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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 14
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XIII.

 

Aus dem allgemeinen, allgewöhnlichen Aether zieht
sich jede Blume ihren eigenen Duft und aus den
umgebenden Dingen lockt Jeder durch Berührung
sein Schicksal so rasch auf sich, wie den Schlag aus
einer geladenen Elektrisirmaschine.

Dieselbe Nacht jedoch hatte der Herr von Boissieux, als gleichwol in seinem Sinne, durch seinen Verlust auch eigen betroffener Witwer, kein Auge zugethan. Génévions Mitgift hatte ihm Herr von Lafaille ausgezahlt, mit der Bitte, seiner Tochter doch von dem Drittheil ein schönes Grabmal zu bauen, anstatt des alten und ärmlichen, von Haselnußsträuchern verwachsenen, worin die Eichhörnchen wohnten. – Das reizte ihn, den Menschen seine Liebe zu der ihm verlorenen schönen Frau zu zeigen, die sich ja nur auf ihre Liebe zu ihm begründen könne. Denn er sagte sich in der Nacht: den Todten opfert nur Der die Schätze des Lebens, wem sie ohne dieselben nur drückend und nichtig sind .... oder wer seine sogar hochgehaltenen Schätze, ja die ganze Welt gern hingäbe, um den Abgeschiedenen sein Herz zu zeigen, ja nur ihren unter den Menschen schwebenden Schatten – ihr Angedenken zu feiern und lange zu bewahren. O daß ich der Thor sein könnte! Aber ich habe in alten Chroniken gelesen: wie viel Klöster und Kirchen die Buße erbaut hat! Lafaille rächt sich so heimlich, wie bitter an mir; unbewußt, weil er nicht lächelte; bitter, weil ich nicht lache. Martern uns denn erst die Todten? Oder martern mit ihnen uns Wir? Und – ich will wieder heirathen – schadet mir da nicht zum Ja einer Neuen der Hang zu der Alten? Doch die Alte ist todt, die Neue lebt, und verdrängt eine Lebende nicht gern eine Lebende? ja, ist das Geschlecht nicht so wahrhaft erhaben gesinnt, daß höchst selten Eine Anstand nimmt, die Dritte, die Achte, die Zwölfte zu sein von sogar lauter offenbar Betrogenen, Belogenen, in Schande Gestürzten! Das hat unser König Ludwig das ganze Land gelehrt, funfzig Jahre lang: Vor Ehre vergessen die Weiber die Schande, die Treue, die Liebe; für einen Unheiligen alle Heiligen. – Das ist die glückliche Sucht der Menschen, immer das Beste für gut zu halten; der elende Irrthum hilft allen Herrn »Besten« an ihrem Ort und zu ihrer Seit zur Vergötterung, wovon nur ein Dummkopf nicht allen nur möglichen Vortheil zieht; denn der gottseligste Bauer zieht ihn von seinem Esel – und der Esel der Großen ist das ganze Land mit allen lieben Frauen. Gott verhüte, daß ein Jeder selbst den Weg zu Gott und den Himmel findet und auf Erden zu Wohlstand und bravem Leben! Dann sind wir aus! Und darum beschützt unser kluge König die Priester so sehr und schießt mit allerhöchsteigener Hand in die Ketzer.

Und mit einem gewissen Zorn ging er mit Tagesanbruch hinaus auf den Kirchhof, den Ort zu dem Grabmal zu wählen. In der offenen Hausflur des Todtengräbers Verdagon sah er einen schon zugedeckten Sarg auf der Bahre stehen, auf welchem eine zahme Dohle saß, die in unsinnigen Worten gewiß heiligen Jammer schwatzte – und drüben entfernt sah er ein Grab auswerfen. Im Umschauen ging er dahin; der eine Todtengräber saß müßig neben daraus geworfener Erde; der andere, bis an die Schultern verborgen, schien nur ein Kopf mit Armen, wie ein alter grauhaariger Engel. Er trat bis dicht an das offene Grab und der arbeitende Todtengräber wünschte ihm »guten Morgen« und »wohlgeruht zu haben,« was aus dem Grabe ihn ehrenrührig ansprach. Mir versagen dasmal die Hände, sprach Verdagon zur Entschuldigung seiner Müßigkeit; mein College Débarras thut heut für mich, was ich wieder für ihn. Wir Todtengräber haben so unsern eigenen Feiertag.

