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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Wortlos – ihm klopfte das Herz bis zum Halse empor – langte Goethe den Puls des heißen Jünglings heran. Ja, der erriet und verstand ihn! Und mit einer Qual, die das Auge biß, sah er die drei dilettantischen Blätter: die Mühle, noch einmal die Mühle, und die Gruppe der Rüstern in Meyers sanft lächelnden Händen. Ja, auch dieser ein Engel! Auch dieser erriet und verstand ihn! Und dennoch! »Du,« rief es drohend in seiner Brust drin, alle geheimsten Mahnungen sang das gepeitschte Gewissen empor ins Gehirn, »du! Wie nützest du deine Menschen aus?« Und bange verzog sich die Miene. Diesen Kampf: zwischen dem täglich hungernderen Ich, das sich bis in die Spitzen der Erlebnisse und Erkenntnisse hinanfressen mußte, und der Sehnsucht des Herzens nach gütigem Liebeswerk an den Menschen, die neben dieser Gier lebten, – diesen Kampf focht er nicht aus zu Rom! Heftig löste er sich von dem Jüngling. Hilflos umarmte der Blick die Gefährten. »Was werdet ihr denken von mir! Widersprecht nicht!« Aufgefahren verwundert waren sie alle. »Ich durchschaue euch alle!« Und alle, auch den Jüngling, der ja liebte und nichts Reicheres sehnte als diese Liebe, traf der entschleierte, fordernde Blick. »Ihr müßtet ja auf den Kopf gefallen sein, ärgertet ihr euch nicht über meinen störrischen Wahnsinn, euch den Pinsel abgucken zu wollen! euch zu kneten und zu treten und zu zwingen, Tag für Tag, damit meine blöde Hand euere Fertigkeit kriege. Ihr habt doch alles Recht darauf gehabt, zu erwarten, ich würde euch geben, wenn ich schon einmal mit euch gehe. Indessen bin ich wie der Vampyr über eueren Willen und schinde aus euch unbarmherzig heraus, was ich für eine vorübergehende Entwicklungsmanie brauche. Reden Sie nicht, Meyer! Ich verbiete gerade Ihnen . . . .«

»Sie halten uns,« sagte aber schon Meyer, von Moritzens flammendem Auge gespornt, »für viel dummer, als wir sind. Und über Sie selber, wie Sie Menschen gegenüber wirken, haben Sie überhaupt kein Urteil. Diese letzte Skizze von den Bäumen« – mit messenden Fingern brachte er das Blatt zum zwanzigsten Mal in die richtige Entfernung vom Auge – »ist gut. Natürlich zeigt sie nicht Routine. Aber sie ist gefühlt. Und darum auch gekonnt! Der Charakter der Bäume . . . ..«

»Der Charakter der Bäume!« Zornig unterbrach Goethe. »Woraus erkennen Sie, daß das Bäume in Italien sind, zwei Stunden vor Rom, am Tiber, in der Zenithstunde eines Julitags? Nirgends!«

»Man beginnt eben mit der simpeln Nachahmung.«

»Übrigens« – nicht um die Welt hätte Moritz jetzt schweigen können –: »das Typische einer Landschaft bringt der Dichter viel besser heraus als der Maler.«

Ratlos stutzte Goethe. Zu unentwirrbarem Knäuel verstrickten sich die aus allen Untiefen seiner Existenz aufschießenden, zielbang einander kreuzenden Gedanken. Wenn es das Letzte, was er erreichen konnte, war: nachgebildet zu haben? Freilich, war denn nicht auch das Typische nachbildbar, sobald es das Auge – der schauende Geist – in der einzelnen Erscheinung entdeckt hatte? Und mühte er sich nicht mit aller Inbrunst darum, durch das Zeichnen und Malen das den einzelnen Erscheinungen Gemeinsame – ihre Grundform, ihren Gesamtausdruck – zu enträtseln? Aber wieder: wozu quälte er damit sich und die anderen, wenn im voraus feststand, daß es Jahrzehnte der Übung bedurfte, um von der treffsichersten Nachahmung zur Darstellung des Typus zu gelangen? »Nein! Nein! Ihr plaget euch umsonst mit mir. Völlig umsonst!« stieß er, bleich bis in die Lippen, hervor. »Und ich mich erst recht!« Und mit hartem Griff zog er Meyern die drei Blätter aus den Händen, knüllte sie in der Faust zusammen und warf den Ballen in weitem Bogen von sich weg ins Gras. »Reden wir von etwas anderem! Rasch!«

»Sie sind zu rasch, Herr Geheimerat!« Behende flog Meyer dem Ballen nach und brachte ihn zurück.

»Aus den Augen damit!«

»Sie müssen zeichnen und malen,« erklärte Meyer seelenruhig, indem er den Ballen entknetete, »weil Ihr Auge ein wilder Schauer ist. Ein ganz gieriges Schau-Tier. Ein Raubtier des Sehens. Aber weil Sie ein Hirn überm Auge sitzen haben, das viel weiter denkt, als das Auge mit dem Schauen gleich nachkommt, können Sie gerade in den Anfangsgründen nicht so sichere Fortschritte machen wie etwa der Maler, . . .«

» . . . der dumm ist!« Vor Vergnügen im Grase wälzte sich Schütz. »Ja, es ist, wie ich sage: der Dichter spuckt Ihnen in die Palette! Es bedeutet nun eben keine Kleinigkeit, wenn ein ausgemachter Weiser in der Mitte seines Lebens Töpfe machen geht. Er weiß schon, bevor er beginnt, was ein Topf »an sich« ist, wie er zu Homeri Zeiten ausgeschaut hat, und in welch geringfügigem Verhältnis der Topf überhaupt, insonderheit aber der Topf, den er gerade machen will, zur Welt überhaupt steht. Schauen Sie mich dagegen an! Ich bin dumm. Unverdorben von Weisheit, Wissen, Denken und Fragen. Aber, mach ich ein Bild . . .«

»Und, süßer Georg, wann machst du ein Bild?« lachte Bury hellauf.

