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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Als er im Hause der Frau von Stein eintrat, zerfloß eine Träne auf den noch fester zusammengekniffenen Lippen. »Spät!« lächelte der alte Bediente, als er ihn wie immer im Vorsaal das Haar zurechtstreichen sah; wie ein müdes Jahrhundert, mit zitternder Hand, hielt er den Leuchter. »Spät, Exzellenz!« Goethe verzog das Gesicht nicht; zwischen erkünstelter Herablassung und Verzweiflung nahm es den Ausdruck eines marmornen Statuenkopfes an. Das Eßzimmer, von dessen rundem Tisch bis auf ein einsames Gedeck alles abgeräumt war, durchschritt er hochaufgerichtet; mit lautem Tritt. In den kleinen Raum gekommen, der, halbdunkel, daranstieß, zögerte er: wer war da? Einen Augenblick später neigte er sich schon tief über die Hand der Frau, die ihn auf der Schwelle empfing. »Herder ist da und Knebel. Aber sie gehen bald!« flüsterte sie ihm eilig zu. Seine Miene erhellte sich. Lächelnd trat er ein. »Schon geboren?« rief ihm Herders rundes Gesicht gleich entgegen. »Ich bin zum événement herübergeritten«, fluchte Knebel – wie ein bäurischer Mönch hielt er die hingestreckte Hand klammerfest in der seinigen – »und reite nun wahrscheinlich rebus infectis zurück!«

Gerne setzte sich Goethe. Rastend begrüßte das Auge die vertrauten Wände, vor denen die trautesten Dinge im heimatlichen Kerzenlicht schimmerten. »Ich bitte um Vergebung«, sagte er plötzlich, als ob ihm plötzlich der Berg von der Brust sänke, »daß ich so spät noch wage . . . .«

»Vor allem anderen müssen Sie essen!« Frau von Stein erhob sich. »Kommen Sie! Wir leisten Ihnen Gesellschaft.«

»Dieser Mensch hat ein Leben!« Rauh griff Herder ihn an, schob ihn, Knebeln im Arm, ihr nach. »Quo caput ponere possit, habet semper et ubique. Wenn er raschelt, fliegen die Verse, und wenn nicht, raschelt der Lorbeer auch. Ein fürstliches Kind kann in Weimar nicht zur Welt kommen, ohne daß er es agnoszierte. Dahero wird er hochmütig wie ein Fisch, und – es ist die Schuld des Himmels!« – »Predigen Sie ihm nachher: er ist hungrig!« lachte Frau von Stein, es sollte lustig klingen; in derselben Sekunde trafen sich ihr und sein Blick. Eine schmale Flamme sprühte auf, überstürzte magisch, wie die Seele eines Feuers, das hunderttausend geheime Stunden des Brennens hinter sich hat, beide Häupter, – und erlosch wieder. »Er gehorcht vorher und nachher nicht!« höhnte trocken Knebel, der den Blick aufgefangen hatte. »Wir bekamen unsere Leibspeisen vorgesetzt, und entdecken nun, daß es nicht die unserigen waren, sondern die seinigen!«

»In materialibus hat er noch denselben Geschmack wie wir!« stichelte Herder; Goethe, noch stehend, hatte das Glas, das ihm Frau von Stein eingeschenkt, auf einen Zug leer getrunken. »In dieser Beziehung könnte man noch 1775 schreiben? Hm?«

»Nur in dieser?«

Wie aus weiter Ferne herein fragte Goethe den schmunzelnden Knebel: »Du gehst zum Herzog?«

Knebel verzog das Gesicht über der provinzialen Krause. Er war schlecht rasiert und seine Zähne wurden von Monat zu Monat weniger und gelber. »Und du kommst von ihm? Wie steht's?«

»Es wird ihm wohltun, dich zu sehen.«

»Er glaubt kein Wort von dem, was er sagt,« kicherte Herder, boshaft blinzelten seine Augen. »Gehe ihm nicht auf den Leim! Der Herzog hat den Fürstenbund im Leibe und sonst nichts, und vergeht darüber, daß er ihn nicht gebären kann, bevor nicht die Herzogin gebiert.«

»Ich habe gehört«, sagte Goethe – er aß nun – »daß der Herr Generalsuperintendent eine Taufrede vorbereitet hat, darin der Ton den Superlativ von Würde und der Gedanke den Himalaya der Weisheit ersteigt. Stimmt das?«

Prompt – Herder war aufgefahren – griff die Hausfrau ein. Sie war schon als Kind dazu erzogen worden, auf Eiern tanzen zu können und die Disharmonien – wie ihr Herr Vater, der gewesene Hofmarschall zu sagen gepflegt hatte – zu »applanieren.« Hatte sich weiters, in elf Jahren Gemeinsamkeit mit Goethe, daran gewöhnt, dann, wenn in ihrer Gegenwart das Format und der Inhalt seiner Natur von den Personen der Zeitgenossen allzuscharf abstachen, die Kluft mit dem Steg ihres unfehlbaren bon ton zu überbrücken. Knebel war ein kulturliebender Philister. Herder ein Arrivierter des Geistes. Goethe aber die Rechtfertigung ihrer Existenz! »Sie wissen also noch nicht, ob Sie nächste Woche reisen können?« fragte sie ihn sanft, beugte sich, daß das schwarze Taffetkleid mit dem weißen Atlasrand im Busenausschnitt Lichter bekam, ihm zu und legte das fünfte Pastetchen auf den Teller.

