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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Eigentümlich! So oft er nur den bescheidensten Sprung in das tat, was nicht er war, trieb ihn eine plötzliche Erscheinung – erscheinendes Neues oder aufstürzende Erinnerung an Altes – schnell nieder zu dem zurück, was er war. Oder wich es nicht etwa schon wieder der besonnensten Architektonik, das Chaos dieser ziellosen Straße? Chaos der Triebe zu bändigen mit dem Zügel des Gesetzes, war Filangieris, des Gesetzgebers Beruf. Aber auch die Welt der Körper, kaum daß sie die Chiaia erreicht hatten, fügte sich taktvoll schon wieder dem eingeborenen Sinn für Gesetz. Wie gehörig gegliederter Hintergrund stand das Nachlicht der untergegangenen Sonne hinter dem Vorgebirg des Posilipo. Ihm gegenüber wanderte die Stadt lienig am Golfe hin, dehnte sich die Küste licht und rein hinab bis Minerva; stand über Küste und Stadt völlig gemäß der veilchenfarbene Vesuv mit der Fahne von gelbem Rauch. Zwischen diesen zwei klargebauten Armen aber wogte das Meer unter dem sanftgewordenen Himmel in einer so bestimmtblauen Helle, daß alles, was noch Rest war von Trieb, Traum und Zweifel, leicht in das feste Maß des ewig Gesetzmäßigen zurückfloß.

»Sie haben,« wagte Filangieri endlich zu fragen, – der Wagen fuhr langsam vor der Brandung dahin – »wieder einmal unser Volk beobachtet?«

»Ja.« Zurück kehrte Goethes Auge. »In meiner Weise.«

»Ich habe,« lächelte Filangieri, »– dieses Kompliment muß ich Ihnen machen. – noch keinen Fremden getroffen, der die Napolitaner so richtig beurteilte wie Sie! Und das freut mich! Für ein Volk Gesetze ausdenken, das ein halb Hunderttausend Lazzaroni sein nennt und unter Bourbon in Campanien lebt, ist natürlich etwas ganz anderes, als nordischen Stämmen gewähren, was sie, von ihnen selber aus, als Beschneidung ihrer Ichsucht verlangen. Nach dem bisherigen Urteil der Deutschen aber war der Napolitaner überhaupt kein Individuum, und ich ein Ideologe.«

»Ohne Ideologie,« antwortete Goethe sanft, er fühlte dankbar, wie er genas, »gibt es auch keine Gesetzgebung; soviel ich wenigstens davon verstehe . . . .«

»Und Sie verstehen viel mehr davon als ich!« fiel Filangieri schnell ein. »Denn Sie kennen die Wirkungen der Gesetze. Gesetze machen ohne Rücksicht auf die Zukunft . . . . .«

»Das wollte ich eben sagen.« Dieses Meer! Dieses Maß! Diese Helle! »Wer sich keine Ahnung davon zu bilden vermag, wie die Zukunft eines Volkes in ihren Grundabsichten aussehen wird, der kann wohl Polizeivorschriften, aber unmöglich Regeln aufstellen, die Rahmen aller künftigen bleiben sollen.«

Heiß flammte das südliche Auge auf. »Das ist das unendlich Fruchtbare im Verkehre mit Ihnen,« bekannte die mitgerissene Stimme, »daß Sie nicht nur der Dichter, sondern der Geist überhaupt sind! Das Hauptfach Ihres Geistes erschlägt niemals und nirgends Ihre Nebenfähigkeiten, obwohl es doch allein diese Nebenfähigkeiten befruchtet. Wenn man bedenkt . . . .«

»Und dennoch vertragen die Menschen gerade den vertrauten Umgang mit mir nicht. Wieder Einer, – Tischbein hat mich heute verlassen!«

»Warum?«

»Es gibt keine andere Lehre aus der Gemeinschaft mit Menschen,« wich Goethe scheu aus, – bist du wieder da, bittere Träne in der zuckenden Wimper? – »als die: man darf sie, um ihnen gerecht zu werden, nicht mit der Goldwage messen, sondern mit dem groben, ja gröbsten Krämergewicht. Dann versteht man sie alle und weiß sie sogar zu billigen.«

»Und die zweite ist die,« schwor Filangieri kategorisch, »: unabhängig werden muß man von ihnen. Durch Schaden wird man klug; aber nur durch schonungslose Erkenntnis nicht auch bitter. Erst wenn man von Keinem mehr etwas will, kann man schaffen für Alle! Es klingt zwar paradox . . . .«

»Sie haben vollkommen recht!« Froh drückte Goethe die feurige Hand. »Und es ist beglückend, das Fazit eines stürmisch bewegten Tages, das man sich halb furchtsam, halb freudig selber verbirgt, am Abend von verwandtem Munde ausgesprochen zu hören. Sie können sich ja ungefähr vorstellen, daß ein Mensch meiner Art nicht ohne triftigen Grund von der Statt seines geschlossenen Wirkens in die Welt hinaus geht. Aber von allen Gründen, die mich vertrieben haben, war der zwingendste doch sicherlich der, . . . .«

»Von den zu Bekannten zu den Unbekannten zu fliehen!« Als ob er sich zum erstenmal in seinem Leben bis aufs Lebendig-Nackte entblößte, ging Filangieris Gesicht auf. »Es ist derselbe, der mich die Lebensordnung der fernsten Völker studieren heißt, wenn mir mein neapelbefangener Geist . . . Aber führe ich Sie nicht von Ihrem Abendziel ab?«

