen werden doch auch ihren Sommer haben?«

»Selbstverständlich! Aber da beginnt es schon wieder Herbst zu werden, und infolgedessen fängt der Regen von vorne an!«

»Also . . . .« Piero ließ sich an die Tür zurückfallen. Die Augen blickten wie die armen, erstaunten, mahnenden, fragenden des Tintenfisches auf der glitschigen Bank der Pescheria. »Also – immer Regen?«

»Immer!«

»Und Kot?«

»Immer!«

»Und Nebel?«

»Immer!«

»Und Kälte?«

»Immer!«

Wie ein Stein, an der Tür, lange schwieg Piero; wie der Tintenfisch auf der glitschigen Bank der Pescheria. Dann, plötzlich einen Schritt vorgetreten, sagte er sehr leise, sehr verlegen, sehr ungerne: »Perdonate, Signore! Non accompagnerei con più amore nissun forestiere che Voi! Ma in un paese sì barbaro . . . . . ?«

»Mein lieber Piero!« Brüderlich, innig schnell legte ihm Goethe die Hand auf die Schulter. »Ich nähme dich gar nicht mit. Denn du würdest in drei Tagen oben zugrundegehen, – so sicher, wie mich die Motten gefressen hätten, wenn ich nicht endlich herabgeflohen wäre! Kauf mir etwas Papier! Du siehst, ich bin mit dem letzten zu Ende. Schön weißes, gut glattes!«

Ja, wer ihm vor sechs Wochen gesagt hätte, daß er in sechs Wochen mit einem stockfremden Lohndiener ellenlange Gespräche halten würde! »Wer mir gesagt hätte«, – wonnig schritt er, wieder aus dem Hause, übers glanzfeuchte Pflaster – »daß ich in meinem Leben nocheinmal einherschlendern werde wie ein Bursche von vierundzwanzig! Und daß ich, reich wie ein König von dieser Entdeckung, entdecken werde, daß der Mensch, jeder Mensch nur ein Mensch ist! – O, Monsieur!« Mit überirdischer Höflichkeit lief er dem zierlichen alten Herrn entgegen, der, die Rechte auf der Elfenbeinstockkrücke, atemlos um die scharfe Ecke geeilt kam. Wie charmant, daß Herr Villet ihn nicht vergessen habe! Und sogleich sorglich anbequemt dem unsicheren Schritt und mit eifrigem Ohr herabgebeugt zur schneeweißen Perücke, reichte er dem Franzosen den Arm. Wie? Der Scirocco habe Herrn Villet den Tag verdorben? Wie schade! Nein! Er habe gar nicht gemerkt, daß Scirocco gehe. Was? Monsieur Villet – und alt? Wenn man so aussah? »Vraiment! Wenn ich mit fünfundvierzig noch so biegsam herumgehen und so lebhaft in die Welt hinausschauen werde wie Sie mit sechzig?«

»Schmeichler!«

»Wir Deutsche schmeicheln niemals!« Wie frisch er die Lippen aufmachte. Das glückliche Lächeln genoß, das um den vertrockneten Galliermund flog. Es sei doch keine Bagatelle, sich im Herbst vom warmen Kamin in Versailles aufzumachen und ins Land der frierenden Hunde und Banditen herabzusteigen? Und wie emsig Monsieur von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit wandere! »Was war heute Ihre Beute? Darf ich's wissen?«

»Gern!« Monsieur Villet strahlte verklärt. Er habe heute mittag – »Oh, mon chapeau!« Wie erschreckte Schneckenhörner gingen die zarten Chevalierarme in die Höhe: der Wind, weil sie in die Piazzetta eingeschwenkt waren, hatte ihm den Zweispitz von der Perücke gerissen, nun stolperte er über Pfützen und Schlammhaufen impertinent der Lagune zu.

»Da!« lachte Goethe, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen, und brachte den Hut zurück.

»Sie entzückender Mensch!«

»Augenblick noch!« Und bedachtsam stellte sich Goethe dem zitternden Männlein so vor, daß ihm der Wind nicht etwa auch noch den Schnupfen bringe, und bürstete den Hut mit dem Ärmel immer wieder und wieder.

»Um Gotteswillen, bemühen Sie sich doch nicht länger! Es geht schon! Es ist schon genug!«

Aber Goethe fand eben, daß es noch nicht genug sei, und machte sich auch mit dem zweiten Ärmel an die Arbeit. »Ein Mann, der sich so peinlich soigniert trägt wie Sie . . .«

»Aber es ist mir entsetzlich, daß Sie sich so plagen! Wie kommen Sie nur dazu! Ich bitte Sie inständig . . . .«

»So!« Endlich saß der Hut wieder.