»Süßer Georg? – O Georg!« Und überwältigt noch einmal, und der vollen Länge nach, ließ sich Schütz in die blauviolette Blust des Klees zurückfallen. Und weit streckte er die Arme aus, so, als wollte er mit diesen sehnsuchtswilden Armen auffangen, an sich reißen und dann heiß an sich halten, was so berückend wunderschön in der Brust drinnen flehte. »Wenn ich mir denke, daß mir das Lieschen im Schwan vor Sachsenhausen »Georg! Süßer Georg! O, Georg!« nachgeflennt hat, als ich ihr roh und verstockt mit einer blaßblauen Busenschleife und sieben Talern Zechschuld davonlief! Und daß meine Mutter, . . . Herr Geheimerat!« Wie angeschossen sprang er auf. Und zum zweitenmal und noch unheimlicher durchbohrte sein Blick Goethens dunkelbleiches Antlitz. »Und wenn ich mir denke, daß jetzt, in dieser Minute, die Frau Rat Goethe in ihrem Hause am Hirschgraben die gebahnte Treppe in den Keller hinabsteigt, – ein Sonnenbächlein rinnt durch die festgeschlossenen Läden der Flurfenster in das Dielenholz nieder – und daß sie, nach einer Viertelstunde, mit einem Teller voll Erdbeeren zurücksteigt, nun schnauft sie ein bißchen, die Erdbeeren hat gestern abend die Textorische Babette hinten an der Mauer im Großvatergarten gebrockt, und die Frau Rat denkt: wenn der Hans jetzt bei seinem »Faust« oder »Tasso« diese teuflisch reifen Dinger schlucken . . .«

»Schütz!« konnte Meyer gerade noch erschrocken rufen. Aber da hatte sich Goethe schon erhoben und ohne Wort, mit einem unzweideutigen Befehl, Bury mitgezogen.

»Um Gotteswillen!« Entsetzt glotzte Schütz den Zweien nach, die wie auf einer Flucht hurtig zu schreiten begannen. »Hat er mir's übel genommen?«

»Sie dürfen, bei allem Freimut, den er uns einräumt,« antwortete Meyer verdrossen, »doch niemals vergessen, daß er schließlich eben doch der Goethe ist!«

»Hab ich auch noch niemals getan! Aber dieses ewige Kunstgespräch, das Stroh drischt, leeres, taubes, unfruchtbares Stroh . . .«

»So halten Sie doch wenigstens jetzt das Maul! Er hört's ja!«

Er hörte nichts. Ging stumm neben Bury auf dem Wall des Tiberufers. Gierig, bei zusammengebissenen Zähnen, Rom näher. Ungeduldig ward der Sorakte umschritten. Endlich, aus der verebbenden Woge der Hügel, tauchte die Kuppel von Sankt Peter auf. Verschwand wieder. Rücksichtslos schob sich der Monte Mario vor den fernen Borgo und Trastevere. Aus der Mündung des Juliatals, vom Tiber begrenzt, der dort wellenruhig schimmerte, wuchs der Pincio hervor. Hinter seinen Gärten und Villen der Quirinalis. Ihm zur Seite der Viminalis. Diesem vorgerückt der Esquilinus. Dicht vor einem gleißenden Marmorband, das aus der Tiefe des Südostens, aus unklarem Gemisch von Flurblässe und verschimmernden Bauten heraufblickte und die Attika der Laterankirche sein mußte, stiegen die wilden Pinien der Farnesischen Gärten über die roten Trümmer des Tiberiuspalastes. Aber auch der Caelius dahinter und, rechts von ihm, der Aventin hoben sich aus der Glut, die mit hohen Kuppeln, Campanili, Glashauben und Obelisken den Brand der Stadt immer fanatischer schürte. Unvermittelt aufklaffend verschlang ein Hohlweg dies alles auf einmal. Kroch in dickem Staub zwischen klirrendem Grase und graugekalkten Blumenbüscheln eine scharfe Bodenwelle empor. Als ihr Kamm erreicht war, spannten sich über den Feuern der Stadt die Bögen der Sabiner- und Albanerberge, bog sich, wie Alpe so grünhell, hinab in die verrauchte Bläue der Velletrischen Täler die Kuppe des Cavo. »O! Nur Wunder! Nur Wunder!« stöhnte zerrissen die schweratmende Brust. Und alle Geschenke, die diese Stadt ihr seit einem Jahre dahingestreut, geheimnisvoll zahllos, ohne je zu ermüden und ärmer zu werden, traten wie zürnende Engel vor das verzweifelte Auge. »Oder siehst du nicht,« fragte peinvoll der Mund, »in diesen Himmeln fliegen wie Flügel völliger Freiheit die Universalität Lionardos? Aus der Flut dieses Firmamentes herabschauen das tragisch erhobene Gemüt Michelangelos? Alles, alles herabschauen und emporziehen, was hoch ist und groß ist? Aber auch menschlich, urmenschlich herabgrüßen wie in eine Wiege, die ewig wird erdgeheftet stehen bleiben unter der unsinnlichen Form dieser Himmel, die Stimmen von Dante, Petrarca, Ariosto und Tasso? Während aus der Erde empor lacht in diese seraphischen Himmel alle schmelzende Wollust des Leibes, alle Allmacht der körperlichen Gegenwart, der genossenen Stunde, so, daß sich zwischen oben und unten, in süßer Himmelsnähe ebenso wie in zärtlicher Nähe zur Erde vereinen diese beiden kreisenden Kräfte zum runden Strom menschlicher Sinnkraft? Sich wie nirgend anders so völlig vereinen, täglich enthüllender vereinen werden, – und sich schon vereinten, als, vor Jahren, die Mutter in den Keller hinabstieg, über die dumpf nachmittägige Treppe, in deren gebohnte Diele niederfloß ein Sonnenbächlein aus dem westlichen Flurfenster, um ihrem Hans, der da rasend oben im Giebelzimmer schrieb, die Erdbeeren zu holen, die Textors Babette am Abend vorher an der Südmauer des Großvatergartens gebrockt hat? Und ich, während all dies da stündlich sich aufspult und abspult, verzettele wie ein tändelndes Kind diese Tage niemals wiederkehrender Offenbarung . . . »Was ist denn? Was hast du?«

»Ich habe,« lächelte Bury, »trotz meinen jungen Jahren schon manchen Blick in Menschenherzen tun dürfen. Und es auch immer für das Schönste gehalten, in dieses Allerinnerste eines anderen Lebens zu schauen. Jetzt, obwohl ich mir nicht klar genug darüber bin, ob es wahr ist, schaue ich in den Geist eines Menschen. Und kommt es mir auch nicht so beseligend vor, wie das wehe Spiel der Sehnsucht nach Liebe zu lesen, – denn das ist wohl das Herz! – noch geheimnisvoller erscheint mir doch diese zweite Schau: wie der Geist eines Menschen leidet!«