»Ich verzweifle daran.« Er würgte, ohne aufzusehen, hinab. »Haben Sie Nachrichten von Josias?«

»Daß es kalt ist in Pyrmont. Sonst nichts.«

»Kalt wie hier!« Als ob ihm eine Gänsehaut über den Rücken hinabliefe, krümmte er sich. »Und wie geht es Ernesten?«

Ihr Gesicht, das nicht schön war, ihre vierundvierzig Jahre allzu gewiß bestätigte, hob sich schmerzlich um einen Zoll. Klar, offen, ohne jeden Rückhalt blickten die Augen von Knebel über Herder zu Goethen und blieben über ihm ruhen. Und während sich nun die Hände unwillkürlich langsam über der mädchenhaften Brust falteten, seufzte der Mund, süß fast: »Der Arme!«

Knebels Gesicht verzog sich zum zweitenmal. »Was hat unser Starke in Jena gesagt?«

Im Nu wechselte Goethe das Thema. »Kannst du mir morgen einen Brief für Batsch mitnehmen?« fragte er.

Knebel nickte. Ob aber Goethe vor der Reise nicht noch hinüberkäme? Goethe wich aus; wie der Unterricht im Italienischen anschlage? Knebel hob hüstelnd die Hand an das Kinn; sprach mit unitalienischem Munde: »spero di poter fra breve avvicinarmi a Dante.« Man lachte. Fritz plappere schon sehr niedlich, meinte Frau von Stein mit einem mütterlichen Blick auf ihres Jüngsten Pflegevater. Herder bekannte, daß die italienische Sprache ungemein viel durchgebildeter sei, als ihre Musik verraten lasse. Es entstand der Streit, ob die Römer ihr Latein wohl etwa ähnlich ausgesprochen haben dürften wie die Italiener ihr Italienisch? Goethe und Herder bejahten. Knebel protestierte; die Quetschlaute verletzten sein puritanisches Lukrez-Ohr. »Aber«, sprang er hurtig ab und sah Goethe eifersüchtig an, »warum greifst du jetzt auch noch zum Italienischen? Die Fakultäten in Jena schütteln die Köpfe über dich. Mit Loder, – das ist schon verjährt. Aber mit Batsch macht er jetzt in Infusionstierchen, mit Wiedeburg Algebra, mit Griesbach redet er stundenlang über die Dekretalen Isidors, und daheim paukt er sich und Ihrem Fritz Italienisch ein. So nebenbei. Du bist ein Vampyr!«

»Was macht die Wielandin?« fragte geistesgegenwärtig Frau von Stein, noch ehe die Pause zu peinlich wurde; Goethe tat, als ob er allein wäre, aß unbewegt sein Pflaumenkompott und goß nacheinander zwei Gläser Wein hinab. Schroff erhob sich Knebel; streifte den Frack glatt. »Auch noch nicht geboren!« knurrte er.

»Er kommt heut Abend noch zu mir,« sagte Herder und stand ebenfalls auf. »Hat er nicht jetzt mit deiner Iphigenie zu tun?« Weil aber auch darauf kein Wort von Goethe her kam, sondern nur ein starrer, stummer Blick, wandte er sich entschlossen zum Abschied. »Er ist ein armer Teufel!« jammerte er – kranzartig scharten sich die drei Männer um Frau von Stein in der Tür – »jetzt geht die Bettelei um die Taufpaten von neuem an.«

»Es gibt nichts Schrecklicheres, als einen Dichter; von der Nähe besehen!« erklärte Goethe, – da waren sie schon draußen.

Eine gute Minute lang noch hörte man Herdern im Vorsaal mit dem Bedienten sich unterhalten; das war seine Weise. Und Knebeln pfeifen. Dann – eine Tür war laut zugefallen – wurde es still. Vollkommen still.

»Gehen wir?« bat Frau von Stein leise.

Draußen vor dem Hause sank die Gasse in den Bann der ereignislosen Sonnabendnacht. Die Kerzen vor dem schmalen, ovalen, goldgerahmten Wandspiegel im kleinen Salon waren tief herabgebrannt. Die hellen Damastbezüge des Sofas, in dem die zwei Schweigenden – durch einen korrekten Zwischenraum voneinander getrennt – saßen, die Fauteuils und die Sessel blinkten im gleichmäßigen Licht wie liebe, ruhige Blumengartenflecke; schläferten, duftlos, fast ein. Die Porträtchen und Schattenrisse in runden Ebenholzrahmen, die Gruppe von sechs Kupferstichen in viereckigen Eichenholzrahmen über dem Schreibtisch zwischen den Fenstern schauten gütig, ohne Prätention, aber auch ohne allzu beleidigende Gleichgültigkeit herab. Aber auch alle anderen Dinge da, tausend nur allzu bekannte, allzu durchschaute Dinge – sagten sie etwas?