»Im Gegenteil! Ich bin bei Hamilton geladen.«

»Also bringe ich Sie bis zum Tor.« Dieses Meer! Dieses Maß! Diese Helle! »So oft ich diesen Weg da fahre, wollte ich sagen, zwischen den Terrassen der Stadt, die ich liebe, und dem Meer, das sie aller Welt verbindet, wandert mein neapelbefangener Geist zu den Menschen dieser anderen Welt. Was taten sie, frage ich, damit sie wurden, wie sie jetzt sind? Und wie sind sie jetzt, um in hundert Jahren anders sein zu müssen? Entwickelt sich die Menschheit nach oben, und, wenn ja, kann man ihr den Weg dahin weisen oder wenigstens erleichtern? Und wenn ich nun daran denke, daß ich von meinem Volke mehr Rückgrat, von meinem König mehr Sinn für sein Amt, von diesem Hof aber, daß er sterbe durch Pest oder Schwefel! – kurz: von all jenen, für die ich doch arbeite, Mitarbeit nach ihrem höchstmöglichen Können verlange, – dann werde ich mutlos für ihre Erziehung und trostlos für mein eigenes Streben. Blicke ich aber gleich darauf hinaus auf dies Meer, das mir die ursprüngliche Wesenheit aller Menschen heranzuspülen scheint, dann stehe ich schon wieder auf festen Füßen, mit Freude allein; bedarf keiner Hilfe und keines Winkes mehr von Dank und Unsterblichkeit; und tue nur Eines noch: reinige mein Auge von dem Schleier der allzugegenständlichen Gegenwart und trachte darnach, unvoreingenommen von der Erfahrung der schon eingetretenen Möglichkeiten jene weiteren zu erraten, die der Menschheit für ihren Aufstieg noch vorbehalten sein können. – Sie glauben nicht an eine Vervollkommnung der Menschheit im Ganzen?«

»Solange ich selber vollkommen zu werden bestrebt bin, glaube ich daran!«

Fanatisch nahe, in sehnsüchtigstem Stolz rückte der Einsame an den Einsamen heran. »Soviel steht meines Erachtens zweifellos fest: die heutige Form der gesellschaftlichen Schichtung und der Verteilung der Macht kann keine endgültige sein. Nehmen wir an, es gelänge uns, den allgemeinen Schulzwang einzuführen und die Schule so zu gestalten, daß sie die Menschen zur Selbstverantwortung zu erziehen vermöchte. Dann . . . .«

» . . . . folgte alles Weitere aus diesem Ersten von selber!« Energisch setzte sich Goethe auf aus den Kissen. »Denn die Mehrzahl der Menschen ist noch nicht zum Bewußtsein ihrer selbst gelangt. Man wollte es bisher nicht, daß sie dazu gelange, und, wie mir scheint, aus Gründen, die sich sehen lassen können. Vom Augenblick an jedoch, da man sich dazu entschließt, sie dieser geistigen Sklaverei zu entbinden, rollt der Stein ganz von selber fort. Ich, für meine Person, kann mir sehr gut vorstellen, daß dann – zum Beispiel– die monarchische Macht eingeschränkt wird, oder . . .«

»Durch – Volksvertretungen?«

»Gesetzgebende Gruppen von gewählten Vertretern des Volkes; jawohl! Aber auch, daß, noch später, die Monarchie überhaupt gestürzt wird.«

»Und das Volk König?«

»Das in der Schöpfung, im Prinzipe, unleugbar beschlossene gleiche Menschenrecht Jedes neu verkündiget wird!«

»Daß also Jeder nicht mehr Untertan, sondern Bürger sei und genau den gleichen Anspruch wie jeder Andere darauf genieße, seine Seele zu bekennen und sein äußeres Lebensglück zu gestalten?«

»Und daß man ihm die Möglichkeit schaffe zur Durchführung dieses Anspruchs; alle Hindernisse im Bestehenden, Geltenden forträume, die ihm verwehren, im großen Ganzen gleich aufzusteigen wie jeder andere. Die Leibeigenschaft, zum Beispiel, die Fronpflicht, das Jagdrecht, die Grundherrschaft, den Adel . . .«

»Das Erbrecht?«

»Warum nicht auch das Erbrecht?«

»Und: das Privateigentum?« Atemlos gespannt starrte das blitzende Auge das viel kühlere an, das in hartnäckiger Schausucht aus der milde erblinkenden Bläue des Meeres die pfundschweren Worte zu saugen schien. »Sagen Sie!«

»Ich brauche nur an die Geschichte vom Ananias zu denken,« antwortete Goethe sehr ruhig, »um das für möglich zu halten.«

»Also – Sie auch?«

»Warum soll die Menschheit nicht einmal daraufkommen, daß es einzig von ihrem Willen abhängt, wie sie ihr Leben einrichtet? Und daß es keineswegs ausgemacht ist, daß für immer und ewig der Eine Herr und der Andere Knecht sein müsse und über diesen Knechten der Staat stehe und so tue, als sei er vom Knecht und nicht vom Herrn gerufen? Und wenn sie daraufkommt . . . .«

