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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Aber der Stein blieb auch jetzt tot. Aber nicht nur der Stein tot. Alles war tot jetzt! Rom sogar, als er nach Rom zurückkehrte, Rom tot! Ausgelöscht, wie ein Traum höhnisch entschwindet, das Morgenrot, dessen Schimmer schon so sicher geleuchtet. Funken nur noch lebendig, aber nicht mehr die Kette von Lichtern, die vom ersten Strahl folgerichtig in die volle Sonnenhelle hinanführte. Trostlos im fruchtlos ausgefahrenen Geleis des tyrannischen Gedankens sich schleppend, kam er am Vorabend des Tages der heiligen drei Könige in der via Santa Croce an einem schmalen Hause vorbei. Eine rote Laterne baumelte im Winde davor. Mandolinenspiel drang aus dem Flur. Ein Weib streckte das geschminkte Gesicht zum Tore hervor. Und jetzt, – er wollte gerade an diesen Augen vorübergehn – schrie dieses Antlitz grell auf: ein Mann stürzte an ihm vorbei in die Straße heraus. Mit einem einzigen Blick auf den Mann, der, dem Tor kaum entronnen, zu eilen begann, erkannte ihn Goethe; hielt inne. In der nächsten Sekunde, wie einem Dieb, der das Weite sucht, rief er besessen nach: »Moritz!«

»Moritz!« noch wilder, weil der Mann, obwohl ihm der Pfeil mitten im Rücken saß, nur noch dringender weiterlief. »Moritz!« Und als der Mann auch daraufhin nicht Halt machte, in einer verbissenen Wut, die ihm die Glieder antrieb. begann auch er zu laufen, hinter dem Mann drein zu jagen, immer heißer und toller. »Moritz! Moritz!«

Aber erst vor dem Palazzo Venezia, vor dem Brunnen, der seinen schaumigen Gischt in die Nacht aufspie, holte er ihn ein. »Wie das nächstbeste Menschenvieh in das nächstbeste Bordell!« schrie er ihn ohne weiteres an. Riß ihm, der völlig weißen Gesichts ohne Atem vor ihm zitterte, die Hand aus dem geschwungenen Mantel und stieß ihn, weiterjagend, vor sich her in der Gasse. »Als ob so ein verfluchtes Stachelfleisch nicht die Dusche des Geistes zur Verfügung hätte!«

Niegesehen schwarz starrten die Dachsparren des Corso auf den Gestoßenen herab.

»So ein schmieriges Weibsbild den Durst löschen könnte! Ihnen! Einem Mann von Idee! Von Talent! Von Verpflichtung!«

Seine grausamsten Nadeln trieb das Pflaster des Randsteins dem Ertappten in die hinkenden Füße.

»Da klettern wir beide – ja, gerade wir zwei! – Jahr und Tag miteinander von einer Höhe in die nächste, – oder habe ich Euch etwa gesagt, Ihr sollt huren?«

»Oder Euch gelangweilt?«

»Oder waret Ihr wirklich so strohdumm, zu glauben, weil der Heide in mir streitet mit dem Nichtheiden, ich ließe ihn am Ende ersaufen in den Jauchen der Brunst?«

»Antworten Sie!« zerrte er den Vernichteten an sich heran, daß sie taumelten, beide. »Oder soll ich mit dem Bewußtsein nach Deutschland zurückkehren, daß ihr, meine Gefährten, mich fortsetzet in Cochonnerien?«

»Verzeihung!« hauchte Moritz, an allen Gliedern schlotternd, »Verzeihung!«

»Während ich mich da abrackere, abschinde . . . .«

»Verzeihung!«

» . . . mir das Herz, – das auch ich habe! – panzere gegen alle Versuchungen, nur damit ich aufrecht bleibe in diesem Wettstreit ums Lichte . . .«

»Verzeihung!«

» . . . mir die Tage wie Skorpionen im Blute drin sitzen, und die Nächte . . . .«

»Verzeihung!!«

» . . . diese Nächte . . . . .« In ungeheurem Entsetzen tat er einen Schritt zurück. Und als hätte ihn der Blitz gestreift, schüttelte er Moritzens Hand ab. Kam der ganze Leib in unsichere Starre. Fiel die Hitze wie eine Todkrankheit von ihm ab und floß die Kälte der Besinnung zurück in die Adern. »Um Gotteswillen, Moritz, was tat ich!« In schwindliger Angst bohrte er das erwachte Auge in Moritzens totes. »Sie müssen mir auf der Stelle sagen, Moritz, ich kann keinen Augenblick länger darauf warten . . . . . .«

»Sie müssen mir verzeihen, Moritz! Verstehen Sie?«

»Reden Sie, Moritz!« Wie zwei Ringer ineinander verballt, standen sie im Tore. »Ich beschwöre Sie: reden Sie! Sagen Sie es!«

»Nein! Sie mir!« stöhnte Moritz erwürgt.

»Ja, ich Ihnen! Aber zuerst Sie mir!« Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, die Arme fuchtelten sinnlos, die Brust ging keuchend. »Ich bin kein Pharisäer mit Bewußtsein! Aber: mir graut davor . . . .! Moritz, ich flehe Sie an: sagen Sie es!«

»Gut!« flüsterte er leichenblaß; endlich. Streichelte dankbar die Arme, die ihn im pechschwarzen Dunkel umschlangen. »Gut! So ist's gut! Das war furchtbar!«

Eine halbe Stunde später trat er bei Bury ein; Bury saß bei der rauchenden Lampe vor der Galathee des Carracci. »Fritzel,« begann er sofort, »wir haben uns noch nie richtig ausgesöhnt seit damals! Komm her, ich sage dir etwas.« Und sah gar nicht, wie diesen Augen, kaum, daß das gesagt war, der Glanz ihrer Liebe zurückkehrte und um den so lang stumm gewesenen Mund der Zug seines Glaubens wieder aufstand. »Ich habe auch dir unrecht getan,« fuhr er gehetzt fort, »dich zurückgestoßen, mich verschlossen in Hochmut, als du mir in ganz richtigem Empfinden vorhieltest . . .«

