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Albert von Trentini: Goethe - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoethe
authorAlbert Trentini
firstpub1923
year1923
publisherGeorg D.W. Callwey
addressMünchen
titleGoethe
pages1-381
created20051118
sendergerd.bouillon
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Fünftes Buch

Flügel

»Und so war mein ganzes bisheriges Leben, von Anfang an!« schloß Moritz. Ergeben ließ er sich in die Kissen zurückfallen. »Ich komme nach Rom, finde Sie, wir reisen am fünften Tag fröhlich vom Meer nach Rom zurück, – und auf ebenem Pflaster breche ich mir den Arm und liege sechs Wochen im Bett!«

Finster starrte Goethe durchs Fenster; über die abendlichen Dächer hinaus nach den Pinien des Janiculus.

»Niemandem, solang' ich lebe«, bekannte Moritz trotz der purpurroten Scham in die Decke empor, »konnte ich so viel und so vertraut von mir erzählen, wie Ihnen. – Verzeihen Sie!« Wie ein geprügelter Hund schrak er zusammen. »Ich langweile Sie ja!«

»Im Gegenteil!«

»Im Gegenteil!« widersprach er. Die dreiundzwanzig Jahre dieses rastlos kreuz und quer gejagten Lebens, angefangen von der stickenden Enge des zwiespältigsten Kleinleutedaseins bis zur endlich erbettelten Professur am Grauen Kloster in Berlin, – wie zerfressene Koren aus glanzlosem Marmor trugen sie die Halle seiner irrenden Seele. »Sie dürfen nicht glauben, daß ich das Gesetz, unter dem das Genie steht, nicht errate. Es ist aus Weltgefühl gegen alles, was ist, duldsam; aber alles, was unter seinem Niveau bleibt, vermag es doch nicht zu berühren. Denn es muß . .«

»Um Gotteswillen, wir reden doch jetzt nicht vom Genie!« Hart sprang Goethe auf. »Soll ich Ihnen nicht das Fenster noch aufmachen?« Er tat es. Die Sonne war hinter den Pinien des Janiculus untergegangen. In vollem Fluß schoß der Strom der Luft herein in die Stube. Flimmer von Gold und Violett wirbelte an die Wände. Der quecksilberne Lärm der via Babuino herauf redete.

»Das ist nun doch schön!« lächelte Moritz im Versteck des Vorhangs.

»Nicht wahr?« Atemzug über Atemzug. O, wenn doch wieder Mut käme! »An der Quelle des Lebens! Im Nabel der Welt! Dies Gefühl der Erfüllung, – trotz allem!«

»Und daß Sie da sind! Bei mir!« Goethe stand drüben im Fenster; so durfte das übervolle Herz sich herauswagen. »Nicht einen einzigen Tag, seitdem ich da liege, sind Sie weggeblieben. Beichtvater, Finanzminister, geheimer Sekretär, Pfleger und Arzt, – alles in einem mir geworden!«

»Sollen Sie nicht besser schweigen?« Goethe hatte das Fenster wieder geschlossen. »Ist kein Fieber da?«

Mit brennender Hand bat ihn Moritz heran. »Wie soll Ihnen der gestrandete Moritz das jemals vergelten?«

»Es ist doch das Selbstverständliche!«

»Und nichts seltener als das Selbstverständliche!«

»Das wenigste, was unsereiner – von Sünden zugedeckt bis an den Hals! – tun kann: die Gelegenheit zu einem Brosamen Uneigennutz nicht vorübergehen lassen! Und übrigens« – endlich, endlich kam wieder Haltung! – »wissen Sie ja gar nicht, wie Sie mir helfen!«

»Ich – Ihnen?«

»Ohne Ihre Offenbarungen über die Eigenheiten unserer Silben, zum Beispiel, wäre meine Iphigenie nicht so leicht fortgeschritten.«

Zu flackern hoben die fiebernden Augen an. In Unordnung kam das graugelbe Netz der Züge unterm Krankenstoppelbart. »Ich lebe mit der schauderhaften Überzeugung, ein Dilettant des Lebens und der Literatur zu sein.«

»Diese Überzeugung ehrt Sie. Bescheidenheit ist alles. Aber der Unbeteiligte darf sagen, daß sie falsch ist.«

»Ich glaube nicht an mich.«

»Das – begreife ich!«

»Das können Sie unmöglich begreifen! An Sie glaubt eine ganze Nation!«

Tyrannisch ward Goethes Antlitz. »Wir reden jetzt von Ihnen, und nicht von mir! Sie haben ganz einfach die Pflicht, an sich zu glauben! Den Luxus des Zweifels an sich erlaubt die Natur nur dem Impotenten! Ist denn das Leben eine Aufgabe oder ein Seelenzustand?« Gott sei Dank, daß er jetzt wenigstens Worte fand! Nur reden, nur weiterreden! Heraus aus der Verstocktheit! »Lächerlich, zu verlangen, daß andere an uns glauben, wenn wir selber es nicht tun! So, wie man selber an sich glaubt, glaubt kein anderer an einen! Es gibt nichts, was die Menschen mehr voneinander trennt, als der Glaube an sich selber, den jeder hat, – haben soll! Sie sind ein vollkommen reiner Wille! Ihnen geht es ums Wahre! Den »Versuch einer deutschen Prosodie« schreibt Ihnen keiner in Deutschland nach! Und die Studien zur Anthousa . . .«

»Aber! Herr Geheimerat!«

Zornig in den Boden hinein stampfte Goethe. »Warum wollen Sie sich nicht helfen lassen? Ist es so leicht, allein weiterzukommen, wenn die Wege auf einmal steinig werden? Man muß alles annehmen, was sich zur Hilfe anbietet! Der Stolz des Mannes, der abweist, weil er allein siegen will, ist wider die Natur! Wir sind einsame Schwimmer im Meere und man wird uns verdammen, wenn wir nur deshalb nicht ans Ufer kommen, weil wir den Balken – übermütig – verschmähten! Ich ergreife jeden, der mir zutreibt.«

»Das scheint Ihnen nur so.«

»Das scheint Ihnen nur so.«

»Sie brauchen gar niemanden.«

»Wenn man durch die ganze Welt spazieren will?«

»Ihnen ist die ganze Welt untertänig!«

Wie einer, der zu spät merkt, daß er schon den Mantel abgeworfen hat, und nun, kreidebleich, fürchtet, er könnte plötzlich nackt dastehen, floh Goethe in die Mitte der Stube. »Geben Sie mir die zwei Bögen da mit. Ich bringe sie morgen wieder.«

»Hat es nicht« – ohne Unterlaß hetzte den ruhelosen Moritz die Angst – »geklopft an der Tür?«

Ja. Sie stand schon da, die Dienerin. Ein altes Weib. Die brennende Lampe und einen Brief in der Hand. »Felicissima notte!« sang sie mit vielrunzeligem Lächeln und setzte Lampe und Brief auf den Tisch.

»Ist der Brief aus . . .?«

»Berlin.« Mit weitausgereckter Hand reichte Goethe den Brief hinüber.

Keuchen zwischen den Falten des Vorhangs. Finger, die in Todesangst suchten, zeigten von den Blättern, die wie Feuer prasselten, in die Luft hinaus; schnell wieder zurück in das Prasseln. Wie, ha! war die Katzenpfote des Schicksals hereingeschlichen in dies ohnedies schon schwangere Geflatter von Zwielicht?

Klatschend fiel jetzt ein Leib in gefühllose Kissen zurück.

Alles wußte Goethe!

