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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Er erhob sich aus dem Papststuhl. Das Erz vom Marc Aurel auf dem Capitol hatte er gewagt zu streicheln. In diesem Papststuhl einmal Mittagschlaf gehalten. Dort drüben, in der Ecke, ein Pfund Trauben schmatzend aufgegessen. Aber: so unter dieser Decke stehen und, aufschauend, laut zu sagen: »Ich bin,«– das wagte er nicht! Hier nämlich winkte etwas! Hier verbarg sich etwas! Nicht der Geist des Werkes! Wenn er sich vorstellte: mir gegenüber, unter der Sintflut, steht Michelangelo, sein Rücken ist krumm, sein Gesicht, den Bart, den Kittel über der Brust verunzieren tausend bunte Farbentropfen, er stöhnt verzerrt, der Papst versteht ihn nicht, die Nächte sind schlaflos von der Lieblosigkeit, der Habgier, der gemeinen Erpressungssucht in seinem Hause zu Florenz, und er wird alt, – o: auf die Kniee fallen, auf den Knieen zu dieser armen Seele hinüberrutschen, die schlaffe Hand, die kraftlos niederhängt, ergreifen, küssen, inbrünstig sich an dieses bürdevolle Herz anpressen und aus dem heißen Herzblut rufen: »Du! Du bist!«, – das würde er! Denn auch der Geist von diesem Werke redet klar! Verstand sich leicht! Ein Mensch, dem gar kein Leid der Seele erspart geblieben und der sich Gott als Jesulein vorstellen mußte, so grausam viel an Weh und Hang und Drang nach Liebe, Erbarmen, Segnung lohte in seiner wunden Brust, – dieser Mensch schuf sich den Gott als Schöpfer, vor dessen Unmaß die Maße selbst der größten Geister versagen; als Schöpfer, der in der Wildheit seiner Elemente schwelgt, im Prunk der menschgeschaffenen Schönheit . . .

» . . . . menschgeschaffenen Schönheit?«

 . . . im Prunk der menschgeschaffenen Schönheit menschlich lächelt, und dann mit Schlangen straft, hart, unerbittlich; und – mit seinem Christus die Böcke in die Hölle stößt. Und schuf damit: die höchste Kunst!

Was aber, wenn Form und Geist des Werks so deutlich sprachen, winkte dann? Was mahnt? Was flüstert?

Und quält so? Heraus damit! Gewalttätig hob er die Augen. Ja, heraus damit! Einmal muß es gesagt werden! Gewiß: daß seine Seele sorgte, indem sie rastlos gierig, von nichts erschütterbar, den Eingang in den Tempel dieser Kunst suchte, – Angelica hat es gefühlt. Also ist es wahr! Aber: ob dies Sorgen auch Frucht brachte? Erzeugte? Erzog? Wieder senkte er den Blick. Doch! »Es muß schonungslos herausgesagt werden: wir pfuschen alle!« Nicht nur er! Ein Instinkt, nicht Wissen und Erkennen, sagte es ihm: In Mengs, welch starre Gebundenheit ans Vorbild! Wenn Winckelmann den Apoll beschrieb, – wo waren die Kunstwerke, an welchen verglichen dieser Dithyrambus zur Schwärmerei auswuchs? Angelica? »Verzeih es, schöne Seele!« Angelica, als Künstlerin, ist: hoffnungsloses Beginnen, in Spuren zu wandeln. Selbst Tischbein, – was vermag er eigentlich? Und Bury, Schütz, die andern? Als ob ihn eine Fliege stäche, zuckte er auf. Sie konnten nicht einmal richtig schreiben! Ihr Geist denkt nicht organisch. Sie mühen sich nach den einfachsten Binsenwahrheiten mit der Anstrengung von Titanen. Und haben sie ein Körnchen gefunden, dann liegt daneben, komisch genug, die Riesenharke, mit der sie es gegraben. Und dieses fortwährende, krampfhafte Sichbeschäftigen mit Kunst und Kunstwerk, hier überschätzend, dort überhaupt nicht sehend, bald wahllos gieriges Sammeln, bald hochmütig kritisches Sondern, – war es nicht Manie? Spiel mit schönen Leichen? Da neues Leben doch allein im Künstlergenius erstehen kann? Er aber erst! Er, Goethe! Dem eine Kunst gegeben war! Der, wie im Traum, aus jedem Stein, aus jedem Herzschlag Leben zaubern konnte! Ihm schwindelte. Was preßt so nieder da? Nagt so, so unbarmherzig? Tiefaufatmend, widerstrebend, mit dunkler rechter Hand am Chorgestühl sich haltend, ließ er sich niedergleiten in den Boden. »In Paestum,« – in heftigen Stößen kam es aus der Brust – »welch' klare Sicherheit! In Sizilien, was für ein genaues Wissen von der Berufung! Und hier?« Verzweifelt riß er sich zurück. »Du, Michelangelo!« In angestrengter Sammlung hetzte sich das Auge in den Jeremias, der Michelangelo selber schien. »Du! Sprich du! Weise! Winke! Deutlich!«

Umsonst, es blieb grabstille.

Blutlos, Minuten später, als er wie ausgetrieben aus der Kapelle die Treppe zu Sankt Peter aufwärts stieg, war sein Gesicht. Es ward nicht nur nicht Licht, es wurde immer dunkler! Das Netz umstrickte ihn, er hatte nicht die Kraft, die Fäden zu zerreißen. Dazu: die Kirche völlig leer. Ungewisses Halblicht füllte ihre Höhen. Aus dem Kuppelraum floß letzter Schein. Die Höhlen der Kapellen klafften wie riesenhafte Mäuler ins Mittelschiff heraus. Schwarz stand im linken Kreuzschiff vor ungeheurem Pfeiler die Kanzel des Großpönitentiars. Die Lichter, die auf den Geländern der Kryptastiegen brannten, zuckten flitterig über den verlassenen Marmor. In häßlicher Einsamkeit hob der Hauptaltar seine gewundenen Säulen über Gold, das ohne Ruhe blinkte. Vor dem erzenen Petrus kniete ein alter Mann. Aus dem Tor der Sagrestia trat ein Priester im Chorhemde, begleitet von zwei scharlachroten Ministranten. Verschwand wie Traum im weiten Zug des Dunkels. Sogleich begann ein Glöckchen schwach zu klingeln. Kam Volk herein? Murmelndes Gebet erscholl. Aber verklang gleich wieder; so, als ob die Gasse Volks mitsamt dem Priester eilends durch die Mauer der Kirche hinaus in den Camposanto der Tedeschi gezogen wäre und dort Gottesdienst hielte. Die Capella der Pietà? Mein Gott, in kalter, unerreichbarer Ferne! Die Cathedra in tiefster Fremde! Vielleicht, in einem der Beichtstühle, starb ungehört in diesem Augenblick ein Aussatz? Vielleicht, im Finster der Capella der Colonna, hielt sich ein Liebespaar umschlungen? Vielleicht, unterm matten Schein der Kommunion des heiligen Hieronymus, gebar eine Mutter?