»Reden Sie doch nicht mehr davon!«

»Doch, ich rede davon!« Und weil da der Lockenkopf vom Bild weg schon seine Brust suchte, kam ihm der Seufzer aus dem tiefsten Gemüte. Ich bin kein Christ, siehst du! Mein Ich lebt vom Ganzen, von allem. Ich kann keine Zeit ausschließen, keine Meinung, keinen Gegensatz, keine Ungereimtheit entbehren. Die ganze Welt, vom Anfang bis zum Ende, muß ich mir zwingen. Aber – im Evangelium Johannis steht der Satz vom Mühlstein, der einem um den Hals gehängt werden soll, . . . . du!« Und mit armseliger Inbrunst seines innersten Jammers umschlang er den Jüngling. »Laß die Dianetta laufen, mein Kind, und geh deinen Jüngling wieder suchen! Was ich getan habe und tue, es mußte, muß sein! Aber du! – Nein, ich kann jetzt nicht bleiben. Morgen seh ich dich wieder. Verzeih mir!«

Und lief schnurstracks zu Moritz hinüber.

»Nein, machen Sie nicht Licht. Sie müssen mir nur eine Antwort geben!« Und saß schon auf der Kante des Bettes. »Müssen mit entschlossenem Schritt frei aus dieser letzten schwindeligen Stunde hinüberschreiten in eine Welt, die jenseits liegt!«

»Ich bin ein Hund! Ein verfluchter, verdammter Hund!« schrie Moritz weh auf.

»Nein, nur ein Mensch, der nicht weiß, daß man den Trieb nach unten – nicht etwa, weil er nun eben auch menschlich ist, kampflos herrschen lassen, – aber daß man ihn, wenn er sich einmal gegen alles Wider des Geistes austobt, nicht zu tragisch nehmen darf. Das Böse nicht dulden, natürlich! Aber, soweit es in einem trotz allem noch da sein und leben muß, durch Nichtbeachtung ertöten! Aus der unteren Region schnell wieder hinauf in die höhere! – Folgen Sie mir nun?«

Wild griffen die unglücklichen Hände nach der aufziehenden Hand.

»Sie kennen von Gandolfo her die Idee meiner Urpflanze?«

»Sie wissen, daß ich dem Gesetz der einheitlichen Organisation des Tierkörpers nachspüre?«

»Daß ich das noch immer nicht fertige Werden der Erde aus einem ebenso einheitlichen Prinzip zu erklären versuche?«

»Schön!« Tiefer, tiefsuchender Atemzug. »Bleiben wir, der Anschaulichkeit halber, bei der Urpflanze! Wenn es feststeht, – und darin pflichteten Sie mir bereits bei – daß auch das Kunstwerk nur ein Stück Natur ist, geschaffen vom Stück Natur, das der Künstler darstellt, – halten Sie es dann nicht für möglich, daß es einem gelingen müßte, das Gesetz zu entdecken, nach dem die Kunstwerke geschaffen wurden, und jeden Tag neu geschaffen werden können?«

»Sie meinen . . . .?«

»Ich meine,« unterbrach Goethe hitzig, »daß den Menschen, soweit sie Künstler sein können, mit dieser Fähigkeit nicht mehr, aber auch nicht weniger eingeboren sein kann, als eben das Vermögen, gerade das zu machen, was nach der Idee der Schöpfung – natürlich verschieden in den verschiedenen Zeiten, Kulturen und Formen-Kreisen – zu einem Kunstwerk aus Menschenhand gehört.«

»So daß der Künstler . . .«

»Lassen Sie mich ausreden! Sie dürfen bei dieser Konstruktion keinen Augenblick lang vergessen, daß Ihre erste und letzte Prämisse die ist: das Kunstwerk ist Natur! Wenn Sie das nur für eine Sekunde außer acht lassen . . .«

»Ich verstehe!« Und nichts mehr wußte Moritz von der Folter des Abends. Leidenschaftlich, mit glühenden Wangen, Augen, die gierig verlangten, richtete er sich auf. »Sie meinen, daß man, ebenso wie man das Modell der Pflanzenwelt finden kann, auch das Urbild jeder einzelnen Kunstwelt finden könnte, und darnach dann mit Leichtigkeit das – Rezept, möchte ich sagen, die naturbeschränkte, nicht vermehrbare Anzahl von Rezepten, nach denen die Künstler arbeiten?«

»Re–zept?«

»Und es wäre dann also, gewissermaßen, keine besondere Kunst mehr, nichts Irrationales und Unerlernbares mehr, eine schöne Statue, ein bedeutendes Gemälde, einen Tempel und dergleichen zu machen, denn . . .«

»Ja! Ganz richtig! Gewiß! Völlig richtig! Aber: Re–zepte?«

»Sie können meinetwegen auch: Vorlagen, ideelle Typen-Vorlagen setzen?«

»Aber warum Sie gerade ›Rezept‹ sagen, ›Rezept‹? . . .«

Aber, zum Donnerwetter! auch wenn er es in Moritz selbst töten, als Ganzes vernichten oder in seine Buchstaben zerlegen und jeden Buchstaben ermorden wollte, es ließ sich nicht mehr ungehört machen, dieses Wort! In dieser Nacht nicht, und auch nach dieser Nacht nimmer! Unvertreibbar und rücksichtslos zwingend stand es von nun an über dem Eingang seiner Morgen, über dem Ausgang seiner Abende. Und höhnte. Denn: klang es nicht nach Handwerk? »Rezept?« Hatte es nicht einen ledernen Beigeschmack? Mehr noch, einen philiströsen? Eine Taktlosigkeit, oder eine Geschmacklosigkeit barg es. Im Grunde sogar bedeutete es einen Faustschlag. Allerdings: gerade in diesem Faustschlag den Mut, eben im Namen der Wahrheit einen Faustschlag zu tun. Oder: schaffen nicht alle Entdeckungen Trivialitäten, da sie doch Wunder in Binsenwahrheit verwandeln?