Der Busen der Frau, die auch nach elf Jahren Gemeinschaft mit diesem Manne sich noch nicht erlaubte, das grausam ausschließliche Gefühl, das sie ihm verstrickte, auch nur für Augenblicke ungezügelt leben zu lassen, wogte in unsichtbarer Bewegung. Während die Seele angstvoll auf das erste Wort, die erste Geste des Geliebten wartete. Denn schonend unsichtbar zwar, aber doch unheimlich gegenwärtig schwebte die Seele dieser elf Jahre in diesem Raume. Der Sturm der ersten Eroberung, die innere Gewalt des Kampfes gegen sie, die Süßigkeit des zweiten Gebanntwerdens, der sich die dürstende Natur, endlich widerstandmüde, überlassen, – sie hatten die Wesenheit ihres zauberhaften Schicksals in all den Dingen hinterlassen, vor denen sie Erscheinung geworden waren. Aber auch der zähe Streit um die Wahrung des letzten Gewissens der Gattin, die unzähligen Stunden der Zähmung des Mannes, dessen lodernde Herzensglut auch den Verstand umfeuerte und die Sinne aufwühlte, hatten ihre unzerstörbare Erinnerung den Dingen eingebrannt, die, scheintot scheinbar, rundum ihr überdauerndes Leben lebten. Zuletzt hatte die Frau gesiegt. Denn wo auf der Welt – für die Wahrheit und Größe dieses Gedankens war ihre Seele nicht zu klein! – lebte der Mann, der göttlicher geben konnte und kindlich reiner, ehrfürchtiger, treuer und rechnungsloser gab als dieser? Und dennoch nicht mehr forderte als etwa ein Freund, dem die vergebens mit Feuern Umdichtete die Erfüllung verweigert und nur den Trost der verzichtenden Anbetung läßt?

Aber – und ohne daß der Mann an ihrer Seite es merkte, begann nun ihr Auge sich prüfend über ihn zu legen, unbarmherzig mit sich selber jede Miene des Antlitzes zu erforschen, das in tiefer Sammlung auf der japanischen Zwergföhre im nüchtern irdenen Topfe saß, – aber: galt dieser Sieg noch? Oder: wie lange wird er noch gelten? Sagten diese Züge, denen sie die Überwindung der heißesten Sehnsucht ebenso unerbittlich anbefohlen hatte wie, seinerzeit, dem gießbächigen Genieburschen die Fähigkeit und den Ernst zur Allüre, – sagten diese Züge nicht: eine einzige wahrhaftige Erschütterung, von da oder von dort, und wir sind verwandelt? So verwandelt, daß du uns nicht mehr erkennen wirst? Saß nicht das Zeichen eines immer wieder niedergehaltenen, aber nie wirklich besiegten Aufruhrs auf der Stirne? Bargen sich hinter diesen Augen nicht Gefahren der Empörung? Des Abfalls? Der Flucht? Stand in der Schwingung dieser Lippen, denen sie niemals die Wonne des vollen Kusses gegönnt, nicht schon das Wort geformt, das sie entrechten und in die tiefsten Schauer der Einsamkeit hinabstoßen mußte, wenn es endlich einmal fiel, das Wort der unwiderleglichen Wahrheit: »Du bist um sieben Jahre älter als ich und – nicht meine Frau geworden? In mir aber glimmt nur das Feuer, schläft nur, gebändigt von dir, die Natur. Ha! Ich beginne erst zu leben, wenn ich gehe!«?

Mit einer heftigen Bewegung auffahrend, entriß sie sich der Hölle dieser Fragen.

»Ist dir nicht wohl?« Erschrocken, schnell langte er nach ihrer Hand, nahm sie fest in die seinige. »Lotte?«

Wie das wohl tat! »Armes!« Innig, zärtlich, ja kindlich weich war seine Stimme auf einmal. »Plagst dich Tag und Nacht mit deinen Sorgen, und ich kann dir so wenig beistehen!« Und wie nun sein Auge erblühte. Im Antlitz, das bittend das Auge der Erlösten suchte, die Falten des Zwangs und der Verschließung verschwanden. Die Eisenfesseln abfielen von der Gestalt, und jeder Muskel, jede Sehne nur noch in einem einzigen Verlangen sich löste: zu dir! »Warte doch um Gotteswillen nicht länger, Liebstes, und reise!« Und hingegebener von Sekunde zu Sekunde schmiegte er sich an sie, streichelte ihre dankbar rastenden Hände. »Was brauchst du dazubleiben, bis das Kind geboren ist? Freude, Gesundheit ist das Erste! Der Winter war zu wechselvoll, der Frühling gab dir nichts. Dort ist die Luft heiterer, das Haus mit seiner Mühe fern, jeder Tag ein Gewinn. Du mußt reisen!«

»Und Ernst?«

»Für Ernsten sorge ich. Ich habe mit Lichtenberg schon gesprochen.«

»Wenn er aber am Ende doch mitkönnte?«

»Dann kommt er mit mir nach. Loder und Starke wissen bereits, daß ein Consilium gehalten werden muß. Sobald ich nach Jena komme, und das ist, sobald die Geburt stattfand, führe ich sie herüber. Sagen sie darauf, daß er ins Karlsbad darf, dann reist er mit mir. Sagen sie »nein«, dann installiere ich ihn im Gartenhaus.«

»Du kannst doch nicht für alle meine Kinder sorgen.«

»Du!« Glanz unaussprechlicher Liebe erstand im verwandelten Gesicht. Weggewischt im Nu alle Grauheit, aller Abbruch, jede Bitterkeit, alle Härte. »Wenn ich's nur dürfte!«

