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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XV.

 

Die Sonne kocht das Jahregift den Menschen,
Die Menschen noch das Stundengift.

Ueber die vielfach gepeinigte, im Sinn zerstückte Madelon aber mochte, auch nach ihrem frommen Gange am Vormittage, denn doch noch ihre Schande, ihr Unglück und das Loos ihrer Lieben gekommen sein, als sie das Haus der Frau von Goran von fern wiedererblickte. Sie war, sich besinnend, von einem Gedanken ergriffen, plötzlich umgekehrt und zu einer alten spanischen Zigeunerin gegangen, hatte für sich, als letztes Vergeßlichkeitsmittel des Lebens, ein theures aber sicheres Fläschchen Gift im Busen und war zu Sarotte geschlichen. Ihr aber heiligte der Zweck nicht das Mittel, denn sie hatte sich nicht ihrer eigenen Vernunft, am wenigsten ihres eigenen guten Herzens begeben; darum kam ihr nicht ein: mit diesen wenigen stillen Tropfen etwa den überflüssigen Gemahl und Glücksstörer ihrer Freundin Génévion still machen zu lassen, oder geschickt es selber zu thun. Sie empfand sich dadurch für sich nur ruhig in der Gegenwart; die Zukunft war ihr abgenommen wie einer schon Todten.

Sarotte empfing sie mit Schadenfreude. Ich weiß Alles, ich weiß, was Sie wollen, liebes gutes Fräulein, sagte sie ihr; hier ist kein Unglück für unsern Herrn, aber eine Freude, so eine recht lebende Freude für mich. Coquart spricht manchmal: Denken die albernen Herren denn niemals, daß Diener den eigenen, gedrückten, entbehrenden Zustand mit ihrem vergleichen, indem sie ihnen alles Gute und Beste der Menschen aus den Händen vor dem Munde weg auf silbernem Teller hinreichen .... oder in das Cabinet schieben müssen, daß Einer in den Nachtwachen bis an den Morgen sich zum Sünder träumt, in wacher Angst um einen blassen Leichnam, der blos Geld hat; daß alle die ihnen an den Kopf geworfenen Schafköpfe, Esel, Narren und Mißgeburten im Kopfe der Sogenannten, der Diener Junge hecken! daß der Ingrimm zum Bombenschlage die Lunte über den Bombenkessel hält! Ein nur nicht schafgeborner alter Diener eines nicht seelensguten, stolzlosen Herrn ist sein allergrößter Feind. – So singt Coquart! Und meine Sammlung, meine aus Boissieux' Munde mir zugeflogene Heerde von Gimpeln und Klapperstörchen und Gänsen soll dem Alten jetzt lustig genug um den Kopf fliegen! Und schon um den lieben, schönen, jungen Goran, was thät' ich nicht!

Madelon bat sie also getrost: Reden Sie ja den Herrn ab: Génévion nicht erst von Goran zurückzufordern. – Und das liebe, in Allem zusammenpassende Paar ist ja auch getraut.

– Getraut! rief Sarotte, freudig erschrocken.

– Ehrlich und richtig getraut, gleich nach der Auferstehung.

– Auferstehung?

– Oder Auferweckung; die beiden gehören wol auch zueinander.

– Auferweckung?

– Nun Muntermachung, Lebenanzündung! Haben Sie keine glimmende Kohle je angeblasen und zur Flamme gehaucht? Ach, und die Liebe – welch' ein Hauch, mächtiger als die Sonne Blumen hervorscheint! Ach, meine kleine Délices!

Sie verstummte und ihre Gedanken verwirrten sich eine Weile. Dann versprach sie ihr goldene Berge für ihre glückliche Fürsprache, indem sie ungefragt auf die Dankbarkeit von Génévions und Gorans Aeltern baute.

