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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 15
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XIV.

 

Die Menschen glauben in allen Zeiten nur ihrem
Verständnis, nicht dem Verstande der Welt.

Der Polizeidirector fuhr aus Achtung in seinen Schlafrock und Herr von Boissieux trug ihm vor, was ihm widerfahren, was er gesehen.

– Vermeint zu sehen! warf Herr von Argenson ein. Keine schöne Rosendiebin? Sie scherzen!

– Bitterer Ernst! Welcher Mann kennt seine Frau nicht!

– O Viele! Ich soll Sie also mit Staatsgewalt lächerlich machen?

– Der Sarg muß reden!

– Und wenn noch ein solcher Patron noch redete, soll ich Sie um das Leben bringen helfen? Feinde haben, ist dem Größten gefährlich! Und denken Sie erst an die bekannte deterrima belli causa!

– Sie glauben mir also schon halb, hör' ich, sprach Boissieux.

– Von Jedem ist Jedes möglich, ohne Ansehen der Person; ohne diesen edeln Glauben hört alle Polizei auf, oder fängt nicht erst an!

– Mir sind, auf Ehre, Ursachen bewußt – will sagen: bekannt, sprach Boissieux, welche die erzählten Wirkungen hervorgebracht haben können, ohne daß noch das Wie mir – bewußt ist.

Herr von Argenson sah ihn scharf in die Augen und sagte dann: So? – das ändert die Sache – ins Schlimmere.

– Verhängen Sie die Untersuchung.

– Sie haben befohlen, sprach Herr von Argenson submiß, wobei er sich so tief bückte, daß, was in ihm vorging, in seinem Gesicht nicht zu sehen war; bis zum Schlusse eines gemächlichen Frühstücks sind die Herren, die ich sogleich in meinen Wagen senden will, wieder da, und mit Respect werden sie uns zum stillen Lachen, Aergern oder Wundern berichten.

Er klingelte, ließ seinen Secretair rufen, gab diesem Befehle, und ehe das Frühstück servirt war, rollten zwei Wagen fort.

Sie unterhielten sich so lange, bis die Wagen wiederkamen und ein alter wunderlicher Herr beinahe furchtsam etwas Verhülltes hereintrug, vor dem Herrn von Argenson auf den Großvaterstuhl setzte und mit den Worten vorsichtig enthüllte: ein passus Paracelsianus! Kircherianus, et cetera –: die zum Kinde verwandelte Frau von Boissieux! Das ganze schöne Fräulein Génévion im Wiederwerden! Wir haben da tödtlich in ein geheimes Werk der Natur plump eingegriffen! Wir haben es zerstört, so fürcht, ich! – Sie ist wieder todt!

Herr von Boissieux sah hin und entsetzte sich selber, als er das kleine wunderliebliche Gebild bestaunen mußte, so daß er überrascht ausrief: Sogar das Brautkleid meiner zweiten Seligen – –

– Das auch aus seinem Urstoff wieder nagelneu zum Immergrößerwachsen hat sollen aufgeschaffen werden! versetzte Herr von Argenson. Seit wann leben denn auch die Röcke, thun Wunder und sind Wunder? Paracelsus ist todt, und zu diesem neuesten Elementarprocesse gehörte wol also ein jetzt lebender Paracelsus oder ein Pater Kircher, oder eine Mama Kircher. Die Natur selber ist keine Hexe.

– Herr von Argenson haben im Augenblicke wol ganz die sieben Hexen vergessen, die in den Gefängnissen des Justizpalastes sitzen? bemerkte ein anderer der wiedergekommenen Herren.

– Es ist ja wahr! Toulouse hat den Ruhm des gläubigsten und zum größern Ruhme Gottes strengsten Parlementes, antwortete er verstellt. Wir müssen nun also die Achte auffinden. –

Er meinte die Mutter des Kindes damit, die doch wahrscheinlich um die große oder kleine Génévion wissen konnte, und er beschloß salomonisch-klug bei sich: die Mutter am Mutterherzen hervorzulocken, und zwar durch Mittel, die ihm der Volkswahn selbst ganz nahe legte. Bei diesem Entschluß überflog den herzensguten Mann eine traurige, mitleidvolle Miene, und seine Seele machte mit der ausgestreckten Hand das Zeichen der Abweisung und des Abscheus, den sie vor den Dingen empfand, in welche er wiederum arme Menschen durch das Leben, die Liebe und die Ehre verwickelt, ja sie im Unglück versunken sehen sollte. Er gab den Herren leise die weitern Befehle; er entließ sie, und der gläubige Herr, der die kleine Délices gebracht, nahm sie wie ein Heiligthum der Natur auch wieder fort. Dann wandte er sich zu Herrn von Boissieux und fragte:

– Nun, was meinen Sie jetzt?

