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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 20
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XIX.

 

Des Scheidens wegen ist der Tod erfunden;
Des Lebens wegen braucht er nicht zu sein.
Das Scheiden aber ist der Silberblick
Der Liebe, reich voll aller Göttlichkeit;
Da fühlt der Geist erst ganz das, was er ist,
Hier hatte, sicher hat und mit sich fortnimmt.
Drum Ruh' und Andacht in der Scheidestunde!
Denn größer gibt es nirgend nie ein Fest.

Der Vater war heraufgekommen und nickte seiner Tochter zu. Du bist bereit; so komm, mein Kind. Es muß. Auf euern langen Abschied nehmt den kurzen! Das ganze Leben ist ein langer Abschied selbst. – Das sehen wir erst klar bei unserm kurzen. Mein Vaterherz wird dir, mein theures Kind, stets eine Zuflucht sein. In Klagen wird das Leiden ausgeschüttet, ja weggeschüttet, und der Trost bleibt still zuletzt. Das Leben gibt nur Allen, was es kann. – Doch ach, wir sind soweit gebracht, daß mir dein Leben leid thut, armes Kind!

Er blieb finster stehen, und Génévion sagte ihm zärtlich: Daß Dir mein Leben leid thut, o wie freut mich das! Nur einen Wunsch verbirgt die Seele mir: O wiederhole mir .... bei Boissieux das Wort, und wiederhol' es später dir recht oft, so wirst du traurig-ruhig sein, mein Vater.

Sie hing an seinem Halse. Da ließ er sie ruhen.

– Soll ich allein der Unzufriedne sein? der Rächer? sprach Goran endlich in diesem Frieden zum Parlementspräsidenten. Das war ein altes königliches Recht bei uns, bis noch unlängst: daß der bitter und schmählich Verurtheilte seinen Richter fodern durfte auf Leib und Leben. Da war es bang, ein Richter zu sein, und Sorge: menschlich selbst nach alten, grausamen Eisgesetzen zu richten, nicht also nur wie über Bär und Wolf. Sie leiden selbst, mein Vater, und ich stecke den Degen ein, wie Sie den Ihren vor – dem künftigen Richter.

Du thust mir leid! sagte ihm der Vater. Mehr kann ein Mann nicht sagen, dem Hülfe fehlt! Das nimm zu unserer Trennung, zu unserm Scheiden. Und wenn ich todt bin und du gehst einmal an meinem Hause vorüber, dann höre es noch: »Du thust mir leid.« Bewundere manchmal Anderer Leid! Indeß du dieses thust, verquillt das deine; – der Prediger, der in den Bergen Euch getraut – ist abgeholt; der edle würdige Chomel; er wird vom Intendanten von Languedoc – gerädert.

Frau von Goran entließ Génévion vor Wehmuth stumm, legte ihr zum Segen die Hand auf das gebeugte Haupt und ging mit dem Vater langsam zu dem Wagen hinab, in den er sich schon setzte.

– Bleibe glücklich, sagte Génévion zu Madelon; dir ist geholfen! .... und besuche mich manchmal im Frühling und bringe mir die ersten Veilchen mit! Ich stecke dir dann Rosen heraus! – O, meine Freundin! die Hand zum Frieden!

– Ich verzeihe dir, daß du mir vergibst, ich weiß nur nicht was, erwiderte ihr Madelon. Sie rückte ihr dann den Rosmarinkranz schief, gab ihr die Citrone in die rechte Hand und wünschte ihr guten Abend .... gute Nacht .... guten Morgen, mit den höflichsten Verneigungen, bis sie lachte, dann weinte und in den Sessel sank.

Wie das zerrissene Paar nun langsam hinunterging, sprach Goran: O diese Nacht!

Und Génévion sagte ihm: Was soll ich von dir denken? Ich meine, du müßtest mich errathen! Doch wisse: ich fühle nicht den leisesten Schmerz .... und ehe die Uhr schlägt, bin ich todt. Das Gift ist köstlich, das ich Madelon entzog. Nun bedurfte ich es.