Plötzlich, mit ungeduldigem Schritte, ging er, an der Capella Gregoriana vorbei, in den Raum unter der Kuppel. Erkannte noch das Geländer des Saumes, die Pfeiler des Tamburs, und tauchte nun den Blick in die Laterne. Das Licht troff bleich. Da droben – war der Himmel. Und das, worauf er stand, war das die Erde? Der Bau der Kuppel, die von sanft gestorbenen Farben erblichener Mosaike kaum noch glänzte, in freier Kühnheit sich aufschwang über überwundenem Raum in eine Zone, wo kein Raum mehr galt, – ist sie ein Gleichnis? Vermittlung zwischen Hier und Dort? Ein Griff des Menschengeists in Schöpfernähe? »Doch – jedenfalls: Natur! Nicht Kunst! Natur!«

Dies Wort, dies jähe Wort, – wo klang es jetzt? Er wandte sich um. Unermeßlichkeit bezwungenen Raumes überall. Er drehte nach Osten hin. Urform und Unform von Stein, Metall und Luft, mit Leichtigkeit gebändigt. Von neuem umgewendet! Der Mensch verschwindet hier. Hier erscheint sein Kommen, Gehen, Beten, Staunen wie Willkür; und dennoch völlig ebenbürtig dem Walten dieser Maße. Nach Norden drehte er nun. Wohl: ringsum Dunkel. Auch dieses aber beherrscht von einem Auge, das den Gegensatz von Licht und Finsternis erfahren hatte und sich die Welt aus diesen beiden Mächten baute. Im Fluß der Dämmerung, der über diesen Harmonien niederrann und aufstieg, in diesen Helligkeiten, die wie aus genau gemessenen Brunnen aufquollen und wie aus gewissenhaft gebildeten Himmelslücken niederschwebten, fand Auge, Herz und Geist des Menschen dieselbe Möglichkeit des Ruhens, des Sichvereinens mit dem Kosmos, wie – im tiefsten Hochwald; wie an der Meeresküste; am Busen der Geliebten! Stell einen blühenden Pfirsichbaum herein unter die Bogenwölbung dieser Apsis, und du erkennst sogleich . . .

»Sogleich? Sogleich?«

Ein Beben lief durch seinen Leib. Dies also war das Licht? Hier also ging es auf? Hier ward es helle? Als ob er sich, die Welt, den Schöpfer neu erkennte, mit einem Jubelschrei fiel er zu Boden nieder. ». . . und du erkennst sogleich: der Ursprung dieser Wölbung ist der des Pfirsichbaumes auch: Geschaffenwordensein. Ihr Sinn gleich wie der seine: Lebentragen zum Beweise von des Schöpfers Reichtum. Mit einem Wort: Natur in beiden, in Natur und Kunst!«

»O, Michelangelo!« Himmlisch befreit lachte er. Ein Schauer Wonne, das herrlich strömende Gefühl, nun Bruder, in einer einzigen Sekunde Mitgenosse aller größten Künstler, Mitgeschöpf mit allen ihren Werken, die so folternd gequält hatten, geworden zu sein, überrieselte ihn wie Frühlingsregen. Das also hatte von der Decke der Sixtina herab gewinkt seit Tag und Tag? Das geflüstert und gemahnt? »Und da geht einer« – jung wie Herakles, als er ausschritt ins Königreich von seinen Taten, erhob er sich, schritt wahllos weiter – »da geht einer, der alle Geschöpfe, vom Wurm auf bis zur Sonne, brünstig liebt, dem, wo er wandelt, wo er rastet, die Offenbarung vom einen Grund und Wesen alles Lebens wird, – da geht so einer monatlang umher, blind, taub, und findet's nicht! Das Einfache, ach, so göttlich Einfache: daß auch der Künstler ein Geschöpf ist, Stück Natur; und drum auch, was er bildet, nur: Natur!« Ja, freilich, jetzt hat die Sixtina kein Geheimnis mehr, als auch der Halm, der aus der Scholle wächst! Apoll? Ein Schmetterling. Die Stanzen Raffaels? Narzissenwiesen. Der Torso? Ein Vulkan. Das ganze Land der Kunst? Ein Land wie anderes Land. Vier Elemente in gemäßer Mischung; Zeugungskraft und Fruchtbarkeit in dieser Mischung schon von Anfang eingeschlossen; dann: Blühen, Reife, Frucht . . .

»Verwelken, Winter auch?«

»Auch: Jahreszeiten?«

»Wäre das« – überwältigt stutzte er – »der Ausgangspunkt zu einer Kunstgeschichte? – O, Michelangelo!« Das Auge Michelangelos im Aug des Jeremias war es nicht mehr, das seinem flammenden Blick von oben nun begegnete. Lichtlos starrte die Decke der Sakramentskapelle auf ihn nieder. Und trotzdem: Äther, heller, hellster Äther. Denn der Gottvater Michelangelos, mit Seherlächeln reckte er nun, ja mit der Miene fast verschmitzt lichtgebenden Vaters seine luftumwogte Hand nach seinem ersten, erdgeschaffenen Menschen aus. Da lag der Staub der Erde schollgerecht unter dem eben erstandenen Leibe. Die Wolke schwebte um das staunend hilflose Haupt. Die Sonne lag in breitem Strahl über dem leise, vom ersten Atem gehobenen Busen. Des Wassers Kreislauf lief die neuen Glieder durch. Das Tier wartete ringsumher der Freundschaft und der Zähmung. Gottvater aber sah dies alles lächelnd, und sah noch mehr! Die Lust, ein Gott zu werden, so wie er, sah er hinter der noch unvertrauten Stirn im Kerker des noch ungeübten Hirns erstehen. Sah: wie auf einmal diese Lust, gleichgültig scheinbar gegen die Schicksalsmächte, die aus ihrem Werden wachsen mußten, die Stirne sprengt, das Herz ergreift, das Blut erreicht, die Glieder aufreißt, schwellt und anpulst; und wie sich Scholle, Wolke, Sonne, Wasser – alles Leben! – in jäher Furcht aufbäumen, wütend, gegen diese Lust, die Stirn verdammen, aus der sie sprang, und qualvoll schreien, zu Ihm empor: »Sind wir nicht Gleiche, alle? Oder: gabst du den Menschen uns, daß er vergewaltige, was du selber schufst?« Gottvater aber lächelte nur. Und plötzlich stand ein Marmorbild, fast noch in der Hand des Menschen, der es gebildet hatte, vor dem Chor der Welten. Ein Lied flog plötzlich auf und rauschte, Glück – oder Sorge lösend. Die Melodie der Farbe, geholt aus einem Regenbogen, lohte plötzlich vor trunkenem Auge erdauf in den Himmel. Das Wort des Mundes, plötzlich, war es Laut des Herzens und sprach nun mit den Lippen Geweihter leicht alles aus was eine Seele zu bewegen weiß. Und zweifelnd, bange, hoben sich die Arme der erstaunten Menschen, die nun zum erstenmal zu sehen, zu hören und zu fühlen wußten, empor zu Ihm und fragten: »Sag was ist dies Neue?«

