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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 17
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XVI.

 

Der Schmerz hat das Heilige, daß er einzig ist und
ausschließlich in Jedem nach seiner Art. Wie eine
höchsteifersüchtige oder mächtigbeschützende Gottheit
duldet er keinen Nebenbuhler oder Mitbesitzer des
Menschen, damit er ihn blos jetzo leide, nichts
anderes.

Indeß hatte auch la Vicomterie im Hause der Frau von Goran Berathung gehalten. Den schweren Sühneversuchsgang der Aeltern des ihm zum Schutze befohlenen Paares, dessen Harnisch, Wehr und Waffe Er sein sollte, war auf seinen Betrieb ohne Furcht geschehen, daß er durch die daraus abzunehmende Meinung der Gegenpartei: Ach, sie kommen – sie glauben zu verlieren! auch den Proceß verliere. Er sah mit Rührung das friedliche, heilige Gefühl der Liebe in Goran und Génévion, die ihres Rechtes, sich zu lieben und sich ewig zu gehören, so sicher waren, wie ihres Lebens und der ganzen Welt, daß ihnen kein Gedanke daran einkam zu fliehen. Und doch verbot er ausdrücklich, daß Keines von beiden nur einen Fuß aus dem Hause setze, da Goran – wenn Génévion von wahrscheinlich ausgestellten Häschern aufgegriffen und in den Palast des Herrn von Boissieux gebracht worden sei – Goran sein Weib ihm schwerlich wieder abgewinnen werde; oder wenn Goran entführt, oder wo eingekerkert worden, für Boissieux alle Schwierigkeit gehoben sei, eben so gut, wie jetzt für Goran, wenn Boissieux endlich Jemanden auf der Welt einen Gefallen erzeigen wollte und seine zwei Augen zuthun. Was la Vicomterie übrigens zu wissen begehrte, das sagten ihm die jungen Leute hinter dem Rücken weg, einander die Hand auf die Schultern gelegt, vor ihm stehend, mit Lächeln wie zum Scherz.

– Was bedarf es je Ehegesetze, sagte sich la Vicomterie im Herzen. Wer risse so ein Paar auseinander!

Der schweigend wiedergekehrte Präsident gab als künftiger Richter schon wirklich nicht einmal einen Rath, wie Baville richtig vermuthet; denn die Bösen kennen sehr wohl die Guten, aber nicht das Gute. Doch nickte der Vater mit dem Kopfe freundlich zu Allem, was la Vicomterie sich Vortheilhaftes für seine Tochter in seine Tabletten notirte. Die Mutter Ogine setzte sich still hin, nur zu weinen.

Der Herr von Argenson kam mit Freuden zu melden, daß er vom Bischof ausgewirkt: einem ungetauften Kinde einen Namen zu geben, auf der marmornen Tafel, die er bat in der Gruft der Gorans anheften lassen zu dürfen, also das Kind darin beizusetzen. Und er zeichnete der armen Madelon mit Bleistift die verzierte Tafel mit der Inschrift, welche zugleich annehmen ließ, daß sie eine rechte Ehefrau gewesen. So habe ich Sie verheirathet ohne Trauung, sprach er gutmüthig-listig. Und Madelon las:

Ci gît Délices,
fille de Madelon et de Gérard de Goran.

Auch das wunderschöne Särgchen kam und ich habe – sprach er – alle meine guten Gönner aufgesungen und eingeladen, in ihren Wagen dem Begräbniß beizuwohnen.

Madelon wollte ihm weinend danken, aber er wehrte den Dank von der Ueberlisteten weich mit den Worten ab: Ich habe es ja nur versprochen, nur versprochen, und bin nur ein gemeiner Edelmann; von unserem ungemeinen Adel nur kann man nach zehn und nach einem Viertelhundert von Jahren erst wissen, ob ein Versprechen kein Betrug gewesen. Ich habe mein Versprechen jedoch nur gethan, um sie damit zu betrügen, von Amts und Würden wegen; aber mein Versprechen selbst war kein Betrug. So verzeihen Sie mir, daß ich es halte! Denn die Gerechten sollen leuchten, wie die Sterne, und ich studire schon immer an meinem Wachsstock: was Leuchten für ein Vergnügen ist? Die Ungerechten wollen also dereinst gewiß lieber im Finstern bleiben, damit Niemand weiß: Wer so heult und zähneklappt!

Beim Abschiede aber, wo sie ihn begleitet, flüsterte er ihr zu: Machen Sie doch, daß die guten Leutchen durch Entweichung zu jedem möglichen Richterspruch lachen. In effigie gehangen zu werden, soll gar nicht weh thun, und in effigie in die Arme eines alten Sünders gebracht werden, auch nicht. Das Sprichwort sagt: Weit über den Fluß – es kann auch ein Meer sein – ist sicher vorm Schuß. – Sie traute ihm aber nicht und erröthete, daß er sie vielleicht noch zu einem größern Unheil verleiten wolle, als in welches sie schon ihre Freundin gebracht, und sie selbst sogar durch das Mutterherz.