»Du hast ja schon den Fritz!«

»Für den sorge doch nicht ich! Der sorgt ja für mich!« Und ohne sich noch zu sträuben gegen die Flut von Innigkeit, die, alle Dämme einreißend, in der heimatlechzenden Brust aufschoß, hob er die Hand, die ihr wonniges Lachen nicht sah, an seine Lippen empor und küßte sie hingerissen. »Der Bub gibt mir Unvergeltbares! Ist mir das Pfand unseres Bundes! Löscht alle Sünden aus, die ich – rede nicht, ich habe ein sicheres Gewissen! – an dir tausendmal, tausendmal begangen habe. Der bekommt ja die Frucht, die jetzt endlich aus den Wirrnissen meiner unerzogenen Liebe dir heranreift: Das Michselberentäußernkönnen; die Glut einer Dankbarkeit, die von Tag zu Tag heißer heranwächst im steigenden Licht der Erkenntnis: Was wäre ich ohne dich? Ohne dich je hier geworden?« Ah! Nur heraus jetzt mit allem, was in dieser nachtschwarzen Brust drin noch hell war! Noch Licht war! Und nicht noch lang denken daran, jetzt, daß das gleiche Beginnen hundertmal schon von Kühle, Erstaunen, Ahnungslosigkeit, Unverständnis des Herzens, dem es galt, war verscheucht und geköpft worden! Denn einmal muß sie überwältigt werden! Muß sie das Nichtmehrerträgliche dieses gebändigten Zustandes einsehen! Wenn sie ganz erfuhr, ganz, was sie alles ihm war! »Es ist kinderleicht«, fuhr er atemlos fort, »einem hinstürmenden Herzen die Wonne zu willfahren, die es flammend begehrt; kinderleicht, weil gewöhnlich. Aber einen ganzen Menschen durch das Chaos der Leidenschaft, des dumpfsten Besessenseins zum Mann erziehen, der im Tempel der Liebe wohnt, zur Liebe erst kam im freiwillig getragenen Joch der Selbstüberwindung, – das ist schwer, denn es ist heldisch! Wenn ich nachts nicht schlafen kann und die Menschen vor mir aufmarschieren lasse, die mich hier umgeben«, – ganz, ganz nahe gerückt war er ihr, dicht vor ihrem immer froher erwachenden Auge glomm sein entlodertes, plötzlich märchenhaft junges – »wer bleibt von all ihnen das Geschöpf, das mich mehrt, mich vermehrt? Du allein! Der Herzog? Gewiß! Nein, ich verkenne ihn nicht. Überschätze die Stimmungen nicht, die mich enttäuscht so oft von ihm reißen. Amalia? Auch! Ich verehre sie, liebe sie. Ehrlich! Daran ändert sich nichts mehr. Und Louise! Natürlich! Auch Herders. Sie haben den Weg zu mir wiedergefunden. Aber – bin ich auch nur von einem einzigen von ihnen innerlich abhängig? Ward nur durch einen einzigen von ihnen meine Entwicklung, im wesentlichen beeinflußt? Von keinem! Von niemand! Nach Weimar gekommen bin ich durch sie! In den Conseil gerufen, zum Geheimerat und zum Herrn von Goethe gemacht, – ungenießbar gemacht worden durch sie! Aber zum sittlichen Menschen, der die Triebe seines gewalttätigen Lebensinstinkts im Brennpunkt ihrer Masse durch Verzichten beherrscht, hast nur du mich gebildet! Es war mir nicht bequem!« – wie Flamme, die wild aus der Glut bricht: »Es ist mir nicht bequem! Aber mein heiligster Schatz, mein gekrönter Besitz ist's, zu fühlen: vor dem Manne bin ich der Mensch, der sich selber regiert! Das ist mir das Rückgrat in dieser Wanderschaft ohne richtigen Gang, die mich oft nach allen Windrichtungen hin zweifeln heißt, mich durch Abweg und Umweg ins Unnütze, durchs Indifferente verwirrt, ängstigt und plagt. O, oft geht mir die Fron bis da herauf an den Hals, ich schüttle mich, will es abwerfen, das unnatürliche Joch, – vor ein paar Tagen, Mittwoch, ich war morgens nach Tiefurt hinausgeritten, der elende Himmel, diese visionlose Grauluft ließ mir die Zähne knirschen unter den zornigen Augen, ich kam von ödesten Bagatellen, nach dem Ritte erwarteten mich noch ödere, – und die Herzogin-Mutter, wie sie mich da kommen sah auf dem lammfrommen Schimmel – weißgott kein Siegfried, nicht einmal ein Georg! – schlug die hochfürstlichen Hände überm Kopf zusammen und rief: . . . . .«

»Richtig! Du!« Mitten hinein in den Orkan seiner Worte sprang verwegen die Stimme der Frau, die nun, in der köstlichen Sicherheit, daß er noch ihr gehörte, bei ihr allein noch der Gott war, der unsterblich machte, kein Bedenken mehr trug, die entfesselte Lohe zu stören. »Die Göchhausen war nach Tisch da; du sollst, wenn es nur halbwegs geht, nach Tiefurt. Wegen des Parks. Amalia will . . . .«

»Morgen Mittag muß ich zu Louise.«

»Was will sie?«

»Es handelt sich um eine Transaktion mit ihrem Vermögen.«

»Wie verständigst du dann Amalia?«

Der Vulkan hatte die Flamme schon eingesteckt. Ein hoher, schöngebauter Berg war er nun, wie andere schöngebaute hohe Berge. »Ich werde Seideln ein Billett mitgeben«, sagte er einfach.

