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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Siebentes Buch

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Aber, wo blieb Nausikaa? Das Meer war durchschifft worden, Tasso, auf dem Meere, erlebt wie das klarste Bewußtsein der neugeborenen Brust, – und hier wuchs die Urpflanze! Der schmale Homer kehrte verstimmt vor diesem ersten ganzen Bewußtsein: Welt, aus der glücklichen Hand in die Tasche zurück. Denn: hier war sie wahrhaftig, die ganze, zum erstenmal völlige Welt! Himmelhoch ragten die Bäume aus den Dehnungen der Rasen und den Wölbungen der Boskette des Gartens. Alle Familien, Arten, Gattungen und Geschlechter der Bäume, Sträucher und Blumen des Paradieses, vom niedrigen rosenroten Steinbrech an, der auf Adams Ruhefelsen gewachsen war, bis zur Mammutkiefer, darunter die Löwen geschlafen hatten, standen vereint, wie sich Männer, Weiber und Kinder aus allen Völkern der Erde zum Abbild vom Volke der Menschheit zusammenstellen könnten, zwischen den Mauern des Gartens. Beglühte Häuser von Palermo, beschattete Häuser von Palermo, ein ziegelrotes arabisches Tor, sarazenische Fensterbögen und schleirige Zinnen schauten darüber herein, und die glockenblumenblaue Kahlheit des Monte Pellegrino unter der Windung seines nobeln Konturs. Draußen aber, – man sah es nicht, aber hörte und roch es – das Meer! »Meer!« O, so lächelt das Kind, das endlich die Mutter gefunden hat, die erste und letzte! »Meer!« Es war wahr: Keine Zunge, die Staub geschmeckt hat, kann dies Wort anders aussprechen als mit dem Gestammel der Sehnsucht. Und keine, die das bittere Salz aus der streichenden Bläue gesogen hat, anders als mit dem Pathos der Liebe: »Meer!« Nenne die Erde das Sichere; das, was du weißt! Und das Meer das Ungewisse; das, was du nicht weißt! Und steige entschlossenen Fußes über das schwankende Brett in das schwankende Boot, – und wer kennt dich noch? Bist du noch du? So wie der Tag vor der Nacht, oder umgekehrt, oder wie das Gute vor dem Bösen, oder umgekehrt, – »so wie das Gelbe vor dem Blauen, oder umgekehrt,« lächelte der leuchtende Mann, – zieht sich die Erde dann zurück vor der rinnenden Woge, die keinen Ort der Fessel weiß und keinen der Bestimmtheit und selbst in den Buchten höhnisch spielt mit ihrem Flüssigen gegen das Starre, und entsinkt, – und zum erstenmal erkennst du: die Erde, das Grüne, das Feste, und den gemeinsamen Himmel! Und gibst dich zum erstenmal auf und dahin, an das Ganze: die Welt! Deutschland? Rom? Neapel? Paestum? »Und ich selber und all meine Nöte?« Er lächelte, der leuchtende Mann. Kindlich: den Weg zu sich selber auf der begrenzten Fläche der Erde zu suchen; im Bezirk nur des Einen, ohne das ergänzende Zweite auch nur gewittert zu haben! Jetzt erst stehst du, mein Freund, vor den Pfaden der Welt! Jetzt erst: wähle! Jetzt: gehe!

Als er, bei sinkendem Mittag, ging, den Garten verließ, trug er in der Hand: einen Thujenzweig, ein Zweiglein der Silberpappel, eine Feder der Kokospalme, ein Ästchen des Affenbrotbaumes, eine Magnolienblume und: die Feuerlilie. Im Geist: alle Keime, Wurzeln, Stämme, Schäfte, Blätter, Blüten, Kelche, Knoten, Staubgefäße, Beutel, Griffel, Samen und Früchte aller Pflanzen dieses Gartens. Er schritt die lichtbrüllende Stadt durch, den Sinn untrüglich gen Norden gerichtet, wo, widerlichtlos, in sattem Blauleben das Meer gegen den glasklaren Horizont hinrollte, erreichte das Tal, das Südosten zu zwischen dem Meer und den umrauchten Vorgebirgen sich ausgoß; kam an das Flüßchen Oreto, das in mählichem Hinfluß zwischen Ölbaum und Weide der Mündung zureiste; überschritt es; kehrte am jenseitigen Ufer wieder um, watete in das Wasser hinein; zog eine Handvoll Steine und Schlamm aus dem Grunde, betrachtete in voller Ruhe jedes Korn; ließ alle wieder fallen; schritt flußaufwärts weiter; kam in ein Gebüsch von Erlen, hinter dem eine Wiese schlief, trat daraus hervor, – und warf nun in plötzlichem Einfall die Kleider ab und sprang in das Wasser. »Himmlisch!« Es war nicht so kalt, wie die Ilm im Dezember. Dennoch atmete er lautprustend, mit wollüstigen Bewegungen der Arme und Beine. Die Sonne stand als der unwiderlegliche Wegweiser über dem jauchzenden Leibe. Die Bläue des feierig ausgespannten Himmels träufelte Vertrauen ohnegleichen herab auf die Brust. Die Vorgebirge zur Linken und Rechten, die sich ins Nasse hinaussehnten, und die prachtvoll gerade Linie des Spiegels umkreisten den wonnig verharrenden Geist wie die Grenzen einer Heimat, die er im Mutterleib schon besessen, und ließen – »göttlich ist das!« – ließen ahnen, daß er nun überall, wo nur die Elemente der Welt sich noch regten, gleich zu Hause sein könnte wie hier. Rückkehr nach Weimar? Warum nicht? »Natürlich!« lächelte der leuchtende Mann. »Die Welt in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit ist ein Schauspiel nur für den unendlichen Geist. Ohne sich abzusondern in ihr, ein Fleckchen zu wählen, von dem aus dies Schauspiel geschaut werden kann, wüßte der gewöhnliche gar nicht zu leben!« Zum siebentenmal auf das Ufer zurückgeklettert, sprang er zum achtenmal zurück in die Woge. »Ein Nest muß man haben!« Schwimmend in unbändiger Lust rief er's aus. Strudel von Wasser ließ er sich über den Kopf stürzen. Mit Bogenarmen umhalste er die Masse der Wellen. Und Springbrunn schickte er aus den zusammengepreßten Hohlhänden. »Soviel scheint nun gewiß: man muß nur einmal wieder nichts anderes als eine Geburt der Schöpfung geworden sein, um ein Mensch, eine Person werden zu können.« In wilden Zügen nun trank er das Wasser, sogar. Und ebenso gewiß war: es ist die Pflicht jedes Lebendigen, sich auf dies Wiederwerden mit aller Sucht des Instinkts vorzubereiten; in jedem Tag sich gerüstet zu machen für den folgenden. Hat man dies Gebot aber treulich befolgt, dann fiel einem – einmal – der Tag der Vollendung, der Tag, der einem das Nest gab in der Welt, das Zentrum im Kreise, wie reife Frucht in den Schoß! Puterrot, im Hundetempo, schwamm er weiter. Die Urpflanze, erlauert seit Jahren in Maßliebchen, Nelken, Rosen, Hirtentaschen und Tannen, war ihm in Palermo wie jener Gesuchte begegnet, der nicht begreift, daß man ihn just bei den Hyperboräern gesucht hat, und nicht von Anfang an in Palermo. Ebenso unabwendbar also wird eines Tages auch die Einsicht in die Entwicklung der Erdrinde gereift sein! Ebenso todsicher das Geheimnis der Wirbel, jeder nur scheinbar Formen überspringenden Evolution, einmal aufgelöst lächeln. Ja, wenn man gewußt hätte, daß man nicht so sehr nach Italien, als vielmehr übers Meer in die Welt hinausfahren müsse, um geboren zu werden! »Der Kosmos entschleiert sich!« triumphierte er trunken hinaus in das Weben von Bläue und Grüne, das troff von allen Düften der Nähe und Ferne. »Denn ich habe mein Nest gefunden!« Langsam-bedächtiges Wassertreten. Charlotte? Als Antriebwelle, unerbittlich hineingehetzt in sein Lebensrad, völlig gerechtfertigt, und darum ewiger Liebe des dankbaren Geistes würdig! Aber als angebetetes, das vom Sieg abhielt? Niemals wieder! Der Herzog? »Und wenn er verlangt, daß ich wie der Pelikan meinen letzten Blutstropfen auspresse für ihn und sein Haus, es kommt nicht der Tag, an dem er auf diesen Tropfen nicht rechnen darf! Aber der Minister der Geschäfte, die auch ein ehrgeiziger Pedante zustande erledigte? Nie wieder! Denn jetzt hab ich . . .«