Er stand, er wollte sie halten; sie aber führte ihn an der Hand ganz langsam immer fort und stützte sich auf ihn, während sie leise ihm sagte: Du hast gewußt, gesehen, daß Sterbliche nur Vater mir und Mutter waren; als Sterbliche nur hast du mich zum Weibe genommen; nur also haben wir gelebt in sicherem Glücke – umringt von ewiger Flucht! ... Und nun, nun überrascht dich wie ein Kind, daß ich den stummen Mächten auch erliege! ... Erliege? Nein! erkennst du denn an meinem Thun nicht ganz mich selbst? daß mir die Mächte still gehorchen, daß mir gelungen Das, was ich gewollt? – O sieh, die heute ich bin, die war ich einst! und die ich scheine, die laß mich stets dir sein! Schilt nicht mein Leben, dann ist Alles gut .... so gut die Welt ist, oder so entsetzlich. – Geh für mich beten und für dich!

Er blieb wie versteinert stehen.

– Bin ich so dein? dir lieb? fragte sie noch mit unaussprechlichem Lächeln. Der Vater ruft! Leb wohl, leb wohl! Ich muß dahin.

Sie schwankte hinaus. Die begoldeten Diener stützten sie und sie setzte sich stumm zur Rechten des Vaters.

Goran hörte das dumpfe Fortrollen des Wagens, als grolle die Erde auf. Er empfand sich endlich wieder, aber als einen Geist, den einzigen Geist in vollkommener ewiger Oede, daß er schaudernd vor sich erschrak, und konnte sich selbst nicht entfliehen. Die Augen zudrücken vor dem ihn umflirrenden Nebelgebraus, das Welt hieß, nutzte ihm nicht. Laut wogte und wühlte und schrie und gellte und schluchzte es in ihm fort in der grausigen Finsterniß. So tappte er sich hinauf. Die Einsamkeit, die Stille umweinten ihn unerträglich bang und gespenstisch; die Verlassenheit stürzte ihn in der sein gewesenen Génévion Bett; er verbarg das Gesicht in ihre dahängenden Kleider, die ihn anschimmerten wie bunte Flügel eines vom Sturme zerrissenen, verwehten Schmetterlings. Er kniete hin, wo sie gebetet; aber seine Seele stammelte nicht einmal laut, sie glühte und verklärte sich nur in den reinen Gedanken:

                   

Mein Leben hat dein Tod beschlossen, ganz!
Nun du die Augen schließest, sterb' ich selbst!
Ich trage deine Huld nur noch wie Thau
Aus fortgezognem Nachtgewölk; die bin ich.
Und dort in jenem Himmel auch, da wirst
Nur du sein, wo nichts ist als meine Seele,
Die du ist! –

Er erblickte das Stückchen Krystall mit dem Gift. Er ergriff es; die Zeichen darauf sprachen ihre Räthselsprache zu ihm, wie unkenntliche Buchstaben auf den Flügeln der Nachtvögel oder auf dem großen von Götterhand beschriebenen Eie des Vogels – – – was kümmerte ihn noch ein Name in der Welt! Er trank das Gift wie dargebotenen Himmelstrank.

Dabei überraschte ihn Madelon. Doch nur so leicht davon betroffen, als hätte sie gesehen, daß ein Kind ein kostbares Gefäß zerbrochen, sprach sie: Das sage ich deiner Mutter! Ich bin es nicht gewesen. Das soll auf mich nicht kommen. Und warte nur erst, dann geh ich, oder laufe und sag es Génévion.

Mit den Worten verschwand ihm die von des Lebens schwerem Jammer Erlöste. Ihn aber ergriff selbst eine gewaltige Sehnsucht, die Sehnsucht nach seiner Génévion, als wenn ein Blindgestorbener und Aufgestandener die Herrlichkeit des Himmels zu sehen hofft. O Glück, mir noch das Glück, rief er, sie noch einmal lebendig zu sehn! Ach, einen Verlornen, im Sturme im Grabe der Welt noch einmal lebendig sehen! .... das ist so gut, wie die ganze Welt sich selbst noch einmal schaffen! Das heißt die geträumte Wiederkehr aller Dinge wahrnehmen, die Lüge Lügen strafen! Wer, wer von allen Seligen ist jemals so froh gewesen, wie ich Amphibie des Lebens und des Todes!