Herr von Boissieux warf dem schwitzenden Débarras einen blanken Kronenthaler in das Grab und der alte Mann bückte sich noch im Grabe nach dem Gelde, indem er ihm mit: eine fröhliche Auferstehung! dankte. Und nicht dieserwillen, sondern um seine Geldsucht hier gleichsam verklärt zu sehen, ließ er den Todtengräber mehrmal sogar im Grabe sich noch nach dem schönen Gelde bücken, das er mit Verdagon theilte.

– Nun sie todt ist, muß ich wieder heirathen, äußerte Verdagon. Und für dieses ihn bestätigende Wort leerte ihm Herr von Boissieux die ganze Tasche und ging hinüber nach dem alten Grabmal seiner alten guten Ménehoult, der er eine Rose abbrach und mitnahm, und seiner jungen Génévion, die ihm nichts gewesen, als süße Hoffnung, nahm er einen grünen Zweig mit, den er zu einem Kranze verflocht.

Die jungen Eheleute, Herr und Frau von Goran, waren aber schon früher gekommen, als Herr von Boissieux; ja, nachdem Goran die kleine Délices in den Sarg seiner Frau gelegt, die lebendig neben ihm, mit angehaltenem Athem zitternd, nur einen scheuen Blick hineingeworfen, wie in einen schwindelnden Abgrund, hatte er diesmal den Schlüssel zu sich gesteckt, dabei das ihm kostbare Medaillon mit dem Bilde seines Vaters vermißt und war ihren hergenommenen Weg auf dem grünen Rain durch den hohen Weizen bis wieder in das Gebüsch gegangen, worin Colinet mit dem Wagen ihrer wartete. Génévion aber war geblieben, um an dem unvergeßlichen Orte ihr Gebet zu verrichten, und dann auch noch draußen im Gebüsche zu Seiten der Gruft sich zum Andenken einen Rosenkranz von den Rosen zu pflücken, die zwischen den Haselnußsträuchern sie lockten.

In diesem stillen Geschäfte sah sie durch die thauigen Zweige einen Menschen auf sich zukommen, einen Mann, und zuletzt ihren gewesenen Mann. – Boissieux! sprach sie erstarrt. O, von allen todten und lebendigen Männern nur Dieser soll mir nicht nahen!

Aber er nahte. Sie verbarg sich ganz ins Gebüsch, duckte sich, drückte die Augen fest zu und ergab sich Gott mit klopfendem Herzen.

Boissieux hatte die Augen auf die im Morgenglanze schimmernden Särge gerichtet und merkte keine Fußtapfen im Grase.

Sie sah durch eine kleine, kleine Oeffnung –: ihr abgestorbener Mann lag auf seinen Knien ganz zerknirscht, mit dem Kopf auf dem steinernen Boden vor den Todten auf den Stufen, aber auch da noch besorgt für sein Leben – die Sammtmütze unter die Stirne gebreitet und schien zu beten. Dann stierte er in das Todtengehäuse und sprach unwillig: In die Lücke da also soll ich! da soll ich stehen zwischen meinen beiden Weibern, so still, daß man die Würmer hört. Arme gute Ménehoult, du fürchtetest dich immer so .... hier ist die Furcht in Grausen erstickt. Und du, Génévion, mein nur so genanntes Weib, wie ein Procurator sich eines Andern Weib antrauen läßt und zum Narren wird in der Hochzeitnacht, du durch List Erworbene, woran noch Anderem bist du gestorben, als an dem Leben? Was helfen sieben Weiber nach einander! Zwei zugleich sollte ein rechter Edelmann immer haben, so wäre der Einen Verlust bei der Andern halb zu verschmerzen. Ich will nach Italien ziehen, einen Schatz zur Frau nehmen und Cicisbeo werden!

