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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Hell hob sich Goethes Gesicht. »Der Kunsthändler Jenkins in Rom,« begann er ohne weiteres, »hatte einen Hund . . .«

»Nein! Nein! Nein!« wehrten entrüstet die Herzoginnen ab. Karl August schnitt eine Grimasse, die Prinzen taten konsterniert, Fräulein von Göchhausen hob spitzbübisch das Lorgnon an die Augen. »Der Kunsthändler Jenkins hatte einen Hund?« wagte trotz alledem Frau von Stein zu wiederholen. »Nun? Und?«

Immer verwegener war Goethens Antlitz geworden. »Es ist keine aufregende Geschichte,« fuhr er fort. »Der Hund hieß Lupo, war ein Schäferhund, nicht schön und nicht häßlich. Jenkins hatte ihn bereits an die elf, zwölf Jahre . . . .«

»Hm?« schnitt der Herzog die zweite Grimasse.

»Selbst wenn er aufs Kapitol ging, zum Senator oder zum Staatssekretär, immer sah man den Hund bei ihm. Ohne diesen Hund mitzuhaben, kaufte oder verkaufte er nicht den schäbigsten Tonkrug. Wie wir nun im Herbst zusammen in Castelgandolfo waren, . . .«

»So lassen Sie doch den Hund fahren und beschreiben Sie uns Castelgandolfo!« unterbrach Amalia leidenschaftlich.

» . . . stahl sich das Tier,« lachte Goethe ungerührt, »eines Abends fort. Und war nirgends mehr zu finden. Das war noch nie vorgekommen. Jenkins über die Maßen aufgeregt. Ließ überall suchen. Umsonst! Der Hund war und blieb eben weg. Als er am fünften Tage, ganz langsam, schleppend, zurückkam, – man muß ihn gesehen haben, wie er zweifelnd die Stufen heraufschlich – machte ihm Jenkins ein Mordsdonnerwetter. Prügelte ihn, daß die Haselgerte dreimal brach. Das Tier schien zu sagen: ich habe doch gar nichts anderes getan, als ein bißchen herumspekuliert in der Welt da draußen! Aber Jenkins schlug zu, immer zu, bis der Hund wie eine Teppichrolle . . .«

»Fi donc!« machte die Gräfin Reuß.

» . . . . unter dem Tische lag. Nach etwa einer Stunde aber steht der Hund plötzlich auf, beutelt sich, schaut Jenkins, uns, die Wände, die Möbel sehr eindringlich an, – und schleicht wieder weg. Und nun begann das Wetten. Kommt er wieder, oder kommt er nicht wieder? Ist er ein treuer Hund oder kein treuer Hund? Ist er überhaupt ein Hund? Ich habe ihn noch deutlich vor Augen: wie er, immer wieder wägend, zurückschielend, in die Straße hinaus pfotet, auf dem Platz, in den sie mündet, Halt macht, rundum überlegt, nun in die Gasse einbiegt, die zur osteria del diavolo hinabführt, die knapp überm See steht, erst Tritt vor Tritt die Häuser entlang kriecht, dann auf einmal sich zusammenreißt und schnurstracks auf die osteria zusaust. Diese osteria muß man nun allerdings kennen, um die unheimliche Anziehung zu begreifen, die sie auf den Hund übte.« Und mit plötzlich völlig verwandeltem Auge, das Haupt hoch emporgerissen, blitzte er über die glitzernde Tafel. In großem Bogen fuhr die Hand die Luft vor seinem Gesichte ab. »Der See ist mittags ganz blau. Gandolfo erhebt sich auf hohem Felsen über ihm. Eng aneinandergepreßt stehen das Schloß, die Häuser, die Villen, der Dom auf dieser Riffküste. Weit hinaus in das Wasser läuft ihr vielformiger dunkler Spiegel. Von links über der Stadt herab schaut Rocca in den See; zerissener Kletterbau tollkühn übereinander getürmter Hütten. Von rechts her umarmen ihn die Wälder, die von Marino, Albano, Genzano und Nemi herauf ziehen und mit dichtem Laub seine Ufer überhängen. Sitzt man aber an einem der Marmortischchen vor der osteria del diavolo, hart über der immer strahlgeschmückten Welle des Sees, . . .«

Alle, weil er, wie um mit flüsternden Fingern über das Haupt der Geliebten an seiner Brust hinzustreicheln, für einen Augenblick aussetzte, richteten die Köpfe gespannt auf ihn. Eine Maus hätte man laufen gehört, so still ward die Tafel.