»Kayser,« bat er fieberhaft aufgeregt eines Abends – er hatte den ganzen Tag über einen Fuß modelliert – »setzen Sie sich her und spielen Sie diesen Fuß!« Und legte das Tonmodell auf das Notenbrett. Der Fuß war nach dem besten Abguß des rechten Fußes des sitzenden Mars gebildet, dazu der menschliche Fuß an einer Anatomie und an guten und schlechten Gipsen verglichen, und überdies der Typus eines Fußes des Kriegsgottes dem mythologischen Ares-Typus und dem vermuteten Formen-Typus des vermuteten Künstlers gewissenhaft gegenübergestellt worden. Und schien also gelungen. Tischbein allerdings, der in Kaysers Rücken saß, schmunzelte bedenklich. Moritz schüttelte den Kopf. Bury, unter der rauchenden Lampe noch immer am Liebesgeschenk arbeitend, brütete wehmütig in die Galathee hinein.

»Also?«

»Was soll ich nur über den glitschigen Tonfuß phantasieren?« lachte Kayser ratlos.

»Das, was er Ihnen eingibt!« Vollkommen klar war es Goethen: das Rezept – haften wir nicht mehr am Worte! – das Rezept hatte geholfen. Er kannte das Ur-Rezept; darüber hinaus aber auch schon eine ganze Anzahl der abgeleiteten Rezepte. »Nur, was er Ihnen eingibt! Nichts anderes!«

Kaysers Augen erkannten deutlich: den unleugbar verpfuschten Rist, die unfreien Zehen, das Gezwungene der ganzen Form. Plötzlich, hämisch, verließen seine Augen den Fuß und er griff in die Tasten. Es rauschte auf. »Ares!« fuhr es in seligem Verstehen durch Goethen. Und schon suchte der Fuß wegaufwärts; wegabwärts; stand jetzt stille; trippelte, schwankte . . .

»Bettler, der von San Lorenzo nach San Sebastiano hinkt!« flüsterte hinten Tischbein.

»Aber einer, dem siebenundsiebzig Dornen . . . . .«

»Könnt ihr nicht still sein, zum Teufel?«

Es wurde ganz still. Der Fuß schwankte noch ein Weilchen. Dann schritt er wieder aus. »Ares!« triumphierte Goethe noch sicherer. Denn nun lief der Fuß! Kinderfuß? Knabenfuß? Weiberfuß? Eilte, zögerte jetzt! Hob sich hoch, zertrat etwas . . .

Und war auf einmal nicht mehr da; entflohen.

»Ich bringe nichts heraus,« zog Kayser lachend die Finger von den Tasten. »Es ist umsonst!«

Dunkel, von einem Heer von Schatten überfallen, drückte sich Goethe in die Ecke. Niemand sagte etwas. Schütz trat ein, roten Kopfs, nicht völlig aufrecht. Aber er erriet. Behutsam ließ er sich neben Bury nieder. »Total verrückt!« machte er mit einem Zeichen. »Maulhalten!« winkte ihm Tischbein; er konnte in Todesangst das Lachen kaum noch verbeißen.

»Wenn ich ihm etwas anderes gäbe?« überlegte hingegen zwischen tiefster Verlegenheit und unwiderstehlichem Kitzel der Dunkle in der Ecke; und schlug verborgen, auf dem Spinett, sein Heft auf. Es war das Heft, das seine, geheim, auf der Jagd nach dem »Prinzipe« gelieferten Zeichnungen und gezogenen Schlüsse, peinlich logisch geordnet beide, enthielt. »Zum Beispiel die kapitolinische Venus?« Das Antlitz dieser Venus hatte er leicht zwanzigmale aufgerissen. Ihm gegenüber die Antlitze der Hera Ludovisi, der Hera Sospita, der schönbekleideten Hera, der Cleopatra, der Psyche, der verwundeten Amazone, der Athena mit dem Löwenfell, der kolossalen Athena in der Villa Ludovisi, der Athena Giustiniani und der Daphne. »Oder, Kayser,« – nein, das war ein zu weites Thema! – »haben Sie den Hercules Farnese im Auge?«

»Im großen ganzen.«

»Versuchen Sie einmal, den zu spielen! – Nein! Warten Sie!« Unschlüssig reichte er zwei Zeichnungen hinüber: eine vom Brustkorb des Heracles Farnese und eine vom Brustkorb des Heraclestorsos. »Spielen Sie vielleicht, was Ihnen die Unterschiede zwischen beiden sagen! Oder . . .«

Unsicher ward er; sie verharrten ja alle wie Blinde, wie Taube, ganz und gar Hartköpfige! »Oder vielleicht noch besser das da!« Er hatte den Kopf des Apollon vom Belvedere groß, scharflinig auf ein geraumes Blatt gebracht. Rechts davon aber den Kopf des Apollon aus dem Palazzo Giustiniani, den des Apollon Musagethes und des Apollon sauroktonos gezeichnet. Dieses Blatt reichte er Kaysern. »Ja, besser diese Köpfe. Wollen sehen!«

»Es muß nämlich,« wandte er sich feuerrot vor Eifer an Moritzen, »auch so gehen: die verschiedenen Proportionen, Typen und Kanones, als Naturphänomene, haben genau so je ihre verschiedenen Melodien wie die anderen Naturphänomene auch. Dringt also Kayser richtig ein in die Unterschiede, so müßte man sie aus der Musik heraushören können. Und das Rezept wäre durch Gegenprobe bestätigt!«

»O lala?« machte Schütz mit einem Schnalzer.