– Ihre goldenen Berge habe ich so gut wie schon in der Tasche! sprach Sarotte, indem sie die Perücke auf ihre ausgespreiteten Finger nahm, um sie dem Herrn hineinzutragen; Coquart ist nach seinem Sachwalter geschickt, der den Proceß um seine Frau gleich heute anstrengen soll. Aber den Strang zerschneide ich! Was braucht er eine Frau! Kann er nicht, wie einst, wieder große Damengesellschaften geben, wenn auch die Herrn dabei sind. Keine schämt sich zu kommen, ob er gleich als Witwer und Strohwitwer keine Frau hat; sie kommen zu ihm unter dem Mantel der Ehre. Von einer Schamlosigkeit zur andern aber ist der Weg nicht weit. Hilf Himmel den Weibern, wenn ich mancher Mann gewesen wäre! Ich hätte sie mit dem Hauptschmuck gespießt! .... Ohne Neid zu melden.

Im Hause der Frau von Goran war in der Nacht ein Rath gehalten worden, in Folge dessen sie und der Vater Génévions jetzt vorgefahren kamen und sich melden ließen; was Sarotte eilig mit der Perücke that, um ihrem Herrn willkommen zu sein und ihm rasch, gleichsam zwischen Thür und Angel, die kräftigsten Worte ohne mögliche Widerlegung, ja die dreistesten Anzüglichkeiten ohne vergeltende Grobheiten oder grobe Vergeltungen sagen zu können.

Sie ließ den angenommenen Besuch ein, machte die Zimmerthür hinter sich zu und recht hörbar auch die äußere Doppelthür, blieb aber nach Dienerart zwischen beiden Thüren in dem Raum der starken Mauern lauschend stehen, erlauschte aber im Anfang nichts als einiges Weinen der Mutter Gorans – – – darauf ihres Herrn empfindliche Worte: Goran hat mich zuerst betrogen, indem er sein Ehrenwort als Cavalier gebrochen – – – –

Darauf wieder: er hat Génévion nicht gekannt, als nachdem es zu spät war, und welcher Vater kann einer Tochter Bitten, solchen Bitten widerstehen. – – –

Sie entschuldige ich, hörte sie wieder Boissieux sagen, worauf der Präsident ihm vorwarf: aber ich nicht Sie, Herr Schwiegersohn! Die Verfälschung des Briefes – wir werden darob Sie vor Gericht laden – – –

– Ist eine Klage für sich.

– Eine Schande für Sie – –

– Der Absender, hör' ich, ist indessen gestorben; wer zerbricht mein Federmesser wie mein Ritterschwert? wer bringt meine Feder auf den Scheiterhaufen!

– Sie haben meine Tochter lebendig begraben lassen. – –

– War Sache der Aerzte, der Polizei, ja Ihre so gut wie meine! – –

– O, hörte Sarotte von der Mutter Stimme, die Kinder sind getraut! – –

Darauf, als Boissieux eine Weile betroffen hin- und hergegangen, hörte sie die lachende Abweisung: Das lass' ich fallen! Kein Wort davon in der Klage! – –

Dagegen hörte sie wieder: Goran wird darauf fußen – –

– Er hat die Todten gestört! – –

– Hilf Himmel! welch' ein Glück! – –

– Lebt sie, so lebt sie mir! Als wenn einem Manne sein Weib verloren ginge, wenn sie ihm in ihrer Maske auf dem Maskenballe aus den Augen kommt! Das ist auch nur so eine Art Maskensaal. – – –

– Wo Sie nicht nach ihr gefragt! – – –

– Ich gestehe, Goran sehr verbunden zu sein, und will mich abfinden! Ja sehr reichlich, tausendfach seinen Liebesbotengang bei Nacht bezahlen – nur nicht bei Lebzeiten! Da muthe mir Niemand etwas zu! Da müßt' Ich es geben, da hätte ich es nicht mehr. Aber post me diluvium. Was ich ihm da in mein Testament gesetzt, ungeheuer viel, das ist nicht mehr mein, das bezahlt der große Fiscus – und ich geb' es ihm doch, er empfängt es doch, wenn auch von der Welt, die etwas sonderbar und sich zum Schaden edel, verehrungsvoll an Testamente glaubt. – –

