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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Neuntes Buch

Gewißheit

Ein klein wenig verstimmt fühlte sich Bury seit Wochen. Es war schon unnötig gewesen, daß Tischbein plötzlich von Neapel zurückkam und den Geliebten von ihm weg in den zweiten Stock hinauftrieb. Obwohl sich deutlich erkennen ließ, daß Tischbein kein Rivale mehr war! Dafür aber dieser Kayser! Warum Goethe den hatte herkommen lassen? Wie aufreizend vertraut er mit Goethen tat! Wenn die Zwei Frankfurterisch redeten! Schütz war doch auch Frankfurter? Dieser aber –? »Hab ich es Ihnen nicht schon dreimal gesagt, Sie sollen die Nase nicht zu hoch tragen?« rief er auf einmal Kaysern grob an, weil dieser auf dem steinigen Weg, den sie nebeneinander den Monte Cavo aufwärts stiegen, mit einem »Hoppla« gestolpert und mit einem zweiten der Länge nach hingefallen war. »Diese römischen Steige sind nicht so gemütlich wie die Kaimauern in Zürich! Stauben Sie sich ordentlich ab, er mag Dreck nicht leiden!«

Einen eigentümlich umflorten Blick hatte Kayser. Als ob er nie ganz aus sich heraustreten könnte, war sein Mund, auch wenn er noch so hemmungslos pfiff, festgeschlossen, seine Stirn wie verhangen, sein Gang geradeaus gefesselt. »Mich kennt er schon lange,« sagte er ungerührt. »Im übrigen sind wir auf dem Lande.«

»Mistvieh!« fluchte Bury im geheimen. Und ein empörter Blick zurück: Rocca di Papa im orangegelben Licht auf der felsigen Halde; Castelgandolfo tief unten, gegen die Sonne, überm stumpfblauen Albanersee. Ein zweiter, noch wilderer empor: Wald, braune Eichen, Kastanien mit giftgrünen, mit mattgoldnen, mit sterbenden Blättern; Ginsterbüsche, die raschelten; darüber der wolkenlose Dezemberhimmel. Aber: wo Er? »Sie pfeifen natürlich wieder Egmont!« stieß er verächtlich hervor.

»Diesmal ist es Claudine von Villa Bella.«

»Und das nächstemal Erwin und Elmire!«

»Es wird eher die neue opera buffa sein, schätze ich.«

»Spielerei! Ortvergeudung! Couplets und artige Liedchen für heruntergekommene Primadonnen kann man auch in Dripsdrill machen! Dazu braucht man wahrhaftig nicht nach Rom zu pilgern!«

»Ich bin aber nun einmal Musikante?«

»Aber muß drum auch er flugs einer werden?«

»Wenn er mich ruft?«

»Ich will Ihnen etwas sagen.« Einen Ligusterzweig, der ihm ins Gesicht hereingeflogen war, riß sich Bury von den Lippen weg; wie die Perlen eines aufgegangenen Rosenkranzes rollten die schwarzen Beeren den steilen Weg herab. »Wir haben schon die allergrößte Mühe gehabt, ihn dem Labyrinth zu entreißen, in das ihn die verfluchte Malerei und Bildhauerei hineingetrieben haben. Ging's nämlich mit dem Zeichnen gar nicht mehr, dann modellierte er. Ging's mit dem Modellieren noch weniger, dann fing er wieder zu zeichnen an. Erst in den letzten Wochen, bevor Sie ankamen, hatten wir das Gefühl: endlich ist er heraußen!«

»Woraus heraußen?«

»Aber zum Teufel!« schrie Bury. »Er ist doch kein Anstreicher und kein Steinmetz, sondern ein Dichter!«

»Und pinselt und bosselt trotzdem noch alleweil weiter? Scheint mir.«

»Falkenauge, Sie! Scheint Ihnen? Ja! Leider haben wir uns getäuscht. Aber sehen Sie nicht ein, daß, wenn nun Sie ihn erst noch in die Musik hineinhetzen, er überhaupt nicht mehr zum Verstand kommen kann?«

»Merkwürdig!« Allfarben angemalt vom grüngelbrotbraunen Walde, in dem, weit voran wahrscheinlich, Goethe wandeln mußte, lachte Kayser den Zornigen an. »Und da sagte er mir vor ein paar Tagen noch: der Idee nach versteht mich in Rom da am besten . . .«

»Wer?«

»Moritz. Meinem Kunstwillen nach: Meyer. Mein Daimonion aber – ohne Zweifel – nur Bury!«

»Wann sagte er das?«

»Vor ein paar Tagen. Und nun sehe ich . . . .«

»Gar nichts sehen Sie!« Im vollen Strahl rasch getrösteter Liebe lief Burys Auge von Kaysern über Wald, Himmel, fernes Meerglänzen und das orangegelbe Rocca di Papa zu Kaysern zurück. Dieser Mensch war also doch nicht ein Dieb? »Ich liebe ihn nämlich. Liebe ihn einfach, müssen Sie wissen! Lasse mich rädern und kreuzigen für ihn! Kann ihm natürlich nicht das Wasser reichen; bin ein Wicht gegen ihn! Aber soviel begreife doch auch ich, . . .«

»Da, schauen Sie! Die Peterskuppel!«

Aber Bury ließ nur die Locken wehen. ». . . daß auch ein Dichtergenie wie er nicht soviel Zeit hat, um ganze Jahre zu vergeuden. Wissen Sie, was er gedichtet hat, seitdem er da ist? Soviel wie nichts. Und jetzt, anstatt, daß er endlich, . . . Sie!« Mit der Faust schlug er Kaysern auf die Schulter. »Glauben Sie nicht, daß wir mitverantwortlich sind für den Weg, den er hier geht!«

»Ich bin nun einmal ein Musikante,« zuckte Kayser zum zweitenmal ungerührt die Achseln. »Und, offen gestanden, und nehmen Sie mir's nicht übel: selbst der ganze Goethe gilt mir nicht halb soviel wie meine Musik!«

»Aber daß er – Er! – jetzt darüber spintisiert, wie er seine Singspiele dem Cimarosa oder Paisiello ankommodiere, und schon in der Frühe Achteltöne gebiert und von Choral, a capella, Orchestralmusik, Rezitativ und Messe faselt und alte Noten schmökert und sich krampfhaft dazu zwingt, Musik als offenbarend und was weiß Gott noch zu finden . . .?«

»Wer sagt Ihnen das?«

Wie ein Pudel, der aus dem Wasser sprang, schüttelte sich Bury. »Ich kann Ihnen nur sagen: vom Zeichnen und Malen versteht er einen Pfifferling! Von der Musik aber noch weniger! Und wenn nun Sie . . . .«

»Pst! Da oben steht er! Er hört uns!«

Wahrhaftig: da oben stand er; auf festen Füßen im Gras der Kuppe, fröhlich umwogt das Haupt von den Strömen des Golds und der Bläue, und blickte fröhlich herab.