Er aber, Gottvater, lächelte vom süßen Drang des Schöpfungstages weg und über Sintflut, Prophetie, Erlöserkreuzigung und Gericht hin den ersten, hilflos stummen Künstler an, die Welt, die Menschen an, und sprach: »Das ist genau so, wie – die Wolke schwebt; so, wie die Sonne scheint, die Erde treibt, die Welle rinnt, –: mein Atem!«

»O, Michelangelo! Du Licht! Du, endlich Licht! Du größtes . . .«

Wie abgerufen, mitten drin im Lob des höchsten Dankes, hielt er ein. Zog er das Auge zurück. Ließ es sogleich im Raum, den nur die Leuchte des ewigen Lichts erhellte, eilig suchen. Was – weinte da?

Vorsichtig, auf den Zehenspitzen, schritt er zum Altar vor. Ein Greis? Ein Krüppel? Eine Sünderin?

Bolzengerade blieb er stehen. Ein Kind.

Ein Mädchen. Zwölf, dreizehn Jahre mochte es zählen. Das Flackerlicht der Lampe floß malend über das schwarze Häuptlein, das weinend tief im Stein der Kommunionbank lag; über das enge, ausgewaschen blaue Kleidchen, unter dem der schmale Rücken zuckte; und über die nackten Füßchen, die sich im Takt des Weinens weh bewegten.

Die längste Weile unbeweglich stand er. Sah, hörte er. Ihm war der ganze Mensch zu voll vom wunderbaren Licht, als daß ihm aus dem armseligen Bild, aus Ton und Rhythmus dieses Schluchzens, das ohne Unterlaß das fremde Menschlein rüttelte, nicht die Harmonie der Sphären, der Chor der Cherubim und das Geheul der Teufel erklungen wäre. Lächelnd willigte er ein, daß an ein Wunderbares sich das zweite schloß. Mit unbewußtem Neigen, Heben des umrauschten Haupts begrüßte er die Wiederkehr der altgewohnten Freude darüber, daß neben der Wonne, dicht neben der Gestalt des Glücks, der schwarze Genius des Leides schwebte, und aus der tiefsten Brust kam ihm Gottvaters Deutung: mein Atem! Als er sich nach langem Schauen, mit scheu rührender Hand entschloß, das Kind zu fragen, was ihm auf dem Herzlein liege, das Häuptlein ungläubig ihm zugewendet sah im dichten Kranz der Schmerzen, focht ihn auch der Prunk des Altars nicht mehr an, von dessen Gold und Edelstein herab der Glanz des Sakraments das Kind bestrahlte. Das tränenüberströmte Gesichtlein war lieblich. Wirr fuhr das nasse Haar um das Oval herein in die unschuldige Stirn. Zarte Händchen hatte das Geschöpflein. Knospenbrüstchen spannten das ausgewaschene Mieder. »Du,« bettelte er nach gern geduldigem Weiterwarten endlich, »vertrau mir's! Sag mir's! Schutt den Kummer aus! Vielleicht kann ich doch helfen?«

Als das Mädchen nur traurig nickte, schlang er den Arm um den geplagten Rücken; kniete neben dem Kinde nieder und lehnte sich das Köpfchen an die Brust. Auch nahm er beide Händchen in die Hand. Es gäbe doch für keinen, der auf Erden wohne, sagte er liebreich, fremde Menschen. »Wir sind doch alle vom gleichen Vater?« O, es lebten freilich Böse, Harte, die nicht fühlen, was dem anderen wohltut. »An diese wollen wir nicht denken!« Ob es an Christum glaube?

Fassungsloses Weinen.

»An die Mutter Gottes?«

Noch tiefer sank das arme Häuptlein.

»Nun denn!« Noch fester bettete er das fremde Brüstlein. Dann sei nicht zu verzweifeln. Wenn es in die Kapelle hinabgehe, die die erste rechts vom Tore ist, dann sehe es die Mutter Gottes, die ihren toten Sohn im Schoße ruhen hat. Ihr einziges Kind. Das hat keine Fliege getötet. Die Menschen schlugen es trotzdem ans Kreuz. Nun hat sie nichts mehr. Dies Kind war doch ihr Alles. Kann das verwunden werden? Wohl: Gott selber hat durch seinen Engel ihr einst verkündigt, sie solle die Mutter des Erlösers werden. »Denk nur: gibt es was Heiligeres, als ein Kind bekommen, das alle Menschen, – auch die bösesten! – wenn sie nur wollen, erlöst? Und das heißt: voll Hoffnung macht, daß aller Jammer, den man hiernieden leidet, aufhört, wenn man nur recht vom Herzen Recht tut? Und da hat nun derselbe Gott, der ihr das sagen ließ, es zugelassen, daß ihr dies Kind am Kreuze starb? Ist das ein Gott? Ist das die Güte Gottes? Gottes Liebe? »Denk nur, wie trostlos, ohne Stab und Hilfe, die arme Mutter war! Ich glaube: solch einen Schmerz hat niemand noch erlitten, und wird wohl niemand je mehr leiden. Und dennoch!« Stark hob er das Kind sich von der Brust weg, sah es mit großen, fleckenlosen Augen an. »Du, sage! Was geschah nachher? Trotzdem?«

Das Kind, jetzt schon im Bann von seinen Worten, schwieg, als suchte es; die Tränen rollten linder über die Wangen.

»Sag, was geschah nachher? Ist er nicht auferstanden? Wurde er nicht der Fürst des Himmels?«

Des Kindleins Augen forschten; fanden nicht.

»Und sie, die Muttergottes, ist sie nicht bei ihm?«

Das Kindlein senkte den gezwungenen Blick.

»Und geht sein Name und ihr Name nicht heut noch durch die ganze Welt? Und wohin pilgern wir, wenn uns das Herz zerbricht? Wo suchen wir denn Zuflucht? Doch bei ihnen? Nicht?«

Nun, ohne daß sie es wußten, traulich, schlangen sich die Ärmlein um seinen Hals; es schlossen sich die Lider.