– Und ich will Ihnen, der Sie gewiß an anderer Leute Testament glauben, in meinem unwiderruflichen Testamente mein halbes Vermögen vermachen, wenn Sie auf meine Tochter verzichten, das junge Paar im Stillen in ein fernes Land ziehen lassen – und Alles verhallt! Weder König noch Bischof wird für Sie klagen! .... mein halbes Vermögen! Soll ich mich setzen und schreiben, Herr Schwiegersohn? – –

Sarotte hörte Boissieux im Zimmer hin- und hergehen, wahrscheinlich die Größe des halben Vermögens berechnend und eine Weile desselben sich als seines Eigenthums erfreuend; aber das zur Unzeit gesprochene Wort: Herr Schwiegersohn, mochte ihn erinnern, daß er das ganze sehr große Vermögen verlöre, wenn er sein Weib aufgäbe; wenn er Génévion aber gewinne, das ganze Vermögen und bald gewinne, und ein so schönes Weib dazu! Darum mochte er beschließen: auf sie, wie auf die Dame, weiter zu pointiren, ja auf sie Va banque zu setzen.

Und Sarotte hörte jetzt: Sehen Sie hier auf dem großen Oelgemälde turnirt einer meiner Ahnen, der Henri, der sogar nur für eines Andern Frau sein Blut vergießt, und ich sollte nicht einmal Tinte vergießen! Ich heiße desgleichen Henri! Der Adel lebt noch in mir. Ja, ich stiftete ihn aufs neue.

– Sie besinnen sich noch! sprach der Präsident, mit Frau von Goran aufbrechend, und Herr von Boissieux führte seine Schwester hinunter an den Wagen, drückte ihr die Hand und sagte ihr verbindlich: Wir bleiben jedenfalls Geschwister! Glück und Unglück des Einen oder des Andern, ja Haß und Feindschaft hebt die Abstammung und Verwandtschaft nicht auf.

– Das nicht! mein Herr Bruder, entgegnete sie, aber eine Schwester ohne Herz, die den Bruder betteln ließe, vergebens bei ihr betteln ließe, wäre wol schlimmer, wie keine; ja eine recht böse Person.

Und er versetzte: Ich habe nie gesagt, daß ich Sie dafür erkannt habe, schon aus unserer Fünfkinderzeit.

Der Wagen rollte fort.

– Wurst – wieder Cervelat! meine beste Ogine! dachte Boissieux, als er wieder hinaufging; du hast zwar nie gelogen, aber alles Wahre mir immer sehr höhnisch vorgerückt und mir mehr geschadet durch deine böse Zunge und mich schändlicher geärgert, als alle meine Feinde; darum liebe ich dich denn noch mehr als sie. Also – wieder Cervelat!

Als er im Empfangzimmer sich in einen seiner zwei Dutzend vergoldeter, prachtvoller großer Großvaterstühle setzte, trat sein Sachwalter aus dem Nebenzimmer, worin er, heimlich von einer andern Seite durch Coquart eingelassen, die Unterhandlung mit angehört. Es war Monsieur Baville, ein langer trockener Mann, mit langer Nase und funkelnden Augen, die er selten mehr als halb aufthat; die langen Arme gaben Andern eine gewisse Scheu und den Rath, sich und ihre Habe in Acht zu nehmen und ihm etwas ferner zu bleiben, als kurzarmigen, fast immer guten Leuten. Sein Sohn war schon Advocat, voll vom Blut und Nerven und Art des Vaters, dessen Geschlecht erst als sein Enkel im schrecklichen Baville seine Culmination fand. – Jetzt verneigte sich Baville nicht zu auffällig und sprach: Monseigneur .... ich bin schon halb instruirt. Ich gratulire Ihnen, daß Sie den schönsten Proceß, den je Toulouse hervorzubringen das Glück hatte, nicht fallen lassen und mich ihn auszuführen beehren, entzücken, berühmen! Ich führe ihn umsonst, wenn er verloren ginge.