Aber schon flammte der Rasende auf. Ha! War es nicht Delphisch, was da nun erklang? Oder Karisch? Lykisch? Motiv der Heimat Apolls? »Weiter! Weiter! Nur weiter! Ich höre den Bogen klirren, den Python schnauben. Ausgezeichnet! Sehr gut! Und das ist –: Parnaß. Die Musen kommen! Passen Sie nun wohl auf, Kayser! Wenn der Apollon Giustiniani etwa der Phidiaszeit angehören sollte, dann müßten Sie . . .«

»Ich muß gar nichts!« lachte Kayser gemütlich und setzte ab.

»Nicht mutlos werden!« Atemlos trat Goethe an ihn heran. »Noch einmal anfangen! Das erste Motiv noch einmal!«

»Das ist ein Ideechen Griechenland überhaupt,« lachte Kayser heiter und spielte es noch einmal. »Attica, zum Beispiel, stelle ich mir ungefähr so vor.«

»Das zweite also?«

»Ist Parthenon, sagen wir. Die Athena Promachos drüben; dahinter das Erechtheion.«

»Also das dritte! Das dritte!«

»Troja. Homer. Das skandrische Tor.«

»Aber es war doch Apoll da! Er ist doch schon dagewesen!«

»Weil Sie ihn hören wollten!«

»Moritz!« Außer Rand und Band lief er auf Moritzen los. »Ist er da- oder nicht dagewesen, Moritz?«

Göttin der Wahrheit, flehte Moritz in den Boden nieder, während es so still ward, daß man eine Nadel fallen hören konnte, versuche mich nicht so satanisch! Dieser Mann ist entsetzlich! Tischbein kratzte einen Achilleskopf in die Tischplatte. Dieser Mann ist ein Narr! Bury pinselte wütend am Polyphem. Dieser Mann ist ein Räuber! Schütz zog aus der Westentasche, mit Mühe, ein Orangechen, goldrot, mit feinster Schale – es war aus dem Garten Aldobrandini – und biß hinein. Diesem Mann muß der Text gelesen werden!

»Moritz, so reden Sie doch!« rüttelte die unglückliche Stimme unerbittlich am Opfer. »War er da oder nicht da?«

In diesem Augenblick sagte Schütz: »Und da sprießt schon der Mandelbaum! Sprießt der Pfirsichbaum! Gehen die Maßliebchen auf vor der Porta Pia! Raschelt der Lenzwind im Pinciowäldchen! Gondelt der Himmel mit Lenzwölkchen, plappert das Volk auf Weg und Steg mit dem Lenze! Buhlt die Stadt mit der neuen Sonne im Lenze! Und ist dieser Lenz der letzte . . .«

»Moritz!« stampfte Goethe wachsbleich in den Boden.

»Ich – hab ihn nicht gehört,« stotterte Moritz noch blasser.

» . . . und sagt,« sprach Schütz ohne jede Furcht weiter: »Herr Geheimderat von Goethe, sagt er . . .«

»Mensch!« stieß ihn Tischbein von der einen, Kayser von der anderen Seite in die Rippen.

»Herr Geheimderat von Goethe, sagt er, mein Lieber! Benutzen Sie diese Tage noch recht gut, um mir ohne Hast Adieu zu sagen! Denn wenn Sie einmal wieder da oben in Kimmrien sein werden, mein' ich, wird Sie's ganz verdammt gereuen, diese letzten paar Stunden, statt mit mir, mit fixen Ideen und Spielereien vertrödelt . . . .«

Bum! flog der Stuhl, auf dem Goethe gesessen, um. Ans Spinett, daß die Saiten aufschrien. Und ein Schritt, der den Boden schaukeln machte, und mit einem Krach schlug die Tür hinter ihm zu.

»Da haben wir's!« rang Moritz die Hände.

»Nacht! Nacht! Nacht!« stöhnte der Gebrochene oben in seiner Kammer. In dieser Kammer da, draußen vor den Fenstern, oben in den gespenstigen Löchern des Wolkenhimmels, drinnen in der zerrissenen Brust: Nacht! Spielereien? Fixe Ideen? »Nacht!« Wenn die Sonne wieder aufstehen wird morgen, der Mandelbaum sprießen, der Pfirsichbaum sprießen wird, morgen, – es bleibt Nacht! Immer Nacht! »Fort! Mir entfliehen! Nur fort!« tobte er, raste er. »Fort!« Aber das Gehirn folgte nicht mehr. Wollte nicht mehr. Wie eine Schraube, die von wahnsinniger Hand gerade dort in das dickste Brett hineingetrieben wird, wo der Stein das Astes sitzt, schraubte sich der Geist nur noch tiefer hinein in den Stein des Geheimnisses. »Ich träume; weiß nicht mehr, was ich tue!« Dennoch: er bohrte weiter. »Ich verliere alles, was ich schon gewannen habe!« Dennoch: er bohrte weiter. »Reiffenstein glotzt mich wie einen Kranken an, Angelica zweifelt an meinem Sinn. Und selbst Meyer – Meyer! – schüttelt den Kopf.« Dennoch: er bohrte weiter. »Ist der Brief an den Herzog schon geschrieben?« Nein, der war noch immer nicht geschrieben! Wie um sich anzunageln, eines Morgens, endlich, setzte er sich hin an den Tisch. »Lassen Sie mich,« schrieb er keuchend, »fürder nur noch das tun, was niemand anderer als ich kann; und tragen Sie das andere anderen auf!« Bohrte aber dennoch gleich wieder weiter. Und er bohrte trotzdem nur Nacht! Nacht, die jedes frühere Licht auffraß und, je gefräßiger sie es auffraß, mit umso dickeren Mauern um ihn wuchs, in die sein tollwütiger Schädel sich verloren hineinfraß.