»Lesen Sie!« rief Moritz endlich; wie ein Wegweiser, an dem höhnisch ein Fetzen wirbelt, wuchs der Hemdarm aus dem Vorhang hervor. »Lesen Sie das!«

Aber nicht mehr als drei Zeilen las Goethe; und ward Stein. Der kleine Tisch, der ihm den Ellbogen so felsenfest stützte, daß die Hand nicht beben sollte, wuchs zur Starre mit ihm. Weit offen schlief das Auge ein. Woher, zischte der getroffene Geist hinter der gespannt glatten Stirn auf, schickt mir der Zufall diese Pfeile des teuflischen Spiels? Woher mußte es geschehen, daß diesen Mann da drüben dasselbe Joch der Liebe zur Frau eines anderen würgt wie mich? Daß er diese Frau ebenso verlassen hat wie ich Charlotte? Und daß ihn auf einmal wieder die Furien ebenso erbarmungslos peitschen wie mich?

»Ich ertrage das nicht!« schrie Moritz auf, mit verzweifelten Zähnen biß er das Kissen.

Und daß, kreischte der getroffene Geist in der gekrampften Brust drinnen auf, dieser Mann da von dieser Frau Buchstaben für Buchstaben denselben Brief heute bekommt, wie ich vor Tagen von Lotte?

»Zurück! Nach Deutschland zurück!« raste Moritz, als ob ihm ein Eisen zwischen den Rippen säße; »sobald ich aus dem Bette bin!«

»Rom wird Sie heilen,« sagte hohl, ohne jede Stimme Goethe; er erhob sich.

»Ausgeschlossen!«

»Es muß Sie heilen!«

»Während sie sich da oben in Gram und Wut verzehrt?« Toll schoß der Gefolterte aus den Kissen. »So helfen Sie, helfen Sie doch!« Haß verzog die ohnmächtige Miene. Wie konnte ein Mensch vor solchem Jammer des anderen wie eine hölzerne Stechschrittpuppe, die Hände auf dem Rücken, auf die Kommode zuschreiten, um Hut und Mantel in die schon bereite Hand zu nehmen? »Sagen Sie doch etwas! Ein Wort nur! Irgendeins!«

Den Mantel auf dem Arm, den Hut in der Hand, kam Goethe an das Bett zurück. »Es ist eines unter den vielen dunklen Losen des Mannes«, antwortete er nach unerträglich langem Herabschauen auf den Mann, dessen Aufruhr sich schon wieder in die Ergebung des getretenen Hundes zurückgebeugt hatte, »mit dem Geiste die völlige Freiheit suchen zu müssen von allem, was ihn hindert am Erklimmen der Spitze, – und mit dem Gemüte immer wieder nach Liebe verlangen zu müssen, die ihn fesselt und engt. Auf der einen Seite: die höchste Leistung, – auf der anderen: das Glück, wie es das Weib auch erlebt! – Ich bin morgen wieder da. Vergessen Sie das Pulver nicht zu nehmen! Gute Nacht!«

Bleich, verstört, das Haar in kleistrigen Strähnen in der Stirn drin, kam er nach Hause. »Endlich!« flog ihm, er war im Vorsaal kaum eingetreten, Bury wie eine Flamme entgegen. »Ich warte seit Mittag! Kommen Sie! Schnell! Ich habe etwas gemacht für Sie! Aber behalten Sie den Mantel an! Es ist hundekalt drinnen!«

Doch der Versteinerte ließ ihn nicht frei. Mit sinnlosen Händen hielt er den Burschen an sich; grub die Hände immer zupackender in den Samtflaus, bog das atemlose Gesicht immer gieriger hinaus in das Dunkel über der jungen Schulter. »Fritz!« stieß er auf einmal ohne Bewußtsein heraus. »Du, mein lieber, junger Fritz!« wollte er rufen, schreien, ja, jetzt explodiert dieser zum Bersten angefüllte Vulkan, Wochen von Qual, vergällter Wonne, Nachtschwarz und Morgenfalsch schießen in die Luft auf, – da trat Tischbein aus der Stubentür. Wütend, wie ein gestörter Liebhaber stemmte Bury sich auf: »Na nu? Also? Was ist?«

»Lieber Tischbein!« flötete im selben Augenblick, vollkommen hergestellt, Goethe; er hängte soeben den Mantel an den Haken. »Was bringen Sie?«

»Wie wär's, Herr Geheimerat«, – Tischbeins Stimme kannte keine Verlegenheiten – »wenn wir uns jetzt, bei Nacht, die Medusa anschauen möchten?«

Blitzschnell griff die Hand Goethes nach der Tür. »Ausgezeichnet!«

Eine Stunde später, bei voller Nacht, – Bury oben, allein gelassen, schmierte sein herzliches Kunstwerk: Iphigenie schlägt des Thoas Werbung aus, zum Klecks zurück – traten die zwei Männer aus dem Palaste Rondanini in den Korso zurück. Schritten den Korso hinab. Pechschwarz gähnte dieser. Die Milliarde der nackten Sterne im samtblauen Himmel beglitzerte ihn von oben. Von unten die Lämpchen vor den Muttergottesbildern und die Lichter der Budenhälter. Zwischen diesen zwei Zonen: den Gesimsen der Paläste, die in nobler Ruhe schimmerten, und den Quaderzeilen der Erdgeschosse, die im Flackerstrahl zuckten, rann der Strom der Finsternis ungebrochen hinab nach dem Palazzo Venezia; ungebrochen schwarz und lautlos wie der Tod. Ging man eine Weile lang mit dem stürzenden Gefälle dieses Zuges, dann hoben sich mählich aus dem Nichts der lichtlosen Gleitung: Säulen eines Portikus, Giebel eines Fensters, Rund eines Tores, gesetzmäßiger Gliederbau einer ganzen Fronte, und protzig rasch wieder offenbarte die Lebendigkeit die Übermacht ihrer leidenschaftlichen Formen über das Loch des Todes. Grub sich nun aber das Auge, mitgerissen in ihren verwegenen Mut, in eine dieser wiedergeborenen Formen ein und schrie überschnell: Leben, du siegst! – dann verfloß die Form höhnisch von neuem der Nacht, und gesetzmäßiger Gliederbau ganzer Fronte, Giebel des Fensters, Rund des Tores, Säulen des Portikus, überwältigt sanken sie zurück in die Magie des zeitlosen, raumlosen Nichtseins.

Oder war das nur Schein? Bildete sich das Auge diesen Vorgang nur ein, weil auch die Medusa so werdend langsam hervorgewachsen war aus dem Pechschwarz? Die gedrehten Leiber der Schlangen zuerst. Dann der schweißgepreßte Bogen der Stirn. Dann, aufgebläht auf einmal, weil hinangedrängt von dem glitschigen Eis der Schlangenschnüre an die Wände der Nase, die Wangen. Endlich die entsetzte Leere der Augen. Allerdings: den gewöhnlichen Schauder des lebendigen Atems vor dem Tod nur – und also nur Leben! – sprach diese plötzliche Auferstehung aus. »Zwischen Geburt und Tod bin ich!« verkündete sie ohne übernatürliche Furcht, ganz ergeben in das natürlichste Gesetz. »Die Sekunde zwischen der letztverrauschten und der nächst rollenden!« Und verstummte schon wieder. Und nicht, daß die Schlangen nun etwa den Mund verknebelt hätten, der den Hauch dieser Worte noch trug, die Haare zu Berg stiegen und die Flüsse der Angst niederflossen in die Becher der Augen. Dies alles war schon geschehen und konnte nicht mehr geschehen. Nein! Einfach tot war das Antlitz jetzt; schenkte sich – weder dem Gestern noch dem Morgen gehörend – mit der teilnahmlosen Ruhe des Gewesenseins, ewig, der Finsternis wieder.

