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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Sechstes Buch

Anruf

Demeter, die grüngolden üppige, herrschte hier nicht. Helios, der weiße, mit dem Augstrahl der Freude, gebot hier nicht. Dionysios, – nur bis an die Stufen des Berges reichte die Macht seiner Rebe. Hephaistos allein war hier Herr! Gaia mußte ihn dulden, Poseidon ringsum im Meere ihm helfen, alle Dämonen gewärtig sein seiner Willkür. Tierhaft verbildet saß er unten in der schachtigen Tiefe am Rande der Flamme, hetzte sie, schürte sie, redete ihr seinen Spruch, seinen Fluch ein, – und rieb sich die feurigen Hände.

Eingedenk Dieses, wie im Engpaß des Todes vor dem Eingang in den Hades, saßen die vier Menschen in der schwarzen Senkung zwischen der Mauer des Sommo und dem zitternden Leib des Vulkans. Himmlisch, wie der Fuß von der bebenden Scholle den unmittelbaren Pulsschlag aus dem Herzen der Erde empfing und erschüttert weiterleitete ins Gehirn! Unterweltlich, wie plötzlich der letzte Schimmer des Morgenazurs in der Höhe erlosch, Schwadenflüge der Finsternis niederstürzten und Nacht machten. und nun der Donner aufbrüllte, furchtbarer als der des vergessenen Zeus.

»Ich muß unbedingt hinauf!«

»Aber dann schnell!« rief bereit der jüngere Führer. »In zehn Minuten speit er von neuem. Avanti!«

»Ich begreife Sie nicht!« platzte Tischbein gereizt heraus; Goethe hatte den Riemen erfaßt.

»Und ich Sie nicht! In Verbindung treten können mit dem Anfang des Werdens!«

»Mit der Hölle!«

»Ohne Hölle kein Himmel!«

»Zu spät!« Mit einem Fluch ließ der Führer den Riemen los.

»Nichts als Tod!« knirschte Tischbein. »Zerstörung! Unsinn! Widersinn! Chaos!«

»Im Gegenteil! Schön ursächlich bedingte Wirkung!«

»Sie sind doch kein Naturforscher!«

»Und Sie kein Allegoriker!«

»Aber ein Künstler!«

Brumm! Wie ausgeschleudert sprang Tischbein vom Fels auf und unter den schützenden Überhang. »Jetzt!« schrie der Führer, und schwang den Riemen. »Presto! Vorwärts!«

»So geben Sie doch wenigstens acht, um Himmelswillen!«

Aber die Begierde trieb den Rasenden rasend. Im ungeheuren Maul verschlang ihn die Wolke von Dampf. Der Atem stockte. Der Fuß versank in dem Meere von Asche. Das Trommelfell peitschte der Lärm. »Corraggio! Niente paura!« stachelte keuchend der Führer. Stampfen wurde das ruckweise Beben. Plötzlich lautlose Stille. Licht eines unmeßbar fernen Himmels sprengte den Raum. »Eccocci!« Einen knallenden Riß tat der Riemen; sie standen auf dem Grate des Kraters.

»Man sieht ja nichts!« Wie ein enttäuschtes Kind jammerte Goethe, irrsinnig weit vornübergebeugt durch die tosende Stickluft. »Siehst du etwas, Giovanni?« Da sah er! Ein Windstoß, von oben kerzengerade in den Schlund hinabgeworfen, machte die Dampfwirbel flattern. Wie der Rachen des erstgeborenen Ungeheuers der Schöpfung schaute die Untiefe empor in sein Auge. Hunderttausend Risse, purpurschwarz klaffend wie von suchendem Blute, spieen aus den zerrissenen Wänden die Wut ihres Atems. Glimmende Tollfunken, nicht schon Feuer, nicht schon fertig erlöst zur Weißglut der Flamme, glotzten aus dem Brodeln. Ächzend, ausstoßend mit ringendem Wildlaut die Werdegier, daß ohne Unterlaß sich hob und sich senkte, was rundum schon Welt war, flehte die geknebelte Bestie um Freiheit.

»Iphigenie,« blitzte es grimmig durch die wunderfrönende Seele, »hat zu Weimar nicht zu gefallen geruht. Wie wär's, wenn ich mich dieser Mutter zurückgäbe?«

»Zu Boden!« schrie der Führer. Der Berg spie schon.

Als würde er durch die heulenden Lüfte hinab nach Resina geworfen, packte den Überrumpelten die Tatze des Augenblicks. In traumhaftem Intervall sah er: wie schwimmende Silberteller in unwahrscheinlich süßem Blauteich, Ischia und Procida weit draußen im Meere. In der nächsten Sekunde: Pestnebel. Mit tobenden Wangen stieß er die Asche aus dem brennenden Schlunde. Hoch oben, im Himmel, der braungelb mit schrecklicher Drohung herabstierte, in zehnfacher Adlerhöhe, zerplatzte die Bombe des Ausschusses.

»Die Hände auf den Schädel!«

Knatternd wie Eisenhagel aus dichter Geschoßfront, sauste die Wolke der Aschen herab.

»Via! Subito! Fuga!«

Daß die Fetzen von den rauchenden Sohlen flogen, rannten sie.