Herr von Boissieux zuckte die Achseln.

– Nun so sage ich Ihnen: Zuerst schon steht Ihnen der Anlauf, vielleicht die Bestürmung des Volkes bevor; es wird sagen: Génévion hat am Hochzeitabend ein Kind geboren, das Sie, als nicht von dem erst ganz neucreirten Gatten stammend, großmüthig im großen Sarge haben in Ihrer Väter Gruft bestatten .... und Génévion in irgend ein Kloster oder einen noch schlimmern Ort bringen lassen. Ihre, verzeihen Sie, wenigen Thränen .... Ihr Unmuth auf dem Gesicht werden den tausend Zeugen als schlimme Zeugen vor Augen treten.

– Das Volk ist blind und rasend!

– Aber oft und meist: warum? sprach er und nahm dabei seine Mütze ab. Und bedenken Sie wohl: es ist da! Doch beruhigen Sie sich; denn das Obige werden nur die Verständigen sagen. Sie wissen aber sehr wohl, daß unsere ehrwürdigen Geistlichen es endlich zu dem schauerlichen Heil gebracht haben: Kein Thatbestand gilt mehr vor ihnen, sogar nicht vor Gericht, wie Asche und Blut bezeugen könnte; sondern blos ihre Auslegung der sichtbaren und handgreiflichen Dinge gilt. Das wird aber Ihnen so übel bekommen, wie schon Unzähligen – bis das Volk sie wird zu zählen anfangen. – Kurz, ich hoffe die Ehre zu haben, mir das Verdienst bei Ihnen zu erwerben, daß Sie Ihre Gemahlin wieder lebendig wissen. Denn ich bin von Ihrer Liebe zu fest überzeugt, als daß Sie selbst die Todte geraubt, sowie von Ihrer Ohnmacht: Todte zu erwecken. Toulouse bekommt vom Verfasser der Welt jetzt sein eigenes Trauerspiel!

Dem Herrn von Boissieux, Witwer oder nicht, war sein Händedruck fatal, als einer von den hundert Arten desselben, der ihn zu einem ernstlich Gefoppten stempelte. Er empfahl sich ihm auf Weiteres oder Näheres, ganz erhitzt im Gesicht von innerm Verdruß, der sich steigerte, als er schon auf der Straße an dem Stehenbleiben und ihm Nachsehen der Leute merkte, daß er der Schauspieler einer Volkshistorie geworden war.

Und in der That befand sich die ganze Stadt in Aufregung. Bräute, Mütter, Väter, Witwer, junge Herren und Damen trugen einander die erschollene Kunde zu und sprachen selber bei Tische davon, wo sonst nur todte Thiere, unerwähnt aber leibhaftig in den Mund genommen werden dürfen, aus menschlichem Anstand.

Das Volk aber hatte, nach Herrn von Argensons Voraussetzung, richtig das Zauberkind zu sehen verlangt, und er hatte ihm nachgegeben. Im großen Versammlungssaale, mitten auf dem schwarzbehangenem Tische, stand das wunderschöne Kind wie ein kleingewordener Engel oder eine vom Baume des Lebens abgefallene Menschenblüthe, so lieblich und freudig zu sehen, daß besonders die Frauen und Mädchen nur mit zurückgewandten Gesichtern von ihm gingen, wenn eine andere Schar Menschen, desgleichen nur zu kurzem Verweilen, herangelassen wurde. Damit es allein stand, war ihm die grünseidene herabhängende Klingelschnur unter den Aermchen durchgezogen, die es dadurch wie nach vorwärts erhob, als wenn es nach Jemand langte, den es nicht sehen und finden könne, weil es die Augen sanft zugeschlossen. Herr von Argenson hatte sich seitwärts hinter das Kind gesetzt, blos um die Achte zu entdecken, und er bedauerte bei so mancher weinenden jungen Schönen, auf alle Frauen den Verdacht aus seiner Seele leuchten zu lassen, der doch nur Einer galt. Qual der Polizei! Qual des Volkes! dachte er die ganze vergebliche Zeit oft. Und nur in Absicht auf seinen Zweck hörte er mit einiger Aussicht die Worte einer Frau zur Dame Olifant .... und Sie wissen gewiß schon: – morgen soll der Apotheker Endenté das liebe kleine Wesen auf die Capelle bringen oder in die Retorte, ich weiß nicht genau, um zu sehen, was in ihm und an ihm ist; und dann soll es unter dem Hochgericht begraben werden. Das wissen alle Leute, und darum will es Jeder noch gesehen haben, und die meisten kommen gewiß erst noch bei Licht, die sich bei Sonne schämen.