»Beherzigen Sie's!« konnte Bury noch flüstern.

»Ich glaube, nicht!« Kayser noch antworten.

Dann, wie in einem Wettstreit, begannen sie zu klettern.

Aber als sie, bei dem Mann auf der Kuppe angekommen, zu seinen Seiten ausruhten wie seine Apostel, die große Linde ihre Blätter auf sie herabrieselte und aus dem Hintergrunde die Trümmer des Jupitertempels hervorglänzten, zwischen dicken Büscheln noch ganz grüner Schäfte und dem stumpfen Dunkel von Klosterzypressen, und gegen einen Himmel hin, der mit süßen Strichen erblassenden Seideblaus nach Neapel hinabwies, vergaßen sie plötzlich ihre einseitigen Ziele. »Daß sich nun die Musik auch noch anschließt und ein dreifach Leben beginnt, – ist's nicht wunderschön?« hörten sie wie im Traume den Dritten sagen und lächelten beide gleich selig. Denn dem Musikanten schien es nun, als flösse der Strom von Musik, den er als seine Seele in sich trug, hunderttausendfach neu gequellt, frischgewellt, meergeöffnet über die gesenkten Riffe, die starrmäuligen Krater, die sanften Hügel des orangegelben Felsennestes und die Weiße von Frascati in die braune Steppe der Campagna hinab und hinauf an den Schattenriß von Rom, um überall Farbe, Form, Linie, Schönheit, die sich schauen läßt, greifen läßt, zu erzeugen; dem Maler hingegen . . . .

»Was schaust du so, Fritzel?«

Der Maler lehnte sich zärtlich an Goethen. Schaute brüderlich auf Kaysern. Seine Seele war Feuer; vor allem aber feuriges Herz. »Ich suche,« erwiderte er mit undeutlichem Wink, »jenes Haus in Castelgandolfo, worin Sie im Oktober gewohnt haben.« Und wußte, gerade weil der Geliebte daraufhin stumm blieb, auf einmal: Musik tönt, wo gelebt wird. Und hörte, wie der glitzernde Bogen des Meeres weit drüben, die traurige Öde des Landes, wie es sich von Albano und Marino und Frascati, von diesem verklärten Schimmer der Hütten und Villen hinab in den Sumpf, in die Fieberbuckel hinausdehnte bis an den Saum der goldenen Woge, und wie der nordlichterstrahlende Erker des Gebirgs gegen die Monti Sabini und die heilige Helle hinter dem Schattenriß von Rom, – ja, wie alles: Nähe und Ferne, die in irdischer Schönheit sich schauen und greifen ließen, ein einziges Lied sang, – welches?

»Ja: welches?« flüsterte Goethe lächelnd und schaute noch suchender, noch tiefer als beide. Denn was er seit fünfviertel Jahren in dieser noch immer nicht ganz lichten Brust drin erlebt und gelebt hatte: Alles, mit deutlichen Buchstaben, stand geschrieben auf dem Leib dieses Landes. Funkelnd zog die Sonne, die wie eine atmende Kugel langsam niederschwebte auf die Tafel des Meeres, das sterbende Laub, das bleibende Grün, die Felsen und Hänge der Hügel, die Sättel, die Mulden der Fläche und die schweigsame Kuppe, auf welcher er stand, und die Schlösser und Häuser und Kirchen der Lebendigen in ihren lockenden Fluß. Und von Berg zu Berg und von Klippe zu Klippe und Wipfel zu Wipfel und, in der freigebig hinausgebreiteten Küste vom Bug bei Terracina bis zum Hafen der Civitavecchia, lösten sich die Höhen, die Kämme, die Joche, die Flanken aus dem Halt der gebundenen Scholle; von Rom herab, von den glastigen Kuppeln und Firsten und, in der Campagna, von den Riffen der Aquädukte herab die Spitzen, die Kreuze, die Zinnen aus dem bannenden Stein; und verleugneten allesamt Vater und Mutter, Heimat und vorausdeutbares Schicksal, liefen dem lockenden Lichte nach und flehten im Drang nach Erleuchtung, Bereicherung, Befreiung, – nach Wahrheit: »Erkläre! Erhelle! Für immer! Und alles!« Und wollten nicht den kommenden Morgen noch abwarten, nicht noch die kurze Nacht, die sie trennte von der Wiederkehr der begeistert Geliebten, durchwachen in Sehnsucht und Müdsein vor der schon geschenkten, schon scheinenden Leuchte, – nein! »Reiße uns nicht wieder los von dir, Sonne!« begehrten sie ungestüm mit all ihren Stimmen der schmeichelnden, der trostlosen und der triumphierenden Liebe, »sondern nimm uns, o Sonne, mit dir!« Diese aber, die Sonne, bedurfte keiner Wolken, hersegelnden aus den Düften über dem ungeduldig wartenden Meere, und keiner Schleier, aufsteigenden aus den nebligen Trichtern der Sümpfe, und keines vorzeitigen Niedersteigens aus dem gemächlich durchwanderten Himmel, um plötzlich, auf einen Schlag, Schatten zu machen; Dämmerung; Dunkelheit; Nacht. Die ungestüm Rufenden blitzten noch, blinkten noch, nichts hatte ihre schöne Gebärde hinstrebenden Brennens gebrochen. Zu ihren Füßen aber, zu ihren Seiten aber, vor ihren verlangenden Händen, hinter ihren weit vorgebeugten Schultern aber stand nun, saß, lagerte, kauerte, herrschte der Schatten; die Dämmerung; das Dunkle; die Nacht. Und als ob sie niemals noch Licht gesehen hätten und niemals schon halbes Licht gewesen wären, starrten sie mit der Blindheit der Blendung in die aufgerissenen Rachen der Finsternis: in die blauen Zypressenwälder, die die frascatische Weiße begruben; in die Schluchten, worin das Schwarze brodelte zwischen den goldgirrenden Prächten der Felsen; in das drohend nächtige Auge des Sees von Albano, in dessen farbloser Mitte der farblose Spiegel des farblosen Klosters von Pakazzuola grinste; in die verballte Masse der Kastelle, Kuppeln und Dächer von Gandolfo unter dem immer noch vollen Orangelicht der Rocca di Papa. Bis plötzlich, herabgeglitten plötzlich von den Halden und Hängen in die traurige Flucht der Campagna wie ein Geist von der Stirn, die sich nicht mehr zu wehren wagt gegen den Widergeist Luzifers, der Schatten, die Dämmerung, das Dunkle, die Nacht aus dem grenzenlosen Raum zwischen dem Streifen des Meeres und dem letzten Strahl Lichts in den Ästen der Linde zurückhöhnte in die entseelte Sehnsucht nach Erleuchtung, Bereicherung, Befreiung, nach Wahrheit, – und die Sonne versank.

