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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Und wahrlich: am Abend floß der Regen schon beharrlich. Am nächsten Morgen goß er in Schwaden. Der Weg ward Morast. Die Maultiere keuchten. Die Reisenden troffen. Von den Bergrücken herab, um die immer dicker die Nebel wanderten, schaute über die hilflose Melancholie der Täler und Sättel nieder das gerippblasse Trümmerwerk des verlorenen Enna. Wie die Randglossen eines Pfuschers im Buche des Kosmos schwammen die bisherigen Bilder der Reise auf den Strömen des Nassen davon. Winkte nun überhaupt noch ganz Schönes? Hatte es Sinn gehabt, diese Reise zu tun? Den Geist des Odysseus aus dem Hades heraufzubeschwören, die Seele Nausikaas aus ihrem Schlummer zu reißen, und ein paar Meilen hinter den Gärten des Alkinoos das Hohngelächter eines sizilianischen Landregens in die Ohren zu kriegen?

»Ich kann ja nicht mehr einen einzigen Strich zeichnen,« fluchte Kniep, »wenn das so weitergeht!« Sie hatten absitzen gemußt; platschnaß, zusammen mit dem platschnassen Führer, legten sie den Tieren die abgeglittenen Sättel neu auf.

»Drum erfreue er sich eben,« neckte Goethe, im höchsten Sinn fröhlich, »des Regens!«

»Ich hasse den Kerl!«

»Ich liebe ihn!«

»Gehen wir doch in das Hüttchen hinüber!« bettelte endlich – es rann in gar zu höhnischen Bächen auf Tiere, Herren und Diener herab – der Führer; das Hüttchen stand hundert Schritte abseits vom Weg in der Weide.

Aber in der Hütte lag Stroh, das dampfte und stank.

»Haben wir denn nichts mehr zu essen?« fragte nach der trübsamsten Weile der Maler.

»Nein,« antwortete der bescheidene Führer. »Keinen Brosamen mehr!«

»Einen Schluck zu trinken?«

»Alles leer!«

»Ja um des Himmels willen! Sollen wir auf dem Faulstroh da in der Dunkelheit grau werden und verrecken?«

»Es ist völlig gerecht,« erwiderte Goethe, seelenvergnügt lag er im Stroh und lugte durch die Ritze im Hüttendach in die Sintflut hinaus, »daß wir einmal auch Ungunst leiden. Reise in die Wüste, Verwöhnter, wo dich nichts mehr schmückt, anreizt und anglänzt; und sieh zu, was du in der Armut noch besitzest!«

»Ich besitze nichts,« stampfte Kniep wütend die Streumast, – er war aus den Fugen seit Girgenti – »completamente e semplicemente niente!«

»Und das Zeichentalent?«

»Ach, was!«

»Und die geraden Glieder?«

»Hat auch der Checco!«

»Und Lydia?«

Wie gestochen fuhr Kniep auf. »Ich werde es ihr beichten! Schnell, am ersten Tag noch!«

»Was denn?«

»Diese verdammte Marietta!«

»Die in Catania Viola heißen wird, . . . .«

»Zum Teufel hinein,« – rasend prügelte Kniep die Hüttenwand – »ja, es ist möglich! Ist möglich!«

»Und in Taormina Teresina . . . ..«

Vor Wut zu weinen begann Kniep.

»Und in Messina Lucia!«

Ein Büschel klatschnassen Strohs, unter dem fluchenden Tritt, flog an die Tür und blieb kleben daran. »Ja! Jaa! Jaaa! Aber was tun dagegen? Was denn? Nur sagen!«

»Nichts!«

Wie ein getretener Hund verkroch sich Kniep in den Winkel. »Freilich! Ich bin die arme Bestie,« tobte die beleidigte Seele, »und er die verwöhnte Berühmtheit, der die Welt ihre Harmonien auf dem Präsentierteller hinreicht!« Und dahin alle dankbare Freude an diesem gewaltig ruhenden Geiste, der um so heiterer genügsam war, je unaufhaltsamer er im Inneren arbeitete! Fremd war er ihm jetzt. Kalt und abstoßend. Häßlich. Wie er in der endlich erreichten Herberge sich gleich schmatzend gütlich tat! Wie er gemessen, just wie ein Bleisoldat, am nächsten Morgen wieder talaus ritt! Und dieses zufriedene Auge, das überall etwas zu schauen fand! Dieses absolute Wort, das nie hervorkam, bevor nicht ein greifbares Ding einen wägbaren Gedanken hervorzog! Dieser aufregungslos sichere Schritt, der in Afrika genau auch so schreiten würde wie in Europa! Und – die Faust in den Sattel! – diese verletzende Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten! Als ob so ein Mann nicht den förderlichsten Einfluß üben könnte auf den anderen! Aber: übt er ihn? Gott behüte! Ein Fernrohr des Herrgotts ist er, mit dem klar und gewinnreich in jede Falte des Seins geschaut werden konnte. Aber: nur von ihm selber! »Na?« fragte er haßvoll, – ja, er haßte ihn jetzt! – als sie, Catania überwunden, Taormina näher rückten – »hat sie in Catania etwa Viola geheißen?«

»Was ihr immerzu mit den Weibern habt?« lachte Goethe leichthin; er saß mit der jubelnden Morgensonne auf dem gern trabenden Esel; hoch, jung und geschmiedet. »Sagen Sie mir lieber: wie beschrieben Sie kurz die bisherige Reise?«

»Ich habe sie da in meinen Blättern!« klopfte Kniep, schadenfreudig entschlossen, nicht ein einziges herzugeben, an die armselige Tasche, darin seine Zeichnungen saßen.