Und nun gehe man besser vom Wasser fort. Und rasch nahm er den gebrechlichen schwarzseidenen Arm wieder auf und führte den Fremden, wie ein Sohn den verehrten Vater führt, in den Markusplatz zurück. Also, was habe der Tag heute gebracht? Diese Frage aber war mit so herzlicher Anteilnahme getan, daß es dem Alten geradezu warm ins einsame, heimwehkranke Gemüt fiel. Dankbar legte er den Arm tiefer in den des Begleiters, die furchtsamen Züge erhellten sich und das Wort, das ihm sonst zögernd von den Lippen kam,. floß frei und verschwenderisch. Er sei so glücklich, sich aussprechen zu dürfen. Wenn man so alt sei und einen Buben von neun Jahren zu Hause habe . . . .

»Ja! Richtig! Haben Sie Nachrichten von Emile?«

Weinerlich, gleich wieder verzagt: »Keine! Noch immer nicht!«

Das brauche Monsieur aber auch gar nicht zu erschrecken, tröstete Goethe. Bestimmt; mit Urteil. Er sei nun schon über fünf Wochen von Leipzig weg und habe noch keinen einzigen Brief bekommen. In den nächsten Tagen lange gewiß Post ein.

»Glauben Sie?«

»Zweifellos!«

»Aber ich möchte spätestens übermorgen reisen. Ich muß weiter!«

»Das hat nichts auf sich. Sie lassen mir Ihre nächste Adresse, ich hole Ihre Briefe im Gasthof und sende sie mit der Eilpost nach.« Aber auch, wenn noch wochenlang nichts käme, – was solle einem gesunden, in der Hut des Hauses geborgenen Kinde geschehen? Gewiß: Eltern ängstigen sich immer. Gottlob aber meistens umsonst! Emile sitzt jetzt gemütlich zu Hause, er hat soeben mit Mademoiselle Blanche einen Spaziergang gemacht, nun trinkt er mit Behagen seine Schokolade und denkt: hat's mein Papa aber schön! Der kann in der Welt herumreisen, – und die Welt, ach, die Welt ist ja herrlich! Dabei sinnt er sich schon aus, was der Papa mitbringen wird, was Papa erzählen wird, was Papa . . . .«

»O! Sie haben auch einen Sohn! Sagen Sie! Sagen Sie!«

»Nein. Nur ein – Pflegekind, gewissermaßen.«

»Aber Ihre Eltern leben noch?«

»Meine Mutter.«

»Beneidenswerte Mutter! Ja!« Und im Überschwang seiner Rührung, gewaltsam, klopfte der Alte mit dem Stock das Pflaster. »Das weiß ich, das fühle ich! Sie müssen ein musterhafter Sohn sein!« Und habgierig, sehnsüchtig, ganz, ganz enge schmiegte er sich an den Jungen, dessen Miene er jetzt nicht sah. »Das beweist jedes Wort, das Sie reden! Die unbeschreiblich gütige Art, in der Sie mit mir umgehen!« Wie verwandelt schritt er jetzt aufrecht. Und wie blitzte das Auge. »Niemand ahnt doch, wie allein ich mich hier fühle. Der Wirt betrügt mich. Der Bediente betrügt mich. Jeder Mensch, mit dem ich zu tun habe, betrügt mich. Wohin ich komme, lacht man mich aus. Zeigt mir jemand etwas? Hilft mir irgendwer? Schadenfreude ringsum, wenn man sieht, daß ich leide. Und das ist Venedig! Sagen Sie nur, gestehen Sie nur,« – leidenschaftlich blieb er stehen – »was hätte ich hier getan, wenn ich Sie nicht gefunden hätte! Sie allein, – ein wildfremder Mensch . . . . .«

»Es gibt keine wildfremden Menschen!«

Mund offen sah ihn der Alte an; sie standen just vor der Markuskirche.