»Unerträglich! Unerträglich! Unerträglich!« Und rasch, noch bevor Tischbein nur zucken konnte, breitete Goethe – sie waren am Fuß der Kapitolstreppe angelangt, die wie ein Milchbach in den blauen Ufern der Steinnacht herablief – den Mantel auf der untersten Stufe aus und ließ sich in den Mantel nieder.. »Hunderttausendmal jeden Tag, vor jedem Kunstwerk,« stieß er unheimlich eilig heraus, »predige ich mir vor: sieh nur das Kunstwerk! Irre nicht ab von seiner Objektivität in das, was es in dir und rundherum in allem, was lebt, aufrührt! Aber umsonst! Selbst vor den Bildern des gewissesten Todes, der das Leben bis auf Stumpf und Stiel schon verzehrt hat, sehe ich nur: Leben! Mein Leben! – Ist das nicht jammervoll?«

»Im Gegenteil!« Tischbein hatte, für seinen Platz, über Goethes Mantel noch seinen eigenen gelegt. Nun saß er, unter dem ungeheuer gespannten Sternhimmel, auf der michelangelesken Treppe fast behaglich, gemütlich. Gerade nur solch ein subjektiver Standpunkt stelle, tröstete er ausgesucht, das organische Verhältnis zwischen Kunst und Leben her. Einen prüfenden Seitenblick warf er; es gab Sekunden, in denen er dreinsah wie ein gewiegter Accusatore. »Wenn ich an Ihre Iphigenie, zum Beispiel, denke . . . . .«

Unwirsch wetzte Goethes Körper den Marmor. »Man kann dagegen sagen, was man will: für jeden ist sein eigenes Leben das Leben der Welt; oder umgekehrt. Und ich bin erst noch ein besonders unsentimentaler Mensch. Mir gilt jede Gegenwart mehr als jedwede Vergangenheit. Da in Rom aber ist alles, was ich noch erleben könnte, – alles, was überhaupt erlebt werden kann – schon erlebt worden. Nach sechs Wochen Da-Sein komme ich mir noch immer wie im Hochofen der Geister der anderen vor. Schwer, – fast unmöglich, sich hier zu behaupten!«

»Warten Sie nur!« Ohne das geringste Mitleid lächelte Tischbein. »Eine ungeheure Ernte werden Sie haben.«

Sternlicht, im Zenith des Bogenhimmels, flammte weiß und bewegt wie Fanal des Winkens. Fieberhaft suchte das wirre Auge in ihm. »Nicht mehr herauskommen aus dem Labyrinth werde ich! Das wird das Ende sein!« Kratzend klang die vergewaltigte Stimme. »Wenn ich Sie, zum Beispiel, Ihren ›Paris‹ malen sehe und in jedem Pinselstrich den unerbittlichen Willen errate, in der Kunst auf eigenen Füßen zu stehen! Ich habe noch heute kein anderes Urteil als das des Instinkts!«

Aber Tischbein, wenn Tischbein sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zwang er es auch gegen Aalglattheit durch. »Und dabei arbeiten wir Maler mit Vorsätzen; mit Programmen. Mit dem Verstande! Sie kennen die Forderungen, die Mengs an den Maler stellte: studiere die Griechen und Raffael! Sie wissen, wie Reiffenstein Hagedornen nachpapageit: erst die Carracci, dann Raffael, dann vom Herakles Farnese hinan zum Apoll, – dann den Apoll so lange nachgezeichnet, bis ihn die Hand im Schlaf nachreißen kann! Ich habe Ihnen auch erzählt, wie mich die ›Horatier‹ Davids auf die geklügelte Idee brachten, wir Deutschen sollten, sobald wir nur die Antike und die Nach-Renaissance studiert hätten, unsere Vorwürfe in der deutschen Historie suchen. Und Sie sehen jetzt, wie ich, kaum ein Jahr nach diesem famosen Einfall, schon wieder an einer antiken Fabel mich abschinde.« In Feuer geredet hatte er sich; aber mit zweckvoller Absicht. »Sie hingegen pfeifen auf die Motti und Richtungen, springen einfach so, wie Gott Sie geschaffen hat, hinein in das Wasser des Lebens, und warten lächelnd ab, welche von den unzähligen Wellen . . .«

» . . . mich verschlingen wird! Richtig!«

» . . . Sie zuletzt zurücktragen wird.« Ja! Nur tapfer! Nur eifrig! Jetzt galt es! »Und diese Sicherheit des eigenen Selbst, – wie Sie die nämlich errungen haben, – das steht in der ›Iphigenie‹. Nicht unterbrechen jetzt, bitte!« Bei Zeus! Einer mußte den Mut haben, in dies wandelnde Pulverfaß den Funken zu werfen, der es aufriß. »›Die schöne Gewalt einer disziplinierten Griechin über die düstere Blutwelt eines Barbaren, und die Raserei eines Verdammten‹ werden die neunmal Schlauen sagen. Die Kleinstädter eine Frau erkennen, die ein unziemlich wildes Männerherz zur Konvention zurückbändigt.« Blitzschnell, damit rasch und viel Lärm entstünde in der notwendigen Pause, schlug er die Hand auf das Knie. »In Wirklichkeit aber ist nichts anderes dargestellt als: der Triumph der reinen Seele über die Finsternisse ihrer eigenen Vergangenheit und die Wirbel ihrer Gegenwart; freilich: einer Seele, die von einer ebenbürtigen geliebt wird.«

»Eben ein griechischer Vorwurf!« Wie Peitschenhieb sauste das Wort. »Kat' exochen griechischer Vorwurf!«

»Das Kleid« – ruhig Blut, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein! hämmerte Tischbeins verwegenes Herz – »das Kleid ist griechisch. Aber der Inhalt deutsch. Denn Orestes sind Sie! Ich weiß von Ihrem Leben nur, daß Sie berühmt sind. Aber ein Maler, der Sie auch nur ein einzigesmal sah und darnach nicht weiß – wenn er das liest, – daß da ein verzweifelter Mensch sich in das griechische Meer werfen mußte, – nicht: werfen wollte! – um die Erlösung von allem Irrtum an der Brust der Wahrhaftigkeit zu finden, – dieser Maler ist ein Dummkopf! Sie dürften – verzeihen Sie! – von Griechenland im besten Fall nicht mehr gewußt haben als ein Gelehrter, der jeden Stein in Griechenland kennt. Und trotzdem: nur weil Sie im ungriechischesten Weimar Reue über so manche Schuld, Bitterkeit über so manches, was sich ganz anders fügte, als Sie ersehnten, gelitten, und daher auch alle Schrecken der Unklarheit über die Richtung des Stroms, dem Sie sich anvertrauen sollten, gekostet hatten, – nur deswegen geht Orestes, von den Furien gejagt, so urgriechisch über die Böden des urgriechischesten Griechenlands . . .«

»n . . . ach Tauris!«

»Und nur weil Sie zum erstenmal das Unerreichbare liebten«, fuhr Tischbein völlig unbewegt fort, »und sich heroisch jede List abkaufen ließen, mit der Sie es fügsam machen wollten, hat Orestes das Wunder erleben können, daß die Erinnyen wichen und . . .«

»Ist Ihnen nicht zu kalt?« stand Goethe kurzweg auf.

Ohneweiters folgte Tischbein. Eine Weile lang, fremd aufgereckt jeder gegen den anderen, standen sie sich Aug in Aug gegenüber. Bis Tischbein, ohne jede Wehleidigkeit, den Fuß hob und ausschritt.

»Haben Sie Nachricht von Hackerten?« fragte Goethe endlich.