»Prächtig! Kein Mensch kann alles allein machen. Nichts gibt es, was nicht ergänzt werden müßte. Ich, zum Beispiel, mache diese Reise als ein Trauerspiel. Ja! Lachen Sie nicht so verächtlich! Erster und zweiter Akt: Palermo. Dritter und vierter: Girgenti. Auf den fünften warte ich noch. Er muß sich spätestens zwischen Taormina und Messina ereignen!«

»Also deshalb!« Als ob er von selber darauf gekommen wäre, protzig, lachte Kniep. »In Girgenti muß Ihnen etwas ganz Besonderes begegnet sein? Das dacht' ich mir lang schon!«

»Sie Schlaumeier!«

»Aber – was nur?«

»Keine Marietta!«

Daß der Esel in jämmerliches Heulen fiel, hieb ihm Kniep die Gerte in die Rippen. »Was Sie nur immerzu mit den Weibern haben! Ich habe das Luder schon lange vergessen!«

»Das ziert Sie am meisten!«

»Und ich kann nichts dafür!« schrie Kniep wie geschlagen und haute den Esel zum zweitenmal. »Was aber ist in Girgenti gewesen?«

Aber erst am nächsten Abend, als sie einträchtig nebeneinander in der Ruine des Theaters von Taormina saßen, spann der unheimliche Proteus den Faden weiter. Friedevoll lief das Meer hinaus von der gegliederten Küste in die Abendwollust des östlichen Himmels. Innig leitete die Landzunge Schisò den klippigen Aufbau, mit dem die Hügel und Berge des Westens zur Weiße des Ätna emporstiegen, über in das beneidete Element ohne Stillstand. Die Stadt, mit hellen Mauern um die Orangengärten, stufte sich zärtlich hinab an die Ufer. Sehnsüchtig breiteten sich die Flanken des Theaters, goldenes und grünes Gebröckel, der unversehrt gebliebenen Welle entgegen. Und ebenso kindhaft flehten von ihren kahlen Höhen hernieder das Doppelkastell und die Riffe von Mola in das Weite und Fließende.

Dieses aber, das Weite und Fließende, lächelte mütterlich. Gleichwie in der Erntemitte des Landherzens immer wieder die Mulde der Fruchtbarkeit zwischen sumpfigem Tal und verbranntem Hügel wie der Mutterschoß schaffender Liebe geatmet hatte, wogte dies Weite und Flüssige von Calabrien bis Syrakus im Anhauch und Abhauch des göttlichen Instinkts der liebevollen Hervorbringung, und getroffen von der Botschaft und getrieben antworteten die Nachtigallen, die Rosen, die Stadt, die Felsen, die Weiße des Ätna und der Rauch über der Weiße zurück: Ja, die Liebe! »Hören Sie's? Sehen Sie's?« fragte verklärt der Mann, dem Ruf und Gegenruf im Innersten der vorbereiteten Seele widerhallten, den anderen, der aus dem Zwiespiel der Bilder und Töne sich keinen Reim zu machen verstand. »Fühlen Sie's: was das eine Element von dem anderen verlangt?«

Dumpf schüttelte Kniep den Kopf.

»Haben Sie's innen im Lande auch nicht gespürt?«

Ohnmächtig wandte Kniep den Blick weg.

»Gaia und Uranos,« lächelte Goethe mit vollem Ton hinein ins erratene Zwiespiel, »Himmel und Erde, wo immer sie sich treffen, – und sie treffen sich immer wieder! – unfehlbar erzeugen sie vereint; müssen erzeugen! Aus der Hochzeit des Irdischen, dessen, was ist. und des Himmlisch-Ersehnten, dessen, was sein kann, sprießt die jeweilige Seele der jeweiligen Welt.« Wie ein Vater dem Kinde legte er Kniepen die Hand auf die Schulter. »Fühlen Sie's noch nicht?«

Trostlos brauste Kniep auf. »Mir hat jenes Weib die ganze Reise verdorben!«

»Ach, warum plaget ihr euch so?«

»Und Sie nicht?« Wie das Gebell eines neidigen Hundes.

»Jeder hat Fehler die Menge. Ich: Übermenge! Wenn ich aber, um den Kern meines Menschen zu finden, darauf warten müßte, bis ich alle besiegte, fände ich ihn niemals!«

»Darum machen Sie – lieber gar nichts dagegen?«

»Ich fange nicht beim Schlechten an, das ich trage, sondern beim Guten, das auch in mir ist. Vertraue darauf, daß der Mensch, der sich hinaufschrauben will, nicht gehalten sei, zuallererst seine bösen Triebe zu bekämpfen, sondern seine guten Anlagen auszubilden.«

»Wenn er sie hat!«

Blau wie das Meer, das vollendet sich in ihm spiegelte, und so entschieden blitzte Goethes Auge. »Die Kunst des Lebens ist: die Aufgabe des Lebens zu erfüllen. Und die Aufgabe des Lebens: aus dem, was man hat, möglichst viel herauszuschinden. Bildete ich mir ein, ein Gott, oder – ja, auch nur ein Bildhauer werden zu müssen, dann wär' auch mein höchstes Bestreben nur Wahnsinn! Aber das werden zu wollen, was mir der Keim meines Wesens zu werden in die Hand gibt, ist vernünftig!«

»Weil es dafür steht! Bei Ihnen!«

Geduldig fuhr der tiefe Blick die zärtliche Küste ab. »Man soll nicht reden! Nicht einmal viel denken! Aber: Handeln! Ja, man tut sich das Beste, wenn man möglichst unausgesetzt, aus seiner ausgebildetsten Fähigkeit heraus, handelt; erzeugt; erschafft. Sich nur keine tatlosen Zwischenräume duldet, darin man von der Wiedererfahrung der Unvollkommenheiten, die einen quälen, ins beklagende Nichtstun zurückfällt. Reue ohne Handlung, Philosophie ohne Tat ist verlorene Zeit. Verlorene Zeit aber« – er unterbrach; der Blick, umgedreht, sah: in sanft plötzlichem Feuer erglomm auf dem Dome des Ätna das Abendrot. Breitete sich erobernd aus, rann glühenden Flusses unhinderbar nieder über die Stufen der Berge in die Zinnen der Kastelle von Mola, des Venere und Ziretto, verhundertfacht nieder in die Hügel, die Gärten, die Stadt, und rauschte nun wie die Wolke der rosenfarbenen Verkündigung hinaus ins erwartende Meer. »Verlorene Zeit aber,« fuhr er, das Auge in der Wolke drin, fort, »die unverzeihlichste Sünde an uns selber! Denn einem jeden von uns ist eine Sendung mitgegeben . . . .«

Hart lachte der Maler auf. »Ein Männlein wie ich, und Sendung!«

»Wär's ein Verdienst für Sie, Raffael werden zu wollen, wo Sie Kniep zu sein haben?«

»Und Kniep sein zu wollen, wär' eins?«

»Das einzige, das ich Ihnen zumessen würde, wenn ich Ihr Schöpfer wäre und Sie nach Ihrer Erdenfahrt zurückkehren müßten zu mir!«

»Und Ihnen liest es jeder Schneider vom Gesicht ab, daß Sie mehr werden wollen, als alle Ihresgleichen je gewesen sind!«