»Gott sei Dank!« Mit der Flasche voll Vesuvwein kam Tischbein aus dem Felsschirm hervorgestürzt. »Trinken Sie rasch! Wie Sie aussehen! Sie könnten sich ruhig ins Museum von Portici legen!«

Aber der Selige lächelte nur. Tat ein Schlückchen. Reichte die Flasche dem Führer. Packte den Führer, kaum daß er die Flasche geleert hatte, gierig beim Ärmel; und wieder, ohne Besinnen, zurück; Richtung Kegel! Niedlich, zu niedlich, sich der geologischen und mineralogischen Experimentchen im zahmen Thüringerland und auf den »Felsen« von Karlsbad zu erinnern! Reizvoll, den Blick, den keine Mauer einer bestimmten Heimat mehr engte, hineinzubohren in die schwefelstickende Grauschwärze, in den Treffschußpunkt dieser Scheibe von Willkür der Natur, und darin das Bild von Rom erstehen zu lassen, – Bildnis der logischen Kunst – und sich schonungslos an jenem Schlafittchen zu packen, das noch vor wenigen Wochen, in der Farnesina, so eitel triumphiert hatte! Hier – diabolisch vollsichtig lachte er – war das Wunder noch: Geschehen! Dort nur noch: Wirkung schon lange vorher entstandenen Gedankens! Für die bildende Kunst, natürlich, steht die Unordnung für ewig tief unter der Ordnung. Für die dichtende auch? Er blieb stehen, mitten im Taumel. Jedenfalls blieb auch das Kunstwerk des Dichters, selbst wenn es die Maßlosigkeit unbarmherzig als den Urgrund der späteren Maße enthüllt und diese Maßlosigkeit noch so zeitlassend überführt in das Maß, doch noch meilenweit hinter der blutigen Wahrheit zurück, die nur das wissenschaftliche Erforschen ermittelt. Schreit aber das Hirn eines Ehrlichen, vor einem solchen Vulkan, nicht nach Wahrheit, bevor es nach Kunst ruft? »Ich habe,« lächelte er in unsäglicher Verachtung, ein Riesenstück pechschwarzer, glasglatter Lava in den Händen, »die schönsten Plane in diesem Poetenbusen geboren, seitdem ich hier wandere. Dazu die Kyklopen von altersher. Und es heult nur einer dieser kunstlosen Donner auf, . . .«

Kannibalisch wild spie der Berg.

» . . .und sie sind alle zerstampft! Giovanni!« Lustig wandte er sich an den Jungen, der blöde die Zähne fletschte. »Ich sage dir: du bist zu beneiden! – Was denn, Tischbeinchen?« Wie eine ängstliche Gouvernante nämlich rief dieser aus der Tiefe hinter den wallenden Schwaden herauf. »Beide seid ihr zu beneiden. Ihr machet keine Gedichte; wenn aber doch, dann reißet euch kein Vesuv und kein Wald von Zwergpalmen vom Dichten los. Haue mir ein Stück von diesem Brocken da ab!«

Als er's in der Hand wog, es war hart wie Urgestein: »Hm!« Zufrieden. Dieses freute ihn: was immer er in die Hand nahm, vors Auge, noch immer ward es gewissenhaft von allen Seiten betrachtet. Die Bruchstelle war wie von schwerschwarzem Granit. Oder Basalt? Die übrige Oberfläche wies die Zeichen ältester Lava aus dem tiefsten Grunde des Berges: eingetrockneten Aschenstaub, Zerrungen, Überwachsungen. An diesem Stücke die älteren und neueren Laven zu vergleichen, – dankbar hob und senkte er den graugrünen Sammelsack, worin gute zwanzig Pfund schon geborgen lagen – höchst wertvoll! Vor ihnen allen aber die Theorien vom Neptunismus und Vulkanismus wieder einmal zu kritisieren, mehr als gesund! Welcher Leichtsinn, sich aufs Wasser eingeschworen zu haben, ehevor man das Feuer eines Vulkans auch nur gerochen! »Lieber, alter Thales!« Schmunzelnd, bedächtig näherte er sich einer halbmannhohen, von dünner Zackenwand überdeckten Grotte im Kegel. »Ich fürchte, des Anaxagoras Wage steigt hier ein bißchen! Ich könnte ihn, zum Beispiel, sagen lassen:

»Hast du, o Thales, je in einer Nacht
Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?«

Biegsam beugte er sich zum Höhlenmund nieder. Wenn er nach Sizilien ginge, fiele am Abend, von der südwestlichen Küste aus, sein Schatten hinüber nach Afrika. »Wie ein Autodidakt,« knurrte er, Gesicht hochgereckt, bissig, »der das einzige, mit einem ausgestopften Affen und einem angeblichen Vormenschen-Skelett betane Museum seiner fest umzirkelten Vaterstadt zur Base seiner Bildung macht, habe ich bisher die Natur studiert!« Weit, schamlos vor Giovannis Gesicht, das immer überzeugter den Gedanken: Tedesco! ausdrückte, spannte er die Arme. Welt! Wieder, und wieder ganz genau so, wie für Leben und Kunst, hieß es auch für die Natur: Welt! Weiter! Vielerlei! Alles! »Da schau her, Bürschlein!« Mit frohem Hammer schlug er an eine der Zitzen, die vom Dach des Gewölbes eiszapfenlang niederhingen. »Tropfstein? Tuff? Bimsstein? Rede, Giovannino!«

Aber der Junge hatte Aug und Ohr ganz wo anders! »Hören Sie nichts?« lispelte er, den rechten Zeigefinger vor den Lippen.

»Nein.«

»Von da drüben her? Rechts?«

»Nichts!«

»Warten Sie!« Aber da war's schon gewiß. Einen Riß, daß er aufschnellte, bekam der geschmeidige Leib. »Da drüben,« keuchte er, atemlos, »am Rande, –: die Lava!«

Wie besessen rannte Goethe. Glühender Boden. Scharf bergauf. Durch Dampf, Asche, Donner und Blitz. Kein Rastpunkt, solang der Junge da vorne wie ein pfeifender Schatten voranlief. Glaubte er: nun sind wir da, oder: nun hat es sich herausgestellt, daß er sich täuschte, dann flog dieser Schatten von neuem weiter; aus dem rauchverschlungenen Hintergrund, nach schauerlich gemessenen Zwischenstillen, tönte Tischbeins ermattende Stimme, der Horizont rechts vom Kegel begann in häßlich greller Weiße zu brennen, die tintige Mauer des Sommo versank in Gasdünsten, die Füße brannten, im Gesicht sprang die Haut, die Haare tropften. »Wirklich und wahrhaftig, da ist sie!« gellte plötzlich der Schatten vorn auf; stöhnend zwang der Verfolger den zitternden Beinen den letzten Lauf ab; – da stand er!