» . . . dann erhebt sich, genau einem gegenüber, der Monte Cavo. In lichten Bogen schwingt er sich hinter Rocca mit Eichen und Kastanien zum hellgrünen Sattel hinauf, der die große Linde trägt, und von der Kuppe südlich hinab nach den Weinbergen von Nemi, die in seine letzten Halden hinaufkriechen. Nachmittags oder abends, wenn Gandolfo, vor der Sonne, schwerblau aus dem schwerschattigen Ufer aufragt, die geballten gelben Wolken über die Kuppeln fliegen und es vom Tibertal herüber donnert, steht der Cavo in schwefligem Scheine. Alles Dunkle ist dann zu beiden Seiten der osteria, die ihre Oleander in hohen Stauden über das Wasser hinaus biegt, an dem See. Und alles Lichte jenseits. Der Ginster rieselt wie Gold die Hänge herab. Das Felsige des Bodens, wo es durchschimmert, lichterloh rot. Um die Bäume und Büsche schwebt wie eine durchsichtige Hülle, die lebendig ist, der Glast eines geradezu rasenden Grüns. Die Kronenbögen oben auf der Kuppe heben sich vom Himmel wie Tageslicht vom Mondlicht ab. Dieser Himmel aber . . . . . . .«

Als ob unter der Haut seines Gesichtes loderndes Feuer flutete, hinter dem Dunkel seiner Augen unheimlich wachsende Helle brennte und seine Gestalt plötzlich von jeder Beziehung zu ihrer Umgebung frei würde, stellte er den rechten Ellbogen in den Damast der Tafel und machte aus den Fingern der erhobenen Hand eine dreizackige Zange, die den Berg aus dem See heben und noch höher hinein in den Himmel recken wollte. »Was man über römischen Himmel zu hören bekommt,« fuhr er rettungslos gebannt in den Zwang des Bildes fort, »ist Unsinn! Natürlich leuchtet er. Ganze, große, unübersichtliche Länder macht er mit einem einzigen Niederblick klar und einfach. Von Jahrtausenden her trägt er noch Schälle, Düfte und Licht in sich. Was ihn aber dazu befähigt, jede Landschaft zu idealisieren, aus der bestimmten Stunde, in der man sie anschaut, in die Atmosphäre einer Zeitlosigkeit zu versetzen, deren Gefühltwerden wie allerhöchste Schönheit wirkt, . . .«

»Und der Hund?«

Mit einem lauten Ruck fuhren die Köpfe der Hörer und Schauer aus dem magischen Zirkel und richteten sich auf Frau von Stein.

»Der Hund?« Ein diabolisches Lächeln stieg auf Goethes Lippen hernieder. »Der Hund,« grub er Wort für Wort, bei zierlichster Verbeugung, in Frau von Steins wachsbleiches Gesicht, »war kein treuer Hund! Ich habe ihn ein paar Tage später in der osteria del diavolo angetroffen. Es ging ihm ausgezeichnet. Jawohl! schien mir sein geradezu listig gewordenes Auge zu sagen, die Welt ist nicht nur bei Herrn Jenkins, mein Freund! Ich fühle mich wohl hier . . . . .«

»Kannibalisch! Wie fünfhundert . . . ..«

»Prost, Thusneldchen!« rief begeistert Karl August und trank der Vermessenen zu.

» . . . und hoffe mit Grund,« vollendete Goethe, »hier begraben zu werden. Was befehlen Euere Durchlaucht?«

»Später!« lächelte Amalia bedeutungsvoll zurück und winkte Louisen. Die Tafel war aufgehoben.

Allein, tiefgesenkten Gesichtes, schritt Goethe nach Hause. Nun, ja, nun glomm er wieder auf den Lippen, der brennende Kuß! Ungelebt, unwahr rollte die letzte Stunde zurück ins Vergangene. Wie ein Vampyr lag, als er ins Tor trat, die kommende Nacht überm Dache. Im Flur dumpfes Dunkel. Irgendwo in der Ferne des Korridors der scheu zurückschlürfende Schritt der Diener. Die Treppe wie Aufstieg ins Gefängnis. Kälte in jedem Fenster. Enge in der Stube. Diese niedrige Decke! Dieser Handwerksburschenofen! Luftsehnend riß er das Fenster auf. Nur die unsäglich stille Nacht glotzte herein. Ist da wirklich ringsum nicht ein Mensch, zu dem hin man jetzt fliehen, dem man entgegenfliegen, die Hände, ohne sich der Glut zu schämen, drücken und ins lebendige Gesicht hinein sagen kann: »Du begreifst, nicht wahr, ich habe meine zweite Geburt erlebt? Bin zum Überfließen voll davon, meine Adern wollen bersten von der Fülle des Bluts, mein Herz springt, weil es sich ausgedehnt hat für alles Herrliche und Bittere aller Welt! Du verstehst also, daß ich schenken will, hingeuden, dir vor die Füße werfen muß diesen ungeheuren Besitz?« Denn wenn diese reißende Flut nicht ausgeschüttet wird, nicht Freunde habgierig und süchtig greifen nach den Schätzen, der Wiedergeborene sich nicht erkennen darf in den Mienen der noch nicht Wiedergeborenen, an ihrer Armut nicht seinen Reichtum abmessen und an ihrer Sehnsucht seine Erfüllung, – was, was ist dann die Erweckung?

