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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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VI.

 

Bis zur Unkenntlichkeit
Verwandelt die Erde,
Verwandeln die Menschen
Sich oft, und oft so rasch;
Und die Unmöglichkeit,
Starr alt zu bleiben,
Nur zwingt auch den Strengsten
Mit dem Neuen neu zu sein!

Vorher hatten schon die Verständigen im Volke mit Grimm den Frevel bemerkt, daß man alte haltlose Schiffe zu einem so weiten Transport über das gewiß nicht so lang überall sturmlose Meer verwendet hatte, gleichsam um zu erfahren, wie weit sie noch halten und wo sie zerfallen würden; als ob Soldaten keine Kinder des Landes wären, und alle Gefahren, sogar die frivolen, für alles Volk übernehmen müßten, blos weil sie Gehorsam geschworen zu Lande und zu Wasser, wenn auch nicht ins Besondere auf faulen Brettern. Endlich, hörte man, hatte ein furchtbarer Landsturm gewüthet, und bald munkelten die Einwohner von Toulouse, daß er über See gekommen; die Sage bekam Kern, wie ein trüber Himmel klare Stellen; die Schiffe waren zerstreut und zerschellt.

Herr von Boissieux sollte Briefe erhalten haben. Seine Schwester Ogine eilte einmal wieder zu ihm. Er zuckte die Achseln; er drückte der weinenden Mutter Gorans die Hand, dann legte er ihr das Schreiben vor, in welchem sie nur den Namen ihres Sohnes George unter der Mannschaft des untergegangenen Schiffes las, aber vor Thränen und vor Schmerz verdachtlos nicht sah noch glauben konnte, daß der Vorname radirt sei. Sie verließ ihn schweigend, nachdem sie sich satt an den Worten gesehen, herzlich satt des Lebens. Zuhause stand sie und sah sie zum erstenmal ihre künftige, nun niemalige Schwiegertochter Génévion schon glühend und heiß und bereit, um aufzulodern im Feuer der Schmerzen. Die Mutter schloß sie an ihr Herz, ließ sie rasten, bis Génévion mit einem Blicke zu ihr aufsah, der um das höchste Leid der Liebe wie ein armes Kind sie gleichsam anbettelte. Und die Mutter sagte ihr leise: »Es ist Alles wahr!«

Génévion riß sich los, stand zur Erde starrend und sprach dann, als wenn ein Kind sich das A B C überhört: Es ist Alles wahr, Alles, Alles, alle Angst, aller Schreck, alle Liebe, alle Thränen – aller Tod, denn seiner ist wahr.

Dann zog ihr Blick langsam über den blauen Himmel und die Wolken, ja ihr Auge hielt den matten Blick der Sonne aus; sie besah sich gleichsam noch einmal: Thürme, Kirchen, Häuser, Menschen, Bäume, die Blumen am Fenster, die naßglänzenden Steine auf der Straße; zuletzt besah sie sich selbst, ihre Füße und Knie und ihre Hand mit dem Ringe und wiederholte mit einer Stimme, die alle Götter gerührt und getroffen hätte: »Es ist Alles wahr! Alles!«

Génévion verfiel dann in völlige Gleichgültigkeit, eben dann auch gegen Alles, wovon das erste Zeichen war, daß sie ihre herbeigeeilte Freundin Madelon selbst vollkommen ruhig, ja kalt ansah, und nicht begriff, warum sie mit ihr nach Hause zu ihrem Vater gehen sollte. Aus eben dem Grunde widerstand sie aber auch nicht, kehrte heim, und der Vater erschrak so über seine schöne, gute, unglückliche Tochter, daß ihn seine von ihm sogenannten Chamierschmerzen mit ganzer Gewalt überfielen – und Er für seine Tochter krank war, Er für sie und um sie litt. Es war geschehen. Und so blieb es.