Nach einer Pause, in der sie genau, aber reuelos merkte, daß sie ihn verstümmelt hatte, fragte Frau von Stein zaghaft: »Was hat die Herzogin-Mutter also ausgerufen?«

Er zuckte nicht einmal zusammen. Auf ein Endchen Großzügigkeit mehr oder weniger kam es jetzt nicht mehr an. »Das Bild der vollendeten Glückseligkeit kommt angeritten! rief sie aus«, lachte er ohne jedweden Ausdruck, »der vollendeten Glückseligkeit!«

»Und?«

Ohne zu fassen, starrte er sie an. Gibt es also wirklich und wahrhaftig niemals – niemals! – ein ganzes Verstehen zwischen dem Einen und dem Andern? Aber auch dieses Gift trank er tapfer hinab. »Und ich dachte mir: was ihr nicht alles wißt! Selbst das erlogenste Bild davon habt nicht ihr mir angeschaffen, sondern nur sie!«

Totenstille.

Endlich, kühl, wie nur diese Frau kühl sein konnte, die keine Lebensmöglichkeit mehr sah, wenn sie dem rauschenden Strom ihrer Liebe die Schleusen einriß, sagte sie: »Du überschätzest mich.«

Mit einem verzweifelten Heben des Kopfes zerriß er den Klang dieses Worts, vertrieb er die Engel der Sehnsucht, den letzten Hauch Hoffnung. Auch diese Frau wußte ihn nicht! »Was laset Ihr da?« Auf dem Tischchen, zwischen zwei weißen Porzellanblumenväschen mit unhübsch gedrehten Hälsen lag ein schmaler, schmutziger, aufgeschlagener Schweinslederband; gierig beugte er sich darüber.

Schnell sie sich nach. »Die Aeneide Vergils.«

»Wie kommt die daher?«

»Knebel brachte sie mit. Es sind auch die Georgica in dem Bande. Er übersetzt sie und wollte mit Herdern darüber reden. Aber Herder machte nur schlechte Witze. Seine »Ideen«, sagte er, machen ihn ungerecht gegen »Idyllen«.

»Und du willst . . . . .?«

Da lachte ihr Mund wie der eines ganz jungen koketten Mädchens. »Mich reizt diese Dido. Ich versuche es.«

Aber er hörte nicht mehr. Wie im Anfall eines plötzlichen Fiebers, mit zittrigen Fingern, begann er im Buche zu blättern. In fliegenden Stößen schoß ihm das gerufene Blut in die Wangen. Der Schein von ohnmächtiger Qual glomm auf in den tiefdunklen Augen. Endlich, wie gegen eine Gewalt, die unwiderstehlich bezwang, öffneten sich die Lippen, erbebten und lasen:

»Dissimilare etiam sperasti, perfide tantum,
Posse nefas, tacitusque mea decedere terra?
Nec te noster amor, nec te data dextera quondam,
Nec moritura tenet crudeli funere Dido.«

»Ich kann es nicht anders sagen« – wie ein Wahnsinniger sprang er auf, stürzte, an der Geliebten vorbei, an das Fenster, kam vom Fenster zurück, blieb mit ungeschickt platzlosen Armen vor ihr stehen – »ich kann kein lateinisch Buch mehr anschauen, – es tut mir ganz einfach weh! Weh! Weh!« Und mit Händen, die den Bringer dieses grausamen Schmerzes erwürgen wollten, warf er das Buch zu und schob es weit von sich weg in das Dunkel der polierten Platte. »Weimar, Ilmenau, Jena, Erfurt, Dessau, Gotha, Leipzig – und Leipzig, Gotha, Dessau, und so weiter und zurück bis nach Weimar, und immer wieder dieses Karussell!« Feindlich von ihr abgewendet, die Fäuste an den Schläfen, nichts als hilfloses Opfer von oben bis unten, stand er bebend. »Und ich bin schon weit in den Jahren und vielleicht bricht mich das Schicksal in der Mitte entzwei und der babylonische Turm bleibt stumpf, unvollendet! Neulich zeigte mir Kraus einen Stich Piranesis aus den Antichità Romane . . . . .«

Scharf brach er ab. Sah noch im Angesicht Charlottes den Anflug von Fassungslosigkeit, der sie anhauchte und ihr die Augen weit aufriß, und hatte sich schon zurückgeschraubt. Ausatmend, wie sich selber verhöhnend, lächelte er: das Instrument gehorchte noch! »Verzeih!« sagte er milde und ergriff ihre Hand. »Ich vergaß mich und mein Alter. Es muß in der Luft liegen. Ich bin sonst« – zeremoniös wie auf dem Hofball küßte er die nichtsahnende Hand – »ein ziemlich vernünftiges Wesen.«

»Ich habe es auch nicht ernst genommen,« lächelte sie schelmisch unschuldig und lehnte sich kaum merklich an seine Schulter. »Nicht in Rom, in magna Graecia, – dir im Herzen ist die Wonne da!«

Das war das Gegenteil von dem, was er hören wollte! Trotzdem: als ob er sich absichtlich nicht dagegen wehrte, die Besinnung zu verlieren, folgte er ihr, legte den Arm um sie, schlang sie an sich. Zwiespältig bange und staunend hob sich die gepeinigte Brust: also wirkte das Wunder dieser Nähe noch immer! »Ja, du warst in abgelebten Zeiten meine Schwester, oder meine Frau!« kam es flüsternd, wie aus schwerem Traum von den rastlosen Lippen.