»Immerhin, – Sie kannten mich nicht, ich kannte Sie nicht . . .«

»Mensch ist Mensch!« Plötzlich, wild aufschießend wie eine Riesenfontäne, die den Pfropfen aus dem Rohr knallt, stieg Goethen die Liebe aus dem jauchzenden Herzen. »Jeder Mensch, da und dort, überall – immer! – ist nichts anderes, als jeder andere! In unserem Fall aber: Sie waren es doch, der mir so unwiderstehlich entgegenkam.«

Salzsäule ward der Alte. »Ich??«

»Mit Ihrer vornehmen, väterlichen, reizenden Art. Ja! War ich nicht auch allein? Kam ich nicht auch von zu Hause? Hatte ich nicht dieselbe beschwerliche Arbeit wie Sie: die unbekannte Welt zu durchstreifen, die nichts von mir wußte?« Und wie da der Alte in einem magischen Schleier, den er nicht zu durchstoßen vermochte, in einem Traum, der vom erblichenen Gold der Mosaiken, vom Purpur der Dämmerung und vom Samtblau des Himmels her seine Augen und seinen Sinn betäubte, nur noch verblüffter dreinblickte, seine Finger noch zärtlicher in das Manteltuch preßte, fuhr er ergriffen fort: »Ich glaube, daß Sie zu jener Sorte Menschen gehören, die niemals Anderen Übles antun, aber zu demütig sind, als daß sie ihr Recht darauf empfänden, von diesen Anderen Gutes zu empfangen. So gehen Sie als ein Freund der Menschen durch die Welt, ohne zu wissen, daß diese Freundschaft einzig und allein Ihr Verdienst ist. – Aber friert Sie nicht? Sollen wir nicht lieber nach Hause . . . . . . ?«

»Nein! Um Gotteswillen! Nein!«

»Dann« – Goethe drehte um, nahm Monsieur an die Rechte und strebte stracks von der Kirche fort – dann müsse Herr Villet doch nun endlich die Gnade haben, zu berichten, was der heutige Tag ihm gebracht habe. Ja?

Aber Monsieur Villet spazierte am Arm von Monsieur Möller noch einigemale zwischen dem Portal von San Marco und dem von San Geminiano auf und nieder und redete immer noch nicht. Das Licht des Abends über den Wänden des Platzes war nun verglommen. Die letzte Lampe im Helm des Campanile erloschen. In toter Länge, blaß und gliederlos stand der Turm. Wachsend mit Finsternis füllten sich die Bogengänge. Wo eine Gasse sich auftat, lockten plötzlich Funken, die jäh aufblitzten und gleich wieder versanken. Lärm, der nahe schien und gleich wieder ferne war, schaukelte wispernd durchs Dunkle. Bettler, Krüppel, Mönche, Courtisanen, alle scheinbar in Masken und, ob sie auch nicht zusammen auftraten, doch wie in einem wahnhaft gebundenen Drama zusammengehörten, stelzten lautlos durch die Schatten herein in die Mitte, ein Lächeln flüsterte in dieses, eine heisere Drohung stieß sich ins andere Ohr, nun – »hören Sie's nicht?« – schrie aus dem bühnendunklen Hintergrund des Dogenpalastes ein Schrei, es war, als ob ein Dolch in der Seide eines Tabarro aufflammte und eine Welle draußen im Fluß des Kanals, – und jetzt, wie auf ein Stichwort, ertönten die Glocken. Von San Marco, von San Bernardo, vom Redentore, von den Gesuati, von Santa Maria del Rosario, von San Battista, von San Domenico, von der Salute, von Santa Barbara, – jäh blieb der Franzose stehen. Gottseidank! Die Verzauberung wich! Als ob er aus einem fremden Gesicht zurück in sein eigenes stiege, erlöst, atmete er auf. »Es ist mir jetzt etwas Eigentümliches geschehen,« begann er fast flüsternd, halb noch im schreckhaften Zweifel darüber, ob der Spuk auch wirklich endgültig vorüber sei. »Ich habe mich plötzlich nicht in Venedig, sondern – ja, ganz einfach: irgendwo gefühlt. Und Sie sind die Ursache davon gewesen! Ich habe natürlich, was Sie da zu mir sagten, – daß es keine fremden Menschen gebe, daß jeder Mensch wie der andere sei, – schon oft gelesen. Auch für mich, in jenen einsamen Betrachtungen, wozu einen die Enttäuschungen zwingen, oft bedacht. Denn es ist doch, nicht wahr,« – schamhaft, furchtsam wagte er aufzublicken – »etwas Natürliches? Aber erlebt habe ich diese Verwandtschaft noch nie. Bis heute nicht. Erst jetzt, Ihnen gegenüber . . .«

Wie erschöpft setzte er aus.