»Nein.« Kühl warf Tischbein das Haupt empor; sie standen vor dem Palazzo Venezia. »Und nur, weil Sie dies Unerreichbare – das wollte ich noch sagen – zur Anerkennung der Wahrhaftigkeit auch in der Liebe zwang, und das ist: zur Anerkennung der höchsten Forderung in Ihnen wie in ihm, – und das wieder – entschuldigen Sie! – ist: zur Anerkennung der Tugend überhaupt, – nur deswegen ist Iphigenie der Geist geworden, der – für Sie! – das Land der Griechen mit der Seele sucht: die große Lenkerin eines großen Lebens! – Nehmen Sie mir's nicht übel! Ich mußte Ihnen das sagen.«

Feindlich, ohne ihn anzusehen, reckte Goethe die Hand aus. »Sie gehen heim? Ich bleibe noch.«

»Gute Nacht denn!«

»Gut' Nacht!«

Erst die Peitsche der tobsüchtigen Nächte nach jenem furchtbaren Briefe! Dann das Gespenst dieses Moritz, das mit blutgierigen Händen die Wunde aufriß! Und nun noch – wie dem Leib der Rache starrte er dem Mann nach, der ins Finster zurückschrumpfte – dieser pfeilsicherste aller Schützen! »Die große Lenkerin eines großen Lebens!!«

Fassungslos brach er in Tränen aus.

Blöden, geschüttelten Schritts, durch die enge via Marforio kam er in den campo Vaccino hinaus. Weh in allen Knochen wie nach einer mittelalterlichen Pilgerfahrt suchte er nach dem Fleck Staub, der ihn aufnehmen sollte. Sank er zuletzt, nach ewigem Irrgetaumel in ewigem Kreise, auf einen Trümmerhaufen nieder, am Fuß der verbauten Säulen des Concordiatempels. »Was, was, was ist zu tun?«

Gleichgültige Stille des Grabs rundum.

»Ich komme nicht los von ihr!« Trostlos lehnte er das Haupt an die unwissende Kälte des Steins. Ließ die Füße scharren im gleichgültigsten Schutt aller Schutte. Wetzte mit den gereizten Nägeln im aufkreischenden Tuch seines Mantels. »Sie weicht einfach nicht! Sie bleibt einfach da! Sie gehört bereits zu mir! Ich bin schon der ihrige!« Nur die lächerliche Nichtkenntnis seines eigensten Ichs bewies es, daß er bereits aufgeatmet, schon gejubelt hatte: der Magnet, er – versagt! Ha! Jetzt erst, da sie ihn mit deutschen Worten zurückwies, nicht nur, wie sonst, die Flamme seines Leibes zurückwies, sondern auch die unmordbare Glut seiner Seele, weil er sie leichtfertig, in der lüsternen Überzeugung, sie sei endlich ersetzbar, verlassen hatte, – jetzt erst zog dieses Weib an wie Magnet! »Ich reise!« Auf sprang er, hinaus in die Wüste und durch die Wüste. »Ja, ich reise! Die Hauptstücke sind gesehen, der erste Durst ist gelöscht . . . . . .«

»Ich bin und bleibe ein Philister!« Grinsen mußte er. Ein Lichte hatte ihn plötzlich getroffen und abgezogen. Ein Lichtlein, das aus der kleinen, würfelförmigen Hütte am Strunk der Phokassäule heraus in den Schutt schimmerte. Heimlich winkte es durch die Nacht. Die unnahbare Glanzpracht des grenzenlos gewölbten Himmels stieß sein rastloses Herz ohne Erbarmen zurück. Die fahle Weite des Felds, das wie unordentlicher Friedhof mit allen Formen toter Ruine hinabgähnte bis an den Titusbogen am Olivetanerkloster, wehrte mit dem Leichentritt ewig verstorbener Zeiten seine händeringende Bitte um Zuflucht ab. Der Palatin, gegenüber den unregelmäßigen Fronten der Kirchen Santi Martino e Luca, Sant' Adriano, San Lorenzo und Santi Cosma e Damiano schüttete ihm den Berg seiner Trümmer, wie um ihn zu erschlagen, auf den friedlosen Scheitel. »Da bist du nun, Mitgenosse der großen Ratschlüsse des Schicksals«, höhnte in seinem Rücken kannibalisch der Fels, der das Heiligtum Jovis getragen hatte und nun mit erbärmlichem Riff in den unveränderten Himmel emporbleckte, »und plärrst nach dem Schätzchen in Deutschland!« Dieses Lichtlein hingegen, dieser Funke – streichelte! Liebkoste. Erzählte von einem stillen Haus in einem stillen Garten. Von Abenden, die in der guten Hut festgefügter vier Wände . . . .

Erschrocken fuhr er zusammen. Die Gestalt eines Menschen vor ihm! Der giftgrüne Schleierzipfel um den turbanartigen Haarschmuck verriet die Dirne. »Komm!« lockte heiser aus dem verborgenen Gesicht herab die weltbekannte Stimme. »Laß dich lieben!«

Keuchend schlich er zum Trümmerhaufen zurück. Heraus, heraus, heraus aus diesem Opium von Netzen! Mit gezielter Hand, nichts mehr als Wille, sich mit gesporntem Verstand von diesen Nebeln freizumachen, griff er den Stein an, worauf er saß: die geborstene Trommel einer Säule. Folgt das Gehirn noch? Es folgte! Leicht zog es den Faden von diesem gesuchten Augenblick zurück zu jenem unwillkürlichen, da eine sanfte Vestalin im weißen Peplos am Schaft dieser Säule gelehnt und ihr enges Römerherz, bar jeder Ahnung vom Nachzittern dieses Herzschlags in so ferne Zukunft, dem Triumph entgegengebebt hatte, der die via sacra aufwärts rauschte. Eisern, während seine Finger immer leiblicher griffen, hielt er das eisern erzeugte Gefühl der Wollust fest, das Gerinne der Zeit zu greifen; das Wunder der Tatsache, daß tote Dinge die lebendigste Folge denkgierigster Gehirne lächelnd überdauern. Fast lächelte er. Man bekommt sich immer wieder in die Hand! Plagt der Verstand, dann macht man sich rasch eine Woge Gefühl. Plagt das Gefühl, – rasch einen Schuß Denken! »Hab ich dich wieder,« – fromm und herrisch zugleich frohlockte das Auge – »hab ich dich wieder, stete Kraft, mit einem Blick, einem Griff die ganze Welt zu erspüren?« Eine Sekunde darauf jedoch, – und er hatte nichts! Die Spannung des Himmels nur noch spottender entrückt. Die Wüste noch öder. Die Trümmernis noch bleicher. Die eisige Gebärde allum: weg von uns! noch deutlicher. Der Strahl des Lichtleins aber, das aus der Steinmetzenhütte leuchtete, . . .

Als ob es aus der Ackerwand käme!

»O Lotte! Lotte! Lotte! Lotte!« Im Triumph stürzten die Tränen nieder auf die frierenden Hände. Angst wie ein Riese überfiel ihn. Hatte er nicht de- und wehmütig gebettelt um Verzeihung? In flehentlichen, knabenhaft inständigen Briefen? Aber er mochte die Hände ringen, soviel er wollte, – sie schrieb nicht mehr! Vergab nie mehr! Auch Karl August hat noch nie geschrieben! Auch Amalia, Louise, Knebel, – nie noch! Nein, kein Zweifel! Er war in Acht und Bann da oben! Mit Hagelwolken, zorniges Gewitter von gezielter Strafe, wanderte der Blitz von Deutschland herab jetzt auf sein ungetreues Haupt! Ohnmächtig ballte er die Fäuste. »Wie aus einer verwanzten Herberg bin ich ihnen ausgebrochen! Wie von klebrigen Verwandten abgepascht!« Was? Daß er niemals mehr der einzige Mann im ganzen Herzogtum Weimar sein würde, – »ich ertrag' es! Werd' es tragen! Muß es tragen!« Aber daß der einzige Mensch, der den Schlüssel in der Hand hielt zu Allem, was er war und noch nicht war, von Anfang bis zu Ende, ihm die Rückkehr jetzt abschnitt, nur weil er – dummer Übermut! – für ein paar Monate Ausblicks und Umblicks dem Herzen den Geist entwinden gewollt hatte, . . .

