Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Freiheit? Auf einmal, endlich, wirklich: die Freiheit? In seligem Aufwärts, fanatisch, wölbte sich kostend die Brust. Umso entschiedener, – rücksichtslos biß sich der Erlöste durch den Menschenknäuel durch, aus dem ihn Blick um Blick habgierig anstach – umso unnachgiebiger heißt es jetzt: Ende machen! Abschluß! Bilanz! »Rück' mir das Werther-Manuskript herab!« befahl er Vogeln, dem Sekretär, kaum in der Stube eingetreten. »Zweites Fach von oben, drittes Abteil.« Und setzte sich sogleich an die Arbeit. Ohne daß er es merkte, ward der Mittag Nachmittag, der Nachmittag Abend. Ein nervöses Pfeifen auf den Lippen, die Hand an der Stirn, saß er über den Bögen: die vier ersten Bände der »Gesammelten Schriften« mußten am siebenundzwanzigsten in Ordnung sein. Aber der Abend wurde Nacht, die Nacht schritt vor, – er nicht! Gepeinigt sprang er, als der Nachtwächter unten Eins ausrief, auf. Der violette Sommerschlafrock wirbelte gefährlich um die fahrige Gestalt. »Nein! An dem Werther ändere ich nichts mehr! Ich kann nicht! Es geht nicht!« Und überhaupt! Durstig goß er ein Glas Rotwein hinab, biß, nur um etwas zu tun, in eine der drallen böhmischen Pflaumen, die auf dem gelbweißen Teller lagen. Ganz abgesehen von der Höllenqual, Hirn und Herz in lange schon überwundene Empfindungen, Überzeugungen, Erfahrungslosigkeiten zurückzuzwängen. –»Streiche ich einen Satz aus, dann kommt der Goethe von heut an seine Stelle, aber niemals der Goethe von damals!« Überhaupt aber, was war es denn, was er bisher geschrieben hatte? Stöhnend langte er den ›Faust‹ herab. Ein aus dem Unbewußten hervorgebrochenes, armseliges Fragment. Den ›Götz‹. Ein außerhalb aller Regeln in wirrem Zufallsgriff aus Konglomeratstoff herausgezerrtes Thema. Wenigstens stand diesem Werk gegenüber fest, daß es sich nicht in ein Stildrama umwandeln ließ! Aber ›Werther‹, von dem die Besserwisser verlangten, daß er ihn frisierte! Und – die anderen Dummheiten. Ja! Dummheiten! Spritzfahrten eines besoffen Weglosen, der nicht weiß: woher und wohin. Waren zum Beispiel diese ›Mitschuldigen‹ noch zu retten? Sollte die ›Geschwister‹ noch etwas verdaulicher machen können? Und ›Clavigo‹? Verzweifelt fuhr die Hand über die Augen. »Ich kann es nicht mehr lesen! Nicht mehr sehen!« Die Leute hielten dieses sorglos gedachte, sorglos gebaute, sorglos geschriebene Stück für pragmatische Kunst, wie jedes andere Stück von ihm! Und es war doch nur, wie jedes andere Stück von ihm, ein Stück Johann Wolfgang Goethe! Dies aber einzusehen, – »schauderhaft!« Hieß denn: sich selber bekennen, seine eigene, elende Menschlichkeit dadurch beruhigen, daß man sie niederschrieb, – hieß das: das Leben durch die Kunst bändigen? Was aber anderes als Fratzen der eigenen Vergangenheit, verjährte Taktlosigkeiten, schamrot vergessene Geschmacklosigkeiten, überwundene Kinderkrankheiten, grinste aus all diesen Wachsmasken ihm entgegen? War das noch er? Steckte nur in einem einzigen davon er? Der Jetzige? Schaudernd warf er den ›Clavigo‹ aufs Bett. Da schaute ihn ›Stella‹ an. Eishaut lief ihm den Rücken hinab. Ekel strömte im Munde zusammen. Sterben, in Staub zerfallen sollte der Künstler nach jedem Werk! Kein Dieb kann überlegener höhnen, wenn er, zum organisierten Einbruchdiebstahl vorgerückt, sich der anfängerhaften Dietriche erinnert, mit denen er die ersten Schlösser sprengte! »Wo ist ›Iphigenie‹?«

Es kamen ihm die ›Vögel‹ in die Hand.

Erleichtert glättete sich die verzerrte Miene. Endlich etwas, woraus der Pubertätsschmerz und die Hätschelhanserei nicht glotzten. Auftauend las er. Gerne. Lange, bis ihn, wie Ahnung von Aufklärung, die ›Iphigenie‹ zurückrief. Die erst machte ihn still. Wie ein boshafter Affe schaukelte das Weimarische Jammerleben, das ihm die Zeit selbst zu diesem Werke gestohlen hatte, hinter diesen Blättern. Dennoch: der Affe störte nicht. Nichts mehr störte auf einmal. Der Mann, der da vor dem pechschwarzen Fenster saß, darin plätschernd dunkel die Nacht rauschte, war wieder Goethe. Und zwar der jetzige! Hier stand nämlich nicht nur Gebeichtetes. Hier floß – zum erstenmal! – Inhalt und Form in Harmonie zusammen. Konnte ein Kunstwerk werden! Alles andere . . . . .

