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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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VII.

 

Der Schlaf geht müßig, träumt und wacht
Die Hochzeitnacht, die Hochzeitnacht;
Wie zwei Nachtwächter zusammengehn,
Kann man da zwei Vermummte seh'n
Bis früh zum Morgenroth –
Der Zweite: ist der Tod!

Die Einwohner von Toulouse hatten schon Licht angezündet, nur die Armen saßen noch im Finstern bei offenen Fensterläden; die Straßen beging nur noch, wer einen nothwendigen Gang hatte, auf heute Nacht noch etwas bedurfte, oder auf morgen etwas bestellte, und kein Fremder hätte vermuthet, daß 70,000 Seelen mit jungen und alten Köpfen, mit großen und kleinen Beinen in diesen geordneten Steinmassen wie eine Art vernünftiger zweibeiniger Biber hausten. Zum Thor herein, die lange Straße hinauf reitend, hatte ein junger Mann im Mantel seine Freude, in die hellen Fenster zu sehen, wo etwa ein altes Mütterchen saß. Von jungen Mädchen wandte er die Augen. Neben ihm, bald erhellt vom Schlaglicht, bald verschattet, ritt auf eben so schlechtem, müdem Ackerpferde sein Begleiter, gleichfalls im Mantel; der dicht hinter ihnen reitende Landmann aber schien sie beide vorsichtig zu bewachen, daß sie ihm in der abendlichen Stadt nicht obendrein mit den Pferden entwischten; denn er hatte kein Gepäck von ihnen auf seinem Gaule zur Bürgschaft. So waren sie eine Zeit geritten, als sie zu einem hellerleuchteten Palast kamen, als der junge Mann anhielt und leise zu seinem Begleiter sprach: Colinet, frage doch den Portier, was heute bei dem Parlementspräsidenten vorgeht? Ich würde erschrecken für ihn, als sei er gestorben .... oder Génévion, wenn nicht über dem Speisesaal – der auch zur Würmerspeisung dienen kann, nicht im Tanzsaal auch die Kronleuchter angezündet würden!

Colinet wollte sich so eben durch die vor dem Portal versammelten Weiber, Mädchen und Jungen Platz machen, als ihm eine Magd sagte: Hochzeit ist, fremder Herr!

– Mein Gott! Heirathet der Präsident? fragte der junge Herr.

– Nein, er verheirathet!

– Wen denn Mögliches?

– Er thut seine einzige Tochter aus!

– Er thut sie aus! an wen denn ewig? fragte Colinet.

– Ewig nun nicht – aber auf ein paar Jahre doch wol, wenn noch! denn alte Männer sterben an einer jungen Frau. Er ist ihr Tod, dasmal!

– Wer ist denn die alte Leiche, die noch heirathen will?

Colinet empfing aber keine Antwort weiter, da eine Menge Masken in das Portal drangen, denen die gaffenden Leute Raum machen sollten, aber gerade sich erst recht hinzudrängten. Der Portier aber ließ alle hinein. Es war also Maskenfreiheit für alle nicht gebetenen Gäste, die aber doch gern die Braut, den Bräutigam und das Fest mit anzusehen wünschten.

Jetzt erscholl von droben Trompeten- und Paukengelärm und Vivatgeruf. Colinet sah, daß sein Herr auf dem Pferde wankte, stützte ihn mit der rechten Hand an der Achsel, und so ritt Goran, unglücklich wie ein Mensch auf Erden, voll von einer Wahrheit, die den schrecklichsten Traum übertraf, nach der Wohnung seiner Mutter.

Ihr alter, stummer Bediente, Remi, that auf und als er Goran hereinwanken sah, lallte er laut; dann floh er pfeilschnell, wie er glauben mochte, stolperte aber mit bebenden Beinen nur langsam ein paar Stufen die Treppe hinauf; dort fiel er an der Lampe vor der Mutter Maria und blieb liegen wie todt.

