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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Erstes Buch

Mauer

Serenissimus war vor einigen Wochen plötzlich und hartnäckig wie immer auf den Einfall gekommen, ein Reglement über den Geschäftsgang bei der hochpreislichen Landesregierung in Weimar zu erlassen. Serenissimus hatte dem bleichen Geheimerate, der jetzt zwischen den Geheimeräten Schnauß und Schmidt, gegenüber dem wirklichen Geheimerate und Staatsminister Freiherrn von Fritsch saß, seine höchstpersönlichen Notizen zu diesem Einfall übergeben. Serenissimus hatte weiters eben demselben bleichen Geheimerate das Referat zur Sache in hochdero geheimem Consilio anvertraut. Dieses Referat war eben abgehalten worden. Hatte geschlagene drei Stunden gedauert. Die Paragraphi waren auf das Sorgfältigste durchberaten, die Bemerkungen der drei Herren Geheimeräte, wie Vorschläge zu Korrekturen, Amendements und Umstellung verschiedenen Paragraphorum gewissenhaftestes niedergelegt, und übrigens auch die Äußerungen der, gegen jede Gewohnheit, zur Abgabe ihrer Wohlmeinung einberufenen Herren Regierungspräsidenten von Weimar und von Eisenach und des ältesten Herrn Rates der landesherrlichen Kammer zu Weimar pünktlichst angemerkt worden.

Nun schlug die Uhr der Schloßkirche drüben halb sechs.

Die Herren Geheimeräte und, sogleich nach ihnen, die drei Herren Zugezogenen hoben die Häupter um einen Zoll höher in die graublaue Conseilstubenluft; in der letzten Viertelstunde hatte müdes, nachprüfendes Schweigen geherrscht.

»Darf ich sonach feststellen«, fragte endlich der referierende Geheimerat, »daß der Entwurf angenommen ist?«

»Herr Geheimerat sehen heute geradezu beängstigend aus«, sagte der Staatsminister von Fritsch über die grüne Öde des Tisches herüber. »Fehlt Ihnen etwas?«

Der referierende Geheimerat lächelte prompt. Aber dabei wurde sein Gesicht nicht röter. »Mir liegt sehr an der Sache.« Sein Auge, zusammengekniffen, als ob der Blick schmerzte, lief in den Regen hinaus, der vor den Fenstern grau niedertroff; kehrte entschlossen wieder zurück und heftete sich auf die glatte, bewundernswert konservierte Miene des Herrn Staatsministers. »Ist der Conseil also einverstanden?«

Der Herr Staatsminister – er hatte etwas Unnahbar-Würdehaftes, wenn er die Lippen aufeinanderpreßte – wandte sich zu den Fenstern hinüber, zwischen denen die drei Herren Zugezogenen saßen, und fragte hochmütig. »Haben die Herren vielleicht noch etwas zu bemerken?«

Keine Minute später verschwanden der Regierungspräsident Bechtoldsheim, der Regierungspräsident Schmied und der Kammerrat Büttner, nach ergebenen Verbeugungen, durch die weiße Tür des Conseilsaales.

»In der Sache völlig einverstanden«, sagte nun der Herr Staatsminister, und die Herren Geheimeräte Schnauß und Schmidt nickten zustimmend. »In puncto formali – im Stil – wünschte ich allerdings, gewissermaßen, etwas mehr Tradition. Er ist, um nicht mehr zu sagen, salopp.«

»Serenissimus befahlen aber ausdrücklich . . . .«

»Ich weiß! Ich weiß!« Der Herr Staatsminister trug drapfarbenen Frack und drapfarbene Weste; er war stark und groß und Drap machte ihn noch stärker. Dazu regte er sich jetzt auf. »Aber Herr Geheimerat sollten da wohl, denke ich, Ihren hochmögenden Einfluß auf Serenissimum ausüben, damit aus einer landesherrlichen Verordnung nicht, unter Umständen, etwas werde, was einem Gedichte in freien Rhythmen verdammt ähnlich sieht!«

»Ich bin derselben Meinung«, hüstelte der Geheimerat Schmidt. Dieser war schmal, er stak im schwarzen Kleid und saß mit gekrümmtem Rücken. »Der Stil ist famos, – nichts zu sagen! – aber zu ungewöhnlich!«

»Ja!« ließ sich die tiefe, biedere Stimme des Geheimerates Schnauß vernehmen. Er spielte, den Kopf tief in das grüne Tuch niedergebeugt, mit der Lorgnette. »Bin ich auch gewiß kein Feind freierer Gedanken in neuen legislativen Arbeiten, – eine gewisse Festhaltung der nicht grundlos in allen amtlichen Enunziationen konsequent bewährten Diktionen scheint auch mir nötig.«

»Serenissimus kommt immer wieder auf diesen Punkt zurück!« begehrte der referierende Geheimerat auf; nun ward sein Gesicht ledergelb. »Er haßt den verholzten Kanzleistil wie der Teufel die Seele!«

»Im öffentlichen Dienste entscheiden nicht persönliche Geschmacksurteile!« sprach der Herr Staatsminister unbekümmert aus. Er anerkannte die fabelhafte Fähigkeit des referierenden Herrn Geheimerats, sich in die heterogensten Materien einzufühlen, seine strenge Auffassung von Pflicht und seine unerschöpfliche Arbeitskraft. Aber: dieser Mann war sozusagen als grüner Junge in den Conseil gekommen! Jeweils ein Klopferchen aufs Dach schadete ihm also nicht. »Im übrigen dürfte es mir ebenso leicht gelingen, Serenissimum bei der nächsten Gelegenheit von unseren Bedenken zu überzeugen, als es Ihnen, Herr Geheimerat, – bei Ihrer agilité im Schreiben – Kinderspiel sein wird, den Entwurf in etwas gesetztere, autoritativere, ponderösere, – mit einem Wort: angemessenere Formen zu bringen. – Haben die Herren noch andere Referenda?«

Ja! Schnauß hatte fünf, Schmidt sieben Vortragsakten. Mit der zeitverachtenden Gründlichkeit der Bürokraten, die Essen, Trinken, Schlaf, Familie, – das Leben überhaupt vergessen, sobald sie einen Akt vor sich haben, legten sie sie dar: Bagatellen, von unerbittlicher Gewissenhaftigkeit in Folianten ausgequetscht.