Trotzdem! Jetzt rann der Glaube wieder! Erstand im ruhig gewordenen Geiste der Sinn für Stufen wieder. Man ist nicht Meister schon im ersten Sprung. Und gibt es einen rechten Dichter, der nicht beichtet? So fand denn Herder, als er am siebenundzwanzigsten nachmittags in die Stube trat, die vier Bände abgeschlossen. Mit einer einzigen Ausnahme: ›Iphigenie‹ war auf die Seite gelegt worden. »Also dieser da«, fragte Herder mit Polizistenblick, nachdem er das Wertherheft Blatt für Blatt durchgesehen hatte, »bleibt, wie er ist?« Und sogleich war Goethes mühsam erstrittener Gleichmut dahin. »Ich habe«, erwiderte er mühsam beherrscht, »die Fremdwörter herausgetan, Lotte maskiert und Albert Einiges von seiner Unausstehlichkeit genommen. Kestners können nun ruhig schlafen!« Aber Herder legte das Heft nicht weg. Die artig gestärkten Spitzenmanschetten fielen ihm kokett über die roten, haltenden Hände. Das pedantisch ausrasierte Kinn, mit voller Rundung an die glänzenden Wangen geschmiegt, wiegte sich, als ob es Takt gäbe. Lehrerhaft wichtig blinzelte das Auge, das, vom Fistelleiden her, das, was es sagen wollte, noch immer nicht eindeutig ausdrücken konnte. »Ich habe den Abschnitt in den letzten Tagen wiederholt gelesen«, sagte er endlich, »und beanstandete folgendes: Der Verdruß Werthers bei der Gesandtschaft muß als Nebenmotiv des Selbstmords weg!« – »Aber Jerusalem hat sich aus unglücklicher Liebe und verletztem Ehrgefühl erschossen!« – »Du schreibst keinen Polizeibericht. Das Kunstwerk hat mit der Tatsächlichkeit nichts zu tun!« beharrte Herder bocksteif. »Dramatische Antriebe dürfen nicht gekreuzt werden. Die Seele handelt, wo sie aus der fortschreitenden Folge eines Affektes weiter handelt, zuletzt bestimmend aus dem Orgasmus eben dieses Affektes!« – »Im Gegenteil! Nach meiner Erfahrung unterliegt die erlebende Seele nicht nur einem Angriff. Sie tanzt, wie das Schiff, auf dem Meer aller Wellen. Die Marionette hängt an einem Faden; wir an allen, die bewegen können!« – Aber der Kritiker zuckte nur die Achseln. Ironisch blank schimmerten die Zähne zwischen den üppigen Lippen. »Und zweitens: ich möchte in die psychologische Schilderung, die das blinde Hinschreiten zum Endentschluß darstellt, ein zusammenfassendes, zum letzten Schritt drängendes Exempel, – ein Geschehen eingeschoben sehen. Die Logik der Erzählung ist am Schlusse zu abstrakt. Man müßte an irgendeinem letzten dramatischen Akzent begreifen, daß der Mann nicht mehr gerettet werden kann.«

Goethe war an das Fenster geschlichen. Stand nun mit dem Profil gegen das Fenster. Das Grün der Baumkronen, die vor der Brüstung draußen schaukelten, malte sein Gesicht bleich und alt. In unausgesetzter Bewegung quälte sich dieses Gesicht. Die Zähne bissen die Unterlippe. Die gekreuzten Arme zuckten. Die Finger spielten auf den Ärmeln Klavier. »Ich werde mir's überlegen,« sagte er schließlich finster und kam in den Raum zurück. Daß dieser adrette Mensch da ihn immer wieder peinigen kommen mußte! Auf diese Weise war ja immer wieder alles umsonst zur Ruh gebracht, zerstob jede kaum ertrotzte Sicherheit von neuem und schob sich die Reise immer weiter hinaus! »Sage mir lieber«, trat er Herdern jäh vor den Leib und ergriff die Iphigenie, »was aus dem Frauenzimmer da werden soll? Höre!« Und begann, als ober eine Hanswurstiade läse, den ersten Auftritt zu lesen. Rücksichtslos, mit grausamer Übertreibung die Ruhelosigkeit, Unsymmetrie, Unrhythmik der kurzen Verszeilen herausstellend, in die das Werk erst in den letzten Wochen geschnitten worden war. »Was? Wie wenn eine angeschossene Katze übers Sturzfeld humpelt? Da war die Prosa-Fassung noch besser! Und jetzt höre dagegen Sophokles, aus der ›Elektra‹!« Und melodisch, in rollendem, atemreich vollem Period rauschte der griechische Vers an die lautlos aufhorchenden Wände. Da gab es keine Gruben und Hürden, vollends keine Erdspalten, darin das Wort diabolisch gleichzeitig mit dem entzweigerissenen Gedanken versank. »Ein Teufel hat mir den Mahner da in die Hand gespielt!« Triumphal schwang der Band in der abgesetzten Hand, Feuerwerk sprühte das herausgeforderte Auge. »Und jetzt nahst erst noch du mit dem Brechmittel ›Werther‹! Und ich bin müde, bin krank, habe es satt, möchte Tabula rasa machen, um endlich einmal Anderes, Neues zu beginnen! Die ganze Nacht habe ich gestritten mit dem Zweifel, ob ich mir die Mühe geben muß, den Vers noch einmal umzugießen. Hab's dann, am Morgen, auch wirklich versucht: fünffüßige Jamben. Paß gut auf!« Und nun las er zum drittenmal, keuchend:

»Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
Des alten, heilgen, dichtbelaubten Haines,
Wie in der Göttin stilles Heiligtum
Tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
Denn ach, mich trennt das Meer von den Geliebten,
Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
Und gegen meine Seufzer . . . . . . . . .«

»Höre auf!« Donnernd sprang Herder empor. Drohend spannten sich die Augenbrauenbögen über den gekniffenen Lidern. Dieser Mensch war begnadet! Er mochte wachen, träumen, sacktief schlafen, – in diesem Leibe rauschte ein Brunnen! Man kann ihn klafterhoch einschütten, Unrat aus Fässern in ihn gießen, die Sonne zehn Jahre lang ununterbrochen auf ihn herabbrennen lassen, – er rauscht und quillt dennoch! Denn er ist: Genius! »Und ich?« Wie ein Dolch fuhr die Vorstellung von den tappenden Sätzen in die barbarisch aufgerissene Neidwunde, das Bild der unsicher Brücke schlagenden Gedanken, mit denen er Jahr für Jahr genielos kleistrig die bandwurmlange Allee der ›Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit‹ zog. »Wieland, wenn ihm das nicht gefiel, ist ein Esel!« stieß er grimmig hervor, ergriff, als dulde ihn die Erregung keine Sekunde länger in der Stube, den Stock und den Hut und floh an die Tür. »Natürlich mußt du es so machen! Versteht sich von selber! Da gibt es keine Wahl!« Die Klinke riß er mit rauher Hand nieder. »Habe ich dir nicht unlängst geschrieben: Gott segne dich, daß du den ›Götz‹ gemacht hast, tausendfältig? Aber der Satan mitsamt seiner Großmutter soll dich reiten, – auch tausendfältig! – wenn du an dieser Arbeit einschläfst!« Und war weg.