Goran überließ seinem Diener Colinet, dem alten guten Manne, aufzuhelfen, der vor Freude, wie er wiederum meinte, erschrocken war. So ging er in der Mutter Zimmer. Er blieb in der Thür stehen, müde, matt, kaum hergestellt von seiner Krankheit, die auf die Erschöpfung bei seiner um Génévions willen verdoppelten Anstrengung, sich aus den Wogen des stürmischen Meeres zu retten, gewiß sich ihr zu retten, ihn ergriffen und so lange in einsamer elender Hütte am Meerstrande bei armen guten Fischern gehalten hatte. Seit drei Tagen erst fähig aufzustehen, sah er sich wieder zu Haus, aber bedauernd, daß ihn das Meer nicht verschlungen habe, daß ihn Génévions Gestalt, die ihm auf dem Meere immer ermunternd vorgeschwebt, als ein Trugbild hierher gelockt ... um ihre Untreue zu sehen. Er konnte kaum Athem holen und wollte es kaum, bis er an die Mutter dachte, für die ihr Sohn doch wiederkam. Eine Mutter muß immer die Mutter bleiben, empfand er mit solcher Freude, daß ihm die Trauerthränen aus den Augen stürzten. So stand er todtenblaß, ohne mehr zu sehen, daß Madelon in Trauerkleidern am Tische bei einer Lampe saß und betete.

Sie hatte schon lange furchtsam gehorcht und sich nicht getraut umzusehen. Sie bekreuzte sich jetzt bei dem Stöhnen, ergriff die Lampe, um zu entfliehen, hielt sie vor sich und kam so geblendet bis dicht vor Goran.

Sie erstarrte. Wie sie den Arm mit der Lampe vorgestreckt hielt, stand er angeleuchtet. So standen sie beide lange stumm. Endlich stammelte sie: Bist du es, Goran! – Goran!

Er lächelte.

– Ach, du warst im Leben schon immer so freundlich! Sei mir gnädig als Geist, betete sie bethört.

– Ich bin sein Schatten! sprach er. Wo ist die Mutter?

– Sie lebt. Doch du .... lebst du?

– Ich bin ermordet, sprach er.

– Ins Meer geworfen? von Ungeheuern?

– Von Génévion! Sie lebt, sie feiert Hochzeit. Ich sollte todt sein! sprach er und weinte.

– Goran, o du lebst, o du lebst, o du lebst! rief sie entzückt. – Aber uns warst du umgekommen! klagte sie. Dir steht der Grimm auf Untreu im Gesicht, auf Falschheit – höre und beweine! Wird allen Tödtlichgekränkten, Tiefbetrübten und Schwererkrankten die Welt doch auch ganz, ganz gleichgültig – wie denn ihr nicht! Sie ist verständig, nur abgespannt! sie ist ein Weib noch schön und gut wie Eine, ja sie ist jetzt erst so ein rechtes Weib. Sie meint gewiß zu sterben, bald, je eher, je lieber – und um Wem nur nachzuschweben? Goran! – und ohne Wen nur nicht zu leben? Goran! Mein Goran ist todt, warum konntest du nicht mit so Vielen auch todt sein? Das glaubte Génévion! Hat ein Mädchen bei der Natur ein größeres Vorrecht, o so hatte ich es, so habe ich es heute noch und lange – nicht sie! So sehr ich sie liebe und so sehr ich nun beweine! Da du hin warst, schien Alles in der Welt ihr gleich, nichts suchenswerth, nichts findenswerth, nichts abscheuwerth .... sogar nicht Boissieux! Der Vater, dem Schrecken fast erlegen, wollte sie doch wenigstens in sichere Hände legen vor seinem Tode. – Nun kommst du wieder! Heut! Warum nicht gestern? nicht vor sechs Stunden?

Er schritt gedankenvoll in die Mitte des Zimmers und sprach: Den Himmel muß man um geschehene Dinge und ihre Ursache fragen .... wenn man keine Antwort haben will! So frage ich denn nicht erst; er ist die reinunschuldige Ursache selbst, und also weiß er wie ein Kind von seiner Unschuld nichts! Allein ich bin ein Mann. Hier ist das wahre Unglück noch nicht ganz geschehen! Noch gar nicht also, wenn Génévion mich liebt! – wenn treue Liebe – sie des Himmels Wonne, die er der Jungfrau und dem Jüngling zur ersten und zur letzten Pflicht gemacht, zum Leben, ohne das kein Leben ist und ohne sie der Himmel eine Wüste, die erste und die letzte höchste Lüge – wenn treue Liebe ihr alles ist und mehr, ganz unbedenklich mehr als hohles niebefohlnes Priesterwort und todtes Recht.