– Und ich bezahle doppelt, wenn wir ihn gewinnen, sprach Herr von Boissieux; setzen Sie sich mir gegenüber zur Berathung.

Und Baville setzte sich in den andern der zwei goldenen Großvaterstühle, die beide auf derselben Wiegenwalze standen; die Herren fingen an mittelst der herabhängenden Quasten sich in Schwung zu bringen, wiegten sich auf groteske Weise in dem Doppel- Caquetoire gefällig fort und tranken im Schwunge geschickt ihren Wein.

– Zuerst eine Freude! berichtete Baville – der siebente Käufer Ihrer Güter hat das Reugeld bezahlt! Verkaufen und doch Behalten, das ist der Gipfel des Kaufmanns. Ich habe ihn zu fürchten gemacht mit bevorstehender Noth, Arbeitlosigkeit, Theuerung, hohen Zinsen, ja mit Krieg gegen die Reformirten und ihren Verwüstungen aus Rache; kurz mit allen Elementen des Aufruhrs, wovon unser Land denn wirklich voll ist. – Die Summe habe ich Ihnen gebucht.

– Buchen Sie sich nur ein Drittheil davon! erinnerte Herr von Boissieux den mühsam sich im Schwunge zum Danke verneigenden Anwalt und frug ihn dann: A propos! Was sagt die Stadt von meiner Geschichte? Mich freut jeder éclat!

– Ich bin die Börse durchlaufen, die vornehmsten Kaffeehäuser, die Weinstuben, ja ich habe die Mädchen am Brunnen behorcht: die Stadt ist in vier Meinungen zerrissen.

– Das ist gut selber einem Könige. Daß Viele Verschiedenes von ihm bitten, das constituirt ihn eben so viel mal. Bäten einmal Alle Eines von ihm, dann müßte Er bitten, dann erfüllt sich das: Louis doit se louer. Ich bestehe schon bei vier Meinungen, also bei keiner gefährlichen einigen Macht! Und welche sind die vier Blätter des glückbringenden, schützenden Kleeblattes?

– Die jungen Weiber und Mädchen, berichtete Baville, sind Alle auf Génévions, verzeihen Sie, auf Ihrer Frau Gemahlin – nein, verzeihen Sie nochmals, auf Gorans Gemahlin Seite. Ihm sprechen sie sie zu. – Die jungen Männer sprechen der Génévion den Goran zu. – Die ältern und alten Männer sprechen: Goran soll sie die ersten zehn Jahre besitzen, Monseigneur von Boissieux die zweiten zehn Jahre. Da Sie die zehn Jahre von Gorans Besitz-Cedirung aber nicht erleben würden – erlauben sich Jene nämlich, Ihnen die Nativität oder Mortivität zu stellen – so sollten Sie in den ersten Besitz kommen, und wünschen sie nur, daß Sie nicht den baldigen Tod davon haben möchten! Die geistlichen Herren, mit welchen in diesem Falle einmal die Herren Advocaten eins sind, beschließen: Keiner der beiden Männer soll die Frau bekommen, weil jeder andere Spruch des Parlements ein Unrecht und eine Gottlosigkeit sein müsse. Den Einwurf, daß durch diese ihre Sentenz die schöne junge liebe Frau geopfert werde, besonders da sie, als ihr doppelt verboten, nicht wieder heirathen dürfe, beantworten sie nur mit Achselzucken – eben so den wohlzumerkenden Punkt, daß auch Keiner der beiden Männer jemals mehr ein Weib nehmen darf, also Monseigneur von Boissieux, wohlzumerken auch nicht. Sehr wohl zu merken!

– Außer ich würde reformirt! trotzte der Bedrohte. Aber da wäre ich am Hofe infam! Ich: vogelfrei, verloren; mir stünde Kerker und Brandpfahl zu Befehl.

– Also ganz wohl zu merken, sage ich ja!

