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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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VIII.

 

O wäre allgemeine Maskenfreiheit!
Denn Jeder auf der Erd' ist eine Maske:
Der Mensch, der Baum, die Lilie, die Wolke;
Die Sonn' am Himmel selbst ist eine Maske
Dann leider: eine stumme Königin;
D'rum halt' ich edler sie für eine Perle!

Im Hauskahn fuhren Colinet und Remi eine stille Fledermaus bis an den Garten des Palastes des Hochzeitvaters. Madelon winkte ihnen im Schatten der Bäume anzulegen; daß sie bis zum Anbruch der Morgenröthe sie still und unfehlbar da erwarten sollten, wußten sie schon.

Mit klopfendem Herzen betrat sie das Haus; Niemand achtete auf Jemand; alle Thüren standen offen, alle Zimmer strahlten prächtig erleuchtet, die Musik bedeckte das Geräusch, das Gespräch und Gegirr, das Wandeln und Tanzen mit fröhlichen Tönen, die unsichtbar in der Luft gaukelten, alle Augenblicke zu ganzen Scharen starben, unaufhörlich von plötzlich eben so vielen auferstandenen ersetzt, die wieder nach augenblicklichem Schweben und Schwirren verloschen, wie hörbare Lichter und Funken. Eben so wimmelte der Saal unter den wie Thautropfen in der Sonne funkelnden Kronleuchtern, von den schönen Mädchen und Frauen, die Wonne und Hoffnung der Männer und Jünglinge von Toulouse, die in ihren Masken ein sonderbares, doch liebliches Volk von irgend wo andersher aus einer noch wunderlicheren Welt erschienen. Einige lüfteten die Masken; Andere glaubte sie zu erkennen, da sie wußte, daß alle Parlementsräthe und die ganze vornehme Welt – die damaligen aufgeblähten, schimmernden, hohlen Seifenblasen der Stadt – zugegen waren. Unter den Tanzenden, so wie unter dem Gedränge konnte Génévion sich nicht befinden, eher wo unter einer ausgezeichneten ruhenden Gruppe. Daß Jemand sie selbst hier erkenne, durfte Madelon ganz gleichgültig sein. Sie fragte also einen dicken Herrn, den sie sogleich als den drolligen guten alten Polizeidirector, den Herrn von Argenson erkannte: Was hat denn die Polizei mit der Liebe zu schaffen?

– Hm! Nichts! antwortete er, und manchmal doch – mit den Folgen!

Sie erröthete unter der Maske, als wisse er ihren Zustand; dann fragte sie wieder: Wo sieht man denn die schöne Braut? .... oder Jungfrau?

– Maske, du inquirirst mich? Nun wohl! Dort unmaskirt führt Herr von Boissieux die garstige Braut und alte Jungefrau des nicht sehenden und kaum hörenden Herrn Schweizerbarons: die vorherige Frau von Choiseul. Fürsprache ist Alles, thut Wunder. Herr von Boissieux, um sie beide auf Fürbitte seines Herrn Schwiegervaters zu versorgen, hat sie mit einander – so frevelhaft zu sagen: verheirathet – und mit ihrem Erbe – ausgestattet; und der Herr Baron sitzt, so viel ich weiß, indessen bei Frau von Boissieux im Muschel-Cabinet bei zugemachten Thüren. Junge Weiber schämen sich – der Ehe!

– Wahrscheinlich hat Herr von Boissieux nicht wollen der älteste Bräutigam an der Tafel sein .... und will seine Gemahlin an seine Unterhaltung gewöhnen.

– Du bist ein Schalk, Maske! versetzte Herr von Argenson.

– Und Sie sind der wahre gute Polizeidirector, sprechen die Leute, entgegnete Madelon; Sie lassen das heute wenig sein, was morgen Nichts ist.

– Gehorsamer Diener! entgegnete er; das ist die umgekehrte Weisheit der ganzen Welt.