Und das Vaterland wartet! zuckte es mit unzähligen verwundenden Blitzen in der atemlos hörenden Brust. Der Herzog erwartet mich. Charlotte erhofft mich. Fritz braucht mich. Meine alte Mutter ergibt sich ins Alleinsein. Nausikaa entsank mir. Tasso, Faust pochen wie Hamlets ehrlicher Maulwurf. Ich aber, wohin, ja wohin treibt es mich, zieht es mich magisch? Wo komm ich zuletzt an? Wo endlich? »Glaubst du,« fragte er heiser im teuflischen Durcheinander, das den gepreßten Geist wie ein Kosmos noch zu überwindender Elemente zur überirdischesten Geduld verdammte, »glaubst du, es ist erlaubt, jenes Bild von vorhin – die Kuppel von Sankt Peter – aus der Erinnerung nachzuzeichnen?«

»Warum nicht?« Aber in der empört prasselnden Antwort kochte kein milderer Drang, als im Busen des Fragers. »Aber warum nachzeichnen? Überhaupt noch lang zeichnen? Sehen Sie denn noch immer nicht ein, daß die Plage umsonst ist?«

»Ich hätt's nicht sagen sollen! Wie?« In brennroter Reue, zerknirscht, stammelte es der Jüngling. »So seien Sie mir doch, um Gottes willen, nicht böse! Ich sehe ja ein, daß ich von all dem zu wenig durchschaue, und wollte, weiß der Himmel, nicht frech sein. Aber – ich mußte!«

»Und ich muß auch!« Und wild riß Goethe die Hand vom Gesicht zurück, die er, wie um sich zu verhüllen, vor das schaudernde Auge gehoben. »Ich muß gehn, wie ich gehe! Und tun, was ich tue! Du bist um vierzehn Jahre jünger, als ich. Was weißt du? Einmal kommt für den Mann, der sich der Mitte seiner Jahre nähert, der Augenblick, in dem er nur Eines noch sieht: sein Werk! Und er muß sich entscheiden! – Da ist der Wagen!« Und ohne noch ein Wort, einen Blick nach dem Jungen zu tun, über den brechenden Rasen auf Meyer, Schütz und Moritz los, die vor dem Fuhrwerk schon warteten. »Ich steige vor der Stadt aus,« sagte er, das Auge undurchdringlich über ihren verblüfften Gesichtern im Himmelgrün drin; »will noch etwas versuchen.«

»Maske!« zischte Schütz, kaum daß der Wagen unter dem Bogen der porta del popolo wieder angezogen ward. »Nichts als Maske! Ohne äußere oder innere Verkleidung kann er einmal nicht sein. Ich habe ihn gestern abend aus der osteria campana im Marcellustheater herauskommen gesehen. Da drin hat er gewiß nicht gezeichnet! Wen versucht er anjetzo?«

Vorerst: die geliebte Pforte. Von einem Schotterhügel auf dem rechten Ufer der Via Flaminia aus. »Salus intrantibus« las er mit todesverachtenden Augen, während Strich auf Strich danebenging. »Lasciate ogni speranza voi ch' entrate!« fluchte er, taumelnd zwischen einem Milchkarren, den ein Wolfshund zog, und einer Gemüsefuhr, als er eine Stunde später in den Platz hinausschritt; und warf das vierte mißratene Blatt in den Kot. Vor Santa Maria Miracoli machte er unschlüssig halt. An die Ripetta? Nein! Zornig drehte er um. Auf dem spanischen Platz wieder halt. Zu Angelica? Unsicher blickte er die zuckerweiße Stiege empor. Wie Fackeln des Alpenglühens stiegen die Türme der Trinità in die samtblau gedunkelten Lüfte. Zu Angelica also? Aber – zögernd nahm er zwei Stufen –: wann wurde endlich die Fontana Trevi gezeichnet? Und die Gemmen Piombinos studiert? Und die Zeichnungen vom Parthenonfries beim Ritter Wortley? Oder sollte zuerst mit Verschaffelt in Betreff der Perspektive geredet werden? Und die Circe im Palazzo Farnese? Ist sie schon durchgearbeitet? Die neugefundenen Stiche Piranesis, Lionardos Geliebte im Palazzo Barberini, ein farbendrohender Sodoma, . . . als ob ihn schwindelte, hob er die Hand an die Stirn. Stieg die zwei Stufen zurück. Und die angefangene Mondlandschaft? Und der begonnene Kopf des Minos? Und die Kolosse von Monte Cavallo? »Nein! Nicht zu Angelica! Angelica kann zeichnen!« Und wie ein Wild, das der niederträchtigste Jäger hetzt, floh er zurück in den Platz.

Als er das nächstemal die Stufen dieser Treppe emporstieg, lag schon der September über der Stadt. Dennoch: war etwa Licht geworden mittlerweile drinnen im Chaos? »Sie empfängt mich nicht!« sagte er sich grimmig vor, als er, auf der Höhe der Trinità angekommen, die Fenster von Angelicas Atelier verschlossen sah. »Auch sie verschnupft darüber, daß ein Dichter die Unverfrorenheit hat, zeichnen zu wollen!«

»Komm ich ungelegen?«

Mit heiß aufpochendem Herzen war Angelica erschrocken, als die Dienerin plötzlich die Tür aufgerissen hatte: »Der Herr Geheimerat!« Wie ein Mädchen nun lief sie ihm vom Podium herab entgegen; arglos verriet ihm das Auge die Freude der Seele. »Sie ließen mich wirklich nicht mehr hoffen, daß Sie mich suchen.«

Schweigend, rasch trat er bis zu den Fenstern vor. Raffte die fraiseroten Vorhänge in die Ketten, schlug die Läden hinaus, beugte sich lufthungrig über die lichtlosen Dächer. »Gott sei Dank, es kommt ein Gewitter! Ich halte es kaum mehr aus. Diesmal war der Scirocco mörderisch!« Da, umgedreht, erblickte er das Bild auf der Staffelei: Die Mutter der Gracchen zeigt ihrer Freundin die Söhne. Und in derselben Sekunde fiel der Wahnsinn auf ihn zurück. Ohneweiters begann er, in langsamen Sätzen, nach je reichlichem, bei runzeliger Stirn geleistetem Nachdenken, das Bild zu zergliedern; Vorwurf, Gruppierung, Gegensätze, Verhältnisse, Beziehung der einzelnen Charaktere zueinander, Zeichnung, Farbe, Führung des Pinsels. Genau so tiefernst und unparteiisch, wie es ihn Meyer vor den Bildern der Galerien gelehrt hatte. »Das Auge des älteren Sohnes – dieser soll wohl der ältere sein? – ist zu matt. Nicht? Auch dünkt mich, daß die Söhne die Absicht der Mutter wissen müssen. Sie sind nicht im Unklaren über ihre Tugend, und die Liebe der Mutter muß gerade dies Bewußtsein vom eigenen Wert gegenüber der behängten Eitelkeit dieser Lebedame herausfordern! Ob also nicht etwas mehr Salz in die Gesichter der Söhne getan werden sollte?«