»Wenn man, zum Beispiel, schwer krank wird, oder man bekommt unverdient Schläge und härmt sich darüber, oder etwa, man ist arm, aber nun fand dein Vater ein Goldstück, du aber verlorst es . . . .«

»Nein, nein!« Ein einziger Schrei. »Gestorben ist sie, gestern!«

»Wer?«

»Die Mutter.«

»Woran?«

»Am Fieber.« Und während sich der junge Leib nun, dem wie süßes Feuer die Wohltat des Sichanvertrauenkönnens durch die Glieder rann, in Schmerz und Ohnmacht wand, kam es wie Strom aus der verquälten Brust. Sie seien neun Kinder. An der Lungara draußen, in Miete beim Verwalter des Grafen Corsini. In der mittleren Stube starb die Mutter. Der Arzt hatte, als das Pulver nicht half, die Wahrsagerin holen geheißen. Die gab Nießwurztee. Auch dieser half nicht. Sie starb gestern abend um neun Uhr. Siebenunddreißig Jahre alt. »Vor vierzehn Tagen ging ich noch mit ihr . . .«

»Wie heißest du denn?«

»Regina.« Vor vierzehn Tagen ging sie noch mit ihr zur Wirtschafterin beim Kardinalnepoten. Die gab ihr die Wäsche – die blaue – zum Ausbessern mit. Seit zweiundeinhalb Jahren. »Und als sie da den Korb über den Gianicolo herabtrug, bei San Piero in Montorio, – Regina, sagte sie auf einmal, mir wird plötzlich so sonderbar, du mußt mir auf ein Weilchen den Korb da . . .«

»Und der Vater?« fragte er blitzschnell und hob das Köpflein, das wie abgeschnitten niedersank, mit rascher Hand zurück empor. »Der Vater?«

Sei Zimmermann.

»Und?«

Als sauste ein Geier schreiend von der Decke herab, um es gefräßig anzufallen, fuhr das Mädchen auf. »Und?« frug er sogleich von neuem. »Sag's! Was ist mit ihm?«

Wild erhob sich das geschlagene Häuptlein. Weit auf strahlten die Pupillen. Zorn, Haß, Empörung siedend in den Wangen. Das! Ja, wenn das nicht wäre! Sie stehe nimmer auf, die Mutter, das wisse sie wohl. »Und wenn ich vor dem Sakramente bete, bis ich umfalle, nicht! Aber der Vater wird die Beppina heiraten. Gewiß! Er hat nur darauf gewartet. Als die Mutter gestorben war, hat er sie unter Tränen geküßt und gejammert und geschrien. Und eine Stunde drauf, ich bin gerade hinabgegangen, um beim Wirte Essig zum Waschen der Leiche zu holen, – da hat er, – nein, das sag ich nicht!«

»Sage es doch, Regina!«

Beide Händchen wie bebende Flügel über dem Gesichtlein: »Nein! Das sag ich nicht!«

»Sage es doch, Regina!«

»Er hat sie jeden Tag geschlagen.«

»Dich nicht?«

»Ich bin ja nur sein Kind. – Nein, nein, ich sag es nicht!« Und trotzdem: nur noch enger, wärmer, fester schmiegte sich das Kind an ihn. Sein Leiblein war durch grausam viele Stunden von allen Furien der Verzweiflung gehetzt worden. Nun wollte es rasten. Augen schließen. Schlafen. Die Mutter mit dem Sohn im Schoße stand tröstend vor den müden Schmerzen auf. Schnell aber wieder rang das Bild der Mutter, wie sie auf dem papierblumengeschmückten Totenbett lag, lange gelbe Kerzen zu Häupten und Füßen, neue Tränen ab. Und: wer war dieser fremde gütige Herr? Bewußtlos irre ging der Blick schon wieder auf. »Jetzt lachst du ja schon gar ein bißchen?« lachte da der fremde Herr und schlang und streichelte noch näher. »Siehst du, vielleicht kann ich doch helfen?«

»Nein!« Und atemlos, ganz plötzlich hob sich das Kindlein zu ihm auf; grub ihm die Händchen in den Hals. »Aber jetzt sag ich's. Ja, jetzt sag ich's! Eine halbe Stunde später hat der Vater . . .«

»Nein, Regina!« Schnell schloß er ihr das Mündchen. »Ich weiß es schon. Gewiß, ich weiß es schon!« Und wie mit einem Schlag, und weggescheucht, schwieg nun das Blut, das bis dahin in immer tollerer Wallung aufbegehrt. In beide Hände nahm er das Gesicht des Kindes. Wollte es nicht küssen. Tat es dennoch. Mit scheuen Lippen Träne auf Träne aus den Augen, von den Wangen küßte er ihm. Ja, sang es süß in seiner Seele, jetzt bist du leicht zu rühren, Johann Wolfgang Goethe! Ein Pochen nur, mit Kinderhand getan ans übervolle Herz, und jede Schleuse sinkt und der gestaute Schwall braust jauchzend in die Gnade ein: des Liebens. Was heißt denn – hell flog das Aug ins Dunkel der Kapellenkuppel auf, dem's nun, nach der empfangenen Botschaft, gegönnt sein mußte, das Geheimnis auch dieser Urpflanze zu enthüllen, – was heißt denn: Dichter sein? Ein Künstler sein? Ein rastlos Gott und die Welt suchender Geist sein? Ein einzig Menschenherz, das einsam ist, erlösen, – ist das nicht mehr? Alles? Aber . . . Ja, was war denn das? Daß, während ihm das Herz da schmolz, das Eis aufging im Leide mit der fremden Not, die er nicht bannen konnte, ein Fühlen in ihm aufwuchs, umfragte, tastete, suchte, wie auf vorsichtigen Sohlen die Kirche, Rom, die Welt ausschlich, wieder zurückkehrte, nun plötzlich, sonnehell lächelnd, Gewißheit ward, und jetzt unmißverständlich deutlich sagte: Ton ist in deinen Händen! Schon geformter Ton! Des Schöpfers Wachs, aus dem er Menschen macht! Des Schöpfers Menschenform, rund, gewogt, gewellt, gemuldet, gebuchtet, nach Gesetzen? außerhalb von Gesetzen gebildet? dem Finger, wenn er ehrerbietig ist, erfühlbar, der ahnenden Seele erlauschbar –: des Schöpfers schönstes Geschöpf, der Leib eines Menschen! Sein Ebenbild!