Links, etwas unterhalb der zwei schlotternden Gestalten, zischte unausgesetzt milchweißer Brodem aus dem Körper des Kegels. Der Steilhang im Umkreis von leicht fünfzehn Metern war dadurch unsichtbar. Wo aber diese gleißende Wolke, in die plötzlich blaßblau schillerndes Sonnenlicht einfloß, nach unten endete, sah man deutlich: ein Fluß läuft hier. Unmittelbar aus ihr hervor quoll er, rollte grauschwarz, dick, glucksend und rauchend über die sanfte Halde nach abwärts.

»Was sagen Sie?« frohlockte der Junge, eitel wie Kolumbus.

»Komm!« antwortete Goethe, heiser vor Leidenschaft, und jagte weiter. »Wir müssen zur Quelle vordringen!«

Aber schon nach wenigen Sprüngen auf einer Platte angekommen, die unter ihrem Tritt wie Brett im Wasser schaukelte, erblickten sie den Fluß bequem zu ihren Füßen. Als zäher Brei lief er dahin. Gute drei Meter breit. Giftiger Qualm über der dunkel unförmigen Schlange. An den Rändern erstarrte die Flut zum Damme, der sich, je länger sie floß, immer fester im Boden aufbildete und höher ward. Wo die Flut auf Hindernisse stieß und gestaut wurde, ehe sie über vorspringende Schrofen gleiten oder links oder rechts ausweichen mußte, formten sich für Sekunden Tümpel. Brach dieser Stau, dann schoben sich die Schlacken wie über übertölpeltes Wehr eisschollenartig ineinander, zum Haufen, zum Berge, bis die neu glühend heranfließende Woge sie mit kurzem Anprall zerriß und auf die Seiten warf.

»Läuft sie nicht wie ein Mühlbach?« lachte mit tollen Augen im pechschwarzen Gesicht der Bube.

»Wir müssen an den Schlund vor! Um Alles!«

»Ausgeschlossen! Zu heiß!«

»Wenn wir geraden Wegs weiter hinabklettern?«

»Unmöglich! Es hängt klebrige Lava über dem Loche!«

»Also von der Seite?«

Aber von der Seite kam man nicht heran an das Maul. Jedesmal trieben sie sengende Glut, die wie ein Rudel Raubtiere auf die anpirschenden Leiber losfuhr, und das Weichen des Bodens, der überall Blasen warf, zurück.

»Also doch besser von oben her?«

»Das geht gewiß nicht!«

»Muß gehen!« Er hatte keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Die Haare hingen ihm wie triefende Algensträhne aus der Stirn. Die Tuchgamaschen um die Beine waren völlig verkohlt. In beiden Stiefeln lugten die nackten Zehen aus den zerfressenen Spitzen. Mit unzähligen Brandlöchern flatterte der Rock. »Zieh mich ein Stückchen noch, wenn du kannst!« bettelte er plötzlich schwindelnd. »Hörst du?«

Aber auch Giovanni war am Rand seiner Kraft.

Endlich, nach einer qualvollen halben Stunde standen sie von neuem auf der rauchenden Platte. Die Sonne war verschwunden. Röter noch stierte die Geilheit der Glut aus dem wälzenden Mühlbach herauf und lockte wie die Muschel der Venus!

»Es muß gehen, Giovanni! Halt mich am Seile!«

»Nossignore!« Der Junge beschwor. »Impossibile! Mi creda!«

Einen Augenblick lang stand Goethe weit vornübergebeugt, zweifelnd. Mit einem Mal, als ob das Beben des Bergs den innersten Kern seines Gebäudes erfaßt hätte, schüttelte er sich, riß Rock und Weste vom Leibe, warf sie Giovanni zu, stieg von der Platte nieder in die Asche. Es fruchtete nichts, daß der Bursche immer wilder herabschrie: »Nicht mehr weiter! Kehren Sie um!« Unaufhaltsam, Schritt vor Schritt, stieg er tiefer nach abwärts. Tritt für Tritt vorsichtig dem erlechzten Maul näher. Schon vernahm er das Gemurmel des Ausflusses. Wehrende Wand schon, stand ihm die Dampfwolke vor den Augen. Raubend schon riß ihm der Siedhauch den Schweiß aus den Poren. Vielleicht noch zehn tappende Schrittchen in dieser Richtung gewagt, und er stand auf dem Überhang, konnte den Rand überspähen, das Geheimnis ertappen, – da blieb ihm das Herz stehen: er stand auf dem Überhang! Es wankte unter seinen Füßen! Da, genau unter diesen taumelnden Füßen, quoll die Lava aus der Erde!

Ohne noch einen Gedanken denken zu können, machte er sich leicht. Beugte er das Knie. Streckte er die Arme in geknicktem Winkel von sich. Die Hände dem Boden entgegen. Ließ sich langsam nieder. Hockte bereits, tastete soeben mit vorgerecktem Kopfe nach links vor, als er empfand: ich gleite. Mit einem Ruck zurückgeflohen, Arme und Beine in den Lüften, suchte er nach einem Stand hinten in der Halde. Fand keinen. Sah den Boden vor seinen Füßen nach der Tiefe hin weichen. Griff mit entsetzten Fingern ins Leere, – ein Schrei, in seinen stürzenden Leib hineingetan wie mit bohrendem Ankerhaken, und er lag neben dem schäumenden Giovanni rückwärts in der Asche.