»Revolution?«

»In der Natur heißt es viel unschuldiger! Natürlich tritt dann zunächst, wahrscheinlich, nur ein Rollenwechsel ein. Aber daß die natürliche Folge von zehn, zwanzig oder dreißig solchen Eruptionen im Lauf der Zeiten nicht endlich auch über diesen Rollenwechsel hinauskommen und zuletzt wirklich einen Staat schaffen werde, der ganz anders aussieht als jeder heutige und trotzdem dem Willen der Schöpfung und dem Bedürfnis der Menschheit entspricht, – wer weiß das?«

»Wenn uns unsere Souveräne hörten!« jauchzte Filangieri; wie Flamme, in der Seligkeit, den Bruder gefunden zu haben, strahlte er. »Sie und ich: nach Tradition, Aussehen und Ruf festeste Stützen des Thrones! Und denken so!«

»Karl August würde das ganz brav anhören.«

»Aber mein Ferdinand! Und erst Maria Carolina! Ein einzigesmal habe ich ihr zu verstehen gegeben, daß ein Volk genau so gut ein Organismus sei, – und sich also entwickeln müsse – wie alles andere lebend Geschaffene. Und sie hat sich bekreuzigt vor mir! Daß nämlich gerade wir Vorurteilsfreien die Gegenwart nur deshalb so gewissenhaft verteidigen, um den künftigen Ereignissen nicht auch das letzte Fundament gesellschaftlicher Wiederherstellung zu entziehen, . . .«

»Das ist vollkommen richtig!« Fest, ohne sich noch zu besinnen, schlang Goethe den Arm um die drängende Schulter. »Menschen wie wir hassen die Unordnung!«

»Die Anarchie und den Terror, den jede Revolution schaffen muß! Aber deshalb leugnen, daß Umwälzungen so naturbedingt geschehen müssen wie Gewitter und, wenn sie nur nicht in der Anarchie versumpfen, Stadien der Metamorphose zu einem höheren Leben sein können, – gotteslästerliche Dummheit! Wenn ich mich nämlich nicht täusche . . .«

Da hielt der Wagen genau überm Tor des Casino Hamilton.

»Und wenn ich mich nicht täusche,« lächelte Goethe, kaum daß er ausgestiegen war, und lehnte sich vertraulich bequem an den Schlag, »dann ist es so: im Menschen leben zwei Triebe: der nach der Erhaltung seiner Gattung, und der nach der Ausbildung seines Individuums. Der letztere, scheint mir, wird in der nächsten Zukunft allmählich den ersteren verdrängen. Anstatt der einförmigen Masse des Volks werden unsere Erben die Menge der von einander verschiedensten Individuen erleben. Diese Entwicklung löst dann die Staaten von selber auf. Sobald sie aber . . . . . .«

» . . . so weit ausgebildet sein wird,« sprang Filangieri bereit ein, »daß sich die Individuen geradezu davor fürchten müssen, – denn sie macht sie ja einsam und weglos . . .«

»Es ist zum Staunen!« Seine ganze brennende Leidenschaft für Geist schoß Goethes Blick in den brüderlichen, der aus unverhüllter Wonne heraus ihn berief. »Wir verstehen uns, ohne einander zu kennen. Gleichgesinnte, – Gleicherfahrene! Dann, nämlich, meine ich, wird der Trieb nach Erhaltung der Gattung wieder durchschlagen, neuen Zusammenschluß aller Gesonderten zur Gattung begehren, – und dann erst kann die neue Form der Gesellschaft gefunden werden. Leider sind wir dann lang schon im Grabe!«

»Aber wenigstens vorgeahnt haben wir es!« Leidenschaftlich neigte sich der schlanke Schädel herab zum demütig gesenkten. »Herr von Goethe, es darf nicht das letztemal gewesen sein, daß ich Sie sehe! Sie wissen es genau so gut wie ich, wie allein Unsereiner ist und verlassen, und . . .«

»Das ist unser Leiden, aber auch unser Glück!« Bist du wieder da, bittere Träne in der zuckenden Wimper? Aber – schimmerst nun Lachen? »Ich gehe nächster Tage nach Sizilien.« Ja, jetzt war es entschieden! »Aber sobald ich zurück bin, melde ich mich an. Und dann . . .«

Leicht, aufrecht, trat er vom Wagen fort in die Straße. »Dann reden wir weiter!«

»Ohne Ende! Es gibt gar kein Ende!«

»Unterdessen: buona fortuna!«

»Nur: arrivederci!«

Zögernd, als der Wagen verrollt war, schritt Goethe ins Haus hinein. Ohne Wort, lächelnd, begrüßte er den Hausherrn und Hackert, küßte er Miß Harte die Hand. »Kniep? So? Das ist Herr Kniep?« Aber er sah den Mann, der wie eine Sklavin auf dem Markt zitterte, gar nicht an; schnurstraks auf Tischbein zu lief er. »Sie müssen ihn unbedingt malen, Tischbein! Unbedingt!«