»Was?«

Vor dem Tisch ließ er sich nieder. In die Hände vergrub er das Gesicht. Kein Hauch kam von der Nacht herein. Keine Stimme. Nicht ein Funke fremder Menschensehnsucht nach ihm. Sie schliefen. Alle schliefen. Wer aber nicht schlief, höhnte ihn. Neidete ihm. Setzte ihn herab. Haßte ihn. Urteil riefen Lippen, Fluch sogar Seelen! Und wenn die Tage so weiterschreiten, – »auslachen wird man mich zuletzt, das wird das Ende sein und der ganze Gewinn!« Laut sprang er auf. Sperrte die Tür ab. Oder hält das ein Mensch, dem Millionen ewiger Vorstellungen hinter der Stirn sitzen, dem die Welt wie eine Vertraute ins Auge schaut, die gesamte Vergangenheit der Menschheit trägt er gesammelt wie sein eigen Herz in der Brust, mit blutwarmen Händen wühlt er in der Gewißheit der Gegenwart, alle Breiten und Höhen der Zukunft dehnen sich offen vor seinen Füßen aus, – hält ein solcher Mensch es beliebig lang aus, in seiner wahrsten Wesenheit mißverstanden zu werden wie ein »untreuer Hund«, bei Hofe die Verzweiflung der Langweile in Lüge und Dummheit zu wandeln, und nach jedem hinabgewürgten Tag vor einer solchen Nacht wieder zu sitzen, über deren geistlos stierer Starrstille der neue hinabzuwürgende Morgen schon aufgähnt?

»Nein! Nein! Nein!« Die Hände an den Schläfen, lief er im Käfig ohne Sinn auf und nieder. Es war tiefe, tief finstere Nacht. »Wenn es schon wahr ist, daß ein Mensch die Erweckung an sich erfährt, um endlich ganz er zu sein, und das heißt doch: er unter Menschen, – trotzdem, und wenn ich dran krepieren sollte, dränge ich mich ihnen nicht auf! Ich kann's auch allein machen!« Allein machen? Mit der Stirn an der Wand blieb er stehen. Hatte er in Rom je gezweifelt, was er erworben hatte? War es ihm nicht noch auf der Heimreise ein Leichtes gewesen, fein logisch von zuunterst bis zuoberst den ganzen Bau aufzutürmen, nicht einen einzigen Ziegel vergessen? Und jetzt? »Weiß ich nichts mehr davon!« Trostlos, nur um dem Anblick des Zerrinnens des klargesichteten Reichtums in das Nichts des Chaotischen zu entfliehen, riß er die Kleider vom Leibe und warf sich aufs Bett. Augen zumachen! Schlafen! Geduld! Nicht nachdenken! Nicht aller Tage Abend ist heute! »Es könnte ja auch sein, daß es tatsächlich anders gemeint war? Daß gewollt war, daß ich mich fand, um allein zu existieren, aus mir allein heraus weiter zu wirken? Anstatt diesen da, die doch Muscheln haben wollen, die Perlen zu streuen?« Also: Schlafen!

Aber er schlief nicht, und als der Morgen dämmerte, sah er den Morgen schon Mittag werden. Auf dem Bette sitzend, halb angekleidet, fühlte er: da im Herzen drin Wunde, die aufschreit, wenn ich nur den Fuß rühre. Da im Hirn drin Stich auf Stich, wie sich jagende Meuten. Da im Auge –

Das Entsetzen packte ihn, daß er weiß ward: der Morgen war Tag geworden!

»Ja! Was ist?« stammelte er, den Blick noch immer drin in der Bleiche über den fahlen Dächern.