Lange, lange, und von Viertelstunde zu Viertelstunde gekrümmter, fahler, ging Goethe zwischen den eindämmernden Wänden auf und nieder. Als, bei Dunkelwerden, Vogel eintrat, auf den Zehenspitzen, um zu melden, daß es Zeit sei, zum Herzog zur Tafel zu gehen, knurrte der Mann, der hochrückig wie ein giftiger Kater vorm Tische saß: »Ich bin krank.« Als Vogel nach einer halben Stunde zitternd wiederkam: Seine Durchlaucht und die Gesellschaft wünschten etwas vorgelesen heute Abend, schrie er ihn an: »Ich bin gestorben.« So kam er zur Tafel, als das Obst gereicht wurde. Paradiesisch kalt rieb er sich die Hände, als ihn die Stimmchen der »verrückten Weiber«, wie Herder sie nannte, mit Vorwurf und Sehnsucht umzwitscherten. Er hatte mittlerweile im ›Werther‹ die Geschichte vom Knecht eingeschoben, der den Nebenbuhler erschlägt, damit keiner die Geliebte habe, die Geliebte keinen habe. »Du bist nicht zu retten, Unglücklicher! Ich sehe wohl, daß wir nicht zu retten sind!« Diese Worte der endgültigen Verzweiflung übertönten die aufgewärmten Verse, die er las. Er las: ›Proserpina‹ aus dem ›Triumph der Empfindsamkeiten‹ und las doch, für sich, nichts anderes als ›Iphigenie‹. Trotzdem, in derselben Nacht noch, als im zweiten Auftritt Arkas mit Iphigenie sprechen sollte, sprachen weder Iphigenie noch Arkas. Sie schwiegen wie Holzgötter. Wie Wüstensteine! Es war ihm, als ob sein Gehirn Sand rollte, in seinem Gemüte drin ein Krebsschwamm die mager vom Hirn herab tropfenden Klangreste aufsöge, die Hand, die den Kiel führte, stockte, der Kiel wie ein schartiges Schwert widerkratzte. »Ich war, vielleicht, ein Dichter. Ein Künstler. Aber ich bin's nicht mehr!«

»Wenn heut der König dich anredet, dann –
Ermögliche ihm, daß er sich klar erklärt!«

An allen Gliedern zu beben begann er. Sprang auf, öffnete gierig das Fenster. Nahm, als das nicht half, einen Band Voltaire vom Brette. Begann zu lesen; vielleicht sprang der Knopf auf! – Nein! Der Knopf sprang nicht auf! »Ich habe zu lange gewartet. Die Gefahr unterschätzt. Hätte schon viel früher fliehen müssen!« Krampfhaft versuchte er, einen Einfall zu haben; einen neuen Stoff zu finden; die Stimmungsfarbe, den Ton für die Weiterbehandlung der schon angepackten zu erhaschen. Nichts! Er war ausgetrocknet! Sein Verstand gewiß auf der Höhe. Aber die poetische Produktionsfähigkeit dahin! Vielleicht in den Naturwissenschaften konnte er es noch zu etwas bringen? Oder in der bildenden Kunst? Aber in der Dichtung – nie wieder! Mit wahnsinnigen Händen, daß die Dielen schrill aufsangen, rüttelte er den Tisch. »Zum Eunuchen haben sie mich gemacht: der Hof, und die Akten, – und du!« Wie gestochen fuhr er empor. Der Atem riß ihm das Blut ins Gesicht. Schüttelfrost griff ihn. »Gott verzeihe ihnen, denn sie wußten nicht, was sie taten! Aber ich hätte es wissen müssen!« Oder: behauptete man etwa nicht, daß schon unzählige Dichter mit einem Schlag zu dichten aufgehört haben, nachdem der letzte Nachfunke des Pubertätsfeuers verglommen war? »Und ich werde in dieser Nacht siebenunddreißig!

Wenn heut der König dich anredet, dann –
Ermögliche ihm, daß er sich klar erklärt.«

Wie ein Orkan blies er das Licht aus. Verrecken!

Als der Morgen heraufdämmerte, nagelte er unter hartem, häßlich höhnischem Gesicht das Phänomen der »durchgewachsenen Rose« fest. »Kelch und Blumenkrone wie sonst um die Achse angeordnet«, schrieb er sauber und zäh je nach überzeugtem Blick auf das Phänomen vor seinem Aug' im Glase. »Hingegen wird Samenbehältnis in der Mitte nicht zusammengezogen, ordnen sich Zeugungsteile daran und darum nicht an, sondern geht der Stiel in seiner Vertikale weiter, halb rötlich, halb grünlich, und kleine, dunkelrote, gefaltete Kronenblätter entwickeln sich an ihm; einige tragen Spuren von Antheren. Weiter oben entstehen Dornen; noch weiter aufwärts gehen die Blättchen in halb rot, halb grün gefärbte Stempelblätter über, und aus den Augen regelmäßig gebildeter Knoten wachsen Rosenknöspchen (unvollkommen).«

Plötzlich, wie befohlen, fuhr er auf. Kein Zweifel! Hatte die Entdeckung des Zwischenkiefers die sichere Ahnung davon eingeflößt, daß die erschaffende Gewalt die vollkommenen organischen Naturen nach einem allgemeinen Schema erzeugt und entwickelt habe, und daß das Urbild dieser Naturen, wenn auch nicht den Sinnen, so doch wenigstens dem Geiste dargestellt werden könne, – die folgeeifrig fortgesetzte Betrachtung der Körperbestandteile der Pflanze ließ eine ähnliche Ahnung für die Genesis der Pflanzenwelt durchschimmern! Aber! Entsprach dieser Trieb des Menschengehirns, die Unzahl der verschiedenen Naturerscheinungen unter eine bequem geringe Anzahl von Schöpfungs-Grundgesetzen zu bringen, auch dem Wesen der Natur, das, vielleicht, gar kein Bedürfnis nach zentralen Gesetzen hat? Sagte nicht jemand: »Schwärmer streben nach Einheit?«

Zerrissen ließ er sich wieder nieder. Lehnte sich, den blauen Morgenhimmel vor dem unheimlich hagern Gesichte, tief in den Sessel zurück. »Oder habe ich selber das gesagt?« Mit aller Gewalt sich dazu zwingend, den Dampf, der in ihm bohrte, nur zur Erträglichkeit zurückzuzähmen, begann er, auf ein sauberes Weißblatt die Rose zu zeichnen; Zeichnen bändigte gewöhnlich. Aber der Einfall vom »Schwärmer« saß zu tief im Hirn. War der »Schwärmer« am Ende nur der Künstler? Und durfte also nur der Künstler nach Zentren streben? Wenn man aber zur Einsicht kam, daß man keiner war, – ratsch! ging ein Strich daneben – durfte man dann trotzdem, der Natur gegenüber, die Methode des Künstlers anwenden, weil man eine andere nicht besaß? »Gesetzt den Fall, die Natur beschaut meine Art, in sie einzudringen, erinnert sich meiner oft geoffenbarten Maxime: keine Wissenschaft sollte ohne Kunst getrieben werden! und lacht, daß ihr die Tränen über die bäurischen Wangen laufen: Dilettantismus?«