Goran aber war seiner zu Tode erschrockenen, entflohenen, zuletzt athemlos wankenden und auf den grünen Rain gesunkenen Génévion entgegengeeilt, hatte sie in den Wagen getragen, nur dem Colinet zugerufen: nach Hause, geschwind! und sie in den Armen haltend und ermunternd und wieder küssend sogar, hatte er nicht bemerkt oder nicht geachtet, daß Colinet zwar wieder an der Stadtmauer hin wie her, und zu einem andern Thore, aber von da nicht nach dem Schlosse, sondern in die Stadt nach dem Hause gefahren war. Es war Goran sogar sehr lieb gewesen, da Génévion eilig des Arztes bedurfte, und Madelon hatte den verschwiegenen Endenté geholt, als Goran von Génévion nur den mit erneutem Schreck wiederholten Namen: Boissieux! Boissieux! herausgebracht, und daraus geschlossen, daß Boissieux sie, wenn auch so früh, dennoch gesehen haben müßte, daß sie entdeckt wäre. Und doch war an eine baldige Flucht, vor Nacht wenigstens, nicht zu denken gewesen.

Jetzt in der Dämmerung war Madelon nach der, mit auf das Schloß der Mutter zu nehmenden Arznei gegangen, obgleich die Mutter indeß selbst nach der Stadt gekommen war. Da hatte unterwegs Madelon von dem Zauberkinde gehört .... von der Capelle .... vom Hochgericht; sie hatte ihren Schrei gethan; aber ihren Gang, ja die ganze Welt vergessen und stürmte jetzt wie eine Wahnsinnige in den Saal zu ihrem Kinde.

s– Das ist die Mutter sprach Herr von Argenson wehmüthig erregt und sprang auf. Alle machten ihr Raum und umdrängten sie wieder. Kein Laut im ganzen Saal. Madelon starrte ihre kleine Délices mit einem Ausdruck an, den kein Maler je malen kann. Find' ich dich hier, du lieber, lieber Engel! sprach sie außer sich. Die Engel sind zu Stein geworden und stehen um die Altäre fühllos .... im Himmel sind keine mehr.

Sie beugte ihr Gesicht tief in beide Hände, dann streckte sie ihre Arme den langenden Aermchen des Kindes entgegen, doch nur einen Augenblick. Sie zerriß wie mit Himmelskraft die Schnur, nahm ihr Kind sanft auf die Arme, wollte gehen und stand wie versteinert; – denn mit einem Gefühl, das ihm das Herz zerschnitt, fragte sie Herr von Argenson:

– Sie also sind die Mörderin des eigenen Kindes?

– Die Mörderin! wiederholte Madelon lächelnd; o gebt mir tausend, mein letzter Blutstropfen soll ihnen gehören; Das Kind ist mein und Gorans! – Jetzt ist doch Alles aus.

– Des George von Goran?

– O mein Gérard! dein Geist stehe mir bei! rief sie und öffnete das Kleidchen des Kindes, nahm das kleine, ihm an einer himmelblauen Schnur umgehängte Briefchen aus seinem kleinen Busen, reichte es dem Herrn von Argenson; alle Zuschauer verlangten durch ihr tiefes Schweigen seinen Inhalt zu hören, und er las:

An den himmlischen Vater!

Hier kommt dein Kind zurück, schon nach dreien Tagen. Gib ihm dafür das ewige Leben, wie ich ihm gern das meine gegeben. Und grüße meinen Gérard! Sollte es im Himmel nicht gleich schon reden können, so zeige es ihm doch, und sage, es sei das seine. Sei Beiden gnädig! Ich – ich bin todt, auch noch lebend!
    Wenn Eins von zwei sich Liebenden entschlummert,
    Dann lebt der Abgeschied'ne sanft verklärt –
    Und ach, der Uebrigbleibende .... Er ist
    Gestorben!

Deine                     

Toulouse den 31. ....

gestorbene Tochter.
Madelon.         

Der halbwahnsinnige aber seelenvolle Brief machte alle Augen funkeln für Madelon. Aber Herr von Argenson mußte eben jetzt noch in ihr Herz nachbohren und warf ihr vor: Sie haben Todte gestört!