– Außer ich verkaufte nun wirklich meine Güter noch als Katholik und ginge dann mit dem baaren Vermögen nur etwa in die Schweiz, oder nach dem tapfern Holland, am sichersten nach dem Franzosen-Asyl, nach Berlin oder Leipzig, und nähme dort als ein Gerichtlichgeschiedener ein Weib; wenn ich nicht für das Geld lieber ein Bischof würde. Ich habe mich einst als Bischof schon im Traume gesehen und den Traum einmal wiederum wach in der Kirche.

– Sie? Sie machen mich lachen. Ich meine ja nur, es ist Ihnen nöthig: Sie müssen Génévion gewinnen.

– Wer wird Gorans Sachwalter sein?

– Herr de la Vicomterie Der Großvater vom Verfasser des berühmten, noch immer höchstlesenswürdigen Buches, dessen deutsche Uebersetzung den Titel führt: Sündenregister der Könige von Frankreich. Paris 1790. ein Mann, zu unserem Glück, nur Wahrheit, Gradheit, Natur und Billigkeit der Menschen liebend und bis auf das Blut vertheidigend; sonst könnte ihm der Einfall kommen, uns einen Knoten in den Proceß zu schürzen, der mir unauflöslich däuchte. Ein Anderer käme am Ende, oder bald mit der guten Hoffnung auf einen petit Seigneur oder eine petite Demoiselle de Goran! Oder Sie selbst, Monseigneur, müßten etwa nachweisen können – – –

Die groteske Wiege aus den zwei Großvaterstühlen gerieth durch den Schreck des Herrn von Boissieux über diese Möglichkeit in Stocken. Endlich faßte er sich und antwortete: Was Sie mir da gegönnt haben wollen, wie gern wollte ich das! Aber –

– Die Natur mit ihrer Wahrheit kann uns denselben Streich spielen! Also, wir müssen eilen; Schlag auf Schlag muß der Proceß verhandelt, geendet werden! Denn das Gut ist kostbar und leidet Schaden. Um Seife und Weiber darf man nicht lange processiren.

Die Wiege kam wieder in Schwung.

– Abhorresciren wir aber den Parlementspräsidenten, den Vater, nicht als Richter?

– Um Himmels willen nicht! Er ist einer der vorzüglichsten guten Thoren, die nie für die Ihrigen etwas thun; die selber von sich, ihrem Leben und Umständen, ja von allen den Ihren immer die oft nicht zu preisende Wahrheit sagen, aber vollends den Edelmuth gar nicht herrlicher ausüben zu können gewiß sind, als gegen die Ihrigen, ihre Geliebtesten selbst. Und Wen liebt dieser Witwer und Vater mehr als seine einzige Tochter? Und so entscheidet er wo möglich freudiger gegen, als für sie, also für uns, wenn er hinterher auch blutige Thränen weint, wenn der Edelmuth vor der Natur und dem Jammer weicht, wie oft alle gute Geister zu Zeiten weichen, sonst läsen wir das sogenannte sechste Wort nicht: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Wir brauchen ihm also nur eine Alternative vorzulegen, worin er Natur und Naturrecht sieht – so übt er den Edelmuth! Hat er dazu sich ja nur seine Stelle gekauft, und sagte mir selber wie Andern laut: »Heil einem Lande, darin auch die wichtigen Stellen verkauft werden und erkäuflich sind für Männer, die für das Volkswohl brennen, wahren innern Beruf fühlen, von der Menschheit erzogen sind und vom Leben, nicht von Büchern; die nicht durch Mühsal im Alltagsgange herz- und geisttödtender Aemter verkümmert, endlich im freien großen Wirkungskreise nun die Wunder thun möchten, die sie als Kinder geträumt, aber die Kraft und den Trieb dazu verschwitzt haben. Aber noch trauriger müßten die edelsten Herzen und besten Köpfe ohne ihre gewisse und große Nutzbarkeit verschmachten, wenn die Stellen, die sie bedürfen, nicht käuflich wären! Schon daß sie ihr ganzes Vermögen daran setzen, um sich zu Tode zu arbeiten, ist ein schlagender Beweis für sie. Die Offiziere in der Armee, die ihre Stellen gekauft haben, müssen so tapfer sein, wie die andern, aber die Liebe zum Kriege und Ruhme macht sie viel tapferer. So hat Alles seine zwei Seiten, wie Alles seinen Misbrauch, sein Uebles, selber die Sonne und gewiß auch der Sonnen-Heiland da droben.« So denkt er und thut der Präsident, berichtete Baville und schloß: Meinen Plan habe ich gemacht.