Pfeilschnell, in einem einzigen Augenblick, tauchte er unter.

Im nächsten, ebenso pfeilschnell, wieder empor: Nausikaa war da!

Wie, fragte er sich noch, mit brav erzwungener Klarheit, während Auge, Antlitz, Seele und Leib schon ein einziges überirdisches Lachen lachten, hab ich mich noch einmal narren lassen? Fand ich das Nest, weil ich übers Meer in die Welt hinausfuhr, – oder fand ich die Welt überm Meer, weil ich mein Nest fand? Dieses dachte er noch, und dabei, demütiger Rührung, noch einmal des Tempels zu Paestum. Dann nichts mehr. Denn, wie immer dem war: der dämonische Zwang des Wunders dieser Erscheinung bewies unwiderleglich: nicht nur gefunden ist das Nest, nein, es wirkt schon! Ich weiß jetzt: der Künstler bin ich, und nichts sonst! Es war nicht gewiß, ob ihn das Mädchen, das eben in die Schatten der Erlbüsche zurückschritt, gesehen hatte. Jedenfalls war er in der nächsten Sekunde aus dem Wasser. Aber er hatte, in zitternder Eile, kaum versucht, sich das Hemd über den nassen Leib zu ziehen, als das Mädchen wieder aus den Erlen hervorkam, drei andere Frauen, wohl Mägde, ihr folgten, alle vier nun ahnungslos, Schritt vor Schritt – er saß geduckt, splitternackt, vor dem Unausbleiblichen des nächsten Augenblicks – näherkamen, plötzlich wie vor einem Gespenst zusammenschraken und entsetzt davonliefen.

Es fiel ihm, so magisch plötzlich dies alles auch geschehen, gar nicht ein, an irgendetwas davon zu zweifeln. Indem er sich rasch ankleidete, war er sich vollkommen bewußt, mit abgezieltester Phantasie zu ersetzen, was der Vorgang und seine Figuren gegenüber dem ungeheuren Vorbild etwa fehlen ließen; und litt dabei trotzdem nicht den bescheidensten Mangel. Als er aber, vorgetreten endlich, hinter den letzten Erlen auf einem Rain, der vom Ölbaumhang herabführte, einen zweirädrigen Karren, vor dem Karren ein Maultier, auf dem Karren einen mit Tüchern verdeckten Korb erblickte, ward die Verzauberung vollständig. »Mädchen!« rief er, ohne sich nur noch eine Spanne Besinnung zu gönnen, hinein in die Schleier der Hänge über der buckligen Flur, »Fräulein! Signorina!« Und, tatsächlich, sogleich hoben sich vier kichernde Gesichter aus dem Schleier. »Ich bin vollständig angezogen!« beteuerte er eindringlich, denn schon verschwanden sie wieder. »Habe im Flüßchen gebadet; aber bade nicht mehr. Keine Angst!«

Bis an die Hälse kamen die Gesichter hervor. Das schönste aber, sobald es ihn gesehen hatte . . .

»Ich sehe genau so aus,« rief er im Nu, in der panischen Angst, es würde noch einmal verschwinden, »wie jeder andere Mann in Palermo!« Aber da war Nausikaa schon aus den Zweigen getreten; bolzengerade wuchs er empor.