– Todte! entgegnete lächelnd Madelon.

– Ihr Kind soll ehrlich, ja kostbar begraben werden, versicherte er ihr, wenn Sie Zeugen nennen, daß Sie es nicht gethan. Oder nur, daß Sie gewiß des Kindes Mutter sind, daß es keine – –

– Oh, unterbrach ihn Madelon mit blitzenden Augen und ganz verwirrt. Mir zeugt es Goran und Génévion.

– Wo?

– Bei mir! sogleich! kommt, kommt Alle mit! – Und mit rasender Freude schritt sie durch das ihr weichende Volk.

– Nach dieser Sache lege ich mein Amt nieder! schwur sich der Polizeidirector; für Jeden sorgen, wie für sein eigenes Kind, das erschöpft bald Einen Mann, oder versteinert ihn grausam! Und so brach er auf mit seinen Getreusten. Er ging bei der nöthigen Eile zu Fuß und rief auf dem Wege den Herrn von Boissieux ab, dem er nur sagte: Ein Wunder ist abgethan; das andere harrt auf Ihre Entschleierung .... aber gewiß nicht lange in Ihrer Frau Schwester Hause. Mercuriusflügel an die Sohlen!

Darum eilte Boissieux voraus, indeß Herr von Argenson einen kleinen Umweg nach dem Parlementspräsidenten von Lafaille machte. Kommen Sie! rief er ihm zur Thür hinein. Es bedarf Jemand Ihres Beistandes, den ihm kein anderer Mensch auf Erden so leisten kann – Und unterwegs fragte er ihn nur noch vorbereitend:

– Hielten Sie es vor sechszehn Jahren nicht für möglich, daß Ihr neugebornes, weltfremdes Töchterchen lebe?

– Herr Gott, ja!

– Und dann hielten Sie es für möglich, daß Ihre Tochter gestorben sei?

– Ach Herr Gott, ja!

– Und würden Sie es für möglich halten, daß sie nun lebe?

– Ach mein Herr Gott, ja! .... aber im Himmel, wo wir es Alle von Allen hoffen.

– Nicht auf der Erde? Nicht auch wol gar in diesem Hause der Frau von Goran? Kommen Sie, kommen Sie! Im Hause, wo das Unglück eingebrochen, stehen Thor und Thüren offen, Allen, besonders uns!

Der Vater wollte nicht hinein, nicht hinauf gehen, aus – Unmöglichkeit mehrerer Art, und sie zauderten. Als aber Herr von Boissieux indeß schon auf den Vorsaal gedrungen, als Goran ihn sah, als endlich beide sich erkannten und Boissieux vor ihm erblaßte, zog Goran den Degen, nicht um mit ihm zu fechten, sondern ihn zu durchbohren.

Seine Mutter aber kam glücklich zur Rettung ihres Bruders, umschloß ihn und rief ihrem Sohne zu: Bei Génévion! Du tödtest ihre Seele und meine in meinem Bruder!

– Du Elender! rief Goran. Zittere! Ich lebe! Du hast mein Weib dir gestohlen, begraben! – Ich habe es mir errettet! Sie, nicht Braut, nicht Frau, nicht Witwe mehr, deren Namen Génévion selber nur noch ein Traum war. Ich kann dich entlarven! Entflieh! Was willst du noch hier als deine Schande, deine Verzweiflung, wenn du liebtest, ausgebranntes hohles Gespenst der Liebe und des Lebens! Niemand kann dich mehr tödten, wie du dich schon selber getödtet, leibhaftig verdammt schon zum – –

Er verstummte vor der Erscheinung Génévions; und wenn sie gewußt, welchen Eindruck sie auf Boissieux gemacht und ihm nur mit der Fingerspitze die Brust berührt hätte, wäre er vielleicht todt vor ihr hingefallen. So aber, fiel er ihr blos zu Füßen.

Allen fehlte die Zeit, sich um ihn zu bekümmern; denn jetzt erschien Génévions Vater, und die Tochter wankte dem Vater ans Herz, und er stand wie ohne zu sehen und ohne zu hören, starr vor ihr, bis sie ihm gleichsam Leben gegeben durch ihre Umarmungen, ihre Küsse und ihre Thränen unter dem immer schwächeren, aber immer rührendern Ausruf: mein Vater! o mein Vater!

Dann ließ sie ihn los und umschloß vor übermächtiger Freude ihren geliebten Goran.