»Legen Sie doch keinen Maßstab an meine bescheidenen Versuche!«

Unwillig fuhr er auf. Aber ihr englisches Lächeln entwaffnete. »Erzählen Sie, bitte!« lächelte sie innig, nahm ihn an der Hand und führte ihn die Stufen herab in den Raum. Auf dem Diwan, der zwischen der Kommode und der Truhe stand, ließ sie sich nieder. Er, weit von ihr weg, auf einem lehnenlosen, grausamtenen Sessel. »Es scheint mir nämlich,« wollte er gerade fortsetzen, – da, plötzlich wie Erdbeben, stieß Wind herein durch die Fenster über die Bilder, Skizzen und Modelle von Stoff, und in wildem Sturz rauschte der Regen nieder. Finster wurde es. Über dem fahlen Kamm des Janiculus, weit zurückgeschoben in die fliegende Bank schwefelgelber Wolken des Westens, standen rabenschwarz drei Zeilen von Pinien. Unwirklich aus den querbeschienenen Dächern des Borgo stieg die Kuppel von Sankt Peter, auch bleich, in die fallenden Schauerstreifen. Während die Halde des Monte Mario, da nun die Blitze zuckten und der Donner in toller Befreiungsfreude rollte, mit giftgrünen Rasen niederfloß in die grellen Steinformen des Campus Martius.

»Erzählen Sie doch! Bitte!«

»Erzählen?« Dennoch, das Auge ebenso wirr draußen im steigenden Tosen, im lüsternen Sichwiegen der Platanen, im Strome von Naß und Duft, der von der Vigna des Franziskanerklosters herüberschwang, wie herinnen im dunkelbunten Durcheinander der Dinge, erzählte er. Kniep habe exzellente Konture geschickt. Mit Meyern köstliche Stunden im Palazzo Farnese erlebt. Moritz – dies sei seine tiefste Befriedigung! – schreite unaufhaltsam fort. Seine rein schriftstellerische Tätigkeit wandle sich zuverlässig in exaktes, systematisches Bearbeiten von Kulturgedanken. Die »Altertümer Roms« würden ein Werk werden, das Tausenden von Deutschen Offenbarung brächte. Das Wesentliche an diesem Fortschritt aber sei: Rom habe ihn bewirkt! »Das Sehen. Das Schöne. Das Bedeutende. Ewige. Zu einem geringen Teile auch ich. Ich kann mit Moritz, möchte ich sagen, allgemein besprechen, was ich mit Meyern streng nur über die bildende Kunst verhandele. Er hat Teil an allem und ist eine Seele von einem Menschen. Ich darf, glaube ich, fast voraussagen: er wird nimmermehr fallen.« Möchte man, zum Beispiel, für möglich halten, daß ein Mann, der als ein Laie nach Rom kam, eine höchst bedeutende Abhandlung »über die Nachahmung des Schönen« liefert, nachdem er vor Monaten noch seinen »Versuch einer deutschen Prosodie« . . .«

»Aber von Ihnen! Erzählen Sie doch lieber von Ihnen!«

Lange, reglos, sah er sie an. Dann fuhr er unbewegt fort. Bury sei ihm ordentlich ans Herz gewachsen. Aber ob seine rohe Manier sich zu Stil entwickeln lassen werde? Er rasiere sich nun endlich, äße anständiger und habe jüngst, in der Kopie einer Sibylle, zum erstenmal zartere Töne gefunden. »Hoffen wir!« Schütz wieder sei ganz anders! Faul. Aber ihm sitze doch die Landschaft. Wenn er nur arbeitete! Aber da nütze kein Beten und Fluchen. Hingegen müsse man den jungen Dies ohne Einwand loben. »Nachdem ich vor Wochen aus der Erinnerung die Peterskuppel, wie sie dem von Norden herabsteigenden Wanderer ins Auge steigt, zu tuschen gewagt hatte, versuchte ich nun eine Landschaft zu imaginieren . . .«

Falten erschienen auf seiner Stirn. »Das ist nun freilich das Quälende: Nur Naturnachahmung, oder auch freies Schaffen? Aus der Idee heraus?« Dies habe die Landschaft dann ganz prächtig koloriert. Aber . . .

Er stand auf. Ein Zweifel gehe ihm nicht aus dem Sinn, so hartnäckig er sich auch gegen ihn stemme, und so sehr ihm die wachsende Klarheit in Gesprächen und Untersuchungen mit Meyern unrecht gebe. »Der Zweifel: ist unser Material, unsere historische Kenntnis von der Entwicklung der Kunst nicht zu – pauvre, als daß wir uns heute schon mit theoretischen Sammelerklärungen hervorwagen dürften? Sooft mir einer sagt – und jeden Tag sagt es mir einer –: dieses neuaufgefundene Bild, dieser ausgegrabene Torso ist, in seiner Art, gewiß das Höchste, was die Welt kennt, werde ich verstimmt. Ich brauche nur an den Kardinal Albani zu denken, um auf den Einfall zu kommen: liegt denn nicht Tausendfaches noch unter der Erde? Und der Betrug, den Mengs mit seinem antiken Gemälde an Winckelmann ausgeübt hat? Bitte! Wenn Winckelmann hereinfallen konnte! – Aber noch etwas anderes!« Er vermöge sich zwar der Lehre von der »edeln Einfalt und stillen Größe,« vermöge sich dem Abstand zwischen Raffaels antikem Maße, bei fast raffiniert bildendem Verstande, gegenüber Michelangelo nicht zu verschließen. Er könne auch Meyern, der jedem Kunstwerk mit – »ja, ich möchte sagen: Tabulatur-Gesetzen« – kritisch nahe, nichts an begründetem Einwand entgegensetzen. Aber . . .« Rasch kam er auf die stille Frau zu und ließ sich neben ihr auf dem Diwan nieder. »Ob wir nicht alle zu unfrei, zu nordisch, zu philiströs, zu – genielos den Werken der Alten und der Renaissance gegenüberstehen? Ja, wenn ich mich schöpferisch in der bildenden Kunst betätigen könnte!« Ungestüm fuhren die Hände an die Schläfen, es flammten die Augen auf, während die Donner nun brüllten, die Wasser sausten. »Dann würde ich bald ohne Vorurteil sein! Aber so? Ich komme nicht an! Ich gelange nicht hin! Und, sehen Sie, – das begreife ich nicht! Verstehe ich nicht! Ich habe doch eine geradezu brennende Liebe zur bildenden Kunst. Ich ahne, wenigstens, ihre Gesetze. Ich besitze ein treu ausgebildetes Auge. Lerne, versuche mich, ergebe mich ganz, ja tyrannisch der gewissenhaftesten Übung. Und dennoch: es geht nicht! Geht einfach nicht!«