Nach einer Weile – er wußte nicht, wie? – geschah es, daß das Mädchen noch tiefer herab in die Wiese schritt, die Begleiterinnen zögernd ihr folgten. Die erste war klein und dick; richtige Bäuerin. Die zweite hager und lang; richtige alte Jungfer. Die dritte ein Mütterchen mit Grauhaar. »Kommt nur!« klatschte das Mädchen, als die drei scheu abwarteten, in die Hände und tat so, als habe es den steinernen Mann nicht gesehen, »es ist nichts!«

Aber nun geschah das Zweite: als die Frauen, den Karren mit dem Maultier endlich herabgeholt, schon in geordnetem Zuge zum Wäschewaschen an das Ufer heranstrebten, streikte plötzlich das Maultier. »Che canaglia, 'sto Geromino!« fluchte kräftig das Mütterchen mit dem Grauhaar und hieb mit ungeschlachtem Grabscheit auf den mageren Rücken. Das Tier rührte sich nicht. Nun waren zwar in dem Korbe weder Talente des schöngearbeiteten Goldes, noch Steine zum Bau eines Tempels für Hermes, noch Rücken vom weißzahnichten Schweine; sondern Berge von schmutziger Wäsche. Dennoch reichte die vereinte Leidenschaft der vier Frauen nicht hin, um den Karren gegen die Bosheit des Tieres vom Flecke zu rücken. Sechsmal mit »Hüh« und »Hoh« versuchten sie vergeblich, es zum Gehorsam zu locken. Als sie's zum siebentenmal, schon sehr mutlos, angingen, trat der Fremdling entschlossen hervor. »Erlauben Sie!« sagte er einfach. »Hie und da ist es notwendig, daß ein Mann komme.« Nahm den Zügel des Tieres, sagte wie ein Väterchen zu einem Kindchen: »Geromino, Liebling meiner heiligen Freundin zu Paestum, zieh an!« und das Tier zog.

Staunen in den Mienen der Frauen. Verlegenes Lächeln. Aber warum blieb das Mädchen nun stehen und ließ die Mägde allein schreiten hinter dem rollenden Karren?

»Ein ganz feiner Mann!« sagte so laut, daß der Fremdling es hörte, die dicke Bäuerin zur hageren Jungfer in Eile.

»Sie hat ihm aber,« antwortete, auch eilend und ebenso laut, die Jungfer der Dicken, »beim ersten Blick schon Augen gemacht wie . . .«

Windhauch, plötzlicher, daß die Wiese aufseufzte und der Oreto aufblitzte, vom Meer herein!

»Ihr kommt von der Stadt heraus?«

Nur um eines Windhauchs Streicheln bewegte sich die Gestalt des Mädchens. Die Kutte aus weißem Leinen, rot gegürtet und rot an den Säumen gebortet, nur von eines Windhauchs mildem Geflüster erfaßt flüsterte sie. Aber das Haupt? Nein, ich hebe mich nicht! schienen die ungeküßten Lippen, fest zusammengepreßt, zu schwören. Da – erhob es sich. Purpurrot in derselben Sekunde: Auge hatte Auge getroffen. »Nein! Ich komme vom Berge her; vom Landhaus des Oheims.«

»Aber in der Stadt sind Sie zu Hause?«

»Nein. Ich bin hier zu Gaste. Zu Hause in Girgenti. Oder besser . . .«

»Oder besser?« Blitzschnell einen Schritt trat er näher.

»In Taormina.« Aus dem flammenden Purpur hervor wie die Unschuld ersten Geständnisses lockte das Lachen der Zähne. »Oder noch besser . . . .«

»Oder noch besser?« Rasch den zweiten Schritt näher!

»In Taormina und Girgenti.« Wie eine Faust aber packte den Nacken die Scham jetzt. In unbeholfener Jähheit herniedergebeugt, rupfte die Jungfrau Halm um Halm aus dem Boden. »Und Sie?«

Aber er, – in diesem Klang hörte er anderen Klang. Unheimlich beglückend wallte es um ihn herum gleitend von Düften, Worten und Zeichen ohne Ende und Einheit. Wie eine unerschöpfliche Blume, von Minute zu Minute tauender Glänzen und Wunder, öffnete über ihm sich der Himmel. Ins Ungemessene an Goldhelle und klarster Zeichnung schwoll um seine Füße die Breitung des Landes. Als ob es eilfertig, weil so Himmel und Erde sich im Enthüllen übereilten, aus den Ozeanen der Vergangenheit und von ihren versunkenen Küsten die alten Wellen wieder hervorholte und mit ihrem Wallen auch die verstummten Atem der gestorbenen Leben, immer blauer und reicher und näher rollte das Meer. »Nein,« sagte er plötzlich, ließ sich ins Gras nieder und gab mit dem nachziehenden Blick keine Ruhe, bis auch sie sich gezogen niedergelassen hatte; »erzählen Sie mir! Was Sie wollen! Was Ihnen einfällt!« Wie? Und sie sprach schon? Nein! Hilflos lächelte er. Aber dieses Flirren der Lüfte war nicht Traum! Blendend floß die Sonne aus dem Quell ihres feuerroten Reichtums. Die Blumen wiegten sich geschaukelt im Liebkosen der Lüfte. Sanfteren Donner von Herzschlag zu Herzschlag tönte das Meer. Und die Mägde da unten, daß es unüberhörbar heraufschallte, peitschten den Oreto mit der Wäsche! Und Nausikaa vor seinem ratlosen Auge . . .

Nausikaa sprach nun! Vielleicht sprach sie schon lange und er hatte es nur nicht gehört? Schmal war die erste Antwort gewesen. »Darf ich weiter fragen?« hatte er auf einmal, wie erwacht, gefragt. »Gerne!« das schöne Köpfchen genickt; hatte es noch niemals geredet? Und nun, während die Antworten wuchsen, ruhte die rechte Hand in den Blumen der Erde. Der linke Arm schrieb in der Luft. Das Köpfchen, nur um das Streicheln eines Windhauchs dem Blicke des Fragers vorübergewendet, hatte den Purpur der Scheu vergessen, die Gestalt die Schranke der Fremdheit. Nicht, die du träumst, bin ich, schien die Jungfrau, die ihr weltblindes Leben immer freudiger vor ihm enthüllte, den atemlos lauschenden Blick zu warnen, sondern ein gewöhnliches Mädchen vom Lande. Ja! erwiderte der Blick, ohne sich zu heben, zu senken vor ihr, aber: Nausikaa, die in Qualen Gesuchte! »Weiter! Nur weiter!« – »Vom Oheim?« lachte sie aus dem kindlichsten Herzen. – »Vom Oheim!« – »Von zu Hause?« – »Von zu Hause!« – Der Oheim – hoch in das Blaue hob sich das Köpfchen, schüttelte sich trotzig – der Oheim sei Witwer, habe zwei Töchter und einen Sohn. Der Sohn stelle ihr nach. Sie dulde aber nicht, daß ihr nachgestellt werde! »Aber auch sonst, überhaupt, – ich bin nicht leicht zu behandeln!« Zwar könne sie schöner im Rahmen sticken als die Basen und besser rechnen als der Vetter, der zu herrenhaft faul sei für des Oheims große Wirtschaft. Aber sie fühle sich dennoch klein und dumm; provinzhaft allen Vieren gegenüber. In Girgenti hinwiederum: da wohne sie in einem schönen Hause, Palazzo Friglia heiße es, in der Höhe auf dem Felsen über dem Meer. »Wie gesagt, ein Palast! Aber immer dasselbe, tagaus, tagein: aufstehen, das Haus besorgen, mit Vater und Mutter essen, mit Vater und Mutter zur Kirche, in den Garten hinab, – schlafen gehen! Undankbar, nicht wahr, bin ich? Denn sie lieben mich sehr, Vater und Mutter! Aber . . .«

