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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 19
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XVIII.

 

Glücklich allein ist die Liebe! Sie bringt es am höchsten im Leben,
Bringt es am höchsten im Tod: Alles mit Wonne zu thun!
Stirbt für Viele da Einer im Rummel, so dankt ihm doch Keiner
Recht; stirbt Einer um mich, sterb' ich bezaubert um ihn!

Das Volk erfuhr bald, daß es durch eine nächtliche Sitzung getäuscht worden, lachte, denn es erfuhr auch die zwei Worte, und mit Jubel, da es für ausgemacht hielt, daß einem Manne das Weib nicht mehr gehöre, das er habe begraben lassen; obgleich sich Stimmen erhoben, die es nicht meinten zu bestätigen, indem sie sprachen: Also ein Vogel wird frei in der Luft; Jeder kann ihn fangen, und ein Weib wird frei in der Gruft. – Das Volk versammelte sich diesmal zur Nacht. – Aber erst am Morgen, als es verdrossen zu schlafen geeilt, ging die Kammer, das Urtheil zu sprechen. Baville hielt seine Rede, zu beweisen: daß eine Frau Dem gehört haben müsse, der Recht gehabt habe, sie zu begraben, und de la Vicomterie behauptete, wie der Satz, den er zu gewinnen hatte, ihm nur erlaubte zu behaupten: daß eine Frau Dem gehöre, der sie aus dem Grabe erlöse.

Was nun, von den sonderbaren Sätzen gebunden, die Auditeurs, der Viguier, der Prévót, der Juge de la garde des sceaulx, die Vicaires und die Cordeliers d'observance nur als Urtheil aussprechen konnten und dazu schlau gezwungen waren, das mußte Génévions Vater als Parlementspräsident bestätigen, und er machte das Urtheil rechtskräftig unter den Worten: Pereat mundus, fiat Justitia! die er sich so übersetzte: Sei die Menschheit nur glücklich, dann mag das Recht vergehen.

Er fuhr aus der Sitzung weg rasch zu seiner Tochter, damit sie von ihm zuerst das Urtheil vernehme. Bei ihr die Treppe hinaufsteigend, bekam er aber seine Chamierschmerzen wieder, und er mußte hineingeführt werden.

Daran errieth Génévion, die ihm entgegenflog, ihr Schicksal. Der Vater umarmte sie, und seine Thränen stürzten auf ihre Haare. Endlich ließ er sie los und sie stürzte ihrem Goran an die Brust, der nicht begriff, wie ein Mann sein Weib verlieren könne, das er an seinem Herzen halte. Er kannte den Tod nicht, der die Geliebten den Liebenden still in den Armen tödtet und ihre Seele sich wegführt.

Madelon that ihren Schrei wieder, als sie sah, wie Goran die ohnmächtige Génévion hinlehnte. An dem Unglück der Freundin, des Vaters, Gorans und seiner Mutter, ihrer Wohlthäterin, fühlte sie sich allein schuld – sie fühlte einen Stich im Kopfe – sie hörte Todtenglocken läuten – mit ihren starrend offenen Augen sah sie brennende Pfeile aus den Händen der vier guten Menschen im Zimmer nach ihrer Brust fliegen, und fühlte, wie sie alle ihr Herz trafen und brennend darin stecken blieben, so daß sie in ihrem Wahnsinn danach griff und sie herauszureißen sich abmühte, wie Jemand Ottern von sich schleudern will. Es war ängstlich anzusehen. Ermüdet von der vergeblichen Arbeit, wollte sie die Pfeile, als verdient, im Herzen stecken lassen; da sie aber den jetzt sogar um sie beschäftigten Freunden in das Gesicht sah, worin nichts Arges, sondern nur Mitleid und Angst sich zeigte, da rief sie: Die Pfeile kommen von Boissieux! Der ist der Mörder!