»Licht und Finsternis, Finster und Licht!« atmete die Brust des reglos Schauenden in ihre Tiefe hinab; und in ergebenem Begreifen neigte sich das umschattete Haupt. »Und je voller das Licht kam, desto voller auch immer das Dunkel; und im Dunkel noch steh ich auch heute! Wird es ganzes Licht werden, bevor ich da scheide? – Es ist ein Stück Wahnsinn in jedem Abschied!« stieß er wie im Krampf hervor; und sah erst nachher, daß da Zwei standen, die hörten. Und sagte drum gleich darauf, ehe sie noch laut oder stumm fragen konnten, mit vollendeter Ruhe: »Immerhin: kommt man mit so vielen Fasanen im Schifflein nach Hause, und wäre dies Zuhause auch nur eine Hütte aus Lehm mit einem Lager aus Streu und einem zerbrochenen Tische aus Marmor . . . ..«

»Aus Marmor?« lachte Kayser hell auf. »Tisch aus Marmor in Weimar?«

»Gotteswillen!« stieß ihn Bury empört in die Seite: er hatte den entsetzten Blick aufgefangen, den blitzschnellen Schritt ersehen, mit dem der Getroffene in den Vorhang des Waldes hinabfloh. »Unglücksmensch! Rabe! Was taten Sie?«

»Er sagte mir gestern abend doch selber,« stammelte Kayser – brennrot schaute er den Zweigen nach, die über dem Geflüchteten zusammenschlugen –: »trotzdem ich keine größere Seligkeit kannte, hat er gesagt, als hier zu sein, und keine größere kennte, als hier zu verbleiben, – die Frucht meines Lebens muß doch im Norden aufgehen; bei den Meinigen!«

»Bei den »Meinigen«?«

»Er liebt sie ja doch alle!«

»Wirklich und wahrhaftig: bei den ›Meinigen‹ hat er gesagt?«

»So wie ich ihn errate,« – noch immer verzagt flüsternd redete Kayser – »denke ich nämlich: käme er nach diesem ersten Mal noch einmal herab nach Italien, – glauben Sie mir: keine einzige Saite seines Wesens finge neu an zu schwingen. Er hat Italien aufgefressen, mit Haut und Haaren verzehrt dieses erste Mal, und muß nun nach Haus, um es erst zu verdauen. Das nämlich kann er nur oben, denn er ist ein Deutscher! Er hat ein Vaterland!«

»Und ich hingegen sage Ihnen:« – und alles, was in Burys gärender Seele nach endlicher Klarheit über den noch niemals enträtselten Geliebten rang, glomm auf in dem feurigen Auge – »der Mann, den sie einen Hedonisten nennen, einen Epikuräer, Genußspecht, – er kann das Verzichten! Wie keiner! Aber der schwerste von allen Verzichten, die er jemals geleistet hat und je noch wird leisten müssen, ist der, an dem er jetzt hämmert: zurück zu den Seinen!«

»Ich glaub es nicht.«

»Warten Sie! Und Sie werden es sehen! Denn soviel schwöre ich Ihnen . . .«

»Fritz!« rief es laut vom Wald unten herauf.

Und sofort wieder, ohne ein Wort zu verlieren, rannten sie folgsam der Stimme nach. Landeten heiß und stumm, mitten im Berg, vor dem Schweigsamen, dessen Miene keine Trübung mehr zeigte; dessen Blick wie gezogen in immer wiederholten Reisen über den See hinüber nach jenem Hause in Castelgandolfo, und von diesem Hause wieder zurück über den See wanderte, auf die Hände, die über dem Stockgriff gekreuzt lagen. »Ein Boot?« fragte er leise, ganz leise.

»Fischerboot,« antwortete Kayser. In der Mitte des Sees trieb ein Boot, just im Spiegel des farblosen Klosters von Palazzuola Gandolfo zu.

»Schwer beladen?«

»Er rudert's kaum vorwärts.« Der einsame Schiffer, schwarz aufgereckt in der taktstrengen Regung, ruderte im Schweiße.

»Fische drin?«

»Peperin,« erklärte Bury. »Sie bauen ein Haus.«

»Steine statt – Fasanen?«

Eine Viertelstunde später aber, unter der Laube des raschelnden Dezemberblatts der Eichen, im ebenen Weg nach Albano, ergriff er entschlossen Kaysers Hand und behauptete: »Richtig gesehen, ist Weimar wahrhaftig ein schönes Zuhause. Norden, aber echter. Ich denke an ein tüchtig brennendes Öfchen, Sturm, Schneeflocken . . . . . . .«

»Und Kot und Provinzklatsch! Ja,« begehrte Bury trotzig gegen den vernichtenden Blick auf, »ich bin nicht feige und sage es nochmals: wie Jupiter nach Schilda, passen Sie nach Weimar.!«

»Der Herzog,« fuhr aber Goethe nach mitleidigem Pauschen fort, absichtlich gemächlich, »ein fürstgeborener Mensch; oder umgekehrt. Was etwas sagen will in Deutschland! Die Herzogin: ein Rätsel. Nicht aufregend, aber gewiß nicht lösbar. Amalia: eine Frau nach dem Herzen großer Dilettanten in der Kunst. Herder: unersetzlich! Wer soll die Ideen zimmern, wenn die anderen alle malen, komponieren und dichten? Wieland ein gütiger Priester im Tempel der vorigen Literatur. Die anderen, Frau von Stein zum Beispiel . . .«

»Das Boot ist verschwunden.«

»Angelangt?« Fast listig blinzelte Goethe dem Maler zu. »Frau von Stein, zum Beispiel, eine Dame von außergewöhnlicher Kultur. Frau von Herder . . . .« Mit einem Ruck, so, als habe er einen unverzeihlichen Fehler begangen, richtete er sich steil auf. »Das Erste, wenn ich von Weimar rede, muß dieses sein: ohne den Herzog hätte ich Italien nicht gesehen. Das sagt alles! Aber, Kayserchen!« Und rasch griff er Kaysers Arm zurück; es war nun ganz hell auf seiner Stirn, seine Stimme klang heiter. »Kayserchen, höre! Etwas muß Er mir noch machen! Ich habe vor Monaten ein Liedchen geschrieben . . . .«

»Was für ein Liedchen?«

» . . . ein Liedchen geschrieben,« – höchst bedeutsam lachte er vor sich hin, »ich sag nur: ein Liedchen!«

»Cupido, loser, eigensinniger Knabe?«

»Nein.«

»Also welches?«

»Ich sag nur: ein Liedchen!«

»Also was für ein Lied?« begehrte Bury außer Rand und Band am nächsten Morgen, nachdem er am Abend zehnmal umsonst gefragt hatte. Er schritt jetzt neben Goethen – Kayser war nach Rom zurückgegangen – durch die Weingärten überm See von Nemi nach Nemi hinauf. »Werd' ich's endlich erfahren?«