Doch daß Niemand meine Grabesgedanken hört! Er müßte sich schämen, sprach er aufstehend und sich umsehend.

Génévion hatte den Fuß gewechselt; der Morgenglanz des Himmels durchäugelte den säuselnden Haselnußstrauch, worin eine Gestalt sich leise aufrichtete, und die wie aus der Erde emporstieg; die zahme Dohle, ihre gestorbene Herrin suchend, war schon früher herbeigeflogen und schwebte jetzt mit sonderbaren Lauten vor dem Strauche. Da Génévion ihren abgestorbenen Mann nunmehr drei Schritte her auf ihren Versteck hastig zuschreiten und mit rollenden Augen erblaßt vor sich stehen sah, wollte sie »Goran! Goran!« schreien. Aber der Gedanke fesselte ihr die Zunge: Goran ersticht ihn auf der Stelle, um ihn auf ewig stumm zu legen, wenn er mich entdeckt. Aber ein stöhnendes Ach! rang mit Gewalt sich ihr los aus der Brust; ihr ward schwarz vor den Augen .... Boissieux riß das Gesträuch auseinander .... sie erstarrten Beide.

Er konnte nicht einen Laut hervorbringen; sie, an den Boden gewurzelt, konnte nicht fliehen. So einen Augenblick kurz fesselte sie die Macht des Geschickes.

Nur ein einziger grüner Zweig hatte mit seinen breiten vollen Blättern zwischen ihren Gesichtern geweht, der keinen Schwur der Ueberzeugung zuließ, ihm den Schwur: das war Génévion! ihr den Schwur: das war Boissieux! Denn sie schlug die Hände über das Gesicht, wandte sich rasch mit lautem Gelächter, das ihr ein Geist einzugeben schien, und entfloh ihm dann rasch wie der Wind, von der Dohle verfolgt.

Ihm graute, sich umzusehen, und als er, ohne sich anzuhalten, wieder zu stehen vermochte, war sie ihm lange verschwunden.

Ihm war, als sei er lebendig da tief im Reiche der Todten gewesen; denn selber die aufgehende Sonne hatte er indeß nur geträumt; das geheimnißvolle schaurige Räthsel glaubte er einen Augenblick gelöset .... aber die Lösung wieder vergessen zu haben. Ja, ihm war, als hätte er den entschwundenen Augenblick lang die Unsterblichkeit des Menschen geglaubt, und er machte ein finsteres Gesicht. Meine Thorheit! sprach er zu sich. Und stehen einzelne Menschen auf, die schönsten und besten, die unschuldiggeopferten? Stehen sie auf vor der Zeit? Verspäten sich Geister bis zum Erbleichen der Morgenröthe? .... Alles meine Thorheit! – Aber welche Täuschung? .... und welche Wahrheit? – –

Er nahm den gewundenen Rosenkranz auf, steckte ihn an den Arm, ging und hob Génévions Sarg an der Habe zu Füßen – er war schwer. Er hob den Sarg der Ménehoult – er war unvergleichlich schwerer. Nun wollte er den leichteren aufschließen – er fand den Schlüssel nicht, und ihm graute davor, dennoch Génévion drinnen zu sehen, als würde sie ihn auslachen! Zu was ist die Polizei, als Dinge zu untersuchen, wovor alle Andern einen gerechten Abscheu haben? frug er sich. Jovialer Herr von Argenson – Ihr erlaubt mir, Euch zu bemühen!

So ging er den Herrn von Argenson zu wecken.

 

*

 

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