»Daß du dich nicht unterstehst, auch nur eine Silbe zu plauschen!« herrschte er, zitternd noch immer an allen Gliedern, den Jungen an, als sie zum zweitenmal, wie die Kohlenbrenner, in den gefahrlosen Engpaß des Todes zurückkamen. »Verstanden?«

»Ich kümmere mich nicht mehr um Sie!« empfing ihn Tischbein wütend. Wer hatte den Bedächtigen jemals so außer Rand und Band gesehen? »Da hütet man Sie wie das Kleinod der Welt, und Sie kneifen einem aus wie ein listiger Schulbub! Als ob der Vesuv der Ettensberg wäre!«

»Wenn nur der Ettensberg der Vesuv wäre!«

»Und wenn Sie nicht mehr zurückgekommen wären?«

»Giovanni!« Flasche und Käse und Brot in einem reichte Goethe munter dem Ausgepumpten hinüber. »Iß und trink! Bis du platzest. – Ich kann mehr wagen als ein Anderer!«

»Einbildung!«

»Man lebt davon.«

»Sie kommen mir oft wie aus Stein vor.«

»Das haben schon Viele gesagt.«

Aber in der tobenden Brust Tischbeins rang ein ganz anderer Dampf, als welcher da Goethen so distanzlos anfauchte! »Sie sind gar nicht Goethe! Sie sind der Dämon, der Goethen am Seil hat!«

»Hören Sie, Tischbeinchen!« Im weitaufgerissenen Munde verschwand der saftige Ossobuca »Sind Sie immer so geistvoll, wenn Sie böse sind?«

»Böse?« Und noch gacher stieg der falsche Dampf aufwärts. »Wenn man zwei Stunden lang Todesangst um Sie aussteht und Sie einen dann noch verhöhnen, soll man nicht böse sein?« Beim Hunde! Es war schon eine verteufelte Aufgabe, diesem Mann etwas sagen zu wollen, was er ungerne hören wird! »Gestehen Sie doch selber!«

Aber nichts gestand Goethe. Kopfschüttelnd, ungetrübt glücklich, aß er unentwegt weiter.

»Ist nun er böse?« zitterte Tischbein.

Fiel ihm nicht ein! Es war auf dem Abstieg, sie waren etwa eine halbe Stunde lang stumm nebeneinander den Berg nach Resina hinabgeklettert, als Goethe so plötzlich, als ob er erwachte, stehen blieb und erklärte: »Mein Erstes wird nun sein, bei den Lavahändlern die möglichst lückenlose Ergänzung der Sammlung in diesem Sack da zu besorgen; nicht nur der Laven von oben, sondern auch der Basen des Bergs und des Umgesteins.«

Und da explodierte Tischbein. »Freilich! Natürlich!« Jetzt schoß der richtige Dampf aus. »Das ist das Erste und Notwendigste!«

»Ich überlege mir überhaupt,« setzte Goethe völlig ahnungslos fort, in den ungeheuren Westglanz des Golfs von Neapel hinein sprach er, »ob ich nicht den Rest meines Lebens auf Beobachtung verwenden soll? Ich dürfte manches auffinden, meine ich, was die menschlichen Kenntnisse vermehrte!«

»Goethe als Naturgeschichtsprofessor!«

»Rom, zum Beispiel!« O, er hatte den hohnbrüllenden Hieb gar nicht gespürt! Durstig in neuem Hunger nach dieser Stunde besessenster Arbeit, streichelte das stolzsatte Auge Capri, Sant' Elmo und das flaumzarte Reblaub zu seinen Füßen. »Rom und die Kunst in Rom verstehe ich erst jetzt, wo mir die Natur aufgeht, aus der diese Kunst floß.«

»Selbstverständlich!« Schäumende Wut. »Man muß Blut vom Vesuv geleckt haben, um die Transfiguration zu kapieren!«

»Nein! Aber jedenfalls schadet es auch dem Künstler nicht, wenn er . . .«

»Was?« Außer sich fiel ihm Tischbein ins Wort; er kannte sich selber nicht mehr. »Zum Teufel mit aller Vielseitigkeit! Der Künstler muß seine Kunst treiben, und punktum und basta!«

»Gewiß!« Als ob er sich im nächsten Augenblick unmittelbar von dem Hang des Vesuvs in das strahlende Goldblaumeer hinabstürzen müßte, leuchtete Goethe. »Aber dieser Enge muß, meines Erachtens, die Weite vorangehen. Ich wenigstens kann nichts wirklich erkennen, wenn ich nicht auch erfahre, was vorher war und was mitgegenwärtig ist.«

»Herr Geheimerat!« Schweiß auf dem ganzen Leibe, fuhr Tischbein empor. Also hatte er es mit eigenem Mund ausgesprochen, das Gift der Gefahr, das Jeden bedrohte, der mit diesem Mann umging! »Sie kennen mich zu genügsam, um glauben zu können,« sagte er ohne Atem und Stimme, »Tischbein maße sich an, Exzellenz von Goethe Ratschläge zu erteilen! Aber ich befinde mich auf dem Grat einer Epoche meiner Entwicklung . . . .«

»Ich auch!«

»Ich darf nicht mehr länger nach rechts und nach links schauen! Muß jetzt endlich der Künstler werden, dem das Leben die Kunst ausmacht – und: bezahlt!«

»Ich glaube nur,« – sehr, sehr vorsichtig – »daß man in solchen Dingen nichts erzwingen soll?«