»Komm!« Wieder wehte der giftgrüne Schleierzipfel. »Komm, laß dich lieben!«

»Geh!« schrie er; bang stob das drängende Weib zurück. »Die große Lenkerin eines großen Lebens!« O! War er nicht schon wochenlang herumgepilgert da wie der gehetzte Fremdling, der endlich beten darf: »Hab ich dich endlich, einzige Heimat!« Hatte nicht jeder Stein ihn schon angelacht, als wären sie zusammen im Paradiese wunschloser Kindheit aufgewachsen und könnte nun, da der einst Ausgestoßene zurückgekehrt war, das goldene Tor sich niemals wieder hinter ihm schließen? Und jetzt? Wenn er allein da weiter bleiben mußte, mutterseelenallein, weil der Gedanke: niemals mehr darfst du zu ihr zurück! das Paradies zur Hölle machte?

Wie eine drohende Waffe riß er das Haupt empor. »Zur Hölle?«

Lachen befahl er sich um den metallenen Mund. Laß dich nicht schimpfen, Auge, lachte er. Und wahrhaftig: nur weil dies rettunggierige Auge so befahl, im Nu, von ihren Sockeln losgebunden, stiegen alle Ruinen von Rom, alle Kuppeln, Kirchen, Türme, Säulen und Paläste von Rom herab ins Feld, das dies gereckte Auge beherrschte, und stellten sich, eins nach dem anderen: Sankt Peter, San Giovanni in Laterano, San Paolo, Santa Maria sopra Minerva, San Pietro in Montorio, San Pietro in Vincolis, Santa Maria Maggiore, San Elemente, San Lorenzo, der Quirinal, der Vatikan, das Pantheon, die Thermen Diokletians, das Septizonium, der Tempel der Minerva Medica, der Tempel des Janus, der des Romulus, halbnachtblau jedes und eingehüllt in Doppelwesenheit von Wirklichkeit und Wahn, zum lückenlosen Kranze um das Feld auf. Und standen kaum, als aus den Hallen, Loggien, Toren, Fenstern, Luken, Löchern ihrer Runde die weißen Marmorleiber der Götter und Heroen traten, mit freien Gliedern in den Sand herabsprangen und vor den Schwellen, Stufen, Schranken sich zum Saume ordneten. Alle waren sie da: die Hera Ludovisi, die Minerva Giustiniani, der Zeus von Otricoli, der Marsyas, die verwundete Amazone, der Antinous, der Torso Farnese, der Herakles Farnese, der Apoll vom Belvedere, der Apollo Musagethes, der Apollo Sauroktonos, Elektra und Orestes, in aufgeregtem Hin und Her, dahin und dorthin Flüstern, Rufen, Fragen, Nicken, als müßten sie die Wonne des Erwachens eilfertig auskosten, bevor das Geheiß des fremden Auges sie in die Starrheit wiederkehren hieße, bewegten sie sich gegeneinander, genossen Tritt, Schritt, Armheben, Winken, Tänzeln, – und wichen plötzlich, wie auf ein Zeichen, auf ihre Plätze zurück. Im Vatikan, der sich genau vor den Fels des Kolosseums gestellt hatte, war das Tor aus dem Damasushofe aufgegangen. Zwei Männer, während die Statuen demütigen Gehorsams ihr Los erfüllten, Balustrade zu sein, stiegen bedächtig in den Campo Vaccino nieder und fegten ihn gierig, mit ungeheuren Besen, zur blanken Tafel aus. Hatten diese wilde Arbeit gerade beendet, als aus der damastüberhangenen Pforte neben der Scala regia ein Heer von Pagen, Dienern, Läufern, Chorknaben in den Zirkus floß, sich vor den zwei Männern zum Halbkreis scharte und, Flamme auf den Lippen, sie zum Werk aufrief. Die zögerten noch. Mit ruhig ausgestrecktem Finger wies der Ältere von ihnen, ein finster hoher Graubart mit zerbrochenem Nasenbein, nach dem Chor von Malern hin, die, als wären sie von Urbeginn schon hier und nur noch nicht bemerkt gewesen, an der Arbeit saßen. Fleißig, wortlos, fern diesem Augenblick, malten sie Gemälde um Gemälde zum üppigen Teppich, der in ungebrochenem Prunk von den Füßen der Götter und Heroen hinab ins Feld, knapp bis an den Rand des sorgsam ausgesparten Mittelraums im Felde rann. Frà Angelico, Giotto, Sandro Botticelli, Filippino Lippi, Domenico Ghirlandajo, Cosimo Roselli waren das; und Luca Signorelli, Perugino, Pinturicchio und Melozzo da Forlì. Von Blitz zu Blitz des fremden Auges, das ohne jede Pause weiterschuf, belebter, in jedem ihrer wunderbaren Steine ruhiger und klarer schauten die Tempel, Kirchen und Ruinen zu; von Strahl zu Strahl beseelter und entfesselter die Statuen, deren volle Ewigkeit kein Antrieb mehr, zeithaft lebendig aufzuzucken, noch versuchte. Bis die Maler, mit einer einzig einigen Bewegung, Palette und Pinsel weggetan, vom fertigen Werke weggetreten, nach tiefer Beugung vor den zwei geduldig Wartenden auf schnellen Treppen durch rasch bereite Tore aus der Mauer zogen. Nun trat entschlossen Michelangelo in die Arena. Ein sanftes Lächeln, – lächelnd folgte Raffael. Dicht beieinander, in der Mitte des freien Felds, schienen sie, mit zweifelndem Blick nach Norden hin, zu fragen: und unser Dritter? Da stieg, Leuchtampel niegesehenen Lichts, der volle Mond vom Turm des Kapitols auf in die Himmelshöhe. Schaukelnde Weile, tatenlos und bang wie Morgengrauen, schwang durch die Luft. Ein Schrei jedoch, – woher, und was begehrt er? – und Michelangelo und Raffael malten! In atemloser Gier! Aus Nichts wuchs unter ihren kaum bewegten Händen, die nicht zu ahnen schienen, was sie taten, Bild auf Bild. Gesprengt zerbrach der Raum, der sie empfing, die Maße. Mond und Sternen untreu, in luziferisch fahle Tiefe stieg der Himmel, lautlos verschmälert schwebten Gott und Götter nieder. Mit Knall und Beben barst die Erde; wie Blut, das gurgelnd aus entladenen Brunnen quillt, spie sie in unaufhaltsam schießender Geburt das Schicksal – jedes Schicksal – aller ihre Kinder aus. Blöd hingezwungen stand der Ring der Tempel, Kirchen und Ruinen. Wie Väter, die ihren heißgeliebten Geist im Antlitz ihrer Kinder wiederfinden, mit neidlos rundem Blick die Statuen. Bis – Saite, die der Gier des Streichlers nicht mehr widersteht, – Apoll den Bogen sinken ließ, sich mit verzücktem Leibe weit nach vorne riß und weit hinausrief: »Ecce Roma!« Im selben Augenblick: Galopp von Rössern, Trommel und Posaunen! Die Mauer rundum wird von Lärm berast. Ein Backstein, bröckelnd, bricht aus ihr. Das Loch wird Bresche. Ein Rappe, sporngehetzt, springt über. Legionen stürzen toll herein. Die Bresche wird zum Tor, das aufklafft. Gewälze, Wogenprall, und Schwall auf Schwall: das Volk! Noch immer Volk! Mit Kindern klettern Greise; Hirten mit Gesalbten. Noch immer Volk! Gequetscht von Volk und Volk und wieder Volk, halb lächelnd: Romulus und Remus mit der Wölfin; die Könige, die Senatoren, Konsuln; die Zäsaren, Päpste; in wildem Zickzack, sorglos Arm in Arm, empörter Pöbel, Sklaven und Barbaren; Blutzeugen, Hohenstaufer, Pilger, Ritter, Mönche. Und alle, rasend: »Ecce, ecce Roma!« Kein Stein mehr schweigt. Der Raum bricht auf. In Wucher steigt rings um den Zauberkreis Zypressenturmwand, Pinie schaukelt dunstblau, der Zedern Fächeln weckt die Rosen auf, von Simsen klettert Ginster, säulenauf der Mohnbrand, aus jäh gespaltner Höhe sinkt der Urlaut, – und Urlaut, Frühling, Zauber, Paradies, in eitlem Einklang jauchzen sie zum Aug, das sie gepeinigt anstarrt: »ecce, Roma!«