»Kommen Schiffe vorbei?«

Als müßte sie sich schämen darüber, daß so selten ein Schiff Girgenti anlaufe, ward sie rot. »Alle Jahre eines!« Dieses war das Lächeln der Seele, die sich heimatüberdrüssig vorstellte, überall außerhalb des Rests, worin sie zu Hause, pulse das Leben in Agonen und Hymnen. Ungefähr jeden vierten Monat gehe sie von Girgenti mit dem Vater nach Taormina. Er habe dort eine Niederlassung seines Handels für die östliche Insel. Kaum angelangt in Taormina nun, sehne sie sich zurück nach dem Fenster überm Meer. Kaum aber wieder zu Hause und die Liebe der Mutter wieder gesehen, die Liebe des Vaters, dieses ewig ausschließliche Denken der beiden an die Zukunft der Tochter . . .

Einen Schaft riß sie aus dem Boden, zerriß ihn in kleine, knisternde Fasern. »Überall also, eigentlich, bin ich fremd! Und am Ende werde ich doch den Magistratskommissär oder den Buchhalter heiraten!« Rasch sprang sie empor. »Zita,« rief sie, wie um das zu schnell Verratene absichtlich laut zu vernichten, in die Mägde hinab, »wie lange wollt ihr noch schwätzen? Des Oheims Hemden werden grau bleiben und die Miederchen der Basen schwarz. In Miracolo nämlich,« lachte sie lustig schon wieder dem Fremdling gegenüber im Grase, »– Miracolo heißt das Gut des Oheims – in Miracolo wäscht man sich nicht gerne.« Aber schnell darauf, weil nun stürmisch die Widerrede der Mägde heraufklang, die Lichter der Wäsche gegen Sonnenschein und Wellenglanz protzig heraufblinkten, fragte sie unwiderstehlich: »Und wo sind Sie zu Hause?«

»Weit fort.«

»Und wozu kamen Sie hierher?«

»Ich bin gar nicht gekommen, ich bin getrieben worden.«

»Durch einen Sturm? Durch die Korsaren? Oder durch den König?«

Der Länge nach legte er sich ins Gras zurück. O, unsäglich süß, jetzt, nachdem die Heimat gefunden, alle Schmerzen und Kämpfe der Suche nach ihr in klarer Reihenfolge noch einmal zu leiden! In Brisen warf der finsterblaue Nord die Gerüche des Meeres herüber. Zitternde Säulen schwerträchtigen Dampfes stieß die Erde aus dem Leib der Empfängnis. Die absichtlose Kunst des Schöpfers, aus nur vier Kräften, weil sie in seinem Busen daheim waren, Harmonie zu schaffen, schmeichelte ohne jede Überhebung sieghaft um die Gestalt dieser Kräfte. Wahrlich: es brauchte keines Zwangs auf den heimgefundenen Geist, um zu wissen, daß die Jahrtausende, die zwischen ihm und der ersten Gestalt dieser Insel verstrichen waren, die wesentlichen Schicksale des Menschenherzens nicht um ein Seufzerchen verändert hatten! Genau wie ein Anderer – »Odysseus!« flüsterte er inbrünstig bruderhaft hinein in den unveränderten Leib der Insel – genau wie dieser Andere war er bei den Lästrygonen und Lotophagen gelandet. Des Aiolos Winde hatte auch er mitbekommen. Bei der süßen Kirke verweilte auch er, und sieben – nein, elf! – Jahre bei der furchtbaren Göttin Kalypso! Nahe wie diese Orchis seinen lebendigen Fingern, tausendmal schon, war ihm die Heimat gewesen. Tausendmal wieder dann, je einen gemeinen Augenblick später nur, ferne wie der Hades seinem gierigen Leben. Zwischen diesen neckenden Blitzsekunden aber: die Ketten der Finsternisse und die Perlen der Hellen. Zuletzt der Stieg in die Unterwelt, – »ja, Vater! Cornelia! Alle, die ihr von Anfang an teil hattet an diesem Leibe und Leben!« – und die taumelnde Todesfahrt durch Charybdis und Skylla! Und jetzt? Auf Scheria gelandet! Wahrhaftig gelandet? Für immer? Keine Woge, keine Rache, kein Götterhaß mehr, die wieder wegspülen vom Neste? »Ich suche meine Heimat,« sagte er leise, die Stimme zitterte ihm, »mein eigenes Land, meinen Teil an der Erde. Und konnte ihn bisher noch nicht – ganz finden.«

Hatte sie je jemanden so reden gehört? Als ob Rausch in ihr Herz fiele, begann es zu schlagen. »Wie . . . meinen Sie das?«

»Verschlagen von einer Küste zur anderen seit Jahren!« setzte er ruhig fort, mit allen Segeln seines Schiffs mitten drinnen im Märchen; »von einem Sieg zur andern Niederlage, von einer lockenden Fremde zur anderen wegstoßenden Nähe. Und nirgends ist Heimat!«

»Was ist Heimat?«

»Wo man bleiben muß.«

»Wenn man nicht darf?«

»Man darf, weil man muß, und umgekehrt!«

»Und hier . . .« – die rasende Begier, die Sprache dieser ersten Seele zu erraten, die ihr begegnete, beugte ihr Antlitz ihm brennend entgegen – »hier hoffen Sie, die Heimat zu finden?«