»Es hat nämlich bis heute«, fuhr er nach langem, scheuem Warten fort, Goethe ging ehrfürchtig lauschend tief vorgebeugt, »niemand je etwas Anerkennendes zu mir gesagt. Die mich am besten kennen, am wenigsten. Fremde aber überhaupt nicht. Vielleicht war einmal irgend etwas Gutes in mir. Wahrscheinlich nicht. Aber wenn auch nicht, – es hat mir jedenfalls wohlgetan, auch dies, einmal, erlebt zu haben!« Zittrig, mit heißen Fingern, preßte er Goethes pulsende Hand. »Ja! Wohlgetan! Ich kann nicht sagen, wie wohlgetan! Denn ich erfuhr dadurch zum erstenmal, daß ein Mensch auf den andern auch Einfluß üben kann. Heilsamen Einfluß! Vielleicht wäre aus mir mehr geworden, wenn mir der Zufall einen Mann wie Sie früher in den Weg geschickt . . . . .«

»Um des Himmelswillen!« Wie gewürgt vom schmerzhaften Mitleid mit dieser armseligen Armut, die sich ihm ungebeten da an die Brust schleuderte, wehrte Goethe ab. »Sie machen das Selbstverständliche zum Verdienste und übersehen vollkommen . . . . . . .«

»Keine Angst!« unterbrach ihn der Alte sogleich. »Ich bin schon zu Ende! Ich begreife vorzüglich, daß Sie für exaltiert halten müssen, was mich da plötzlich so sehr überwältigte, denn Sie können unmöglich erraten . . . . . . .«

»O!« Aus abgründigst getroffener Brust: »Nur zu gut kann ich's erraten!«

»Aber! Mit sechzig Jahren« – wie Rost fie1 die Angst vor dem, was ihn so sehr überwältigt hatte, in die ringende Stimme zurück – »mit sechzig Jahren übersiedelt man nicht mehr in eine neue Welt! Ich fühlte mich, war für einen Augenblick aus meiner lebelangen in eine neue versetzt, ging – nicht in Venedig und nicht als der bekannte Querkopf Villet, sondern irgendwo und als nicht anderes als auch nur ein Mensch wie Sie da, neben Ihnen, und empfand das Beseligende dieser Verzauberung! Aber . . . . .« – energisch: »Bitte, verstehen Sie mich! Locken Sie mich nicht weiter in diese Oase, die meine Vergangenheit wie einen furchtbaren Irrtum ausstreichen und meine letzten Jahre unsicher machen müßte. Ich bin schon zu alt . . . . . .«

Mit einem Ruck machte Goethe halt; das Herz schlug ihm bis zum Halse empor. »Ich nahm Sie, wie Sie sind. Und nehme Sie, wie Sie sind. Und würde mir empört jede Absicht verbieten, Sie von Ihrer Person zu entfernen. Denn gerade so, wie Sie sind, erscheinen Sie mir völlig, ja gänzlich gemäß!« Und obwohl er sich nun ganz bewußt dessen war, daß er sein Gefühl für diesen Mann mit dem gezieltesten Willen verdopple, weil ihm die Gewalt dieser nackten Eröffnung schrankenlose Beharrung gebot, – er ließ nicht ab vom berauschenden Wort, das immer glühender beweisen sollte, wie jedes Leben gerechtfertigt sei, das dem Gemüt die Fähigkeit bewahrt habe, eine Stunde wie diese zu erleben. Und bemerkte daher auch gar nicht, daß, während er so drangvoll heiß redete, Monsieur Villet schon wieder in seiner Haut und in Versailles steckte. Wohl: Monsieur lauschte noch immer dankbar, ja kindlich großäugig; aber erreichen konnte ihn das stürmische Liebeswort nicht mehr. Gerüstet und geladen sprang er denn richtig in die erste Pause hinein, die sich ihm anbot. Also nun, endlich: was der heutige Tag gebracht hat! Wolle Monsieur Möller es hören? Er glaube jetzt so ziemlich alles, was in Venedig zu sehen sei, gesehen zu haben: Die Gäßchen, die Plätze, die Kirchen, die Museen, das Meer, die Lagunen, – alles! Und trotzdem: Nichts! »Nein! Ich habe kein Bild, keinen wirklichen Eindruck! Weiß nicht, was Venedig im Urteil der Welt zu Venedig macht! Der Pfahlbau? Die Markuskirche? Paolo Veronese? Der Palazzo ducale? Oder? – Ich finde es nicht!« Mit ratlos ausgebreiteten Armen blieb er stehen vor Goethen. »Helfen Sie mir! Sagen Sie mir's!«