Bis ihm eines Abends, knapp vor dem Einzug des März, etwas gelang. Er hatte sich ans Fenster gehockt, befohlen: nun besinne dich einzig und allein auf das, was du schon gewiß weißt, und zeichne, ohne Vorlage, die Stirne, den Scheitel und die Augenbögen des Zeus! Und nun stand er mit dem Blatte vor dem vatikanischen Zeus. In fassungslosem Staunen wanderte der Blick immer wieder von der marmornen Stirn, dem marmornen Scheitel, den marmornen Augenbögen zurück zu der Stirne, zum Scheitel, zu den Augenbögen auf dem Blatt, das in seiner irren Hand zitterte. Aber als er mittags, im Vorbeigehen gewissermaßen, im Museo Strozzi eine elische Goldmünze fand, die einen ganz anderen als den vatikanischen Zeus zeigte, und trotzdem eine Stirn, einen Scheitel und Augenbögen unfehlbar desselben Gesamt-Typus, wie ihn das Blatt wies, ward das Erstaunen zum Schreck. Das Rezept paßte! Das Prinzip schloß! »Meyer!« rief er, atemlos heimgekehrt, »bestellen Sie für heute Nacht die Fackeln und verständigen Sie Hirthen! Ins Belvedere!«

Tatsächlich: als es von Sankt Peter herüber halbeilf schlug, strebten die drei Fackeln durch die gruftstummen Säle hinaus nach dem Statuenhofe. Gegen acht hatte es, vom Meer herauf, zu regnen begonnen. Nun lag über der Stadt die nasse blanke Luft des Scirocco. In den Hof herab schaute ein schwarzer sternloser Himmel. Vom Tiber herauf schollen Rufe aus einem gelandeten, wieder abfahrenden Schiffe. Auf dem Janiculus ging wildes Blühen los. Die Gärten des Papstes trieben, gepeitscht von den Stößen des Sturms, Wolken von schwerem Duft empor über die Dächer des Vatikans. Vom Monte Mario hernieder glaubte ein feines Ohr die Pinien rauschen zu hören. Ein feines Auge sah, trotz den Mauern, die Wiesen der Villa Doria in hohes Gras schießen, um die Villa des Papstes Julius die Veilchen aufbrechen, in den Wäldern der Villa Borghese die violetten Anemonen geboren werden und um die Villa Albani die Mandelbaumkronen wehen. Eine feine Seele aber, die den stummen Leib des Nil mit ungewußten Gedanken abwanderte, die Schlange des Laokoon streichelte, die Brust des Antinous nach ihrem Geheimnis befragte, die ungeheure Starrheit dieser marmornen Leichen, als wären sie lebendes Fleisch, verleugnete, spürte aus dieser Starre, diesem Schweigen, diesen zitternden Tönen und Düften und Regungen der entbindenden Nacht: die Stunde des Lenzes.

»Nachtigall? Es kann doch noch keine Nachtigall . . . .?«

»Amsel,« murmelte Meyer.

»Zum Apoll!« befahl Hirth und schritt voran.

Aber kaum, daß der Flackerschein seiner Fackel Apolls rechten Arm traf, die Nacht zauberhaft gesprengt schien, ein Stern, groß und weiß, in der Mitte des Himmels auftauchte, riß Goethe entschlossen an Meyers Hand. »Laßt mich lieber allein!« Und im selben Augenblick sang der Vogel in Trillern, die wie auf kristallnen Spiralen ohne Hindernis aufstiegen in die Höhe des Himmels: die Stunde des Lenzes.

Rasenden Herzens an den Pfeiler gelehnt, das Gesicht furchtsam abgewendet vom Gotte, blickte Goethe den Fackeln nach, die zwischen den Büschen des Lorbeers verschwanden. Aber als sie nach wenigen Minuten zuletzt folgsam im Bogengang erloschen und die Nacht nur noch von der schwankenden Leuchte in seiner Hand ward durchzittert, überfiel ihn das Grauen wie ein Schauer den Geist: Wie wird der Gott entscheiden? Wie??

Als er zum zweitenmal, klappernd, fragte: »Wie wird der Gott entscheiden? Wie?« packte eine Handvoll Sturm seine Fackel, riß sie in einer Garbe hinter sein Haupt zurück, und er erblickte das Antlitz des großen weißen Sterns, wie es geheimnisvoll niederschaute auf ihn. Und sofort, totenbang, senkte er das Auge. »Platon,« flüsterte er, »Platon, bist du es?«

Aber nur der Vogel antwortete. Seine kleinen Augen – weiß Gott von wo aus? – in das Feuer des Sterns getaucht, sang er zum zweitenmal, mit Trillern, die ohne Hindernis auf goldener Leiter aufstiegen in die Höhe der Himmel: die Stunde des Lenzes.

Wurde am Ende in dieser Nacht die Welt geboren?

Einen Schritt vor tat er, schlotternd. Wußte: hinter mir, im Schein meiner Fackel, leuchtet der Gott! Und da oben, im Norden, hinter der Mauer, die die Roßtreppe des wilden Roverepapstes hinabspiralt in den sprießenden Boden, wartet mein Vaterland! Wenn nun die Welt in dieser Nacht geboren wird und ich halte morgen, wenn die Sonne aufgeht, diese Welt in den Händen und kann ihnen, heimgekehrt, diese meine Welt weisen?

»Sonne!« flüsterte er in brausendem Angstpuls. »Sonne!«

Gleich darauf bückte er sich. Hörte, während er sich über den Rasen beugte, der zwischen den marmornen Schranken wuchs, den Vogel die volle Lust der Welt singen über der Wonne ihrer endlich vollen Geburt. Sah, während er den weit vorgereckten Arm nach der kleinen Blume ausstreckte, die ihn niedergezogen hatte, den Stern mit Platons lichtem Auge herabblinken.

Und brach die Blume.

Zurückgekehrt in die steife Stellung der noch zögernden Furcht, die Blume in der einen, die Fackel in der anderen Hand, stand er wie betäubt. Warum sang der Vogel auf einmal nicht mehr? War der Stern plötzlich verschwunden? Bedeutete das etwa, daß die Stunde des Lenzes, die volle Geburt der Welt doch noch nicht angebrochen war? Daß der Gott, wenn er ihm endlich mit verwegener Fackel in sein Antlitz hineinleuchtete, zornig die Locken schütteln wird? Zornig verneinend?