»Siehst du, Regina,« hob er tiefatmend, wie im Wunderbaren badend, von neuem an, »es ist nicht leicht, zu einem Kind zu reden. Aber wenn ich dich so an meinem Herzen da halte, als kennten wir uns schon sehr viele Jahre, dann mußt du nur denken, daß auch ich einmal ein Kind war. So wie du. So unschuldig, weiß und rein wie du.«

»Und jetzt bist du es nicht mehr?«

»Jetzt bin ich's wieder.« Ja! Es brauste, rauschte, zog und strömte laut und weit in seinem Blute: Des Schöpfers Ebenbild in meinen Armen! Da, an meiner Brust, sein höchstes Werk! Mit großem, in jede Ferne leicht gerichtetem Blick ersah er staunend, wie Raffael unterging, sein geliebter Guercino, seine Carracci, sein Guido, sein Claude und sein Poussin verblichen, das Paradies der Landschaft von Neapel, von Sizilien, von Rom verschimmerte, und einzig übermächtig, höchste Leistung der Natur – und darum auch der Kunst! – der Leib des fremden Kindes aufstieg über den geringeren Prächten und mit Gottvaters, mit Michelangelos heiliger Stimme triumphierte: »mein schönster, – und mein liebster Atem!« Und doch nicht helfen können? Linderung nicht vermögen? »Glaubst du, Regina, wenn man dem Vater ein paar hundert Zechinen gäbe, damit er . . . . .«

»Damit er . . .?«

Wie ein zurechtgewiesenes Kind lächelte er. Ja, welche Dummheit, hier mit Gold zu klimpern! »Oder, – ja! Doch! Höre! Wenn man sie – die Zechinen mein' ich – der Beppina gäbe?«

»Der Beppina?« Ein eigentümlich schrilles Lachen aus dem Mund des Mädchens. »Die verdient sich Geld genug. Mehr als genug!«

»Oder wenn ich vielleicht den Caporione aufsuchte und dafür sorgte, daß du von zu Hause fortkommst zu guten Menschen? Oder in ein Kloster?«

»Das ist unmöglich!« Heiße, schnelle Antwort. »Für die drei größeren Geschwister sorgt die Giulietta, für die fünf kleineren aber ich. Die brauchen mich. Und bräuchten mich erst recht, wenn der Vater wirklich . . .«

Ton in meinen Händen! fühlte er in süßem Zwiespalt, süßen Herzschlags, zum zweitenmal. Geht mir die Menschheit plötzlich auf, wie sie in Millionen Gestalten wandelt? Die Menschenwürde, wie sie auf den Stirnen selbst der Krüppel steht? Und der Gipfel der Kunst: aus dem rund nachgebildeten Leibe des Menschen die Seele des Menschen blicken zu lassen, – Gottvaters schönsten, liebsten Atem? Und unbändig, mit Augen, die das Feuer in seinem Geiste immer feuriger erfassen, mit Armen, die immer weiter findend fortschreiten wollten in der Geburt dieses märchenhaften Lichtes, sehnte er sich nach dem schönen, fremden Leibe, der ihm wie das Symbol des noch Verborgenen, Unerkannten in diese Geburt hineingezaubert worden war. Schnell aber, brennend rot, als ob er sich der Sehnsucht vor der fremden Seele schämte, scheuchte er die Glut weg aus den Augen, aus den Armen. »Komm, Regina!« sagte er zärtlich, nahm des Kindes Hand, zog es von der Bank auf und führte es aus der Kirche.

Doch schon, als sie die Treppe von Sankt Peter in den Platz niederstiegen, Pilger, die da und dort standen, unverhohlen neugierig den vornehm schlanken Mann angafften, der mit dem barfüßigen Mägdlein ging, ergriff das Kindlein die Angst. »Wohin wollen Sie mit mir?« fragte es zitternd. Er nickte nur und zog es weiter. Dunkel ragten die Paläste des Borgo über die Schlünde der Gassen in den seidenen Himmel auf. Bei Sant' Onofrio bog sich ein Lorbeerbaum vor goldroter Mauer in der Brise eines lauen Windes. In einem hohen kahlen Fenster leuchtete der Kopf eines betenden Mönches. »Gott spendet den Trost, um den man bittet, nicht immer gerade zur Stunde, da man ihn sich erwartet, Regina!« sagte der Fremde da zum Kinde; in seiner Seele sangen alle Quellen seiner Ahnen, klangen alle Hymnen aller Welten, spannte sich die Weite der ganzen Schöpfung über dem Bild eines einzigen Menschenkindes, über eines einzigen Menschenkindes Seele. »Aber, wo man ihn verdient hat, spendet er ihn einmal doch gewiß!« Zum zweitenmal jedoch blieb jetzt das Kindlein stehen. »Wohin führen Sie mich?« Bang verzog sich das Mündchen. Die Hänge des Janikulus sahen durch den Flor der eindämmernden Büsche und Rasenwellen und Pinien wie durch langsam südenhin ziehende Schleier die gleissende Woge des Tiber; darüber hinaus auf die Stadt hinab, die in der Liebkosung des scheidenden Lichts lächelte wie ein Geist, der sich in allen Wunden und Sünden des Lebens die Reinheit seines ewigen Ziels bewahrt hat; und darüber hinaus hoch empor in den smaragdenen Himmel. »Wohin, sagen Sie,« schluchzte das Kindlein gepeinigt, »wollen Sie mit mir gehen?«

»Gehst du nicht nach Hause?«

»Sie wollen doch nicht . . .«

»Du mußt Vertrauen zu mir haben, Regina!«

Aber nur noch entsetzter zog sie das Händchen aus seiner Hand. »Nein! Jetzt geh ich allein! Und Sie kehren um!« Und weil er nur geheimnisvoll lächelnd deutete, beschworen ihn die flackernden Augen: »Aufstehen machen können Sie mir die Mutter ja doch nicht!«

»Aber sehen will ich sie, Regina!«

»Unter keiner Bedingung!« Atemlos preßte sie die Hände gegen die Brust. »Niemals! Fremde dürfen sie nicht sehen!«

»Ich bin kein Fremder!«

»Die Giulietta wird Sie gar nicht hereinlassen!«

»Sie wird mich gewiß hereinlassen.«

»Nein!« Und verzweifelt zog sie nun, riß sie an seinen Händen. »Sie können ihnen doch nicht lang und breit erzählen, wie Sie mich in der Kirche gefunden haben? Das kommt ja gar nicht vor!«

»Es kommt aber eben vor! Hab doch nicht Angst, mein Kind!« Und rasch, weil er die Liebe, die wie ein Meer in ihm drin wallte, nicht mehr zähmen, die Sonne der Erkenntnis nicht mehr löschen konnte, die Auge, Herz und Geist in sagenhaft neue Tage ihm hinwandte, hob er das Kindlein vom Boden auf, auf seinen Arm und trug es. Ton in meinen Armen! brauste der Triumph in seiner Seele, als sich das Leiblein wortlos dankbar schmiegte. Des Schöpfers Wachs, aus dem er Menschen macht. Des Schöpfers Menschenform, rund, gewellt, gemuldet, gebuchtet, nach Gesetzen? außerhalb von Gesetzen gebildet? dem Finger erfühlbar, wenn er ehrfürchtig ist . . . .