Indeß war Génévion noch nicht weit. Die krumme Straße rechtshin zum Palast des Boissieux war wie von Menschenköpfen gepflastert, die wie auf bunten Rohrstengeln mit Blumengesichtern fünf Fuß in die Höhe gewachsen schienen und dem großen, zu beiden Seiten offenen Staatswagen nur mühsam Raum machen konnten. Von den, der armen Génévion gestreuten Blumen und Zweigen war kein Blatt zu sehen, als wenn das Volk dann gleichsam den Meergrund sehen ließ. Aus allen Fenstern hingen, wie zur Zeit des Carnevals, ihr zu Ehren die Teppiche heraus, sogar auch viele schwarze Tücher; die Frauen und Mädchen riefen ihr zu; viele machten mit Händen die Bewegung, als wollten sie ihren Wagen anhalten; andere weinten. Selber die Dächer sah Génévion besetzt. Sie sah das Alles aber nur – wie übermorgen, wenn man sie todt dahinfahre; sie sah es gerührt, als die armselige, mitleidvolle Welt, als ein ewiges Puppenspiel mit immer neu hereingelassenen Kindern, die ihr Eintrittgeld zu Ende bezahlen, mit dem bittern Todtengesicht. Und sie schlug die Augen nieder, als blende sie die Sonne, welche die Straße und sie und den Vater vergoldete.

Jetzt erblickte ihr Vater das Freudenhaus des Herrn von Boissieux und zürnte unter den Zähnen hervor: Das Haus ist nichts als eine Raserei, der zu Mauern versteinerte Urtheilsspruch! O wozu kann doch die ganze Erde werden! wozu ist sie geworden aus Schäumen und Träumen alter verstaubter Gaukler und Schwärmer. Unser Tropfen Unglück, mein Kind, ist nur ein bitterer Tropfen aus dem bitteren wogenden todten Meere. – Er verstummte. Denn wie man von dem Freudenhause aus auch kaum ihren Wagen erblickte, dröhnten die Pauken, schmetterten die Trompeten von den Balkonen. Vom platten Dache des Palastes donnerten die Mörser; der Rauch schoß aus den Lücken der Crenellirung hervor; ja, in der Voraussetzung, die gewonnene Frau werde erst später kommen, prasselten auch die Raketen empor, die Leuchtkugeln machten wie Kinder ihr eigenes Feuerwerk nur mit dem Munde für die Ohren nach; denn Alles war unsichtbar und machte zum lauten Gelächter des Volkes nur Rauch – zum Unglückszeichen.

Génévion lächelte das letzte Mal, ohne Ahnung, daß das Schicksal sie, was unmöglich schien, doch jetzt erst durch Verzweiflung zermalmen wolle und könne und werde. Sie lächelte aus schwererkauftem Betruge, nicht als leicht versöhnte Betrogene.

Da sie ihres Todes sicher war und mit jedem Athemzuge sicherer ward, wollte sie getrost die Stufen zum Palaste hinaufsteigen. Sie blieb aber, betroffen von ihrer Schwäche, nur die Knie zu heben, und noch einmal erröthend über die Welt, stehen; die Menschen, selber ihr Vater, schrieben das Einknicken ihrer Knie ihrem kraftlosen Abscheu zu. Daß sie oben in der Thür des Saales todtenblaß vor Herzklopfen sich mit dem Arm an die Pfoste lehnte, fanden die Scharen verstummter Gäste ihr wol der Entschuldigung werth; selber Herr Baville, der die Honneurs des Hauses machte und sie ehrerbietig und tiefverneigt begrüßte, doch dann zu seinem Triumphe laut vor den Gästen sprach: Dies schönste, besonnene Weib hier ist die Frucht von meiner Rede: Ein Schatz gehört Dem, der ihn verborgen hat, nicht Dem, der ihn entdeckt, sich heimlich fortträgt und verschweigt. Der König hat ein Weib denn richtig selbst für einen Schatz erkannt, und Sie hier Alle sehen und sie – sie fühlt es selbst: daß sie unschätzbar ist. Darum ist sie hier.

Génévion schwieg düster; und er führte sie an seiner Hand zu dem Herrn von Boissieux, den man in seinem großen Schlafzimmer, auf seinem Caquetoire, sie ruhig erwartend, sitzen sah. Sie erblickte wie im Traume das mit siegreichem Abscheu vermiedene prachtvolle Schandbett, von alabasternen Säulen umgeben, das still sie anstieß, laut zu lachen; die smaragdgrüne, einzige Ampel verbreitete ihr Licht, wie ein hierher betrogener Stern, und der feine Wohlgeruch hauchte sie an wie Todtengeruch.

Jetzt stand sie zwischen Feind und Vater vor Herrn von Boissieux, der sich nicht vor ihr erhob, sondern nur seine rechte Hand ausgestreckt hielt. Und sie sammelte alle ihre Kraft zu dem, ihm Alles in Einem vorwerfenden, vergeltenden Worte:

– – – – – Herr von Boissieux,

Hier bringe ich Ihnen Das – was Sie verloren!