– Sie behandeln Alle diese Gestalt als meine Génévion – sprach Herr von Lafaille wie aus einem Traume erwachend – und schon Eins überzeugt mich: Frau von Goran nennt diesen beweinten jungen Mann: ihren Sohn! – – – Sie muß das wissen! und dieser Goran liebt weder auf Erden noch im Himmel ein anderes Weib, als meine Génévion! – – und sie ist es! Du bist es, du bist meine Tochter, ich bin dein Vater! Ich bin von den Todten auferstanden, nicht sie, nicht sie allein! Ich lebe wieder auf. O die Erde ist zu Zeiten der Himmel, mehr als alle Himmel sein und gewähren können. Nun will ich gern sterben! Nun kann ich sterben; zuvor hätte der Tod nur einen Schatten ermordet, ihm das Licht weggenommen – und ich war aus! Nun fang ich wieder an, um niemals aufzuhören!

– Ich höre, sprach Herr von Argenson, Sie erkennen diese mehr als wahrscheinlich Lebende als Ihre Tochter Génévion an?

– Ja! mit Gott! antwortete der Vater.

– So fordere ich mein Weib wieder! Ich gewinne sie! rief Herr von Boissieux ruhig darein.

Génévion sank ohnmächtig in ihres Geliebten Arme.

– Was ist hier weiter! sprach Herr von Argenson; kommen Sie, Herr von Boissieux, sie unaussprechlicher Gemahl der schönen Frau, die wir hier lassen müssen; wir sind keine Büttel! – Dabei nahm er ihn unter den Arm, und der Fortstürmende knirschte mit den Zähnen und murmelte: Die Büttel sollen sie mir bringen! Ich bin kein abgestorbener – nur ein abbegrabener Gemahl. Neue Dinge, neue Worte! – Und mir noch ein neues Gefühl? Wie, ich mit grauen Haaren, ich soll erst Eifersucht fühlen? Sie lachen gewiß im Finstern! O, mein Herr Junggesell, Sie wissen noch nicht, was es heißt, sein schönes junges Weib in den Armen eines schönen jungen Mannes mit sehenden Augen lassen zu müssen, weil das Recht eine Schnecke, kein Donnerschlag ist, und meist nur der hinkende Bote. O gäb' es unter jedem Thor einen König! – Nur eiliges Recht hat Werth in der eilenden Welt! O dieser mein Abzug vom Taubenschlag der Liebe ist einzig, bitter, tödtlich – ja, was mehr ist: lächerlich! – Heda! rief er laut auf der Straße: Ihr Leute heraus! ihr Leute lacht! Lacht Alle, bis Euch die Backen schmerzen, die Magen stechen; bis ihr keinen Athem mehr habt: denn ein Mann wünscht einem Andern gute Nacht bei seiner – –

Argenson hielt ihm den Mund zu und suchte ihn durch Zureden zu beruhigen: Sie wünschen ihm ja eben nicht gute Nacht! sondern etwa die Hölle, oder was die Menschen noch Schlimmeres für solche Fälle gefabelt haben; denn edle Seelen wollen Luft, Licht, Wahrheit – am Himmel! Und noch kann ich Ihnen zum Troste sagen: Ihr glücklicher Neffe ist ja dem Kalender nach, zwar nicht in verjährtem, aber schon öfter vertagtem und vernachtetem Posseß der Frau! Ich habe Sie ermahnt die Sache schlafen zu lassen. Ich lege mein Amt nieder.

– Sie werde ich also auf dem Sterbebette zu meinem Tröster ernennen! Sie können einem die Welt verleiden, die ganze Welt, den Leider und sich! sagte ihm Boissieux, und riß sich von ihm los, ohne an eine gute Nacht zu denken.

Im Hause der Frau von Goran war Ruhe geworden. Das Neue, Ueberraschende, ja das Erschütternde wie das Bedrohende will gefaßt, erfahren und in die Werfte des Lebens eingewirkt, dem Herzen angeeignet sein. Dazu oder damit leben alle Menschen seit uralten Zeiten bis in die spätesten Tage, sprach Génévions Vater, der vorsichtig heute als Parlementspräsident bei seiner Tochter zum Schutze blieb. Und nur Madelon rasete manchmal auf, daß sie, hingerissen vom Herzen, ihre beste Freundin verrathen habe! Sie konnte den Morgen kaum erwarten, um in der Beichte vom Priester die Sünde sich richtig vergeben zu lassen, als wenn das ihr, der Freundin und Allen aus dem Unglück hülfe.

 

*

 

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