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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 13
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XII.

 

In welchen Gefahren lebt der seingewohnte Mensch
so sicher hin, ohne Ahnung, ohne ein Ach! Und
noch ist er vor allen Fürchtenden so lange wie
möglich der Glückliche.

Goran begleitete Génévion auf ihrer nächtlichen Fahrt. Selber der stumme alte Remi, der doch von dem Tode der schönen beklagten jungen Frau in der Stadt gehört und sie begraben gesehen hatte, wäre bald wieder auf der Treppe zur Madonna hingefallen, als Colinet mit dem Wagen bis in die Halle des Hauses hineingefahren war, und nach wiederverschlossenen Thoren Goran mit seinem Weibe die Treppe hinaufstieg, auf welcher die entgegengeeilte Madelon sie umarmte und unter Thränen an der Hand wie einen Engel sich hineinführte. Zum Neide zu gut und zu weise, pries Madelon sie glücklich, o wie glücklich im frohen Besitze ihres Gorans. Und so lange ein Unglücklicher der Andern Loos preiset – wie ein Armer, ein Sterblicher den reichen ewigen Gott preiset – so lange hat er seines vergessen und seiner; bis das Bewußtsein des eigenen Schicksals im Busen ihm wieder wie ein Gespenst auftaucht und er inne wird, warum er des Andern Glück so gepriesen – aus Unglück. Die Glücklichen aber schweigen, zum Gottverklärenden Zeichen: das Wohlsein ist des Menschen wahrer Zustand.

Da war nun stille trauliche Nacht, und gewiß so um die Zukunft unbesorgte nicht, wenn sie gewußt hätten, es sei die letzte ruhige Nacht auf lange, ja auf immer. So aber genossen sie rein und frei die volle Gegenwart, und wahrlich als Menschen seliger wie die Götter, die, wie man sagt, die Zukunft wissen, ja sogar Nacht und Tag die Sorge und Arbeit haben, sie zu bereiten, und die traurige Macht. Des Allen waren sie überhoben, gleichsam als die herrliche Frucht, die sorglosen himmlischen Kinder der Götter. Denn was sie gelitten, das schien überstanden, und ihr ferneres Gefühl hing von ihrer Kraft und Fassung ab und von dem sanften Lichte, in welchem ihr inneres Auge es zu schauen vermochte. Und so schadete ihnen nichts, daß sich die Freude, der Schmerz und die Ruhe um sie stritt, daß der Menschen Herzenzernager, der Schmerz, die seelenbeflügelnde Freude vertrieb, bis ihm wieder die Ruhe zu weichen gebot. So erzählten sie sich und das Fleisch ward Wort –: die Welt im Zusammenhange mit ihren Geschicken ward Gefühl; sanftes Ueberschauen und menschliche Rede, süße wunderbare dem Märchen gleich.

Madelon beklagte zuletzt allein den Tod ihres Kindes, dem sie selbst den Namen Délices gegeben. Als Jungfrau und Weib unglücklich, wäre sie mit der kleinen Tochter als Mutter vollkommen glücklich gewesen. Den theuersten Schatz einer Freundin zu sehen, wenn auch nur wie zerbrochene Perlen, konnten sie nicht unterlassen zu bitten, und Madelon führte sie in das Cabinet und zu einem Körbchen, dem Sarge des Kindes; nahm die rothseidene Decke auf und behielt sie, sich dahinter verbergend, vor ihren Augen in den Fingerspitzen, so daß nur das Haar ihres geneigten Köpfchens darüber hervorschien.

Und als sie die kleine Délices satt bewundert und satt bedauert hatten, sprach Goran: Wahrhaftig, ganz eine kleine Braut, selbst mit dem niedlichen Jungfrauenkränzchen! Sogar kleine, kleine Schuhe!

Und Madelon erklärte ihnen hinter der Purpurdecke: Uebriger Stoff von Génévions Brautkleid, das ich genäht. Aber, seufzte sie, nun bedarf ich ein kleines ehrliches Grab, das sie mir nicht wo mit Füßen betreten im Garten oder im Felde, sondern bei Menschen ruht! Und ich kann, ich kann sie doch nicht dem Geistlichen melden, nicht dem Todtengräber, nicht den Träger bestellen! sie tragen mich aus. Und mit ihr mag Alles begraben sein, Schande und Ehre und Hoffnung und Glück.

Im Morgengrauen fahren wir an meiner Gruft in der Nähe des einsamen Ortes vorbei, murmelte Génévion leise zu Goran; du hast mir so versprochen, was selten ein Mensch sieht – den Sarg, worin er begraben worden – noch ehe wir scheiden, zu sehen; – wir nehmen die kleine Délices auf dem Schoose mit und du legst sie in meinen leeren Sarg. Du weißt da Bescheid. So wird Madelons unschuldiges Verlangen erfüllt und meines.