Mit spöttischem Blick, gewappnet auf noch ein Heer von Feinden, betrachtete er die Zeichnung und die Rose. »Wie aber,« – mißhandelt knarrte der Stuhl – »wenn es auch für den Künstler – also überhaupt – Irrtum wäre, nach Einheit zu streben? Jede Sehnsucht nach Architektonik, nach organischem Aufbau – nach Pyramide! – nur Wahn wäre, der des Lebens wahren Instinkt: wahllos zu ergreifen, was willkürlich nebeneinander da ist, zu kurz kommen läßt?« Vielleicht hatte er die unselige Pedanterie der Zentripetition nur vom Vater geerbt, und wäre es viel naturrichtiger, nebeneinander Dichter, Naturforscher, Staatsmann, Beamter, Philister, Liebhaber, Asket, Griechenfreund und Deutscher, und in jeder dieser Eigenschaften nur Feststeller und Genießer zu sein? Ohne den hierarchischen Sinn, der immer eine dieser Eigenschaften und Tätigkeiten allen anderen überzuordnen strebte und diese Überordnung aus der Absicht des proportionierten Baus vollzog? Wenn aber »Ja«, – war dann die ganze Quälerei dieser Tage, dieses hartnäckige Sichzwingen, vor den neuen Anfang einen Abschluß zu setzen, nicht Hekuba? Überhaupt aber! »Früher, vor ein paar Jahren noch, haben mich solche philosophische Spintisierereien nie geplagt! War ich unbewußt, naiv, ließ mich seelenruhig treiben von mir selber, – und mit Erfolg! Und jetzt auf einmal bin ich – der Grübler!«

»Marce, sancte Marce!« flog in diesem Augenblick ein Strauß blühender Stimmen von der Straße herauf in die Stube. »Evangelista! Veni, benedicte, ut gratulemur!«

Weiß wie die Wand im Gesicht, floh er in die tiefste Tiefe der Stube zurück. Der Geburtstag!

Aber die Stimmen, nur noch üppiger, kamen wieder und wieder. »Tierfreund! Ein Papagei, allerlieblichster Papagei ist da! Höre ihn plappern!« Der Papagei plapperte: »Epops maxime! Freundsinsulaner!« Und nun brüllender Chor: »Frühstück wollen wir haben! Heraus mit der Wirtschaft, Versteckter! Dein Hals wird gefordert!«

Geradezu bedientenhaft blitzschnell, und ohne zu wissen, wie automatisch er gehorchte, schlich er ans Fenster, neigte sich in strahlend vollendeter Konvention hinab auf die tobende Schar. »Hoch!« stürmte der Chor. »Evviva! Evoë! Salve!« Ganz Karlsbad schien zu rufen, die Arme zu heben, die Augen emporzuschicken, so raste, trommelte, schillerte das vielfarbige Volk. »Und bist du nicht willig, sofort . . . . . . . . .?«

Atemlos, ohne noch eine Sekunde länger zu zögern, flog er die Treppe hinab.

Als er gegen vier Uhr nachmittags heimkam, sah er um zehn Jahre älter aus. Nichts mehr als fressende Scham stand im Gesichte. »Oder bin ich das goldene Kalb?« schrie er, während ihm die Tränen der Vernichtung über die verzerrten Wangen herabrollten, in die grinsend leblosen Wände hinein; »oder ein Hanswurst? Wer sagt mir's?«

Ungeheures Schweigen. Schweigende Masken im engen Viereckraum. Falsche Mummenschanztöne unter den Füßen, die wie bewußtlos die Diele traten. Erlogene Gebärden in jedem Stehen, Liegen, Sitzen der Dinge. Theater!

»Oder lieben mich diese ahnungslosen Mördergruben der Freunde wahrhaftig so, wie sie weihräuchernd vorgeben? Und ich sie wahrhaftig so, wie ich mit Rührungsblick, salbungsvollem Händedruck und Seufzen, mich anwolken lassend, es ihnen zurückgebe?«

Gleichgültigstes Schweigen! War das Grüne dieser Bäume draußen in Wahrheit Blaues? Lebten diese gondelnden Zweige, diese zimtbraunen Dächer ein habgierig verborgenes, mit Wedeln und Blinken überdecktes Sinn-Dasein? Und die Wolken im Himmel?

Jedenfalls, irgendwo in den Verhülltheiten dieser verschleierten Himmel saß der Funke des Strafgerichts – blitzesammelnd! Und wartet!

»Und wartet!« Er saß lange schon wieder vorm Tische, es war lange schon Abend geworden, die Grimasse dieses Tages lange schon wieder abgelöst gnädig von versöhnender Folge, und er sagte es noch immer, mit fluchender Stimme, vor sich hin: »Und wartet!« O! Er hatte die artigsten Komplimentchen gemacht, wie eine Pagode genickt, gläubig wie sein eigenes Denkmal dagestanden, causiert, scharwenzelt, geflirtet, nach dem schwarzen Kaffee in der Garderobe die Lanthieri, zehn Minuten darauf, in derselben Garderobe, auch noch Henriettchen von Assebourg geküßt. »Jawohl!« Diabolisch verzog er die Lippen. »Die Frauen lieben die verlassenen Gemächer hinter lauten Banketten. Und sie lieben die Dichter. Ohne zu wissen, warum. Aber wir wissen es! Weil wir, in dieser Beziehung, eine verdammte Ähnlichkeit . . . . . .«

» . . . . . . mit den Komödianten haben! Jawohl!«

Von diesem Augenblick an, wie ein entlebter Leib, eine hartholzgeschnitzte Puppe, ohne noch die Stube zu verlassen, arbeitete er bis an den Abend des zweiten September. Es schraubte sich von unten, von der Straße herauf, der müde Ruf eines todmatt heimtrottenden Weibes: »Tau–beer!«, als er sich gemessen erhob.

»So! Das war getan!« Ohne für jeden Handgriff mehr als die genau dazu nötige Weile zu verwenden, verpackte er die vier abgeschlossenen Bände der »Gesammelten Schriften« und siegelte das Paket. Aber kein zufriedener Atemzug verließ die zäh geheim vorbereitete Brust. Denn erst jetzt kam das Letzte! Das Schwerste! Ohne Umweg, kurz nach acht Uhr, holte er Herdern ab. Herder war erstaunt. Sie spazierten erst lange vor dem Kreuzbrunnen auf und nieder. Dann zogen sie sich – da war es bereits stockfinster – in ein Rondell der Anlage dahinter zurück und ließen sich auf einer Bank nieder. Noch mehr erstaunte Herder. Nach beiderseitig unsicherem Schweigen begannen sie über die Kur zu reden. Umständlich. Herdern verursachte das Wasser Leberbeschwerden. Goethe klagte über seinen ganz miserabelen Darm. Von neuem Schweigen. Auch lange. Aber wieder brach es Goethe. Vorsichtig näher heranrückend an den nun fast furchtsam Verblüfften, fragte er, wie es mit der Berufung nach Hamburg stünde? Der Herzog habe ihm vor dem Weggehen ausdrücklich versichert, er werde tun, was er könne.. Wie eine Rakete stieg Herder sofort. Also das war der Zweck dieses Nachtbesuches? »Fürstenwort ist Fürstenwort!« tobte er. »Und betteln tue ich nicht!«

»Ich fürchte nur, du würdest dich überall gleich unwohl fühlen, wie in Weimar.«

»Du, allerdings, kannst dich in alle Verhältnisse finden!«

»Ich bin ein durchaus bejahendes Individuum!«

»Und ich keine Kompromiß-Natur!«

»Du wärest mit dir und der Welt vollkommen zufrieden, wenn du die erste Flöte blasen dürftest!«

»Und du würdest uns alle miteinander erwürgen, wenn du das nicht dürftest!« Zittern machte Herdern die Empörung. »Du bist ein Sonntags-, und ich ein Werktagskind! Da liegt der Hund begraben!«

Hinter niedrigen Giebeln, bleich und frostig, kam ihnen gegenüber der halbe Mond hervor.