Und ruhten nun. Erleichtert in die Sessel zurückgelehnt, die geschlossenen Akten vor dem zufriedenen Blick; die Hände unter den adretten Krausen adrett gefaltet.

»Herr Geheimerat – nicht auch ein Stück?«

»Nein.«

»Hm.« Der Herr Staatsminister räusperte sich. Noch einmal. Nahm dann aus dem Täschchen rechts im Frack die Silberdose. Öffnete sie mit wohlerwägenden Fingern und griff die Prise. Die braunen Körnchen, die aufs Jabot gefallen waren, entfernte er mit diesen wohlerwägenden Fingern wie mit der Pinzette. »Im großen Ganzen kann man sagen« – drittes, geräumigstes Räuspern – »geht es doch langsam aufwärts jetzt!« Gewiß sei noch Vieles zu tun. Nichts und nirgends locker zu lassen. Das schwer Errungene beharrlich festzuhalten. Der Sinn des Fürsten immer wieder den Bedürfnissen des Landes anzuzwingen. Die Bevölkerung auf jede Weise zum Vertrauen auf die liberalen Absichten der Regierung zu erziehen. Die Beamtenschaft an strenge Disziplin zu gewöhnen. Die Grenze nicht zu übersehen, bis zu welcher zu wirken möglich sei, aber auch nicht untätig verzagt zu werden vor dieser Grenze. »Die vier Territorien des Herzogtums gleichen sich mählich einander an . . .«

»Sehr richtig!« lispelte Geheimerat Schnauß.

»Die Stände sehen langsam ein, daß, was des Fürsten ist . . .«

»Des Fürsten sein muß!« unterbrach fest und feierlich Geheimerat Schmidt.

»Jawohl! des Fürsten ist. Die Kammer . . . .«

»Ist in Ordnung!« warf blitzschnell der bleiche Geheimerat ein.

» . . . . kommt mit der Zeit in Regeln. Die Kriegskommission . . . .«

»Ist in Ordnung!« warf zum zweitenmal der bleiche Geheimerat ein.

»Die Wegebaudirektion . . .«

»Ist in Ordnung!« erklärte zum drittenmal der bleiche Geheimerat.

Der Herr Staatsminister lehnte sich zurück; ließ seinen grauen Blick – diesen Blick, der sämtliche Persönlichkeiten des Herzoghauses bis hinab zu den nascituris ebenso restlos und lückenlos durchdrang wie jeden Winkel des Landes Weimar, des Landes Eisenach, der Jenaischen Landesportion und der Hennebergschen Erbschaft – lange auf der gallgelben Miene des bleichen Geheimerates verweilen. Kein Zweifel! Er anerkannte den Mann dieser Miene; in vollem Maße. Aber gegen Antipathien ist nicht zu streiten! »Das Land ist den verehrten Herren ewig Dank dafür schuldig«, sagte er endlich – aber nur Schmidt und Schnauß verneigten sich, denn nur nach links und rechts war dieses Lob geflossen – »dafür, daß Sie in unermüdlicher Aufopferung stets nur das Beste, das Abgewogenste wollen und vorkehren; sich, so möchte ich sagen, ohne jedwedes Schielen nach Fürstengunst und personalem Vorteil den aufreibenden Geschäften hingeben und . . . . kurz und gut! Tatsächlich kann denn auch bemerkt werden, daß, zum Beispiel, die mannigfachen Maßnahmen der vortrefflichen Generalpolizeidirektion . . .«

»Des hochzuverehrenden Oberkonsistoriums!« erlaubte sich Geheimerat Schnauß ergebenst beizufügen.

»Auch dieses. Aber selbst die Lokalbehörden, ja sogar die Landschaftskassendirektorien beginnen Morgenluft zu wittern.«

»Wie fein gesagt!« lächelte Geheimerat Schmidt in wonnigem Entzücken.

»Ja!« Der Brustkasten des Herrn Staatsministers hob sich, die Krause des Jabots ward gebläht, die Wangen bekamen Schimmer. »Es ist doch ein Hauch von neuem Geiste, – von universalerer Ordnung, bewußterer Einfühlung, tieferem Zusammengehörigkeits- und Verantwortlichkeitsgefühl zu spüren.« Jäh erhob er sich. Der bleiche Geheimerat hatte auffallend laut gehustet. »Herr Geheimerat scheinen anderer Ansicht?«

Im Nu verwandelte sich der Angeredete. Feuerrot wurde er. Daß der Stuhl laut ächzte, richtete er sich auf. Riß hoch das Haupt empor. Den rechten Ellbogen stemmte er hart in den Tisch. Das Auge, nimmermehr zu bändigen, durchbohrte mit Pfeilblick, nacheinander, jeden der Dreie. Soll ich noch einmal, schien es dabei zu überlegen, all das, was da an Schwarzsucht, Ekel, Widerwille, Galle und Ohnmacht in mir aufgespeichert ist, – soll ich es noch einmal hinunterwürgen? Oder? Da sprach er schon. Nein! Er sei nicht anderer Meinung. »Ich bin ganz Ihrer Meinung!« Und weil der Spund nun aus dem Faß geschlagen war, die Wollust der Explosion schon den Dampf verklärte, ward seine Gestalt mit einemmal gelöst. Strotzte das Auge, endlich entladen, von Lebensfeuer. Entspannten sich die Züge. Sank von den Gliedern jede Steifheit. »Ich sehe nur auch die Kehrseite, das Aber.«

»Das sehe ich auch!«

»Exzellenz sprach wohl davon?« hauchte Schnauß.