»Und ich glaube nicht, daß man ohne strengste Disziplin, starres, einseitiges Sammeln aller Kräfte auf den Brennpunkt der ausgeprägtesten Fähigkeit ein selbständiger Künstler werden kann!«

Unter einer ungeheuren Pinie blieb Goethe stehen. Der frische Südwest strich in den Zweigen, die vom Werk der Sonne rochen. Fröhlich blau tanzten die Schatten über den abschüssigen Rasen. »Man muß so lange durch die Jahreszeiten wandern,« sagte er endlich, »bis man reif ist zur eigenen. Der rührigste Ehrgeiz ersetzt dieses Noviziat nicht. Im Treibhaus des Willens wachsen die Früchte viel problematischer als im Muß der Natur. Ich will mir doch ein Bild von der Welt in die Seele hinein malen?«

»Weil Sie sich diesen Luxus leisten können!« Obwohl er sich mit aller Kraft dagegen wehrte: der bittere Haß des Verdienenmüssers gegen den gebetteten Zeithaber schoß mit jedem Worte. »Ich aber kann ihn mir nicht leisten! Ihnen ist die Kunst der Niederschlag Ihres Lebens. Mir die meinige mein einziger Beruf!«

Schelmisch lächelte Goethe. Wahrlich, dieser Mann hatte nicht umsonst neben ihm gelebt!

»Zweifellos,« fuhr Tischbein wie der Pfeil im Fluge fort, »sind Sie als Künstler geboren! Aber glückliche äußere Umstände leiteten Sie von selber in die glückliche Fortsetzung dieser Geburt. Ganz natürlich daher, daß immer mehr Leben – und Welt – und immer tieferes Schauen Sie nicht nur nicht bangmacht und stört, sondern immer gewisser in Ihre Art Kunst hineintreibt, die, um es noch einmal zu sagen, eben nichts anderes ist, als der Spiegel Ihres Lebens! Ich hingegen, ich habe mich zur Kunst erzogen. Führte Sie das Leben zur Kunst, – mich muß die Kunst zum Leben führen. Ist sie Ihnen, genau so wie Ihre Naturbetrachtung, nur Mittel, um zum Kosmos in einen logischen Bezug zu geraten, so bedeutet sie mir das einzige Kapital, um eine unabhängige Stellung im Leben zu erringen. Und da ich bereits in meinem fünfunddreißigsten Jahr stehe . . . . . .«

»Das begreife ich alles recht gut.« Lebhaft griff Goethe nach dem aufgeregten Arm. »Sie wollen finanziell frei werden, einen anständigen Wirkungskreis haben, Ihre Produktion nicht immer nach dem Bedürfnis nach ein paar Zechinen einrichten müssen.«

»Gott im Himmel! Wenn ich Ihnen mein bisheriges Leben vormalen würde!« Hitziges Feuer auf den Wangen, Flackern im Auge, das blind war für die fabeltolle Pracht der Sonne, die immer wilder das Wunder des Golfs vergoldete, sprach der so unbegreiflich plötzlich Verwandelte. »Bis zu meinem dreizehnten Jahr trieb ich mich unter den Eichen von Hayna mit Gänsehirten, Habichten und Hasen umher; ununterbrochen die Kreide in den behexten Fingern. Und war doch später niemals mehr annähernd so künstlerisch frei wie damals! Wer es erlebt hat: eigene Ideen von Kunst im Schädel zu haben, hohe, ernste, und, nur damit man zu fressen habe, zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre lang Porträts von Idioten, Idyllchen, Anekdotchen, Landschaften mit herzigen Staffagen pinseln, alles Das aber, womit man sich völlig identifiziert, stehen lassen zu müssen, weil von Anfang an feststeht: das wird niemals gekauft werden!?« Tobsüchtig: »Ich kann nicht mehr! Ich bin ein besonnener Mensch, der immer wußte, was er will, und habe seit Kindesbeinen gearbeitet, ohne mir die kleinste Extratour ins Faulenzen oder ins Falsche zu gestatten! Und habe es zu nichts Weiterem gebracht als zum konditionalen Versprechen des Herzogs von Gotha auf jährliche vierhundert Taler! Da ist es denn, scheint mir, nur allzu begreiflich . . . .«

»Ohneweiteres! Natürlich! Aber ich sehe nur nicht ein, warum Sie gerade jetzt so ungeduldig werden, wo Sie auf dem besten Weg sind, Ihre Zukunft zu gestalten?«

»Ja, wenn ich das wüßte!«

»Das lassen Sie doch lieber« – gekränkter Blick strafte den Mißtrauer – »meine Sorge sein! Ich habe Sie seit einem halben Jahr vor Augen; da kann man, denke ich, ein Urteil fällen? Es ist in Weimar, was die Erziehung zur bildenden Kunst nach gediegenen Grundsätzen anlangt, sehr im Argen. Amalia ist durch Herdern, Karl August und mich bereits unterrichtet von den Plänen, die ich in dieser Beziehung hege. Und sobald ich zurück sein werde . . .«

»Herr Geheimerat!«

Aber Goethe ahnte eben noch immer nichts. Mit überlegener Handbewegung schnitt er die Einrede ab. »Das wird einfach gemacht! Ich sehe aber, zweitens, auch nicht ein, was dies alles mit meiner Liebhaberei für den Vesuv zu tun haben soll? Und warum Sie daraus gerade mir einen Strick drehen wollen?«

Das Schlottern kam Tischbein in die Glieder. Der Stock in seiner Hand begann erbärmlich zu zittern. »Es muß wohl jeder – nach seinem eigenem Gesetze leben?«

»Das wird selten jemand voller anerkennen als ich!« Unsicher, durch ein einziges Wort, war Goethe geworden. »Aber auch dies will, scheint mir, in diesem Zusammenhange nichts heißen?«

Wie das Kind den Vater anstarrt, der es beim Lügen erwischt hat, starrte Tischbein ihn an; bleich wie ein Leintuch.