»Fort!« Klappernd sprang er auf. »Fort! Fort von da!«

»Komm!« gaukelte zum drittenmal der giftiggrüne Schleier. »Laß dich lieben!«

»Fort!« Ekel, unerträglich, jagte ihn hinweg. »Fort! Fort!« Auch diese Vision war ja nur Rache! Alles, was er seit Wochen erlebte, nichts als Rache! In teuflisch voller Fülle, Folge vergalt das Schicksal ihm mit Rache! Alles rächte sich jetzt! Alttestamentarisch! Und mit Recht! Wahnsinnig flog er durch das Dunkel. Über Stock und Stein. Stürzte. Erhob sich; fiel wieder. Stand wieder auf. »Wie man Verdammnis schon auf Erden leidet!« Deshalb, um dieses »Wie« zu erkennen, – im Herzen zu erkennen, war er hierher getrieben worden! Mit einem Dornstrauch im boshaft niedrigen Tor des Severusbogens rang er. Blutend kam er hervor. »Ja: im Herzen!« Jetzt nämlich schrie dies Herz darnach, daß es nicht einsam sei. Nachdem es hundert brennende Herzen kaltlächelnd verlassen hatte! Friederike! Lottchen! Maximiliane! Lilli! »Und hundert andere!« Wie sie sich alle verzweifelt gewehrt hatten gegen sein schimmerndes Räuberwesen! Und wie er, sobald sie ihm hingereicht hatten, was sie zu innerst und nur für einmal besaßen, rücksichtslos davongegangen war. Jedesmal! Neuen Rauben entgegen! Und wie lange, – zum Beispiel, – hatte er seine Mutter nicht mehr besucht? Und wie seinen morosen Vater genannt? Und wer war am Tage nach Corneliens Tode gemütlich zu Hofe gegangen? Und trotzdem . . .

Scheppernd, vor dem traurigen Finger der Phokassäule, machte er halt. Trotzdem war dies Alles nichts gegen die schamlose Flucht vor der Einen, Einzigen, Niemehrzuversöhnenden . . . . . .

»Du!« schrie er gefoltert in die Nacht hinaus und umklammerte das Eis der gefrorenen Säule. »Du! Du! Du!«

Ein Schrei antwortete ihm.

Sofort erkannte er ihn wieder. Es war derselbe Schrei, der so schrill aufbegehrt hatte, als – vorhin – Michelangelo und Raffael ihr Werk begannen. Woher kam er?

Da, wieder, schrie der Schrei. Im Nu, ohne zu wissen, was ihn so triebsicher von der Säule wegriß, nahm er die Arme von der Säule herab; der Schrei kam aus jenem Fenster im Steinmetzenhause, das als das einzige in dieser Totennacht leuchtete. Und schrie jetzt wieder!

Und jetzt noch einmal! Bewußtlos, wie durch hallenden Tag, setzte er über Gräben und Blöcke nach abwärts. Mord? Notzucht? Rachetat? Schaudervolles? Aber er war kaum auf Rufnähe an das Häuschen herangekommen, als er mit einem »Ah!«, das ihm fröstelnd den Rücken hinablief, stehen blieb. Was da so schrie, – war ein Weib, das gebar! Wie ein Baumwipfel, dem das Messer eines Samaritaners die Schlinge der Waldrebe zerschnitten hat, schnellte der geduckte Leib in die Höhe. Und grenzenlos ward im Nachbeben des Schreis die Wüste, durch die der Schrei wimmerte. Lautlos fielen die drohenden Ruinen des Hintergrunds um im Anprall des Schreis. Die unnahbare Gebärde des Himmelsgewölbes nahm ihn wie eine Mutter das Kind auf und reichte ihn verwandt weiter den Sternen. Spielend durch die Täler zwischen den sieben Hügeln reiste er. Weit und bereit, so oft er ankam vor einem Tore von Rom, tat dieses Tor sich ihm auf und ließ ihn freundlich hinaus in die Freie der Fluren. Von den Schwellen dieser Flur aber, ohne in Norden, Süden, Osten oder Westen der Nähe oder Ferne noch ein Gebirge zu finden, das seinen Weiterflug aufhielt, rief er die Botschaft seines drangvollen Wehs hinaus fessellos in alle Weite der Welt; und die Toten in allen Gräbern, die Lebendigen in allen Betten des Schlafs und allen Strudeln des Wachens, die Samenkörner aller Erde, die kreisenden Säfte in allen Bäumen und Tieren und die eingeschlossenen Seelen aller Steine, – Alles, was geschaffen war, hörte ihn!

Am dankbarsten aber dieser lauschende Mensch! Vorsichtigen Tritts, daß er nur ja keinen der wachsenden Schreie überhöre, die mit schlagenden Wogen das erlöste Herz umbrandeten, schlich er dem Fenster nahe, aus dem der Schrei rief. Revolution schien der Schrei jetzt zu schreien. Alles, was das Weib, das da hinter dem Ölpapierfenster gebar, an Wonne genossen hatte, wurde von ihm selber verdammt! Alles, was sich mit schwellender Werdekraft seit neun Monaten in diesem Leib, der sich geworfen da wand, geregt hatte: Hoffnung und Inbrunst der Mutter, – freventlich verleugnet von ihm! Unfähig, nur ein einziges Wort gegen diese Ketzerei da zu stammeln, weil ja jedes nur gestehen konnte, daß er gezeugt hatte, aber nicht gebären mußte, stand der Mann vor dem ächzenden Bette; verurteilt zum ewigen Mannstod. Aber nicht genug damit! Auf habgierigen Leitern, irrsinnig eilig, kletterte der Schrei hinauf in die scheinbar schuldlosen Lüfte, schürfend durch Schächte hinab in die scheinbar unschuldigen Keller der Erde, rüttelte in Höhe und Tiefe mit barbarischer Wut an den Toren des Schmerzes, forderte alle Dolche des Hasses, alle Keulen des Schimpfes, alle Prügel der Schande, alle Wollust der Henker, – alle Folter aller Teufel herab und herauf. Am besessensten aber den Tod! Ja, als ob er sein Kind wäre, oder sein Vorbote, sein Ahne, sein geborener Bekenner und Jünger, fanatisch rief er den Tod! »Wehe!« schrie er mit geiler Verlachung dem Leben nach, das da werden wollte aus dem gegeißelten Leben, – und: »Ave!« dem Retter entgegen, der alle Lüge der Lust zerfraß und aller Gefoppten schweißtriefende Qual in die Rast voller Leidlosigkeit löste. »Wann kommst du, Geliebter, einzig Ehrlicher, einzige Wahrheit?« hinein in alle Gräber des Wassers, der Luft und des Feuers und der Erde; »wann, einziger Gott?« Und der Boden erbebte, die Steine erseufzten, ein geisthaftes Echo zerbarst in den Felsen des Palatins; und drüben, auf der Velia, erstand . . .