»Gewiß. Ich aber sehe es anders! Natürlich: ein Staat, und wäre er auch der kleinste, wird nicht in einem Menschenalter hochgebracht. Ich diene kaum elf Jahre. Und auch ich bin noch nicht ganz ohne Hoffnung. Nicht ganz unzufrieden. Nein! Aber wenn ich zurückblicke . . . .«

»Aus welchem Anlaß?«

Schwelgend im innersteigenen Geheimnis verzog sich der schmale Mund. »Ich bin ein Mensch der Bilanzen. Der Übersicht; wenn Sie wollen, der Tabellen. Und ziehe ich nun die Summe des bisher für diesen Staat Mitgeleisteten . . .«

»Ein Staat ist keine Person! Auch keine Statue! Kein Drama!«

Der Losgelassene jedoch war nicht mehr aus der Fassung zu bringen. Wild fuhr die Hand, auf einmal so beweglich, im Takt der ausgeschleuderten Worte durch die graue Luft. »Ich sehe, auf der einen Seite: Schweiß, redlichen, rechtschaffenen, ehrlichen, von uns allen Tag und Nacht, ohne Unterlaß, bei zusammengebissenen Zähnen vergossenen Schweiß! Und auf der anderen –: Nichts! Kein wirkliches Ergebnis. Nichts Positives. Halbes nur. Die Erhaltung, höchstens, des status quo.«

»Beispiele, wenn ich bitten dürfte!«

»Mit Vergnügen!« Weit, gierig beugte sich die entfesselte Brust über das grüne Tuch herein. »Das Land ist zu klein, ein Nichts. Als eigener Wirtschaftskörper überhaupt nicht möglich. Die vier Landschaften dazu in beständigem Partikularismus einander gegenüber. Das ewig qualvolle Dilemma: Wie die Steuerschraube bremsen, um die Bevölkerung nicht tot zu pressen, und wie der Kammer genug Geld verschaffen? zu notorisch, als daß ich lange darüber reden müßte. Jeder Landtag ein schmählicher Bittgang des Fürsten, und zugleich eine schmähliche Schlappe der Stände. Die Maximen, mit denen wir regieren, in ganz gleichem Widerstreit! Despotismus soll nicht angewendet werden! Aufklärung wieder – kostet Geld! Wir haben aber niemals Geld, so daß auch das Bescheidenste, was an Reformen durchgeführt werden will, an diesen uneinnehmbaren Mauern scheitert: Kein Geld, weil viel zu klein und zu zerrissen, – und, weil kein Geld, auch keine tüchtigen Beamten und keine mitwirkenden, mitarbeitfähigen Untertanen. Ist denn, um beim Kleinsten anzufangen, die Abschaffung der Feiertage etwa gelungen? Die Einführung von Prämien für geleistete Überarbeit? Haben unsere Vorsorgen für die Ansäung von Klee und Esparsette genützt? Ist's mit dem Tabak- und Krappanbau gegangen? Seitdem der alte Amtmann von Groß-Rudestedt dahin, ist's mit der Maulbeerzucht solenn vorbei. Die Chausseen Weimar-Jena, Weimar-Erfurt vermögen wir nicht auszubauen; wir brauchen die vorhandenen Steine zum Löcherausfüllen in der Stadt. Die Wirkereien in Apolda zu heben, scheint nachgerade aussichtslos. Die Almosenkassen sind umsonst, wenn dem privaten Bettel und den Vagabunden nicht gesteuert werden kann. Die Witwen- und Waisensozietät hat hundert – sag' und schreibe: hundert Mitglieder! Von der Feuerversicherung will man losgezählt sein. Den Impfzwang einführen . . .«

»Um Gotteswillen!«

Mit Leidenschaft fuhr die mitredende Hand zwischen den tödlich erschrockenen Geheimeräten in die Höhe. »Das Sportelwesen der Justiz- und Rentbeamten abzuschaffen, hat selbst das hohe Consilium sich nicht getraut! Und ist etwa aus der Prozeßordnung etwas geworden? Aus unserer kolossalen Konkursordnung? In Sachen der Kirchenbuße Ausreichendes geschehen? Von der Reform des Schulwesens gar nicht zu reden!«

»Die ist in Vorbereitung!«

»Sehr wohl, Exzellenz! Und darum hat ein Landlehrer noch heute ganze siebzehn Taler Jahrgehalt, das Land kein Lehrerseminar, das Gymnasium einen morschen Lehrplan, und ist die Garnisonsschule – die Schule der Kinder unserer glorreichen Armee! – die einzige, in der wir bisher etwas wirken konnten! Fange ich nun aber erst noch mit der Universität in Jena an . . .«

»Gewiß!« Tieftraurig senkte Schmidt den Kopf. »Vier Höfe, die dreinzureden haben!«

»Und Weimar, das sozusagen alleine zahlt!« seufzte bänglich Schnauß.