Darauf ohne allen Halt mehr im Herzen, noch in ihren schönen Gliedern, sank sie rückwärts um, nur kaum noch vom Vater ergriffen, dem sie, wie sie meinte, ihr letztes Wort sagte: Mein Vater, ich sterbe, das Gift ist echt.

Der Vater verstummte vor Schreck im zerrissenen Herzen.

Génévions staunenerweckendes Wort aber pflanzte sich unter den herzugedrängten Gästen fort. Die Nächsten hatten gesehen; die Fernen glaubten nicht recht zu verstehen und verstanden erst recht, als Leuchter herbeigerissen wurden, die selber den Parlementsmitgliedern das Wort wahr machten, das ihnen gleichsam die Zunge im Munde zerschmolz und sie selber wie Männchen von Wachs und mit wächserner Nase.

– Sie hat das wahre Urtheil gesprochen, das vor dem Herzen beständige! sprach de la Vicomterie; das Weib gehört sich selbst allein und weiht sich Dem nur, den sie liebt! So ist es. – Tapfre Génévion!

– Mein Gott, sie stirbt! rief Herr von Argenson; die Lebende, sie bringt die Todte wieder! Sie selbst: sich selbst. – Er rief nach Endenté.

– Ha! Grausenvoll! ächzten die Damen. Sie bringt ihm richtig Das, was er verloren! – Ihr blieb auch keine Rettung vor der höchsten Schmach des Weibes: dem Zwange! des Leibes Knechtschaft und der Seele! – Unglücklich nicht zu sein, ist auch noch Glück! Sie rettete die Ehre, die Liebe! – Mein Gott, das arme, edle Weib! Aber lieber die Sonne nicht, als einen verhaßten Mann! – O sie strahlt und verbrennt alle königlichen Doppelweiber zu Schandpfahlasche! als ewiges Ehrenweib von Toulouse!

Der blinde, taube Schweizerbaron hatte doch den Aufruhr bemerkt, im Gedränge gestoßen, ja getreten, und fragte, seine Gemahlin festhaltend: Sage du mir doch, was da passirt? die Gratulanten werden grob!

Und rücksichtlos schrie sie ihm zu: Génévion ist wirklich gekommen!

– Das sagte ich gleich, schmunzelte er; die Frauen bequemen sich. Das kennt man; wenn sie nur glücklich erst dreißig Jahr alt sind, dann fragen sie alle nichts mehr nach dem Herzen!

– Schweig, schrie sie ihm wieder zu; du lästerst! Denn Génévion hat sich ihm todt wiedergebracht!

– Ja? ach, ja! sprach er seufzend; ich erinnere mich auch der Liebeszeit! Aber auf einmal schrie sie wieder mit Schrecken: Gott! Baron! sie sagen jetzt, der Herr von Boissieux ist todt! Ja, ja, er ist todt. Sieh nur hin, hierher! nicht dorthin; wir stehen ja ganz vor ihm.

– Ist er wirklich todt? fragte der Baron

– Ja! schon steif und kalt! und seine todte Frau, die Ménehoult, steht hinter ihm!

– Meine Schwester! Ach, soll ich hin? soll ich fort? Höre, du foppst mich! Ist Alles nicht ein Spiel? ein Hochzeitschwank? Ich bin böse!

– Nein, der Apotheker Endenté, der wahre » Entendtout«, hat soeben erklärt, nachdem er die Pupille besehen: »Der Herr von Boissieux ist todt wie Abel und der Egypter des Moses, oder wer sonst das Glück gehabt, so selig vom Schlage zu sterben; gerade so todt; nur noch nicht so lange, was aber mit Gottes Hülfe auch allmälig der Fall wird. Die jüngsten Kinder wachsen sich groß wie die ältesten. Ich verliere meinen besten Flickkunden an dem in Halssachen splendiden Manne!« – So klagt er. Willst du eine Prise zur Stärkung? Er hält die große Dose in Gedanken offen. Hier! – zu deiner Gesundheit, mein Belisar!

Und bald darauf berichtete sie ihm weiter: Die arme Sarotte ringt die Hände vor ihrem Herrn und sagte, ihm habe die Nacht geträumt: Die selige Ménehoult sei ihm erschienen und habe ihm seinen Tod angesagt, wenn er Génévion dem Goran nähme! Schon daß Génévion lieber ins Kloster gehen wollen, als ihm gehören – die Schande ertrug er kaum! Er wollte allein sein, bis Génévion käme. Nun starb sie sogar viel lieber! – Die Schmach, die Entbehrung hätte ihn doch erstickt!