»Ah!«

Todesstille!

»Es ist geboren!«

Ja: Es – krächzte.

Und der Schrei war gestorben.

Langsam, zitternden Gemütes, wie ein Hirte von Bethlehem, schlich Goethe um das Haus herum. Dreimal. Sechsmal. Zwanzigmal. Das Kindlein krächzte. Man hörte es vorm Fenster, beim Ziegenstall, auf dem Rasenfleck, an den Hintermauern, und auf der Schwelle. Es krächzte wie ein eben geborenes Tierlein. Es sah noch nichts, hörte noch nichts, stieß nur die dummen Händchen irr in den ersten Raum seiner Welt hinein und krächzte. Wimmerte. Blökte. Hustete ein bischen. Dann wiederum: »Krääääh!« Zum dreißigstenmal schlich Goethe um das Haus herum. Wer nur hinein dürfte! Zum vierzigstenmal huschte er am Fenster vorbei. Wer nur hinein dürfte! In unbezwinglicher Sehnsucht ans Fenster zurück! Durstig steckte er den Kopf durch das Gitter. Tastete nach einer Ritze im Ölpapier. Ja! Er mußte diese Mutter sehen! Diesen Vater! Dieses Kindlein! Wenn er ganz einfache ohne zu überlegen, schamlos beherzt, nur ein Mensch, der den Menschen umarmen will . . .

Wie ein ertappter Einbrecher prallte er zurück; das Tor war aufgerissen worden; ein Weib, im tanzenden Lichtschein, stand auf der Schwelle.

»Ist alles gut gegangen?« stieß er ohne Stimme hervor.,

»Jesus Maria!« Im steifen Schreck fiel dem Weibe der große runde Brotlaib aus den Händen.

Eilig hob er ihn auf. »Bub oder Mädel?«

»Bub.«

»Gesund?«

»Über neun Pfund.«

»Und – sind sie froh?«

Getreten – was wollte dieser Fremde in der Nacht da? – kroch das Weib in den Flur zurück. »Sior Pero!« rief es, von der Angst an den Pfosten gebannt, in das Haus hinein. Aber der Sior Pero stand schon da! Groß und breit. Plötzlich, mit donnerndem Baß, fragte er: »Was ist?«

»Ich möchte nur . . . . . .« Es mußte überwunden werden! Er sei zufällig, stammelte Goethe, puterrot vor Scham, zufällig heut Abend in den Campo herabgekommen und habe an die zwei Stunden lang dieses schreckliche Schreien gehört. »Ist es Euer Erstes?«

Einen blöden Laut tat der Mann.

»Und ist sie recht froh nun?«

Ha! Das freilich war ein anderer Schrei! Lachen und Weinen, Dummheit und Weisheit in Einem tanzten im verzückten Gesichte des Vaters: »Poveretta! Angiolina!«

»Und wie soll es heißen?«

»Giovanni!«

»Und was für Augen?«

»Kohlrabenschwarze!«

»Und Haare?«

»Massa! Sior! Che massa di cappelli!«

»Und – hat sie ihn schon bei sich?«

»Und wie!«

»Und: ähnelt er ihr?«

»Mir!« Wie der Triumph aller Männer über alle Chöre aller vergötterten Weiber klang's. »Mir! Wie nach mir geknetet! Die Nase zum Beispiel . . . . .« Er hatte bis heute noch niemals gewußt, was für eine Nase ihm unter den Augen säße. Jetzt wußte er es. »Das Bein, – dieses Bein da ist schon an der Wurzel scharf wie ein Messer! Ich bin nämlich Steinmetze, müssen Sie wissen. Und wenn Sie mit dem Finger da heraufgreifen, – greifen Sie nur zu! Was? Nicht den geringsten Buckel hat diese Nase! Die seinige aber . . . .« Als ob ihm ein ungeheurer Einfall gekommen wäre, setzte er ab. Schob sich die fremde Hand von der Nase. Zuckte einen Blick auf das Weib hin, das noch immer starr am Pfosten klebte. Atmete schwer: soll ich, oder soll ich nicht? Plötzlich – traf ihn das feuerheiß bettelnde Auge des Fremden. »Warum denn nicht?« lachte er, im Nu überredet; »natürlich, kommt einfach herein und schaut ihn Euch an!«

Ach, der Fremde tastete sich schon durch die Nacht der Bocca di Leone heimwärts, und stand doch immer noch neben dem berauschten Vater! Auf den Zehenspitzen, und schaute durch den geizigen Türspalt auf die fremde Mutter und ihr Kind hin! Weiß und still, gebettet von Engeln, lag die Mutter da. Als hätte ihr der Himmel selber das Kindlein herabgelangt, das Kindlein im erfüllten Arm. Die Pein dahin. Die Furcht vorbei. Das Denken tot. Lebendig nur noch: Liebe! Liebe! Liebe!

»O, du geheime Nacht!« Wie frei schlug nun das Herz! Das Blut! Zurückgerettet aus dem Engpaß des eigenen Jammers in das weite Tal des Daseins, das alles Lebende und Tote in gemeinsam sanftem Strom von Anfang an das Ende, vom Ende zu neuem Anfang hintrieb! Rom, als volle Harmonie, erschien dem Auge wieder; ruhig im Norden, mit festgebreiteter Erde, schlummerte Deutschland; vom Zorn geheilt schon, Zukunft träumend, Charlotte. Nur Mensch sein mußt du immer wieder! Wo immer du gehst, reckt sich der Finger Gottes dir entgegen. Vergiß dich selber, und du hast die Welt. Und wer die Welt hat, kann der noch verzweifeln? Tauch in den Quell hinab, aus dem wir Alle trinken! Steig in den Kern hinein, in dem wir alle wurzeln! Und du bist Alle, und in Allen du! »Natur! Nichts als Natur! In Allem nur, – was ist?« Betroffen blieb er stehn. In der via Condotti. Was schreit denn wieder so? Was klagt so sterbend? Aus dem Korso herein schossen Blitze von Licht. Erloschen wieder. Flammten wieder auf. Plötzlich: mark- und beinerschütterndes Gebrülle. Ganz in der Nähe. Wie eine Fliege, wehrlos, von einem Strudel gehetzter Menschen ward er an die Wand gepreßt. »Haltet ihn auf!« heulte es wie besessen. »Er kommt auf den spanischen Platz aus!« toste es wütend zurück. Pfiffe, Säbelgerassel, Kettengeklirre. An der Ecke der via Babuino schien die Jagd Kehrtum machen zu wollen. Mit verzweifeltem Kegel gaukelte eine Laterne über den gestauten Gestalten. Wirbel herein in den Gassenschlund; sausend hinaus aus der Gasse. Auf einmal, wie geplatzter Traum, stob der Kampf ins Unsichtbare zurück. Schnell entschlossen Goethe ihm nach.