»Es gibt keine elendere Mißgeburt«, knirschte Herder, »als einen Geist, dem die Kleinigkeit von ein paar Lot dazu fehlt, ein Genie zu sein. Es wäre ihm besser, er wäre als der Instinkt eines Kohlenbrenners geboren!«

»In diesem Gedanken liegt dein ganzer frevelhafter Undank gegenüber der Natur.«

»Und so redet der Reiche zum Armen, von dem er verlangt, daß er das weise Prüfungswalten des christlichen Herrgotts bewundere!«

Jetzt sprang Goethe auf. Jetzt konnte er einsetzen! Jetzt frisch heraus mit der Generalbeichte! »Ich habe mich in den letzten Tagen ausgiebig damit beschäftigt«, entschloß er sich ohne weiteres, »mein bisheriges Werk unter Etiketten zu bringen!« Voll tönte die gezwungene Stimme. Den Kies mißhandelte der plumpe Birkenstock. »Und es, um zu einem Ergebnis zu kommen, mit dem deinigen verglichen. – Ja!« donnerte er, weil Herder impertinent hüstelte; »weil ein anderes ebenbürtiges Vergleichsobjekt nicht in der Nähe war!«

»Und was ist herausgekommen?«

Als ob ihn das innerste Innere händeringend noch einmal anflehte, es doch lieber nicht zu entblößen, wenigstens nicht vor diesem König der Taktlosigkeit zu entblößen, erzitterte Goethe.

»Es ist dabei herausgekommen, daß dein Werk schon heute einem gerade und folgerichtig aufwärts gerichteten Baume gleicht, dem jedes Kind die klaren und fortschreitenden Epochen des Wachstums ablesen kann, – das meinige aber einem Garten, in dem Rosen und Krautköpfe und Papierblumen wirr nebeneinanderwuchern.« Gewandt fuhr er Herdern in die prompt abwehrende Hand. »Zählen wir einmal deine Hauptwerke in zeitlicher Reihenfolge auf: ›Fragmente über die neuere deutsche Literatur‹, ›Kritische Wälder‹, ›Über den Ursprung der Sprache‹, ›Über Ossian und Shakespeare‹, ›Älteste Urkunde des Menschengeschlechtes‹, ›Die Stimmen der Völker‹, ›Vom Geist der hebräischen Poesie‹, – dabei lasse ich erst noch alles, was eigene Dichtung ist, vorläufig beiseite . . .«

»Um mich auf diesem Gebiet«, wetterte Herder schlagfertig, »mit einem einzigen deiner Gedichte endgültig totzuschlagen!«

» . . . um den Blick nicht von der Wurfkraft und Zielweite abzulenken, die diesen Arbeiten für die gesamte Kultur der Menschheit zukommen! Denn du weißt es sehr gut, mein Lieber, – und nur deshalb wagst du so wegwerfend zu reden! – wie dich schon das erste dieser Werke überall, wo noch der Geist regiert, berühmt gemacht hat!«

»Und gelesen!«

»Gelesen? Tausende haben meinen ›Götz‹ und meinen ›Werther‹ gelesen, und wer redet noch heute von mir als dem Dichter? Auf das Weiterschieben des Rads der Gesittung und der Gesinnung kommt es an, nicht auf den Lärm, den die keuchende Arbeit dabei macht! Und wer schrieb denn schon seinerzeit, als er übers Wasser nach Frankreich fuhr, fünfundzwanzigjähriger Gimpel: ›Geschichte, Erziehung, Psychologie, Literatur, Altertum, Philosophie, Künste, Moden usw. . . . . . . das sei mein Lebenslauf, Geschichte, Arbeit?‹

Das schriebst du! Indes ich in jedem Jahr . . . was? in jedem Monat, jeder Woche je hundert wieder neue Programme entdeckte! Und bist du bisher auch nur in einem Einzelnen von der Idee dieses Riesenhauses abgewichen? Dessen unterster Sockel der klar analysierten Individualität der deutschen Volksseele gilt, dessen Dach aber alle Völker der Erde überspannen kann? Oder leuchtet dir etwa nicht ein, daß die ›Ideen zur Philosophie der Geschichte‹, je weiter du darin fortschreitest, immer fester dieses Dach bilden werden?«

Kein Zweifel, – Herder zögerte einen Augenblick – kein Zweifel: diese Worte taten wohl! Aber gerade deshalb durfte man sich Widerspruch dagegen leisten. »Es ist außerordentlich gnädig vom Herrn Geheimerat von Goethe«, meckerte er boshaft, »einem armen Skribifax, den er sich äußerlich schon durch ungezählte Beweise der Huld verpflichtet hat, auch innerlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich bleibe aber vorläufig noch neugierig darauf, welches Motiv dieser ahnenden Gerechtigkeit zugrunde liegt?«

»Du bist und bleibst eine Kröte!« Angewidert sprang Goethe auf. Lief in den Kies hinaus. Kehrte aber gleich wieder zurück. Jetzt gab es keine Flucht mehr! »Ich habe von dir geredet«, sagte er unumwunden, »um von mir reden zu können.«