– Freilich, freilich! bejahte der Blinde. Schande weckt Ehre von den Todten.

Darauf schrie seine Gemahlin ihm wieder ins Ohr: Monsieur Baville erklärt, daß er seit zwei Stunden nicht mit dem Todten gesprochen, wo er ihn gefragt: Wer auf seinen Todesfall sein Vermögen erbe? Sieh nur, sieh nur, höre nur; da gratulirt er soeben dem Herrn Parlementspräsidenten zu einer Million Livres Erbschaft, als Erben seiner Tochter, die den Herrn von Boissieux überlebt habe und noch athme! – Andere sagen soeben, wol recht albern: Er sei über die Wiedererscheinung seiner Ménehoult erschrocken, in der aber nur die wahnsinnige Madelon stecken soll! Coquart aber sagt, der Herr habe sich sehr heiß gebadet, um nach seinem gewohnten Wunsche rothe Wangen zu bekommen; aber eine Flasche kalten Wein darauf getrunken, um sich zu beleben.

– Ist ihm schlecht bekommen! bedauerte der Alte und wischte sich die Thränen aus den blinden Augen.

Als aber Génévion nun aus ihrer Ohnmacht, ihrem Vorschlafe des Todes, erwachte und ihr Vater verzweifelnd ihr sagte: Boissieux ist todt! Vielleicht schon vor zwei Stunden! Ach, nun stirbst du mir und dir und deinem Goran umsonst! umsonst! – da riß sie sich dämonisch aus seinen Armen. Sie schrie laut auf, einen Aller Herzen durchdringenden Schrei. Sie hob ihre ganze schlanke Gestalt in die Höhe, streckte die Arme noch über sich empor, als wolle sie hoch über alle Welt hinaus. Dann stürzte sie auf die Knie.

Auf einmal erschallten Stimmen; Goran! – Herr von Goran! Ihr Gemahl!

Goran war gekommen und blieb in der Thür stehen. – Männer wie ich, sagte er sich, haben überall freien Eingang! – Ihn hatte die Gier nach Rache befallen; da seine Génévion doch ihm verloren war, was schadete es ihm bei ihr, daß er den Oheim Boissieux ermordete, oder den Gelddiener Baville, ja, wo möglich Beide! Er hatte den Degen gezogen und spähte umher, denn ihm schwoll das Bewußtsein: O, was kann ein Mann noch Alles mit seinem Tode thun!

Und aus Furcht schrien Stimmen: Goran! Goran! Er sprüht Unheil!

Génévion fuhr empor, ihre Augen rollten umher und funkelten auf nach ihm; sie erblickte ihn, sie stürzte ihm entgegen und rief zitternd und bebend am ganzen Leibe, mit dem Schrei der verzweifelten Angst:

– Jetzt rette mich! rette mich! O mein Goran! – – –

– Dich! Ich – dich? fragt er kopfschüttelnd.

– Ja! Mich! Mich! Er ist todt. Der elende Boissieux ist todt! Weh, weh! und ich lebe nicht! Ich kann nicht leben!

Er umschlang sie und hielt sich die Wankende, wankend. So ruhten sie aneinander; Génévion voll Angst und Qual, jetzt, jetzt zu sterben, da sie frei und glücklich sein könne; Goran in stummer Verzweiflung um sie und um sich, bis er sprach: O wem klage ich mein Leid, daß es bleibt! den Sternen? ... sie zerstäuben auch einst. Den Menschen allen? ... Sie haben alle ihre Leiden in Fülle, heute oder morgen. Doch klag ichs der Welt, da dauert es ewig, in ihr und mit ihr ist alles Elend aufgehoben, ewig! Aber wem klage ich es, der uns, uns, uns helfe. – O, da ist Niemand, Keiner, der es ungeschehen mache, zurücknehme; auch nicht Einer! Doch Einer ist, der es endet – der Eine ist der Tod. Der endet es mir wie dir, o meine Génévion, mein, noch meinen Augenblick Leben!

– Ist keine Hülfe? Keine? flehte Génévion. Ach, stöhnte sie, ach, daß das Glück, das himmlische Glück erst völlig die Thoren zerschmettert, die Ungeduldigen! Ohne das Glück, das heillose Glück, wie freudig stürbe ich! Jetzt, jetzt weiß ich, was Tod ist! Ich weiß, was Tod ist. Ach, ist kein Heilquell, mich darein zu tauchen, daß ich dir lebe!