– Schon?

– Plötzlich! antwortete Baville. Im ersten Feuer durchblitzt und durchhaucht muß jeder Künstler sein ganzes Werk entwerfen, da er es dann nur bis in die kleinsten Fasern durchdringt und durchleuchtet. Und hoffe ich, auch wir Advocaten sind Künstler; nur daß Irrthümer, Zorn, Rache, Stolz, Bedürfniß, Verbrechen sogar, unser Stoff sind, statt Marmor, Farben und Töne. Die Sprache haben wir mit den Dichtern gemein zu unserer – Poesie, die kein Jurist unsern Rhapsodien absprechen wird! Andere dürfen sich das nicht unterstehen. Auch Sie nicht, mein Herr Vollmachtgeber, wenn Sie meine Rede im Parlemente hören! Ich werde zuerst reden, schon weil die erste Lüge mehr gilt, als die letzte Wahrheit; weil Widerlegen, und gerade der grundlosesten Dinge, Andern stets und in allen Dingen des Himmels und der Erde viel schwerer, als uns das Auspredigen derselben wird; besonders aber, um Alles von unserer Sache abzuweisen, was sie verspielt machen könnte, und dagegen nach Art der Morgenländer zwei maskirte Phrasen dem Richter zum Urtheil unterzuzwingen, nach deren einer, er mag wollen oder nicht, er entscheiden muß, so daß wir in Folge des Urtheilspruches gewinnen. Wir nennen das nur so leicht hin: eine Sache instruiren! Aber wer ein Rechenexempel anzusetzen weiß, der bekommt auch, verzeihen Sie, das richtige Facit heraus.

– Sie hegen doch Zweifel an unserer Sache! warf ihm Boissieux vor; glaubte ich nicht mein Recht zu haben, ja allein Recht, so würde ich nicht streiten. Ich bin ein Edelmann!

O, selber der schändlichste, ungerechteste Anspruch, außer etwa der auf die Krone, wird höchstens mit dem Verluste – des Processes bestraft, und die beste Sache kann verloren gehen. Nur Ein Fehler in der Behandlung, und das offenbarste Recht ist verloren, wie sogar Gott durch einen Speisefehler, durch eine Fischgräte, das heilige Leben verloren gehen läßt. So ist die Welt – sprach Baville hohnlachend, ja ergrimmt, und bekundete dadurch die ihm einwohnende, bessere, ja gute Seele, die den Großen und Kleinen zum Spott und sich zur Schadenfreude ihre Erbärmlichkeit recht bitter empfinden ließ; – so ist die Welt, wiederholte er, und so wird sie noch lange bleiben. Wer in der Zeit lebt, wie jeder in seiner muß, der thut wohl in ihre Haut zu fahren, in ihre Narrenkappe sogar. Denn wer nichts mit Trug, Betrug, Irrthum und Elend zu schaffen haben wollte, nur Reines berühren, nur Wahres hören, nur Gutes, Schönes und Glückliches sehen, der soll sich einschließen, vermauern lassen! Der soll in kein Hospital, in keinen Gerichtshof, keinen Tempel, kein Irrenhaus gehen, ja niemals nur in den Spiegel sehen! Darum müssen wir trachten, den Andern die Schellen jetzt abzuschneiden, jetzt anzuhängen; am meisten jedoch ihre Pritsche ja nicht zur Marter in unsere Gewalt zu bekommen, sondern zu dirigiren. Dann sind wir doch Narrenkönig, geheimer! seliger! Denn was muß das heilige Weltmeer in den Schiffen der Menschen für Kindertand, für Sklaven tragen und fahren! Welchen ihm immer wieder in sein großes, ernstes, schreckliches Backfaß geworfenen Unsinn hat gleichsam ein ernster, stummer, großer Bäcker unterzukneten! – und nur der gährende Teig ist und bleibt das Brot; und wir Alle, wir drei Facultäter sind die drei Männer im feurigen Ofen – und ich lasse mir, zum Beweise des Frostes darin, durch einen Gamin noch von meiner Frau zu Hause den Wolfspelz holen!

