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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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II.

 

Haß und Verachtung sind unehrliche Gewerbe. Nur
Liebende sind ehrlich durch und durch in ihrer
Liebe.

Die Jeux floraux waren zwar in Toulouse verloschen, aber nicht die Heiterkeit der jungen Mädchen und die Lust, die an ein Spiel sich reiht, wie Blumen an eine Guirlande, die ungeschlossen bleibt, wie die Vögel nicht aussingen – im Gefühl unendlichen Lebens. So fand auch Goran eine Schar Mädchen im Spiel begriffen. Während Mr. Coquart die Ehrentreppe hinaufgegangen, um ihn zu melden, war er in den Garten getreten. Im Hintergrunde rollte die Garonne ihr helles Gewässer, jetzt himmelblau von der Bläue des Himmels; die Büsche der Bosquets blühten über und über von der Frühlingswärme der sie wie bebrütenden Sonne. Aber sonderbar hatte sich die eine Jungfrau vor aller dieser uralten, hier den Menschen wiederholten Pracht die Augen verbunden! Er sahe, sie spielten Colin Maillard, wo die Geblendete auch noch an einem Laut der Stimme oder an einem Kusse den Ertappten errathen muß, ehe ihm nun die Augen verbunden werden. Und doch sonderbarer – die sehenden Mitspieler flohen vor ihm leise und verschämt in die Gebüsche; wie er sah, waren unter den Mädchen junge reizende Cornets oder Fahnenjunker; aber gewiß drei oder vier von demselben Regimente, in denselben schönen Uniformen. Und das Regiment stand doch jetzt nicht in Toulouse, sondern war vorlängst nach Indien eingeschifft worden. Er begriff das nicht; so wenig als er ahnete, daß dieser grüne Rasen, grün wie in aller Welt und ohne besondere Bedeutung, ihm in wenigen Augenblicken zum Paradiese werden sollte; ein Stück Himmel, wogegen er den ganzen großen Himmel vergessen würde, und nicht einmal denken oder gar ausrufen: Wem hätte ich geglaubt: Die Erde ist der Ort der Seligen! Nur der Tod kann mich von ihr hinwegrufen und nur der Geliebten nach; sonst Keinem! Keiner! Selbst der Madonna nicht!

Indem er so stand, ohne alle Ahnung eines oder seines Schicksals – denn die göttliche Menschenseele ist über das Schicksal und alle Geschicke erhaben, und das weiß sie still und heiter – indem schwebte die weiße Gestalt mit verbundenen Augen ihm näher und näher. Er trat einen Schritt zurück. – Sie horchte. Sie bog ihre ausgestreckten bloßen Arme und sie schwebten ihr, leise bebend, eine Spanne vor dem Busen. Unter dem himmelblauen Tuche über Augen und Stirn glommen rosige Wangen; zwischen ihren geöffneten Lippen blickten wie Perlen aus Rosenkelchen die Zähnchen hervor. – Er hielt den Athem an; er lächelte; er sah zur Erde; und auf dem Rasen über die Blumen schwebte ihr Schatten mit ausgebreiteten Armen heran – und ihre Arme hatten ihn windschnell ergriffen, umarmt, hielten ihn fest; sie ruhte von der Ermüdung nun sicher an ihm aus, und seiner als Jüngling ganz vergessend oder sich voll erst bewußt, umschloß er sie wieder mit seinen Armen und hielt sie sich fest. Er empfand die Bezauberung der schönen jungen Weibesgestalt. Von der Wärme, vom Feuer in ihr glühte er an, und seine Haare knisterten an ihren Locken, und wie ihr Herz klopfte, so schlug seines vom Pulse der Welt. Ihm war unbeschreiblich wohl, gesund bis zum Rausch. Aber jetzt erhob sie erst das Gesicht; mit den Lippen suchte sie seine Lippen, um ihn zu erkennen, zu nennen. Und er duldete den ersten Kuß; er ertrug den zweiten Kuß mit eisernem Muth; aber den dritten gab er ihr wieder und Lippen empfanden nur Lippen – ihm war kein Weib, kein Mensch, keine Liebe, kein Leben, nur himmlische Genüge, und ihm war, als schlüge kein Herz in seiner Brust.