– O wo soll ich dich hintragen, wohin dich verbergen, retten! sagte Goran ihr, die Hände ringend; in die Wolken? .... wie schweb' ich hinauf! ... in die Erde? ... sie öffnet sich nicht! O du mein einziges, einziges Weib in alle Ewigkeit, seit aller Ewigkeit! Doch, doch die Erde öffnet sich mir wie dir. – Denn jetzt frage ich dich: Was denkst du von mir? Dein Rest des Giftes war genug. Ich sterbe mit Dir. Ach, ich muß! O ich will!

Sarotte schrie über seinen Tod und fiel ihm zu Füßen.

Génévion trat einen Schritt von ihm zurück, stemmte die Hand gegen seine Brust, starrte ihn an und lispelte kaum: Du bist todt, schon vor Nacht? – Und laut frohlockete sie entzückt: Nun sterb ich nicht dir! O so sterb ich beglückt! Um dich nur wollte ich leben, um dich nur sterben. O! mir? mir gibt es noch ein Glück? – Ja! auch mir. Mir ist wohl, mir ist leicht wie den Engeln! sprach sie, aber erbleichend.

Sie lehnte sich zurück in des Vaters Arme und lispelte mit letzter Anstrengung: Dich schmerzte, daß ich lebe – – – ich bat dich – – –

Sie erlosch. Sie war todt. Madelon hielt ihre Hand und wich nicht von ihr.

Und Goran stand in dem schrecklichen, dem Pöbel mit ausgeworfenem Gelde und Weine vorausbezahlten, in der Verwirrung nicht abbestellten Geschrei: »Es lebe der Herr von Boissieux!« – »Es lebe die schöne Génévion!« – Mit bitterm Lächeln vernahm er den leer abbrennenden Pauken- und Trompetenschall und die hohl nachdonnernden Nothschüsse statt Freudenschüsse vom Palaste. So stand er lange dumpf erstarrt und sprachlos, bis seine Seele sich in die Worte ergoß: O Welt, nun kenn ich dich! Ich wollte dich nicht kennen, wie Niemand gern dich kennen mag. Stelle dich, wie du willst, deiner hohen Sonnen stille Erbschleicherei, deiner Sterne alte, ewige Todtentänze, die kenn ich nun wohl! Ich schaue: Da liegt ein alter blinder Riese an der Kette. An seinem Felsen führt ein schmaler Weg vorüber; leisen Fußes sucht ein Jeder an ihm vorbeizuschleichen. Dem Einen schläft er; – Den verwundet er leicht; Den unheilbar. Die aber glücklich ihm vorbeigeschlichen, die stürzen alle, siebenzig his achtzig Schritte weiter, dennoch in den Abgrund. – Das ist das Leben! Das ist das Schicksal! Das der Tod. – Wer nicht die Sonne wegbeten kann und die Erde wegknien, der sinke als ein Mann in ihren Staub!

Seine Mutter kam hastig zum Sohne, der ihr sterben sollte. Sie erstaunte, staunte Alle an, bis sie darüber in Thränen zerfloß und ihren Sohn umklammerte. Herr Baville gratulirte auch ihr zu einer Million Livres Schwestererbes. Sie aber wandte sich mit dem Rufe von ihm ab: O ich Unglückliche!

Der tiefherzige Parlementsrath Papillon aber klagte oder verwunderte sich vielmehr und sprach: Ist denn die alte Liebe noch nicht, noch nicht von ihrer Geltung sicher? Noch nicht von ihrem tausendfältigen Bewähren, wie Liebende nie satt und gläubig überzeugt – daß sie so kindisch und so kindisch grausam noch immer neue Proben sich ersinnt und sich in unsern Menschenherzen quält, um immer wieder nur das Wort zu hören: Nichts ist der Tod! Nichts ist das Schicksal! Sie schüren nur die Liebe zu Flammen. – – Ja, nichts ist Wahnsinn! setzte er hinzu, als er sah, daß Madelon ihm zuhörte und dazu lächelte.

Herr von Argenson und der Präsident brachten traurige Ordnung in die Verwirrung.

Nach dreien Tagen ruhte Boissieux bei Ménehoult; aber Goran und Génévion in Einer Gruft zusammen, zu langem, traurigem Ruhme der Stadt Toulouse.

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