Aber Goethe war noch immer ohne Wort. Es war ihm abgerissen worden gestern abend, als plötzlich wieder das Meer auftauchte hinter der grauen Dämmerung der Campagna, ein Meer ohne Funke von Licht, eine grausam schimmerarme Fläche, worin die Sonne kampflos ertrunken war. Und die Nacht, war die Nacht etwa lichter als diese tote Gräue gewesen? »Nein!« flehte er verzweifelt rundum und beschwor mit bettelnden Augen die Urpflanze in diesen eingerollten, gelben, grünen, roten und rostbraunen Weinblättern, in diesen unzähligen weißen, rosenroten und violetten Astern, die mit schmiegsam zum blausten See hinab lachenden Beeten im Morgen der Sonne sich regten, »nein! einmal mußt du mir noch ganz aufgehn, Sonne, bevor ich da scheide, und dieses tiefste aller Geheimnisse lösen!« Der See aber, unter der heißen Bitte dieser Augen, bekam alle Farben des Regenbogens. An seinen Ufern schwollen die Wellen smaragdgrün, mit einem Hauch vorwinterlicher Kühle im Ton, an die felsigen Wände. Zur Rechten des Pfads verlachten ein scheckiger, noch großblättriger Kastanienwald, unterhalb eines Gartenhauses noch viel siegreicher drei hohe Sträucher weißer Rosen, die noch kein Reif getroffen hatte, die Nähe bitteren Herbstes. Zwischen den Terrassenmauern, die vom Palaste Ruspoli herab nach dem See sanken, schaukelten im Fächeln der Tramontana die festgestammten Steineichen, ein Hain von fast schwarzem Lorbeer und, hochschwebend mit Federn über der Steife dieser Kronen, die helle Grüne einer Palme. Efeu kletterte dem Steigenden um die Füße. Bambusblattrieseln traf seine Schultern. Das Auge aber, das gierig umhersuchend jedes Element um Hilfe anrief in diesem letzten Kampf um das Licht, sah alles zugleich: die kindliche Unbesorgtheit des Dezemberfrühlings; die geschwungene Kuppe des Cavo; das Gewoge der Parke und Wälder, wie es die gebreiteten Hänge auf Genzano herabwallte; vor dem scharfen Schattenriß von Genzano den Palazzo Cesarini; hinter seinem dunkelblauen Firste die goldene Ferne der Hügel und Täler im Schleier der bunten Verklärung; über diesem Schleier den Himmel ohne Wolke und Regung; und hoch oben im Osten dieses Himmels die Sonne, zu der es, wie ein Pilger zum Wunderbild, emporbetete.

»Welches Lied?« drängte Burys hartnäckige Stimme zum zwanzigstenmal.

Ja, welches Lied? Aber der Betende antwortete auch jetzt nicht. Der Herkuleskopf, den er vor Monaten modelliert, das Kinderköpfchen, das er gezeichnet, die rechte Hand des Antinous, die er genau – mit unsäglicher Mühe – festgelegt, die vier Leichen, die er, als sie schon stanken, mit bohrendem Aug um die Namen des Geheimnisses gefragt hatte, – was hatten sie bewiesen? Die Büste, die Trippel von ihm gearbeitet, der Apollokopf, über den sie feuerrot stundenlang gestritten, die unzähligen verborgenen Besuche im Vatikan, im Capitolinischen Museum, in der Villa Albani, in der Villa Ludovisi, in der Villa Borghese, im Palaste Giustiniani, im Palaste Farnese, bei Cavaceppi und Menágeot, – was hatten sie dargetan?

Todmüde auf einmal und ohne Hoffnung, ließ er sich im letzten Weinberg unter den Mauern von Nemi nieder. Ergriff den liebevoll herabhängenden Zweig eines Ölbaums und nahm eines der silbernen Blätter zwischen die Lippen. Als er vor den Leichen gesessen hatte, – was? Er hatte erst wieder vor Leichen sitzen müssen, um zu entdecken, daß der menschliche Körper aus einem kindlich einfachen Gesetz heraus war gebaut worden? Wer diesen Körper nun aber nachbildete, Natur nachbildete aus einer naturgeschaffenen Fähigkeit heraus, – mußte der nicht den Instinkt für jenes Gesetz in sich tragen, so, daß er nicht anders nachbilden konnte, als wie der Schöpfer vorgebildet hatte? Die Proportionen, wie sie Polyklet aufgestellt und Vitruv, verbessernd, überliefert hatte, – spöttisch lachte er: die lehrte jede Statue! Ihnen nachzufühlen, Kinderspiel! Wie aber stand es, wenn man die Proportionen schon in den Fingern oder, wenigstens, im Gehirn drin sitzen hatte, mit den Typen? Der Schöpfer hatte Rassentypen geschaffen. Die Kultur in der Rasse aber schafft von selbst wieder Typen innerhalb der Rassen. Der Künstler, der dies alles weiß, von selber wieder, innerhalb dieser Untertypen, seine Typen. Und gibt ihm nun die festgeprägte Mythologie einen Zeus zu bilden auf oder eine Athena, – was tut er dann?

»Er gießt oder meißelt die Idee dieses mythologischen Typus in jene Formen von Schönheit, die er, in Korinth, oder Argos, oder in Theben, aus den Formen des dortigen Rassetypus als die typischesten für sich ausgewählt und zu seinem Kanon gemacht hat.«

»Was? Was? Was??« fiel ihn Bury heiß an, »was reden Sie da?«

Und was folgte aus dem allem? – Getröstet lächelte er. »Du verstündest es doch nicht, mein Junge! Es ist noch kraus in mir; sehr verworren. Ich redete wohl nur, um zu versuchen, ob man es überhaupt ins Wort fassen könnte. Es ist meine Art so; vielleicht völlig absurd.«

»Aber was ist es?«

»Ein Geheimnis.«

»Am Ende das ›Prinzip‹, von dem Sie so oft reden?«

Verblüfft: »Ich sagte doch nie etwas vom Prinzipe?«

»Nur das Wort.« Und schnell, wie ein Kind an der Mutter, oder wie ein Liebender an der Geliebten sich niederläßt, ließ sich der Junge nieder zu den Füßen des Sinnenden; so, daß er seinen Kopf in dessen Schoß ruhen hatte und in den Himmel aufschauen konnte. »Also?«

Ob man nämlich, fragte angestrengt das rastlose Gehirn rundumher und zuletzt wieder empor zur Sonne, wenn einem alle diese Folgerungen feststanden, daraus schließen durfte: wenn Lysippos oder Praxiteles einen Hermes zu bilden, – also einen Menschen nachzuschaffen hatten, der den Gott Hermes offenbaren sollte, – und sie kannten: erstens die Proportionen des menschlichen Körpers; zweitens den hellenischen Nationaltypus; drittens den Typus ihres Gaus zur Zeit ihrer Kultur; viertens den mythologischen Typus des Hermes; und hatten, fünftens, sich bereits ihren Formentypus, ihren Kanon gewählt, – mußten sie dann nicht nur ganz einfach das Stichwort »Hermes« sich zurufen und Marmor und Meißel nehmen, um gar nichts anderes schaffen zu können als: den Hermes ihrer Zeit? Den des Praxiteles oder des Lysippos?