»Wohltun möchte ich dir!« Nur ein Duft aus dem milden Licht ihrer zerbrechlichen Gestalt. »Immer!«

»Heimat! Heimat!«

»Wär' dir nicht die Welt zu feindlich?«

»Sei doch du sie!«

»Draußen im Karlsbad wollen wir's uns schön machen! Komm bald nach! Wolfgang! Sag, kommst du?« Da, mit einem einzigen Atemzug abgebrochen jede Hemmung, nur noch Sklave dieser tyrannischen Passion, stürzte er nieder zu ihren Füßen, umklammerte ihre Knie, preßte in nimmer zu bändigendem Hunger nach Einswerden, Einheit das zitternde Antlitz in die Falten der Seide, – sprang wieder auf, riß die Atemlose mit eisernen Armen an die rasende Brust, beugte sich stöhnend herab, sie zu küssen, küßte sie . . . . .

»Um Gotteswillen!« Mit entsetztem Ruck machte sie sich frei. »Wenn jemand hereinkommt!«

Wie von einem Wasserfall übergossen, der Eis führt und prügelt, im Nu, zwang sich seine Gestalt in die steinerne Fessel zurück.

»Es braucht nur die Tür aufzugehen und der Skandal ist fertig!« Feuerrot, die Finger im Haar, zitterte sie vor dem Spiegel.

»Sie ist in elf Jahren noch niemals aufgegangen!« sagte er nach langer Stille; aus unendlicher Weite.

»Gerade deshalb!«

Und wenn sie auch ganz genau fühlt, daß ich zugrunde gehe, irrsinnig werde in der Mühle dieser Unnatur, knirschte das getretene Herz in ihm, – wenn nur sie sich nicht kompromittiert!

»Wie man nur so wild sein kann!« Den Triumph ihrer Macht in der Brust, das Auge strahlend von der Wohltat seiner ungebrochenen Wildheit, kam sie zurück zu ihm, lockend, todsicher. »Räuber, du! – Du! Bist du böse?«

Er drehte sich um. Kein Mensch mehr, auch sie nicht, vermochte in diesem felsernen Antlitz noch zu lesen. »Ich bin nicht böse; wie du weißt! Soll ich an Fritzen nichts bestellen?«

»Viele Grüße!« Wohl oder übel nachlaufen mußte sie ihm, so rasch schritt er auf die Tür zu. Aber ihr war nicht bange. Im Gegenteil! Die Szene von heute war nichts Neues. Nach jeder solchen war er, bisher, nur noch lauterer, reiner und inniger zurückgekommen. »Wie steht's mit Werther?« fragte sie neugierig noch auf der Schwelle. »Geht's?«

»Ich finde, daß der Verfasser übel getan hat, sich nach geendigter Schrift nicht zu erschießen.«

»Morgen scheint die Sonne wieder!« Unbesorgt – er ist doch ein Dichter! – lachte sie ihm nach in das Dunkel. »Adieu? Schlaf gut!«

Mit taumelndem Schritt aus dem Hause heraus. »Schlafen? Ja! Schlafen!« Mit zornigem, nach bösem Auflachen, durch die schwarzen Gassen. Mit dröhnendem über das schwingende Holz der Brücke. Mit haßvoll gezieltem hinein in den Stern. »Rettungslos! Hoffnungslos! Fort! Fort! Fort! Fort!« Hart und knapp riß er die herrenlos gewordene Gestalt zusammen. Hier, unterm Himmel, ob er auch Regen warf und mit Orkanchen herumschmiß, ließ sich wenigstens atmen. »Ersticken könnt' ich von ihnen aus! Von ihr aus! Ohne Gnade ersticken!« Aber bevor noch, weil diese Einsicht so höllisch empörte, die Tränen ausbrachen, hob sich das Auge hochmütig empor; flog es hochmütig rundum. »Wer also, frage ich, könnte von Felonie reden, wenn ich ginge?« Behauptet im Nu, machte er den Schritt langsamer, breiter. »Niemand!« Er hatte sich elf Jahre lang bis über den Hals mit Geschäften, Geschäftchen, Ämtern, Verpflichtungen, Handlangerdiensten zugedeckt, mit Gelegenheitsversen, Maskeraden, Liebhaberdramchen, Nachtstuhlreparaturen und Aktenabschriften abgerackert und seine innere Sendung Sendung sein lassen. Gewiß! – energisch nickte er – dieser Altruismus hatte auch Gutes gewirkt. Ein Dichter, der nur dichtet? In der Phantasie versinken? Einseitigkeit züchten? Entsetzlich! Er hatte die Menschen kennen gelernt und ihr ewiges, erstes Bedürfnis: den Vorteil. Illusionen, soweit er solche überhaupt besessen – eiskalt lächelte er – »dahin, auch die letzte!« Aber –: hebt die Begnadung des Dichters nicht erst hinter den Illusionen an? Wird der Dichter nicht erst dann zum Offenbarer für Seelen, wenn er selber nichts anderes mehr für sich will als die Wahrheit? »Und bin ich nicht geradezu vollgepfropft mit Wahrheit?«

Wollüstig auf einmal reckte sich der Leib. Die Stumpfheit, die Schwäche, der Ekel sanken im Auftakt, im Abtakt des erleichterten Schrittes. Die größte Lebenskunst besteht darin: augenblickliche Stimmungen nicht zu überschätzen. Für den Gereiften ist das Leben nie Sekunde. Jede Sekunde nur Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wenn er laut aussprach: »In Weimar ist es nicht auszuhalten!« – mußte er nicht selber lachen? Für den Pflichtgetreuen, Gewissenhaften, Reinen ist es nicht nur leicht auszuhalten, sondern: allerbeste Erziehung! »Nein!« Fest stieß er den Degen in den beregneten Boden. »Ich gehe nicht!«