»Platon!«

»Platon!« Bettelnd das Auge in den schwarzen Himmel hineingehetzt: »Rede!«

»Vogel! Vögelchen! Stimme! Stimmlein, – rede!«

Aber nur der Wind redete. In klirrendem Aufstoß fuhr er übers Dach des Palastes in den Hof herein und riß an der zaudernden Fackel.

»Nein! Noch nicht!« Steinern machte er den Rücken gegen den steinernen Pfeiler. Steinern die Beine, die, wehrhaft aufeinmal und trotzig in den steinernen Boden gestemmt, nicht mehr zitterten. Die Welt wurde heute geboren! Als ob sie von seinem Fleisch und seinem Blut wäre, barg er die Blume am Herzen. Als wollte er sich sinnfälligst dessen versichern, daß er auch Fleisch und Blut war wie jeder singende Vogel, suchte er mit der Hand, die die Blume hielt, seine Rippen. Und als müßte er in der letzten Stunde noch einmal die Reihe der Gesetze nachprüfen, die ihm das Werden der Erde ebenso einfach aus einem einfachen Zentralprinzip erklärten wie das Werden der Blume und des lebendigen Körpers, tastete er mit spürender Sohle die Körnigkeit des Sandes zwischen Rasen und Schranke. Aber als riefe tollkühn eine siegreiche Stimme aus diesem dreieinigen Begreifen in die vierte Welt hinüber, die heute geboren werden mußte, um die volle Geburt der Welt zu vollenden, fuhr sein Auge nun die fackelstreifüberhuschten Marmorbilder ab und lächelte überlegen verächtlich: ja, auch ihr seid entzaubert! Auch ihr seid nur: ich! Nur dasselbe wie ich! Und wenn nun erst noch der Gott da in meinem Rücken, sobald ich ihm endlich mit vermessener Fackel in sein Antlitz hineinleuchte, verkünden wird: »Ja!« . . .?

Da, mit einem Ruck, drehte er um, und der Gott, mit glänzendem Schritt, trat aus der Nacht in das Licht. Und im selben Augenblick entglitt ihm die Fackel. Als ob sie der Gott ihm mit rächendem Hieb aus den Fingern schleuderte, fiel sie aus seiner Hand und hinab in den Boden.

Als er sie, nach ewigem Starrsein, zurückhob, wieder aufrichtete, gegen seinen drohenden Willen in genauer Höhe vor dem Gotte neu aufbrennen ließ, setzte der Schlag seines Herzens aus. Gefror das Blut in den Adern zu Eis. Hockten marmorn die Glieder im Gerüste des Leibes. Und starrte das Auge unter gestorbenen Lidern auf den ragenden Gott.

»Mitternacht!« fuhr im Bogengang drüben Meyer empor, als es Zwölf schlug von Sankt Peter herüber. Die Fackeln waren so gut wie abgebrannt. Hirth hatte ein Schläfchen gemacht. »Sollen wir nicht? Meinen Sie nicht?« Und trat entschlossen hinaus in den Rasen.

Hatte aber keine drei Schritte getan, als er sagen hörte: »Es ist aber doch eine Nachtigall! Und keine Amsel!«

Wie ein Gespenst glotzte er den Mann an, der mit toter Fackel vor ihm stand. In ununterbrochenen Trillern, die auf himmlischen Treppen jauchzend aufstiegen in die lichtesten Höhen der Welt, sang der verborgene Vogel: die Stunde des Lenzes. Wolkenlos dunkelblau, ohne Flor und Trübnis, träufelte der Himmel auf die Gesimse des Hofes nieder mit dem gesammelten Volk seiner Sterne: die Stunde des Lenzes. Und überirdisch hell zwischen den Statuen, die Schritt für Schritt fackelverlassen zurücktraten in die Nacht ihrer Nischen, triumphierte das Auge des Mannes, der mit der bekehrten Fackel vor ihm stand: die Stunde des Lenzes.

»Nun?« fragte Hirth jäh, geräuschvoll, und tippte dem lächelnden Mann auf die Schulter.

Aber der Mann lächelte wohl aus einem wachsbleichen Gesichte heraus, aber redete nicht.

Redete lange noch nicht.

Erst nach einer Woche vielleicht, zum Jüngling, der ihn oben in der Kammer beim neuerlichen Nachbilden jenes Fußes überraschte, sagte er friedlich: »Siehst du, das freut mich: immer wieder ein Gesetzmäßiges in den Epochen des Lebens zu entdecken. Beim Gotte habe ich angefangen und beim Gotte aufgehört.«

»Versteh ich nicht,« stieß Bury zornig heraus; zuviel Raten und Deuten über die Nacht mit den Fackeln war die Woche über unter den Freunden gewesen. »Noch viel weniger aber, um Gotteswillen, daß Sie noch immer, noch immer da kneten!«

»Jetzt verschlägt es ja nichts mehr, ob ich ein bißchen mehr oder weniger pfusche?« war die heiterste Antwort. »Mein Auge hat Licht jetzt!«

»Aber welches Licht? Welches?«

Aber nur eine Stunde später, und dasselbe Auge hatte: das Dunkel! Vor der Kirche Santa Maria in Cosmedin. Wußte weder, wie es hieher gekommen war, noch was nun mit ihm geschehen würde. Lächelte jedoch in voller Ruhe, unüberrascht und gefaßt in das Beet krapproter Tulpen hinein, das vor der Kirche mitten im gelben Tiberschwemmsand stand. Teuflisch grinste der Blick der höchsten, die in der Mitte wuchs, ihn an. Öffnete plötzlich, weil sein Auge ganz fest blieb, die Blätter, ließ die Blätter langsam, feuerrot über den giftgrünen Kelchrand hinabsinken.