Sutor war eingetreten. »Herr Fritz von Stein war da, gestern abend. Ich wies ihn ab.«

»Warum?«

»Exzellenz hatten doch befohlen . . . . . ?«

»Aber doch nicht den Buben?«

Geistesgegenwärtig wies Sutor die Kleider, die er auf dem Arm trug. Es waren die römischen; grauen, abgeschabten. Die des Herrn Filippo Möller. »Ich hab alles drunter und drüber gekehrt, und kann das Medaillchen nicht finden!«

Arm ward Goethes Blick. Hatte es etwa nichts bedeutet, daß Lotte das Medaillchen verlor, das er ihr vor zwei Jahren im Karlsbad geschenkt, und daß er ein gleiches, das sie ihm in Schneeberg umgehängt, auch verloren hatte? »Hat Herr von Stein nichts zurückgelassen?«

»Nichts. Aber der kommt schon wieder!«

»Und wenn er nicht wiederkommt?«

Aber seelenruhig legte Sutor die Kleider auf den Sessel. Stapfte dann vorsichtig an das Pult heran, auf dem ein piranesischer Stich vom Kolosseum ausgelegt war. Klein war Sutor. Andächtig hob er sich auf den Zehen empor, streckte bedachtsam die Hände aus, so, daß er das vom Gerolltsein gebogene Blatt eben fassen konnte, und schaute.

Endlich, den einfältigen Kopf zu Goethen zurückgewendet, flüsterte er strahlend: »Es muß schon grandios sein!«

»Das Kolosseum?«

»Alles! Dieses ganze Italien!«

»Ja!« sagte Goethe fest. »Es ist das Paradies. Das verlorene Paradies!«

Kühn drehte sich Sutor um. »Warum verloren? Man bestellt ein Wägelchen, zwei Pferde, und fährt hinunter, wenn's einem hier nimmer behagt. Die Welt ist nicht nur in Weimar, mein lieber Freund, pflegte mein Großvater zu sagen!« Mit dem ganzen Gesichte lachte er. Listig kam er näher. »Wenn ich unten an der Stube vorübergehe, wo die Sachen liegen, die Herr Geheimderat mitgebracht haben, . . . Herr Geheimderat! Einmal müssen Sie mir doch alles zeigen! Immer nur so vorbeischleichen müssen an der versperrten Tür?«

Lächeln flog auf Goethes Gesicht. »Bist ein guter Bursche! Wollen sehen!« Väterlich schob er ihn hinaus. So war es: die Einfältigen, die, welchen die Dämmerung des ungelebten Lebens nicht den Blitz der Begierde nach Macht, Ruhm und Gut entzündet hatte, die waren noch empfindlich. Die anderen? »Und ich habe dich so geliebt, Lotte!« Damit er nur nicht aufschreie in der Not, preßte er die Zähne aufeinander. Die zitternden Hände auf den Tisch. Alles andere, was ihm, seitdem er wieder hier war, widerfahren, Schlag auf Schlag wie ein folgerichtig sich entwickelndes Gewitter von rachesüchtigen Strafen, – »es ist mit einem frechen Lachen wegzufegen! Aber dieses!« Gewiß, zehntausendmal konnte er es wiederholen: sich aufrecken, die Luft der Verachtung in die Backen nehmen und wissen: ich habe mehr Kraft als ihr alle, denn ich habe sie nicht von außen, sondern in mir! Aber war er deshalb geflohen vor zwei Jahren, um nach zwei Jahren in dieselbe gekrampfte Existenz der Einsamkeit zurückzukehren? Ein Funke Licht erschien im milchigen Himmel. Als ob dieser Funke ihm eine Hoffnung verkündete, machte er sich los vom Tische, gab die Hände auf den Rücken und begann wieder auf und nieder zu schreiten im Käfig. Gibt es nämlich einen Käfig auf dieser Menschenerde, der anders als durch Großherzigkeit, Weitherzigkeit aufgerissen werden kann? Hatte sie, am Ende, Fritzen herübergeschickt? War das ein Zeichen? Empfand auch sie, daß es so nicht bleiben könne, nicht bleiben dürfe? »Nein! So darf es nicht bleiben!« Stürmisch wurde sein Schritt. Die Flügel seiner Nase zuckten. In den Augen kämpfender Wechsel von Dunkel und Leuchten. Drehte sich die Stube um seine Irrjagd? Die Welt um die Stube? »Aber? Wie es anfangen? Zu ihr hinübergehen, – noch einmal?«

»Nein!« Er stampfte in den Boden. Allein sein! Allein bleiben! Nach solchem Ende gibt es keinen Anfang mehr! Ein Geist, der wahr ist, erkennt das und ergibt sich. Und ein Geist, der voll ist, läßt sich auch in einem Käfig nicht zur Unfruchtbarkeit pressen. Man sitzt da, denkt, schreibt, sinnt wieder, alles Erworbene blüht langsam auf, glüht umso kräftiger und lichter auf, je weniger nun noch ein anderer Geist dazu wirft, – und eines Tages ist der Erweckte zum Höchsten imstande, wozu es ein Geist in der Welt bringen kann: von sich allein zu leben! »Oder habe ich's nicht etwa, seitdem ich Mann geworden bin, einzig und allein nur daraufhin angelegt? In Rom, wie sie doch alle meinten, ich lebte von ihnen, indes ich oft mutterseelen einsam, ja wie der einzige Mensch in der Wüste . . . .«