Schnell drauf, behutsam, hielt er inne: waren das, die so geschickt wiederfingen und wiederhielten, die Netze der Bedenken, der Rücksichten, der Gewohnheit, des Pflichtgefühls und des gezwungenen Vertrauens auf seine Kraft, auszuharren? »Nein!« Klarsten Auges, gerüstet zu empfangen, sah er in den Weg hinaus, der sich vor ihm aufrollte. Und sofort tauchten sie auf aus der geheimnisvoll geweihten Fläche der Erde: die Erinnerungen. Alle! Das süße Gefühl, zu Hause zu sein, sich zwischen Wolken und Schollentiefen zu bewegen, die in jedem Hauch und in jedem Korn die Substanz seines Wesens bargen, wie seine eigenen Strebungen, Erfindungen und Sehnsüchte zu seinem schonungslos lauschenden Herzen sprachen, liebkoste ihn. Eingeleitet von unschuldigen Morgenröten, getragen von lichten Mittagen, und beschlossen von festlichen Abendhellen, erschien die Fülle der vergangenen Jahre verklärt seinem Blicke. Rührung über diesen Reichtum an Leben, Rührung über sich selbst als den Dichter und Herrn dieses Lebens ergriff ihn. Wo war nur ein Stein am Raine, der nicht Fortschreiten bewies? Sprachen nicht sogar die nordischen Düfte des Regens, der rauhe Fittich des Sturms von Errungenschaften der Seele? Zeigten nicht Wurzel und Strunk im Dunkel verborgener Bäume, die Blumen im Wieschen, die er nicht sah, aber wußte, die gliedrige Feder des Akazienzweigs, die er ahnte, und zwischen all diesen leibhaftigen Dingen die Zwischenräume, die sein zaubernder Geist mit den Gestalten der Phantasie bevölkerte, – zeigten sie nicht alle die ganze Welt und bekundeten damit unwiderleglich, daß er nicht eingesperrt war und gebannt? Aber, mit lauerndem Blick kaum die Wand des Gartenhauses erspäht, die nun fahl aus diesen Kulissen aufwuchs, – und wie Wachs in der Sonne schmolz die Kraft dieser Betrachtung dahin. Mit rücksichtslos festen Umrissen traten die Dinge aus der Finsternis hervor. Die Hauswand war ihr gemeinsamer Sammelpunkt, der Pfad, der an ihren Stufen sein Ende fand, ihr gemeinsames Rückgrat. Fremd schauten sie ihn an. Ja noch mehr! Die Eschen, die Pappeln, die Weiden, die Birken, die Linden, mit ihren weitausgebreiteten oder turmspitzen oder bodenverlangenden oder fahnenschwenkenden oder dachzahmen Kronen wiesen sie spöttisch, ja höhnend auf den immer tagnaher erschimmernden Weg und sagten ohne Erbarmen: »Das ist dein Gefängnis! Dein einziger Weg! Den allein gehst du, immer wieder hin und zurück!« Und als aus ihrem Ineinanderverstricktsein, das wie Feindgenossenschaft über seinem Haupte webte und rauschte, der Giebel des Dachs sich für eine Sekunde befreite und der Kies vor der schmalen Pforte den Fuß aufnahm, schrie ein Kauz vom Schindelgiebel neben dem zahnförmigen Schornstein herab in die gepeitschten Regenschauer seinen häßlichsten Schrei, nahmen die Wellen der Ilm ihn gierig auf und gaben ihn vertausendfacht zurück, und er hieß: »Von hier entkommst du nie mehr!« Eine Rose auf tanzendem Schaft im Beet an der Pforte streute mit fahlem Purpur den Duft ihrer Seele ihm zu, der sie vor kaum vier Jahren allmorgens, allabends pflegsam begrüßt hatte, und weckte in seinem Blut noch einmal Hoffnung auf helfendes Licht. Aber als er die Hand nach ihr ausstreckte, um sie zu streicheln, kam plötzlich aus der Wirrnis der Büsche, wie eine Räuberin, Lotte hervor und trug diese Rose am Busen; und als sie verschwunden war, trat aus der Pforte von neuem, habsüchtig, Lotte hervor und trug diese Rose am Busen; und als sie zum zweitenmal verschwunden war, kam hinterm Hause zum drittenmal, unerbittlich verwehrend, Lotte hervor und trug diese Rose am Busen; und als er die Erscheinung mit wildaufstampfendem Fuß verscheucht hatte, beugte sich, über der Pforte, aus dem geheim schwarzen Fensterviereck, wieder die Blutsaugerin Lotte herab und trug diese Rose am Busen. . . . . .

Mit eiserner Hand griff er, von der Stufe zurückgetreten in den Sand, nach dem jüngsten Lindenbäumchen im Rasen. »Dich habe ich vor neuneinhalb Jahren da hereingepflanzt unter meine Stube als meinen treuesten Bruder im Werden und Wachsen. Und jetzt bist auch du, wie alles andere rundum, nur noch Pfeiler im Zirkelweg, den ich Verdammter, gefesselt auf ewig, da trotte!« Als ob ihn ein Gespenst angehaucht hätte, fuhr er auf: Gesang erscholl. Von woher? Ohne sich noch besinnen zu können, wie die Harfe, die nach dem Finger schreit, der sie streiche, lispelte er, zerbrochen, vor sich hin:

» . . . . . Was dem Menschen unbewußt
Oder wohl veracht't
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht!«

Schwarz trat er auf die Stufe zurück. Duldsam gab das Tor der befehlenden Faust nach. Unheimlich tönte der Schritt auf den Fliesen. »Götz!« rief er ungeduldig ins Stockwerk hinauf, wie in einer Kirche hallte die Stimme. »Götz!«

Katzenpfötig kam Götz das Treppchen herabgeglitten.