»Trotzdem!« Geräuschvoll mächtig, zum leiblichen Protest, erhob sich der Herr Staatsminister im Herzogsstuhl; breit legte er beide Hände in den Tisch hinein. »Trotzdem: er malt zu schwarz! Zu finster!«

»Ja doch! Zu düster!«

»Ist denn kein einzig Lichtlein da?«

»Sähe ich nicht auch die Lichter,« – schonungslos durchbohrte Wort und Aug zum zweitenmal die Dreie – »dann säß' ich nicht noch da. Weil ich jedoch noch dasitze, sprech ich's auch offen aus: Ich lasse mich nicht täuschen. Was wir da tun, ist fruchtlos Tun, weil Tun mit unzulänglichen, niemals vollen Mitteln. Der Kampf, den wir da kämpfen, Kampf gegen Wind. Sisyphusarbeit unsere Arbeit. Fortfretten, fortfristen können wir die Bettlerexistenz dieses Kleinstaats. Mehr nicht! Und wenn wir uns den letzten Atem aus der Seele schinden!«

»Hm.«

Auch der Geheimerat Schnauß machte »Hm«.

Nun auch Geheimerat Schmidt, um einen Halbton leiser, machte »Hm.«

Das schöne Haupt des Herrn Staatsministers, daß der Puder flog, lehnte sich nach rückwärts über die Lehne.

Blieb eine Weile lang in dieser Lage.

Dann, fast jugendlich rasch, hob es sich zurück. Leichtfertig beinahe glomm das Auge auf. »Sie sind stumpf gearbeitet, Herr Geheimerat!« sagte er wohlwollend über den Tisch hinaus.

Der wieder bleichgewordene Geheimerat lächelte unbewegt. Er hatte nichts mehr zu sagen.

»Es kommen solche – wenn ich sagen darf, persönliche Stimmungen über jeden von uns; dann und wann.«

Steinern lächelte der bleiche Geheimerat. Er hatte wirklich nichts mehr zu sagen.

»Übrigens, sollten Sie nicht Serenissimo andeuten . . .« Rasch brach der Staatsminister ab: Der Conseildiener Barthner, ein weißhaariger, würdiger, mit Medaillen vollbesetzter Mann, war eingetreten. Auf den Zehen, nach tiefem Bückling, schlich er an den Stuhl des bleichen Geheimerates heran; meldete flüsternd: »Seine Durchlaucht, der Herr Herzog erwarten den Herrn Geheimerat unten im Fürstenhaus.«

»Bitte!« erwiderte der Herr Staatsminister sofort den fragenden Blick von gegenüber. Glut war in sein Gesicht gestiegen. Überschnell erhob er sich. »Wir sind ja ohnedies seit einer Stunde fertig. Ich meinte nur« – zwiespältig trat er, von Schmidt und Schnauß umflankt, vor den Gerufenen hin –: »sollten Sie nicht unserem gnädigsten Herrn zu verstehen geben, daß unsere ›Bettlerexistenz‹ seine Preußenpolitik nicht wohl verträgt?«

»Ich tue, was ich kann.«

»Und was das Reglement betrifft« – gefolgt von Schnauß und Schmidt, trat der Herr Staatsminister in die Tür –: »Sie sorgen für Emendation des Entwurfes?«

»Ich werde pflichtschuldigst referieren.«

Krampfhaftes, starres Abschiedslächeln. Sanft schloß sich der Flügel. Erst als draußen im Korridor die Schritte verklungen waren, verschwand auch der bleiche Geheimerat. Durch die Tapete.

»Ist Götz da?« fragte er im Durchschreiten des langen, schmalen Gemachs, das seine Kanzlei vom Conseilsaal trennte, den Diener.

»Zu dienen, Euer Exzellenz.«

»Er soll herein!«

Götz aber war ein Haustier. Erst nach guten fünf Minuten trat er ein. Als er den Herrn Geheimerat, auf den der Herzog ungeduldig wartete, vor dem ungeschlachten Schreibtisch sitzen sah, im Dämmerlicht des Regenabends, der ohne jede Liebe hereingrinste, war sein Erstes: »Der Herzog marschiert schon seit einer halben Stunde im Garten unten und wartet auf Ihnen.«

»Hast du die Gesellschaft bei mir abgesagt?«

»Jawohl. Der Herr Generalsuperintendent wird aber auch bei Frau von Stein Abendbrot essen«, sagte er.