»Ich weiß es auch nicht.«

»Sie wissen es genau!«

»Ich tue gar nichts anderes als: schauen, schauen, schauen, – und noch einmal schauen.« Helle des Himmels in Goethes Brust. Lange, lange Jahre nicht mehr war es geschehen, daß ihn ein ganz und gar einfacher Mensch so zum atmenden Bewußtsein der Sicherheit seiner selbst gebracht hatte. »Ich glaube nur, daß Sie sich umsonst quälen.«

»Aber Sie sich doch noch viel mehr!«

Geradezu liebkosend lächelte Goethe. »Aber Monsieur! Ich genieße!«

»Das sagen Sie nur!«

»Tag und Nacht! Nur genießen!«

Als ob ihn derselbe Mann, der ihn soeben erst zum betäubenden Gefühl der Brüderlichkeit aller Menschen emporgetragen hatte, nun höhnisch in die Einsamkeit seines verlassenen Selbst zurückgestoßen hätte, zog der Alte, auffahrend, den Arm aus Goethes Arm. »Ich sehe das gerade Gegenteil. Sie gehen von früh morgens bis spät abends ohne Unterlaß umher. Heute sind Sie beim Dogenaufzug, morgen vor der Familie des Darius, vormittags in der Scuola San Rocco, nachmittags am Lido; dann lesen Sie im Palladio, dann hören Sie die Mädchen in der Mendikantenkirche singen, dann geht's in die Komödie, dann machen Sie zum hundertsten Mal eine Gondelfahrt, . . . . . . nein, mein Lieber! Das ist nicht Ihre Jugend allein, die es machte daß Sie das leisten können. Sondern das System, mit dem Sie die Dinge betrachten. Sie haben ein System!«

»Ich habe nicht die Ahnung von einem System!«

»Doch! Sie haben eines!« Und hitzig wurde Monsieur jetzt. Sah unerbittlich empor in das strahlende Angesicht des Jungen. »Und ich lasse Sie nicht los, bevor Sie es mir preisgeben! Ich muß es haben! Ich gehe nicht fort, ohne es zu kennen. Was?« Einen verwegenen Atemzug tat er. In wirbelige Bewegung geriet der schwanke Körper. »Keines haben will er! Das ist ausgezeichnet!« Wie wäre denn Monsieur Möller, zum Beispiel, ohne System, das das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Vollkommene vom Unvollkommenen, das Wahre vom Falschen unterscheidet, darauf gekommen, diese Kirche, dieses Paradigma aller Venedigbesucher, – ohnmächtig zitternd wies das Stäbchen auf die Fassade von San Marco – diese Moschee da, – »ja! es ist eine Moschee!« – überhaupt nicht zu sehen? »Einen Taschenkrebs haben Sie sie neulich kurzerhand genannt! Und ich – studiere Tag für Tag jedes Mosaik, jeden Bogen, jede Tür, jede Säule daran und darin und meine, ich müßte sie schön finden!«

»Aber deshalb, weil ich sie nicht schön finde, kann sie doch . . . . . .«

»Gewiß kann sie! Aber ich wäre, ohne Sie, niemals darauf gekommen, daß sie auch nicht schön sein kann! Weil ich kein System habe! Es war und ist mir noch heute rätselhaft, was für ein Wunder Sie an der Carità entdeckt haben und warum Sie jenes Stück Balken aus dem Antonintempel im Palazzo Farsetti so närrisch anbeten. Aber ich weiß jetzt, daß Sie dafür genau so viel Grund haben müssen, als ich keinen dafür habe, einen griechischen Tempel für ebenso schön zu halten wie eine altchristliche Basilika oder eine gotische Kirche. Was aber Ihr Grund dafür ist, worin dieser besteht, ja, warum Sie, zum Beispiel, die Gotik verdammen . . . .«

Entsetzt: »Habe ich das getan?«

»Und wie! ›Genau so gedankenlos wie unsere gotischen Fratzen!‹ sagten Sie vor drei Tagen, genau hier auf dem Fleck, wo wir stehen, und vor dem Balken schnalzten Sie mit den Fingern und spotteten hämisch über Kragsteinlein, Tabakspfeifensäulen und kauzende Heilige! O, wenn ich an die Kathedralen von Reims, St. Quentin, Amiens, Notre Dame, – an das Münster in Straßbourg denke! Wie ich sie anbetete! Vergötterte! Jede Kreuzblume daran für den Gipfel der Kunst hielt! Dieses Aufstrebende, in die Himmel Aufjauchzende der Spitzbögen und Schäfte liebte!«