Der Schweiß trat ihm auf die Stirne. Als ob er sonst umfallen müßte, lehnte er sich schwer an das Pult. Hatte er sich, am Ende, in Rom doch zu leichtfertig dazu entschlossen, ein für allemal das Herz zu töten und sich so von den Menschen zu lösen? »Karl August,« flüsterte er, wie in eine Miene grausigen Schreckens gebannt, vor sich hin, »sagt: du und ich! Und ist trotzdem der Einzige, an den ich mich klammern will! Aber ein Mann! Ich jedoch« – über das Dielenbrett stolperte er, erblickte den angefangenen Brief mit der Aufschrift »Lieber Meyer« auf dem Tische – »brauche ich wirklich eine Frau? Kann mich nur eine Frau fassen?« Und: war dann Charlotte vielleicht im Rechte? Darf eine Frau, die man wie seinen Gott geliebt hat, verlangen, daß man ihr entweder mit dem Herzen weitergehöre, oder gar nicht mehr? Darf sie das?

»Nein! Was ich wollte, was ich von ihr erwartete,« – in Fetzen zerriß er den hilflosen Brief – »und was ich auch jetzt nicht aufgeben will, das ist . . .«

Scharf schaute er in den zweiten Funken, der im milchigen Himmel drin aufglomm. ». . . das hat mit der Liebe zwischen Mann und Weib nichts zu tun! Alles Geschaffene entwickelt sich. Auch die Liebe. Die meinige hat sich dahin entwickelt, daß ich nicht mehr abhängig sein kann von ihr, – und mich dennoch ausgießen will! Muß! Aber wo nun? Wo,« stieß er, gewürgt von der Qual, Vulkan zu sein und nicht ausbrechen zu können, in den höhnischen Funken hinein, »ist nun dieser eine, einzige Mensch, dieses lebendige Herz, das mir den heroischen Entschluß, heimzukehren, mit Milde, mit Nachsicht, mit Freude, – ach! mit Durst nach mir vergilt? Wo?«

»Ein Kurier Seiner Durchlaucht ist unten!« flüsterte es aufgeregt durch das Schlüsselloch herein.

Er riß die Tür auf. Aber als er die Treppe hinabgejagt kam, fand er neben dem Kurier Herdern. »Melden Sie Seiner Durchlaucht,« fertigte er rasch den Husaren ab, »daß ich pünktlich um acht bei Seiner Durchlaucht sein werde! – Komm!« sagte er gleich darauf zu Herdern und schob ihn in die große dunkle Stube; »setz dich!«

»Du beliebst, dich verleugnen zu lassen?«

»Ich hatte zu tun.«

»Ich kam im Auftrag des Herzogs!«

»Ist bereits erledigt.«

»Du weißt doch noch nichts von Edelsheims Briefen?«

»Alles!«

»Ich muß sagen,« – feuerrot wurde Herders Gesicht – »wenn ich der Herzog wäre . . . .«

»Gott sei Dank bist du nicht der Herzog! Sei nicht böse!« Grimmig lächelte der Blick, weil Herders Brust sich schon drohend aufblähte; »ich gesteh es: ich bin gereizt.«

»Gereizt? Einstimmiges Urteil von ganz Weimar: unerträglich!«

»Bon!«

Wütend schüttelte Herder den Haarbeutel. »Du willst a tout prix das enfant terrible von Weimar bleiben?«

»Bist du gekommen, um mir Sottisen zu sagen?«

»Hast du mich empfangen, um mir Sottisen zu sagen?«

»Ich wollte dich überhaupt nicht empfangen!«

Wie von einer Schlange gebissen, sprang Herder empor. Aber auch Goethe. »Bleibe!« sagte er ruhig und drückte den nach Atem Ringenden in den Fauteuil zurück.

Lange saßen sie schweigend.

Es ist etwas in diesem Gesichte, schien Goethes angestrengtes Auge sich auf einmal anzuvertrauen, was mir contre coeur geht. Sein Applomb? Seine zur Schau getragene Unzufriedenheit mit der Welt?

Es ist etwas in diesem Gesichte, bestätigte Herders zwinkerndes Auge, was ich nicht leiden kann! Sein Hochmut? Seine unverhohlene Verachtung aller Zeitgenossen?

Der Zwischenraum hier zwischen uns, dachte Goethe tollkühn lächelnd, als ob er diese Gefahr gar heraufbeschwören wollte, könnte sich binnen wenigen Sekunden zur unüberbrückbaren Kluft auswachsen, wenn ich nicht rechtzeitig ein begütigendes Wort fände!