Sie führten sie auf ihr Bett; sie ward scheinbar ruhig. Aber zum Vorzug oder zur Pein haben die Unglücklichen das zarteste Gewissen; sie treten auf keine Blume auf dem Wege, sie retten die Fliege aus der Gewalt der Spinne und treten die Spinne todt. In dieses ihr, von lieber Schande und theurem Unglück krankes Gefühl war der Schreck über Génévions Elend gefallen, und ihre Sinne hatten für immer gelitten, wie der herbeigerufene Endenté in wunderlichen Worten zu verstehen gab: Wer die Sonne könnte zurückdrehen, der könnte auch sogar dem König Karl VI. seinen Kinderverstand wiedergeben, und wenn die Sonne über so viel Schlachten und Urtheilssprüche auch wahnsinnig geworden ist, so sei sie auch incurabel, weil sie so still sei! Zum Glück brauche ein Licht keinen Verstand, nur ein Polizeidirector, aber keine Madelon mehr.

Diese Worte mußte der condoliren-gekommene gute Herr von Argenson mit anhören. – Ja, seufzte dieser, was hilft der Polizei, die Leute zum unglücklichen Reden zu bringen! Glücklicher ist es, sie zum Schweigen zu bringen, wie unsere hohen Obern aus wahrem Edelmuth jetzt so gern wollen.

Dafür sprach er zum Präsidenten: Nur keine Appellation! denn Boissieux hat doch Freunde, durch die sie sogar am Fuße des Thrones durch einen Beinstoß zerworfen wird. Fragen wir die arme Génévion, was sie nun will.

– Ins Kloster! antwortete sie. Da kann ich meinem Goran treu sein; mit Boissieux brech' ich die Ehe und bricht mein Herz. Der Liebe zu gedenken, ist auch noch lebenswerth! Sprich Ja, Goran! Jemand in der Welt zu wissen, der uns liebt und unser wäre, wenn er dürfte, das ist noch Wonne nur bei halbverfinsterter Sonne.

Sie folgten ihr; das Gesuch um das Kloster für seine Tochter war bald fertig. Der Vater gab als Beweggrund dazu an: Meine Tochter ist durch den lächerlichsten, dem Gerichte abgezwungenen Ausspruch verurtheilt, welcher darthut, daß keine lebendige Frau in der Welt einem Manne gehört, daß also sie alle frei und ungebunden zu allem nur Möglichen sind, so lange sie leben; und daß nur die Frau dem Manne gehört, der sie hat begraben lassen. – Ein kurzer Auszug aus den Acten war dem Gesuch beigelegt und mit dem Courier an den Hof nach Paris gesandt.

– Vielleicht lacht der Minister, sprach von Argenson, und wer die Großen zum Lachen macht, der hat gewonnen. Auf des Herrn von Boissieux Antrag mußte er aber das Haus der Frau von Goran mit Wachen umstellen, damit seine gewonnene Frau nicht entführt werde.

Der redliche Vater separirte – mit dem Troste: indeß! – das liebende Paar, weil ihr Ehestand aufgehoben sei und sie sich an dem heiligen Recht versündigen würden, sich anders als in der Seele zu lieben. Er übergab seine Tochter in die Obhut der Frau von Goran, mit ihr die wenigen Tage in ihren Zimmern mit zu wohnen und zu schlafen. Eigenthum und Besitz haben nichts gemein Nihil proprietas et possessio commune habent. Und: Amor visu acquiritur. Zwei Sprüche auch der Liebeshöfe., sagte er Goran zum Troste. Die Liebe wird durch die Augen erworben – und am Leben erhalten.

Der Herr von Boissieux rüstete aber in seinem Palaste ein großes Fest, das erneute Hochzeitfest, zu welchem alle vorigen Hochzeitgäste nebst vielen andern vornehmen Herren und Damen der Stadt sogar schon auf einen bestimmten Tag eingeladen waren. – Und er hatte richtig gerechnet.

Denn in der Voraussetzung, daß der Präsident gegen sein eigenes Urtheil an den König, als den freien Vorstand im Lande, appelliren würde, hatte er auf Baville's Rath auch einen Courier an seinen Freund le Tellier mit einem sogenannten unabweisbar groben Present geschickt, und erhielt sehr bald die Antwort:

Mein lieber Freund.

