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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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III.

 

Die Liebe schließet einen Bund, den Niemand weiß
und den kein Mensch zerreißt.

Am Abend ließ Herr von Lafaille seine Tochter zu sich kommen. Génévion trat in das Zimmer des Vaters, als käme sie nach tausend Jahren herein; so hatte sich ihr Alles verwandelt. Sie blieb stehen und sah ihn in seinem Lehnstuhl sitzen, wie auf dem Bilde in einem Märchenbuche, das sie als Kind gelesen. So entfernt und genaht, so fremd und lieb, so bedauert und unverlaßbar kam er ihr vor. Ihr Auge überflog den Vater mit sonderbarem Schein, in welchem sie schaute: »Ach, du hast ihm nicht immer gehört! nur bis heut! Und nur noch wenige Tage, nicht alle, die nun erst deine Tage werden sein. Ach, und ist das schön und süß, o wie bitter ist es zugleich!« – Die gute Tochter glaubte den Vater bis hierher immer betrogen zu haben – und sie war doch nur zur Jungfrau geworden: die Thränen traten ihr in die Augen, und sie liebte doch nur und sie war geliebt; auch vom Vater. Sie erkannte in sich und an ihm: Das ist ein Vater! und eilte auf ihn zu und schloß ihn in ihre Arme.

Sie fuhr aber zurück, als er sagte: O weh, ich leide meine Schmerzen wieder!

– Nur heut nicht um mich! bat sie ihn.

– Du warst bisher zu jung, es dir zu sagen, meine Génévion; ich leide um meinen Freund, ich leide um mein Vaterland! Ich leide die Wunden, die ihm sein König schlägt. Dreizehn Louis hat es ertragen; Er ist der Vierzehnte, schwerer wie Alle zugleich! schwer durch Verschwendung; pestbringend durch Laster, blind durch die Priester, fanatisch aus Buße, triefend vom Blute des Volkes, rasend vor Hochmuth, eitel vor Dummheit ..... aber genug! Mir, mir ließ er meinen unschuldigen Freund rädern, blos weil er der Enkel des Mannes war, der das goldene Edict von Nantes entworfen, meinen edlen Freund Chamier, der mich bat, zuzuschauen, wie klagelos er sterben werde. Als ich aber den ersten Schlag des Rades hörte, der ihm die Beine zerschmetterte – da fuhr es mir wüthend in meine Beine. Heut ist das wieder jährig. O freilich, um das goldene Edict abscheulich zu machen dem Volke, das Allem »geheime hohe Weisheit« unterlegt, was unser König thut, darum mußte sein Verfasser noch chinesisch in seinem Enkel gerädert werden! Ich verließ die Dauphinée und zog hierher nach Toulouse, wo ich nach den mir zugesendeten Gesetzen nun auch schon Ketzer habe verurtheilen müssen: lebendig verbrannt zu werden. Kind, ein Richter sein, ist ein fürchterlich Amt, ein schweres; aber, Kind, Kind, ein Vater sein, ist heut mir noch schwerer! Ich soll dich von mir lassen .... du sollst heirathen! So wünscht, so fordert Jemand – –

O gib mich ihm! Ihm gib mich! bat Génévion, als sie hocherröthet vor Freude, in beklommener Brust die Sprache wiedergefunden.

– Kennst du den Mann denn? Kennt er dich?

– Seit wenig Stunden kenn' ich ihn. Was sag' ich: kennen! Ist nicht der Mann dem kleinen Mädchen schon bekannt? die Rose nicht dem Kinde? die Sonne selbst dem Blinden? der Himmel auch dem Stummen? Und ist der Diamant auch unerforschlich, weiß Niemand, welch Geheimniß er verbirgt, o so erkennt ein jedes Weib ihn doch an seiner Schönheit, seinem reinen Licht! So hab' ich ihn erkannt! Das glaube! So hat er mich – gefunden, darf ich sagen.

– Ich dachte, sprach ihr Vater: nur dem König käme die Strafe für alle Uebelthat in seinem Alter von aufgestandenen Feinden, und nur er nun würde ganz von Schmach bedeckt. Doch hör' ich recht, versteh' ich recht, so käme mir die Strafe, ja die Schande auch? und ach, von Dir? Du liebst, das seh' ich; aber liebst den Mann, der um dich angehalten hat bei mir.

– Bei dir?

– Ich gebe keinem Geizigen mein Kind! ich geb' es nicht dem äußersten Verschwender, der seine Jugend, diesen größten Schatz, verschwendete; ich bände keine Lilie, die frisch erst aus der Erde aufgeschoßt, an einen morschen Stab aus Galgenholz. Seine Anverwandte, die arme Frau von Choiseul, war bei mir um Rath und Hülfe! Der alte blinde Schweizerbaron, der arme Herr von Pfeuler, ein Anverwandter seiner Frau ...

– Er ist vermählt?