»Also, erklären Sie mir's doch!«

Erklären! Was denn erklären? Rausch, tückisch plötzlich, fiel den ratlosen Mann an. Von beiden Beinen verlassen, stützte er sich, taumelnd, auf den Stock. »Ich habe nicht soviel Zeit wie Sie!« stieß er endlich, wie in der Schraube der Folter, hervor. »Wenn ich jetzt mit Ihnen nach Sizilien ginge . . .«

»Ich weiß noch nicht, ob ich nach Sizilien gehen werde.«

Aber jetzt war es wenigstens heraußen! Gott sei Dank, endlich wirklich heraußen! »Sie müssen nach Sizilien!« Jawohl! Nur jetzt nicht mehr loslassen, roh, rücksichtslos sein! Einen Ruck gab sich Tischbein. »Sie brauchen Sizilien! Und Sie brauchen auch jemand, der Sie begleitet! Für mich aber dürften sich gerade in den nächsten Tagen die Verhältnisse in Neapel so zuspitzen, daß ich fürchten müßte, durch eine Abwesenheit mir beträchtlich zu schaden. Ich sprach vorgestern mit dem Cavaliere Venuti. Er meinte, die Königin sei bereits schicklich vorbereitet, und wenn Acton gewonnen werden könnte . . .«

Als ob ihn der Schlag getroffen hätte, blieb Goethe stehen. »Sie wollen – sich trennen von mir?«

Das Auge, wie unter niederprasselndem Blitz, senkte Tischbein; er fühlte zu blutig, was in dem Mann neben ihm jetzt zerrissen ward. »Es ist mir in meinem ganzen Leben nichts Besseres geschehen,« stammelte er hilflos stotternd, »als daß ich Sie solange begleiten durfte. Und ich fühle unverhüllt, welch tiefe, persönliche Enttäuschung mein Entschluß Ihnen bereiten muß. Trotzdem – mußte ich ihn fassen! Erringe ich nämlich den Posten eines Direktors der königlichen Akademie, . . .«

»Ah!« Fassungslos starrte Goethe ihn an. »Es ist also richtig, was Hackert vermutet: Sie wollen – Bonito heben?!«

»Er ist alt und muß einmal sterben; oder in Pension gehen.« Eiskalt im Strich der Sekunde geworden und stahlhart, sprach es Tischbein dahin. »Auf alle Fälle aber ist das Eisen jetzt zu schmieden! Ich muß mit allen Mitteln trachten, die Verbindungen, die ich in den letzten Wochen anknüpfte, zu verdichten, den Fuß, den ich in Caserta gefaßt habe, so zu verankern, daß er fest stehe. Mit einem Wort: will ich meine Chancen nicht gefährden, so darf ich jetzt Eines nicht tun: fortgehen von da! Und weiß ich auch noch so gut, daß Ihnen diese, sagen wir, Materialisierung meiner Kunstbestrebungen Widerwillen, wenn nicht gar Verachtung einflößt, – ich fühle doch . . . .«

»Im Gegenteil!« beeilte sich Goethe zu beteuern; es kochte in seinem Innern wie in der Tiefe des Meeres, worin der Sturm sich bereitet, um bis auf Stumpf und Stiel auszufegen. »Jeder, wie er muß; oder, wenigstens, wie er kann! Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie in der Fremde finden, was Sie im Vaterland nicht lockt! Die Frage ist nur die . . .«

»Vaterland?« Beißend – der Riß war getan, keine Schonung mehr nötig – lachte Tischbein auf. »Die Kunst hat in Deutschland kein Vaterland! Man lebt dort von Almosen, bis man als Pfuscher krepiert. Hat aber Einer das Glück, Geld zu besitzen, dann treibt ihn das Philisterium der teutonischen Banausen erst recht zum Tor hinaus! Sie selber, Exzellenz . . . .«

Aber Goethe streckte ihm einfach die Hand hin. »Jedenfalls tut es mir leid! Ich bin Ihnen Dank schuldig und hätte ihn gerne abgestattet. Freilich, – das Leben ist so. Niemand soll es korrigieren!« Und ohne die Miene zu verändern, zog er die Hand aus der Hand; nun lachte er. Ein Schleier, bestellt, flog durch sein Auge; nun lachte das Auge. Plötzlich, friedlich, das ganze Gesicht. »Wissen Sie übrigens schon den – verzeihen Sie, wenn ich ›Nachfolger‹ sage?«

»Kniep, Herr Geheimderat! Kniep!« Felsen fielen ab von der Brust Tischbeins. Stimme, Gestalt, Blick, Farbe – unerträglich verräterisch – fanden sich wieder. »Ich kenne ihn so weit, um zu versprechen, daß er taugen wird. Er hat einen reinen, guten Strich, ist Landschafter katexochen, wird Ihnen Neapel sowohl wie Sizilien treu und anständig abzeichnen,« – wie ein Wasserfall floß jetzt das Wort – »verfügt dazu über eine durchwegs offene Bescheidenheit, Munterkeit, geraden Sinn, harmlose Lebensauffassung, und wäre überglücklich . . .«

Wie aus dem Konzept geschleudert, setzte er ab. Mit einem Gesicht, das er noch niemals gesehen hatte, starrte Goethe über den letzten Sockel des Bergs, über Resina, die Grüne, das Ufer, das Meer hinaus in die fernste Ferne. »Was . . . suchen Sie, Herr Geheimderat?«

