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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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X.

 

Des Menschen Wege sind wunderbar; die Natur
ist ein stehendes Wunder.

Als es Nacht geworden, machte Goran sich auf, steckte sich Gold von der Mutter ein, warf seinen Mantel um und antwortete Madelon auf die Frage: Wohin? lange nichts, sondern stand vor Herzklopfen still, regte sich nicht, und sah mit geöffneten Lippen, gespannten Augen und seitwärts gewendetem Kopfe sonderbar aus, wie ein Horchender, deutete ihr mit der Hand ganz ruhig zu sein; seufzte darauf tief aus der Brust, schlug die Augen nieder und antwortete ihr jetzt erst auf die in seiner Seele indeß fortklingende Frage: Hinaus zu Génévion! Du hast mir einen bittern Vorwurf gemacht, daß du mir erzählt, dir sei gewesen, als habe sie doch leise geblinkt, ob ich nicht käme, sie doch nur zu sehen. – Ich war zu betäubt diese Tage; ja ich sah sie immer vor Augen. Du hast mich erweckt! ... Dann gehe ich zur Mutter.

Und ganz ermannt, rüstig und eifrig schritt er hinaus in die Nacht, bis hinaus vor die Stadt, in die Einsamkeit. Sonst hatte er wol zu Zeiten den Kirchhof aus der Ferne gesehen mit seiner weißen Mauer und seinen darüber ragenden Grüften mit spitzen Dächern, wie eine Festung des Todes, aber – war sie ihn angegangen? und sie hatte nur weit, weit vor ihm gelegen, ganz unnöthig da; so wie Bewohner der Meeresküste da weit draußen am Horizont wie ein Wölkchen eine ganz unfruchtbare Insel sehen und wissen, wohin sie einmal hinüber fahren könnten, oder auch nicht, wenn für sie gar nichts mehr in der Stadt bei Menschen zu sehen, zu hören und zu schaffen wäre, vor bloßer langer Weile! – Jetzt als er die Mauern blinken sah, erschrak er, bestürzt vor der Wahrheit des Todes so mitten im Leben. Mehr mit Trotz, als Kühnheit oder Frechheit öffnete er das große Gitterthor und überblickte den kaltanschaudernden Steinacker der unter zerrissenen Wolken ihm unsicherer und haltloser schwebte, als die Wolken da droben in der Luft. Im Lichte der Sichel des Mondes war ihm, als streckten wunderliche Wesen ihre sonderbaren Arme und Köpfe und Rumpfe aus der Erde nach Hülfe zu allen Sternen empor; aber ohne Laut, so leise, daß er das Laub im Winde flüstern hörte, und wenn es schwieg, war die Einsamkeit, die Stille das Allererschrecklichste. Vor ihm und rechts hin an der Mauer wohnten lauter Todte – links ab, ferner aber hausete ein Lebendiger hier – der hier hausen und gebahren mußte, der Todtengräber; und seine Lampe schien durch die beiden kleinen Fenster daher, als wäre das kleine Haus ein hier lagerndes grünäugiges Ungeheuer, zu dem zwischen den grünschimmernden Hügeln seiner Opfer ein röthlich-dämmernder Fußsteig führte, wie zum Giftbaum.