»Wenn ich dich nun fragte, Fritz,« – mit allen Gliedern in Bewegung richtete er sich auf, ließ den Ölbaumzweig los – »ob du es für möglich hieltest, daß ein Myron, ein Skopas, wenn man ihnen auftrug: Hera-Statue, nur ganz einfach hineingingen in ihre Werkstatt, die Täfelchen hervorholten, die all ihre Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Handwerk folgegerecht aufgezeichnet enthielten, und nun gemütlich Marmor und Meißel nahmen, gar nicht mehr nachdenken mußten: wie? und was? sondern ohne weiteres . . . .«

»Offengestanden,« – frech drehte Bury den Kopf so, daß sein Auge voll das fragende traf – »ich pfeife im Augenblick auf Skopas und Myron. Auf alle Künstler und die Kunst überhaupt. Denn hier ist das Leben!«

»Auch die Kunst ist Natur!«

»Aber höher als jede Natur gilt mir: das menschliche Herz in der Natur!«

»Es ist auch nur Natur!«

»Es faßt Kunst und Natur. Aber darüber hinan auch noch Himmel und Hölle. Oder: Ist etwa Gott auch Natur?«

»Ich möchte,« fuhr er tollkühn fort, weil er fühlte: das hat getroffen, »ich möchte so gerne wissen ob Sie . . . .«

»Ob ich?«

»Soll ich?«

»Warum nicht?«

»Ob Sie die Maddalena, mit der Sie in Gandolfo soviel beisammen waren, geliebt haben, oder nicht?«

»Ich meine nämlich« – ja, jetzt nur mutig drauf los! –: »die Liebe, die Frauen, – nicht die Weiber – das ist doch, für uns, ein Hauptsinn des Lebens Was erlebt man denn ohne das Herz? Wenn nicht das Herz einem Zweiten heiß zuschlägt, nicht das Herz unerbittlich befiehlt, sich ganz und gar hinzuschenken – was wird man denn wissen oder entdecken könne von der Welt? Da man doch nicht einmal ahnen kann, wenn man nicht liebt?«

Goethes Antlitz, im Nu verändert, blickte scharf geradeaus über den First des Palastes Cesarini in die Wipfel der Bäume, die Albano zu standen. Es ist ein Etwas in diesem Morgen, dachte er, scheinbar urfeindlich Bury abgewendet, – ein Etwas, das ahnen läßt. Die Welt liegt lächelnd in der Schale des Morgens. Die Sonne, die herüberkommt über uns, ist verheißender als jene, die gestern abend im Meere ertrank. Die Erde hat alle ihre Geheimnisse freigebig aus ihrem Schoße getrieben und stellt sie offen zur Schau. Die Luft wellt sichtbar, das Wasser rollt hörbar, das Feuer regt fühlbar die Kräfte an. Fürwahr: wenn man nur recht frei über alle diese Zeichen hinausschaut, wird einem wunderbar klar: Alles Große ist einfach! Was soll also so Unergründliches darin verborgen sein?

»Sie aber,« schmetterte Bury unverschämt heraus, »sperren sich nachgerade einfach vom Leben ab! Von diesem Leben! Und sind achtunddreißig!«

»Hörst du nichts, Fritzel?«

Böse fuhr Bury auf. »Nichts!«

»Doch! Ja! Eine Melodie!?«

»Woher?«

Jäh, mit fröhlichstem Auge blickte Goethe hinaus über den See. Soviel wäre ja selbstverständlich: in jeder Stadt, in jedem Dorf, jedem Haus liegt die Melodie gefangen, die aus den täglichen Schicksalen seiner Menschen fließt. Warum also sollte Nemi nicht singen? Der Himmel, dieses Zelt voll Spannung, singt gewiß! Die Erde, besonders eine Erde wie diese, die jede Raserei der Reife erlebt hat, soll sie nicht schwingen in nachlebenden Klängen aller Liebesleidenschaft, die sie durchzitterte, bis endlich die Frucht in ihrem Schoße lag? Der See aber, unter der Berührung des Feuers aus dem Himmel und dem Aufpochen des Feuers unter seinem Boden, wie soll der nicht seine Wasser in tönender Bewegung schieben zwischen diesen zwei Antrieben, die ihm sein eigenes Wesen erst recht zum Bewußtsein bringen? Alles wahrhaft Lebendige jedoch endlich, der Mensch, Tier und Pflanze, – gibt es nur einen Seufzer der Seelenbrust, der nicht wenigstens in ihr drin Melodie gebiert? Einen Laut der Bestie, der nicht nach Gesetzen der Musik wird? Und das Rascheln, Aufwachsen, Sichentfalten der Pflanze, jedes Sinken eines Blatts, jede Verstreuung des Samens . . .

»Ah?« Laut und herzlich lachte er auf. Das also war das Wunder? »Eine Flöte!« Eine Flöte ertönte über den Dächern des Städtchens. Im vielfarbigen Grün des Berges stieg ein Hirtenbub, blitzenden Hemds, mit seinen weißen und gelben Schafen fröhlich flöteblasend ins Weideland hinüber. »Eine einfache Flöte!«

»Ja, aber warum antworten Sie nicht?«

Aber nur noch ungerührter, fast wollüstig legte sich Goethe in die Erde zurück. Die Sache war ja noch selbstverständlicher, als diese Flöte glauben ließ! Wenn die Natur ihre eigene Melodie hat, – auch ohne daß Menschen in ihr leben, – was Wunder dann, daß eine Landschaft wie diese neben ihrer eigenen Melodie auch noch die ganze Historie der Menschen nachsingt, die auf ihr gelitten und gejubelt haben? »Du!« Als ob ihn die Erde auswürfe, fuhr Goethe empor. Wie? Wenn daraus hervorginge, daß jedes Geschöpf seinen eigenen Laut hat, daneben aber auch noch, – wenn es ein lebendiges ist! – den seines inneren Erlebens; muß dann nicht notwendig auch eine Statue nicht nur ihre eigenen Proportionen austönen, – dieses Kräfteparallelogramm von physischen Beziehungen – sondern auch das Leben, die Person ihres Schöpfers und die Kultur ihrer Zeit? »Fritz!« Fabelhafte Funken sprühte das Auge. »Im Palazzo Ruspoli soll ein Faun zu sehen sein, der die Flöte bläst. Wie wär's, wenn wir schnell . . . .«