»Ich auch! Einmal!«

Atemlos: »So?«

»Gewiß. Zu den heißesten Verehrern der Gotik habe ich gehört. Sogar zu den Bekennern.«

»Aber warum dann, um Gotteswillen, auf einmal . . . . . ?«

Achselzuckend: »Man entwickelt sich eben. Wird älter. Lernt klarer sehen, besser vergleichen; und auch richtiger empfinden. Ein sicherer Grad von Geschmack, von Einsicht in die Gesetze der Kunst ergibt sich . . . . .«

»Gewiß! Einverstanden! Was aber sagt nun dieser sicherere Grad von Einsicht gegenüber der Gotik?«

»Ich mag das Willkürliche nicht,« kam es zögernd von Goethes Lippen.

»So!« Diabolisch glücklich darüber, nun endlich den Hebel gefunden zu haben, an dem er diesem geheimnisvoll überlegenen Mann zeigen konnte, daß auch er nicht ein Grünling war auf dem Gebiete der Kritik der Kunst, packte er Goethen mit plötzlich kräftigen Händen an den Schultern, als müßte er ihn wachreißen. »Sie meinen: willkürliche Formen, von einer Kunst, die, auch wenn sie nicht schön ist, doch bildet, – weil sie aus einer selbständigen Empfindung wirkt, – zum charakteristischen Ganzen geschaffen? Nicht wahr?«

Wie vom Blitz betroffen starrte Goethe ihn an.

»Nicht wahr?« lachte triumphierend und um so gieriger weiterrüttelnd der Franzose.

»Hören Sie, Monsieur, mir scheint, – nun beliebt es Ihnen zu spotten?«

Monsieur Villet, spielend, machte sich größer. Volle Luft atmete er schlürfend. Als ob sie niemals gelockt hätte, war die Versuchung, in die jäh aufgezeigte Zone allgemeiner Menschlichkeit überzutauchen, überwunden; dahin. »Ich bin ein kleiner Rentier aus Versailles«, begann er sprühend, von Wort zu Wort wachsend, »dem Herr Kaufmann Möller aus Leipzig das bißchen Dogma, das er in Kunstdingen erworben hatte und glaubte, zerwarf – mit einem Hammer von revolutionären Ideen. Da muß ich mich denn doch – und wäre es auch nur pro forma – zur Wehr setzen.« Und daß es wippend zu singen anhub, stieß er das Stäbchen in den Boden und wiegte sich mit dem Rücken auf ihm. »Die Sache ist so: Von Kindheit an war mir das Gotische das Nächste. Es ist zu dem, daß es mystisch ist, monumental und patriotisch; gallisch! Vor etwa einem dutzend Jahren nun – ich war damals auf ein paar Monate in Straßbourg – kam mir eine kleine Schrift über die Gotik in die Hand. Sie war irgendwo in Deutschland erschienen . . . . .«

»In Deutschland wird viel gedruckt!« Zwischen Lachen und Weinen platzte Goethe los, der Platz mit den nachtdrohenden Riesengebäuden drehte sich tanzend um ihn im Kreise. »Das Papier ist geduldig!«

»Versteht sich! Aber Sie kennen doch den Verfasser des ›Werther‹?«

Wie ein Pferd vor dem endlich errafften Hafersack gewiehert hätte Goethe am liebsten. »Nein!« stammelte er heroisch.