»Er ist ehrfürchtig!« frohlockte er. »Regina,« fragte er leuchtend, als sie hinter San Pietro in Montorio ankamen und er allein den Weg nicht finden konnte, um in die Wirrnis von Trastevere hinabzusteigen, »wo? Wo soll ich gehen?« Sie streckte wie im halben Schlaf das Händchen aus, hinab nach den schmalen Hütten, die im Grau des hügelverdeckten Sonnunterganges hoch beisammenhockten; fuhr sie ab, suchte; fand endlich. »Da, wo auf dem Söller die vielen Kittelchen hängen, da wohnen wir. Das rote gehört Giovannbattista, die blauen der Annina und dem Giorgio, den vom Checco hab ich gestern noch gewaschen.« – »Nicht weinen, nicht mehr weinen!« flehte er, selber weinend, weil das Köpflein wild in seine Brust zurücksank. »Vertrau doch! Hoffe! Glaub, Regina!«

Aber als er nun wahrhaftig mit ihr vorm Tore stand, sie in den Boden niederließ, stieg ihm mit einemmal der Zweifel auf: darf ich? Denn so, als ob es ihn nocheinmal mit all seinem Weh beschwören wollte, nicht darauf zu dringen, trat das Mädchen in die Schwelle und wehrte ihm den Weg. Die volle Flut zerstochener Liebe, die schwere Flamme ihres Kinderunglücks stieg in die Wangen auf, und bettelnd gegen ihn – der doch ein gütiger Herr war? – hoben sich die Ärmlein. Er aber, bleich in seinem Zweifel, lächelte und schritt vor, weiter. Im selben Augenblick kam polternd die zerrissene Stiege nieder, die in enggewundenem Schlund aus dem Gestank des Flurs hinaufführte in die Armut der fünf Stockwerke, ein Priester; im Nu, mit einem Satze war das Kind bei ihm. Im nächsten, so schien es Goethen, stand er selber oben, im vierten Stockwerk, in der mittleren Stube. Mit plötzlich wahllos hervorgestoßenen Fragen war Regina an den Priester herangetreten, der das Chorhemd überm dicken Leibe und ein schwarzes Samtbarett überm unrasierten, fleischigen Gesichte trug. Der Priester aber, mit einem eiligen Streicheln über ihren Scheitel hin hatte er sie, gemütlos weitergehend, einfach beiseitegeschoben. Das nahm ihr Wort, Sinn und Gebärde in Einem. Lautlos, wie im Traum, schlich sie die Treppe empor, dem fremden Manne, ohne sich noch umzublicken, voran. Und jetzt – stand er da. Vielmehr: er saß. Auf einem Strohgeflechtstuhl in der fernsten Ecke der Stube. Knapp gegenüber der aufgebahrten Mutter. Und schaute. Die Stube war voll von den neun Kindern, von Nachbarn, die wechselnd kamen, gingen, von laut hervorgebrachten Klagen, unverhohlenen, ja üppigen Tränen, Seufzern, Gebeten, Kerzendunst und Kerzenlicht. Eine grüne Tür, zu einem Spalte offen, führte in das Nebengemach. In diesem mußte das Fenster offen sein. Denn immer wieder, wenn der Dampf der Wehklage, der Geruch der Tuberosen und Myrthen wie dicke Wolke in die weiße, gesprungene Decke aufstieg, kam aus dem Spalt herein ein Windhauch, trieb den Todesatem zum Fenster hinaus, das zu Häupten der Leiche klirrte. Und dann sah er: den Tiber wallen und den Aventin im Abendlicht verdämmern. Als plötzlich ein großes, starkes Weib vom Typus der montanara eintrat, Regina, die, über die Mutter gebeugt, der Mutter starre Hände hielt, diese Hände losließ, sie und die anderen Kinder eigenartig weiß das Weib anstarrten, das Weib mit den zwei Kleinsten, die sich sträubten, aber zu widerstehen nicht wagten, durch die Tür verschwand, gleich darauf von neuem kam, wußte er ohne Überraschung: das ist Beppina. Als nach langer, neuer Weile, in der es ihm gelungen war, die Farben der Augen und der Haare der Kinder voneinander zu unterscheiden, das Staunen der Nachbarn über sein Dasein mit unbewegtem Blick zu töten, die unsichere Gespanntheit der Beppina durch einen milden Zug um den Mund zu zerstreuen, – als nach dieser peinlichen Weile ein Mann hereinkam, blitzschnell darnach, wie auf Geheiß, die klagenden Nachbarn, einer nach dem anderen, verschwanden, wußte er ohne Bewegung: das ist der Vater. Er war groß, hager, hatte die Gesichtsfarbe des Säufers, den halb herzlichen, halb brutalen Blick des Säufers und einen rauhen, grauen Bart ums volle Kinn und um die backigen Wangen. »Regina!« rief er da freilich, halblaut, unwillkürlich, als er wahrnahm, wie das Kind, das wieder die Hände der Mutter hielt, wie ein Vöglein unterm Niedersturz des Geiers zusammenschrak. Aber Regina hörte ihn nicht. Da senkte er den Blick. Aber nicht in sich hinein. Er hörte, wie immer erregter, je länger die verlegene Gemeinschaft zwischen ihm und dieser fremden Familie wahrte, das Weib und der Mann miteinander tuschelten; und senkte den Blick noch tiefer. In das Gesicht der Toten. Doch war dabei kein Schmerz in ihm. Er beklagte weder diesen Tod, noch das Wehsal der Kinder, die immer wieder, bald hellauf weinend, bald winselnd von einem Dielenbrett aufs andere trippelten; nicht einmal den Gram Reginas, deren Gesichtlein von Minute zu Minute verklärter wurde, so, als sollte ihm gewißlich die Gnade des Mitsterbens werden, sobald es sich endlich ganz im Antlitz der Toten verloren hätte. Auch nicht die plumpe Art des Weibes beklagte er, das der Toten unablässig Reverenz erwies, um sich gebührend bei ihr zu bedanken, daß sie so fügsam rechtzeitig gestorben war. Auch nicht die ungeschlachte Zwiespältigkeit des Mannes, den – das sah er genau! – ein Band zur Toten zog und eines zum vollen, hohen Weibe, dessen Leib den elenden der Leiche schonungslos verlachte. Im Gegenteil: eine Wonne, wie er sie niemals noch gekostet, ein himmelwärts gerichtetes Frommgefühl, nun endlich und auf einmal der ganzen Welt anzugehören und den Kern des Werdens, Seins und Sterbens in seiner stumm geschlossenen Hand zu halten und, weil er ihn so hielt, so allmächtig vor Gott und gegenüber Gottes Werken, Gesetzen und Winken zu stehn, als ein Mensch nur stehen kann, durchströmte seine Brust als tiefster Friede. Sie atmete nicht hastig und nicht müde. Sie atmete in der unsäglich süßen Sehnsucht des Herrschenden, zu schenken; im Dank des Königs an die minder starken, minder gläubigen Knechte dafür, daß er nun ihnen dienen dürfe nach einem heiligen Willen. Den Gerechten, die vor ihn hinträten, nun, würde er Anerkennung zollen ohne eitel Verdienst. Den Lauen, die auf ihrem Wege lässig schlendern, die Sporen des Aufrisses in die verblüfften Weichen schlagen; ohne Zorn. Den Sündern, wissenden und unwissenden, das Antlitz ihrer Sünden vorhalten zuerst, und dann das Antlitz seines jetzigen Friedens; ohne Urteil. »Ob ich auch noch so neugeboren nun,« durchfuhr es ihn wie Strahl, »erleuchtet, Bestätigung findend mit jedem Blick, in jedem dieser Antlitze das Ebenbild des Schöpfers entdecke, in jedem dieser Leiber seine höchste Schöpfertat, und in jedem Menschenwerk, das diesem Künstler nachschafft, die Schaffkraft der Natur, – Natur in allem! – ich fasse dennoch diese Stunde nicht als den Zeitschlag, der mir das Auge aufriß in die Heiligkeit der stillen, ganzen Einsicht, – nein! sondern als den Glockenton, der mich zur Liebe, endlich, neu erzog!« – »Regina!« rief er mit köstlich aufgeschlagenem Auge, »komm Regina! Komm zu mir!«