»Selbstverständlich!« Der Ölbaum zu Goethes Linken ward beifällig gefächelt vom azurenen Winde, der überm Meer draußen die rosenfarbene Wolke der Verkündigung liebkoste. »Sonst würde ich niemals ich selber! Wenn Sie aber Michelangelo erreichen wollten, dann dürften Sie nicht vergessen, daß der Wille, der uns aussandte, nicht nach dem wägt und mißt, was wir, die anderen, von ihm erschauen, erlauschen und begreifen sehend – sondern nach dem, was in unserer eigenen Brust seinem Willen am nächsten kommt! Ein einziger tapferer Griff in den Schacht der eingeschlossenen Erde hinab, oder hinauf in den höchsten der weitherzigen Himmel, mit der Absicht getan: nicht wehleidig sollst du sein mit dir selber, – und ein Mensch, der Tizian nicht das gröbste Rot nachschauen könnte, vermag mehr zu sein, als Tizian je war! Darin liegt ja das ganze Geheimnis des Lebens: es kennt keine endgültig erschöpften Aufgaben, jeder neue Augenblick überhöht lächelnd die stolz erreichte Höhe des letzten. Darum auch kann jeder von uns zu jeder Stunde mehr werden, als alle, die schone alles gewesen sind; freilich –: einzig heraus aus sich selber! Denn in jedem, der lebt, ward, mit eindeutigen Willen, just derjenige geboren, der nur er sein kann, und kein anderer! Nein, Kniepchen, nein!« Herzlich streichelte er die trübe, nicht zu tröstende Hand. »Es gibt vor dem Gericht des Schöpfers kein Sichgehenlassen in der Klage über die eigene Krüppelhaftigkeit; aber auch kein Ausleihen von Fremdem, kein Genügen am Vorbild. Nur ein einziges zählt: im eigenen Busen zusammenraffen, – geizig! – was gut ist oder werden kann, und es mit kühner Hand hinauswerfen, über die Wechsel der Welt, in die Reife-Macht des segnenden Himmels!«

»Wenn man aber nichts hat, was man hinauswerfen könnte? Was dann?«

Lächelnd erhob sich Goethe. »Ihr seid Kinder! Wie die Kinder!«

»Natürlich!« Jäh wie ein Wasserfall stürzte der plötzliche Mut über Kniep, und gierig schon lauschte die getroffene Seele. »Aber was heißt auch, zum Beispiel: Erde und Himmel gebieten, daß wir nicht wehleidig sein sollen an uns selber?«

Es war deutliche Liebe im Blick, mit dem der Geborene jetzt den noch Werdenden grüßte. »Man muß sich wichtig nehmen; ernst nehmen. Das versteht sich. Aber man darf die Welt nicht früher in sich allein drinnen finden, bevor man nicht sich in der Welt gefunden hat! Suchen Sie zuerst einmal die einfachste Form, auf die Ihre Person gebracht werden kann; und dann stürzen Sie sich gläubig hinaus in den Raum und die Zeit! Sie muß dann ganz von selber – nur gewaschen von den Wassern, gehämmert von den Feuern, gegerbt von den Lüften und verdichtet von den Erden – zurückkehren in die Herzgrube, zu der sie gehört wie der Baum zum Reich seiner Wurzel. Kam sie aber zurück, dann gibt es kein eigenes Weh mehr, das sich nicht lächerlich empfände gegenüber dem Gebot der Gemeinschaft, darin alles Erschaffene atmet und aufhört zu atmen!«

War die Nachtigall, die da schlug, eine urheimatlich echte? »Und so weit soll auch ein kleiner deutscher Maler kommen können, der in die Dreißiger wuchs, ehe ihm der Knopf aufging?«

»Ich bin nicht Sokrates!« lachte Goethe. »Und Sie nicht Platon! Aber ich werde Sie einen Dilettanten nennen, unerbittlich und noch bevor es heut Nacht wird, wenn Sie diesen Blick da nicht endlich in Linien fassen!«

»Unmöglich!«

»Schwer, gebe zu. Und der Abend schreitet vor. Aber« – fest stand er auf und schritt aus dem Fels – »um neun Uhr, pünktlich, erwarte ich das Blatt. Keine Widerrede! Er muß mir gehorchen!«