Auf Génévions Seele war schon der Nebel gefallen, der früher oder später endlich doch auf Alle fällt. Alle Reize der Welt hatten sich ihr in Goran vereint – er war hin, und so war ihre Krankheit die Gleichgültigkeit, die ansteckendste, verödendste Krankheit des Herzens, der Liebe so gut wie des Glaubens – und der Hoffnung. Denn des Herzens eigene Kraft ist gebrochen, vergeht und stirbt ohne Wiederkehr, ohne Mittel und ohne Rettung, wie ohne Schuld. Der zärtliche Vater ließ einen sehr klugen Arzt-Apotheker holen; jetzt ein Apotheker, Namens Endenté, aber in einem vorigen Leben wahrscheinlich ein großer Komiker, der ihm audita causa sagte: »Ihre Tochter ist präcipitirt, wie wir das nennen; ihre Lebensflamme ist, wie die Flamme eines brennenden Lufthauses oder dergleichen (wie Sie es nennen wollen) niedergeschlagen – präcipitirt, und von einem so herrlichen Mädchen ein so schönes immer noch liebenswürdiges Caput nicht nur, sondern ein ganzes reizendes Corpus mortuum übrig geblieben, das aber gegen alle Chemie noch lebt! Oft schlägt natürlich ein anderer Blitz noch einmal in das wie erloschene Haus – wenn Sie so einen Blitz wüßten – und dann prasselt es unlöschbar empor, daß alle Spritzen davoneilen müssen und alle Feuerordnung aufhört, das heißt anfängt. Ich meine: sie würde noch etwas Künftiges, Kommendes lieben; vermählen Sie die Gleichgültige; schadet nichts; und Ihr Enkel, Herr Präsident, also ein Kind, ihr Kind würde sie wieder mit lautem Schrei der Liebe ergreifen, wenn ihre Seele nicht vorzöge zu sterben, exanimari, denasci ... et caetera, wie wir das nennen, und was chemisch ganz richtig erfolgen könnte. Denn Nichts, ich sage Ihnen, Nichts unfehlbarer als Chemie; selbst keine .... logie, oder ion, was Sie auch immer vor diese Sylben zu setzen beliebten! denn gegen die Chemie würden Sie immer nur Mytho .... logie hervorbringen! Und keine Retorte besser verlutirt, als die Welt, die große Retorte, wie wir das nennen, wir kleinen Apotheker; wobei uns nur tröstet, daß von jeder Species auch das Riesenexemplar existirt, wie wir das nennen. Ihre Schmerzen aber, mein Herr Parlementspräsident, können und werden nur enden, wenn die Menschen werden vernünftig sein und bleiben, und auch dann noch nicht, denn schon Ihr geräderter Freund Chamier bleibt der Weltgeschichte und Ihnen im Blute sitzen, wie wir das nennen.«

Herr von Lafaille belohnte den Apotheker Endenté reichlich für sein Concilium, wiederholte sich den Vers: Je suis assuré de périr par le mal, ou par le remède; und Génévion vor Augen, mußte er sich sagen: Ergebung in Alles, Zufriedenheit mit Allem, Widerspruch gegen Nichts, Schmerzlosigkeit erkauft durch Reizlosigkeit sind also auch des Menschen Glück mit nichten, ja sie sind sein Unglück – und Unglück fühlen ist noch Seligkeit dagegen: auch zu gar nichts Nein zu sagen!