– Erbleiche nicht, er war es! Er ist Witwer. Heut hat er fast ein Kind erritten.

– Ein Kind!

– Ja, als er hier durch unsere Straße ritt auf seinem weißen Roß, zwei goldbetreßte Diener auf schwarzen Rossen hinter ihm.

– Gott sei gedankt! rief Génévion und tanzte und lachte im Zimmer umher.

– Was lachst du? fragte sie der Vater.

– Den haben wir Mädchen ausgelacht! Das ist er nicht! Das ist nicht Er!

– Das ist er wohl, mein Kind! Hier lies es, wie er mich, wie er dich beehrt!

Und während Génévion las, sprach er weiter: Gewiß, ein Kleines und ein Leichtes ist es keinem Mann, ein Weib für lebenslang sich aufzubürden – die Frau im Wochenbett – die kranke Frau – die täglich hungrige und durstige, die immer wieder nackt zu kleidende – die vielverwandte, nimmer schweigende, die alternde – die alte, sterbende, die todte! – Er wirbt um deine Hand! Doch einen alten Mann sich aufzubürden, ist eine Höllenlast dem jungen Mädchen. Viel lieber hieb' ich deine Hand ihm ab, und schickte sie ihm hin auf goldener Schüssel, als ihm zu geben, was an deiner Hand hängt: Arm, Schulter, Brust, Haupt, alle schönen Glieder und deine liebe Seele obendrein!

– Ach, nun versteh' ich Ihn! seufzte Génévion.

Und lächelnd und ihr mit dem Finger drohend, frug der Vater: Wen? Den vielleicht, von dem du sagtest, du habest ihn gefunden? Soll ich dir noch mehr sagen .... den du gefangen, dir festgehalten! Schlage nicht die Augen nieder! Du armes Kind, du warst ja blind. Ich hab' Euch im Garten aus dem Fenster wohl gesehen! Und mir geschah, wie allen Vätern einst einmal geschieht, wenn sie ihr Kind verlieren. Das bittersüße Schicksal ward auch mir heut unvermuthet zugesandt aus alten, alten Tagen; viele sagen: vom Himmel, und ich möcht' es glauben, und ich glaube dir es gern, wenn du so meinst!

Génévion sank dem Vater zu Füßen, umschloß seine Knie, sah mit der Seele ernsten Blicken aus ihren feuchten Augen zu ihm auf und bat ihn mit weicher rührender Stimme, die aus ihrer ganzen schönen Gestalt heraufscholl; wie aus einer silbernen Madonna erklang, die ein Engel berührt, sie bat ihn: Mein Vater: Gib mich Dem! Dem gib mich, Vater!

Sie senkte dann ihr Gesicht auf seine Hände und schwieg.

Und er schwieg lange.

Dann sprach er leise: Erinnerst du dich wol, mein Kind, wie ich einst sagte: So liebt man seine Kinder, liebt sein Mädchen – und später schenkt man sie weg! Und scherzend fügt' ich noch hinzu: Auch dich, Génévion, verschenk' ich einst, umsonst, an einen niegekannten Mann! Und du, du gehst mit ihm in Freuden und vergissest des Vaters! – Doch du zürntest, ganz in Thränen schwimmend, und du sprachst: »Das ist nicht wahr! Ich gehe nie von dir!« So sprachst du liebes treues Jüngferchen. Und ich erfreute deiner Treue mich und deiner Liebe zu dem Vater noch! »Das ist nicht wahr, ich gehe nicht von dir! – O lieber Vater, schenke mich nicht weg!« So sprachst du hold. Nun ist es dennoch wahr, denn du selber bittest mich: »O lieber Vater, schenke mich nun weg! Ich will in Freuden mit dem niegekannten Manne gehen. – Du aber kannst hier immer sitzen bleiben, allein und ungepflegt von meiner Hand, im Haus des Alters!« Du weinst? – Doch sei getrost mein Kind, du hast mir ewige Treue nicht geschworen, nur Kindestreue! Merk' es wohl, sieh' es und lern' es heut: Der gute Mensch ist nur dem Leben treu, dem Ruf des Lebens, jenem alten heiligen Mann; ein alter Vater, den Niemand sieht und dem doch jeder sehnlich folgt; denn dieser alte gute Mann – er wohnt ja nur in eines jeden Herzen und auch in deinem! Und also folg' ich auch der guten Stimme in meinem Herzen, folge dem Gebrauch des alten Lebens, jenes bittern wol, doch unabwehrlichen, der unabwehrlich auch so süße Thränen fordert, und die auch ich ihm weinen will. Doch jetzt noch nicht! Denn jetzo schenk' ich dich noch Keinem, dem Schlimmen nicht und nicht dem Guten.

Génévion richtete ihr Haupt nur auf und sah ihn an.

– Ja, sieh mich nur an! So ist es! sprach er.

– Aber so lass' es nicht bleiben! flehte sie.