»Sie kennen« – sperrangelweites Staunen! – »Sie kennen Géth nicht?«

»Ich . . . kümmere mich nicht um Literatur.«

Cäsarenstolz, Glanz, dessen strömende Fülle es noch vor zehn Minuten nicht zu träumen gewagt hätte, glomm auf im Auge des Franzosen. Das Gesichtchen, in der Wonne schamlosesten Anstarrens, bekam alle Züge restlos weidender Lust. Aufgepulvert bebte jedes Glied im entfachten Rokokoleib. Monsieur Möller war also doch nur – Monsieur Möller! Ein sektischer Philosophe vielleicht, der, ungerne, mit Käse handelte; aber kein Geschmack, und schon gar kein Esprit! Rauschend, überjäh, triefend von Schadenfreude, stieg die unerwartet erhöhte eigene Person in die Höhe. Diebisches Verächteln kräuselte die Lippen. Die kleine Schrift habe geheißen: ›Von deutscher Baukunst. Dis Manibus Ervini a Steinbach.‹ »Steinbach war nämlich der Erbauer des Münsters in Straßbourg!« Und nun habe in der Schrift eben klar bewiesen gestanden, daß gerade die Willkür der Formen – und so weiter – und die charakteristische Kunst die einzig wahren seien; und daß daher die Gotik . . . . »und das sagte Géth! Nicht irgend ein Amateur oder Bücherwurm! O!« Mit jünglinghafter Drehung drehte er sich auf den Absatz um, von Alter, Einsamkeit, Furcht, Demut nicht ein Hauch mehr zu spüren; voilà! Er werde, nach Hause zurückgekehrt, Herrn Möller sogleich das Broschürchen schicken. »Aber so sind sie, die Deutschen!« Jauchzendes Lachen; rasender Händedruck; siegreich rasch fertiger Abschied.. »Sie haben, ein jeder, einen Scheffel Ideen . . .«

»Aber ihren Goethe lesen sie nicht! – O!« stöhnte Goethe übermütig, endlich heil in den nächstbesten Schatten des nächstbesten rivo entronnen, zum Himmel empor, »was für ein armes, gutes Tier ist doch der Mensch!« Und als die Nacht über der ungeheueren. Stille des Wassers in immer höhere Höhe wuchs, in seiner Kammer die Dunkelheit wie um einen saugenden Mittelpunkt sich ballte, lächelte er; lachte er. Wie süß ist es, sogar, die ewige Wahrheit von der Gebundenheit der menschlichen Auswirkung an die vorhandene Kraft zu erfahren, ja, sogar, die höhnischeste Enttäuschung zu erleben, immer wieder zu erleben, wenn man nur der Quelle dieser Wahrheit: dem Menschlichen wieder nahe war! Alles, was lebt, hat die Sehnsucht, zu sein, was es sich dünkt; unerbittlich dagegen aufgelehnt aber sehnt sich die Natur darnach: daß, was lebt, sei, was es ist. »Was sehne ich?« lispelte er wollüstig. Aber es schien: der erste und wildeste Durst war schon gestillt. Es redete ringsum. Gab es Elemente, die vom Leben der Existenzen nicht belebt sind? Die Luft schwang vom Schweigen und vom Tönen der lebendigen Stimmen. Die Erde trug die Fußstapfen der wandelnden und die Hockerlast der gebannten Schicksale. Mit dem Wasser schwebte das Los seiner gebundenen Ufer. Im Feuer rauschte der Verbrauch aller Brände. So war keine tote Vergangenheit und warf sich die Zukunft, mit jeder Sekunde schon geboren aus dem Gegenwärtigen, empor in ihr Sein. Und über diesem ewigen Augenblick fragte sich der unendliche Schöpfer: Was also wäre ich, ohne gedacht zu werden von meinen Geschöpfen? In allen Geschöpfen aber kreist, sie alle verbindend, das gemeinsame Blutteil, das Menschliche! Und doch wird jedes einzelne wieder geschieden von jedem anderen durch die niemals wiederkehrende Eigenheit seines Bluts. So muß also Liebe zugleich mit Ehrfurcht die Brust des Betrachters durchwogen, der diese Zweiheit in Gnaden entdeckte. »Finde zuerst die blutwarm umschlingende Kette, die dich allen gesellt! Dann die Wand aus unbarmherzigem Glas, die zwischen dir steht und allen! Und dann – zertrümmere die Wand, wenn ihr Aufgerichtetbleiben dem Blinderen Zweifel an der Kette einhetzte. Denn es wäre besser, daß du mit einem Mühlstein um den Hals in das Meer versenkt würdest, als daß du im Menschen nicht dich selber erkenntest, und in dir selber . . . . .«

Er fuhr empor: was ist auf dem Wasser unten?

Lauschen!

Plötzlich, wie vom Wasser unten gerufen, sprang er ans Fenster. Beugte sich weit hinaus.

Floh jedoch gleich wieder in den Rahmen zurück; so, daß sein Gesicht, das alle Sinne gierig anstrengte, in der Nacht des Raumes aufging.

Eine offene Gondel, ärmliche, nachtschwarze Gondel, glitt kreischend an die Mauer.