Aber plötzlich überfüllte sie sich ihm unerträglich, als sie sprach, als sie einen andern Namen nannte, als den seinen, den er doch vergessen hatte; und er stöhnte laut.

Da riß sie mit einer Hand sich das Tuch von den Augen, und von ihm festgehalten, ohne es zu empfinden, sah sie in sein Gesicht und ihr Blick wurzelte in seinen Augen. Und er sah ihre volle Schönheit ruhig, genug, zu viel auf immer. Darauf übergoß sich ihr Gesicht mit Rosenröthe; ihre Augenlider schlossen sich langsam und zogen eine heilige Scheidewand zwischen ihm und ihr. Sie zürnte nicht, sie lächelte nicht; aber sie ward ernst, sie ward blaß und endlich weinte sie.

Die leisen Thränen erschütterten ihn, er vergaß sich selbst. Sie rührte sich jetzt, um sich loszuwinden, aber sie regte sich blos.

– Génévion! rief jetzt die halblaute Stimme ihrer Freundin Madelon aus entferntem Gebüsch; »Génévion!«

– Du bist Génévion! fragte Goran aus tiefer Seele. Génévion du! Das sag' ich und frag' ich den Himmel! Aber ehe ich dich aus meinen Armen lasse, so lange nur höre mich an: Ich komme, um dich zu werben bei deinem Vater .... Génévion! sage Ja! sage Nein! Dein Bewerber klagt: Dich möcht' ich erwerben .... wenn ich dürfte! Wärst du mein Weib, dann hätte ich Alles in der Welt genug, im Uebermaß! Wählst du einen Andern, dann sind mir alle Himmel hohl, alle Sterne gestorben und nur um Dein nicht zu vergessen, wollt' ich in der Todtenhöhle allein ewig wohnen, der Todtengräber und weinende Eremit der Welt!... Ach, Génévion, daß ich, daß ich um dich zu werben gekommen! Weh!

– Warum denn: Weh? frug sie ihn, in ihrem Leben zum ersten Male bestürzt.

Er ließ sie los.

– Warum denn? frug sie noch einmal, aber jetzt süßer.

– Weil ich dich nicht lieben soll! sprach er.

– Warum denn nicht? frug sie jetzt zauberisch; sie selber trunken von Glück. Doch jetzt ward er blaß. Aber die Ehre verbot ihm die Thränen. Ihr goldenes Herz hatte sich ihr vom Halse gerissen. Mit seinen finstern Blicken gewahrt' er es blitzend im Grase. Er hob es auf, reichte es ihr.

– Behalte nur auch das – Du – wie heißest du denn?

– Goran. George von Goran, sagte er ihr beschämt. Ich will es behalten.

– Ich will? fragte sie lächelnd. Du willst nicht mehr! Will Ich es dir geben, dir lassen? Ach nein, ich muß!

Ihr Gespräch war aus; denn jetzt kamen die andern Mädchen, die als Mädchen gekleidet waren, aus den Gebüschen. Dann kamen auch die Mädchen, die heut am sechszehnten Geburtstage ihrer Freundin Génévion sich verkleidet hatten und sich entschuldigten: Das sind alles Kleider des Bruders unserer Freundin, der in Indien geblieben ist.

– Nun wissen Sie Alles, mein Herr! sagte ihm Madelon; nun können Sie gehen, und darum, merken Sie wohl, erkannte Sie auch Génévion in Ihrer Uniform und an Ihrem Bärtchen nicht gleich für einen wirklichen Kriegsgott. – Darauf lachten sie wieder und führten Génévion fort.

Und den wie zu Stein gewordenen Goran erweckte Coquart und führte ihn zum Vater im Herzen seiner Génévion.

 

*

 

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