»Wen?«

»Ihn! Das ist ein Mann!« Preßte dem Erschrockenen beide Hände, daß er in die Lippen biß, sah noch die Scham aufbäumen im gestraften Auge, – und redete kein Wort mehr. Auch nachher bei Tische nicht. Jede Farbe, jede Form, jede Kostbarkeit, Seltenheit, Extravaganz dieser vollgepfropften Räume sah er. Jedes Wort, jede Regung zum Worte, jedes Verstummen, jedes Warten auf sein Wort hörte er. Die Extravaganzen, Kostbarkeiten, Seltenheiten umstanden, umlagen ihn wie die Mumien von Jahrhunderten. Mit marmornem Blick aber zog er aus ihnen das gleiche Leben hervor, das er mit unheimlicher Bestimmtheit in ihm selber drin fühlte. Die Mienen der Menschen rundum galten ihm wie dem Orakel, das in der nächsten Minute sprechen müßte; mit wohlverschleierter Rede offenbarten sie die ungeduldige Neugier, die sie ruhig leuchten und gleichzeitig zappeln hieß. Mit unbewegtem Blick aber las er in ihnen den Tod ihrer Gegenwart, in den sie eingeschlossen waren wie in ein blindes Grab. Hamilton flehte um den Künstler, der die Kupfer, die d'Harcanville nach seinen etrurischen Vasen gestochen, zu einer Illustration der Götter- und Heroentypen des Homer verarbeitete. Hackert redete genau so peinlich sauber und glatt, wie er zeichnete, zu Miß Harte von der Inbrunst, die in der reinen Linie schwinge. Tischbein fraß mit langgestielt-gierigen Augen den Engländer fast auf; gab es, am Ende, hier einen nährenden Auftrag? Kniep, graugekleidet, zu Keinem passend, starb in Geniertheit dahin, zwischen überinteressiert lächelndem Aufpassen und gequältem Falschessen. Miß Harte aber, ob sie auch noch so rastlos hastig dahin redete und dorthin, redete doch nur – er sah es genau! – mit dem Blick steigender Wut über sein eisiges Schweigen. Königlich kam ihm das Lächeln auf die Stirn. Prachtvoll, ohne Grenzen, stieß sein Blick die Menschen durch, die Mumien durch, die Wände durch. Prachtvoll, ohne Grenzen, verließ die Glut seines Herzens, der Funke seines neu angezündeten Geistes den Augenblick und begann draußen in der Welt, die vor den durchstoßenen Räumen sich ihm entgegenwarf, wie in seiner Allgegenwart zu wandern. Quäle dich nicht, bange Seele, flüsterte der Wanderer sich zu, mit der Schlacht, die du zu jeder Stunde fechten mußt gegen die schillernde, laute, ewig neu-tätige Welt! Beruhe in dir, Geheimnis der Person, das keine Sünde und keine Tugendtat je wird verändern können! Und spiele lieber überlegen, – weil du unveränderlich bist! – mit dieser schillernden, lauten, ewig geistbekämpfenden Welt!

»Sie sind nicht gewöhnt, mit Frauen zu speisen?«

Leicht schüttelte er die Süße der Einsamkeit ab. Spiele, du Unveränderlicher, spiele! Wie Schauer einer kostbaren Fontäne fühlte er die Kaskade der gereizten Töne seinen Leib hinabperlen. Was kann dir noch geschehen, Unsichtbarer? Da du Vesuv, Toledo, Chaos, Wiederaufbau, Blick in die Zukunft und Casino Hamilton in einem Abend erlebst, vom sicheren Mittelpunkt deiner unzerstörbaren Seele aus? »Ich bin heute abend,« sagte er gezielt hinein in den Mund, der kirschrot böse geschürzt war über den angelsächsischen Zähnen, »in Frankfurt.«

»Eine kleine schmutzige deutsche Stadt, I think?«

»Ich bin dort geboren.«

»O?«

Mit einem Seufzer, wie abgerufen, senkte er den Blick in die Bonbons im Goldkorb. Gleich darauf ließ er sich dreimal hintereinander Champagner einschenken. Trank jedes Glas in einem Zug leer. Flüsterte in jeden Trunk hinein, völlig entrückt, schmerzlich: »Vater!«

Und ein viertesmal, lange nach aufgehobener Tafel im Altan vor der Nacht des Golfes, – der Hausherr hatte sich mit den drei Männern bei seinen Vasen eingesperrt – flüsterte er in die Sterne empor: »Vater!« Im nächsten Augenblick, als ob aus der Kulisse, die er soeben heraufbeschworen, der Geist träte, schrak er zusammen.

»Nein!« lächelte er im wieder nächsten diabolisch, »ich habe es erwartet.«

Glaubend, daß sie nicht geahnt, nicht gehört würde, schritt Miß Harte – sie trug ein griechisches, weißes Gewand – an die Balustrade heran. Beugte sich, angelangt, durch einen gleichgültigen Zwischenraum vom Manne getrennt, über die Brüstung.

Lange, gesucht schweigsam nebeneinander, verharrten sie so.