Woher soviel Zuversicht, Kraft und Gewißheit? Aus welcher Quelle der Strom soviel verwegenen Glaubens? Was war Dichtung, was Wahrheit? »Lausche! Lausche! Lausche!« flüsterte er beschwörend sich zu, als er, herabgestiegen durch den Wald der Kakteen, blutend von tausend Dornen im Fleische und noch mehr in der Seele, die sich überhoben zu haben fürchtete, um einem Zweifler die Gnade der Aufrichtung zu spenden, in das Gärtchen trat, das, hart am Meere, über niedriger Mauer die Orangen dem einträchtigen Glanze von Wasser und Himmel hinzeigte. Und als ob unwiderbringlicher Verlust drohte, setzte er sich schnell auf den wagrechtesten Zweig des stärksten Baumes, lehnte den Rücken an den Stamm, zog das Portefeuille aus dem Rocke und begann zu kritzeln. Ohne Erstaunen, aber mit jedem Strich, den er tat, hilfreicher dienend sahen die Elemente ihm zu. Das Gras, in dem die Narzissen standen, verharrte ohne Bewegung. Die Bäume, halb noch von Früchten voll, halb auch von Blüten, hielten die schimmernden Blätter ängstlich stille. Auf den unregelmäßigen Kronensteinen der Mauern blieb ruhgebannt der letzte Strahl Sonne liegen. Die Stadt, die herüberschaute, löschte lächelnd ihr bestimmtes Antlitz. Die Linien der Gebirge warfen ohne Zaudern die Kennzeichen ab, die sie zu den Gebirgen von Taormina machten. Das Meer, immer allumfassender wogend, vergaß seine eindeutige Küste und rollte wie ohne Anfang und Ende. Er aber, der Mensch, in diesem wunderbaren Zerfließen der Dinge, die ihn ahnend umarmten, ins Urallgemeine, ward von Sekunde zu Sekunde gewisser. Wie gierig badend in seinem eigensten Elemente, nahm der Leib jeden schleierdünnsten Hauch auf, den die Dinge in dieser zauberhaften Verwandlung abwarfen, und fand, als ob er die Dinge beerbte, köstlicher als je bisher das Bewußtsein seiner selber. Mit der gleichen natürlichen Wollust aber lief die Seele stürmend wie in ihr bereitetes Reich hinein in den raumlosen und zeitlosen Bogen, den, je gehorsamer die gefesselte Gegenwart entfloh, die Möglichkeit allen Seins und Geschehens immer kühner aufspannte. Wie? Rief er Stimmen herauf aus dieser Metamorphose, oder riefen ihn Stimmen herauf aus dieser Metamorphose? Plötzlich – von woher? – erschollen Rufe, die kräftig befahlen und kräftig gehorchten. Unüberrascht schlug er den Blick auf. Draußen, im Gestade, rüsteten die Phäaken das Schiff. Hämmern. Sparrenfügen. Segelaufziehen. Wiegendes Holzbraun. Schimmerndes Mastlicht. Knatternde Leinwand. Bestätigend raschelte der Hain der Orangen: es ist wahr, es ist wahr! Ach! Hinwelkend wartet Penelope jetzt im Frauengemach über dem Teppich, den die treuen Finger seit Jahren immer noch weben. Telemach stummbeherrscht in der Sehnsucht nach dem Rächer, vor dem Zechen der betrunkenen Freier. Und wissen beide nicht, daß, während ihre Tränen wimmern und ihre Herzen verzweifeln, dies Braunholz unter schimmerndem Mastlicht und knatternder Leinwand schon die Flut stampft, die es morgen durchschneiden wird. Verwahrlost starrt die Väterburg. In der Qual ihrer Treue verrecken die Hunde. Die Herden frißt die Völlerei der Fresser. Die Saaten liegen in Unkraut. Schmutz und Hoffnungslosigkeit zernagt die gebrochenen Diener. Dieses Hämmern aber, dieses Sparrenfügen und Segelaufziehen hören sie nicht! Ahnen den Blitz nicht vor, der morgen schon – tolle Zerschmettererlust! – niederfahren wird, um die Fäulnis in Brand zu stecken und die verlotterte Erde auszuglühen zur Reinheit ihrer heiligsten Neufrucht. »O, du Leben, du Leben!« jauchzte schwebend im Überlicht dieser seligen Voraussicht die gebärende Seele; »du Wirken vor meinem entschleierten Auge! Ernte der erlittenen Reife! Und daß diese Heimat schon da liegt, schon greifbar vor meinen Händen lockt, und daß dieses kräftige Ineinander von Stimmen schon die Planke zimmert, die mich hinübertragen wird von dem Schiff auf die Erde,« – stolz strahlte der Blick über dem eilig bekritzelten Blättchen – »weiß nur ein Mensch! Nur der Mensch, der mir's schuf! Die steht jetzt im Fenster, sieht das Schiff auf der ungeduldigen Woge, hört die Reiselust der Phäaken, und mischt sich im Becher der Brust schon die Todesqual ihrer Liebe! Und wenn nun Penelope« – mit schaudernder Hand griff er empor in den Zweig voller Frucht und voll Blüte – »wenn Penelope erkaltet, veraltet ist in der Fülle der trennenden Jahre, ohne Verständnis für den Sinn meiner Irrfahrt und den Sinn meiner Heimkehr? Und Telemach, wenn er mich nicht mehr erkennt, weil er einen anderen Vater fand in der Fülle der trennenden Jahre? Und die Heimat, die klüftige, felsige, schroffe und rauhe, mich mit starrem Gesicht wird empfangen, darin nicht mein Funke flammt, sondern die Dämmerung der lieblosen Pflicht? Und, hingegen, Nausikaa« – ohnmächtig aus dem Netz der mordenden Zweifel fiel ihm die Hand zurück – »Nausikaa liebt mich und lockt: du bist mir bestimmt! Mir allein! – Du!!« Verzweifelt bäumte der Leib sich empor, schrie die Qual in die vorspiegelnden Lüfte: »Nausikaa! Geliebte! Gesehnte!«

»Da bin ich.«

Kein Trug! Groß, schlank, hell vom Scheitel bis zu den Sohlen, stand sie vor ihm. Lächelnd im Feuer des Geständnisses ihrer allmächtigen Liebe. »Du hast mich gerufen?«

Taumelnd wich er zurück. Ithakas Felsen und Nebel riefen von weitem herüber: Folge ihr nicht! Penelopes Pein lohte ihm aus der tobenden Brust entgegen, die er vor abgelebten Zeiten die einzige genannt hatte, die ihn erriet, und beschwor: Folge ihr nicht! Inbrünstig klammerte sich Telemachs Arm um seinen Nacken und bettelnd flehte das blondlockige Häuptchen: Vater, folge ihr nicht!

»Wovor fürchtest du dich?« lächelte Nausikaa sanft, als er mit gehetztem, fast feigem Schritte noch tiefer in den Garten zurückfloh.

Rasch drehte er um. Das Bleich ungeheuren Erlebens auf der glattgespannten Stirn. Ungeheure Bangnis im Blick, der der Jungfrau griechischen Peplos, den griechischen Knoten des schwerschwarzen Haares, die königliche Rast ihres Antlitzes über dem gebändigten Rasen der Brust bebend empfing. Die volle Tiefe des Meeres lag blau in ihrem Auge. Die Weite der opalenen Himmel furchtlos um ihre Glieder. Vom Tragen von Blumen strahlten ihre Hände, und die glühenden Gärten ihres Vaters schaukelten um ihren Schritt. »Ja,« antwortete er ohne Ton, »ich gestehe es: ich fürchte mich!« Angst im Worte. Wehmut, unsäglicher Schmerz in der zagen Gestalt. So also erschaffen die Götter den Dichter? Was ist Wahrheit? Was Dichtung? Daß er das Nest gefunden, sich selber als den Dichter entdeckt, diese sieghafte Entdeckung sogleich ausgewirkt hatte, – das war ihm bis vor einer Minute Nausikaa gewesen! Daß Nausikaa an diesem Siege zugrundeging, – gab es ein Hinauf ohne Hinab? Jetzt aber – zu zittern er begann: ist dem Dichter bestimmt, niemals, niemals zu ruhen, selbst im sprudelnden Sang von dem eigenen Sieg nur die Qual zu gebären? – jetzt war das Trauerspiel der phäakischen Jungfrau zum traurigen Spiel seines Abschieds von Phäa geworden!

»Wie hast du mich gefunden?« stieß er endlich gepeinigt hervor.