Der Mann, an seiner Seite das Weib, zuckten wie gebissen zusammen.

»Regina,« wiederholte er ganz ungestört, »komm her zu mir!«

Regina, unter den drohenden Blicken des Mannes und des Weibes, ließ die gelben Hände der Mutter sinken, wandte das Auge vom Totenkopf, der die schmalen Lippen fest zusammengepreßt hielt und zwischen ihnen den Tod des letzten Seufzers, zum Fremden hin, und wußte nicht, sollte sie ihm folgen oder nicht.

»Regina,« rief er darum, recht absichtlich laut, zum drittenmal, »komm her, Regina!«

Und wirklich: wie auf Füßchen, die nicht anders konnten, lief das Kind zu ihm hinüber.

»Bete den Rosenkranz vor, Giulietta!« hob sich aus diesem seltsamen Geschehen die Stimme des Vaters zur ältesten Tochter hinüber, die, wie abgezehrt vom Wachdienst bei der Leiche, auf einem Schemel hockte. »Beginne!«

Aber das Weib hatte anderes vor. »Herr!« trat sie mit entschiedenem Schritt den Fremden an. »Möchten Sie nicht endlich sagen, wer Sie sind?«

Er lächelte nur. Das Weib vor ihm tief Aug im Auge, lächelte er. Nahm das Kind auf seinen Schoß, bettete das Leiblein an seine wagemutige Brust, richtete den Blick klar in das Weib, in den Mann und in den Kranz der Kinder; und lächelte wieder. Und sagte: »Als meine Mutter, so, wie dieses arme Weib hier, auf dem Schragen lag, war es – fast so wie da. Es war in Deutschland, nicht in Rom. Dennoch: genau, ja fast haargenau so, wie da bei euch. Ich war ein Kind, wie etwa hier Regina. Ein unschuldiges Kind, wie hier Regina. Eine allein aber hatte das gewußt: die Mutter, die nun auf dem Schragen lag. Genau so wie dieses tote Weib da vor Regina. Mein Herz, vor diesem Schragen, vernichtet. Wie dieses Herzlein da, das ich so halte. Viele Jahre seitdem dahin. Aber« – und Feuerflamme jäh in seinen Augen – »was tut ein Kind, wenn ihm die Mutter stirbt? Die Einzige, die in ihm den Engel weiß?«

»Nun,« fuhr er, nach einer Pause, in der die Stube angstvoll Mund aufriß, mit klarer Stimme fort, »und dennoch war das nicht das Ärgste! Das Ärgste war mein Vater. Ein guter, braver, rechtschaffener Mann. So – wie Ihr da.« Und freundlich wies er auf den Vater hin. »Ich glaube, daß er meine Mutter sehr geliebt hat; sehr stark gelitten hat darunter, daß ihm das Blut ganz anders in den Adern sang als ihr! Wer kann aus seiner Haut? Er mochte, zum Beispiel, den Wein gerne leiden. O,« – weil da das Auge des Vaters aufblitzend sich rechtfertigen wollte – »ich sage nichts! Wir alle sind arme Sünder. Richten darf man nicht! Aber auch das war nicht das Ärgste. Die Mutter war am Fieber gestorben, hatte der Arzt gesagt. Ich aber sagte: an etwas anderem. Im Hause wohnte auch eine blonde, schöne, auch gütige, – ja vielleicht sogar gute Frau.« Schamlos, ungetroffen vom Blick des Weibes, das scharlachrot geworden, stier zu glotzen anhob, lächelte er. »Ja! So, wie Sie da. Und an dieser Frau starb meine Mutter. Natürlich kann ich das nicht streng beweisen; ich empfand es nur, hatte es, sozusagen, – nicht fürchten, Regina!« Strahlend nahm er das Kindlein tiefer an sich, fühlte die kleine Brust in rasender Angst beben, fuhr mit süßen Fingern durch die todbangen Locken. ». . . sozusagen am Ausdruck, den die Tote so – um den Mund herum hatte, an den Händen, die so gebrochen auf der platten Brust lagen, erriet ich es. Und meine drum . . . .«

»Herr!« stieß das Weib hervor; nun gab's kein Zögern mehr. Und polternd schritt es, dieweil der Mann wie gegen Nebel kämpfend sich auf dem schwanken Sessel niederließ, dem Fremden an den Leib. »Gebt mir das Kind herab und schaut, daß Ihr hinauskommt! Wird's?«

»Wirklich?« In unbegreiflich schöner Ruhe, unverwundbar, lächelte der Fremde zum Mann hinüber. »Wirklich? Soll ich gehn?«

»Parli pure!« hauchte, wie auf der Folterbank, der Mann.