»Schläft er?«

»Er wollte aufbleiben, bis Sie kämen. Als es elf war und Sie noch fortblieben, hab ich ihn ins Bett gesteckt.«

»Hat er gegessen?«

»Pfannkuchen mit Spinat und ein' Henkel Wurst.«

»Zieh mir die Schuhe aus!«

»Der wacht nicht auf, Exzellenz, und wenn Sie hineinreiten!«

Dennoch: auf Strümpfen stieg er empor. Auf den Zehenspitzen, die Türklinke leise niederdrückend, trat er in der Stube ein. Wie Hammerwerk schlug ihm das Herz. Schritt für Schritt, vorgebeugt, schlich er im flackrigen Schein des Nachtlichts an das eiserne Bett. Der Bub schlief. Das weißrote Jungengesicht, fast verborgen im Walde der Locken, ruhte mit halbgeöffneten Lippen auf dem rechten Arm. Der linke lag, nur bis zum Ellbogen im Ärmel des Nachthemdes, auf der weißen wollenen Decke. Die eine Hand, ausgestreckt wie nach einer Frucht, die zu pflücken war, schaute zwischen Bett und Kissen hervor; die andere hielt mit eingeklemmtem Finger ein Buch.

Plötzlich – er begann am ganzen Leibe zu zittern – schossen ihm, wie er da staunte und schaute, die Tränen über die Wangen herab. Ein flattriger Ruck ging durch den schlummernden Leib. Die Augen, für eine blitzschnelle Sekunde, öffneten sich und erkannten. Selig lächelte der blühende Mund. Leise fing die Kinderhand die suchende, heiße des Führers: »Bist du – schon da?« Überwältigt, mit sehnsüchtig gebreiteten Armen, nichts anderes mehr als Liebe, Hingebung, Hinfließen – Natur! – sank er vor dem Bett in die Knie; schlang die Arme um den Lockenkopf; legte das brennende Antlitz auf die stillatmende Brust, die schon wieder im Traum war. »Nein! Nein! Ich geh' nicht!« schwor es mit tausend siegreichen Stimmen in all seinen Adern, während Wonne und Weh ihn gleich grausam rüttelten vor dem Fleisch und Blut der Geliebten, die nicht ahnte. »Nein! Ich bleibe bei dir. Wer sollte dich denn sonst lieben!« Gewaltsam hob er das Haupt; die Arme. »Wenn du mich auch nicht mehr hättest und mutterseelenallein da ver . . steintest!« In der nächsten Sekunde traf den geschlagenen Blick der finstere, viereckige Raum. Das Fenster. Das Fensterkreuz, das wie unerbittlicher Grenzpfahl gegen die Wüste der Nacht starrte. Und sofort fiel der pressende Berg auf die Brust zurück. Wie entrissen verebbte der Atem. In steifes Eis zurück versanken die Glieder. Herrisch befehlend stach der geheftete Blick in die Nacht vor dem Gitter. Und sie gehorchte. In überdeutlichen Bildern ihrer rettungslos, hoffnungslos ewig gleichen Personen, Landschaften und Begriffe erstand vor dem Fenster die Grimasse der Gegenwart. Aber hinter ihr, märchenhaft plötzlich, in heiterster Sonne die Welt. Breit und nach allen Richtungen der säuselnden Winde hin gewendet, schnitten schimmernde Straßen ihren köstlichen Plan. Von sanften Höhen herab winkten Tempel. Aus Hainen, die südlich erglühten, Statuen. Aus den Bögen der leichtesten Loggien die Pracht großer Farbe. Die Freiheit herrschte, die Schönheit erschuf, – und die Kunst triumphierte. Neben ihr, als nicht weniger göttliche Schwester der Göttin, die Lust der Natur. Aus dem Wirrsal der Formen der Erde, aus dem Teppich der Blumen, dem Nebeneinander der Tiere, aus der lebendigen Vielzahl der Rassen des Menschen blinkte, unsäglich verlockend, das Geheimnis des Gesetzes, aus dem heraus all dies geworden, war, und noch wurde. Vor dem Bilde des Ganzen aber, jauchzend, stand er und –: begriff es! Und in diesem Begreifen, in einem einzigen Augenblick, siehe! sank alles dahin, was er bisher gewesen. Und ward er neu! Erstgeboren! Goldener, goldenster Raum senkte sich rechtfertigend herab aus der kampfwild erstrittenen Weite auf die dunkel geborgenen Früchte des Darbens. Befreit aus den lange verschlossen, verdrossen gewesenen Keimen der Enge stiegen die Gestalten der Poesie in das Leben zurück. Faust rief mit mephistophelischer Sicherheit, Tasso flehte in der Inbrunst seiner zertretenen Seele, Egmont befahl mit der lautern Stimme seines reinen Schicksals: »In die Welt!« – »Nein! Ich muß gehen, sonst ermord' ich mich selber!« schluchzte, endlich besiegt, die Brust überm schlafenden Kinde.

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