Als plötzlich, plötzlich wie eine Lampe, die unerwartet ein unerwartet Eingetretener entzündet, die Sichel des Mondes in den Himmel einstieg, fragte das Mädchen: »Ist es den Deutschen Bedürfnis, in Italien sentimental zu sein?«

»Es ist das schöne Vorrecht des Menschen,« erwiderte Goethe wie von der Sichel des Mondes herab, »dort, wo es schön, und dort, wo es höllisch ist, sich auf das zu besinnen, woraus er kommt.«

»Sie denken an einen alten Turm, um den Raben fliegen? An eine Stube, worin Äpfel hinterm Ofen schmoren? An Ihre Amme, die dick ist wie die Bäuerin auf einem Niederländer? Und an die Mutter?«

»An meinen Vater.«

»It's the same!«

Das Licht der steigenden Sichel rann im Meer von der Linie der dunkelpurpurnen Mitte an wie eine goldene Leiter hinab bis in die Brandung zu Goethes Füßen. »Er war,« sagte er sehr langsam, »als ich heranwuchs, düster; lebensfeindlich. Er dürfte gelitten haben, als er wahrnahm, daß der einzige Sohn seine Natur nicht besaß. In einem Korridor unseres Hauses hing, zwischen anderen, ein Stich von Neapel. Die Stadt, vom Meer aus gesehen. Ein freies, heiter hohes, schmales Haus stand mitten im Bild, hart am Ufer. Alle Fenster offen, das Dach flach, voll Sonne; rundum niedrigere trauliche Häuschen und Hütten; an der Mole davor die bewegteste Gruppe von Fischern, Weibern und Kindern. »In diesem Hause habe ich gewohnt, als ich in Neapel war,« sagte er zu mir an einem Winternachmittag, ich glaube, im Jahre 62, vor diesem Bilde. Ich hatte mittags eine ausgiebige Strafe bekommen, weil ich den befohlenen Aufsatz schleuderhaft gemacht hatte. Er war sehr böse gewesen; es hatte ihn zweifellos Angst vor meiner Zukunft befallen. Denn er war in allem die Konsequenz selber. Und nun nahm er mich, der gierig schaute, plötzlich mit beiden Händen, deren flehende Zärtlichkeit ich umso genauer spürte, je genauer er sie zu verbergen trachtete, vor seinen Leib hin und sagte mitten in meine Augen hinein: »Wenn du einmal hinabkommst, so suche das Haus auf und denke daran, daß ich, seitdem es mich aufgenommen hat, niemals mehr ganz unglücklich gewesen bin!«

»Wegen eines Hauses?«

»Ich konnte es bis heute nicht finden.«

Schellengeläute von Lachen. Mit einer jähen Bewegung – Sprung oder Gleiten im Tanzschritt? – kam das Mädchen ihm leibnahe. »Fürwahr: eine ebenbürtige Aufgabe für den – angeblich – berühmtesten Mann von Deutschland, im Paradies von Neapel ein zufälliges Haus aufzusuchen! Haben Sie die Hoffnung aufgegeben?«

»Ich habe es anderswo wiedergefunden.«

»Wo?«

Köstlich frei, Herr, hob er die Arme von der Brüstung. Sog mit langsamem Atem die verklärte Luft ein. »Ja, Vater! In Rom fühlte ich dich nicht! Aber jetzt fühle ich dich!« Und als spräche es Gelöbnis aus, Gebet um Verzeihung zu spät eingesehener Schuld und um Erlebung zu spät geborener Liebe, fuhr das Auge über die fast lautlose Flut unter der hoflosen Blendsichel des Mondes empor in die blutigen Schimmer überm Vulkan, die immer wieder aufsprießend die Flut röteten, die seraphische Inbrunst der Stille umdonnerten, dann in den wolkigen Dämpfen verblühten. Und blickte dennoch kindhaft lächelnd, wie vom Hirschgraben herab, von der Krone des Bockenheimer Tores, von Großmutters Stube, von der Wiese vorm Sachsenhausener Gasthofe, von Vaters Bibliothek herab in die blutigen Schimmer. »Der Vater hatte ein Paar Schuhe aus Rehleder besessen«, sagte er leise, »aus dem feinsten, vom besten Schuhmacher in Paris gefertigt; mit echtsilbernen, gehämmerten Schnallen. Diese Schuhe hatte ihm die Mutter ins Grab angezogen. Diese Schuhe stemmten sich nun immer gegen die Sargwand, so, daß die Spitzen der Sohlen über die Kante dieser Wand hinausragten, als ob sie, wenn es der eingesperrte Leib nicht mehr auszuhalten vermöchte in diesem Käfig, den Deckel absprengen könnten, – wenn sie genug Kraft dazu hätten. Da aber über dem Deckel vier Fuß hoch die Erde lag . . .«

»Nun?«

Spielend drehte sich Goethe nach dem Mädchen. »Ja, Vater! Aber die Söhne gehen weiter!« Trotzig, selbstsichere Flamme, stieg die dämonische Lust, zu spielen mit dieser schillernden, lauten, ewig geistbespuckenden Welt, ins Gesicht zurück, das grauenlos aus Vaters Grabe zurücktauchte. Die Sichel des Mondes schien nun so licht, daß die Umrisse des Vulkans vor den sanft erhellten Horizonten der Ferne hervortraten, die Tiefe des Meeres mit dem ungewellten Spiegel seines ruhigen Liegens sich hinter der Bläue von Capri und der bogig gespannten Himmel abhob, und die Stadt, Castellamare und Sorrento geformt aus der Unform der blauträchtigen Erde aufwuchsen. Wo aber, wo stand in dieser Schönheit Schranke auf, Zaun oder Zügel? »Die Söhne tragen die Last des Ahnenbluts, – ja, Vater! Dennoch: wirken wollen sie, müssen sie, können sie durch sich selber! Denn es ist mehr in ihnen, als mit den Vätern ins Grab stieg!« Schaudernd vor der Kälte dieser klaren Besinnung, weil noch immer im Zwange des Bilds von den Schuhen, die sich gegen die Sargwand stemmten, stieß sich der entzündete Geist hinein in die Wirbelbahn seiner Lust: nun zu spielen! »Weiterhin denke ich . . .«

»Endlich! Also?