Unter solchen drückenden Umständen gehörte der arme Vater zu den Leuten, die in der Frühe schon auf den ganzen Tag müde sind und lieber wieder zu Bett gingen als aufständen. Es trauerten aber Viele im Lande umher um die Ihrigen, welche die Schiffe probirt hatten, um Jeden wol fünf doch und mehre; und eine allgemeine Calamität tritt mit jenem lähmenden Gespensterschreck der Natur auf, der oft ins Lächerliche umschlägt, so daß Leute jubeln, die schweren Ernstes glauben: morgen werde die Welt untergehen. Die Calamität hatte auch Madelon betroffen, da laut Briefen zuverlässiger Männer in Bordeaux ihr Geliebter gewiß mit umgekommen war. Denn zwar schon viele Monate in der Hafenstadt, hatte er doch auf die Abfahrt dieser Schiffe warten müssen. Da sie über seinen Verlust zu unmäßig geklagt und ihre schlaue Beschützerin daraus abgenommen hatte, daß sie für Zwei weine und außer sich sei, ja ihren Zustand einem unseligen Geiste .... oder einem Todten zugeschrieben, so war Madelon stillschweigend von der mitleidlosen Frau verstoßen worden, zu Gorans Mutter geflohen, aus deren Hause sie Génévion besuchte, sobald nur das Abenddunkel sie verbarg. Oft wäre ein anderer Mann ihr sogar als Rettungsengel erschienen, und sie trug dieses ihr Bedürfniß theilnehmender Weise auf ihre Freundin Génévion über. Und Herr von Boissieux besuchte jetzt öfter seine Schwester Ogine, bei der er die arme Madelon sah und fast allemal sehr bescheiden und sehr ansehnlich beschenkte. Dabei unterließ er nie Génévions Schönheit und Güte zu preisen. Junge Mädchen sagen sich alles wieder; sie sagte ihr alles, sie zeigte ihr alles, und der Schmuck schien, ächt mädchenhaft, ihr allein noch nicht ganz gleichgültig. Sie wünschte sich sogar manches, aber nicht lebhaft, etwa nur so, wie eine Königin sich ein Paar neue Schuhe wünscht; oder ein Mann, der an einer Quelle sitzt, einen frischen Trunk Wasser. Und Madelon brachte ihr bald darauf, was sie sich gewünscht hatte, und sie nahm es an und sie legte es an, ob es auch von Herrn von Boissieux komme. Denn er lebte doch, er war doch, auch wenn er ihr, wie alles was war, die Sonne nicht ausgenommen, auch wenig und nichts, kein Kummer und keine Freude war. Endlich erschien der feine, am Hofe gebildete und ausgelernte Bewerber selbst ernstfreundlich im Hause des Parlementspräsidenten, um ihn in seiner Krankheit zu besuchen, die ernsthaft genug geworden. Herr von Boissieux fand Génévion schön wie je, ja durch ihre Gelassenheit und edle Ruhe erschien sie unendlich gesetzter und weiser, als jede Jungfrau von ihrer Jugend, oder als überhaupt ein Weib. Er unterhielt sich mit ihr und empfing die lautersten, lieblichsten Antworten, aus denen jedoch der glühende Hauch der Liebe ihm zuwehte, welche sich über Alles ausgegossen, aber auch an Alles vertheilt hatte, ohne Unterschied, ohne mehr wie gewöhnliche Menschen von Diesem und Jenem gelockt oder bezaubert zu sein. Und er nannte ihre Augen Sonnen; ihren Mund den Mund der Milde; ihr Herz das Herz eines Engels. – Aber auch diese nicht ungegründete, nur aus holdem Anschein gezogene Schmeichelei ließ sie gelassen; sie lächelte nicht einmal weder spöttisch oder dankbar, noch erröthete sie. Erblassen durfte sie nicht erst.

Ein andermal nahm er entschlossen Gelegenheit, sogar von Goran zu ihr zu sprechen; aber auch da blieben ihre Augen reine himmlisch-gleichgültige, wenn auch freundliche warme Sonnen und der Klang ihrer Stimme wie großer unschuldiger Lerchenlieder-Klang. – Sie sind eine geborene Königin! rief er. Auch das war ihr sehr wenig; ihm aber war diese Gelassenheit bei vollem Bewußtsein und jeder Erinnerung und jedem Reiz sehr viel, denn jetzt war Er ihr auch nicht weniger, als selbst jener Schöne, Junge, Geliebte. Welche bequeme, sichere Welt hätten Jung und Alt, Reich und Arm ohne Vorliebe! dachte er. Er bekreuzte sich aber, und diesmal vor den Priestern, die eine solche reizlose Welt durch eine solche uns gereizte Gesinnung brennend einzuführen scheinen .... oder noch schlimmer, sie wirklich einführen wollen, um die Herren aller der Leute zu sein, die alle Güter der Erde verachten: Schönheit, Geliebtsein, Leben und Freude und Freunde und Frauen. Aber daran sind sie gescheitert und gewiß bei mir! dachte er. Kurz, er betrachtete sich nunmehr als nächsten, nahen, glücklichen Freier, und nicht ohne Grund. – Herr von Lafaille sah ihn zuerst innerlich unwillig an, zumeist über sich selbst erzürnt, daß er seiner Tochter Glück nicht an allen vier Zipfeln festgehalten und den folgsamen Goran in das Kriegsspiel, in das rohe Spiel der Elemente wie eine nichte Marke gesetzt. Er seufzte darüber bitterlich. Der unerprobte, unbewährte junge Edelmann von so hochherzigem, hinreißend-schönem Wesen erschien ihm in klarem Lichte jetzt viel zu gut für ein Opfer der öffentlichen Meinung, die doch keines Menschen Glück macht, noch es einem ersetzt. Und die jungen Mädchen, die fähig sind, unglücklich zu werden, sind auch schon reif zum Glück, sprach er; die Probe ist richtig, wie ich vor nassen Augen sehe! Und schweren Herzens dürfen wir Beide, weder ich noch Génévion, nicht sichtbar trauern; kein armer Flor, kein schwarzes Kleid darf uns dem Volke als Schonungswerthe still bezeichnen: uns gibt es keine Trauerzeit – morgen kann Hochzeit sein! Und dennoch seh ich nicht an der guten edeln Madelon die traurige Erfahrung: O wie übel ergeht es, vor allen, den Töchtern der redlichsten Aeltern ohne Mutter und Vater! Wie übel berathen sie selber sich oft und verkommen gerade durch Zutrauen und Liebe! Und nun erst meine mit allem zufriedene Génévion! Hat mich mein Apotheker auch jetzt noch einmal, wie er es nennt, zum Stehauf gemacht, so will er doch nicht bei seinem Doctorhut beschwören, daß ein Alter durch seine vorletzte Krankheit wieder jünger und rüstiger werde, daß selber der größte Apotheker in seinem weltgroßen Laboratorium aus Rosenpulver wieder die Rose mache; er warnt mich, mich nicht mehr so auf den Rücken zu legen; das sei gewissen Leuten todgefährlich und daure sehr lange, so lange – als wahrscheinlich! – Der gute Mann, der die Schrecknisse der Natur in einen Schwank wie vergoldete Pillen uns einhüllt! Denn er sah auch Génévion in einem Morgenhäubchen, das er genau besah, aber meinte: Ich habe mich geirrt! Ich dachte, es wäre die berühmte Haube der Weiber, die stärker als Pallas eherner Helm Alle beschützt, Alles bedeckt; unter der mehr Wunderdinge vorgehen, als in allen Frauenköpfchen, oder eben gerade so viel, und die, man sollte es nicht denken, noch mehr für Väter, besonders alte kranke Väter erdacht ist, als für Mädchen. Selbst ein guter Vater kommt mit unter die Haube und schläft darin gut und getrost sein Morgen-, Mittag- und Abendschläfchen. In der Nacht schlafen auch dumme Teufel. – Die heilige Nöthigung bezwingt uns Alle von Jugend auf bis in den letzten Tag. Rasch wandelt sich der Himmel, rasch das Thal; in Einer Nacht verschneien die letzten Blumen und auf dem Schnee muß der Wanderer wandeln; die Sonne sinkt hinweg und wir, wir müssen mit einem kleinen Stern zufrieden sein. Goran ist hin – und Boissieux ist da! Wo Engel standen, schießt ein Pilz empor. Doch auch kein besserer, ängstlicher besorgter Pfleger von einem schönen jungen Weibe, als ein alter verliebter Mann! Er soll nur kommen! Mich drängt es: wohl das Haus zu schließen. Man muß dem Himmel doch auch etwas anvertrauen. Er hat, wie ein alter Großvater, für jedes Kind doch etwas in der Tasche; wer weiß, was er hat für Génévion.