Es hat mich gefreut, Ihnen eine Bagatelle auszurichten. So leicht wir Herren von Hofe durch alle Spinnennetze schreiten, so ernst muß der Hof darauf halten, daß das Volk die Gesetze fühlt. Aus schuldigem égard gegen Ihre Frau Gemahlin – die also nicht im Kloster sich Ihnen entziehen darf, weil das die anzüglichste Beleidigung für Sie gewesen, mein ehrenhafter Freund – also aus schuldigem égard soll auch Herr von Goran ganz straflos ausgehen. Ihnen darf man nicht erst rathen, den Herrn da aus ihrer Nähe zu entfernen. Uebrigens lassen Sie sich doch bei uns in Paris vernehmen; Sie verrosten ja ganz, wie vergraben, in der Provinz! Ihre Frau Gemahlin, die zu Ihrem Glücke ein leiblicher Engel von Schönheit sein soll, wird am Hofe die allerhöchste Ehre genießen; es fehlt uns so eine rechte Schönheit. Ein schönes Weib erleuchtet eine ganze Stadt, ja ein Land, ja einen König! Kommen Sie, ehe Sie gewünscht würden!

P. S.

Ihr Herr Schwiegervater hat also die Ihnen hier beigeschlossene Weisung, in Folge Ihres Wunsches, Ihnen seine Tochter binnen vierundzwanzig Stunden a praesentatione zu präsentiren. – Schrecklich wäre es, wenn die Herren Präsidenten anfingen aus eigenem Herzen und Verstand gegen ihre eigenen Urtheile zu appelliren!

Und beide Triumphatoren wiegten sich jetzo vor Freude, jedoch nur fünf Minuten nach Boissieux' Uhr, im Caquetoire-Monstre. Dann eilte Baville selbst mit der Weisung zum Präsidenten und ließ sich die Minute der Präsentation bescheinigen. Darauf ließ Herr von Boissieux aus richtiger Ahnung die letzte, die vierundzwanzigste Stunde zum großen Souper ansagen, und Alles tummelte sich, wie von einem Geiste bedrückt, verworren in seinem Palaste. Für den Fall eines Verzögerns der Frauheimführung auch nur über die Minute hatte Baville den Herrn von Argenson requirirt, der sich vor ihm stumm verneigt und gegangen war, die Wachen zu revidiren und aus Herzensgrunde die gemeinen Leute zur Treue zu ermahnen, besonders aber dazu: die Eine Dame, die er ihnen auf dem Balcon zeigte, nicht entkommen zu lassen, unter keiner Verkleidung, selbst unter der Maske eines Heuwagens nicht!

Herr von Boissieux fühlte sich aber bei nochmaliger Lesung des Briefes zum Haarausraufen empört, betroffen und getroffen, daß ihm sein höfischer Freund sogar zu verstehen gegeben – worüber man also am Hofe, seinem Adelshimmelreiche, gewiß auch und zuerst der König, als sein Gott in der Welt, selbst gelacht hätte: daß eine Frau lieber ins Kloster, als zu ihm gehen wolle. Bin ich denn schlechter als gar kein Mann? Lieber Nichts, als mich, mich? Das ist zum Bürgerlichwerden! rief er. Und ist denn eine Frau gar nichts werth, als die da willig unsere Sklavin und mehr wie das ist! Wie viel wäre da nichts? Wie viel Ehen müßten da auch äußerlich gelöset werden! Wie Viele flögen da auseinander! O, der Zwang ist der Gott der Weiber; alle wollen zu Allem gezwungen sein! Dann sind sie, dann thun sie Alles, aus Scham vor uns Männern, zum Schein doch gerettet durch ihre Schwäche, die gewaltige Stärke, unbeugsamer Muth ist, wenn sie auch den dann haben wollen. Aber wie gern erscheinen sie schwach! bedurft! gerecht! Génévion auch wird kommen. Sie ist mir Abbitte, réparation d'honneur schuldig. Die Schuld der Ehre muß eingetrieben werden!

Da erschien Frau von Goran vor ihrem Bruder, dem Herrn von Boissieux.

– Unangemeldet? zürnte er ihr entgegen. Die Höflichkeit ist keine leere Erfindung, sie trägt die Menschen, angenehm Andern und immer gefaßt, in allen Lagen des Lebens.