»Das Herz hat mich geführt.«

»Es gibt eine Pflicht, die viel größer ist als jedes Anrecht des Herzens! Als jedes!«

»Für mich keine andere, als dich zu halten!«

Wonne und Entsetzen zugleich im Auge, starrte er sie an. Wie entfliehen? Wie sich losretten können von solcher Gewalt? »So redet – kein Mädchen!«

Ohne die geringste Scham ließ sie sich nieder ins Gras. Zog ihn, der trotz allem Kampf nicht zu widerstehen vermochte, ihr nach und lehnte sich, als zwinge sie dazu das einzige Gebot ihres Gottes, an ihn. »Das ist die Frage. Und ich verneine sie! Denn ich habe noch niemals so geredet und werde niemals wieder so reden. Auch verfolge ich nicht damit die Absicht, dich zu bestimmen.« Leib an Leib lehnte sie nun; hoch pochte in den reglosen Gliedern der Puls. »Alle geheimen Helfershelfer, aber auch alle geheimen Feinde der Liebe kenne ich, seitdem ich zum erstenmal dich sah. Was aber die Freiheit hindert, Joch anlegt, nicht den Mut hat, sich hinzuschenken ohne die Gewißheit, genommen zu werden, ist der Todfeind der Liebe! Weil ich das weiß nun, rede ich frei. Ob ich dir gesendet bin, oder nicht, du allein mußt es wissen. Daß du mir gesendet bist,« – ein einziger Blick gab ihm den Himmel zurück, den er ihr aufgetan hatte – »das fühle ich, wie ich fühle, daß ich bin! Und dies Gefühl habe ich bekannt. Der Palazzo Friglia weiß es. Don Carlo weiß es. Ganz Girgenti weiß es. Und nun schütteln sie ratlos die Köpfe. Das ganze Gebäude ihres Begreifens ist eingestürzt. Ich habe es niedergerissen. Und ich baue es ihnen niemals mehr auf! Mein bisheriges Leben ist Schlaf gewesen. Jetzt bin ich erwacht. Du hast mich geweckt. Und nun gibt es für mich nur noch das eine oder andere: Wachbleiben – oder Sterben!«

»Man stirbt nicht,« fuhr er sie herrisch an, »weil das Herz seinen Willen nicht durchsetzt!«

»Ich drohe nicht. Es ist wunderschön, dein gewesen zu sein!«

»Ich habe dich nicht genommen!«

»Ich sagte das nur von mir her,« lächelte sie ihr furchtloses Lächeln. »Und ich ahne, daß Glück nichts ist, was dauern kann!«

Aufrichten wollte er sich; mit aller Gewalt von ihr reißen. Aber ihre Hand, die ihn hielt, war so kindlich unschuldig, und das Auge, das ihn bannte, so voll Glauben und Glanz, daß er sich nicht zu lösen vermochte. »Ich habe dich zweimal geküßt!« stöhnte er in der bittersten Not. »Dich nicht von mir gestoßen, nicht gewarnt vor dem Feuer dieses Kusses! Weil du das Sinnbild meiner Erlösung geworden warst, die Sonne im endlichen Zenith meines Lebens! Und ich war doch Odysseus, der nicht bleiben darf, weil ihn ein ganzes Vaterland erwartet zu Hause! Und entschuldigte mein böses Gewissen vor mir selber mit der trunkenen Freude über das Wunder der Sendung, mit dem großmütigen Wort deines Vaters, – und dir! Und nun ist sie doch da, die vollgemessene Strafe! Laß sie los, meine Hand!« Hart fuhr er auf. »Denn das wirst du nie fassen, nie zu begreifen imstande sein, wie ein Mann lieben – ach, anbeten muß, und dennoch heimkehren! Weil es ihn unwiderstehlich . . .«

Blitzschnell machte sie sich frei von ihm. Kein Teil ihres brennenden Menschen noch berührte den seinigen. Und nicht wie das Weib den Mann, nein, wie der erweckte Mensch den erweckten Menschen blickte sie ihn an. »Hast du mich einmal, ein einzigesmal, einen einzigen Augenblick lang – sage! – geliebt?«

Nacht wurde um ihn. Während das Herz raste im Wissen, ritt er im Geiste noch einmal, den Sieg in der Brust, im homerischen Auftakt von Palermo nach Girgenti. Von Girgenti, den Triumph des Geborenseins in jedem preisenden Blutstropfen, durch die Segen der Demeter nach Catania. Von Catania, im fiebrigen Drang der Menschenliebe, die Werk schafft, herüber nach Taormina. Und war jetzt, hier, in diesem Garten zu Taormina, nicht Goethe. sondern nur noch Goethes nie rastendes Herz!

»Ja oder Nein?«

»Ja!« antwortete er wie im Traume. »Alles andere wäre Lüge! Ich weiß nicht, warum der Mann meines Alters anders liebt als der Jüngling. Warum ich noch einmal lieben mußte wie der Jüngling, der glaubt, aber nicht weiß. Ich weiß nur: ich liebe dich, Nausikaa!«

Weiß und starr wie der Marmor ist, ward Nausikaa.

»Dennoch!« Und als ob ihn die Erde zornig ausspiee, sprang er auf. »Dennoch! Ich muß gehen! Und du darfst mich nicht halten! Nausikaa: du darfst mich nicht binden! Laß mich fliehen! Ich muß gehen!«

Aber wie der Orkan, der aus der Mitte der unerträglich gespannten Himmel bricht, endlich und nun nicht mehr rückrufbar, brach die Gewißheit des Lebens nun aus dem Herzen Nausikaas. »Und wenn ich dir nur einen Traum eingegeben hätte,« flüsterte sie hingerissen an seiner bebenden Schulter, »nur die sehnsüchtige Wallung eines fliegenden Wunsches, – ich hätte dem Schicksal die Hände geküßt in unendlichem Dank und dich ziehen gelassen mit dem großen Bewußtsein, in diesem Wunsch, diesem Traum mich erfüllt zu haben auf ewig! So aber, weil es so ist,« – und von einem Lächeln ward sie überronnen, das ihr Leib und Seele zu fließendem Schimmer verklärte – »mußt du mir eine Minute noch schenken, eine einzige Minute!«

»Keine einzige Minute! Ich muß gehen!«

»Eine einzige Minute!« lachte sie unangefochten, »nur eine einzige, kurze!« Und sein Haupt – besiegt und vergessen lag es in ihrem Schoße. Er ganz, als ob sie mit Rosen ihn gekettet, mit dem Schein des Meeres ihm die Augen geblendet und mit dem Duft der aufwandernden Gärten und Hügel und Berge das letzte Zeichen des Widerstandes betäubt hätte, in ihren Armen. Und als er endlich, weil der Triumph ihres Herzens immer süßer an die Niederlage seines Herzens frohlockte und die Glut ihrer entfesselten Seele immer seliger seine verzauberte küßte, mit Lippen des Jünglings, der zum erstenmal ganz aufgenommen ist, nach den ihrigen schmachtete, gab sie ihm plötzlich, in einer einzigen Umarmung, die ganze Pracht ihres entbundenen Menschen. »Und jetzt gehe! Jetzt ziehe! Jetzt wandre nach Hause!«

»Ich liebe dich! Liebe dich!« flüsterte er ausgelöscht.