Lange, stumm nagende Pause.

Endlich, tapfer fragte die Frau: »Und was ist mit ›Egmont‹?«

»Lange schon fertig!« Als ob er nach Atem ränge, sprang er auf. »Ging den ersten des Monats nach Zürich zu Kaysern ab.«

»Und jener Stoff, den Sie in Sizilien . . .«

»Und Sie?« Und mit gerungenen Händen kam er von zwei halbfertigen Bildern, die gegenüber der Mutter der Gracchen an der Wand standen, zu Angelica zurück. »Wann werden Sie einsehen, daß Sie Ihr ungeheures Talent prostituieren, wenn Sie ewig fortfahren, je zehn Bilder auf einmal zu malen? Nein,« widersprach er hart, als sie mit einem traurigen Achselzucken antwortete, »Sie dürfen sich nicht dazu hergeben! Lassen Sie Zucchi toben und rasen! Er hat nicht recht! Er ist der beste Mensch von der Welt, aber kein Künstler! Er soll Gott auf den Knieen dafür tagtäglich danken, daß er Sie zur Frau hat, aber nicht ausnützen darf er Sie! Schütteln Sie den Kopf nicht!« Streng preßte er ihre Hände. »Ich will mich gewiß nicht in Dinge mischen, die mich nichts angehen. Aber das kann ich nicht länger still ansehen. Sie arbeiten sich stumpf. Stöhnen unter der Fron dieser gierig einkassierten Aufträge aus aller Herren Ländern. Wieviele Selbstporträts, zum Beispiel, haben Sie schon bemalt? Siebzehn? Achtzehn? Neunzehn? – Entsetzlich! Und wieviele Bilder aus Ihnen selber, aus Ihrem Innersten, aus dem Zwang Ihrer Seele, – Ihrer Künstlerseele heraus?« Drohend stand er vor ihr. »Antworten Sie!«

»Ich kann ja nichts!«

»Sie wissen genau, wie ungeheuer viel Sie könnten!«

»Gewiß: ein Talent. Aber ein mittelmäßiges. Frauenarbeit! Gerade genug, um verdienen zu können. Nicht aber, um . . .«

»Um?«

»Ich meine,« – groß schlug sie die traurigen Augen zu ihm auf – »wenn ich nicht malte, es würde nie und nirgends vermißt werden.«

»Kennen Sie heute eine Malerin gleichen Rufs neben Ihnen?«

Kein Wort.

»Wissen Sie, wieviel Sie zu können vermöchten, wenn Sie nur malten, was Sie malen müssen?«

Kein Wort. Aber ihr war, als flammten die Blitze, predigten die Donner in seinen Worten, rauschte das Element des Flüssigen, Dessen, was ewig wallen kann, nicht erstarren, sich nicht ergeben muß, sondern lösen, erlösen, tauen, strömen und netzen darf, in der Jugend seiner entfesselten Bewegungen. Und das Herz, das niemals Jugend und Liebe ausgetrunken, keines Tages Sonne jauchzend geschlürft und keiner Nacht Wonne schaudernd gekostet hatte, schlug ihr wie vor der Lust eines himmlischen Traums.

»Wenn ich so denke!« Die Stirn hart an das Fenster gepreßt, an das er, als riefe das Gewitter in seiner Brust nach nichts anderem als nach Gewitter, geeilt war, und den Regen auffangend mit durstigen Händen, sprach er in wachsendem Aufruhr. »Daß ihr habt, was ich nicht habe! Spielend vermöget, was ich nicht erlangen kann, auch wenn mir die Pracht aller römischen Dinge das Blut versengt und die sehnende Seele erstickt! Und daß ich, . . . ach Gott!« Laut trat er vom Podium herab. »Um die andern mag nicht so schade sein, wenn es mir nicht gelingt, sie zu wecken. Ihnen mit Kuß oder Rute beizubringen, daß die Kunst – wenn man sich schon einmal als Künstler fühlt! – nicht eine Beschäftigung, keine Liebhaberei und kein Handwerk ist, sondern: Dienst im Gebot eines unerbittlichen Herrn. Der kennt keine Rücksichten! Keine Geliebte, keine Braut, keine Gattin, keine Kinder, – keinen Herzog, keinen Staat und kein Volk! Nur die Arbeit! Tag und Nacht Arbeit! Im furchtbarsten Norden, oder hier! In Zweifel und Glauben! Im gemeinsten Schmerz – Herzweh oder Zahnweh, – und im staunendstem Glück!« Wie erschöpft ließ er sich wieder nieder neben der Frau. »Wie gesagt: die anderen, – in Gottesnamen! Aber Sie! Denn Sie sind ein ganzer Mensch! Eine vollkommene Seele! Nur sagt es Ihnen niemand, – außer mir!«

»Ja,« setzte er bebend, mit tyrannischem Blick, hinzu, »schaudervoll, sträflich und Frevel! Verbrechen, daß Sie den Mut nicht aufbringen, das völlig auszuwirken, was in Ihnen ist!«

»Und Sie?«

Trotzig: »Was meinen Sie?«

»Jener Stoff, der Sie in Sizilien so beschäftigt hat als die Bestätigung dafür, daß Sie – wie Sie sich ausdrückten – das Nest endlich gefunden haben? Was ist mit ihm?«