Zu dem Schrecken der Wahrheit stürzte ihm dann der Jammer ins Herz, und beide ergossen sich ihm in die dumpf ausgestöhnte Klage: O Welt! du großes Leichenhaus voll Trauer! Du vielbeweinte Höhle, vielbeweint von jedem Schatten, der darin auftaucht und jene öden Todtenlampen sah, die Sterne heißen, aber Asche sind aus Thränen und aus Blut zusammengeballt! Ihr Schrecklichen, ihr Grausen, vor deren Scheine sich das Haar mir sträubt, vor deren Menge mir das Blut erstarrt, durch eure zahllos ungeheure Zahl bis zum Verstandverlieren erst entsetzlich! Nun habe ich euer Elend auch erfahren auf einem eures Gleichen, auf der Erde. O wäre nur die Erde ein Todtenhaus, nicht alle ihr; ihr alle nicht auf ewig; und wo man sich die leise Fahrt zum Tode, das eitle Leben, eitel so beschönigt: das ewige Kommen von Lebendigen, das ewige Blühen macht das ewige, das kurze Sterben halbverzeihlich und gleicht es aus! Nein, nein, das viele Kommen macht erst den Tod zum Welttyrannen recht, zum Herrn der Liebe und zum Schönheiträuber. Mit meiner Todten, Liebenden und Schönen, der Heißgeliebten kaltgebrochenem Auge vernichte ich aller Sonnen leuchtend Auge, vertilge sie wie Diamanten durch die Irrlichtflamme aus ihren Todtenbeinen auf ewig aus jedem Herzen. O wüßt' ich, wen diese schwarze hohle Gruft erfreut, wen solche stumm gemachte Pracht ergötzt, wer wäre das, du hohle Sternengruft! Wohlan, ich will für ihn die Schrecken fühlen, die Thränen weinen, will für ihn erstarren und träumen: Welch ein Paradies die Welt wäre ohne Tod! Ja, ja, dies große Leichenhaus ist recht der Prüfungsort der ewigen Liebe, ist recht der Ort, den Himmel zu erdenken und voll von Grausen sich die Seligkeit zu träumen – bis der Traum erstickt in Moder.

Wohlan, du Todtengräber, du lebendiger und doch unglaublicher Schakal, wahnsinnige Hyäne, die vom Einwühlen der Leichen lebt; du Todesknecht, der laut Gott dankt, je mehr er Leichen schickt; dem jeder nur ein hausgebacknes Brot ist; so wie des Zahnausreißers Frau den Mann ruft, und von dem schmerzensstummen Leider spricht: Komm' doch herein! ein Zahn ist da! – So komme! laß deine Schrecken sehen – ich bin gefaßt; so lange diese Todtenlampen flimmern, habe ich sie nicht gesehen, ich glühe vor Neugierde .... daß alle meine Glieder beben!

Er nahte sich dem Häuschen, bog von dem grünschimmernden Fenster die Weinblätter weg und sah in das kleine Stübchen. Darinnen saß auf einem alten Lehnstuhl ein blaßes krankes Mädchen halb im Schlafe; eine zahme Dohle saß hinten auf der Lehne, den Kopf unter dem Flügel; und vor ihr arbeitete still und traurig ein alter Mann. Er flocht aus Weidenruthen Körbe. Er sah manchmal bei der Arbeit auf, als würde sie ihm, so leicht sie war, doch blutsauer. – Er ging hinein, grüßte und sagte, die schlummernde Kranke schonend, leise dem Manne sein Verlangen, die Heutbegrabene zu sehen, seine nahe Anverwandte, zu deren Begräbniß er zu spät gekommen sei.

Der Alte sah ihn an. – Ein Dieb scheint Ihr nicht zu sein, sprach er dann; aber ...

Die Kranke schlug die Augen auf und ihr Leiden verstand das seine.

– Warum lügt Ihr denn? warf ihm der Alte vor.

– Der Gram ertäuscht sich schamroth gern auch seinen Wunsch, erwiderte Goran und legte ihm nur ein Goldstück hin, um durch Zuviel die Sache nicht zu wichtig zu machen.

– Ich will die Laterne anzünden, Vetter Verdagon! erbot sich die Kranke.

– Es ist zwar nicht verboten, aber auch nicht erlaubt, sprach Verdagon. Kommt morgen wieder, wenn Ihr nicht etwas Unerlaubtes wollt. Ehrlicher Leute Zeit, das ist der Tag.

Goran legte ihm stumm noch ein Goldstück hin.

– Vetter Verdagon, bat die Kranke, denkt doch, wie gern Ihr um Mitternacht aufstehen würdet und die große Laterne anzünden, wenn ich nun bald im Sarge liege und mein Freund käme, Euch zu bitten, mich noch einmal zu sehen!

– Den verbiete ich mir, weil er todt ist! versetzte Verdagon.