»Nein! Jetzt fliehe und pilgre!«

»Ich liebe dich! Liebe dich!«

»Telemach wartet mit verlangenden Ärmlein!«

»Ich liebe dich! Liebe dich!«

»Penelope wartet mit dem Meer ihrer Tränen!«

»Ich liebe dich! Liebe dich!«

»Ithaka wartet! Ein ganzes Vaterland wartet!«

»Nein! Ich liebe dich! Liebe dich.«

»Hassen würdest du nach drei kürzesten Tagen diese brennende Küste, diese bogigen Berge, dieses kosende Meer und die heimlichen Gärten!«

»Nein! Ich liebe dich! Liebe dich!«

»Heimweh würde dich verzehren wie Gift nach drei weiteren Tagen und das Paradies dir zur Hölle verfinstern!«

»Nein! Ich liebe dich! Liebe dich!«

»Und verfluchen würdest du mich in drei weiteren Tagen; Nausikaa verfluchen, die Odysseus hielt!«

»Nein! O nein! Halte mich!« Und mit der Todesangst der Inbrunst, wie sie nur in dem Herzen des Mannes auflodert, den zum erstenmal die Urmacht der Liebe umarmt, hob er das Haupt aus dem Schoße. »Sage mir eines nur, eines nur: liebst du mich?«

»Liebe dich! Liebe dich!«

»Noch einmal! Sag es noch einmal!«

»Liebe dich! Liebe dich!« In dem Feuer der Küsse: »Liebe dich! Liebe dich!« In der Wollust des Haltens: »Wenn du winkst, daß ich dir die Sonne herabhole aus dem Bogen des Himmels . . .«

»Liebe mich! Liebe mich!«

»Meine Mutter, meinen Vater, meine Heimat vergesse . . .«

»Liebe mich! Liebe mich!«

»Täglich neu dich mir wieder erkämpfe aus den Dornen des Schicksals, mit dir emporflattere waghalsig in die Höhen der Schrecken, mit dir hinabstürze ohne Zagen in die Schrecken der Tiefe, mit dir raste, reich oder arm, nördlich oder südlich auf der gemeinsamen Erde . . .« – mit der unwiderstehlichen Gewalt ihrer Liebe umschlang sie ihn, die alle Fesseln in Einem abwirft und der Meduse der Liebe lachend ins Auge blickt – »was du winkst, will ich tun!«

»In grauer Vorzeit . . . ich habe . . .«

»Liebe mich! Liebe mich!« erstickte sie das werdende Wort mit Küssen.

»Ich habe in grauer Vorzeit davon geträumt, daß es möglich sein müßte, auch zwischen Mann und Weib das zu schaffen, was die Erde an jedem neuen Morgen zu verheißen und mit jedem Abend erfüllt zu haben scheint: die Harmonie ihrer Herzen und Geister und Leiber. Und kam an dein Ufer, kaum daß ich zum letztenmal erfahren hatte, daß dieser Traum nur ein Traum ist. Und jetzt reißen mir deine zaubernden Hände diesen Himmel noch einmal auf, noch einmal sehe ich niedersteigen in die ungestillte Brust das umschimmerte Wahnbild dieser ganzen Vermählung, als ob meinem Norden sich zur Hochzeit herüberneigte dein vollendeter Süden, gießt sich die Fülle deines Herzens in den Kelch meines Herzens, verlangend noch einmal, voll Glauben und Unschuld, strecke ich die Arme aus und will ihn an mich reißen, an mich retten, bei mir betten, diesen Engel der Liebe . . .«

Und die Sinne entsanken ihm. In dem Wald der Orangen, darin das Frühlicht des Mondes die Lieder der Nachtigallen umarmte, die Schleier der Dämmerung jede Kreatur einschläferten, die von der nüchternen Erde aufseufzte in die süßere Wonne der Himmel, entsank ihm der letzte Gedanke an die Heimat der Pflicht. Als ob sein Vaterland lautlos im Meere für ewig ertränke, die Bilder der Menschen, die ihn bisher geleitet, als Schatten in den Buchten der Gebirge verblaßten, alles Vergangene tot wehte wie der Hauch dieses beendeten Tages, und nichts mehr zu ihm gehörte als der kommende Morgen, dieser aber sie wäre, Nausikaa, die ohne Rest von Geheimnis an seinem Herzen lag, hatte er das Auge geschlossen, die Stirne von den Furchen befreit und die Gestalt von allen Gewichten des Wagens. »Schwöre nicht!« flehte er küssend, »Versprich nichts!« küßte sie flehend, »Trinke die Sekunde, die meine letzte ist!« schlang er versinkend, »Und meine erste!« jauchzte sie hingegeben, »Und wisse es, daß sie von keiner Ewigkeit mehr kann ausgelöscht werden!«

»Niemals, nein! Niemals!«

»Odysseus und Nausikaa, einmal waren sie Eins! Einmal, Nausikaa, –«

Im gleichen Augenblick, wie der Mann, der aufwacht und den Traum abschüttelt, fuhr er empor. »Hörst du, Nausikaa? Hörst du?«

Und, wahrhaftig, links vorne vom Gestade ward das Schiff über die Walzen und Stricke ins Meer geschoben!

»Sie schieben schon das Schiff in das Meer hinaus, das mich hinübertragen soll!« stieß er schaudernd hervor. »Laß mich gehn!«

»Scheide!« lächelte sie nur. »Wandere!«

»Nein!« stammelte er weiß wie der Schnee. »Nicht mehr gehen und ziehen und wandern! Sondern: heim! In die Heimat! Nach Hause!«

Aber sie lächelte auch jetzt nur. »Heimkehr! Ja, freilich! Nach Hause!«

Stöhnend in Schmerz wand er sich: aus dem Wirrsal der schattenhaften Kakteen herab stieg ein Mann. Kannte er diesen Mann nicht? »Ich muß gehn, Nausikaa! Ich muß gehn!«

Ohne jede Furcht schmiegte sie sich kosend dem Boden hin. »Du wirst nicht gehn, Odysseus!«

Als ob er versuchen wollte, ob ihm der Leib noch gehorchte, lief er weg von ihr. Kehrte gleich wieder, noch rascher zurück. »Ich muß gehn, Nausikaa!«

Lächelnd, ohne die geringste Bangnis, küßte sie die Erde, die ihr die Hochzeit bereitet hatte. »Du kannst nicht mehr gehn, Odysseus!«

»Wenn der Tag wiederkommt,« – zitternd an allen Gliedern sah er nieder auf sie – »da mich graulich der Nebel des Nordens umfängt?«

»Dieser Tag kommt nicht!«

»Und ich einsam verlassen mich der Sonne erinnere im gepeinigten Schlummer?«

»Dieser Tag kommt nicht!«

»Könnt' ich zum Augenblicke sagen,« – gefoltert stampfte er in den Boden – »verweile doch! Du bist so schön! Verweile!« schrie er, daß die Erde erzitterte und das Meer entsetzt aufrauschte. »Verweile!«

Stille aber ward die Erde wieder; und stumm das Meer. Und der Augenblick – er sah es! – dahin schon!