Gefährlich stand er auf. »Nichts.«

»Und mit ›Tasso‹?«

Mit den zappelnden Füßen den Boden zu wetzen begann er. »Auch nichts.«

»Und mit dem ›Faust‹?«

»Sie sind also auch der Ansicht, daß ich in Rom faulenze?« Atemlos, leibnah vor die Erschrockene hin trat er. »Leugnen Sie's nicht! Sie befinden sich ja auch mit dieser Meinung in der besten Gesellschaft! In Weimar pfeift es jeder Spatze vom Dach! Und es ist ja auch wahr! In einem Jahr vollkommener Freiheit habe ich nicht mehr zustande gebracht als: die Neuredigierung der Iphigenie und des Egmont!«

»Und dabei, müssen Sie wissen,« – wie ein Felsen von unabschüttelbarer Furcht legte es sich über der Frau pochende Brust – »kräht langsam kein Hahn mehr nach dem Dichter Goethe! Der Ruhm ist im Verglimmen! Eine Auffrischung des Funkens täte höllisch not! Schiller, – spielend wird er mir über den Kopf wachsen! Und dennoch! Und dennoch!« In beide Hände vergrub er das Gesicht. Senkte es tief. Vom schweren Atem hob sich gewaltsam die erschütterte Gestalt. Kein Donner mehr störte die Stille der schwarzen Betrachtung. Kein Blitz strahlte mehr Licht in das Finster des Busens. Gleichmäßig, in selig niederfallendem Strom, der von den erblichenen Dächern lächelnd aufgetrunken ward, vom ausgebrannten Stein und den gelöst, wie zur endlichen Rast, hingedehnten Formen des Landes, rauschte der Regen. »Und wenn es nur einer, irgendeiner, eine einzige Seele begriffe: daß die Hälfte des Lebens Warten ist, Aufhorchen, Hinlauschen, Saugen, Schlürfen, Trinken, – was!« Mit einem Ruck erhob er sich. »Im Gegenteil! Die andere Hälfte des Lebens ist Einsamkeit! Und das ist gut so!«

Wenn ich jetzt, fuhr es wie süße Versuchung durch die Seele der Frau, das Wort aussprechen könnte, das mir wie inbrünstiger Zwang auf dem Herzen da liegt! Die Ketten abwerfen könnte, die mir das Leben angeschmiedet hat, nur für einen Augenblick, um einmal, nur für einen Augenblick, aufzufliegen in die schwebende Wolke des Glücks! Der Verehrung! Des Glaubens an Einen, – in den Himmel des seligen Verstehens eines Zweiten! Und voll von der Glut ihrer schön gebändigten Natur, folgte ihr Auge jedem Spiel seiner Miene, jeder Regung, Bewegung, die sein ringendes Innere durchstritt. O, vom ersten Blick an, vom ersten Wort an, das er zu ihr gesprochen, – das ist der Unerbittliche! hatte sie gewußt. Er scheint einfach, wenn ihm das Schicksal seiner Ideen Ruhe beschert. Er ist vielfach, mit unzähligen Gewalten geladen, wo die Kräfte des Lebens in wildem Kreuz an ihm zerren. Er kennt die Schwäche halber Hingabe nicht, wenn seine Seele gezogen sich aufschwingt; aber auch nicht die Rücksicht falsch schmeichelnder Tröstung, wenn ihn sein Ziel vom Glück abruft zum Abschied. Man müßte frei sein von jeglichem Eigennutz, jeder Gier nach eigenem Gewinn von ihm her, um ihm die Lieder der kindlichsten Liebe zu entlocken und die furchtbar erschaffenden Blitze seines Genies; und um ihn zu wärmen und die Not seines Einsamseins wundertätig zu bannen. Ich aber . . .

Ein müdes Lächeln um die ungeküßten Lippen tötete die süße Versuchung. »Ich bin eine alte Frau!«

»Und erst noch darüber reden!« stieß er, zwischen den Bildern auf und nieder wandelnd, die Hände auf dem Rücken, heiser hervor. »Einer Mutter in Trastevere, – vielleicht zehn Müttern in Trastevere drüben sterben heute Kinder! Und ich, – weil ich nicht zeichnen kann!« Und wieder schlug er die Hände vors Gesicht.

»Wer Sie nicht ernst nimmt wie den Schöpfer selber, – nein, nein!« verbesserte sie sofort, erschrocken, »wie das gewissenhafteste Geschöpf des Schöpfers auf jeder Staffel Ihres Weges, – der kann den Genius nicht vom Menschen unterscheiden! Was tut uns Armen denn bitterer not, als: endlich einmal wieder zu sehen, daß einer aufwärts will? Hart? Unerbittlich?«

»Und deshalb mahnen Sie mich?«

Hoch, obwohl ein Seufzer aus ihrer tiefsten Brust brach, stieg das Antlitz der Frau zu ihm empor. »Ja. Deshalb wagte ich's.«

»Und wenn ich Sie mahne?«

Ein wunderschönes Lächeln. »Gott! Was bin denn ich?«

»O, Angelica!« Als schauderte ihn vor der Gewalt des Zaubers, der von dieser königlichen Reinheit, dieser unbemakelt durch den Schmutz des Lebens getragenen Unschuld zu ihm herüberlockte, an die eiserne Schale seiner erst gepanzerten Mannesseele rührte, starrte er in sich hinein. »Was wissen Sie von Ihnen, und was von mir?«

»Von mir nicht viel. Von Ihnen, – was Sie mir vertrauen!«

»Es ist nicht schön, Angelica, nicht schön,« – mit heißem Schritte kam er wieder näher, der Regen rauschte, rauschte, rauschte Linderung, Aufschmelzen, Lösung und Befreiung – »und auch nicht gut, wenn man das Herz, endlich, soweit gebracht hat, daß es sich folgsam als das Zweite fühlt!«

»Nach dem Ersten –: der Sorge für die eigene Seele?!«

Als blitzten hunderttausend Blitze in einem einzigen, ganzen auf, empfand er: Licht! Empfand er: Glauben! Empfand er: Zwei! Und ohne noch zu denken, zum drittenmal, ließ er sich nieder neben ihr.