– Sie in Verlegenheit bitten kommen, mein Herr Bruder, sprach Ogine, wissen Sie, ist fast immer umsonst, aber es labt sie so recht, als hätten Sie nur darauf gelauert: dem Bedrängten seine Noth, Schuld oder Armuth zum Spagniol, ja zum Cayennepfeffer zu machen, den Sie ihm in geheuchelter Armuth oder Zorn – zu schnupfen geben. Ich habe mit hundert Andern das Gehirn davon voll. Dennoch weiß ich auch, wenn Sie gewonnen haben, dann geben Sie oft verloren; wie ein schöngepriesenes Weib sich an den Preiser – wegwirft. Und Sie sollen profitiren! Geld! viel Geld, mein Herr Bruder! Herr von Lafaille tritt Ihnen sogleich sein ganzes Vermögen durch diese Urkunde – für meine Schwiegertochter ab. So ist sie Ihnen mit Diamanten aufgewogen. Lieber Henri! –

Sie hielt inne, und Herr von Boissieux entgegnete ihr aufrichtig: Liebe Ogine – dann kann ich nicht wieder heirathen .... unsern Namen fortsetzen; auch weiß ich Niemand practischern zu bekommen, als Génévion, mit Ersparniß der Hochzeitgeschenke, Hochzeit und mancher Mühe.

Und seine Schwester, die ihr Schicksal vor Augen sah, ließ sich nun ihren weiblichen Edelmuth hinreißen zu fragen: Sie stoßen sich also nicht daran, daß Génévion nur Ihn liebt, nicht Sie, und daß schon ein Anderer sie in seine Arme genommen? – Aber, setzte sie aus dem Gefühle alles alten und jetzigen Verdrusses hinzu: Sie antwortete mir: Ich? mich daran stoßen! da müßt ich schon voller Beulen sein! Ihrem Herzen à la Louis XIV., des tiran poli, des monstre raffini, gilt nur das, was die Welt weiß und verabscheut, das achten Sie. – Leben Sie wohl und sterben Sie noch besser; morgen! .... heute! – Wir haben uns auf immer gesehen! – Oder fürchten Sie das letzte Mal, wenn Sie mich zum Reden zwingen!

Und er sprach lachend: Wir wollen sehen, wer am längsten den Athem anhalten kann.

Und sie wankte athemlos fort.

Sarotte, die heimlich diese kurze Scene behorcht, hier ein schweres Geheimniß ahnte, und während des Hörens mit den Augen auf einem großen Oelbilde der seligen Ménehoult geweilt, wagte in dieser Nacht vor schwerem Kummer über den schönen Goran, den Ménehoult ihr auf die Seele gebunden, noch eine kürzere Geisterscene.

Als ihr Herr und Coquart schon in die Himmelbetten gegangen, und zwar der Kammerdiener sich hineingelegt, und der Herr viel und gut verwahrt, wie vermummt, von ihm hineingelegt worden war, schlich sie in die Garderobe und kam daraus in dem großen, weiten, goldgeblümten Staatskleide der Ménehoult hervor. Nicht die Haartour, die große Haube mit Seitenflügeln, nicht der mächtige Fächer fehlte. Nur die Schuhe mit hohen Absätzen hatte sie stehen lassen, weil sie ihr viel zu klein waren und sie lieber auf Socken schleichen wollte. Aber den ausgestopften Schooshund, Bibi, trug sie getreu auf dem linken Arme; sie las ihn unter den zehn Lieblingshunden aus, um das Kennzeichen, sie sei die richtige Ménehoult, an sich zu haben. Was sie aber noch naturwahrer dazu machte, nur für einen aus dem Grabe gekommenen Geist etwas zu sehr todt, das war die Todtenmaske der Ménehoult, die Herr von Boissieux von ihr auf dem Brete hatte nehmen und in Venedig vortrefflich fein nachbilden lassen. Diese band sie sich vor.

So ausgerüstet trat sie vor das Himmelbett des in süßen Träumen von morgen, in halbem Schlafe und in ganzem Weinrausche Liegenden; verschattet sie selbst funkelnd von der rothen, kostbaren Nachtampel.

– Henri! – – ließ sie leise ertönen. Henri! – mein Henri! lauter. Ich bin Ménehoult, deine Ménehoult! Ich habe dir gelobt, in allen Nöthen um dich zu sein. Du bist in Noth, in Gefahr! Laß deinem Neffen sein Weib! Nimm, so schwer sie ist, Diamanten für sie. O, die Todten wissen Alles, Alles! Sonst – sonst bekommst du sie doch nicht – du stirbst. Mir sagte das der Tod.