»Weiterhin denke ich,« wiederholte er, so über die Brüstung zurückgebeugt, daß sein Auge gerade gegenüber dem Auge des Mädchens funkelte, »an die Unbegrenztheit der Möglichkeiten, die der Schönheit dieser Natur da gegeben ist.«

»Und dann?«

»An die Palmen Arabiens. An das Gold Indiens. An die Rätsel der Urwälder. An die sagenhaft unerschöpfliche Wonne, mit der ein Mensch vollen Reichtums, fester Gesundheit und ausgebildeten Geistes die Wunder und Wahrheiten dieser Welt genießen könnte.«

»Und dann?«

»An Hamiltons Schätze und – Schatz.«

»Und dann?«

»An die heimliche Lust der Verbrecher, die sogenannten Nichtverbrecher meuchlings ermordet und ausgeraubt zu haben.«

»Brr!« Der weiße Peplos, unter dessen Gleiten die Pracht des Busens ihre marmornen Spitzen an den Marmor schob, klirrte. »Und dann?«

»An die Eitelkeit der Wollust und die Wollust der Eitelkeit, mit der ein Mansardenkind aus dem Sumpf seines stammlosen Elternhauses aufsteigt zur Maitresse eines Königs, sein Volk agiert, sein Reich blamiert, – und, nachdem dies vollbracht, zurückkriecht in den Sumpf seines ersten Bändigers in der Mansarde.«

Wie in einem Schüttelfrost schüttelte sich das Mädchen. »Awfully! You are not a poet! Und dann . . .?«

Genießend, noch mit den Zähnen genießend, die aus den genußwild geöffneten Lippen hervorschimmerten, lächelte er hinaus in die Flut, in das Licht, in die Schimmer, ins geteilt-ungeteilt Blaue. »Und an Miß Emma Hartes unbegrenzte Fähigkeit, mit der Gottesgabe ihres Bewußtseins in der Gottesgabe ihres Leibes jede schon verrauschte Geburt der Schönheit in Kunst und Natur wiederherzustellen!«

Getroffen, mit raschen Feuern antwortete ihr Auge. »Und dann?«

»An alle Frauen der Welt, die Aphrodite ähnlich sind, Artemis, der gliederspielenden, der rosenfingrigen Eos und . . .«

»Und?«

Fort von der Brüstung! Nein! Gleich wieder zurück an die Brüstung, raubtierhaft breit hingelegt über sie und dunkel. Und wie Odysseus, als er Polyphem den glühenden Spieß in die ahnungslose Pupille stieß, stach er den Blick seines verwegenen Willens in die schon entwurzelte, gierig lauernde Glut ihres Auges. »Ja, Vater! Die Erde rundum und das Wasser da unten und der Himmel da oben, – feste Grenzen sind sie dem Tritt meines Fußes, der von dem deinigen abstammt. Wer auf der Erde geht, geht auf der Erde! Aber: aus unserer eigenen Innenmacht, die reine Mauer kennt, rufen wir unser Schicksal herab und herauf, das Schicksal unserer eigenen Wirkung! Hier, Vater, – blicke unparteiisch herab! – neben mir steht ein Mensch ohne Schatten. Heute aber, Vater, hasse ich sie, die zu herrschen und ruhig zu sein gewohnt sind im Wahn ihres Zeniths! Laß mich drum, laß mich die irdischen Streifen an die Ferse dieses Fußes hetzen; laß mich!«

»Und?« stampfte der Fuß mit der Ferse in den marmornen Boden.

Unsichtbar hob er das Gesicht in das Flüstern des gleichmäßig allduldenden Meers hinaus. »Und all dieses gäbe ich preis, mit sanft höhnischer Hand, wenn ich die Wahrheit – deines Leibes einmal, ein einzigesmal nackt schauen dürfte!«

»Denn von allem, was schön ist,« fuhr er ohne jede Last des Atems fort hinter der Schlucht dieser schaukelnden Pause, »und was ich von Schönem mir denken kann, bist das Schönste: Du!«

Verschlingend jeden weniger Sicheren, mit breitem Spalt, klaffte die zweite Schlucht auf.

»Dichter« stieß das Mädchen heiser hervor, »lügen, nicht wahr?«

»Du bist das Schönste, nicht wahr?«

»Sie lügen? Nicht wahr?«

»Sie machen das Wirkliche zum Unwirklichen und offenbaren das Unwirkliche. Nicht wahr?«

»Sammeln Stoff, wo sie sind?«

»Haben den Mut, weil den Trieb, ihn zu greifen.«

»Für sie selbst? Für ihr eigenes Werk?«

»Nähmest du Phidias das übel?«

»Are you Phidias?«

Mansardenkind! schwelgte er, Meer trinkend mit dem herrischen Auge, im Vorrausch des Fests dieses trunkenheitlosen Spiels. Du errätst, daß ich weiß, wie dich Graham, der Schwindler, als Hygieia den Idioten vorführte, Lord Greville aus diesem Kot aufhob, zur Dame machen ließ und, als er verkrachte, seinem Onkel Hamilton verkaufte. Und daß ich es hasse, das Urweib: die Eva im Weibe! »Die Luft hier in Neapel,« sagte er, als sei ein Philister mit einem Schlag kalt genesen von seinem plötzlichen Wahnsinn, »ist den Nerven sehr heilsam. Niemals, solange ich lebe, habe ich mich so ausgeglichen wohl gefühlt wie hier.«