– Ich zittere, was du thun willst, sprach Madelon, und ich verzage, was du thun kannst – nicht wirst können!

– Das Mögliche ist, glaube mir, nie zu hoch!

– Mir scheint wahrscheinlich, klagte ihm Madelon, daß auch du ihr mögest – gleichgültig sein! Es hat ihr Geist mit dieser Welt gebrochen, mit einer schwarzen großen gleichen Decke den Frühling und die Gräber zugedeckt.

– Das arme gute treue Herz! Ich muß sie retten! sie sehen! sie muß mich sehen – das muß erfahren sein, gethan von mir! Das bin ich ihr schuldig, bei Tod und Trug und Lieb' und Leben! Und folgt sie mir nicht von der Stelle fort, so wie ein ganz verschlafenes Kind sogar der Mutter folget in sein wahres Bett, das es verfehlt und in ein falsches sich gelegt – ach, hat sie mich auch mit der großen schwarzen trübseligen Decke zugedeckt – dann habe ihre schwergetroffene Seele den schwerverdienten Frieden – und ich: Ruhe! Doch eher nicht! Ich habe alte Schiffe probirt, ich bin probater Soldat für Andere, Schändliche gewesen. Jetzt will ich ein Soldat für meine Rechnung, für alle meine Reiche sein – für sie!

– Du möchtest schon ausgeführt haben – sprach Madelon, ängstlich nach der Uhr sehend, und weißt noch nicht, was du beginnen sollst! Komm, setze dich zu mir, wir wollen überlegen.

– Die Mutter rufe zu dem schwersten Rath!

– Die Mutter ist auf ihr Schloß gefahren, an Génévions Hochzeittag dich recht einsam zu beweinen.

– Das ist gut! sprach er; könnte ich nur auch ein Mädchen weinen lehren. Ich raube sie! So ist sie doch gesichert, wie eine Rosenknospe vor dem Frost und kann mir aufblühen von der Gluth der Liebe. – Dort blüht sie ab! Sie stirbt ihm! Was schwatzte da ein Weib vor dem Portale? O, auch einem jungen Weibe ist ein alter, ein ungeliebter Mann der Tod! Sie stirbt an ihm, so wie an Gift. Sie muß geraubt sein! Sie muß nur wissen, daß ich lebe – das Andere ist an Génévion.

Er lehnte sich im Sessel zurück, er machte die Augen zu, um zu überlegen. Er antwortete noch hin und wieder einzelne Worte auf Madelons Fragen und Vorschläge, bis er völlig entschlafen war und fest, so fest, daß starkes Rütteln an den Schultern ihn nur dazu brachte, die Augen einmal halb aufzuthun, und ihm in die Ohren schreien, nur zu einem kurzen Murmeln im Schlafe.

Sie ging verzweifelnd umher, sie blieb vor ihm stehen, starrte ihn an und rang die Hände. Sie däuchte, daß Jemand hinter ihr stehe, mit den Armen verlange und mit den Händen ihr die Augen zuhalte – wie ihr wol sonst Génévion gethan, um sie rathen zu lassen, wer es sei, und Madelon kehrte sich rasch um und rief: Génévion!

Aber da war Niemand. Sie entsetzte sich, ein Grausen befiel sie, daß Génévion solle verloren gehen, und als wäre ihre Freundin gegenwärtig, sprach sie: Siehe du selbst, da schläft er! Ich muß ihn schlafen lassen! – Und morgen, ach, morgen gönnt er und läßt er sie ihm .... wenn er auch sich das Leben nähme. Nähme! Dann lohnt es nicht der Mühe! Oh, oh, ich sehe: wir Mädchen alle haben wahrlich doch einen unermeßlich großen Werth – den ich auch hatte. Oh, oh!

Sie selbst träumte und sann sich auch auf ihrem Sessel nun in festen Schlaf. Colinet trat ein. Sie fuhr auf. Schnell, schnell! befahl sie ihm ohne Gruß. Hilf deines Herrn Weib erretten! Mir kam im Schlafe: wie?

 

*

 

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