»So ist es nicht!« Er lachte. Ja, Mädchen, sprach der Geist in der hurtigen Antwort, nun zeige, ob du lilienarmig nur bist, oder tiefherzig auch! »Was den Boden betrifft, darauf meine Heimat sein könnte, ist mir die ganze Welt Heimat. Aber . . . .«

»Ein Herz, meinen Sie?«

Hatte er jemals – göttlich erstrahlte sein Blick– im Aug eines Weibes so unschuldig verraten die Sehnsucht nach Liebe aufflammen gesehen? »Auch mit der Heimat in einem anderen Herzen wäre es nun nicht mehr genug! Denn ich bin achtunddreißig. Aber« – zärtlich besorgt lenkte er ab, Enttäuschung wie Schatten war über die Stirne der Jungfrau gefallen – »nehmen wir Sie! Was für eine Heimat sehnt Ihre Brust?«

Zögernd, gesenkten Auges, während der Busen tobte: »Ich – habe meine Heimat.«

»Die Ihnen nicht genügt!«

»Zwei Herzen, in denen sie ist!«

»Die Ihnen nicht genügen!«

»Vielleicht kommt einmal ein drittes?«

»Auf einem Schiffe?«

Ah, blitzte es gottanbetend durch ihre Züge, die von Sekunde zu Sekunde schöner wurden, weil sie zum erstenmal das Leben erfuhren, also sind wir Menschen doch nicht einzig dazu geschaffen, um ewig nur Fremde voreinander zu spielen! »Es muß nicht gerade ein Schiff sein, auf dem es daherkommt! Wenn es nur kommt!«

»Und wenn es nicht kommt?«

»Dann – muß ich den Magistratskommissär oder den Buchhalter heiraten!« Im selben Augenblick, genau so jäh wie das erstemal, sprang sie empor; über den Rasen herab kam ein schaukelndes Kleid getänzelt. »Es kommt meine Base! Leben Sie wohl. Ich muß gehen!«

»Ich muß Sie wiedersehen!«

»Nein!« Obwohl über dem schaukelnden Kleide das gefürchtete Antlitz schon auftauchte, tat sie einen Schritt wie befohlen zurück. »Ich gehe schon in den nächsten Tagen nach Girgenti zurück!«

»Ich komme auch nach Girgenti!«

»Ich wünsche Ihnen, daß Sie finden, was Sie suchen!« stieß sie zitternd hervor. »Menschen scheinen es Ihnen nicht geben zu können.«

Er wußte nicht, warum er aus dem Gras nicht emporkam. »Nicht zu geben,« antwortete er, ohne sich zu wehren gegen die Wolke von süßer Betäubung, »aber wohl zu bestätigen, ob ich's fand oder nicht. Ich werde Sie besuchen in Girgenti!«

Feuerrot wies das ratlose Haupt ab. »Gioconda!« rief es überlaut dem Puppengesicht entgegen, das wie blind auf dem theaterhaft bunten Kleid über die Wiese herabschwebte. »Da bin ich!« Und blieb trotzdem noch wie angewurzelt stehen. »Sie werden nicht kommen!«

»Palazzo Friglia. Ich werde kommen!«

»Sie werden nicht kommen!«

»Ich werde kommen! Aber wie Sie heißen, müssen Sie mir noch sagen!«

Wie von Wirbelwind erfaßt, Fremdeste wieder mit einem Schlag, drehte sie um. Waffen blitzten aus dem glühenden Antlitz, aus der kühlen Gestalt; dieser Mann soll nicht glauben, daß ich das Netz, das er warf, nicht, so bald es mir beliebt, wieder abwerfen kann! »Wenn Sie es noch nicht wissen sollten« – und schon glitt sie hinweg mit diesem klirrenden Lachen –: »Sizilien ist das Land der Phäaken. Und sein König Alkinoos. Und seine Tochter Nausikaa! Und diese Tochter bin ich!«

»Du!« Emporgeschossen in einem einzigen Augenblick wie der leibgewordene Atem des Wunders, stand er zwischen den Säulen der Lüfte. »Tochter des Alkinoos! Du!«

War's – ein Traum gewesen? Die Stimme, – wie ein Gespenst, das versinkt, starb sie dahin. Dumm fielen die Arme zu den Seiten herab. Ziellos suchte das Auge rundum. Waren das, waren das zwei Gestalten von Menschen, die zerfließend im Nebel der Büsche verschwanden?

Ohne Wort, ohne Sinn, ohne Wissen umgedreht, sah er: an der Welle des Flusses wuschen drei Weiber die Wäsche. Die eine war dick; richtige Bäuerin. Die zweite lang und hager; richtige alte Jungfer. Die dritte ein Mütterchen mit Grauhaar. »Mütterchen!« rief er auf einmal, die Arme in der Luft, und tat einen wilden Schritt vor.

Aber das Mütterchen rührte sich nicht, auch als er ein zweitesmal rief. Es hockte, weit und tief in die Welle vornübergebeugt, und schlug mit der Wäsche die Welle!

»Wenn ich jetzt einen kostbaren Ring hätte,« sagte er eine Woche später zu Kniep, als ob keine Stunde inzwischen vergangen wäre, – sie saßen auf den Maultieren, es ging nach Segesta – »ich würde ihn opfern wie Polykrates!«

»Um ihn schon in Alcamo im Bauch eines Vogels zu finden,« lächelte Kniep, »den wir Rindfleischesser in zufälliger Laune auf dem Markt kaufen?«

»Oder wissen Sie etwa,« lachte Goethe noch froher, »warum Homer die Schiffe der Griechen stets schwarz nennt?«