Aber schon vorm dritten Haus an der Westseite des spanischen Platzes holte er ihn ein. Bis hieher hatten die Sbirren, um in der Eile nach dem Mörder nicht behindert zu sein, den Erstochenen keuchend geschleppt. Nun – der Erstochene röchelte Tod – ließen sie ihn nieder. »Bestia!« fluchten sie, im Ring um ihn, bis auf die Zähne bewaffnet; und spieen auf ihn nieder. Er war ein älterer Mann in mausgrauem Tabarro. Schreckvoll stand ihm der Mund offen. Ströme von Blut brach er aus. Über der zerschundenen Stirn, die aus rissigem Elfenbein gemeißelt schien, auf dem krampfhaft zuckenden Kinn unterm Knebelbart, in den Fingern, die in panischer Angst die Brust krallten, stand furchtbar die Nähe des Todes. »Der Tiger der Suburra!« erklärte der Anführer der Sbirren, den roten Roßschweif auf dem Theaterhelm, kannibalisch stolz der Menge, die immer dicker aus allen Winkeln herzuströmte, und biß hungrig in eine Wurststange. Als er den zweiten, knackenden Biß tat, – das Röcheln des Sterbenden schwelte wie beizender Rauch zu ihm aufwärts – rief eine rutendünne Stimme: »Er verlangt den Beichtvater!« Mordsgelächter prasselte in der Dunkelbläue auf. »Ist's lustig nun, abzukratzen?« stieß ein Weib, dem die drei letzten Zähne wackelten vor Wollust, den Röchelnden in die Seite. »Magari auch der heilige Vater kann dich nicht lossprechen!« stocherte ein Krüppel mit dem dreckigsten aller Stelzbeine der Welt um ihn herum. Wiehernd wälzte sich, auf das hin, der Kranz der Gassenbuben. Wie kitzelnde Fastnachtsschlangen zuckten die langen Nasen aus ihren geilen Gesichtern auf den Sterbenden herab. Ein Käsehoch von nicht zehn Jahren hob ihm, während die Sbirren wie fixe Taschendiebe seine Säcke leerten, die stocksteif einfrierenden Füße in die Höhe und machte sie in flinkem Sechsachteltakt das Pflaster klopfen. »Tonnino!« kicherte ein Fritterol, den Gassenherd auf seinem Buckel, und stachelte mit dem Rührlöffelstiel das tropfnaße Haar auf der Brust, die wie ein Blasbalg auf und nieder ging, »hat's dich jetzt, mein Liebling?« – »Il prete!« wimmerte mit letzter Kraft der Erstochene. – »Il prete!« Ekstase der Bewegung, nach allen Winden hin frohlockte die Gasse; »schnell, schnell den prete, er kriecht zu Kreuz!« – »Du!« hieb ihm der Fleischermeister von der via Convertite den Pantoffel in den Bauch, dumpf klatschte der Ton unterm Leder, »fünfzig und neun Jahre lang in allen Todsünden baden, was? – und dann, auf einmal, padre nostro winseln und . . .«

»Zum Teufel!« Wie eine Riesenfaust aus Zwergenfingern schoß Goethe auf; trieb mit gezielten Püffen das Gesindel auseinander. »Ist denn kein einziger Christ im ganzen Rom?«

Klappernd zurückgeflohen, wie ein Gespenst starrten sie ihn an.

»Wo wohnt der nächste Priester?« griff er wild in den Arm des nächsten Weibes.

Da war er schon! Ein Mönch! Die humpelnde Wohltäterfratze einer Betschwester zerrte ihn herbei.

»Ich bitte«, stieg ihm Goethe kurzwegs in die Kutte, »dieser Mann da . . .«

Aber er konnte nicht ausreden. Von der spanischen Treppe herüber, mitten in seinen Satz herein, sprang die lachkrampfgeschüttelte Stimme des entwischten Mörders und rief, nach Art der Gassenbuben, wenn sie an einem Asylplatz »Polizei und Mörder« spielen: »È chiesa? O non è chiesa?«

»Silenzio!« schrie der Mönch und kniete nieder.

»È chiesa,« frozzelte die Stimme auf der Treppe drüben zum zweitenmal. »O non è chiesa?«

Wie besoffen johlte die Menge. Also Chechino war der Mörder! Ihr geliebter, süßer Liebling! Im Nu Sturzbach von Sympathie zu ihm hinüber. »Wart' nur, Chechino! Wir machen dich schon frei! Sicuro! Wart' nur!«

»Un pò di vino!« schäkerte vergnügt der Mörder.

»Ti porteremo!« jubelte die Gasse.

»E tre pagnocche?«

»Ti porteremo!«

»Un letto, forse?«

Taumel des Entzückens! »E la madonna Linda?«

»Dov' è,« – wie Tauberschmachten kam's zurück – »dov' è la piccinina?«

Die Bäuche hielten sie sich vor Entzücken. »Er beichtet!« donnerte der Mönch im Boden, der feuerrote Arm, vom fallenden Kuttenärmel entblößt, schwang grell die Geißel.

»È chiesa, o non è chiesa?« frozzelte der Mörder meckernd wieder.

»Er hat neun wohlgezählte Morde auf dem Magen!« flüsterte der Sbirrenführer zum Mönch hinab.

»Und beichtet drei!« Drei Finger in der Luft, der Fritterol.

»Er beichtet – vier!« Die alte Vettel.

»Neun ganze, wohlgezählte, sag' ich!«

»Pst! Jetzt sagt er: sechs!«

»Coraggio, Toni! Uno più o meno . . . . . . . . . . .«

»Ah! Figura! Neun!!«

Da sprang der Mönch empor. Den Losspruch auf den Lippen. Und wies zur Erde.

»È morto!« lispelte verfärbt die Menge.

»È chiesa«, frozzelte die Treppe höllisch heiter, »o non è chiesa?«

»Drücken Sie ihm« – die Sbirren schoben ab, die Menge wich zurück, mit heißem Bauch, schweißtriefend wandte sich der Mönch an Goethe – »drücken Sie ihm die Augen zu?«

Mit Schwertblick: »Ja! Ich drücke ihm die Augen zu!«

»È chiesa,« – wie Perlenfall kam's von der Treppe nochmals – »o non è chiesa?«

Goethe hörte es nicht mehr. Mit strenggemessen raschem Schritt, die Stille einer Kirche in der Brust, ging er nach Hause. Angelangt, sogleich, den Hut noch auf dem Kopf, den Mantel um die Schultern, mit keinem vorschnellen Blick das ungeheure Leuchten streifend, das in ihm brannte, setzte er sich an den Tisch. Und schrieb. »Ich bitte dich fußfällig«, schrieb er, ohne nur ein Wort zu überlegen, »flehentlich: verzeihe mir großmütig, was ich gegen dich gefehlt, und richte mich wieder auf! Daß du krank warst durch meine Schuld, mein Scheiden und Schweigen, engt mir das Herz zusammen, daß ich dir's nicht sagen kann. Verzeihe mir! Ich kämpfte selbst mit Tod und Leben, keine Zunge spricht aus, was in mir vorging. Dieser Sturz hat mich zu mir selbst gebracht! Erleichtere mir nun meine Rückkehr zu dir, daß ich nicht in der Welt verbannt bleibe! Nichts in der Welt kann mir ersetzen, was ich an dir verlöre. Schon habe ich viel in meinem Inneren gewonnen, schon viele Ideen, die mich und Andere unglücklich machten, hingegeben und bin um vieles freier. Täglich werfe ich eine neue Schale ab, und hoffe als ein Mensch wiederzukehren. Hilf mir aber nun auch Du und komme mir mit Deiner Liebe entgegen. Ich habe nichts in der Welt zu suchen, als das Gefundene: das ist Alles, warum ich hier mich noch mehr hämmern und bearbeiten lasse!«

Und jetzt – ohne nachzulesen, unterschrieb er, siegelte er – jetzt: reulos vorwärts! Weiter! Ob sie nun antwortet oder nicht, und was, – »ich hab' getan, was mir das Innere befahl!« Die Schuld bekannt! Die Arme aufgemacht!

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