»Und ich also richtig vermutet.«

Die Hände mit aller Gewalt an die Ohren gepreßt, setzte sich Goethe zurück. Rechteckig wurde sein Gesicht in der erbarmungslosen Spannung, die das befehlende Gehirn jedem Muskel nun auflegte. »Meine dichterischen Arbeiten sind durchwegs Konfessionen. Will ich mir also mein Lebenswerk vorstellen, so brauche ich nur die verschiedenen Stadien meines Lebens zu betrachten.« Unbändigbar zerriß die Scham jedes Wort. Sträubte sich der Abgrund der Seele gegen den Zwang der abringenden Stimme. »Beginnen wir also!« Aber erst nach einem ewigen Räuspern, das die Kehle mit geizigen Schleiern umflorte, begann er: »Meine Kindheit, – darüber ist nichts zu sagen. Ich war ein begabtes Kind; Mutter, Vater, Vaterhaus wirkten also nur logisch stärker als normal auf mich ein. Trotzdem empfand ich niemals ein so starkes Heimweh, eine so zwingende Sentimentalität für dieses Vergangene, daß sie mich am frischen Weiterleben in der Gegenwart irgendwie gehindert hätten. Leipzig bedeutete, wahrscheinlich, nur den Sprung aus dem übersättigten Psychischen ins ungebunden Physische. Als ich krank heimkehrte, fühlte ich nicht Reue darüber, bewußt und voll genossen zu haben, sondern nur Wut über die Krankheit, die mich an der schnellen Korrektur hinderte. In Straßburg, – was in Straßburg vorging, weißt du ebensogut wie ich. Es war nur selbstverständlich, daß der Mann, in dem der Produktionstrieb zum erstenmal die Hülle der tappenden Ahndung durchbrach, die Liebe zum Weibe als Medium für den Ausdruck dieses Triebes ergriff. ›Götz‹, ›Faust‹ und ›Werther‹, – überhaupt meine Zeit bis zum Einrücken nach Weimar, mußten also damals geboren werden.« Gütig übergoß die Nacht das blutrote Antlitz. »Von den Jahren 1772 bis 1775 ist nichts anderes zu sagen, als: konzentrierten Auftrieb schien ich damals zu haben. Merck skeptizierte, Lavater sanguinisierte mich, die neuen Lieben brachten das witternde Bewußtsein von der Frauenseele im allgemeinen, vom ewig Weiblichen, das ich über diese Lieben hinaus noch brauchte, zur besseren Reife. Die Anwaltschaft hinderte mich nicht, der Vater ging mir aus der Rückschau, aber auch mit Bezug auf Mutter und Kornelien auf die Nerven; Mutters allzu allgegenwärtige Geistesgegenwart verstimmte mich leise; Frankfurt war öde; Wetzlar absolut nur im Rausch genießbar; Darmstadt sehr absichtlich geistig; Klopstocks Grenzen wurden mir voll deutlich; Wielands Zaun noch klarer. Meine gesamte menschliche Umgebung preßte ich auf Geben; die gesamte äußere benutzte ich als Nehmer; meine Inkommensurabilität, in Frankfurt, mit der gesamten Welt erschien mir plan wie eine Tischplatte. Es entstanden meine drei Werke, und es wurde ›Egmont‹ vorbereitet. Ich machte mir nicht die geringsten Gedanken über die Zukunft meiner Entwicklung. Wenn ich ein Bild brauchen soll: ich war wie der Pfeil während des Flugs.«

Scheu setzte er für einen Augenblick aus.

Nach einem tiefen Seufzer fuhr er fort: »Ich wollte nach Weimar – aus dunklem Durst nach äußerer Welt! Es war geplant: Anschluß dieser Hemisphäre an die andere, die ich bereits besaß. Nun leidet mein Leben, dem Auge des ferner Stehenden, daran, daß es kein Mißlingen kennt.«

»Du hast eine Menge Mist geschrieben!«

Beherrschung! Schweigen! Nach langer, bitterer, widerspruchsvoller Pause: »In Weimar entfaltete ich drei Tätigkeiten: ich arbeitete als Beamter, als Dichter, und als Naturbetrachter.«

»Und als Hofmann, Hofnarr, Laubfrosch, Politiker, deutsches Kulturdenkmal, – die Liebe erst noch vergessen!«

Generalbeichte! Nicht wehleidig werden! Morgen fliehst du! »Ziehe ich einen Querschnitt durch die elf Weimarer Jahre«, stieß Goethe schwer hervor, »so finde ich: mähliches, bewußtes Versiegenlassen der Quelle, die vielstrahlig, aber doch meersicher von Straßburg an gesprudelt hatte. Das Interesse an Kunst überhaupt breitet sich fächerartig aus. Sammelt sich aber nicht mehr in einem Hauptstrang. Die Sucht nach verständlicher und technischer Bewältigung des Verwaltungsgeschäfts erhebt sich vor diesem allgemeinen Kunstwillen als tätiger Vordergrund. Die vorhergegangene Zeit wirkt nicht anknüpfend und überleitend. Die Phantasie, die am besten dann waltet, wenn das Gehirn über allzuklare Vorstellungen nicht verfügt, wird geknechtet von der nüchtern hellen Masse der alltäglichen Tatsachen. Der Verlauf jedes Tages steigert das Material der Menschenkenntnis. Die Pflicht des Amtes läßt ein zwar kleines, aber abwechslungsreiches Land erkennen. Diese Übersicht und der Überblick über die Typen der Klassenvertreter geben vereint den Besitz eines festgegrenzten Stücks Welt. Für den Verwalter ist aber gar nichts gleichgültig, was die Natur erstehen läßt. Der bedeutende Mensch wird ihm bedeutender Staatsbürger. Die Philosophien erscheinen ihm als Mächte, die er im Bürger zu stärken oder zu beschränken hat. Die Wissenschaften und die Künste erhöhen, gepflegt, die moralische Stellung eines Landes und die Fähigkeit der Bürger, Regierungs-Maximen und Maßnahmen organisch zu begreifen und zu unterstützen. Nicht weniger schwerwiegend erscheinen daneben aber Wehrkraft, Ernährung, Werterzeugung, Geldwirtschaft, – Wirtschaft überhaupt. Den Mann also, der als Künstler in das Staatsgeschäft tritt, führt das Geschäft – soferne er es gewissenhaft besorgt – von selbst in das Praktische; damit von selbst in die Naturwissenschaft. Ich unterlasse nicht, zu zeichnen; es ist aber möglich, daß das Verlangen nach Beherrschung der Formen und Umrißlinien der realen Gegenstände mehr Antrieb dazu gibt als die künstlerische Neigung, Ausdruck zu finden. Ich entdecke in Ilmenau die Notwendigkeit, mir geologische Einsichten zu verschaffen. Battys Entwässerungsarbeiten führen ins Klimatische und Geometrische. Die Osteologie drängt sich auf. Die Botanik folgt. Der Geist, der vom Künstlertum kommt, ist aber an das Streben nach Entdeckung einheitlichen Aufschlusses aus einer Hauptursache zum Zweck der Entdeckung einheitlichen Abschlusses in einer Hauptwirkung gewöhnt. Meine Beobachtungen in der Geologie, Mineralogie, Botanik, Zoologie, Anatomie und Staatsregierung drängen also nach Sammlung der Erfahrungen in Ideen.«

Wieder setzte er aus; nun schon, ohne daß er es merkte, verzaubert von der Schau, die er sich aufgezwungen. Wie entrückt starrte er. Während in Herders Brust, vor dem wachsenden Rätsel dieser seltsamen Enthüllung, die Flut des Spottes gehemmt zurückschwoll. Vom Dunkel geschützt, saß er fröstelnd zusammengekauert jetzt, wortlos und reglos.