Kniep wußte es natürlich nicht. Aber was verschlug es? Es war nichts mehr auf dem Grunde der Seele, was das eine dem anderen vorzog. Alle Dinge, Geschehen und Sinne der Welt saßen gleichberechtigt einander und neidlos aufeinander in der Brust, die, alles überahnend, nur eines immer sicherer noch fühlte: Das Nest ist gefunden! »Nicht Homer nur! Ich selber! Und drum bedarf es nichts anderes noch, als daß ich eben lebe!« Ganz von selber ward das Leben dann Dichtung! Oder mußte ihm etwa erst diese Landschaft, dies distelreiche Auf und Nieder der elenden Pfade, dies nackte Urbeisammensein von Blut, Blume, Brache, rotem Kleefeld, samtener Weide, aufgetürmtem Fels, zerklüftetem Tal, Höhe, Engpaß und immer wieder aufgehendem Blick auf das Meer die Überlegenheit des Geistes geben, Sizilien als Phäa zu schauen? Umgekehrt, im Gegenteil, war es! Weil er die Wirrsal, den Irrsinn einer inbrünstigen, tückisch immer wieder verzögerten Heimreise erlebt hatte, – weil er Odysseus war, war diese Insel auch Phäa! Ohne die leiseste Furcht, dieses Nest noch verlieren zu können, erklärte er Kniepen unter dem Bergnest Alcamo, an der Blust einer riesenhaften Weißdornhecke, die Offenbarung der Urpflanze. Der junge Mann blinzelte ungläubig. Aber was verschlug das? Am Fuße des Hügels, worauf die Trümmer des Aphroditeheiligtums in panischer Einsamkeit schliefen, schlug er Hornstein aus dem Felsleib. Der junge Mann lächelte kopfschüttelnd. Aber was verschlug das? Der Weg weiter, nach Castelvetrano, ging zwischen hohem, kahlem Kalkgebirg über Kieshügel. Diese Kieshügel nahmen ihn für zwei Stunden vollkommen gefangen. »Aber, wissen Sie,« sagte er mitten aus der Betrachtung heraus, »was mir in Rom einmal – es war bei Cavaceppi, dem Gipsgießer – durch den Sinn fuhr? Der Kanon, den Polyklet aufgestellt haben soll über die Verhältnisse der einzelnen Teile des menschlichen Körpers zueinander, hilft dem Künstler doch nur zur Erzielung des Ebenmaßes. Es müßte ihm aber noch mehr geholfen werden können; muß ihm auch – das ist meine feste Überzeugung – schon in seiner Zeit mehr geholfen worden sein!« Der junge Mann hatte an die Möglichkeit dieser Idee noch niemals gedacht. Aber was verschlug das? Auf einer Wiese, die sich weit über Hügel hinausdehnte und in allen Gluten des Nachmittags funkelte von allen Gluten der Blumen, bemerkte der von Tritt zu Tritt immer freier und heimlicher zu Hause Werdende, – er hatte tief im Hintergrund eine zerstreute Herde kleiner rotbrauner Rinder entdeckt – es sei rührend im höchsten Maße, sich vor diesen zierlichen Tieren die Hekatomben vorzustellen, die ein abergläubisches Heldenschiff aus Argos oder Megara zusammenstellte, um den beleidigten Gott zu versöhnen und dabei kannibalisch in der Einbildung zu schwelgen, Riesenstiere zu fressen. »Überhaupt,« liebkoste der gespannte Blick das sanfte Tal unter dem Schäfchenhimmel, die vergessene Einsamkeit der stummschaffenden Erde, in der alles ihm neu war, obwohl nicht eine einzige Form, keine Linie, kein Korn von Substanz dieser Erde andere Beschaffenheit trug und andere Sprache redete als die Erde jedes anderen Landes, »es ist überwältigend, zu sehen, wie im Homer die durchgebildetste Psychologie neben der primitivsten Simplizität wächst! Ich habe immer den Eindruck von außerordentlich feinen Wilden, mit denen man, träfe man heute mit ihnen zusammen, reden könnte wie mit Unsereinem, – allerdings: innerhalb ihrer Terminologie müßte man bleiben! Sobald man dieses Lexikon nämlich verließe, würde man unzweideutig ohneweiters erschlagen!« Der junge Mann lächelte belustigt. Aber was verschlug das? Am lustigsten aber lachte Kniep, als sie nach einer Nacht in barbarischer Herberge, nach unzähligen Irreführungen durch den Maultiertreiber, siebenmaligem Brechen und Wiederzusammenflicken der Steigbügel, aufgerieben, brothungrig und wasserdurstig vor Sciacca an einem Gebüsch vorbeitrabten und der Unangefochtene mit aller Jauchzerkraft seiner Stimme rief: »Endlich Pantoffelholz!« Ein wilder Armvoll Ästchen ward gebrochen und die Urpflanze von neuem gepredigt. Der junge Mann, – glitzerte sein Blick nun nicht unleugbar höhnisch? Aber was verschlug das?»Ich sehe genau voraus,« sagte der Rätselhafte, »wie die Herren Gelehrten, wenn ich ihnen sagen werde: Alles, an jeder Pflanze, von oben bis unten, ist Blatt, das Blatt ist das Urorgan, der Urausdruck der Pflanze, der in jeder Metamorphose noch offenbar bleibt, – wie sie grinsen werden, wenn ich ihnen das sage; grinsen auf alle Fälle, weil ich die Erscheinungen, von denen sie behaupten, daß man sie entweder mit der reinen Vernunft oder gar nicht betrachten und beurteilen dürfe, als Künstler betrachte und beurteile. Ihnen genügt es, ohne den geringsten menschlichen Bezug zu den Schöpfungen und Geschöpfen jedes einzelne für sich zu bestimmen; während es mir Bedürfnis ist, aus der empfundenen Brüderlichkeit zwischen ihnen und mir unseren gemeinsamen Stammbaum zu erforschen. Ha! Wenn ich denke, daß ich vor einem Jahr noch« – einen verwegenen Satz tat das Maultier –

Girgenti vor ihnen!