Er hatte sie gehört, denn er setzte sich auf, voll Verwunderung über den lebhaften Traum. Aber dem vernünftigsten Manne unleugbar schwebte unhörbar Ménehoult von ihm hinweg. Eilig. Die Gestalt schien sich im Spiegel erblickt zu haben – er hörte einen Schrei. Sie stürzte zu Boden, die Ampel fiel wie von einem Hauche mit um und erlosch. – Alles still. Ihn schauderte doch. Er riß an der Klingelschnur. Endlich erschien Coquart mit Licht. Niemand im Zimmer. Nur die Ampel lag wirklich am Boden. Boissieux schwieg. War es kein Traum gewesen – wer dann, der wußte und warnte? – Coquart aber sagte: die Ampel ist ja schon sonst heruntergefallen. Es ist die dritte. – Und Boissieux sagte sich still: Soll ein Bräutigam nicht einmal von seiner verstorbenen Frau träumen? das wäre zuviel Abstraction verlangt! – So schlief er endlich wieder ein.

Sarotte aber hatte sogleich die ganze Maske der Ménehoult zusammengepackt und am frühen Morgen durch ihren Bruder ins Haus der Frau von Goran geschickt, mit der Bitte an Madelon, die Sachen ihr aufzuheben.

Der Präsident kam erst an diesem Morgen früh um 6 Uhr zu Génévion, um seiner fortan gewiß nur unglücklichen Tochter noch eine ruhige Nacht auf Erden zu lassen. Er fand schon Alle munter, setzte sich, seine Tochter setzte sich ihm auf den Schoos; er liebkosete ihr und sagte ihr ins Ohr, das sie ihm lieblich hinhielt: Ich will dir etwas von der Welt sagen, diesem wunderlichen, elenden Hause, und du bist ein gutes Kind! Du weißt, was dich dein Vater heißt zu thun, ist das allerbeste oder nöthigste von allem Möglichen –: das Kloster ist dir versagt; binnen 24 Stunden, die gestern Abend 6 Uhr angingen, also von jetzt ab in 12 Stunden, heute Abend 6 Uhr, wenn die Sonne untergeht, muß ich dich dem Boissieux wieder hinführen. – Küsse mich noch; sei fertig; ich hole in Zeiten dich ab. Die Verschwender am Hofe sind bestechlich. Das Gute liegt noch in Ketten.

Mit diesem Dolch aus Worten im Herzen fuhr sie erblaßt von ihm empor. Sie stand wankend; er betrachtete sie, mit einem Blick, mit dem ein Gott, wie er wünschte, sie sehen möchte, küßte sie den von ihr vergessenen Kuß und schied.

Sie warf sich Goran in die Arme und bat ihn: Nun rette mich! rette mich Dir! o rette mich mir! – Sie bebte, fror und klappte mit den Zähnen.

– Ich habe die ganze Nacht an deinem Bette gewacht, du Heilige, du Märtyrin der Liebe und der Ehe, sprach er. Ich kenne mein Unglück, das durch dein Unglück ungeheuer wird, seit Abend. Ich habe die Hüter gewinnen wollen, dich entfliehen zu lassen. Sie hörten mich traurig, doch Alles, was ich ihnen bot und aufdrängte, besahen die armen Schlucker wol, aber sie wollten nicht in jahrelangem Kerker oder auf der Galeere um die Ihrigen kommen; sie haben Frau und Kinder. Ich sagte: Sie sollten Alle mitnehmen auf unsere Flucht und auf immer reichlich versorgt sein – aber der eine Vater hatte eine Tochter auf dem Brete liegen; dem andern lag die Frau gar krank; die übrigen wollten ihr liebes Vaterland nicht verlassen. – Sollte ich da, was leicht war, die vier redlichen Männer plötzlich niederhauen? Génévion, du selber batest mich in mir um sie! – Ich folgte dir!

– Wohl! Und doch – so soll er mich haben! Ich – soll ihn haben! stöhnte Génévion, ich dich nicht und ach, Du mich nicht! – Jammervoll!