– So bedenkt Euch! Habe ich Euch, als ich zu schlafen schien, nicht seufzen gehört: Keine schwerere Arbeit in der Welt, als zum Begräbniß seiner Lieben das jammervolle Geld verdienen! Das Wort macht mir das Sterben schwer!

Goran legte ihm noch zwei Goldstücke hin.

– Nur darum, daß ich dich besser pflegen kann die letzte Zeit, du gutes Kind – und die Arbeit wird mir nur schwer, weil mir die Hände dazu versagen; sprach Verdagon und zündete die große Laterne an. Dann schritt er voraus; Goran aber gab dem Mädchen die Hand und sie sprach: Gott tröste Euch!

– Ich nehme das an! erwiderte ihr Goran mit Thränen im Auge. Lebt wohl!

– Sterbt wohl, müßt Ihr sagen, sprach sie zum Abschied; aber er war schon dem Verdagon gefolgt, der stumm nach der Gruft schritt, deren eiserne Gitterthür er öffnete, hineinging, die Laterne niedersetzte, aus dem durch einen Federdruck zu öffnenden Schränkchen an der Wand den neuesten Schlüssel nahm, ihn Goran, der noch auf der Eingangsstufen zögernd stand, mit den Worten gab: In einer halben Stunde hole ich die Laterne – ihn allein ließ und wieder zu seiner einsamen Kranken ging.

Goran war nun allein. Ihm war wie einem Trunkenen, der zum Lichte kommt; ihn schwindelte; er mußte durch die Finsterniß, die wie eine Wolke vor seiner Stirne hing, erst sehen lernen. Dann vermochte er an dem kupfernen Sarge zur Linken den goldenen Namen zu lesen: MÉNEHOULT .... und so wankte er zu dem Sarge zur Rechten, von dem ihn der Name GÉNÉVION anfunkelte und sich ihm schmerzlich in das Herz einbrannte.

Tausend solche Worte zu lesen, machte rasend, machte todt! sprach er halblaut. Er zögerte, das Schloß zu öffnen, als ob dann seine Geliebte nicht in dem Sarge läge, wenn er nicht aufmache! Endlich drückte er die Augen zu, schloß auf, hob den in Bändern gehenden Deckel zitternd auf und lehnte ihn an die Mauer. Dann kehrte er sich um und bebte, denn es donnerte leise, und ein Rauschen, eine unsichtbare Woge mit Wohlgerüchen der himmlischen Lüfte draußen strömte herein. Thränen der Furcht und der Ehrfurcht traten ihm in die Augen, denn er hörte: es webte da droben auch ein heiliges Leben! Und die Hand vor der Stirn, redete er sich Muth ein durch die Worte: Ein Mittel flüstert uns Verzweiflung zu: Laß Schönheit, Liebe, Jugend, Leben hin, hin, gib sie auf als doch ganz unaufhaltbar, ach, liebe nicht; hör' auf, nur auf: zu lieben – und auf der Stelle fällt dir Gram und Tod vom Herzen und du lächelst nur zur Welt voll Gräber; wie Sommerblumen mögen alle Sterne verblühen, der Sturm mag ihre Samenhäuser verwehen. – Du bist ein Mann, du liebst nicht! – O Herz, die Liebe ist die Qual der Welt! Sie ist der Folterknecht, das Gift des Todes.

So glaubte er gefaßt zu sein, wandte sich wieder um und sah seine Génévion im Sarge, ruhig, lächelnd, himmlisch. Und bei immer erstaunenderen unlosreißbaren Blicken auf ihre junge unverwandelte Gestalt, erhob er seine Hände höher und immer höher vor dem allergrößten Wunder der Welt, bis seine von Leid und Liebe überfüllte Brust einen herzzerreißenden schmerzlich-wonnigen Schrei ausstieß, worüber er lange verstummte, bis er sein Schicksal schwer beklagte: Soll ich in jene leeren weiten Tage zurückkehren, wo ich dich noch nicht gesehen, gefunden und zum höchsten Glück erworben! Wie soll ich wiederkehren, da ich dich besessen! o wie soll ich wieder werden, der ich nur einstens war, der Unbeglückte! Ich kann nicht mehr zurück – so wie die Rose nicht in die Knospe; wie das helle Feuer nicht in die Kohle, wie der ausgeflogene Adler nicht in sein Ei.