»Nun die Kehrseite!« Mit Gewalt hob Goethe das Haupt; dieser Blick erst brachte die Generalbilanz! Wie vor der Meduse schaudernd, schloß sich sein Auge. »Ich kam in den schönsten Jahren nach Weimar. Ich wurde der Freund des Fürsten. Der Herzogin Seelengröße zwingt zur Verehrung. Ihr Charakter dazu, in die Freundschaft zum Gatten immer selbstloser das Mahnende zu mischen. Die Herzogin-Mutter lebt ihr Altenteilschicksal in lebhafter Empfänglichkeit für alles, was Kunst ist. Frau von Stein gewöhnt den stürmischen Naturschritt in geduldiger Lenkung an das Parkett. Wieder ist es nur selbstverständlich, daß, der Veränderung des Platzes entsprechend, die zu liebende Weiblichkeit in veränderter Gestalt entgegenkommt. Es entstehen innere Verwandtschaften und innere Abstoßungen. Zwischen beiden Vorgängen bilden sich Spannungen. Ihre treibende Kraft wird erhöht von der Schwere des nördlich ungewohnten Himmels, ausgewirkt höchstens in der naturvergebenen Einsamkeit des Gartenhauses. Der Urgrund jeder Dichtung: das menschlich empfindsame Herz, wird so an allen Fasern und Fibern neu erschüttert. Die jeden Tag füllende, immer rücksichtslosere Vielheit der neuen Pflichten aber raubt diesen Erschütterungen die Zeit, zu sichtbaren Explosionen zu führen. Der innere Kampf spielt sich unter der Oberfläche ab. Das Lied gelingt noch, wenn einmal doch ein Funke dem Panzer entschießt. Die dramatische Ader muß sich den bescheidenen Forderungen der Gelegenheit anbequemen. Die epische Prosa tobt sich im Briefe aus. Baudenkmäler von eindringlicher Sprache sind nicht da. Was an Gemälden und Skulpturen, auch nur in Kopie, erreichbar ist, auch Münzen, geschnittene Steine, Kupferstiche, getuschte Blätter, – notwendig überwichtig wird alles betrachtet und verglichen. Summa: wie sich aus der Betätigung mit der Staatslenkung ein buntes Nebeneinander von Leistungen, Erfahrungen und Begriffen im Geiste sammelt, – baut sich in ihm gleichermaßen ein Mosaik von Empfindungen, Eindrücken, Bildern und Forderungen aus der Herzens- und Kunstwelt!«

Mit dem ganzen Gewicht des aufschnellenden Körpers, jäh, legte er sich in die Bank zurück und streckte die Beine weit von sich in den Sand aus.

»Und?« fragte Herder nach langer, rieselnder Totenstille; der Mond war vollkommen hinter Wolken verschwunden.

»Ich bin fertig.«

Endlich, nach ewigem Zögern, mit spitziger Stimme, sagte Herder: »Ich sehe vor allem aus dieser Beichte, daß ich, seitdem ich lebe, und ob ich nun Kandidat der Theologie, Bibliothekar, Chirurgiestudent, Lehrer, Pfarradjunkt, Eutinscher Reiseprediger, Bückeburgscher Konsistorialrat oder Weimarscher Generalsuperindentent war, stets nur das unpersönliche Werkzeug eines allgemeinen Intelligenzdrangs, – gewissermaßen ein Akzessorium des absoluten Begriffes ›Schreibtisch‹ gewesen bin. Währenddem du in erster und letzter Linie gelebt hast.«

»Du hast natürlich zu deinem Leben ebensowenig Distanz, wie ich zu dem meinigen.«

»Jedenfalls wäre ich bereit, jeden Augenblick mit dir zu tauschen.«

»Du bekämst eine Gemischtwarenhandlung gegen eine vollständige Hauseinrichtung.«

»Ein saftiges Künstlerleben gegen einen zwitterhaft nebulosen Gedankenbetrieb!«

»Du bist schon Herder! Ich bin vorläufig, wie schon gesagt, nur eine Enzyklopädie, deren Name zufällig ›Goethe‹ ist.«

»Aber dieser Name« – wie der Phönix aus verlodernder Asche klang es auf, feuerheiß –, »steht eben über ›Götz‹, ›Werther‹ und ›Faust‹!«

»Und seither, elf Jahre lang, über Mist, wie du sagtest!«

»Und die ›Iphigenie‹?«

»Ist noch nicht gemacht! Soll ich erst machen!«

Leidenschaftlich, alle Pein der Selbstzerfleischung, des Neides, der Eifersucht, der Scheelsucht vergessend, schoß Herder aus dem lauernden Kauern empor. »Lächerlich!« Mit wilder Faust schlug er an die Brust, daß es dröhnte. »Ich fühle mich als die Fratze der Schöpfung gegenüber dir! Denn du bist wie sie selber! Allgegenwärtig und unberechenbar! Ich will nicht behaupten, daß ich die Idee ›Künstler‹ an sich anbete. Ich bin, aus düsterem Schraubstockleben, zu sehr an das Moralische gewiesen; Tutiorismus wahrscheinlich! Aber ein Künstler ist eben nicht Fleisch und Blut gewordene Folge, wie der Gelehrte, zum Teufel, sein muß! Wenn der Gedankenspion sich zerreißt vor Gram, weil er vor drei Jahren mehr Wahrheit gefunden hat, als er heute findet, – der Künstler darf sich grinsend die Hände reiben, wenn der Quark, den er heute macht, dem Kunstwerk, das vor zehn Jahren gelang, ins Gesicht schlägt. Wenn er um zehn Uhr dichtet, um zwölf Uhr sich wollüstig sattfrißt, um drei eine Tabakpfeife schnitzelt und um sechse ein Weibsbild betrügt. Denn er lebt richtig erst außerhalb der Regel!«

»Ah ça!«

»Wer soll denn besser wissen, was ein Künstler sein darf, als ich, der's im Fegefeuer erfahren hat, daß er keiner sein kann?!«

»Aber bisher dachtest du anders!«

In den Boden stampfend: »Hast du bis heute je so ex imo zu mir geredet?«

»Ich wendete keinen Hauch ein gegen das, was du sagst, wenn es eben schon ausgemacht wäre, daß das Leben, das ich da aufsagte, ein Künstlerleben war.«