»Wenn ich daran denke,« wiederholte er ganz leise am Morgen darauf, auf dem Burgfelsen über der lenzprunkenden Stadt, »daß ich heut vor einem Jahr noch in Weimar mir den Schädel über Papier zerbrach!« Taubegossen im Licht, das überschwemmte, und mit dem Atem der Zypressen, der Pinien und des Lorbeers über Lilienbeete, die neben Roseninseln eben standen im milden Abhang der Halde, rannen die Gärten von den Mauern hinab über die Felsenecken in die Runsen, über die verschütteten Zeiten hinab in die Rebe vor der Düne. Diese aber, die Düne, rasengestickt, lief um die hochaufgewachsenen Säulen des Concordiatempels herum und auf Kinderfüßen, zwischen ihren Schatten, hinaus in das Meer. Und wie dieses Meer, so glatt und so weit, lag in der Brust die frohlockende Seele. Und wie diese Sonne, so schuldlos und frei, über der Seele das Bewußtsein ihrer vollkommenen Rettung. »Sehen Sie,« sagte der freundliche Geistliche, der der Führer hier oben war, und wies mit der Hand im Soutaneärmel hinüber in den Osten der Halbkreisstadt, »den Palast da draußen auf der äußersten Spitze des Felsens? Dieses Haus . . .«

Aber mit blitzschnell erhobener Hand unterbrach Goethe. Strahlendes Lächeln auf den bereiten Zügen: wer braucht mir jetzt noch die Wege zu weisen? Da mir die Wunder, die ich so gewiß, als ich da stehe, mit ureigener Hand erschaffen werde noch heute, zufliegen aus der Unbegrenzheit des Schönen wie die Töne einer göttlich geschlagenen Orgel? »Wer kann wissen,« sagte er – ins Ungeheuer-Gewisse stieg das Lächeln auf den pulsenden Zügen – »was Griechenland war? Kinder der Natur waren seine Menschen; heiß wie ihre Begierden; unberechenbar und gewalttätig wie ihre Kämpfe; glücklich wie ihre Hochzeiten. Wo sie dieser Mutter über den Kopf wachsen mußten, um von ihr nicht verschlungen zu werden im Einerlei ewiger Weitergeburt, wurden sie Heroen. Wo sie ihre Geheimnisse nicht lösten, Götter. Aber auch als Götter und Heroen blieben sie immer dasselbe, was die Menschen auch waren: Kinder dieser starken Natur! Ganz Griechenland nichts, als: Mutter und Kind unter der Wolke des Vaters, der die Zeit war, – Kronion.« Und hinreißend hell das Auge hineingetaucht in die erschrockene Miene des Führers: »Oder? Wie denken Sie?«

Hilflos, mit der ganzen Ohnmacht seines winzigen Nestleins gegen den sonnhohen Adlerbau dieses Nestes, zuckte der Geistliche zusammen. Endlich, sie gingen, herabgestiegen, über den Platz vor dem Dome, raffte sich das verlegene Gestaltchen noch einmal zum Mut auf: »Möchten Sie nicht unsere Kirche, – wenigstens den Sarkophag in der Kirche besehen? Hippolyt zeigt er und Phaedra?«

»Nein! Aber wie komme ich am schnellsten« – beide Hände des Mannes, dem die Nebel der Furcht herabrollten über die Augen, erfaßte er zum Abschied – »in die westliche Stadt?«

Eine Minute später war er verschwunden. Und blieb es. Wo ging er? Was tat er? Besann er? Niemand wußte es. Er selber nicht. Als der Nachmittag Abend wurde, erhob er sich aus dem Gebüsch, das die Ruine des Junotempels umwuchs, und begann in die Stadt zurückzusteigen. Warum aber – immer wieder, wie ein Nachtwandler, der vergeblich zu erwachen sucht, blieb er stehen – schlug das Herz jetzt so rasend? Welcher Geist in ihm drin warnte atemlos: Du täuschest dich! Du bist in Girgenti! Der Maler und der Geistliche erwarten dich im Quartier des Nudelmachers! Und welcher andere in derselben Brust drinnen flüsterte unbändig verführend: laß dich nicht irre machen! Du bist erwartet! Es erwartet dich! Frage nicht, was »es« ist, du mußt es durchleben! Zu magischem Chor zusammen erklangen die Glocken des Doms, als er in der Gasse eintrat, die den Palast trug. Zögernd, in Absätzen, schritt er an den Palast heran. Plötzlich, mit knappem Schlag, ließ er den Pocher ans Tor fallen. Im nächsten Augenblick – oder war eine Ewigkeit seitdem vergangen? – wandelte er an der Seite des Hausherrn durch den Garten. Und nun ging der Puls ganz gemächlich. Ganz klar wußte er: Der Mann, der mich da, wenn auch freundlich, so doch zurückhaltend aufgenommen hat, ist ein reicher Landbesitzer und Händler meines Jahrhunderts. Die Matrone, die, auf Geheiß dieses Mannes, nicht in freudiger, sondern gebotener Gastfreundschaft im Hause oben die Tafel jetzt richtet, seine Gattin. Das Mädchen, das sich noch nicht hervorgewagt hat, seine Tochter. Mit einem Wort: ich bin in Sizilien! Aber – der Garten? Über der Blüte des Granatapfels glänzte das Blatt des Lorbeers. Über dem Feigenbaum mit hellgrün praller Frucht schwebte das ungeheure Alter des Ölbaums. Über dem Felsgang, unter Kaktus und Myrthe, wand sich die Wicke der Melone. Ein Wäldchen von Apfelbäumen ward aus unberührtem Rasen frei in die samtblaue Luft hinausgehoben. Hart zu seinen Füßen, auf niedriger, roterdiger Terrasse, wedelten die Palmen um das Spalier der glasgrünen Birnen. Ein Brunnen quoll im abschüssigen Moosgrund und rann, ohne Schaum, rasch hinab über unzählige ineinander verschlungene, verschiedengrüne Blätter in die Tiefe des Dickichts. Um seine ungegrenzte Feuchtigkeit, in ungehemmter Wildnis wuchsen: die Schwertlilie, die Aloe, die Riesenglockenblume, alle Gattungen der Rose, der Jasmin, die Narzisse, der Akelei und der Dornbusch. »Bin ich – bin ich wirklich in Sizilien?« Traumhaft geleitet schritt der Fuß. Betäubt, ohne Widerstand gehorchte das Auge der paradiesischen Lockung. Glücklich im Stolz reichte der Hausherr eine Handvoll Kirschen. Kurz darauf brach er, aus dem dunkelsten Versteck, die erste Feige. An einer Rebe, die ein Gitter allfarbiger Schleierblüten umgaukelte, hingen die reifen Trauben. Dicht daneben, an einem braungoldenen Stock, die vertrockneten des letzten Herbstes. In einem Felde von blauen Anemonen und halb schon verblühtem Thymian lagen scharlachrot, dick und schwer die Erdbeeren. Von den üppigen Zweigen eines weitausgebreiteten Baumes, der wollüstig in die Abendsicht des Meeres hinausragte, schaukelten die rostbraunen Schoten des Johannisbrotes. Unter zarten Kronen, aus deren Tüll die blaugrüne Mandel herabschaute, stand eine Steinbank. Auf ihr ein Teller aus Maulbeerblättern. Im Teller lagen gelbe japanische Mispeln. Und jetzt – noch weiter? Wohin? Lächelt der Mann, der das kindische Erstaunen begleitet? Um den grenzenlosen Blick auf die verglimmenden Trümmer der Tempel tief unten stand plötzlich der Strauß hochgelber Ruten des Ginsters. Weiße Lilien, zu Tausenden, ein Wald, leiteten aus diesem Golde links, der ungeheure Purpur von Pfingstrosen rechts zurück aufwärts nach der Bogenhalle an der Palastwand, die licht von der Höhe herableuchtete. In der Mitte zwischen diesen Gassen aber, immer wieder verschlungen vom unaufhörlichen Spiel des Grünen, jetzt eilend, jetzt zaudernd, kam eine helle Gestalt die Halde herabgeschwebt; mit einem Ruck blieb der Verzauberte stehen.