Aber noch mit ganz demselben Gesichte, drei Stunden später, strebte Goethe durch den Strudel der via Toledo bergaufwärts; die verfluchte Träne, die noch immer nicht weichen wollte, in der zuckenden Wimper: »Auch Dieser! Auch Dieser! Was steht denn fest dann, wenn auch Dieser . . . .??« Wenn er sich vorstellte, wie dieser Mann ihm in Rom, noch am Abend der seligen Ankunft, um den Hals geflogen war! Ihn seither ohne Unterlaß selbstlos, nichts als Helfer, Schrittmacher, Getreuester der Treuen durch Nacht und Tag geleitet hatte! Immer! Und jetzt? Hart blieb er stehen. Lehnte sich hart an die Wand eines Hauses in der brausenden Schlucht der tosenden Straße. Alabastern wuchs das aufrecht gezwungene Haupt über dem tollwütigen Strom der Menge aus der Glut, die der Sonnenuntergang in die Tünche des Kalks warf. Unbeweglich, einzig das kämpfende Auge in ständig auf und nieder wandernder Regung, verharrte der Leib. Über den Dächern rollte die weichsamtblaue Luft mit den Purpurfahnen des Abendscheins aus märchenfernem Irgendwoher in unbestimmbares Irgendwohin. Aus den schwarzen Vierecken der Fenster und aus den Käfigen der Gitterbalkone flossen die unerforschlichen Laute unbekannt urfremder Menschen, denen ihn nichts verband als der ähnliche Körper, heraus in die theaterwild gestaltige Bewegung. Wo Licht noch war, lebte es in Orgien; in der Tiefe der Straße, wo sie anstieg, sah er ein orangerotes Haus zwischen zwei schmalen, grell aprikosenroten. Im Hintergrund, umgaukelt von trübem Opaldunst, eine kanariengelbe Querwand, die von grünspangrünen Säulen gegliedert war. Alles Schattige seinem Auge gegenüber aber starrte von massiger blauschwarzer Dunkelheit. Grell wie Blendflammen schossen an diesen Finsternissen vorüber die galoppierenden Schimmel, die goldenen Geschirre, die buntlackierten Leiber der Karossen, die gleißenden Seidenhüte der Frauen mit den himmellichten Federbüschen und die Bernsteingesichter der Cavaliere unter höchsten Toupées. Ohne Raumübergang, Zeitübergang, traumhaft plötzlich, überfiel ein Schwall gleißenden Glanzes einen Wagen, darin hinter brennrotem Kutscher und vergißmeinnichtblauem Lakai eine Matrone mit drei blutjungen Mädchen saß. Der Lärm, der getreu wie sein Kind mit dem Lärm der Menge lief, staute sich jäh; sprang nun aus der krampfhaften Sammlung wie in hunderttausend einzelne Blumen zerwirbelter Strauß in die magische Mischung von Äther und Erdlichkeit aufwärts, – und als ob ein Menschenbild glorreichster Schönheit aus dem Hohen ins Tiefe niederstiege und zwischen beiden zögernd verschwebte, stieß das Bild des springenden Frühlings herein in die Straße; des von der Straße nicht gesehenen Frühlings, wie er um die Stadt herum die kampanische Erde trächtigte, und die strahlende Schimmerleuchte des Meeres und der veilchenblaue Traum von Capri gegenüber dem goldenen Abend von Sorrento. Ekstatisch bauschte sich das Rosenrot des jüngsten Mädchens im Wagen gegen die herrliche Wolke der Säumnis, ein Mannsgesicht, ohnmächtig nachstarrend, wuchs aus der Bronze eines Tors, – betörend, wie von schwellenden Winden hergetrieben, umstrich alle Sinne jäh der Duft des Genusses. »Auch Dieser! Auch Dieser!« lispelte in schmerzhafter Klage der Mund. Aber das Auge – die bittere Träne getilgt von der zwingenden Macht dieses Duftes – ward hinweggezogen unerbittlich vom Worte. Ließen sich nicht die knospenden Pawlonien riechen und die gewiegten Zedern vom Strande der Chiaia her? Die steinernen Leiber von Statuen fühlen aus noch unbetreten kühlen Museen? Die Gemächer des Prunks sehen in nie zu betretenden Palästen? Die Seelen der Früchte ahnen, die in unzähligen Läden aus knisternden Weidenkörben äugelten? Die Wonnen der Liebesstunden erraten, die jede Schwere der Pflichtgedanken mit der Verlorenheit ihrer Umarmung zerlächelten? Der Atem berauschender Weine wittern, auf fürstlichen Tafeln, von denen Brosamen fielen allen Bettlern und Krüppeln – und allen immer wieder in Stücke Zerfetzten?