Aber ehe er es fand, räusperte sich Herder begütigend. »Sieh! Wenn du auf diese Weise fortfährst, zu brüskieren . . . .«

»Man brüskiert mich!«

»Wenn du auf diese Weise fortfährst, zu brüskieren,« wiederholte Herder fast priesterlich sanft, »dann, siehe, könnte es – und es wäre das schrecklichste Unglück für uns und dich! – geschehen, daß du ein einsames Alter leiden müßtest. Denn sowohl du, scheint mir, bist schon zu alt, als auch wir sind schon zu alt, als daß du es darauf ankommen lassen dürftest, Abstände zu schaffen, die sich, unter Umständen, ohne daß man es merkte, binnen wenigen Wochen zu unüberbrückbaren Klüften auswachsen könnten! Deine Art neulich bei Hofe . . . . .«

»Man verliert sich einmal aus der Hand!«

»Deine Weise Knebeln gegenüber . . .«

»Mein Lieber!« Hart rückte Goethe seinen Sessel. »Ich will gewiß nicht sagen, daß ich mir nicht ein gutgemeintes Wort von euch gefallen lasse. Was ich aber sagen will, ist: Lehrmeister habe ich niemals einen gebraucht, und brauche auch heute keinen! Ich kehre vor Niemandes Tür . . . .«

»Aber« – und noch einmal sollte es gütig klingen – »du gehst wie der König von Rom einher, seit du zurück bist!«

»Euer Auge, das mich so sieht!«

»So!« Und aus war es mit Herders Beherrschung. »Dann,« stieß er keuchend hervor, »mußt du gnädig verzeihen, daß dir endlich einer die Wahrheit sagt! Es ist ganz schön, anderthalb Jahre lang in der Welt gewesen zu sein und liebevolle Briefe, . . .«

»Allzu liebevolle!«

» . . . inbrünstige Episteln geschrieben zu haben, uns!« Wie ein Schiff auf dem hohen Meer schwankte Herder auf seinem Sessel. »Und dann, wenn man uns wiedersieht, hochmütig die Achseln zu zucken, als wären wir Hyperboräer, die keine Europa noch angepißt hat! Da warten wir über Jahr und Tag auf dich, in einer samtenen Liebe und Geduld, die so mancher den Ausfluß übermäßiger Protektion genannt hat, . . .«

»Wer?«

» . . und du kommst, und bist ein Altar von Arroganz! Ja, um des Himmels willen, war noch kein Deutscher vor dir in Italien? Bist du der einzige Deutsche, der es fassen konnte? Oder glaubst du, ganz Deutschland warte darauf, um deine ultramontane Mißstimmung mit ergebenstem Weihrauch zu versöhnen? Nein! Darin irrst du, mein Freund! Und das, scheint mir, mußte einer dir sagen!«

»Nein!« Knapp stand Goethe auf. »Das mußte mir keiner sagen! Und du am wenigsten! Und jetzt reden wir über deine Aufträge. Was hast du auszurichten?«

Nach Luft schnappte Herder. Erschrocken rollten die Augen. War der Angriff zu kühn gewesen? Die Kehle, die in Überfalten aus dem Kragen stieg, würgte Bissen hinab. Die Hände lagen platt und rot auf den Knien. »Der Herzog läßt dich bitten,« brachte er endlich hervor, er wußte nicht, zog er damit den Rückzug an oder machte er die Kluft noch tiefer, »den Entwurf für die Akademie, den ich ausgearbeitet und mit Edelsheim erörtert habe, en petit comitée: du, er, ich, zu prüfen.«

»Ich stehe zur Verfügung.«

»Es gehört ja wohl in dein jetziges Ressort?«

»Ganz richtig.«

»Tritt also dieses Komitee,« äffte Herder Goethes Befehl an den Husaren nach, »heute abend pünktlich um acht Uhr zusammen? Oder?«

»Abends pünktlich um acht will der Herzog meine Meinung in einer anderen Sache erfahren!«