»Ah!« lachte er fröhlich auf: »Du wieder da?«

»Ich wieder da!« antwortete vertraut die dünne Stimme. Und ein langer Mann – schwarz von oben bis unten – stieg aus dem Feuer der Blume. »Weißt du vielleicht noch, wo wir aufgehört haben?«

»Ungefähr!« antwortete das Auge, das sich, wie in langentbehrte Heimat, in das gebärende Dunkel gier einfraß. »Aber nur keine Zeit mehr verloren! Fahr fort, wie du kannst!«

»Gut!« Und ehe der Schwarze nur geräuspert hatte, schwollen auf der Platte des Sarkophags, der sich weiß in die Tulpen gestellt hatte, die Früchte von Afrika. In den seidigen Wucher des zittrigen Palmgrüns und des nadligen Libanonzedergrüns gebettet, mit den Häuchen und Schmelzen ferner Reife umwunden, schwollen sie, und während rasch durch die großflügeligen Lüfte herschießende Vögel heiße Lieder sangen aus verhextem Gefieder und der Gischt dionysischer Sonne durch das Glockenloch des Campanile herabbrach, stürzte, wie ein Rudel von Wölfen, ein Schwarm zottiger Fresser an den Marmor des Tisches. »Edite, bibite, collegiales!« schrie der Chor, schmatzend, sogleich fraßen die Mäuler Kapaunen aus den Ananas, Spanferkel aus den Bananen, »edite, bibite, collegiales!« gluckste das ungeheure Rülpsen, hoch aus dem Tiberschwemmsand, Fontäne aller Weine der Erde, spie sich der Rausch den lustdampfenden Nüstern entgegen, der Sarkophag, mit einem Krach, barst entzwei, Donner brach aus dem Himmel . . . . .

»Das ist alt! Ist verbraucht! Gib Neueres, Besseres!«

»Besseres?«

Teppiche wurden gebreitet. Der gelbe Tiberschwemmsand erstickt unter roten, grünen, goldenen, pfaublauen Polstern. »Rabenvieh!« schalt der Schwarze gestört, stieß die Knochenhand in den Bauch des riesigen Katers, der ihm brünstig in den Weg gelaufen war. Röcheln; purzelnd plumpste der Kater hinab in den Tiber. »Suche dir aus!« schmunzelte eitel der Schwarze, wies mit protzigen Fingern auf die Flut nackter Weiber, die, mit blöden Larven in den üppigen Kissen geringelt, das leicht schauende Auge anblinzelten: olivenfarbhäutige mit breiten Lenden, ebenholzschwarze Haardreiecke auf den Hügeln der Scham, rosenrote, vollbusige aus den Niederlanden, lilienweiße mit sanft zu den runden Knieen abschwellenden Schenkeln, nußbraune, denen die Röte der Lippen, das Weiße der Augäpfel, die Helle der Brustknospen wie Male aus der öligen Straffheit herausbrannten. Und aus ihnen allen, geil, sehnten sich die Münder nach dem zündenden Kusse, die Arme nach der Entladung des Umarmtwerdens, verhießen, sich bäumend, sich senkend, in ewiger Regung, die Schoße den Kitzel. »Also, welche?«

»Das ist noch älter, noch platter! Neues, du Anfänger!«

»Ihr seid zu alt!« höhnte schamlos der Schwarze; im Tiber unten, schwimmend, miaute der riesige Kater. »Mürbes Fleisch! Ausgepicht! Was ergötzt da?«

»Fremde Länder!«

Die Kirche der Maria versank. Rom verschwand. Und der Ganges ergoß sich.

»Fliegen! In die Lüfte! Welt!« kommandierte das Auge im gebärenden Dunkel.

Die Erde entzog sich den Füßen. Umflattert von Kranichen, hoch über den abendlich goldlichten Mauern Mykenäs und dem blauen Ägäischen, rauschte der kräftige Flügel.

»In die Erde hinab nun! Ins Zentrum!«

Die Scholle schlug dunkel erstickend über dem Auge zusammen. »In den Hades!« konnte er noch rufen.

Persephone, in milchweiße Schleier gehüllt, kam ihm trübe entgegen. Sie trug eine verblaßte Mohnblume in der wachsbleichen Hand. Der Gemahl, ferner Stirn, folgte schleppend. Aber hinten, ganz hinten kauerte des Odysseus Seele im Düster der Sümpfe, hielt eine Leier, zupfte trostlos an ihr. Trostlos klagte der Sang: »Und Eleision?«

»Hinauf! Schnell! Empor! Zu Ihm!« entrang sich's der schaudernden Brust.

»Zu wem?« hüstelte verlegen der Schwarze.

»Himmel! Gott! All! Erster Wille!«

Aber da stand er schon wieder im Tiberschwemmsande. Der riesige Kater war miauend auf das jenseitige Ufer gekommen, rannte, sich schüttelnd, tiberaufwärts. »Du bist eben zu alt!« fluchte noch kräftiger der Schwarze. »Ein Impotenter und ich, das gibt kein Gespann! Kehr um lieber! Oder reizt dich am Ende« – und wie ein Adlerschnabel wuchs die Nase zwischen den Stichaugen hervor – »am Ende die Tugend?« Und aus der lautlos geöffneten Pforte der Maria in Cosmedin stieg ein ländliches Mädchen in der Tracht des heitersten Elsaß. »Nein!« fuhr das Auge schnell auf, in ohnmächtiger Wehr gegen die Erscheinung spannten sich Arme. »Ja!« hauchte er in der nächsten Sekunde und stürzte dem Mädchen entgegen.