»Ist Sutor mit den Sachen ins Gartenhaus hinaus?«

»Um sechse schon. Der Fritz ist mit ihm.«

»Kriegt der was zu essen, draußen?«

»Sutor hat Eier und Wurst mit. Aber – der Herr Herzog wartet!«

Der Herr Geheimerat sprang auf. Sah den Mann mit blitzenden Augen an, – so lang, bis der abtrat. Dann, wie ein Krüppel, der früher einmal Athlet gewesen, riß er die Arme hoch. Grausen schüttelte den verzweifelten Leib. Hilfesuchend lief der Blick die grauen Wände empor; von den Wänden weg über die grauen uralten Möbel hin; von diesen hinaus in den grauen abgemessenen Himmel; vom Himmel zurück ins eigene Innere, – auch dieses war grau. Dumpf und ohne Strahl senkte sich der Blick auf die Platte des Schreibtisches hinab. Berge von Akten auf ihr. Gestern Abend war sie leer gewesen, – morgen abend mußte sie wieder leer sein. So ging's seit fast elf Jahren! Ohnmächtig begann die Hand zu blättern: Supplik des Kammerhusaren Siebold um allergnädigste Verleihung einer Herberglizenz; wo immer. Befürwortet von Seiner Durchlaucht, dem Prinzen Constantin. Inständige Bitte der Professorswitwe Schultheiß um allergnädigste Gewährung einer huldvollen Gnadengabe: neun Kinder. Einbegleitet vom Koadjutor von Dalberg. Händeringendes Flehen – auf fünf Winkeladvokatenbögen à elf Groschen – der ehemaligen Kammerzofe Ihrer Durchlaucht der Herzogin Witwe um Permeß zur Hochzeit mit ihrer verstorbenen Schwester Gatten unter Verleihung einer herzoglichen Forstgehilfenstelle in Ettersburg; Schrift des Fräuleins von Göchhausen. Wegstreit zwischen der Gemeinde Kaltennordheim und dem Grafen von Werthern-Neunheiligen; mit Visitkarte des Prinzen August von Gotha. Bitte der Schießstandsgesellschaft in Stützerbach um Verleihung des Rechts, in der Vereinsfahne das herzogliche Wappen zu führen.. Rechnungsabschluß des Kammerbauamtes pro 1. Januar bis 1. April 1788. Neukreierung einer Aushilfsdienerstelle am Rentamt in . . . . .

Donnernd: »Was ist?«

Barthner, medaillenklirrend, war wieder eingetreten. »Euer Exzellenz wollen sich gnädigst erinnern, daß Seine Durchlaucht . . . .«

Mitten in den Boden hinab, so, daß es laut aufklatschte und gezüchtigt in seine Blätter zerfiel, ward das Bündel Akten geworfen. »Gib Degen und Hut!«

Zwei Minuten später stieß unten im Toreingang der angejahrte Kandidat der Theologie Meßmer seinen sehr weltlichen jungen Begleiter, einen Studenten aus Bückeburg, in die Hüften »Das ist er!«

Salzsäule ward der Studiosus: Der bleiche Geheimerat ging steif, erhaben, Gesicht streng geradeaus gerichtet, Weisung Nordnordost, wie ein wandelnder Stein an ihnen vorbei.

Ohne jeden Ton kam es endlich aus der stotternden Kehle: »Das ist Goethe?«

Der Kandidat lächelte vielsagend. Der Herr Geheimerat, rasch nach abwärts schreitend, versank im Dämmer. »Du hast ihn dir anders vorgestellt?«

Der Junge versuchte sich zu erholen. Aber der Blick gehorchte einfach nicht; wie an einer Schnur gezogen, lief er der Gestalt nach. »Er schaut ja aus wie . . . . . . .«

» . . . eine Hofschranze! Jawohl!«

Der Bückeburger begann zu laufen. Der Furor hatte ihn erfaßt. Um alles in der Welt willen mußte er nachrennen. Gierig zog er den Kandidaten hinter sich her. »Wohin geht er nun? Weißt du es?«

»Ins Fürstenhaus, oder ins Palais, oder zu Frau von Stein. Oder nach Hause. Anderen Weg hat er keinen.« Sie jagten geradezu. Der Abend war tief hereingebrochen. Die Stadt, was man von ihr sah an Pflaster, Hauswänden, Dächern, Gassenbäumen, dunkelte armselig, winkelig, unschön, fast häßlich. Es war einfach nicht auszudenken, daß das Weimar war, an einem Junisonnabend-Abend, der grün, golden und blau über viel unberühmteren Städten lag, und daß der Dichter des Werther genau so aussah wie ein x-beliebiger Staatswürdenträger, dem der Hof ein Lineal in den Leib gesteckt und der Aktenstaub das Gesicht gelbgallig gemacht hatte.

»Er sitzt den ganzen Tag im Bureau?«

»Schmiert den ganzen Tag Akten.«

»Und Herder?«

»Predigt Sonntags genau wie jeder andere gottselige Pastor.«

»Und Wieland?«

»Seine zwei Jüngsten haben eine böse Diarrhöe durchgemacht. Er ist heute auf der Suche nach Milch, die von einer trockenheufressenden Kuh kommt.«

»Da ist er wieder!« Wie angewurzelt blieb der Fanatische stehen. Atemlos griff er in den Arm des schon Weiseren, Älteren. »O Gott! Er geht wirklich hinein! Er ist – weg!«

»Das ist das Fürstenhaus!«

Blöde stierte die dunkle Wand des gestaltlosen Hauses die Zweie an. Im Flur, den eine zittrige Öllampe soviel erleuchtete, daß aus der allgemeinen Finsternis das Pechschwarz der Nischen und das nächtige Loch des Stiegenhauses hervorgähnte, verhallte der Schritt des Entschwindenden.

»Was tut er nun drin?«

»Der Herzog wird ihn fragen, ob er ihm nicht ein Gedicht für seine jüngste Amour machen möchte. Es kann aber auch ein altes sein! Oder er ändert eines um!«

Der Herzog tat vorerst etwas Anderes. Er hielt sich den Bauch über den streng gemessenen Bückling – keinen Zoll zu viel und keinen zu wenig! – mit dem Goethe, aus dem Flur in die Bühne des Gartens getreten, vor ihm Halt machte. »Haben sie dich endlich losgelassen, oder bist du ausgerissen?« lachte er unangenehm laut, so, wie Unbeteiligte über den Ärger der Anderen lachen. Aber Goethe antwortete nicht. Stumm ließ er sich auf der weißen Bank an der Hauswand nieder. Das Dach bildete Schirm über ihr und den paar Sesseln und dem Tisch, die da standen. Draußen aber, wohin der müde Blick nun wanderte, fiel aus dem grauschwarzen Himmel der Regen, die Bäume und Büsche tropften ergeben, seufzend sog der Boden ein.