Und Boissieux kam. Wie vor jedem Besuche, so schickte er vor diesem letzten entscheidenden so prachtvolle reiche Geschenke, daß sie selbst den reichen Vater stumm machten und die Tochter überraschten, die doch ihrer Mutter ganzen kostbaren Schmuck zu tragen gewohnt war. Von den ersten finstern Blicken unverscheucht, stets ehrerbietig die gelassenen erwartend, lösten dem Herrn von Boissieux die gefälligen Worte die Zunge. Er betrog gern gefahrlos: Ein Irrthum – die Wahrheit: daß Gérard Goran umgekommen – bedarf keiner Entschuldigung – in Zukunft, dachte er, lebt George Goran, so kann ein Brief von ihm nur zu Jahre ankommen, und – die Verstorbenen schreiben nicht. Wer will mein Weib mir nehmen!

Der Vater schwieg auf seine Bewerbung. Er ließ ihn stehen – aber er holte ihm die Tochter, die Boissieux nicht umarmte, sondern vorsichtig das sich aufsparte. Er war so ehrlich, daß er sich doch etwa wie ein vornehmer Apostat empfand, der von seinem mahomedanischen Bekenntniß, »Gott ist Gott,« nun auch den schönsten Vortheil davon ziehen will, und dazu einem Sklavenhändler zum ersten Male eine schöne Sklavin abgekauft, welche ihm der ehrliche Türke gelassen für sein Gold übergibt. Das Mädchen zittert, aber nicht eben vor ihm, sondern überhaupt vor einem Manne, ihr Schicksal ermessend und erröthend, denn es will Abend werden.

Génévion, auch nur für des reichen Herrn von Boissieux zwar nicht dem Vater aufgezähltes Gold erworben, zitterte nicht; aber gedankenvoll oder gedankenlos rannen Thränen ihr leise über die Wangen. So fließen einer Madonna die Thränen aus den Augen, hinter denen ein kleines Fischchen sich ungesehen lebendig und fröhlich in seinem verborgenen Behälter bewegt. Das Fischchen in ihr war die ewige Liebe.

 

*

 

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