Gestreichelt vom Hauch dieser Düfte, Lockungen, Winke, begann das Blut heiß zu steigen; die bedrängte Brust sich zu dehnen. »Was heißt Enttäuschung, Bitterkeit, Wehmut? Das Leben ist: Fluß! In diesem Fluß treibt der Mensch! Heute so, morgen so! Aber immer im Flusse. Laß ihn doch, ruhig der Woge vertrauend, wieder einmal ruderlos treiben! Sitzt nur in ihm drin die Seele, die sicher weiß: Alles Äußere ist Wechsel, alles Innere Wandel, über Gleiten und Strömen aber schwebe einig und ewig ich: die unzerstörbare Seele!« Daß er es im gleichen Augenblick merkte, verklang das Jauchzen des Lichts, überfiel, wie Bandit aus dem Busche, der Dämmer die Straße. Aber es wuchs nur die Kraft, das Bewußtsein auszudehnen auf die ganze Welt, innen, im innersten Kern aber frei zu bleiben über der ganzen. Wie das Grübelgesicht einer Büßerin vor Aphrodite verblich vor dem Schein dieser Kraft das Bildnis von Rom. Das Feuer des Vesuvs wie Herdfunke vor dem Vollmond. Was war Zucht, Kunst und Sammlung gegen einen Mittag, verträumt ohne Erinnerung an Gestern und ohne Vorziel des Morgen auf der Welle des Golfs vor den bräutlichen Armen dieser Stadt? Was alle Wunder der Natur gegen die lallende Urlust der Sekunde, die den alleinherrschenden Leib hineinwarf in den Schoß eines Weibes der Jugend, unter dem Flüstern der Nacht? Trotzig stampfte der Fuß in den Boden. »Wer will mich abhalten, auch einmal nur zu genießen?« Wenn er nur wollte, einen Finger nur ausstreckte, fielen sie ihm nicht urgewiß zu, alle Wonnen der Erde? Und an welchen noch könnte er verderben? Verdarb etwa sein Auge an der wahllosen Vielzahl der Bilder? Trotzig sah er rundum. Zu Boden. Ein Bettler, siebenzigjährig, den rostroten Thersitesleib in stinkende Lumpen gehüllt, umwand mit dem Lied aus unwahren Fisteltönen seine Kniee, hob das Auge unter schlohweißen Buschenbrauen listig empor. Mit demselben Blick sah er: ein Weib, kaum den Kinderschuhen entwachsen, das den bloßen Busen an seine Hüfte preßte und, glitzrig emporbuhlend, die Röcke bis übers Knie raffte, um die lüsterne Nacktheit ihrer Beine zu zeigen. »Via!« schrie, kaum daß sein Auge gereizt gefolgt war, das wulstige Maul eines Polizisten. Der Bettler, unter dem Streich, den der papageibunte Mann tat, kroch in die Straße hinaus; in die ellehohe Schichte von Staub, Pferdemist, Tomaten, Bohnenhülsen, Orangenschalen, Feigenbälgen, Salatstangen, Artischockenblättern, Papier. Das Weib hingegen, während der Papageifederbusch wackelnd dem Kriechenden folgte, blieb. Ein eseltreibender Mönch und zugleich ein Ziegenhirte, die Schar der zottigen Böcke mit »Mee« und Pfunden von Stallkruste hinter sich, drängten es zu ihrer Freude dicht an den unbewegt Schauenden heran. Die zinnoberroten prallvollen Euter der grauen Ziegen sah er; das mehlbestaubte kurzgeschorene Haar des zimmetbraunen Kapuziners, der auf schwarzen Zehen stapfte; die giftgrüne und milchweiße Flut der Blumenkohlköpfe auf dem Eselsrücken; die geil im Wanddämmer entblößten Schenkel des Weibes, – alles in einem. Zurück wich er, unwillkürlich. Da griff das Weib seine Hand; wie Schlangenschuppenkühle fuhr ihm der Kitzel durch die Haut. Erschrocken rang er die Hand frei; wo, wann endet die Freiheit der unzerstörbaren Seele vor den Stricken der Welt? Und noch einen Schritt tat er zurück. Aber als ob es den Stachel, der schon festsaß in seinem Blut drin, triumphierend belächelte, ringelte sich das Weib hinters Tor, – ein Riß in die Fetzen, und aus dem Finster des Flurs hob sich, über dem brünstigen Schimmer des Fleisches, das knappe Dreieck der Scham.

Nicht anders als Joseph vor Potiphar floh er. Aber nur zögernd. Nur um ein Haus weiter. »Trotzdem! Ich will leben! Muß leben!« zuckte es mit verwegenem Blitz durch das Hirn. Wozu immer nur: Abwägen, Messen, Grübeln, mit Mühsal ohnegleichen Ziel suchen, Ziel erkennen, Ziel wollen? »Wenn ein Tag sinnlos den andern zerschlägt? Und mir gelüstet nach Leben?« Da traf den verwirrten Blick ein ächzender Karren, auf dem, um die Knie einer hockenden Greisin, ein Berg von Blumen schaukelte. Aus Wiesen lanzenscharfer Halme, kleiner zarter, wollüstig hoch aufgeschossener, brach der schäumende Gischt von weißen und gelben Margueriten; Wald von blutroten Kamelien, Taumel höhehungriger Aaronsstengel, deren wilde Feuerstäbe aus der Kühle wolkeweißer Kelche stiegen. »Fiori!« kreischte die zersprungene Stimme der Greisin wie scheppernder Ton von Wand zu Wand. Ein grauer Schal, aus Löchern, Schmutz und Blutflecken gewebt, fiel in zwei flatternden Dreiecken über die völlig fleischlosen Schultern. Wie Gerippe stachen die nackten Arme aus seinem hauchenden Unrat. Auf dem Schoß lagen zwei nackte, an den ganzen Leibern mit Krätze bekrustete Kinder, die in unausgesetzten Stößen Weh brüllten, während ihnen das Weib – »Fiori!« rief es unentwegt weiter – mit einer blechernen Zinkengabel die Läuse aus den verklebten Haarsträhnen riß. »Compratemi un maggiolino!« girrte, plötzlich wieder vorgetaucht aus dem Haustor, das Weibchen, »Ciel' incantato!« stieg das brünstige Tremolo eines Tenors spiraltoll in die Hexenluft, – »Ah!« sang im selben Augenblicke eine Stimme jauchzend: »Goethe?«

Mit aller Gewalt riß sich Goethe aus dem Spuk. Es war Filangieri, der ihn aus seiner späten Karosse heraus entdeckt hatte.

»Machen Sie mich glücklich und begleiten Sie mich!« bettelte die frohe Stimme aus dem schönen Gesicht gegen den Lärm.

Ohne ein Wort zu erwidern, stieg Goethe ein.

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