»Nicht um ein Schloß! Erst müssen Sie antworten!«

Den gütigen Zweig des Ölbaumes langte der Besessene wieder an sich; nahm wieder das silberne Blatt zwischen die Lippen. Wenn das nämlich wahr ist, dann ist das Gesetz eines vollen Kreislaufs entdeckt! Die Musik ist das Wort der Natur. Die Proportionen des Menschenleibs sprechen es also gewiß ebenso vernehmbar aus wie jedes andere Stück Schöpfung. Je gründlicher es aber erlauscht wird, – vom musikalischen Ohr! – umso unwiderstehlicher muß es zur Kunst hintreiben: der Bildhauer meißelt es, der Maler malt es, und ich, – »Fritz!« rief er in ungeheurer Befreiung, »ich hab es!« – ich dichte es, indem ich das alles errate! Denn Dichten heißt Erraten! »Fritz! Du!!« Mit wilden Händen preßte er das Haupt in seinem Schoß, daß der böse verzogene Grollmund laut aufschrie. »Bursche, wenn mir jetzt die Statuen nicht eindeutig das Prinzip offenbaren, aus dem sie entstanden sind und nun jeden Tag neu erstehen können, dann will ich nicht Hans heißen! Denn jetzt halte ich den Schlüssel Nummer Zwei in der Hand da! Steh auf, Junge! Presto! Blitz! Wird's bald?«

Aber Bury – ja, was war nur geschehen? – Bury weinte auf einmal! »Ja was ist dir? Was hast du? Fritz!« Aber mit zornigen Armen umklammerte der Jünger die Knie des Mannes, den die ahnungeinhauchende Natur nicht mehr hielt, weil es ihn zum Steine zog, unerbittlich zum leblosen Stein in einem steinernen Palast. Und zornig war sein Weinen, zornig wälzte sich der Kopf im gefesselten Schoß, und von zornigen Lippen endlich schrie es herab: »Weil Sie kein Herz mehr haben! Gar kein Mensch mehr sind!«

»Es nicht einmal mehr merken,« schrie es rücksichtslos weiter, »vor lauter Statuen und Zeichnungen und Musik in Ihrem unmenschlichen Schädel drin nicht einmal mehr spüren, daß da vor Ihnen ein Mensch zugrundegeht!«

»Du?«

»Ja! Zugrundegehen könnt ich, bevor Sie nur einen Dunst davon kriegten! Ein gemeiner Faun im Palazzo Ruspoli kann Ihr Herz eher rühren als ein lebendiger Mensch!«

»Und warum gehst du zugrunde?«

Mit einem Satz schnellte der Zornige auf, kniete sich peinlich leibnahe vor die verblüfften Augen hin und grub ihnen den Strahl seines fordernden Blicks ein. »Antworten Sie zuerst auf das, was ich gefragt habe!«

Wie nach der einzigen Hilfe, die helfen konnte, sah sich Goethe nach dem Ölbaumzweig um; aber seine Arme und Hände waren eisern gebunden.

»Ich habe die Maddalena nicht geliebt,« sagte er endlich, steif nach der Seite abgewandten Gesichtes. »Denn ich habe ihr ganz bewußt, vom ersten Augenblick an, mein eigenes Leben, – wenn es nicht zu unbescheiden ist: meine Aufgabe vorgezogen.«

»Übrigens,« setzte er, nach langem, trockenem Schweigen hinzu, »was hat das mit deinem Zugrundegehen zu tun?«

Ohne ein Wort zu erwidern, löste sich Bury von ihm. Ließ sich von neuem zu seinen Füßen nieder, legte wieder den Kopf in seinen Schoß und blickte starr in den Himmel hinauf.

»Du? Antwortest du nicht?«

Nicht ein Wort.

Und – eigentümlich! – der Hirte mit der Flöte war jetzt verschwunden. Die Flöte verklungen. Die Beete der Astern brachten keine rechte Farbe mehr auf. Die Formen der Erde schienen in einem sicheren Gefühl von sinkender Schönheit zu schwinden. Der Himmel verneinte nicht mehr die Frage: ist wahrhaftig Dezember? Der See verschlief in der Ergebung darein, seine Melodie verloren zu haben, so unerwartet verloren zu haben, wie die Schiffe Neros ihre Steuermänner in seinen Wellen. Auch die Schicksale der Häuser und Hütten da hinten mußten ganz plötzlich gestorben sein, so tief schwiegen die Hütten und Häuser. Und wenn man sich aufsetzte und mit streng aufmerksamem Auge rundum sah, mit gespitzten Ohren rundum hörte, dann erlauschte, ersah man nur soviel: in einem Weingarten unterhalb von Nemi sitzest du, in der Landschaft Albano, einige Meilen südöstlich von Rom, am eilften Dezember 1787, und bereitest dich vor, dieses Land – zu verlassen!

»Heute vor zwei Jahren . . .«

Erschrocken fuhr Goethe zusammen. »Was sagst du?«

»Heute vor zwei Jahren,« wiederholte Bury, die Augen noch immer streng und starr droben im Himmel und das Herz voll von den Melodien seines reifenden Lebens, »ist mir folgendes geschehen: ich hatte in einer Villa in Tivoli übernachtet. Im selben Hause, aber durch den großen Saal, der vom Erdboden in das Dach hinauf durchging und leicht sechzig Fuß im Gevierte maß, von mir getrennt, schlief die Frau, die ich liebte. Sie war um etwa zwei Jahre älter als ich, an einen Mann verheiratet, den ich – natürlich! – nicht leiden mochte, und besaß drei schöne Kinder: ein Mädchen und zwei Knaben. Seit Monaten folgte ich ihr, wie man einem Stern nachgeht; er ist unerreichbar! Sie tat so, als sei ihr meine Liebe lieb, und wenn sie sah, wie ich mich nach ihrer Liebe sehnte, wußte sie mich so gut damit zu trösten, daß es mir doch nicht gleichgültig sein könnte, wenn sie schuldig würde; ließ mich also merken, daß sie mich, vielleicht, wohl lieben könnte, und wissen, daß sie mich nicht lieben dürfte. Was ihr das Leben bis dahin gebracht oder genommen hatte, sagte sie nicht. Ich erinnere mich nur daran, daß ich ihr einmal, an einem Sommerabend, unten im Garten vor dem Casino der Villa Doria, in meiner ungezügelten Art und mit meinen wilden Worten – ich fühlte an diesem Abend: sie muß mein werden, oder ich verdurste! – meine Liebe, meine ganze Liebe ausschüttete. Da sagte sie, – ich sehe noch das fast kindliche Lächeln um ihren wunderschönen Mund – sagte sie: wie sie etwa sein mag, die Liebe? – Ich erzähle schlecht? Was?