»Na?« stampfte der hübsche Fürstenfuß ungeduldig die Steinplatte.

Aber Goethe antwortete auch jetzt nicht. Das Auge, tief verhaftet dem Chaos des finsteren Gartens, das, so dürftig, kalt und altbekannt es auch war, dennoch anzog, weil es eben Chaos war, pflückte vom hintersten Vorhang der Fliederbüsche die lechzenden Worte ab: »Das Land der Griechen mit der Seele suchend.«

»Sie haben den Entwurf abgelehnt«, sagte er plötzlich mit raschem Augenaufschlag.

»Ich wüßte nichts, was mir gleichgültiger wäre!« lachte Karl August kurz. »Machen wir es eben ex plenipotentia regis! Du bist doch sonst nicht verlegen?«

»Aber müde!«

»Vermehre die Jasager! Will einer einen Orden? Geld habe ich keines!«

»Eben!«

Ungewiß, lange wartend, sah ihn Karl August an. Als Goethe trotzdem, ja wie zum Trotz krampfhaft weiterschwieg, sagte er: »Ich bleibe, soviel Mühe ich mir auch gebe, die Mitgift meiner verdammten Natur abzustreifen, leider doch immer ein Fürst. Abends nach acht will ich von Regierung nichts mehr wissen. Du hingegen . . .«

»Ja – ich!« Bitter wie Galle kam es aus Goethes Munde. »Ich bin noch um Mitternacht Feuer und Flamme dafür!«

»Und versumpfst langsam darin!«

»Scheinbar meine Pflicht!«

»Als ob es für diese Pflicht eines Goethe bedürfte!«

Der Degen an Goethes Seite klirrte. »Sie haben mich in das Amt gesetzt!«

»Aber doch nicht gegen deinen Willen, soviel ich mich erinnere?«

»Ich bin jeden Augenblick bereit«, stieß Goethe heiser hervor, »es in Ihre Hände zurückzulegen!«

»Um dann den Triumph zu genießen, daß der Nachfolger umschmeißt. Und er muß umschmeißen! Du hast doch alles so höchst eigenpersönlich Goetheisch eingerichtet, daß ein Müller oder Meier oder Schulze, der nach dir käme, sich die Haare ausraufen müßte, bevor er sein Normalgehirn in deiner Politeia unterbrächte!«

»Ich mache doch nichts allein!«

»Ah ça! Gar nichts? Gar alles!« Sollte der Herr Dichter und Minister nur wieder einmal erraten, wie die Kamarilla, die gegen ihn hetzte, seinem gnädigsten Herrn die Ohren vollsang, und wie sein gnädigster Herr nicht so dumm war, die Diktatur nicht zu spüren, die von dieser sogenannten olympischen Stirn aus das Land und seine Leute – und seinen Herzog beherrschte. »Du bist zum Tyrannen geboren! Das habe ich dir oft schon gesagt! Aber von mir aus magst du es ruhig bleiben« – wütend, weil Goethe bei diesem »magst« jäh aufgezuckt hatte: »also: sollst es ruhig bleiben! Mon Dieu! Das ginge mir noch ab, daß auch du Faxen machst und so tust, als wüßtest du nicht, daß ich kein heuriger Hase bin! Deine Verdienste kennt niemand besser als ich . . .«

Blitzschnelle Handbewegung. »Und doch tun Sie so, als ob ich ein Dienstbote wäre, der das weitere Bodenscheuern davon abhängig macht, daß ihm der Herr versichert, er habe es bisher recht ordentlich besorgt! Euer Durchlaucht sind zwar sehr gnädig . . .«

»Laß deine Durchlaucht fahren! Zum Teufel!« Eine zornige Furche legte sich über der noblen Temperamentnase senkrecht in die rotgewordene Stirn Karl Augusts. »Das weiß ich nach elf Jahren Zusammenlebens selber, daß du kein Lakai bist und daß du dir über mich Gedanken machst! Deine Verdienste kennt niemand besser als ich, und sie wären selbst dann inkommensurabel mit dem, was dir mein windiger Hof bietet, wenn du aus geschwollenem Ehrgeiz – als Streber dientest! Ein Regierender kann nur zweierlei Arten von höchstem Diener haben: entweder eine Puppe, die macht, was er anordnet, – und dazu sag' ich: danke! – oder einen Mann, der es besser als er kann und ihn darum um den Finger wickelt! Daß aber in diesem Falle der Herr Regierende merschdendeels die Puppe ist, wirst du nicht bestreiten, und daß er hiebei hie und da löckt wider den Stachel, hoffentlich verstehen. Denn er ist auch ein Mensch! Weil aber einem anständigen Regenten das Land vor ihm selber rangiert . . .«

»Ich habe aber bisher nicht die Empfindung gehabt, daß Sie mich nur deshalb . . . .«

»Ich habe bisher die Empfindung gehabt«, unterbrach ihn Karl August grob, »daß dein Regiment unserem Hause und dem Herzogtum von Segen ist, und mich darum dazu erzogen, in deine Geschäfte nicht dreinzureden. Tu, was du willst, mache, was du willst, meine Approbation hast du, und die Hunde lasse ich kläffen! Das ist meines Erachtens klarer und billiger Standpunkt. Aber diese ewige Miene des Vorwurfs, dieses larmoyante Schweigen . . .«

»Um des Himmels Willen!« Wie Eiter aus geplatztem Geschwüre schossen die Worte aus Goethes ringender Brust. »Was kann ich denn weniger tun als schweigen?«