Das Wasser, mit ängstlich schläfrigem Ton, gurgelte zurück.

Nun, wie über einem Anker gefesselt, schaukelte die Gondel.

Nach einem tappenden Blick die toten Fenster links und rechts in den Wänden hinauf und hinab, zog der Mann, der sich soeben von der Ruderstange weg in die Gondelbank niedergelassen hatte, die Gestalt, die reglos und unsichtbaren Antlitzes neben ihm kauerte, an seine Brust, schmiegte sie, umfing sie, umschloß sie.

Es mußte ein Mantel um beide geschlungen sein; der Mann und die Gestalt verschmolzen zu einer einzigen Stummheit.

Das Wasser, mit halberwachend unsicherer Gebärde, wallte empor.

Weiß wie eine sanft geneigte weiße Blume, glitt das Antlitz des Weibes von der Brust des Mannes. Willenlos süß sanken ihr die Arme zu den Seiten herab. Ihr Haar, plötzlich, löste sich aus dem Knoten, floß wie schwerer Schleier zurück in das Dunkle. Als ob ein Magnet ihn zöge, wanderte das Antlitz des Mannes dem Antlitz des Weibes nach. Die Arme schlangen wie Klammern. Der Mantel rauschte schleppend von den Gestalten.

Hingerissen in das weltauslöschende Schweigen des Kusses verschied das Wasser unter dem Schaukeln der Gondel.

Kein Schrei! Kein Kampf! Kein Laut! Die Leiber, unter der Tyrannis der Liebe, – wie zwei Tropfen, die unwiderstehlich ineinander verrinnen– wuchsen in einen. Bewußtlos goß sich der bewußtlose Takt dieses einen in die mild aufgreifende Höhlung der Barke.

Das Wasser starb hin. Es verhüllten sich, bis auf eines, die toten Fenster der Wände. Stoben in die göttliche Scham des Himmels zurück die Sterne. Verschwangen, webend überm Zenith des Lebens, die ewig lebendigen Jahrtausende.

Als die Arme des Mannes sich endlich, traumzitternd, lockerten, glitt der Leib des Weibes wie entschlummert in die tieferen Kissen. Auftauchend aus der Woge der Verzauberung tastete der Mann nach der Bank.

Als würden die Bänder, die es magisch entwillt hatten, magisch wieder gelöst, rollte das Wasser mir eiliger Welle nach vorne.

Die Sterne erschienen wieder. Die toten Fenster warfen ihre Verhüllung ab. Und die Jahrtausende winselten.

»Du!« schrie der Mann, der dieses Winseln vernommen, wie der Wahnsinn auf, »du!« Stürzte zu den Füßen des Weibes nieder, warf sich auf den schaueratmenden Leib, umklammerte ihn nur noch bettelnder, verhafteter und die Furie der Todesangst vor der Trennung in jedem vermählten Gliede, »du darfst nie mehr zurück! Du bist mein! Ich lasse dich nie mehr von mir!«

Wie das Antlitz der Io aber, die die Wolke umarmt, ohne Harm, ohne Wissen, ohne Furcht lächelte das Weib.

»Fühlst du's nicht?« Sinnlos in seiner Verzweiflung küßte der Wahnsinnige ihre Brust, ihren Schoß, ihre Hände. »Ich kann nicht mehr allein sein! Ich kann nicht!«

Tiefst in der Seele des Weibes aber brach das Siegel ihres Lebens auf: in ungemessenen Strömen, ohne Harm, ohne Wissen, ohne Furcht entflossen die brausenden Fluten der Erlösung.

»Fliehe mit mir!«

Immer seliger lächelte das Antlitz des Weibes.

»Oder stirb mit mir!« Arme, die das Leben dem Leben weg in die Paradieslust des Niemehrgetrenntseins rissen. »Ja! Stirb mit mir! Stirb mit mir!« Im nächsten Augenblick – ein Pfiff aus dem Schlund des Kanals war erschollen – jagte die Gestalt des Mannes auf den Bug an die Ruderstange zurück.

Hochauf spritzte von der Spitze der Stange die Sprühe. Wild fuhr das Holz in den Trichter der Welle.

Die Gondel mit dem Antlitz des Weibes, das immer seliger lächelte, flog schon.

Reglos, in der Miene nur Beten, stand Goethe in der Mitte der Finsternis. Pulst das Mysterium des Lebens überall, wo gelebt wird? Kreist das Schicksal des Menschen überall, wo er lebt?

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