»So?«

Und wieder und noch hartnäckiger schwiegen sie. Was? Diese große dunkle Stube war ihnen doch vertraut? Hier roch doch rundum nichts Unbekanntes? Konnte überhaupt etwas wirklich Trennendes zwischen sie treten? Wußte nicht jeder des anderen Lebens- und Ideengang übergenau? Aber gerade als jeder, zur gleichen Sekunde, diesen Gedanken dachte, fühlte sich jeder vom anderen noch getrennter. Er ist noch körperlicher, noch sinnenhafter und noch eingebildeter auf diese seine Lebkraft geworden! stieg in Herder das Gift auf. Fühlt sich jetzt als Verwandter aller Geschöpfe, als arbiter alles Leibhabenden, und seine Gesichte höhnen die ›Gestaltlosigkeit‹ der Ideen. Nebenbei aber weiß er, – peinlich rückte er seinen Sessel um einen Zoll von Goethens Sessel fort – was er für mich getan, erbettelt und durchgesetzt hat! Vom Ersten bis ins Letzte! – Deine Ideen, antwortete Goethes leicht erratendes Auge, in allen Ehren! Aber es scheint, ich habe sie zuviel in Ehren gehalten. Man soll Niemandes Herz überschätzen! Und, liebt man über Entfernungen hinaus, nicht vergessen, welcher Liebevortäuscher der trennende Raum ist! Leider – kennt er mich so genau! Sein Blick sticht, und Takt hat er nie besessen!

»Was wird's mit deiner Italienfahrt?« fragte er plötzlich.

»Keine Angst!« Rauh lachte Herder auf; ihn verführte Nachgiebigkeit immer zum Rückfall. »Ich frage dich nicht aus. Höchstens Technisches, Äußerliches möchte ich wissen.« Herausfordernd schaute er Goethen ins verblüffte Gesicht. »Ich habe selbst Augen, Ohren und Hirn. Aber« – und im Augenblick drehte er um, war ein anderer – »was für Kleider soll ich mitnehmen? Hm?«

»Ganz wie Amalia!« lächelte Goethe. »Übrigens, Amalia lud mich ein.«

»Wozu?«

»Mit ihr zu gehen.«

Einen Satz tat Herders Sessel. Das wäre das Höchste! »Und du hast natürlich abgelehnt?«

»Warum natürlich?«

»Du bist doch gerade erst zurückgekommen?«

Ein Falzbein nahm Goethe vom Tische. »Auch wenn ich nicht mit Amalia gehe: kommt einen die Lust an, so bestellt man sich eben ein Wägelchen, zwei Pferde, und rösselt einfach hinab!«

»Und deine Arbeiten?«

Wollüstig drehte Goethe das Falzbein. »Die können doch überall gemacht werden! Da oder dort!«

Herders Gesicht ging im Anschwall des Bluts wie der Mond auf. »Weißt du, daß Schiller eine Rezension über deinen ›Egmont‹ schreibt?«

»Nein. Ich weiß nur, daß man das Klärchen, hier, eine Dirne genannt hat!«

»Und den ›Dom Carlos‹ hast du noch nicht zu Gesicht bekommen?«

»Ich trage auch kein Verlangen darnach. Mir liegen die ›Räuber‹ noch auf dem Magen.«

Zappelig ward Herder. Wenn du ihm nicht gerecht wirst, warf ihm blitzschnell und gewissensbißscharf die Generalsuperintendentenseele vor, wer soll dann mit ihm gerecht sein? Aber das Gift des unausrottbaren Empfindens, durch diesen Mann zeitlebens in die zweite Rolle hinabgestoßen zu sein, trotz seinem viel größeren Reichtum an Ideen diesen paar ›Götzen und Iphigenien‹ zu unterliegen, übertönte die Stimme. Denn: wenn jetzt zu all diesem noch käme, daß er auch in Rom neben diesem Mann sein müßte!? »Du hattest,« fragte er stotternd, »keine besondere Toilette hinab mitgenommen?«

»Nein. Ich floh ja! Und war der Herr Möller unten.«

»Und wenn du an den päpstlichen Hof gingst?«

»Ich ging nie.«

»Zum Gesandten?«

»Ging ich auch nie.«

»Zu den conversazioni?«

»Erst recht nicht.«

Nervös hüstelte Herder. »Da liegt eben ein Unterschied zwischen dir und mir. Du warst unten . . . .«

»Niemand. Sehr richtig!« Und noch wollüstiger drehte Goethe das Falzbein. Du – und ich! Wie sie alle, die da in Weimar verblieben waren, während er sich einbildete, ein Mensch geworden zu sein, dieses »Du und ich!« gierig und ausschließlich herausstellten! »Ich war einer von den vielen Gaffern und Lauschern. Du aber gehst, wenn ich so sagen darf, als der Bischof des Herzogs von Weimar hinab!«

»Eben!«

Genießend ließ Goethe die Unterlippe hängen. »Und mußt dich daher mit weiser Voraussicht ausstatten! Ich rate: einen Campagneanzug, – das genügt – und vier bis fünf schwarze. Darunter gewiß zwei aus Seide. Etwas Gold oder Violett mag nicht schaden! Du mußt ja bedenken: ich habe unten sehr deutlich gesagt, wer du bist!«