– Und liebt er dich denn? Wurzelt Liebe gleich so ein, daß nicht ein Wind aus anderer Region den jungen Baum entwurzelt?

– Sprich lieber: wie Moses Quell, so strömt die Liebe hervor auf einen Zauberschlag! Die Sonne kommt – die lange langsam leise hergeschlichene – und es ist Tag!

– Die wahre Liebe ist der trügerischen Tod!

Und wie zu einem Schwur erhob sie sich und sprach mit einem Ernst, der selbst den Vater an dem gestern, ja heut noch so kindisch erscheinenden Mädchen überraschte: Gewiß ist jedes Menschenauge ein Auge; aber sein Auge, das mir nachsah, das Jünglings-Auge, das sanft in Schmelz und Schönheit schwimmende, daraus die Liebe strahlt, glänzt, leuchtet, so geheimnißstill und schwer – dagegen ist die Sonne nur ein matter Knopf! Wahreres gibt es nichts auf Erden und im Himmel, dem Auge ist Seligkeit: alles zu glauben!

– Nun wohl, das sei so, dir und ihm, sprach er. Doch glaubst du meinem Auge die Wehmuth nicht? Kind, deine Mutter war mein Weib. Du gleichst ihr; sie verließ dich mir; an dir besitze ich, wenn nicht sie, doch ihre Liebe und Freundlichkeit. Sie scheint mir, wenn du flüchtig dich bewegst, noch oft vorüber mir zu schweben; oft versinn' ich mich in deiner Stimme Laut, wie Kinder stehen bleiben vor der Nachtigall. Vergib! Du selber, auch du bist mir werth geworden! An dich nun habe ich mich gewöhnt. Ich kann dich nicht entbehren, nicht vermissen. Dich glücklich wissen, stillet mich noch nicht. Es überrascht mich, meine Seele hat sich noch daran, alltäglich willigöder fortzuleben nicht gewöhnt. Ich wäre noch nicht gern so ganz verlassen. Das Haus des Alters ist ein böses Haus! Ich bin so Tag für Tag hineingerathen, mit, unter alle die Krückenträger, die blossen, hagern, finstern, graugelockten, freudenlosen Männer und alle die stummen Weiber, die ihre Zeit die Diener und die Dienerinnen an diesem Tempel, an des Alters Tempel sind, der sonderbar so mitten unter Menschen steht! der unerkannt sich über allen Kindern schon wölbt, in den die schöne helle Welt, zuletzt umdüstert, Jedem sich verwandelt.

Sie schwieg dazu, und wohlwollender fuhr er fort: Gewiß, die Gorans sind brav und bieder; aber so gewiß ist er arm – und hat eine arme Mutter.

– Du bist ja reich, lieber Vater, bemerkte sie.

– Wir wollen in alle Lottos von Venedig bis nach Paris für ihn setzen, entgegnete er. Ich will an Handelshäuser für ihn Geld einlegen zu einem gewinnbringenden Geschäft ....

– Ich will Tag und Nacht für uns arbeiten! versprach sie fröhlich.

– Wie drängst du doch! sprach er gerührt, und bat nun sie: Drei Jahre, nur zwei Jahre bleibe noch bei mir! Er mag indeß sich Ehre zu erwerben, wenn auch nicht Gold, nach Indien gehen in den Krieg. Ein gutes Schicksal wird ihn dir erhalten, dich prüfen und ihn prüfen. Dann bist du achtzehn Jahre erst alt. Vielleicht, wahrscheinlich sterbe ich dir in den zwei Jahren – so kurze Zeit nur laß er mir noch dich – auf immer! So lange bleibe du nur noch bei mir – dann hab' ich niemals dich verloren.

Génévion erhob sich und kein bittendes Wort kam mehr über ihre Lippen; ihr Auge sprach nur Liebe und Treue zum Vater. Sie weinte vor Zärtlichkeit. Und dennoch hätte sie bald gesagt: »Lieber Vater, wir wollen Beide bei dir wohnen! wir pflegen auch seine Mutter!«

Aber Herr von Lafaille stand auf, um damit sein letztes Wort und ihre kindliche Gesinnung in ihr zu befestigen. Er schloß sie an seine Brust und sagte ihr seine Ansicht: Gebe ich dich dem Herrn von Boissieux nicht, so rächt er sich an mir in Paris. Die Hofschranzen regieren das Land. Daß ich dich dem Chevalier von Goran schon vorher versprochen gehabt habe, ist eine Lüge, die weder Boissieux glaubt, noch Goran bestätigt. Ja, als ein ehrlicher junger Mann, wird er kein Wort mehr von seiner Liebe zu dir sagen, bis ich dich dem Boissieux abgeschlagen habe. Dann wird Goran dem alten Sünder verdächtig sein, einen Todfeind an ihm haben. Doch was auch für ein Schicksal ihn, dich und mich einst dafür treffe: Ich schlage deiner Jugend wegen dich dem Alten ab.

 

*

 

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