Aus tiefen, bis ins Letzte offenen Augen sah er sie an. »Überlegen Sie gut, was Sie sagen! Da ist ein Mensch, der unverdient geliebt wird. Ganz unverdient! Und viel! Grundlos. Doch wirklich! Und: der nicht mehr sich gibt! Weil er jetzt werden will! Er werden will! Verschenken kann er sich, will er sich nur noch an sich selber! Dem eigenen Weg! Dem kaum erratnen Ziel! – Wie nun, wenn dieser Weg ein Irrweg ist? Das Ziel nicht zu erreichen?«

Sie nahm, als dürfte sie's nun ohne Zweifel tun, weil dort, wohin dieser Mann sie führte, ihr angestammtes und erworbenes Land sein mußte, seine Hand in ihre Hand. »Es gibt auch zwischen Menschen,« flüsterte sie bebend, »Etwas, was mehr als Liebe ist, die – immer – haben will! Das ist: das Höchste an Leid und Streit, Verzicht und Willen nach oben voneinander zu verlangen, es einander glauben, und zu ihm einander helfen!«

»Ja!« In bitterem Zwiespalt rief er's aus. »Wenn dieses Höchste eben wirklich die Sorge für die eigene Seele ist!«

»Wofür denn sonst?«

O dürft' ich, dürft' ich, fuhr's wie süße Versuchung durch den aufgewühlten Mann, den wirren Kopf in diesen Schoß da legen, von diesen keusch gebliebnen Händen mich streicheln lassen, mit sehnsuchtsvollen Lippen den Herzschlag küssen, der so erlösend hinter dieser Brust schlägt! »Wofür denn sonst?« Die rechte Hand, auf ausgerecktem Arm, griff langend in die Dämmerung, die rauschend, rauschend, rauschend, mit Duft und Feuchte, Erleuchtung, Schlummersang, Entbindung durch die Fenster wogte. »Was der Verstand ergreift, die Phantasie erahnt, was Geist, Gedanke ist, unsichtbar, Idee, – das bändige ich als Dichter leicht in Formen! Da entwischt mir nichts, was dieses Herz zu fühlen, dieses Hirn zu erraten, dieses Blut zu wittern fähig ist! Soweit der Kreisgang dieser Welt gezogen ist, gehört mir diese Welt! Und mehr: Gesetze finden, nachfinden, nachempfinden, nach denen diese Welt – Stoff und Idee – gebaut ist, in hellen Stunden gelingt mir auch das! Und noch mehr! Ich hab's zwar nie versucht, mich darin zu üben, – aber: was Ton ist, komme er nun kaum hörbar aus den Elementen selbst, oder deutlich aus lebendigem Munde, oder erstarkt, verwoben mit anderen, gebogen nach Willkür des Künstlers, aus dem Instrument, – auch ihn erfaß ich; was er will, bedeuten muß, wie er entschleiert, wo er nicht einmal nachzuprüfen ist. Aber: Linie, Licht, Schatten, Farbe, Form, Gestalt, – den himmlisch schönen Körper dieser Welt, das Schöpfungs bild, Angelica, – wie faß ich das? Wie zähm ich diese Fülle? Wie beruhige ich mein heißes Auge, das dieses Bild, – ja: knieend, möcht ich sagen, sieht? Dem keine Lust, nicht ein Gesicht von dieser Überpracht entgeht? Da steh ich, geh ich, wandre ich in nichts als Schönheit! Schönheit Tag und Nacht um meine Augen! Und nicht: die fliehende. Nein: ewige, immer wieder sich gebärende, runder, reifer sich vollendende! Und gehe, stehe, wandre kraftlos! Ohnmächtig! Den ganzen Menschen voll Gebet zu ihr, – und keine Waffe, sie mir einzufangen! Was wollen, können wir Geschöpfe andres denn als: nachschaffen? Als, Ebenbilder des Schöpfers, wieder Ebenbild erzeugen? Und ich – kann's nicht! Besessener, glühender als viele von euch, – wie ein Schulknabe reiße ich falsche Linien! Mische falsche Farben! Karikatur ist, was ich mache! Und bin ich zwanzig Jahre alt? Ein andrer hätt' sich lange schon gesagt: Umsonst! Da liegt der Fels von einem Tasso! Der Berg von einem Faust! Keck daran! Und ich? Ich ringe, raufe, bettle, schinde mich und euch, schände die heilige Natur, die meinen Händen widerstrebt, und will es zwingen! Und das soll Sorge für die eigene Seele sein? – Angelica!!« Und wild – wo hemmte noch ein Zügel den zerrissenen Geist? – sank er zu ihren Füßen nieder. Die Arme, die nach ihrer Tröstung lechzten, um sie, die lächelnd weinte, fest geschlungen, das Haupt wie einer Mutter in ihren Schoß gelegt. O, streichelt, streichelt, streichelt nun, ihr gnadenvollen Hände! Schlag nun, du Engelspuls an dieser bangen Brust! Wo soll ein Mensch denn Zuflucht finden? Darf er nicht Zuflucht finden? Still, selig, während sie in hellen Tränen schmolz, ließ die Verklärte ihre Finger durch die Locken schmeicheln. »O, goldner Tag! Er ganz bei mir!« – »Wie mir der Jammer gut entflieht!« schien ihr der Mund in ihrem Schoß zu lächeln. – »Heb dich nur auf,« gab sie verschwiegen Antwort, »du mußt es fühlen, einmal, wie dies Herz da glüht!« Und sanft, ein Jüngling fast, nur Ehrfurcht, Glanz und Glaube, hob er das Haupt, den Mund: »Angelica,« – ach, wie er leuchten konnte! – »Dein Herz hab ich geküßt!«

»Ja, dieses wohl!« Als risse ihn der Zorn des Geistes, das Joch der Einsamkeit, das Eis des unerbittlich angelegten Panzers zurück, sprang er empor. »Das sorgt für seine Seele! Aber ich? Bin ich denn Seele? Ist mein Ziel denn Seele? O, reden Sie nicht!« Ein Krampf zerriß ihm Haltung, Vorsatz und Gefühl. Im Sturm ergriff er ihre Hände wieder, hielt sie wie gegen Raserei an seine Brust. »Ich bin nicht gut! Mich drückt nicht eine Schuld nur! Wohl oft, im Rausch von Glück, auf Himmelswoge, wunschlos, Lippe und Hände voll von Wundern wie der Erwählte, dem, was er liebt, in seinen Schoß fällt, steh ich da, in diesem Lande, das mich neu geboren. Oft aber, – den nächsten besten Eseltreiber, Karrenzieher beneide ich! Er sieht nicht, hört nicht, fühlt nicht! Ihm singen nicht die Engel, ruft kein Teufel! Er weiß nicht, und darum, er kann nicht schuldig sein an seinem Weg! Sie kennen mich nicht! Man überschätzt mich, und ich dulde es! Man sagt mir, daß ich gebe, – nehmend laß ich's sagen! Man mutet mir den Flug in den Olymp hin zu! Ich krieche wie die Gemeinsten, – aber laß es sagen! Ja, wenn ich wäre so, wie Sie: arglos, harmlos, gefeit von innen gegen Betrug und Duldung jedes falschen Ruhms! Dann, ja dann wär' es Seele, dieses Kunst-Versuchen! So aber, – so, wo einer, der des nächsten Besten schon nicht würdig ist, sich selbst erst suchen geht . . .?!«