Goran drückte ihr die Hand. Madelon ließ die Decke sanft über ihr Kind, ihr Antlitz lächelte dankbar zufrieden und sie sprach: Auch mein Gérard dankt Euch aus mir. Sie deckte das Kind noch einmal auf, als solle es ihr Gérard auch sehen, denn sie blickte dabei zum Himmel. – Das rührte ihre Freunde zu längerem Schweigen.

Endlich mußten sie ihr doch weh thun und sie entdeckten ihr schonend, daß sie heut zugleich gekommen wären, um auf lange, vielleicht auf immer, gewiß aber bis nach dem Tode des Herrn von Boissieux von ihr Abschied zu nehmen. Sie solle der Mutter Haus als Eigenthum besitzen und ihr reichliches Einkommen haben. Und Génévion sagte noch besonders: Wenn ich den Vater wiedersehe und er mich wiedersieht, worauf wir allein noch sehnlich warten, dann sage ich es ihm; er wird dich nicht verlassen – auch, wenn er uns nachkommt.

Dabei ergriff sie eine Sehnsucht nach dem Vater, daß sie von der Stelle weg in der Nacht zu ihm wollte, kaum zurückzuhalten war und nur durch das Versprechen, ihn morgen zu sehen, allmälig sich beruhigen ließ.

Sie durchstöberten dann noch die Fächer des Schrankes der Mutter und Génévion fand unter den am besten aufgehobenen Papieren den Brief an Boissieux aus der Hafenstadt, mit der Todesmeldung Gorans, den Boissieux der Mutter überlassen müssen, und den Génévion jetzt ihrem Manne aufgeschlagen hinhielt und zärtlich die Stirn an seine Wange lehnte, während er las. Madelon leuchtete dazu, hielt aber das Licht hinter das Blatt in Gedanken verloren. Goran lebte; die Nachricht mußte ein Irrthum sein. Aber auf einmal rief er aus: Lüge, Betrug, schändlicher Betrug! Die Namen George und Gérard haben einerlei Buchstabenzahl; das paßte in den Raum – aber hier ist eine kleine lichte Stelle im Papier, wo der Accent über dem e ganz deutlich ausradirt ist und der Schweif am d! Aber durch diese kleine Makel scheint ein schreckliches Licht – und die Tinte in den wenigen wenig geänderten Buchstaben hat Glanz – Glanz der Hölle! Der alte Geck! wie er in Hochmuth und Menschenverachtung Alles seiner angewohnten Lüsternheit erlaubt, als wäre es Andern nichts, oder Ehre sogar! Was hat er dir Alles gethan, o meine Génévion! Was hat er dir thun wollen, wenn du lebtest! Was hätte er dir gethan, wenn ein Gott nicht schon bei meinem Scheiden, als dich errettende Prophezeiung, das Wort aus dir gesagt, das Wort, das Thoren kindisch erscheinen könnte, und das du doch gesagt und das ich selbst als eine holde Lüge der Liebe doch erfüllt. Mir schaudert, Génévion!

Er schritt empört und racheglühend im Zimmer auf und ab. Die Frauen vermochten ihn kaum zu beruhigen mit der Wahrheit der Gegenwart, daß ja so gut wie Nichts geschehen, daß sie, wenn auch wunderbar, glücklich geworden.

– Gut; sprach er, stehen bleibend und den Brief bei sich verwahrend; aber laßt mich erstaunen! Auch ein falsches Wort kann Fleisch werden, trauriges Schicksal lebendiger Menschen, Thränen und Blut und Tod, selber durch seinen menschlichen treuen Gebrauch! Wie in eisernen Ketten sind wir in diesem Worte gewandelt, aus ihm haben wir Erde und Himmel, Sonne und Menschen angesehen, falsch, fürchterlich! Wir sollten das nie vergessen. Ich will, ich kann es nie vergessen. Und laßt mich tief ein Anderes beklagen: Die unschuldvollen Kräfte der Natur, die heiligen Kinder, wahre Engelskinder – sie müssen Werke thun des bösen Menschen, ja des Thoren auch, des guten Thoren selbst und Marterwerkzeuge tragen: Hochzeitkränze, Sarg und Todtenplunder – – die Armen! Sie sind ärmer, als wir Menschen, wenn sie nicht blind zur Taubheit sind, und wie sie stumm sind – nicht auch fühllos, herzlos ganz!

Sie beruhigten sich dann, träumten sich die Zukunft vor und träumten sie schön und froh. Dann schliefen sie in den Kleidern eine Stunde, Eine Stunde; Zeit genug für den Schlaf, um des vorigen Tages wahres, tiefempfundenes Leben zu einem sanften Bilde zu machen, zu einem unvergeßlichen, immer gegenwärtigen, weil lebendiger Schmerz, weil lebendige Wonne, weil das wahre Leben einzig ist, nur augenblickliche Geltung hat, wie ein himmlisches Meteor im Herzen niederfällt – und nie wiederkehrt.

 

*

 

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