Mit einem Ruck senkte sich seine Gestalt. Hart ward seine Miene. Zu vollem Tode erlosch das Auge. »Lebewohl, Nausikaa!« sagte er ohne Ton.

»Lebewohl, Nausikaa!« wiederholte er, ebenso fremd, weil sie sich nicht rührte.

»Lebewohl, Nausikaa!« Zum drittenmal.

Da, während ihr Leib sich, gerissen, dem Boden jetzt entwurzelte, ward ihr Auge vor seinem Aug Wahnsinn. »Es ist – nicht möglich!«

Ruhig nahm er ihre Hand; zog sie empor. »Lebe wohl, Nausikaa!«

»Es ist – nicht wahr!«

Sanft nahm er sie an seine Brust. »Du ließest mich mein Nest finden. Und mein Nest ist: meine Aufgabe! Sei sie klein oder groß, – wie die Götter es wollen – ich habe sie zu tun! Lebewohl, Nausikaa!«

»Ich will« – jetzt, mit Grauen, sah ihr Auge die Meduse der Liebe! – »ich will dem Schicksal den Saum seines Dornenkleids küssen, wenn es mir nur gewährt, dir die Schuhe zu lösen, wenn du heimkommst, abends, ermüdet . . .«

»Lebewohl, Nausikaa!«

»Nur erlaubt,« – wie aus ertrinkendem Mund brach das Wort, – »wie dein Schatten dir nachzugehen und die Luft, die du atmest . . .«

»Lebewohl, Nausikaa! Es muß sein!«

Als müßte ihr das Herz in der Brust drin zerbrechen wie ein gläsernes, wenn sie es nicht schnell und fest in die Hände nähme, preßte sie die Hand auf das Herz. Und die Lippen, in der letzten Hoffnung ihrer kindlichen Armut, öffneten sich, wollten ein Wort sagen . . .

»Sprich es aus, Nausikaa!«

»Odysseus!« – die Lüfte weinten im Messer dieses Schreies – »sieh: Nausikaa bettelt!«

Das Leben gefror ihm in den Adern. Ganz groß und steif wurde er. Aber den Arm riß er wie eine Waffe vor die Augen. »Lebewohl, Nausikaa!«

»Nein, verlaß mich nicht. Du!!« Hatten jemals Menschenhände sich so verzweifelt in den Himmel gehoben? Eine blutende Wunde sich so purpurrot aufgetan vor der Erde und um Gnade gerungen? Eine Stimme so am Rande des Irrsinns die leichtrollenden Wasser verdammt? »Nein! Verlaß mich nicht! Laß mich nicht! Odysseus!!«

Aber Odysseus, – Odysseus war da schon draußen im Pfad in den Steinen gelandet. »Es ist gelungen!« rief ihm Kniep schon von weitem entgegen und ließ das Blatt in der plötzlich raschen Luft flattern; »und sogar noch keines so gut wie dieses. Sehen Sie!« Sogleich, mit herrischen Fingern, holte Goethe das Blatt aus dem Winde; aber sah es nicht an. Erst in der Herberge, nach dem unerbittlich stummen Heimgang, unter der schwelenden Lampe, entrollte er es. Behutsam, wie es seine Art war. »Hm«, machte er dreimal, viermal. Das Blatt sei wahrhaftig reiner, treuer und geschlossener als jedes bisherige. »Es wird mich« – peinlich genau rollte er es wieder zusammen – »bis an mein Lebensende an eine bedeutende Stunde erinnern!«

»Finden Sie nicht auch, daß die Linie dieses Meeres die Linien dieser Berge geradezu bedingt, und umgekehrt?«

Aber nun hatte Goethe den Blick starr in die Lampe gehängt. »Natürlich,« sagte er endlich. Erhob sich. »Gute Nacht!« Nahm die Rolle, nickte, und ging aus der Tür.

»Schliefen Sie schlecht?« wagte Kniep am Morgen nach langem, verbissenem Zögern zu fragen; sie ritten aus der Stadt hinaus in der Richtung Messina.

»Ausgezeichnet.«

»Oder – war's etwa der fünfte Akt?«

»Der fünfte Akt?« Und schon bäumte sich das Maultier wie ein Araberhengst auf. Aus dem Tor, an dem die zwei Reiter soeben vorbeireiten wollten, stürzte ein Mann hervor, riß beide Arme wie Schwerter in die Luft und schrie mit einer Stimme, wie sie grauenhafter noch niemals vernommen worden war, in das Tor des gegenüberliegenden Hauses hinein: »Sie hat sich ins Meer gestürzt! Sie ist tot!« Im Nu das Volk in der Gasse, an den Fenstern, in den Torbögen. Des Mannes Gesicht aber, wie er die schaurige Wirkung seines Schreis in diesen zauberhaft wachsenden Mienen sah, ward weiß wie Kalk, seine Kleider fetzenhaft dunkel wie Gewitternacht. Unwillkürlich riß er den Degen aus der Scheide, drängte den rollenden Haufen zurück, stieß wieder gegen ihn vor, wiederholte seinen Ruf, als ob er sich seines Sinns erst jetzt recht bewußt würde, von Sekunde zu Sekunde deutlicher, zwingender. Eilte endlich, von der noch ratlosen Menge umbrandet, in den Flur des Hauses hinein, und kam nach einer halben Minute mit zwei Männern in die Gasse zurück. »Sie muß es vom Gärtchen aus getan haben!« heulte er, keinen menschlichen Zug mehr im Antlitz. »Nein!« beteuerte der ältere der zwei Männer, dessen Beine irr schlotterten, »sie ist nicht aus dem Hause gekommen!« – »Bleibe ruhig, Tommaso!« besänftigte diesen der dritte, ein hochgewachsener Mann im Priesterkleide, das schwarze Käppchen auf den eisgrauen Locken, »wir wollen erst hinabgehen und hören!« – »Es ist nichts mehr zu hören!« schrie der Verzweifelte, der die Botschaft gebracht hatte, – in derselben Sekunde krachte der eingeangelte zweite Flügel des Tors wie unter einem Beilhieb, zum zweitenmal bäumte sich das Maultier auf; dieser Mann, der sich das Hemd auf der Brust aufriß, war Prandini!