Jetzt drehte ihn eine Maske um, und Madelon schlich auf einem Umwege zu Génévion, fand sie, schauderte vor ihr und dachte: da sitzt sie denn wirklich im Brautkranz! vermählt, gelassen; dem höchsten Unglück nahe! Bei dem Schlag zwölf mit dem Fackelzug fortgeführt! ... Aber noch des höchsten Glückes fähig! ... Rasch, Madelon! Muth, Madelon!

Auf ihren Ehrencavalier war nicht zu achten, sie nahte langsam ihrer Génévion, kniete vor ihr hin, nahm ihre Maske ab und ließ sich erkennen.

Génévion legte ihr nur die Hand auf den Kopf.

– Ist dir denn Alles gleich, Alles?

– Treue Seele! war Génévions Antwort.

– Fürchtest du gar nichts?

– Doch! sprach Génévion. Es wird da etwas Ernst um mich – der Putz, die Glocken, die Gesänge, die Gäste, der Kranz, Madelon, der Kranz! der Kranz, den sie mir nahmen und zerpflückten! und ach, mein Nachbar – und sein Geflüster dazu in mein Ohr!

Madelon hörte, daß Génévion die Zähne klapperten und ihre Knie bebten, so daß die Absätze der Schuhe schnell auf und nieder sprangen. Sie verstand sie und dachte: O die Schamhaftigkeit ist die dem Weibe eingeborene heilige Ur – (sagte Endenté) – Katze der Aegypter; die Natur wäre ein Scheusal ohne sie. Sie erst entschuldigt und erlaubt dem Weibe ein Weib zu sein. Das Weib ist selber nichts, als sie und alles um sie nur Fleisch. Nur vor der Liebe zergeht sie mit Recht. Ihr Entweichen ist der Einbruch des Lasters; an ihrem letzten Funken zündet ein Weib sich noch wieder alle Kraft, alle Seligkeit an. – Und zu ihr gewandt, frug sie wieder:

– Liebst du gar Nichts?

– Eben nur Einen; nichts Anderes, du Gute, antwortete Génévion. Aber der Eine ist todt und so bin ich Nichts.

– Und du wärst Alles, wenn er lebte?

– Schweige doch nun! bat Génévion sie mit zusammengelegten Händen.

– Kind, Engel, Weib, ich muß reden, sprach Madelon noch leiser, aber mit herzdurchdringender anflammender Gluth. Die Männer warten im Kahn, dich zu ihm zu führen ....

– Ins Grab? fragte Génévion.

In seine Arme! – Er lebt! er lebt, er lebt! Wiedergekehrt .... krank, mit brennender Stirn sitzt er bei mir festeingeschlafen im Lehnstuhl. Hier hast du dein goldenes Herz, das du ihm ließest, das sein Herz ward! Er nahm es mit. Das ist das Zeichen: er ist wieder da, er lebt, er liebt dich, er will dich retten .... und kann nicht! Ich kann dich retten .... und du willst nicht! Unter einem Vorwand, daß dein Kleid dir aufgegangen ist, entfernst du dich, eilst an den Fluß; ihr entflieht in die Welt, da ist er dein, da bist du sein, Génévion!

Während dessen erzählte der alte Blinde immerfort seine angefangene Anekdote.

Madelon brach ab. Génévion hatte das Herz in die Hand genommen, erkannt und in ihrem Haupte war die ewige Liebe lebendig geworden. Zugleich der höchste Schreck, daß sie das Weib eines Andern sei – die höchste Freude und Sehnsucht nach ihm – das Alles vereint hatte das arme Kind überwältigt; ihre Zunge folgte ihr mehr zu keinem Wort, ihre Augen nicht mehr zu einer Bewegung, ja nur zu einem Blicke. Sie blieben starr stehen; die Lippen offen. Sie hatte ein halblautes Ach eingeathmet, aber den Athem nicht wieder aus. Rückwärts gelehnt, schien sie zu sitzen. Madelon fühlte ihr eilend Stirn und Hände an – sie waren kalt. Ja, Génévion streckte sich jetzt, daß Bänder an ihr platzten und Schnuren und Spitzen an ihr rissen. Dann war es still. Dann war sie still.