Aber als er – da war es schon Nacht – den Küster von San Pietro in Montorio mit zwei Zechinen bestach, daß er ihn mit einer dicken Kerze in die Kirche hinein lasse, kniete auch das Mädchen in der Kirche. »Hans! Hans! Hans!« wimmerte es armselig, ein Bündel Lumpen, woraus ein Stimmchen weh winselte, in den verzweifelten Händen, »Hans!«

»Da bin ich!« erwiderte er und wollte die starke Hand auf sie legen. So war es recht! Dies, diese Qual, diese Wonne der Qual, ein Herz bis in den Abgrund der Finsternis gestoßen zu haben, darnach verlangte ihn. »Sieh nur, Riekchen,« sagte er unbewegt, – aber nun war das Mädchen nicht mehr da. Ohne ihr nachzuschauen, in ebenmäßiger Ruhe, versenkte sich das Auge in die Transfiguration. »Du bist vorüber, Michelangelo!« sagte er absichtlich laut und liebkoste fast schadenfroh Raffaels Harmonien. »Und du, Sanzio, wieder am richtigen Platze. Ja!« In sicherer Fülle erglänzte der Blick; tief drinnen im Grün des Weibes, das in der Mitte des Bilds kniete, saß er. »Denn jetzt bin ich genesen! Von dir, Michelangelo, an Apollo gewiesen, von Apoll, den ich fürchtete, zu Apoll, den ich liebe, – an euch beiden genesen!« Und inniglich breitete er die Arme zum Weibe empor. »Was könnet ihr mir nun noch anhaben, ihr Bilder und Steine, da euer Geheimnis euch unversehrt blieb? Selige Künstler, gleich Schöpfer wie Er, gleich unergründlich, unerfaßlich, in . . . .«

» . . kommensurabel wie Er?«

»Du bist noch da?«

»Zu Befehl!«

»Den Geist meines Vaters!« donnerte er, ohne einen Augenblick zu zögern, den Schwarzen an. »Rasch!«

Und erstarrte.

»Den Tod des Sokrates!«

Und lächelte.

»Christum am Kreuze!«

»Verzeiht . . .!«

Er wankte nach vorne, an die Bank hin, die unter dem goldenen Rahmen des Bildes dunkelte. »Ich meine ja nur: Entwicklungen!« hauchte er, demütig um Verzeihung bittend. »Marksteine. Ich bin ja historisch; von Anfang an mitgewesen. Gib mir, zeige mir,« rief er, veränderter Stimme, »die Urpflanze! Nein! Den Knochen! Jenen Knochen,« fuhr er ungestüm fort, weil er das schleimige, sich unheimlich regende, drehende Blatt in der Hand hielt, »jenes Urbein, oder Urblut, aus dem wir gemacht sind! – Nein! Die Formel, die Kraft, das Gebräu,« fuhr er atemlos fort, weil in seiner Hand, neben dem Blatte, ein Rohr schwoll, lebendig? wievielemale geknotet? welchen stinkenden Inhalts? »jenen Brei, der die Elemente schafft, wandelt, ver . . eint . !« Er stutzte. Seine Hände troffen von nassen Nebeln, seine Füße stapften in teigigen Bächen, seine Stirn focht gegen Fasern und Laven. »Nein! Das Rezept! – Nein,« lachte er gleich darauf übermütig, »den Stein der Weisen!«

Sofort trat der Schwarze mit ihm aus der Tür. Aber wie er sich nun in den Eselmist in der Straße niederbeugte, sah Goethe über seinem gekrümmten Rücken, im Strahl des Mondes, ein Paar den Weg heraufsteigen. Hurtig schüttelte er den Zauber ab; dieses Paar kam ihm unerwünscht! Faustina aber, blitzschnell ließ sie den Knaben in den Boden nieder und sprang auf ihn zu. »Ich bin dir durch die ganze Stadt nachgelaufen,« keuchte sie, »was fliehst du mich auf einmal? Wenn du mir langsam folgst, können wir die Nacht, – das Wieschen ist warm heut!«

Er nickte nicht einmal. Trat entschlossen an den Alten heran. »Guten Abend!« Reichlich verlegen klang die Stimme; er war dem Manne seit jenem Abend im Herbst beharrlich ausgewichen. »Ihr geht schon nach Hause?«

Der Alte, schwarz und hoch wie damals, lächelte gleichgültig. Das Kind stand in den Falten seines Mantels, wie Jesus an Christophorus. »Und Ihr, noch immer da?«

»Wie Ihr seht.«

»Und gut genutzt die Zeit?«

»Wie? Seid Ihr stumm geworden?« lachte der Alte spöttisch auf, weil der Gefragte wie erschlagen schwieg. »Du gehst voran!« Mit einem Seitenblick war er des Weibes gewahr geworden, das unverhohlen lüstern näher trippelte. »Sogleich! Pack dich! Den Buben nimm mit dir!«

»Und das Ergebnis?« Teuflisch schmunzelte er. Ha, wie das Weib folgte! »Das Fazit! He?«

Kein Wort vermochte Goethe herauszubringen.

»Also: dem Teufel übergeben?« Wie metallenes Urteil klang es. Und war doch nur Wollust. »Ja, Michelangelo suchen, und eine römische Dirne finden! An keiner Lust vorübergehn!« Mit spitzem Strahl zerriß der Ostermond die dunkelbartige Miene. »Nur nichts auslassen! Wahllos nehmen, was nur gerade daliegt! Und sich vorlügen: durch dick und dünn hinauf!«

»Es führt hinauf!«

»Was führt hinauf?« Mit grober Hand riß er die fremde Schulter an die seine. »Was abwärts geht, geht nie hinauf!«

»Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange . . .«

»Ein guter Mensch?« Wie eine Pappel im Sturmwind wuchs der Alte empor. Und wie einen Zwerg, von ganz hoch oben nieder, maß er geißelnd den Andern. »Ein guter Mensch wählt nicht das Böse! Gott oder Teufel muß man wählen!«

»Nein! Gott und den Teufel!«

»Christ oder Heide sein!«

»Nein! Christ und Heide!«

»Dann: brennt! Verbrennt! Und zähneklappert! Ewig!« Und nur noch größer wurde er; noch überlegener; aber wich schon. »Wer auszog, um den Himmel zu erringen . . . . . .«

»Ich tue, was ich kann!«

»Im Viehischen!« Daß es noch einmal rauschte, drehte er um; schlug in der Heidenluft das Kreuz. »Herr, richte du ihn!«

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