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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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XI.

 

Was, um ein Glück zu sein, geheim muß bleiben,
Das ist ein Unglück, wird es offenbar;
Das glauben tausend Wonnetrunkene nicht.

Der Apotheker Endenté hatte mit Recht in Aussicht gestellt, daß ein neuer Blitz Génévions niedergeschlagene Flammen zu unauslöschlichem Feuer entzünden würde. Die Liebenden lebten wie Selige voll von Genüge und Frieden, wie selten Menschen, weil sie nicht auf so rührende Weise, nicht nach Verlust aller Hoffnung aus dem tiefsten Schmerz zum höchsten Glück gelangen. Leicht Erworbenes, leicht Empfundenes wird leicht empfangen, leicht genossen, und so erscheint von seiner himmlischen Seite das Leid als Befähigung und Vorbereitung zur seelenerhebendsten Freude. Es konnte keinen dem Himmel dankbareren Menschen geben, als Goran; wenn der Wind vorüberrauschte ... wenn eine Wolke vorübereilte .... hörte und sah er es nur mit niegekannter Ehrfurcht und sprach: Weht nur und zieht! Ihr schafft das Gute! – O wüßtet ihr süß es nur auch wie ich!

Génévion hatte an ihrem besonderen Kleide und Putz mit Erschrecken bemerkt, was mit ihr geschehen sein müsse. Sie hatte Goran gefragt und er hatte schweigend sie an sein Herz gedrückt. Da war sie erblaßt, dann in Thränen ausgebrochen. Und so doppelt errettet, vom widerwärtigen Manne und vom elendesten Sterben, war sie ihm doppelt dankbar, wenn Liebe den Dank und Dank noch die reine schon volle Liebe vergrößern kann. Und fühlte sie zu Zeiten ein unbestimmtes Mißbehagen, so erlosch es, wie Wind im Blüthengesträuch, in dem Gelten und Walten der fast sie erdrückenden Wonne der Gegenwart.

Sobald ihr Brautkleid fertig war, fuhren sie zu einem alten Priester eines Dorfes in den Bergen, wohin nur selten eine Kunde von der Welt drang. Er traute sie unter ihren wahren Namen, als Adelige ohne Aufgebot, auf die mündlich gegebene Einwilligung der gegenwärtigen Mutter in die Ehe ihres Sohnes, und auf die von ganzem Herzen gegebene rührende Versicherung Génévions: ihr Vater habe sie beide verlobt. Alles, was Weltliches, vielleicht Schändliches und Schreckliches seitdem über sie verhängt worden, empfand und zählte die Liebe nicht; oder schlimmer sogar nur als Täuschung, Betrug. Und der fromme Greis, der ihre Liebe sah, und damit genug, alles vollauf zu dem elendesten oder glücklichsten Leben, und zum reinsten, süßesten Tode – gab ihnen seinen Segen.

Darauf führten die glücklichen Gatten daheim das alte französische Sprichwort auf: Zu einer wahren Hochzeit gehören nur Zwei. Und sie waren Drei, mit der Mutter, welcher der Priester mit Freuden gesagt, als er ihr den Trauschein übergeben: Er habe nie ein Paar getraut, das Gott wahrhafter zusammengefügt.

Frau von Goran hatte ihr Schloß ausgeboten, um mit ihren Kindern fortzuschiffen; Génévions Vater hatte geschrieben, daß er zu ihr kommen werde, um es zu besehen, weil er in diesen gefährlichen Zeiten unter einem Könige, der die lebendig treibenden Aeste des Volksbaumes absäge, um seinen gefährlichen Eigensinn darauf zu propfen, kein Richter mehr, am wenigsten Parlementspräsident sein, sondern sich in verdiente Ruhe zurückziehen wolle. – Wenn er also kam – o da konnte Génévion ihm des Lebens Freude wiedergeben. Aber er kam immer noch nicht, ob er gleich wohl war, wie sie zu ihrer Beruhigung wußten. Sie schienen sich und waren ja sicher.

In dieses erzwungengeduldige Harren und thätige Vorbereiten schrieb Madelon in einem Briefe mit Thränentropfenspuren, daß der liebe Gott sie am 27sten Nachts Punkt zwölf Uhr mit einem kleinen Töchterchen gesegnet oder gestraft. Welche Pein, schrieb sie, für eine Mutter, ohne die Hoffnung, einem geliebten Manne Freude zu machen! – Dabei lag ein großer Gevatterbrief, mit der Bitte nicht Pathe zu stehen, weil sie das Kind nicht taufen lassen könne, ohne vor der Welt zu Schanden zu werden. –

Darauf versorgten sie das gute, nur zu gute Mädchen mit allem Nöthigen und Angenehmen reichlich, um so weit es überhaupt möglich, ihr das für Goran gewagte Unternehmen zu belohnen, und darum schrieb Génévion unter Gorans Antwort mit eigener, Madelon wohlbekannter Hand, aus einem ihr wohlbekannten Sonnet gegen die Liebe, folgende Verse zum Verständniß:

                   

C'est un faux labyrinthe, où se perd la raison;
Un fruit qui n'a pour suc qu'un dangereux poison,
Un dur joug, dont le poids à la fin nous accable;
Un sepulchre,
où tout vif on est enseveli.

Und Madelon verstand, durch die frische Handschrift bezwungen, die Stelle: »Ein Grab, darin man ganz lebendig begraben liegt«; aber mit einem Schreck, der ihrem Kinde an der Brust verderblich ward. Als daher Madelon es ihnen gemeldet, daß ihr Töchterchen wieder gestorben sei, ach, zum letzten und zum ersten entsetzlichen Male! da beschloß Génévion sich heimlich in die Stadt zu ihr in der Mutter Haus zu wagen und vorsichtig zu Nacht dahin zu fahren, um ihrer Freundin wieder in ihrer größten Noth hülfreich und tröstlich beizustehen. – Das allerbeste Mitleid ist die Hülfe! sprach sie.

 

*

 

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