Madelon erschrak auch selber fast zum Tode. Sie wollte Hülfe schreien und konnte zu ihrem Glücke nicht. Der entsetzliche Erfolg ihres Wagnisses bestürzte sie, aber anders war keine Hülfe gewesen. Ein Billet hätte dasselbe gethan – oder nichts, wenn es aufgefangen, nicht gelesen, nicht geglaubt war. Ueber Gorans Anblick wäre Génévion gleich umgesunken, wie Madelon nun erkannte. Sie streckte die Arme hoch zum Himmel stumm empor.

Der alte Baron erzählte immerfort noch an seiner Geschichte.

Sie nahm, um ja nicht verrathen zu werden, die Schnur mit dem Herzen wieder von Génévion. Es mußte geschieden sein, wenn Génévion noch sollte wieder zum Leben geholfen werden. Sie legte die eiskalte Hand Génévions in die Hand des alten Mannes, der gewiß aufschreien und Lärm machen würde! Ehe der fröhliche Alte sich aber von so etwas Schrecklichem überzeugte, entschlich sie unbemerkt aus dem Muschelcabinet durch eine ihr wohlbekannte Tapetenthür, wo eine Treppe sie verborgen bis in den Garten führte, wo sie sich ausweinte, endlich faßte und zu bleiben beschloß, um zu wissen, ja mit anzusehen, was das Ereigniß für einen Ausgang genommen? Ehe sie aber zurück in das Trauerhaus ging, schlich sie zu den beiden Vertrauten und sandte sie heim, leise, leise.

Sie mußte aber wol längere Zeit bedurft haben, um zu sich kommen, als sie gemeint. Denn die Uhren auf den Thürmen schlugen zwölf. So hatte sie nie die Glocken schlagen gehört! Das waren andere Stimmen! Alles war ihr anders! Sie bedurfte allen Muth der Noth, um von sich selbst allein alles das abzuweisen, was sie nun sah und hörte, ob sie gleich zu betäubt war, um nur zu denken: daß auch dieses Geschehene bis in den vorigen Tagen, ja in den alten Zeiten und weiten Fernen gegründet und folgerecht aus ihnen fortgeleitet gewesen – daß sie es nur mit einem Funken aus ihrer Seele, aus ihrer Liebe entzündet, wie ein Funken ein Haus, wie ein Kind einen auf der Kippe stehenden schweren Eimer Wasser herniederreißt.

Dann vor dem Portal auf der Straße hörte sie da neugierig noch harrende Masken unter einander sagen:

Der alte Herr ist kaum der Mörder! Es muß doch Alles eine Ursache haben! Der hatte keine.

Was denn, Mörder? straft ihn ein Anderer Lügen. Es ist kein Untadel an ihrem Leibe, kein Ritzchen von einer Stecknadel! Aber so viel Aerzte da – und kein Mittel! Nicht ein Riechfläschchen! Wenn die Herren zu Weine gehen und Wein haben, was soll da andern möglichen Leuten mögliche Medicin!

Sie müßten auch ganze Feldapotheken mit sich schleppen! Ein Arzt ist auch ein Mensch und will einmal einen freien Tag oder eine freie Nacht haben, wo er nicht schwitzt, sondern spielt. Wer kann sich so viele Ohnmachten vorstellen? so viele auf der Treppe vertretene und getretene Beine – wenn Einer zur Hochzeit geht, geschweige mehrere Hundert! sprach ein Dritter.

Und der Vierte sprach spöttisch: Sie waren auch alle wie weggestoben, die Damen und Herren! Erst die artigsten und verbindlichsten Affenschwänze und Meerkatzen – dann ein Unglücksfällchen, ein Todesfall – und auseinander laufen sie in ihre Retiraden, ihre Häuser. Ich habe nicht viele »Gute Nacht« gehört. Das sind Menschen!