Aber wie die Katze, die Blut geleckt hat und nun Milch trinken soll, bäumte das Mädchen sich auf. »Es ist lustig zu dichten? Nicht?«

»Amüsant ist es oft!«

»Sie sind nach Italien gekommen, um darüber ein Buch zu machen?«

»Natürlich.«

»Was für ein Buch?«

Wie der Knabe, den das Rätsel des Flüssigen zum erstenmal anrührt, schoß er auf aus dem Boden. »Sehen Sie die Barke?« Ein Boot, in dem zwei Männer standen, ward vom Felsen des Ufers soeben hinausgeschoben ins Wasser. Krach vom Vesuv in derselben Sekunde, die Sichel des Mondes erlosch, die nackten Nacken der Männer erstrahlten im Brandrot, das Boot kreischte, es prallte die Brandung. »Fahren sie ins Hohe? Zum Fischen?«

»Alles fischt!« kicherte, sich windend, das Mädchen. »Aber Sie sind ja schon berühmt? Es wird berühmt, wen Sie zeichnen?«

»Mitfahren möcht' ich!« Mit einem breiten Klatsch schnellte das Boot in die meerhin zurückrollende Woge hinein. »Mitfahren!«

»Wer ist Lotte im ›Werther‹?«

»Mitfahren!«

»Platzte sie nicht schon längst im Triumph, eine ganze Welt zu beschäftigen?«

»Miß Emma!« Wie ein lechzendes Boot schoß die lechzende Stimme in die Urlust der Woge hinaus, die die Barke verschlang. »Ich will hinaus in dies Meer! Hinein in dies Meer! Ganz hinein in dies Meer! Nicht mehr Erde! Nur Wasser!«

»Und vor einer Minute haben Sie gesagt . . .«

Wie der Jäger roch er, triefend von Verachtung, den Duft ihres aufstrahlenden Lächelns. »Was habe ich gesagt vor einer Minute?«

Sie warf den Arm, seinen Arm, von ihr weg. Dieser Mann ist Gewalt! Ist die Kraft! Ist: der Mann! »Daß Sie alle diese Schätze, mit sanft höhnischer Hand, preisgeben wollten, um . . .«

»Ja, Vater!« Wie der Blitz, der die Pore des Einschlags in zögerndem Züngeln noch sucht, fuhr das Auge das Versteck des fremden Auges ab, die nun nachtfinstergewöhnte Lichte der Flut, die Flanken der mattschimmernden Stadt, Castellamare, Sorrento und Capri, und die drohenden Schimmer des Blutes. »Ja, Vater,« – das Herz schlug ihm wie gefährlicher Hammer im Bewußtsein der Sohnschaft – »ich seh dich! Ich hör dich! Versteh dich! Aber laß mich, o laß mich dieser pfaueitlen Ferse nur den Strich von dem Streifen der Tierheit anhetzen!« – »Ich hasse« stieß er schnaubend hervor, »das Erobern. Beeinflussen. Betteln. Verführen. Freiwillig gegeben muß werden, geschenkt. was ich sehne!«

»Auf dem Präsentierteller?«

»Ich pflege auch nicht« – diese Stimme zerstampfte mit Spielkraft die Erden und riß neue, mit Spielwut, aus den Trümmern hervor, – »zu genießen in der Vorstellung, – wenn mir nicht geschenkt wird. Einfach hinweg dann mit der Sehnsucht! Leicht festzustellen: könnte nicht Jeder daherkommen, säuseln und knieen: Miß Emma! Dein Leib ist der Inbegriff von Natur und Kunst, weil der Inbegriff des Schönen! Ich bin taub, ich bin blind, gelähmt in Hirn, Seele und Nerven, seit ich weiß, daß er ist! Dürste, hungere nach ihm als dem Urquell des Ganzen. Aller Bilder Urbild. Ebenbild Gottes! Und so weiter und weiter! Würde wie Ikarus von der Erde mich heben, übersausen die Täler des Halben, Unvollkommenen, Häßlichen, Gemeinen, wenn du mein Flehen erhörtest; und so weiter und weiter. Jeder könnte so kommen!«

»Aber Sie sind doch nicht . . .?«

»Jeder!« Ah, er fraß nicht die Angel! »Und da soll Einer verlangen, daß das Weib, das da weiß: ich bin einzig, aus purer Einsicht in die unträumbare Wirkung, die das Gewähren im Bettler auslöste, aus der bloßen Erkenntnis, daß ihrer göttlichen Schönheit die göttliche Pflicht entspricht, den Würdigen, der ohne sie das letzte Licht nicht finden kann, zu erlösen, – daß sie nur deshalb, in selbstlosem Dienen, das Ungeheuerliche erfüllte! Denn wenn sie es nur aus Eitelkeit erfüllte, . . .«