»Wie–so?«

Schonungslos sah ihm Goethe ins Gesicht, das im Einstrom zufriedener Genugtuung seine polierte Glätte verlor. »Ich war unten, wenn ich so sagen soll, ohne Würde. Einer von den Künstlern eben. Dich hingegen gab ich ihnen in deiner ganzen geistigen und positionellen Würde zu erwarten. Diese Würde also – ich betone das Wort dreimal! – wirst du zu repräsentieren haben, unten.«

Zögernd erhob sich Herder. Zwiespältig. »Schade, daß wir nicht zusammen unten sein konnten!«

»Ich habe es unausgesetzt bedauert!«

Vor die Vitrine hin trat Herder, in der Karlsbader Gesteinstücke wohlgeordnet, wohlbezeichnet, in übersichtlicher Folge gesammelt lagen. »Tasso,« fragte er leichthin, ohne Seitenblick im Betrachten, »hast du noch nicht gefördert?«

»Der Plan ist fertig.«

»Faust?«

»Ein Stückchen.«

»Und« – sehr gewandt drehte Herder um – »was kommt nun als erstes dran?«

Obwohl er dieser teuflischen Frage gegenüber den Kopf möglichst gleichgültig hoch aufheben wollte, es senkte sich Goethens Gesicht. Worin die Erweckung auswirken? Peinigt diese Frage nicht schon Tage und Nächte? Foltert sie nicht mit ihrem unablässigen Hohnblick? Muß nicht das Ergebnis dieser Reise als etwas Urgewisses in dir drinnen liegen, so fest urgewiß, daß du nur die Ärmel zu schütteln brauchst, und es fließt greifbar und sichtbar heraus? »Ich weiß noch nicht,« sagte er heiser. »Wollen sehen.«

Salbungsvoll trat Herder an ihn heran. Weich legte er die zwei beruhigten Hände über die steifen kalten, und mit dem Blick eines Predigers versuchte er das abgewandte Auge zu treffen. »Ich enthalte mich jeden Rates. Ich verstehe den embaras des richesses; ich verstehe auch das Gefühl des Deplaziertseins, das dich jetzt, hier, verzweifelt und darum ungerecht macht. Aber ich meine, du darfst, wenn du dein Hauptwirken nun auf den Dichter werfen willst, nicht den Stern übersehen, der im Aufgehen ist und, wenn du nicht wieder bald zu leuchten anhebst, gefährlich werden kann! Es steckt etwas in diesem ›Dom Carlos‹, kann ich dir sagen . . .«

»Gott!« Behende öffnete Goethe die Tür. »Ich bin schließlich nicht auf die Welt gekommen, um ein Stern am deutschen Himmel zu werden, sondern . . . . .«

»Sondern?«

»Lebewohl!« Eigentümlich hell lachte er und zog den Arm von Herder zurück. »Und hab keine Angst. Es wird alles werden.«

»Es wird gar nichts werden!« sagte er aber ganz leise vor sich hin und ganz langsam, als sich die Tür hinter Herdern geschlossen hatte. Sein Gesicht war jetzt grau. Aber keine Empörung mehr in den Augen. Nur noch Müdigkeit. Müde war auch die Gestalt. »Nicht wahr,« flüsterte er wehmütig zur Geliebten hinab, die noch immer treu an ihm lehnte, »Du würdest mich nicht mehr erkennen jetzt? Ja! Der Mensch denkt und Gott lenkt!« Aber nicht einmal eine Träne gab das ermattete Auge jetzt her. Da ist eine Stube, sagte es ergeben. Rund herum ein Haus. Rund um das Haus eine brave Stadt, die nichts dafür kann, daß ich viel mehr sehne als sie. Gute Stadt. Würdige, biedere Leute. Du mußt dich ihnen anbequemen! Nicht sie sich dir! Wenn du schon einmal weißt, daß du anders bist als alle anderen, dann mußt auch du es sein, der ihnen, überlegen, entgegenkommt! Oder – sich ohne sie ergibt! »Nein!« begehrte leidenschaftlich die treue Geliebte an seiner Brust auf, – wenn sie nur das Auge hob, glänzte Roms göttlicher Himmel – »nein! Gehe nicht zu ihr hin ein zweitesmal!« – »Doch!« sagte er fest. »Ich will es mir nicht hingehen lassen, aus Stolz oder Starrsinn nicht das letzte zu versuchen.« – »Und wenn es umsonst ist?« – »Es wird nicht umsonst sein!« – »Es wird ganz gewiß umsonst sein!« – »Es wird ganz gewiß nicht umsonst sein!« schrie er auf, stieß die Geliebte von sich, schlug die Hände vors Gesicht und lief aus der Stube.

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