»Weiter! Weiter!«

»Natürlich erzähle ich schlecht. Immerhin! – Ich lag also die ganze Nacht schlaflos da in dem schönen Gemache. Sie hatte mir, natürlich, nicht das geringste Recht zu hoffen gegeben, sie werde in dieser Nacht zu mir kommen. Trotzdem, und gerade, weil ich ganz genau wußte: ginge ich zu ihr hinüber, sie würde mich ganz gewiß zurückschicken, war ich, ich weiß nicht warum, fest davon überzeugt: in der nächsten Minute wird die Tür aufgehn und sie hereinkommen! Liebe ohne Erfüllung, Sie wissen ja, – auch wenn man sie in Deutschland vielleicht einmal geliebt hat, in Rom liebt man sie nicht! Aber diese Frau mit ihrer vollkommenen Unverdorbenheit hatte mir so sehr die Augen über mich geöffnet, daß, sobald sie vor mir stand oder mit mir ging und ich mir eingestehen mußte: eigentlich begehrst du sie doch, willst vor allem ihren schönen, unwissenden Leib! – ich mich vor ihr in den Boden hinein schämte. Und oft gelang es mir für Tage und Wochen, ja Monate, – nein! Sie dürfen mir's glauben!«

»Ich glaube es!« Denn – eigentümlich! – der Hirte mit seinen weißen und gelben Schafen kam jetzt flöteblasend aus dem Wäldchen oben im Berggang hervor. Sein Hemde blitzte wieder in der Sonne, das Lied seiner Flöte schwebte wie ein singendes Wölklein über dem See, über den Astern, über dem Weinberg, und die Hütten und Häuser dahinter hatten wieder ihr Schicksal.

»Gelang es mir,« fuhr der Jüngling, der die Flöte gar nicht hörte, wie im Traum fort, »zu wissen, ganz genau zu wissen: nein, Fritz, diesmal liebst du eine Seele! Und das machte mich ungeheuer glücklich! Ich wurde stolz auf mein Herz, ich fühlte auf einmal, daß wir Männer gewöhnlich unverantwortlich wild und wüst leben und die Fähigkeit zu den höchsten Freuden des Lebens zugleich mit unseren reichsten Kräften zertreten. Ich sehnte mich also auch in dieser Nacht nicht etwa darnach, einen Leib zu besitzen, eine Lust zu genießen, sondern . . . .«

»Ich verstehe!«

»Ich fürchte, daß Sie es nicht mehr verstehen! Ich sehnte mich nur nach ihr! Sie aber – kam nicht! Ich schlief gegen Morgen ein, und als ich erwachte, ein Lakai an die Tür pochte und ein silbernes Tablett mit dem üppigsten Frühstück hereinbrachte, schrie ich den Mann wie einen Dieb an. Es war ein solch flammender Zorn, eine solch beißende Bitterkeit, ein so tobsüchtiges Unglück in mir, ich wußte nicht mehr ein und aus. Ich hatte ihr einmal, streng absichtlich, angedeutet, daß ich mich, schon um nur endlich einmal ganz in den Tempel einziehen zu dürfen, den ich ihr aufgerichtet hatte, und keinen Gott neben ihr mehr zu kennen, so armselig darnach sehnte, daß sie mir einmal, ach, endlich einmal nur den bescheidensten Beweis davon gebe, daß sie mich liebte; denn, liebte sie mich, dann wußte ich doch auch: darf sie mir auch nicht angehören, nach ihrem Gefühl könnte sie mir angehören; und das hätte mir genügt. Und nun kam sie nicht! Also war auch sie wie die anderen! Denn sie weiß, wie sie mit einem einzigen Augenblick, durch das bloße Bekenntnis ihrer Entschlossenheit, der Konvention ein Opfer zu bringen, mich für immer erlösen könnte, – und tut es nicht! Weil sie nicht den Mut dazu aufbringt, nicht den Schwung dazu aufbringt, um meine brennende Sehnsucht, – die sie ja zu ihr hinüberbetteln hören mußte! – zu erfüllen; und ihr nicht das Gewissen, – denn ich sehnte mich nach nichts, was ihr Gewissen belasten konnte – sondern die Sitte mehr galt als mein verlorenes Herz! Und da, mit einem Griff – ich erinnere mich so haargenau, als ob es heut wäre – den pfauenblauen Brokat meiner Bettdecke ritsch ratsch von oben bis unten entzweigerissen und die Decke abgeworfen, um aus dem Bett zu springen, – und in diesem Augenblick stand sie da!«

»Helena!« In einem Blitz von Licht erinnerte sich Goethe jener rasenden Begier auf der Terrasse des Hamiltonschen Casinos in Neapel, Helenen zu sehen. Und im Blitz eines Bildes, das gegenständlich war von den Zehen Helenas bis zum Scheitel Helenas, sah er Helenen, wie sie dem Jüngling erschienen sein mußte. »Und?« rief er atemlos. »Und?«

Aber nun stieg der Hirte mit seinen weißen und gelben Schafen über die blaue Halde zum nördlichen Ufer des Sees ab. Und sobald die Schafe auf der Klippe standen und eines neben dem andern mit sinnlosen Augen hinabstierten in die Flut, ließ er sich auf dem Felsen nieder und blies feuriger, voller, kräftiger, und plötzlich flog sein Lied – welches Lied? – über Sonne und Schatten, als wäre es alles, allmächtig.

»In einem Mantel aus himmelblauer Seide stand sie da,« hob der Verklärte wieder an. »Hell war ihr Gesicht wie der Morgen, als es mich anlächelte. Schwarz wie meine Nacht darüber das Haar. Als sie das fassungslose Erstaunen sah, in dem ich zitterte wie vor einem Wunder, schlich sie ganz leise und rasch näher und lächelte: »Nicht Francesca kommt; nur ein Jüngling! Der Jüngling!« Und warf im nächsten Augenblick den Mantel ab, stand, als Page gekleidet, vor mir . . . .«

»Ich kann sie nicht beschreiben!«

Menschen, Tiere, Bäume, Steine, Himmelsflitter, wisset ihr nicht, sang das Lied des Hirten auf dem Felsen, daß aus dem liebenden Herzen allein die allmächtigen Rauchopfer aufsteigen in die Höhe der Äther? Aus dem liebenden Herzen allein auch die zauberkräftigen Flammen hinabschlagen in die Schlünde der Erde? Das liebende Herz allein das Unmögliche möglich macht, den Staub den Sternen vermählt und alle Geheimnisse gläubig löst, die wie schlafende Lider auf den Augen der Welt liegen? Wißt ihr es nicht? »Und?« heischte Goethe brennenden Antlitzes.