»Aus Eitelkeit?« Mitten aus dem Wahnsinn all der teuflisch verstrickenden Worte, aus dem eitelsten Zentrum ihrer eitelsten Kreise, brach die Stimme des Opfers. »Aus Eitelkeit? Niemals!«

»Ja! So reden Sie!« – »Doch, Vater! Ich seh dich! Ich fühl dich! Empfange deinen entsetzten Blick! Aber laß mich, o, laß mich dieser lästernden Bewußtlosigkeit die Rache meines Spiels anhetzen! Laß mich!« »Weil die Kunst, die Sie tagtäglich wiederschaffen mit diesem Leibe, diesen Leib schon zum Diener des Höchsten gemacht hat. Weil Sie Künstlerin sind, Priesterin! Weihend den erhobenen Geist, das Geblüt vom Geblüte der Kunst, jedes Glied schon geadelt vom heiligenden Ziel, diesem Ziele! Und dennoch!« Zur Empörung, wie die gleichmäßig allgeduldige Flut des Meeres emporzischen muß in die Raserei des Sturms, der die Laster der Glätte, der Stille, des faulenden Friedens zerpeitsche, wuchs die peitschende Stimme. »Als ich Sie sah, die Pracht dieses Leibs im Flor der Schleier halb verhüllt, halb entblößt, halb im Spiel, halb Geschenk, der sündhaftesten Halbheit gehorchend, –o Miß Emma!« Daß sie in Beben zusammenschrack, drehte er um. »Ich sehe es nie wieder mir an! Niemals wieder! Entweder – oder!«

»Aber bin ich denn« – wie die sonngeile Eidechse rang sich der Weibleib ihm nach –»wirklich so schön?«

»Schweige!«

»Worin unterscheide ich mich von anderen Frauen?«

»Ich laß mich nicht quälen!«

»Kann nicht auch die nächstbeste andere, die fehlerlos gewachsen ist, dieselbe Wirkung auslösen?«

Scheinbar zur Sehne gespannt, die im nächsten Augenblick reißen muß, krümmte er sich. Ließ das Geländer los. Tat einen taumelnden Schritt nach rückwärts, den zweiten, den dritten.

»Warum – fliehen Sie?«

Geisterhaft schnell kam er zurück; so aber, als ob er schnell wieder gehen wollte. »Ich trage die Idee zu einem Werke in mir,« sagte er atemlos, »darin ich alles . . .«

»Was: alles?« Hilflos hatte er ausgesetzt. »Was: alles?«

Ohnmächtig, im Zweifel, rückte er das Haupt in die still schwebende Luft. »Ja, Vater! Die Sohlen deiner armen Schuhe aus Paris bäumen sich gegen die Wand des Sarges, in der zerfressenen Brust drin brennt noch die Hoffnung, daß dein Sohn dich fortsetze und erhalte; ein Quartband alle Jahre! Zwei noch lieber! O, ich seh dich, ich fühl dich! Ich hör dich, Vater! Aber laß mich noch einmal auf der Spitze dieses Heute meine Macht über die Zurückgebliebenen genießen, die ich habe, wenn ich will!« – »Alles«, fuhr er wie ganz allein plötzlich schwebend im furchtbar Zwiefachen von Chaos und Gesetz weiter, »was mir die Welt an Kampf und Lohn offenbaren mußte. Da grinst die Hölle, lächelt schuldlos der Himmel, krümmt sich buckelhaft die zwischen beide gesperrte Erde. Die aufgezwungene Halbheit zwischen gletscherhohem Streben und schachttiefster Ohnmacht, das Reißen an der Kette, Meutern gegen Mauern, die Niederlage jedes Lebens, das sich zur Spitze hin schindet, dann die skeptisch eisige Ergebung, – kurz und gut: alles, was gelitten wird, wenn gelebt wird, indem man Gott sein möchte und als Vieh verrecken muß, müßte kochen darin. Und weil man nun Gott nicht nur nicht sein, sondern nicht einmal sehen kann, müßte man wenigstens sehen – ein Weib! Das Weib aller Weiber! Und da wandre ich« – mit dem Irrsinn des bohrerscharfen Willens drehte er das Wort in den tollatmenden Frauenleib hinein – »seit Jahrzehnten durch die Gassen der Weiber, und finde es nicht! Finde Puppen, Larven, Masken, in jeder eingeschrieben, überm blöde gedrechselten Leibe, den pfaudummen Glauben, sie sei schön, – aber finde es nicht! Aber finde nun dich, – ja! du bist es! und lasse meinen Schrei ohne Schleier vor dir niederstürzen, und du sagst mir . . .«

»Sagst mir: bin ich eine von der Straße?«

»Strafst mit dem Blicke: Was gilt dir, Dichter, die Scham einer Frau?«

»Hohnlächelst: was der Scham einer Frau der Dichter?«

»Und folterst mich zuletzt mit der teuflischesten Qual aller Qualen: dem Zweifel, ob ich nicht etwa mich täusche, vielleicht auch du nur, in Wahrheit, eine pfaudumme Larve bist über blöde gedrechseltem Leibe und . . .«

Wie eine Feder, die losspringt, schnellte das Mädchen empor. »Wenn drei Minuten um sind,« – nicht ein Blick auf ihn hin, wilder Schritt von ihm weg – »aber nicht eher und nicht später kommen Sie mir nach! Diese Türe – take care! Hier die erste, links, – führt zu mir!«

Und war weg!

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