»Meine Tochter!« stellte der Hausherr, mit steifer Verbeugung, vor: er hatte den Blitz, der zwischen den zwei Antlitzen aufgesprungen war, wohl bemerkt. »Es geht, kann man behaupten,« sagte er darum sogleich, »weder die Blüte noch die Frucht jemals aus in diesem Garten!« Im selben Augenblick schoß Blut in sein Gesicht. Er war ein besonnener Mann. Jetzt aber, ohne es zu wissen, stampfte er in den Boden. Wie, schien das Beben zu fluchen, – einen Diener sah er herabjagen, hörte er suchend herabrufen – es wird mir etwas aufgedrängt? Angehetzt? Und im Nu glomm der Funke des Mißtrauens auf in seinem Auge. »Frage die Mutter,« befahl er der Tochter, die wie aus uralter Zeit in vollendeter Jugend vor seiner männlichen Höhe stand, »ob das Abendmahl bereit steht.«

Aber die Tochter lächelte nur. Um Verzeihung bittend, daß sie nicht gehorchen könne, lächelte sie. Und gehorchte nicht.

»Du sollst,« wiederholte der Mann – wie um seinen Körper zu fühlen, tat er die Arme vom Leibe weg in die Luft hinaus – »zur Mutter emporgehen, um sie zu fragen –«

Da, wie aus dem Gebüsch geschleudert, stand der Diener vor ihm. Ein würdiger, gallonierter, bartloser Alter. »Signor Cavaliere,« begann er, das Haupt tief gesenkt, »è arrivata notizia da Don Carlo . . . .«

»Einen Augenblick!« unterbrach, wie gerichtet, der Mann. Und trat aus dem Rasen. Ohne eine Sekunde zu zögern, flogen das Mädchen und der Fremde die Halde hinab auf die Fläche der Kiesel. Draußen vor der ungefährlichen Brandung, knapp umrissen mit Schnabel, Rumpf, Ruder und Mast, tanzte überm Anker ein Schiff. Verheißend rollte das Meer um das Holz. Verheißend vom Garten herab und von den Gärten der Nachbarn herüber, gemischt aus allen Hauchen der Heimatbotschaft, der Strom ihrer Düfte um den weithinschauenden Mann. Selig, mit großlächelndem Blick aber schickte der die Wogen und die Düfte hinaus an die Küste, die fern, aber gewiß, seiner wartete. »Bin ich nun wirklich . . . .?«

»Sind Sie wirklich gekommen!« jauchzte das Mädchen und nahm seine träumende Hand.

»Odysseus kam zu Nausikaa!« lächelte er leise und küßte die jauchzende Hand.

»Der Penelope und Telemach zu Hause hat?« lachte sie übermütig, aber ohne die Angst zu verbergen, die das fragte.

» . . . . ein ganzes Vaterland zu Hause hat, das auf ihn wartet!« erwiderte er, hoch neben ihrer Schönheit vor der Schönheit des Meeres.

»Und dem Nausikaa die Heimkehr bereiten soll?« lachte sie noch einmal; noch einmal furchtsam.

»Nicht bereiten! Besiegeln!« Und ein Blick, und obwohl er Odysseus war, der bei Nausikaa nicht bleiben durfte, – ach! nur weil er den Stern in ihrem Auge zugleich und gleich unwiderstehlich aufbrechen sah wie die Venus im Himmel, riß er sie an seine Brust. »Du! Wer bist du?«

»Du! Wer bist du?«

»Maria!« rief des Vaters Stimme schneidend vom Hause herab.

»Wird Odysseus,« fragte zärtlich der Entrückte, während das Mädchen sich erlöst von ihm löste, »Odysseus, der ein Vaterland zu Hause hat, das auf ihn wartet, nicht verflucht werden von Nausikaa, weil er sie küßte als das erste Zeichen der Liebe nach den Höllen der Heimfahrt?«

»Ich denke nicht nach,« flüsterte hingerissen die Selige. »Soll auch Odysseus nicht denken!«

»Und du weißt noch immer nicht,« fragte oben im Saale, als sie unten im Kiese die Schritte vernahm, die Hausfrau den Gatten, »wie er heißt, was er ist und woher er kommt?«

»Er ist ein Deutscher,« antwortete der Gemahl ungerne, »und scheinbar ein sonderlicher. Mehr zu fragen . . .« – da stand der Fremde in der Tür. Das ungeheure Gemach, das durch die ganze Breite des Palastes lief, war von sechs Säulen aus euböischem Marmor getragen, die zu je dreien zwischen den Fenstern jeder Langseite aufwuchsen. Nur die Kerzen der Kandelaber auf der gedeckten Tafel erleuchteten den Raum. In weitem Spiegel aber glänzte der Terrazzo des Bodens. Tief in die Finsternisse der Wände hineingestellt, verschwanden Truhen, Kredenzen und Bänke; während Sessel, Thronen vergleichbar mit metallenen Lehnenbeschlägen, in funkelnden Reihen zu den Seiten der Marmortür standen.

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