Dazu lachte Baville und Boissieux lachte mit, als ob er ihn verstanden habe, ob er gleich nur der Schneekönig war, der von anderer Adlergedanken erst auszufliegen wußte. Er stieg aus der Riesenzwillingskinderwiege, holte aus seinem Schranke einen schöngestickten Beutel Gold und händigte Herrn Baville ein Billet, »von meiner lieben Ménehoult«, aus, das an ihn überschrieben war. Baville erbrach es und las:

Mein lieber Freund!

Es ist unmöglich, daß mein unendlich geliebter Mann durch seine Lebensweise – die Folge seiner Denk- und Gefühlsweise, nicht endlich grob an die eckige harte Welt anstoßen sollte. Für diesen je später je schlimmer eingetretenen Fall erlaube ich mir Ihnen, bester Mr. Baville, 1000 Louisd'or zu vermehrter Lust zu überreichen: Ihren durchdringenden Verstand zu meines lieben, im Himmel bei aller Seligkeit nicht vergeßbaren süßen Freundes Gunsten nur einen glücklichere Augenblick lang leuchten zu lassen! Ihre dankbare Verehrerin

Ménehoult.

Und während er den schönen Beutel zu sich steckte, rief er: Welche Ehrlichkeit in der Welt noch bei einem wahren Edelmann! Welche Stimme aus dem Grabe! oder richtiger: aus dem Leben in das Grab der Todten: die lebende Welt! – Ich konnte Sie, Herr von Boissieux, Ihre Frau richtig wieder gewinnen lassen, – aber strafbar und fast nicht wiedernehmbar – wenn ich nicht vermied, daß sie wegen Zweimännerehe in schimpfliche Strafe verfiel! – – Jetzt soll in den Phrasen gar keiner Ehe gedacht werden! Wenn ich das nicht thue, wird es la Vicomterie desgleichen sehr klug unterlassen und, ohne sich zu betrügen, uns nützen. Nur schlechte Chirurgen heilen zum Krüppel, und heutzutage wollen die Leute sogar nach gebrochener Nase erst schön aussehen, umsomehr, wenn sie zuvor grundhäßlich gewesen; denn wofür haben sie sich denn curiren lassen! Glauben Sie, ich denke für mehr als zehntausend Louis an die Folgen. Und dennoch kann etwas Unberechnetes oder Unberechenbares zu Ihrer und meiner großen oder kleinen Verwunderung übrig bleiben; ich aber vertraue –: die Hochzeitnacht.

– Ich vertraue Ihnen, sagte ihm der suspendirte Ehemann; der Hochzeittag ist nichts, wie man sieht. Ich sehe klar, wir Alle stehen mit allem Hab' und Gut in der Hand der Handhaber der blinden Göttin Gerechtigkeit, oder können jeden Augenblick darein verfallen, und müssen zuletzt einmal es Alle. Meine Güter, mein Haus, mein Rock, die Zunge in meinem Munde, mein todter Leib im Sarge, nichts ist zuverlässig mein; Alles schwebt, wie man kranke Kinder mit theurem Schmucke spielen läßt, nur in ihrer Hand. Darum – empfehl ich mich Ihnen!

 

*

 

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