»O Kind!« Kaum, daß sie selber wußte, daß sie sprach! O, durch die Wüste pilgern, Jahr um Jahr, luftlos und grünlos, ohne Quelle und Erbarmen! Und, plötzlich, in seinen eigenen nie geweckten Armen den heißen Flaum des Adlerflügels halten! Als wäre sie ein Mädchen wieder, vor dessen Aug sich morgendlich die Welt ausbreitet, und niemals noch ein Schatten über ihren Glanz gefallen, und Mensch und Tier, Baum, Stein und Halm in voller Unschuld unterm blanken Himmel, erhob sie sich. »Sie Kind und Feuergeist! Sie heiße, schöne Seele!«

»Ja!« Tollkühn, weit umströmt vom Dämmer, der noch immer rauschend, rauschend, rauschend floß und wehte, glomm ihr das Auge auf. »Ich sag es noch einmal: Sie große, schöne, heiße Seele!«

»Wer weiß es denn,« – weil er, wie Fels geworden, traurig schwieg – »wieviel und was Sie täglich, stündlich leiden?«

»Ich? Leiden?« Wehes, hartes Lachen. »Hier, in Rom?«

»Ihr Weg ist dunkel! Am dunkelsten, wo ihn die meiste Sonne trifft!«

»Und wenn Sie irren?« Gemartert sprach ers aus. »Wenn alles Trug und Lug und Täuschung ist? Und ich auch Sie umgarne? Woher denn sollten Sie es wissen?«

»Ich fühle es! Und wenn Sie mir gestehen: ich hab gemordet . . .«

»Ich hab gemordet!«

»Zweimal, dreimal, viermal! . . .«

»Fünfmal, sechsmal, siebenmal!«

»Doch niemals noch: die Reue! Und die Sehnsucht! Die eigene Seele nie!«

»Sie sind nicht von den Menschen! Nicht von hier!« Was half da reden, stürmen, beichten und beweisen? Wehmütig legte er den Arm um sie, schlang sie zu sich heran. Lehnte das bleiche Antlitz süß an seine Brust. Und hielt es so. Die Dächer unten finster. Der Duft erlöster Erde aufwärts wogend; voll und dankbar. Der Dunst verflogen. Vogelstimmen, jauchzend, treu im Abend. Das ruhereiche Flüstern tiefer Büsche. Auf der Terrasse der Vigna Glitzer matten Goldes. Die Stadt wie schlafend in ersehntem Rasten. Der Himmel bleich, verhangen, aber lächelnd. Weit draußen, hinter ungewissen Formen, ein Streifen Licht, – ein Winken.

»Du weinst?« So innig wie ein Kindlein fragte er. »Angelica, du weinst?«

Scheu löste sie sich los. Es gibt auch zwischen Menschen Höheres als Liebe, die – immer – haben will! »Das sind nicht Tränen!« Lächelnd, blaß, unendlich glücklich: »Das sind nicht Tränen!«

»Dann« – ja, das war sein Blick! Das war er selbst! – »dann muß ich mich auch nicht der meinen schämen?«

Wie? Aufgeschreckt aus schönstem Traum, hielt sie im Schreiten inne. Ist er fort?

Die Glocke von Trinità dei monti begann zu läuten.

Wie? Ist er wirklich fort?

Die Glocke von San Carlo al Corso begann zu läuten.

Ja, er ist fort! Umflossen von den Strahlen ihrer ganzgeschmückten Seele, ließ sie sich fern, im tiefsten Dunkel nieder. O! Durch die Wüste pilgern, Jahr um Jahr, luftlos und grünlos, ohne Quelle und Erbarmen! Und plötzlich, da, in diesen eigenen, nie geweckten Armen, an diesem Herzen da den Sinn des Menschseins halten!

Die Glocke von San Silvestro begann zu läuten.

»Nein, nein! Er ist nicht fort! Nie wieder geht er fort! Von mir geht er nie wieder fort!«

»Nein,« antwortete er geheim herauf, mit blankem Schritt durchs nasse Nachtreich schreitend, »ich geh nicht fort, Angelica!« Ha! Hatte nicht vor wenig Stunden noch von allen Wänden dieser vielgeliebten Häuser das bittre Antlitz viel zu frühen Abschieds geweint? Die Stadt traurig gelächelt, als gehörte sie schon nimmer ihm? In diesem Busen drin ein Schmerz gehaust, den nichts betäuben, nichts mehr lösen konnte? Und nun? Nun läuten alle Glocken von ganz Rom: »Du bleibst!« Und: »Es wird werden!«

»Was werden?« Schon wieder ängstlich, nichts als grauer Zweifel, fragte er's vor sich hin, in der Sixtina, nächsten Mittag. Ja: Draußen flammte Licht, nur Leuchten. Hier drinnen aber: Düster! Dunkel! Dämmer. Dennoch: winkt hier nicht etwas? Aber: was? Warum kam aus jedem Feld der Decke immer drängender, je öfter er hier weilte, dies rätselhafte Mahnen? »Was will man mir verkünden?« Nichts! Kein Laut! Der Custode schlief vor der dreifachen Tür. Der Stuhl des Papstes, wenn man ihn rücken wollte, – wer will nicht einen Papststuhl rücken? – knarrte nicht einmal. Auch er war Schweigen hier. Hier lief die Zeit nicht. Von den Wänden starrten gleichgültige Machenschaften von Vorläufern. Da war der Pinsel gut, jedoch kein Geist. Auf den Fliesen schlummerten die Tritte nobler Prozessionen, unzähliger Ahnungsloser, die blind geblieben waren auch nach hunderttausend Blicken in die Decke. Ums Jüngste Gericht quoll Weihrauchdampf. Vom Zacharias nieder sang der Nachhall gewohnten Chorgesangs. Ach, Wolken überall! Von überall her. Gewiß: er kannte jeden Zollbreit da. Wenn er die Augen schloß, schuf nicht der Schöpfer trotzdem seine Welt da oben? Und dennoch! Dennoch!

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