– Und vor allen der Boissieux, der sich hätte schämen sollen, ein so junges Mädchen, so zu sagen, zu heirathen, sprach eine Frau. Wollte er sich nicht gar mit seinem Schwiegervater um die Leiche streiten, als der sie im Hause behalten und als Vater sein Kind von seinem Hause aus wollte begraben lassen! Soll ein Vater nicht seine Schmerzen haben für seinen Verlust? und seine Ehre, wenn ihm die Menschen das schöne Kind, das kostbare Kleid, den theuern Sarg und das prachtvolle Leichenbegängniß loben? Mir sollte ein Anderer mein Kind begraben, ich glaube, ich hackte ihm die Augen aus!

– Madame, sie vergessen im Eifer, daß Sie keine Krähe sind! belehrte sie die Frau eines Advokaten. Die Sache ist streitig. Der Mann sagte: die Todte ist mir als Frau angetraut.

– Das ist schön! sprach die der Krähe beschuldigte Frau jetzt wieder zu ihr: der hat sich lassen eine Todte antrauen!

– Still doch! forderten Mehrere; der Fackelzug wird gleich ausziehen, die Braut heimzuführen!

– Recht muß sein! sprach die Advokatenfrau leiser wieder. Herr von Boissieux war nunmehriger Eigenthümer! Sie ist seine Frau und er muß sie begraben lassen dürfen. Das hat er gefordert und der Vater hat weinend geschwiegen und nachgegeben.

Madelon hörte diese Worte und sie und Niemand meinte, welch' schon ärgerliches und doch nur kleines Vorspiel dieser Streit zu einem ganz traurigen Kampf aus Tod und Leben sein würde, den die nächsten Ereignisse entzünden würden.

Der Fackelzug kam jetzt, dem Gebrauche gemäß, aus der Wohnung des jungen Ehemanns, aus dem Palaste des Herrn von Boissieux herbei, um die Jungefrau in die Brautkammer zu führen. Der Zug ordnete sich vor dem Portal. Auf einem vergoldeten Ehrenstuhl sitzend sah Madelon nun ihre todte Freundin hervortragen und neben ihr auf vergoldetem Ehrenstuhl leichenblaß ihren Eheherrn. Wer vor ihnen ging, wer hinter ihnen, neben ihnen, welche Schaar von allerlei Menschen, das sah sie nicht; sie hielt sich nur so dicht wie möglich zu ihrer armen Freundin, die so schön war, nur wie vor Furcht blaß, in Boissieux' Brautbett getragen zu werden, und der Brautkranz beschattete gefällig ihre Beschämung. Die ganze Straße war licht von den Fackeln und die Gesichter roth, die aus den Fenstern sahen. Ein anderes Vorbereitete paßte desgleichen noch viel jämmerlicher. Die Herren Musikanten, alt und jung, waren betrunken vom Freudenwein, den ihnen der Kammerdiener Coquart ungezählt hingestellt hatte, und ihre Musik war die eingelernte lustige Brautkammermusik, die sie sich nicht ausreden ließen und auch nicht schweigen wollten, weil sie ihr Geld nicht stehlen, sondern redlich abverdienen zu müssen behaupteten. Herr von Argenson, der schon heute wegen der Folgen der Liebe Arbeit vollauf hatte, aber auch Wein zuviel im Kopfe, drang nicht durch und ließ ab von etwas, das heute wenig und morgen nichts war. Er vermied dadurch eine noch größere Störung. Am Portal empfing die ganze Freundschaft und Dienerschaft des Herrn von Boissieux die Braut. Er stieg ab. Sie ward die Ehrentreppe hinauf in ihr Brautzimmer getragen und mit Hülfe von Sarotte auf ihr Brautbett hingelegt.

Und Madelon schlich nach Hause, wo sie Goran noch ruhig schlafend fand, vor ihn sich hinbeugte und ihre Thränen auf seine Knie und seine Hände weinte. Morgen ist – Morgen, sprach sie dann, setzte sich wieder hin an den Tisch zum Bildniß ihres Geliebten und betete wieder. Nicht eigennützig noch schwach, frug sie den Himmel und konnte nicht begreifen, warum zum Heile Génévions denn Goran nicht selbst zu ihr habe gehen mögen oder dürfen?

 

*

 

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