»Du könntest so viel gelernt haben«, antwortete Karl August ebenso kühl, wie etwa Goethe ihm auf eine solche Frage geantwortet hätte, »um zu wissen, daß das Leben in der Überwindung unwürdiger Schwierigkeiten besteht. Für einen Mann wie dich, wenigstens. Denn du hast dich! Deine Person! Die Anderen nichts! Mache deine Iphigenie einmal fertig! Natürlich!« Geradezu wollüstig: »Du dichtest ja nichts mehr! Schreibst nichts mehr! Immer nur diesen gottverfluchten Aktendreck! Bist du früher je so herumgelaufen, einen Ladestock im Leib und die sieben Siegel auf den Lippen? Wenn ich mich erinnere: was für ein unerschöpflicher Brunnen bist du gewesen! In jedem Finger zu jeder Sekunde zehn Gedichte, vorm Insbettgehen ein Drama, beim Zähneputzen eine Elegie, – und jetzt?«

Schweigen!

Nach langer fruchtloser Pause, lang unsicherem Blick auf den schwarzen Rücken hin, der in unbeweglicher Starrheit wie ein Block im Dunkel gegen ihn aufragte, trat Karl August in den Regen hinaus.

»Sie gehen morgen auf die Jagd?«

Dankbar, sogleich kehrte der Herzog zurück. Liebesuchend, bedürftig legte er beide Hände auf den Block der Finsternis. »Und du begleitest mich? Sag' Ja! Bitte! Endlich einmal wieder!«

Gequält drehte sich Goethe um. Mit einem Blick ohnmächtigen Leidens sah er zu Karl August empor. »Ich möchte ausrasten. Meine Korrespondenz, eine Unmenge von Privatgeschäften, – alles liegt. Ich komme zu nichts! Brauchte einen vollen Monat, um nur wieder einmal aufzuräumen. Wie ein polnischer Student komme ich mir vor.«

Ingrimmig schüttelte der Herzog den Kopf; die auf dem Rücken verschränkten Hände zitterten. »Anstatt einmal in der Woche sich ordentlich auszulüften, sitzt er mit dem Buben im Gartenhaus und seziert Regenwürmer!«

»Mein einziges Vergnügen!«

»Die Regenwürmer?«

Achselzucken.

Stärker ging der Regen jetzt nieder. Seine Tropfen fielen dick; langsam, aber mit entnervender Gründlichkeit. Karl August trat in eine kleine Pfütze. Er wandte das Gesicht himmelwärts: ein Tropfen mußte die Nase treffen! Er traf sie. Er sandte den Blick rundum, erspähte die fahlen Lichter der Nässe, erlauschte das obligate Geräusche. Ja! Obligat! Alles war obligat hier! Er konnte sich vorstellen, auf Grund scheinbar jahrzehntelanger immer gleicher Erfahrung, wie nun die schmutzige Stadt vom Jakobstor herab übers Erfurtertor und, auf der anderen Seite, vom Kegeltor bis zum Frauentor in den Nebeln erstickte, im Naß ersoff. Wie der hochgeborene und der hochwohlgeborene Adel, die Herren Ratsleute, die Bürger, die Handwerker, das Gesinde, das Gesindel in den grauen Stuben hockten, unrettbar eingehüllt in die muffigen Netze ihrer unentrinnbaren Gewohnheiten, die sich wie Uhrräder drehten im ewig gleichen Gehäuse der Jahreszeiten. Und konnte erraten, was sie dabei dachten und nicht dachten; diese Gedanken und Gedankenlosigkeiten durch Jahrhunderte zurück verfolgen und ihnen Jahrhunderte voraneilen –: vom Anfang der Welt bis zum Ende waren sie einander unerbittlich gleich! Und die Würmer aller Gemächer im eigenen Hause fielen ihm ein, im Schloß zu Belvedere, im Schlößchen zu Tiefurt und im Palais seiner Mutter, und die Mienen aller Kammerherren, Hoffräuleins, Kammerhusaren, Jäger, Edelknaben, Lakaien und Dienstweiber, alle diese Mienen aus Stein, Holz, Gips, Tapetenpapier und aus Fleisch und Blut lächelten wie eine einzige, verdammte, und sagten heiser: »Es regnet.« – »Du hast es falsch gemacht!« wandte er sich eckig zurück an den schweigenden Goethe. »In diesem Nest – wenn man schon drinnen leben muß – kann man nur existieren, wenn man den kräftigsten Teil seines Ichs draußen lebt!« Die Schultern gingen hastig empor, zu Fäusten ballte er die Hände. Es gab Stunden, in denen er peinlich deutlich erkannte, daß seine Art zu leben dem Ruf seines Gewissens nicht entsprach. Aber nach jeder solchen Stunde entdeckte der Geist, der sich nicht leicht ein X für ein U vormachen ließ, noch viel deutlicher das: daß er ohne diese Art Selbsthilfe in diesem Nest, das sich für Bethlehem hielt, zum Krüppel verwachsen oder zum Tier sich zurückentwickeln müßte. »Sieh mich an! Ich habe mich darnach gerichtet. Ich esse und trinke und schlafe und regiere in Weimar, – aber, was dabei nicht aufgezehrt wird an Person und Natur, geht« – fanatisch: »hinaus! Oder soll ich mich erwürgen lassen? Und du schiltst mich albern, wenn ich noch immer meine Spässe haben muß? Die mich doch retten! Warum kann ich denn existieren hier? Pfeifen auf die ganze Banauserei? Weil ich frei bin von Weimar, mitten drinnen in Weimar! Du aber erlaubst dir nicht den geringsten Seitensprung. Spinnst dich hier ein, als ob zwischen Schweinemarkt und Ilm das einzig mögliche Zentrum deiner ganzen Person läge. Da bläst man dann freilich Trübsal!«

Aber Goethe, nun starr an die Hauswand gelehnt, in einer Woge von Schmalzgeruch, der niederträchtig erdlich aus der Küche im ersten Stockwerk herabströmte, schwieg hartnäckig weiter.