– Du bist der gute Geist des Himmels auf der Erde mir! sagte er in ihren Armen. Und Génévions Seele beschloß: Mein Verwüster soll mich haben, aber todt. – Sie erinnerte sich des Giftes, das sie Madelon entzogen. Sie ward feuerroth. Sie sah Alles im Geiste voraus geschehen, Freude überwallte sie, sie schlug in die Hände wie ein Kind. – Sie lächelte den Unwissenden an.

– Ich hätte schon Boissieux ermordet, wenn ich dann deiner noch werth wäre, wenn du glücklich mein sein könntest, sagte er und bestätigte nur ihren Entschluß.

Sie schickte Colinet hinaus auf das Schloß nach dem Kleide, in welchem Goran sie gerettet hatte, und flocht ihr Haar indeß um das Haupt wieder so, wie sie für den Himmel war frisirt worden; auch eine Citrone in die Hand brach sie sich wieder von einem Baume im Garten; nur statt des jungfräulichen Myrtenkranzes flocht sie sich, um untadelig zu erscheinen, einen Rosmarinkranz.

So verging die Zeit. Sie aßen das letzte Mahl schweigend zusammen, standen mit Thränen auf, und jedes ging gesondert in eine Ecke oder eine Fenstervertiefung.

Der Nachmittag verging ihnen wie ein Traum; anstatt zu erwachen, versanken sie immer tiefer und stiller darein; der blaue Himmel, die ziehenden Wolken, die unmerklich sinkende Sonne, die Thränen, die Mauern, die Welt selbst, Alles kam ihnen nur vor und däuchte sie nur Etwas, daraus ein Schönes hätte werden sollen, das aber verkümmert, verblichen und dem Verlöschen, ja dem Verschwinden nahe. Goran und Génévion sahen einander selber ungläubig an, schlugen die Augen betreten nieder, und das Gefühl ihrer Liebe dämmerte in ihnen nur sanft, wie man von den Seligen rühmt und Selige träumt. Sie waren sogar aneinander süß entschlafen, wie Kinder, und blühten im ruhigathmenden Schlafe so schön und so genügereich, daß selbst Madelon Bedenken trug, Génévion zu wecken, da die Uhren bald Fünf schlagen würden. In den Kleidern der Ménehoult, die sie in ihrer glücklichen Thorheit unverwehrt angelegt hatte, stand sie, die Maske der Alten in ihrer Hand, schimmernd, in reizender Jugend stumm, bis Frau von Goran ihre Schwiegertochter leise weckte, sich anzuputzen. Génévion, ihren nahen Tod vorausempfindend, ließ sich reglos das Kleid anlegen, worin sie schön, so schön aussah, aber zum Weinen. Und Frau von Goran schlich wirklich fort, um zu weinen, gefolgt von Madelon. Génévion sah ihr fast neidisch nach und sprach ihr leise nach: Ach, dich hat die Natur durch ihre Schmerzen und Leiden selber geheilt und dir für deine Schmerzen und Leiden den alles ausgleichenden, beruhigenden Wahnsinn gegeben! O, es wäre die größte Sünde an dir, wie tausend unherstellbar Verlornen ihre Heilung zu heilen, zu erneuter Qual und wieder menschlichem Verständniß ihrer Reue, ihres Elendes .... ihres Schicksals! Mir, mir gab sie zu meinem Geschicke die starke Liebe, die feste Treue – und laß doch sehen, ob diese Himmlischen so viel vermögen, wie Wahnsinn: mir Ruhe zu geben!

Noch einen langen Blick auf Goran, einen Kuß auf seine Stirn, und sie rauschte in das offene Cabinet an das Betpult, wo sie das Gift verborgen. Aber sie sank, überwältigt von dem herzzerwühlenden Schmerz, sich vom Leben loszureißen, auf ein Knie und eine Hand davor hin. So lag sie in einem Sturm und Gebraus von Gedanken, die zu schwer und zu bang und zu unausdenklich waren, um sie zu fassen. Sie raffte sich auf zum Gebet. Dann nach der Uhr sehend und die Mutter Gottes anflehend, daß das wunderkräftige Wasser die Uhr ihres Leibes auch so richtig stelle, daß sie in der gesetzten Stunde aufhöre zu gehen, trank sie die vorgeschriebene Hälfte des Giftes. Aber die That betäubte sie so, daß sie, wie es ihr vorkam, eine Ewigkeit nichts von sich wußte.