»Und?«

»Wie soll ich es noch wissen! Auf einmal saß sie, saß der Jüngling auf meinem Bette, schlang die Arme – die Arme Francescas! – um meinen Hals, legte das Gesichtlein an meine Brust und sagte: weil ich dich gehört habe!«

»Und dieser Seele begegne ich vor drei, oder zwei, oder vier Wochen,« – Sturm, Hölle, Verzweiflung jetzt in der Stimme, die mit einem Schlag jede Herrschaft verloren hatte – »und kann ihr kein Wort mehr sagen! Mein Auge ist tot vor ihr, meine Glieder schlottern blöde vor ihr, mein Herz ist vernichtet, – ich komm gerade von der Dianetta! Und nun sagen Sie mir . . .«

Entsetzt fuhr Goethe zusammen. Flamme von oben bis unten, mit einem Blick ungeheuerster Anklage, stand der Jüngling vor ihm. Das war nicht Bury. Das war kein Menschenbild, das nach dem Meißel, dem Pinsel rief. Kein Stück Natur, dessen Melodie mit einendem Ton hinwies auf die Flüsse der Melodien des Wassers, der Erde, der Luft und des Feuers. Sondern Blick eines Dämons, der in den Blick eines zweiten Dämons tauchte und die Verwandtschaft mit Leben und Tod jeder anderen Schöpfung hochmütig leugnete. »Klipp und klar sagen Sie mir jetzt, offen und ehrlich: wie es möglich ist, daß ein Mensch wie Sie – Sie! – sich mit jener Faustina ergötzt!«

»Nein! Nein! Nein! Nein! Sie kommen mir nicht aus!« fiel nach diesem sausenden ersten Hieb gleich der zweite herab. »Ich will es haargenau und aus Ihrem eigenen Mund erfahren: wird der Geist eines Menschen – seine Person, die Persönlichkeit – wirklich erst dann geboren, wenn er sein Herz zertritt? Und ist es darum richtig, wenn der Mann, der etwas werden will, – da er doch eben auch dabei ein Mann bleibt! – zwar nicht seine Begierde tötet, wohl aber seine Liebe zur Liebe?«

»Ich habe dir niemals gesagt, du sollst nicht lieben!« kam es wie Angstschrei aus Goethens Munde.

»Ich lebe nach Ihrem Beispiel!«

»Ich habe mich niemals zu deinem Meister aufgeworfen!«

»Sie haben Moritzen . . .«

»Ich habe Moritzen sinnlose Sentimentalität verboten!«

»Und ihm damit seine Liebe erstickt! Sie aber« – und wie ein Baum, den ein zweiter Frühling jäh nach dem ersten, ohne daß Sommer, Herbst, Winter dazwischen gingen, in die Höhe treibt, wuchs der Entfachte in die Luft vor ihm auf – »Sie aber haben hier in Rom, nur damit Ihnen die Schleier von den Gemälden und Statuen fallen, von Natur und von Kunst und vom Schweigen und Tönen, und Sie allein eingehen können in die Erkenntnis der Dinge und ins Reich Ihrer Person, jedes Band zerschnitten, das zwischen Ihnen und allen lief, die von Ihnen Liebe begehrten! Leugnen Sie nicht und schauen Sie mich nicht so an! Ich brauche nur einen einzigen Namen zu nennen, – ja, ich nenn ihn, ich nenn ihn: Charlotte . . .«

»Du!«

»Jawohl, ich! Und ich sage Ihnen weiters . . .«

Aber, wie von einer Eisenfaust vor die Stirn geschlagen, verstummte nun Bury; wechselte die Farbe.

Starr, im unheimlichen Schweigen, das die Flöte des Hirten auf dem Felsen nicht mehr zu übertönen vermochte, erhob sich Goethe. Und ohne noch Stunden, die Scheidung zwischen Tag und Nacht zu kennen, rollte das Schweigen weiter, drehte sich, wahnsinnig, die Erde, wuchsen die Bäume in die Himmel, senkten sich die Himmel über die zitternde Erde und kündigte sich mit Posaunen, die aus jedem Gras, jedem Tropfen, jedem Hauch und jedem Strahl klangen, ein furchtbarer Zusammenbruch an. »Du brauchst nicht zu glauben,« stieß der Mund plötzlich mit tobsüchtiger Stimme hervor, »dir nicht einzubilden . . . .«

»Ich bilde mir gar nichts ein!«

» . . . dir nicht einzubilden,« wiederholte der furchtbare Mund, »daß du, weil ich dich liebe . . .«

»Ich liebe Sie!!«

»Meinst du, du zwingst mich, dir's zweimal zu sagen?« Wie Donner, der über stürzenden Bergen niederbricht, dröhnte die Stimme und zerschlug. »Jeder lebt, wie er muß! Wie es sein Gewissen ihm vorschreibt! Keines ist gleich dem anderen! Es gibt keine Gesetze für alle!« Und drei zerstampfende Schritte vom Jungen weg tat er. Nun doch drei. »Laß dein Skizzenbuch nicht liegen!« rief er eisig, als ob ein ausgebildeter Gletscher mit schrillem Krach in die schlankste Pyramide von Eis sich zusammenpreßte, »ich geh in den Palast hinauf.«

»Weil ich ihn liebe!« lächelte im einsamsten Schmerze der Jüngling, »nur weil ich ihn liebe!«

Während der Dunkle schon vor den Satyr trat, der die Flöte blies. »Fort!« befahl er mit der hochmütigsten Gebärde der Hand. »Keiner von diesen Gedanken an mich heran! Dieser Kampf ist und bleibt ausgekämpft!« Und mit dem hochmütigsten Auge beschwor er den Stein: rede! Aber der Stein redete nicht! Er mochte ihn umgehen, so oft er wollte, Zahlen herleiern, Proportionen nachmessen, Melodie aus seinem aschenen Herzen aufrufen, soviel er wollte, – der Stein war und blieb tot! Es führte keine Brücke vom zuckenden Menschenleib zu diesem Bilde. Aber auch keine vom Menschengeist, der es gebildet hatte, zu seinem Geschöpfe. Das »Prinzip« paßte wohl, aber zwischen dem Künstler – der vielleicht an einem Streit in seinem blutigsten Gemüte gestorben war – und diesem ewig unveränderbar Flöte blasenden Steinsatyr gähnte eine Kluft, die niemand und nichts überspannte. »Fort!« scheuchte er noch einmal, vernichtet, die anwirbelnde Flut der Besinnungen von der Stirn. Aber ward nur noch grauer. Die Ungeduld der Enttäuschung mit jedem weiteren Blick auf den Stein nur noch bitterer, die plötzlich wiedergekehrte Verhülltheit des Geheimnisses, wie sie auch alle anderen schon enthüllt gewesenen Geheimnisse verhüllte, nur noch endgültiger. Und wie eine dicke, vom Scirocco herabgepreßte Wolke, die von Sekunde zu Sekunde zwingender niedersank, um zuletzt für immer und ewig zu zerdrücken, legte sich der Dämmer der Verworrenheit um die verstörten Sinne. Wie, fuhr es grell wie Rettung durch die verlassene, wimmernde Seele, wenn ich entschlossen zu Bury zurückkehrte und die grausame Szene mit überlegener Lüge oder mit Reue oder lachender Gleichgültigkeit auslöschte? Aber mitten auf dem Wege fiel ihm der Name »Charlotte« ein – hatte er sie nicht »Lotte« genannt? – und er drehte wild um, – und noch einmal hinauf zu dem Steine.

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