»Was denn sonst?«

Als ob Wolken ohne Zahl, schwärzeste, grausam verballt, niederstiegen und ihm grausam den Geist wieder umnebelten, von dem er mit den zitterndsten Händen soeben den Schleier gerissen hatte, beugte Goethe sich vor. »Das Buch der Natur lockt mich, je älter ich werde, immer unwiderstehlicher. Die Lust, zu zeichnen, zu bilden, – so oft unterdrückt, noch öfter vergangen – lebt von Jahr zu Jahr ungestümer auf. Nimm nun an, es entschiede sich in der nächsten Zeit klar, daß ich zum bildenden Künstler oder zum Forscher geboren bin!«

»Um des Himmels willen! Mensch!«

Die Arme hart kreuzend über der Brust, weil ihm noch niemals so schonungslos das Rätsel des eigenen Wesens war entblößt worden, noch niemals so qualvoll wie ein Albtraum die Pratze der Not diese Brust gerüttelt hatte, fuhr Goethe fort: »In jedem dieser zwei Fälle stünde dann fest: die Jahre bisher sind, – wenn nicht völlig verloren, doch zum mindesten nicht mit Bedacht auf den Zielpunkt gewonnen. Freilich: das Gleiche käme auch dann heraus, wenn sich entschiede, daß ich doch Künstler bin, und war, von Anbeginn an. Aber es wäre auch möglich,« –wie ein Gemarterter lächelte er, wandweiß – »daß die großmächtige Mutter weder das Eine noch das Andere, noch das Dritte mit mir vorhatte. Dann bliebe mir nur übrig: ein möglichst runder Mensch zu werden. Rund aber wird man . . . . . . . Ah, wenn ich noch einmal so viele Jahre, als ich schon lebte, gewisse, vor mir hätte! Dann wär' mir nicht bang!« Jagend rang die entsetzte Brust. »Aber nimm an: ich hätte nur noch zwei, . . nur noch eines, . . nicht einmal eines! Ein halbes! Du, wenn du stirbst, hinterlassest der Welt ein in den Grundlinien schon fertiges Gebäude deiner geistigen Person. Ich: – Verheißungen! Ansätze! Nichts sonst!«

»Und die unzähligen Zeugnisse deiner ungeheuren Wirkung in Deutschland?«

Verzweifelt starrte Goethe in das unheimliche Dunkel, aus dem Herders Auge lauernd emporflackerte. »Und wer hat in seiner frühesten Jugend schon gerufen: ›Ich gehe durch die Welt. Was habe ich in ihr, wenn ich mich nicht unsterblich mache?‹!«

Daß sie laut krachte, sprang Herder von der Bank auf. Wollust! Unaussprechliche Genugtuung! Befreiung! Endlich, zum erstenmal stand es da, schwarz auf weiß, daß die Geier des Zweifels an sich selber auch diesen – so wohltemperierten! – Geist zerfraßen! Allerdings – und dieser Gedanke, zum Teufel! zerbrach wieder die Wollust der Befreiung – ihn nur deshalb zerfraßen, weil auch er unsterblich werden wollte, trotz ihnen; also noch immer auch nicht zufrieden war. »Im dreizehnten Buche meiner ›Ideen‹,« stieß er wie im Schwertkampf mit dem scharlachenen Nebenbuhlergeist seiner zwiespältigen Seele hervor und riß den Zerrissenen von der Bank auf und zurück in die Allee, »stelle ich, nach der Darlegung der Geschichte der Griechen, folgende Sätze auf. Erstens: Was im Reiche der Menschheit nach dem Umfang gegebener National-, Zeit- und Ortsumstände geschehen kann, geschieht in ihm wirklich. Zweitens: Was von einem Volke gilt, gilt auch von der Verbündung mehrerer Völker untereinander; sie stehen zusammen, wie Zeit und Ort sie band; sie wirken aufeinander, wie der Zusammenhang lebendiger Kräfte es bewirkte. Warum sich also mit Betrachtungen quälen, . . . . . . .«

»Ich quäle mich gar nicht!« kam's wie Sturzbach der Reue aus dem schwindlig Dahingezogenen.

» . . . . . . die kraftlos sind gegenüber der Erkenntnis, daß die Prämissen, und nur die Prämissen den Schluß bedingen? Denn die zwei Sätze gelten, wie für die Völker, so auch für die Menschen! Wie die ganze Menschheitsgeschichte Naturgeschichte ist, so auch die Entwickelung des Einzelnen! Man wird, oder man wird nicht! Und da plagt sich dieser Naturafrikaner . . . .«

Wie der Blitz, der schon getroffen hat, aber dem Donner noch nachlauert, der die Erde zerstampfen wird, riß Goethe sich los; sie standen vor seinem Quartier. »Ich würde nicht den verschlafensten Gedanken an diese Dummheiten vergeuden«, spie er schneidend heraus, »wenn ich nicht ganz genau wüßte, daß diesen Sätzen, am Schluß der Geschichte der Menschheit, ein ganz andrer folgen wird!«

»Und der heißt?«

»Daß der Zweck der Menschennatur Humanität ist, und daß – Gott selber mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in unsere Hände gelegt hat!«

Fassungslos, Schrecken, starrte Herder ihn an.

»Denn das hieße soviel«, fuhr Goethe wie der teuflischeste aller Henker fort, »daß es mit der reinen Naturgeschichte in der Menschheitsgeschichte nicht weit her ist! In die fatalistische Natur käme die moralische Determination . . . . .«

»Apage!« Keuchend, mit zerbrochener Stimme,. wehrte Herder entsetzt ab. Grausam in seine zwei Teile: Natur und Wille zurückzerrissen, die so schön schon gekittet gewesen, verendete vor dem ermordeten Blick das geliebteste Werk. Wie eine gewirbelte Marionette. drehte er sich um sich selber, entglitt in das Dunkle.

»Du! Höre! Warte!« girrte Goethe, mitvernichtet mit dem Vernichteten, in die Finsternis nach. »Wie wär's, wenn wir morgen früh ein bißchen zusammen spazierten, um das auszu– reden?«

Aber keine Antwort mehr kam.

Mit prachtvoll gezieltem Stoß, knirschend, triebe Goethe den Schlüssel ins Schloß. Riß das Tor auf. Schlug es zu.

Als er es wieder öffnete, wieder aus ihm hervortrat, hüstelte die verrostete Kirchenuhr drüben: Drei Uhr früh. »Herr Geheimerat von Goethe?« sprang hurtig ein schläfriges Stimmchen vom Bock des Wägleins herab, das schwarz und herbstfröstlich in der Gasse draußen wartete. »Ist's richtig?«

»Los!« rief der Gefragte heiser und zeigte sein Gesicht nicht; warf die Mantelsäcke hinein unters finstere Dach und stieg nach.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.