– Ist das die Ewigkeit? fragte sie dann, leise, rasch und scheu sich aufrichtend, indem sie das Flacon leise von sich legte. Und wenn nun ein Engel im Himmel mir entgegenkommt und sagt: .... Aber, Génévion! arme Génévion, warum bist du so jung, so aus dem Frühling des Menschen zu uns gekommen? So aus des Weibes Anfang? – O, da sage ich ihm würdig und wahr und ernst –: Aus Keuschheit, schöner Freund! Wißt, ihr Engel, das nicht – und wie sollen die Himmlischen, die Ewiggeschlechtslosen, die nicht Jüngling und nicht Jungfrau sind, die nicht freien und sich nicht freien lassen, wie wir, ach, Glücklichen .... wie sollen sie Alles .... oder Das nur wissen, du schöner Freund: Nur eine Gattin ist erst wahrhaft keusch. Und welcher da von allen, allen Männern ihr Gatte sei, das weiß nur sie allein, die sie Den liebt und keinen Andern. Mir nahte nie ein Mann als mein Geliebter; nur mein Geliebter kann mein Mann auch sein – mir naht kein anderer Mann in Ewigkeit! Kein Engel dürfte mir verkündigen, weil ihr verkündigt ist, und mir verkündigt. Den andern Allen bin ich eine Todte, kein Weib! Darauf bestand ich nicht, daß Das, was ich bin und habe, nur Goran gehöre, wenn auch gern, vor dem Leben gern ich ihm Alles mit Freuden dahingab; jedoch daß es nie einem Andern je gehöre – das halte ich heilig! Das müßt, ihr Engel, halten, ehren, segnen, belohnen mit dem Himmel, wie du mich damit ja hold belohnest. Nun sieh das Verhaßte, das sollte ich! Darum komme ich. Liebe will allein, und sie allein hat Kraft zu Allem, mein schöner Freund. – Nun weißt du es auch, nun weißt du Alles, sage ich. Und so lächelt er und ich, ich schwebe hinein zu den Himmlischen.

So sprach sie. Dann trat sie dämonisch begeistert heraus, umschlang Goran so heftig, daß er erwachte, und als er ihr in die Augen staunte, sprach sie zu ihrem Trost und zu seiner Beschwichtigung: Mehr dich lieben – als ich dich liebe, das kann selbst der Gott nicht; nur mächtiger!

– Ach! Ich Ohnmächtiger! sagte er ihr. Mir träumte: ich schwebte mit dir aus der Welt – da war Niemand als wir. Doch wir waren geborgen! – Was hilft träumen! Wüßte ich, wie ich zum Retter im Himmel gelangte, um Hülfe zu holen, auf zerhauchbarem Wolkenkahne schifft' ich sogleich!

Und ahnungsvoll nur sich selber meinend, sprach sie zu ihm: Den zerbrechlichen Wolkenkahn kenn' ich, den Sarg! Ich habe ihn schon gemessen. Dir – und mir – ach – es kommt, es kommt der Morgen, dem dein Busen nicht mehr entgegenathmet; sausend naht der Sonne Ohnmacht, die dein Auge nicht mehr erregt – das starrend ihren Blitz erträgt! Und Allen, die dies Zauberhaus betreten, wird rasch der Himmel machtlos, starr und öde!

Und von ihr angeklungen, sprach er unwillig: Das ist die große falsche Komödie, der kleinen wahren gegenüber, die doch aufhört! Herz, komm' nach Hause in die schwarze Gruft! Laß Sonne, Mond und Sterne, laß die Erde, laß all' die großen Komödianten spielen am langen Fastnachtsstücke: »die Qual der Liebe!« Wem käm' es ein, das Auge zu beneiden, das Herz, das jenes Spiel zu Ende sehen muß! Herz, komm' nach Hause in die stille Gruft.

Und in Thränen aufgelöst, sprach sie: Ich komme! – und ich gehe mit grauser Wonne. Ich gehe ja mit dir!