Mühsam beherrschte sich Karl August noch eine Weile. Endlich, als der Mann da, der ihn kannte wie seine Tasche, scheinbar immer absichtlicher so tat, als habe er nicht lange schon erraten, wo seinen Herrn der Schuh drückte, platzte er ganz einfach los. »Wenn du morgen schon nicht mit mir gehst, – gehe wenigstens im Laufe des Tages zu Louise hinauf!«

Im Augenblick, höhnisch, lächelte Goethe. Aha! Hurtig stand er von der Bank auf. »Was für Aussichten gibt Professor Stein?«

»Es kann in einer Stunde sein, und kann auch erst in drei Wochen sein. Die Kerle wissen ja nichts!«

»Also kann es auch morgen sein?«

Heiß flammte das passionierte Auge auf. »Ich warte seit vier Wochen wie eine geprüfte Hebamme, mein Lieber! Du willst ins Karlsbad und bist auch schon ungeduldig! Aber von einem Tag auf den anderen um den Bau da herumtrippeln und auf einen Prinzen warten, der entweder mit Lebensgefahr seiner Mutter kommt, oder eben nicht kommt . . .« Mit sehniger Hand riß er an der goldgestickten Krause, die glitzernd über den Frackrevers herabrann. »Ich kann nicht mehr! Ich muß hinaus, und wenn es nur für ein paar Stunden wäre. Denn wenn dann die Chose anhebt, vergehen ja doch leicht wieder vierzehn Tage, bevor ich ausbrechen darf. Ludwig von Braunschweig kommt schon übermorgen!«

Fest nahm Goethe den Hut unter den Arm, hob den Degen um einen Zoll. »Vielleicht melden Sie mich für morgen zwölf Uhr bei der Frau Herzogin an? Ich laufe sonst Gefahr, verwundert – oder auch gar nicht empfangen zu werden.«

»Du bist es doch, der nie kommt!«

Gewandt schob sich Goethe auf des Herzogs linke Seite und strebte nach dem Flur hin. »Offen gestanden bin ich schon seit langem in Verlegenheit um das Motiv, mit dem ich Ihrer Durchlaucht meine Aufwartung legitimieren soll.«

Karl August ließ Goethes Arm fallen. Groß, weit, aber auch schuldbewußt tauchte das sprühende Auge in das strengbeherrscht kühle.

Endlich, traurig, sagte er: »Es hat sich vieles verändert.«

»Gewiß! Aber nicht meine Ergebenheit für Sie und Ihr Haus!«

Dennoch! Zaghaft nur streifte der getröstete Blick Karl Augusts die gemessene Miene, zu der sich das dionysische Jünglingsgesicht in elf Jahren verwandelt hatte. Ja! Er liebte diesen Mann gleich wie früher. Und umgekehrt. Aber die Kluft, die der Rausch des Sturmes und Dranges nicht gesehen, der feste Wille zu immer vollerer Verschmelzung zweier Herrennaturen übermütig geleugnet hatte, – jetzt war sie nicht mehr zu überbrücken. Am wenigsten mit Worten. »Sie hat dich gern«, sagte er sanft; die Hilflosigkeit über die Wehmut dieser Erkenntnis bebte in seiner Stimme. »Und sie geht zugrunde in ihrer Umgebung. Ich . . .« – eng an Goethe gelehnt, schritt er im trostlosen Angesicht der regenrauschenden Gasse den Flur durch – »finde mich mit ihr nicht. Das weiß du ja. Und sie ist jetzt, natürlich, doppelt empfindsam! Sie bedarf eines Menschen, der ihr irgendwie . . . . der ihr gewissermaßen, . . . denn« – feuerrot wurde Karl August – »ich weiß nicht, ob es ihr von Gotha oder von Dessau her zugetragen wurde oder von weiß Gott welchem Tratschnest, aber sie hat unzweifelhaft Witterung von meinen Dornburger Séjours. Das merke ich genau! Und sie ist wie du weißt, eine eifersüchtige Natur. Und im gegenwärtigen Zeitpunkt . . .«

»Sie jagen morgen in . . . Dornburg?«

Als ob ihn Goethes Augen mitten in seine Augen hinein geschlagen hätten, senkte Karl August das Gesicht. Hob es aber schnell darauf zurück, justament empor in den unerbittlichen Blick. »Ganz richtig! Soviel ich mich aber erinnere, habe ich mich niemals dazu verstiegen, dich zum Paravent von Exkursionen zu machen, die ich nun eben einmal machen muß? Ich möchte also nicht falsch verstanden sein!«

Verbeugung.

Mit voller Absicht übersah sie Karl August. »Aber du bist der Einzige, dem Louise glaubt, daß meine Natur, auch wo sie ihren eigenen Weg geht, eine . . . . keine lumpige ist! Und diesen Glauben muß sie haben in diesen Tagen! Und darum bat ich dich eben: geh zu ihr!« Mit einem hochmütigen Schritt wegtretend vom Freunde, eiskalter Händedruck: »Du gehst Richtung Ackerwand? Gute Nacht!«

Mit Gewalt schob sich Goethe in die Gasse hinaus.

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