Als sie darauf vom Begräbniß ihrer Délices im Abenddunkel zurückgekehrt war, fiel sie Génévion um den Hals und klagte: Die Angst vor der Schande wäre ich nun los. Das Unglück hat auch seine Beruhigung und seinen Frieden. Stolz, Eitelkeit, ja alle Wünsche hat es geknickt. Wir sterben und leben nicht mehr. Aller Welt kleine und große Furcht kennen wir nicht, und wovor Allen graut, vor dem Ende, das zündet uns Hoffnung an. Wie bescheiden leben wir! .... wer uns anlächelt, der ehrt uns; wer uns die Hand drückt, der ist ein Gott. So schleichen wir verborgen durch die Tage hin, und daß uns noch die Sonne bescheint – welche Gnade! daß uns die, welche wir verrathen haben, noch die Thränen von den Augen küssen – welche barmherzige Seligkeit! Und doch, und doch, Génévion – wenn sie dich zurückführten in deine Ketten, in die Höllenangst verlorner Liebe und immer erneuter Gräuel – sieh hier in dem Flacon das helle Wasser aus Lethe, mir theurer als aus dem Jordan .... nicht die Hälfte davon, und schmerzlos bin ich ausgelöscht in einer Stunde.

Génévion wollte es ihr entreißen; sie entfloh aber, um es zu verbergen; doch die Freundin sah, und merkte mit feuchten Augen und klopfendem Herzen: wohin?

Der Präsident hatte das Parlement zwar schon aus eigenem Drange auf einen ganz nahen Tag zusammenberufen, um über den Satz zu debattiren, nach welchem das Urtheil gesprochen werden sollte. Aber auf hochnothpeinlichen Antrag des Polizeidirectors von Argenson mußte es sich noch eher versammeln. Denn er gab zu vernehmen: Ganz Toulouse ist in Haus- und Marktkrieg, Tag und Nacht! Das will was wissen! Denn das sind zwei Armeen, jede von 35,000 Menschen oder pro tempore Unmenschen, zusammen 70,000 Streiter – mit Lunge und Leber und Fäusten und Allem, was Jedem in die Hand fällt – da selber die Kinder Theil nehmen an den Thränen und Geschrei der Mutter oder resp. des Vaters. Die Kinder sind keine Kinder mehr, denn sie werden in der Wuth bei Seite geschoben, ja geschleudert, wie die Herrn Chirurgen beeiden können, die Beulen und Striemen eingerieben und Aermchen und Beinchen geschient. Die Niederlage des Wassers von Montpellier ist rein ausgeräumt (laut beiliegender Bescheinigung sub signo Solis). Und nicht nur sogenannte gemeine Weiber streiten sich mit ihren Männern bis auf das Blut, welchem von Beiden ihrer zwei Männer Génévion zuzusprechen sei, sondern sogar die sogenannten vornehmen Damen von Extraction und Distinction, über deren Krieg die Perückenmacher große Freude haben, und von den Kammerjungfern wohlfeil ausgekämmte Haare einkaufen. Das will was wissen! Sogar schweigen dürfen die Männer nicht, sonst heißt jeder gleich ein Weiberverräther, ein heimlicher, alter, armer Sünderfreund. Kurz, wenn es sonst schon alle Mühe und Sorge kostet, die ruhigbrennende, das heißt die lebende Stadt in Licht- und Feuerordnung zu halten, so erkläre ich mich hierdurch am Ende von meinem Ansehen, besonders da alle Polizei die sauerverdiente Ehre hat, Allen von Herzen verhaßt zu sein. Obendrein werden viele Familien von Auswärtigen, Freunden in den Städten und Schlössern und Flecken weit und breit umher durch Briefe bestürmt; ja die Gasthäuser wimmeln von herzugeströmten Fremden, die Neugier, Rathgeberei und Lust an Streit und Processen hierher gejagt. Darum muß ich vorschlagen, das Parlement unvermuthet die Nacht zu halten, und daß seine Membres nicht in Staatskarossen einhergerasselt kommen, sondern sich wiederum ihrer Membres, der Füße, bedienen, und ohne Stocklaternen im Finstern wandeln, damit das Haus nicht gestürmt wird. Die Gerechtigkeit schlägt Alle aufs Maul, notorisch; und durch den hochpreislichen Parlementsspruch wird die ganze Stadt und Umland, ja das ganze Vaterland eben wieder einmal darauf geschlagen sein. Gegen das Geschehene hat Niemand etwas einzuwenden – außer die Vernünftigen, deren so wenige sind, daß man sie richtiger die Zukünftigen oder die zukünftig zu Erwartenden hieße; Niemand murrt – und wenn Lissabon untergegangen ist – außer die Vernünftigen; diesmal die Mitleidigen, und diese hat keine Polizei zu beachten, und die zwei, drei oder vier Unglücklichen dürfen den Richtern kein Herzbeben machen, da sie durch Recht gewiß nicht Unglückliche machen wollen, die nur dem Himmel zur Last fallen, sondern vermuthlich nur Glückliche.

 

*

 

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