»Wer hat sich ins Meer gestürzt?« fragte atemlos Kniep, drängte gestachelt sein Tier an das besessene heran. »Sagen Sie! Reden Sie!«

Aber der Reiter über dem häßlich aufwiehernden Grauscheck schien tot; aus dem Strudel der molowärts drängenden Menge blickte ihm, leicht über alle jagenden Köpfe gewachsen, das Auge des Priesters ins Auge.

»Wer ist der Mann, der so unverwandt . . .?«

»Der fünfte Akt!« stammelte, ohne sich rühren zu können, der vom Auge Durchbohrte.

»Aber wer hat sich ins Meer gestürzt? Ich verstehe nicht! Erklären Sie!«

»Der fünfte Akt!« lallte der Verhexte und machte mit einem Spornstich Kehrtum.

»Wohin wollen Sie? Um Gotteswillen, was ist nur?«

»Der fünfte Akt!« hauchte der Marmorne und spornte zum zweitenmal. Der Weg mit der Menge, durch die Menge, dieser Weg war gesperrt. Aber es gab einen zweiten: zurück durch die Stadt, über die Hügel hinab, an die Mole. Den ritt er. Kniep fluchend ihm nach. Als sie nach gieriger Hetzjagd über Mauerbrocken, Gräben, Buckel, Felder und Gärten an die Mole hinabkamen, schaukelte ein schwarzes Schiff auf der wütenden Woge vor den Quadern. »Was sollen wir denn unten?« schrie Kniep dem schnell Abspringenden nach. »Bleiben Sie doch sitzen, wir sehen besser von oben!« Aber der andere war nicht mehr zu halten; schon unten im Pflaster. Wie von Feuer entbrannte sein Antlitz, hoch auf wuchs die Gestalt, als er durch die Stauflut der Menschen hinabstieg an die Lockung des Schiffes. Riesenhaft – toll wehte der Wind in seinem pechschwarzen Mantel – stand der Priester am Buge; in den Armen die tote Nausikaa. Wimmernd vor den Strähnen des Wassers, das wie tropfendes Blut niederquoll aus den gewebten Falten des Gewandes, der Vater und die Freier. »Da ist er!« Ein Riß durch die Dreie, und wie ein Tiger sprang der Verzweifeltste von ihnen auf aus dem Kauern und auf den Mann zu, der kühn übers schaukelnde Brett in das Schiff hereinschritt. »Da ist er! Der ist es!«

Mit festem Tritt stieg der Fremde ins purpurne Nest. »Ja! Da bin ich!«

In unheimliches Rollen geriet das irrsinnige Auge des Vaters. Die Finger spannte knackend Prandini zum Griff. Die Backenknochen zerrissen zuseiten der gefletschten Zähne Castros Gesicht in zwei Hälften von Todhaß.

Warum aber, plötzlich, während das Schiff zu tanzen aufhörte und wie Erde lag, reglos, einten sich diese Hälften wieder zur früheren Miene? Lösten die Finger der Hand sich, die erwürgen wollten? Und erlosch in zornlose Ergebung das Auge des Vaters?

Getaucht in das Eis einer Trauer, die hinnimmt den Würfel der Schuld und des Schicksals, nahm der Fremde den brennenden Blick von den Männern. »Da bin ich!« wiederholte er laut.

Keiner sprach. Keiner fragte. Jeder nur, stumm, bog den gebrochenen Nacken.

»Da bin ich!« sagte der Fremde zum drittenmal.

»Und da sie!« antwortete Don Carlo, dem der Wind toll wehte im pechschwarzen Mantel, und durchbohrte zum zweitenmal mit dem Auge den Abgrund des Auges. »Deine Befreierin!«

Als ob ihn die letzte Kraft verließe, begann der Fremde zu taumeln. Mit aller Gewalt griff er nach der Planke der Brüstung. Im nächsten Augenblick, wie ein Kind, kniete er schluchzend zu den Füßen der Toten.

»Nein!« Herrisch wehrte Don Carlo ab. Mit großmächtigen Armen schlug er den Mantel zwischen ihm und dem Fremden um den triefenden Leichnam. »Jetzt gehe! Dein Vaterland wartet!«

»Gehe jetzt!« rief er zum zweitenmal, drohend, als der Fremde weiß ward wie Leichnam. »Dein Vaterland wartet!«

»Was war?« fragte flüsternd Kniep auf dem Maultier, als er den Starren durch die steinerne Menge zurückkommen sah und sein Tier suchen. »Was war nur?«

»Sagen Sie doch, Herr Geheimerat!« fragte er zum zehntenmal wieder, als sie lange schon draußen auf den Felsen der Küste messinawärts trabten und das Meer seine Wut mit brüllender Woge über sie hinwarf. »Was war auf dem Schiffe?«

»Es ist immer dasselbe Geheimnis,« antwortete Goethe ohne Stimme, »obgleich es das höchste ist! Eine Seele wird geboren, und die andere muß sterben dafür! Ohne Opfer kein Siegen! Ohne Siegen kein Opfer!«

»Aber – wer ward denn geboren?« stotterte hilflos der Blinde.

»Wenn mich jetzt der Orkan an die Klippe da wirft und zu Brei zerschmettert dieses betende Hirn,« – weh lächelte der Sieger hinaus übers Meer, das Nausikaa getrunken hatte und ihn erdwärts geleitete – »ich würde Klippe und Orkan segnen mit dem göttlichen Bewußtsein: einmal mitten drinnen gewesen zu sein im Glück – ohne den bitteren Gedanken: es nicht verdient zu haben!«

Völlig wirr schüttelte Kniep seinen Kopf. »Aber – es ist Ihnen doch niemand gestorben?«

»Kinder, ihr!« lächelte der sprengende Reiter im Meergischt und langte bedürftig nach der nichtsahnenden Hand. »Was ist Wahrheit? Was Dichtung? Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit aber: mein geborenes Leben! – Nein! Nicht rechts da, mein Lieber! Durch die Schlucht und die Felsen! Mitten durch geht der Weg!«

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