»Ich haßte diese Frau.« Mit einer Handbewegung, die so zornlos war, daß ihr nicht widerstanden werden konnte, schob sich der Fremde stark das Weib vom Leibe; weit weg. »Wir Kinder alle haßten sie. Das war natürlich ungerecht; sie liebte eben den Vater. Und es war auch nutzlos. Denn kein ganzes Jahr, nachdem die Mutter gestorben war, heiratete der Vater sie. Aber: eine halbe Stunde, nachdem die Mutter gestorben war, – es war eine Taberne in unserem Hause, im Erdgeschoß, und ich gehe gerade hinab zum Wirt, um Essig zum Waschen der Leiche zu holen, – da sehe ich . . . . . .«

»Nicht! Nicht! Nicht!« schrie verzweifelt das Kind an seiner Brust auf, der Sessel, auf dem der Vater saß, knarrte, das Weib, mit sinnlos wilden Händen, riß den Asternkranz vom Fußende des Totenbetts und warf ihn mitten auf die Brust der Leiche.

» . . . . . und da sehe ich,« fuhr er unerweichlich fort, »den Vater an der Schulter jener Frau lehnen; er war betrunken. Die Frau, wie sie ihn anlächelte! Wie ich verstand, daß er nicht widerstand! Nimmer widerstehen konnte! »Na?« lachte sie; sie war wahrhaftig schön in dieser Sünde und es sollte heißen: also wann? Er aber, der Vater, mit verglasten Augen schaute er sie an. Ich wette . . . . .«

»Was wetten Sie?« schrie ihm das Weib, am Ende seiner Kraft, sich zu beherrschen, ins Gesicht, »was wetten Sie?«

Ein dämmeriges, stummes Staunen, von seinem völlig unbewegten Blick her, schwebte durch die Totenstube.

»Ich wette,« sagte er fest, »wenn ihn jemand auf Herz und Nieren gefragt hätte: Wählst Du die Tote da samt ihren Kindern, oder dieses Weib? – er hätte ohne zu überlegen geantwortet: die Tote mit den Kindern da! Denn er sündigte nicht gerne. Aber es fragte ihn niemand, – und so sagte er, zwiespältig schmunzelnd, auf dem Rande zwischen Flucht und Untat: »Geh hinauf und schau, ob sie nicht etwa aufgewacht ist unterdessen! Und das . . . .« – und er erhob sich. Ohne noch zu wissen, daß er das Kindlein noch an seiner Brust hielt, stand er auf, der Stuhl fiel um, das Kind, irrsinnig, wimmerte. Gleich, wie erwacht, fand er es wieder, nahm die Händchen unerbittlich fest in seine Faust, sah mit Triumphblick ohnegleichen, wie die Tote ihm erlöst zu nicken, zu lächeln, ja zu lachen anhub, der Mann weiß im Gesicht ward, das Weib sich wie ein schwerer Fruchtast aus dem Fenster beugte, die Kinder in die Wände wuchsen; und entschloß sich, rasch, mit starrem Lächeln noch zur letzten Lüge. »Und das hat mich verdorben; für mein ganzes Leben hingeschlachtet zum Krüppel an Herz und Seele! Nicht nur – kommen Sie vom Fenster zurück!« herrschte er das Weib an, »drehen Sie sich um und schauen Sie mich an!«

Und wahrhaftig: wie eine Statue, die plötzlich gegen allen Willen ihres Leibes Leben bekommt, gehorchte das Weib, während der Mann, im Entsetzen aufgereckt auf seinen reuebangen Knochen, ganz allein im Kreis der Totenluft sich auf den Boden drehte. »Nicht nur, daß ich die Heimat, den Vater und die Geschwister verlor in jener Sekunde! Ich verlor die ganze Welt! Gott und den Teufel! Alle Menschen! Alle Länder! Und mich selber! Und – fand nichts mehr je wieder!« Und niedergebeugt in einem Rausch von Liebe auf das erstarrte Kind an seiner Hand: »Regina! Liebling!« flüsterte er mit schwanken Lippen, die Arme noch einmal wie um den bittersüßen Sinn der Welt um diesen Ton des Schöpfers heiß geschlungen, »mehr – konnt ich heut nicht tun für dich. Wirk du nun weiter! Bleibe rein, und – liebe!« – »Es gibt für Menschen,« flehte er, mühsam losgerissen vom Kinderleib und streckte beide Hände dem Mann, dem Weib zu, die entgeistert stierten, »für Menschen, die sündigten, nur eine Rettung: die Sünde gutzumachen! Wer mag denn richten? Wer befehlen? Das Leben läuft nach seinem Willen. Aber . . .« – er riß die Tür auf, stand wie zwischen Ja und Nein, wie zwischen Welt und Himmel in der Schwelle, – »aber: morden darf man nicht! Den Leib – vielleicht? Die Unschuld – nie! O, tut es nicht!«

Und war hinweg.

Als er, bei tiefer Nacht, eintrat in die vertraute Stube, wo die Freunde über Zeichnung, Stichen, Büchern, Farbentöpfchen saßen wie jeden Abend, strahlte er. Mit einem Schein jedoch, der ihre Fragen streng zurückwies, die Augen ihnen weit aufriß, die Pulse zittern machte im Erraten: Das ist Goethe!

»Was ist?« stieß Bury endlich zag hervor, nahm ihm den Mantel ab, den Hut. »Was ist? Was ist geschehen?«

»Licht ist geworden!« antwortete er leise, immer heller strahlend, und stützte sich mit Eisenhänden in das Holz des Tisches. »Ganzes, volles Licht.«

»Tasso?« fuhr Moritz jauchzend auf.

»F–aust?« Schütz verwegen.

»Ach, was!« Mit Bubenhand ergriff er Reißbrett, Blatt, Tuschschale, Pinsel, Stein und warf sie eines nach dem anderen weit von sich. »Der Mensch! Der Menschenleib! Das Ebenbild! Das höchste Werk! – Ich werde modellieren.«

Wie Donnerschlag! Die Lampe grinste wie ein Irrlicht auf. Die Zeichnungen, die schöngemalten Landschaften: Berge, Meere, Buchten, Bäume, Herden, Kirchen, flache Körper erloschen, wurden blind. Und rund, ein Leiblein, gewogt, gewellt, gemuldet, gebuchtet, nach Gesetzen? außerhalb von Gesetzen gebildet? stieg aus dem trunknen Auge nieder in den Tisch, entfaltete in lichter Nacktheit seine Glieder, verwarf den Raum, schloß zu hilfloser Starrheit die verblüfften Münder, zu armer Ohnmacht die gebannten Blicke, und lächelte . . . . . und weinte.

»Regina!« lachte, weinte selig er, sank wie gefällt von Glück und Leid in den verborgenen Sessel nieder. »O, Regina!«

»Wir wollen,« brachte Meyer nach totenstiller Pause klar heraus und schnellte an den Tisch zurück, »wir wollen für Ton sorgen morgen früh. Sogleich! Nicht wahr?«

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