– Nicht heute und noch nicht morgen! Einen Morgen erst, nach grauenvoller langer Trennung! entgegnete er, indem er voll Haß und Grimm gegen seinen Feind und ihren kalten, alten Räuber sie selbst auch feindlich ansah.

– Die Liebe macht die Trennung kurz! tröstete sie ihn lächelnd mit niedergeschlagenen Augen und seine Hände an ihr klopfendes Herz drückend, woraus es sonderbar ihr durch alle Adern rieselte.

– Eins hat ein Gott in mir durch mich gethan, erzählte Goran gleichsam ihr noch –: Ich ging nicht, dich am Hochzeitfeste zu sehen; dafür erlöste ich dich von jenem Aeußerstem das, weh, doch auch erdacht sein muß, weh: vom Lebendigsterben.

– Als wenn nur Einer todt stürbe! erzählte sie ihm gleichsam auch; ein jeder Mensch stirbt ja lebendig. O glaub' es mir!

– O stürben wir an diesem Tage zusammen! Mich tödtet doch die Eifersucht, wie dich die Scham; wünschte und klagte er. O hätt' ich, als ich dich das erste Mal gesehen, dich todt gesehen – dann hätte deiner Schönheit Loos mich wol erbarmt; bescheiden aber hätte ich es zu den übrigen Erschrecklichkeiten der Natur und dieses Lebens armer Menschen stumm gezählt und wäre ein Stück gesenkten Hauptes dahingeschlichen, bis – wo ein Vogel sang, ein weinend Kind der Mutter nachlief, als ob sie ewig von ihm gehe! – Aber nach dieser unsäglichen Freude an dir, nach dem Erfahren deiner liebevollen Seele, jedem Blick, jedem Gefühl des Tages, jedem Athemzug die Nacht im Traume, wo du meinen Namen leise hauchtest – jetzt kann ich ohne dich ja nicht mehr leben! Jetzt will ich nicht mehr sein, wo du nicht wärst, ach, nicht hier, wo du bald nicht mehr sein wirst, in dieser ganzen sichtbaren leuchtenden Welt, und steuerte ich mit dem Morgensterne durch den Himmel, bis er verwelkte mit seinen goldenen Blumen .... und schifft' ich auf Wolken über alle Lande, flöge mit Schwalben über alle Meere in alle Inseln – Jahr aus – Jahr ein, bis die Sonne vor Alter blind ist! O Génévion! Génévion! welch' einziges göttliches Wesen bist du auf Erden, in meinen Armen, heut! hier! So hat dich der Himmel nie mehr und die Erde nicht wieder, wie meine Augen dich haben, meine Liebe!

– Und ich dich! Zerreiß mir das Herz nicht! bat ihn Génévion gedämpfter, denn sie hätte bald laut aufgeschrien. Lebe, um mein zu gedenken! Sonst bin Ich, die ich dir hier bin, dir war – sie, die Génévion hieß, sie ist todt. Von ewiger Liebe träumen, ist die ewige Liebe und Seligkeit, hat meine sterbende Mutter dem Vater gesagt. – Ach, Mutter! meine Mutter!

Sie verbarg sich das Gesicht eine stumme Weile; dann schreckte sie auf und flüsterte: Horch! – es rollt! höre, der Vater kommt! Nun wohl und weh – meine Zeit ist aus. Und merkst du etwas an einem Worte vielleicht nur, in unbewachbarem Scheiden mir ab – Goran, sei ein Mann! verschweige es und verschmerze es.

Die Uhren schlugen auf den Thürmen Sechs, und eine bittere Schadenfreude trat in ihr Gesicht.

– Wodurch leiden wir doch! fragte er vor sich hin. – Vergib mir die Wortbrüchigkeit – daß ich dich liebte!

– Vergib du mir, bat sie, Gefühllosigkeit im Schmerz, daß ich mich nehmen ließ.

Er stampfte mit dem Fuße und drohte: Ha, wir leiden durch Hinterlist des Boissieux, Alles, was geschieht! Dies Haus des Jammers hat Er uns gebaut!

– Und sich kein Freudenhaus! sprach sie lächelnd mit dem letzten Händedruck. Ihn trifft gerechte Schmach, gerechter Hohn der Gerechtigkeit.

 

*

 

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