Endlich ward ihm so frei und wohl um das Herz, daß er nahe, ganz nahe zu ihr trat, und mit Kopfschütteln bewunderte er sie, lobte sie. Wie schön, wie schön! sprach er mit gedämpfter Stimme; so schön war sie mir nie, in solcher Würde und doch solchem Reiz! Ach, diese Füße sollen nicht mehr wandeln! diese Brust sich nicht mehr heben, von einem Himmel voller Athem nicht mehr einen frischen Trunk thun; diese Arme sollen nicht mehr umarmen, die Augen nicht mehr sehen .... und diese Lippen, ach! – – Und nun tadelte er den Tod. O Tod – so warf er ihm vor, indem er seine glühende Hand recht zärtlich auf die Stelle ihres Herzens legte – o Tod! Was hast du nun an diesem Engelsantlitz? Nur Staub! .... Und was hätte ich an ihm gehabt? Das Leben! In diesen Armen – Leben! An diesem Haare selbst, des Lebens Freude! – Und dich auch soll ich tadeln, dir Vorwürfe machen, o Génévion! Ach du, du schöne Lügnerin, du sprachst zu mir als letzten Trost im Scheiden: – und wäre ich todt und du, du kämest und du küßtest mich – flugs führe Himmelsfeuer in mich nieder aus deinem Kusse, und ich würde dir lebendig! – Wohlan, du schöne gute Lügnerin, ich will dich Lügen strafen!

Er neigte sich, er schwebte mit dem Antlitz über ihr und küßte sie. So ruhte er mit Stirn auf Stirn, mit Mund auf Mund, betäubt, beseligt, weltvergessen. Und so empfand er es nur wie im Traume, in welchem alles möglich wird und leicht geschieht, oder als seinen eigenen lebhaft ihn durchwallenden Wunsch: daß Génévions ganzes Gebild unter ihm zuckte, ein leises Rieseln sie rasch durchschauerte und tief aus dem Innern Gluth in alle ihre Glieder schoß, und so stark, daß sie bebte und zitterte bis in die Lippen. Wie Perlen im Wasser aufsteigen, quellen aus ihrer arbeitenden Brust auch leise Töne wie aus einem Schlafenden herauf, der im Traume redet; ihre Arme rangen sich frei, ihre Finger griffen in der Luft, und mit einem Gefühl des heiligsten Schreckens, der wonnigsten Furcht, und der alles, alles Wünschen und Hoffen himmelhoch übertreffenden Seligkeit hörte er wieder Génévions Stimme, wie sie aus Schlaf und Traum und Betäubung und Göttertod sich gewaltsam losringend mit geisterhafter Hast nun wieder in menschlichen Worten sprach:

– Er ist da! Er ist da! – Madelon, zu Goran, zu Goran! Wenn ich komme, vergibt er mir, ach, und Alles ist gut und Alles ist gut. Ich komme, ich komme!

Und mit zitternder Stimme sprach er zu ihr: Génévion, o meine Génévion! hörst du mich? höre mich: Alles ist gut! ach, Alles ist gut! Du bist da, du bist da! Du bist mein und keines andern Menschen mehr! Ich bin bei dir! Ich, dein Goran!

Sie fuhr auf und riß voll Gewalt ihn mit sich empor; sie saß, ihre Arme erdrückten ihn fast, und sie rief: O mein Goran!

Darauf verstummte sie an seinem Halse, und sie wäre zurückgesunken, wenn er sie nicht fest an seine Brust gedrückt; sie voll unsagbarer, fast erstickender Gefühle; er, voll einer Seligkeit, die selbst der Heiligste nicht im Himmel empfinden kann, denn da stirbt kein Mensch, keine Geliebte keinem Geliebten; da wacht keine Jungfrau keinem Jüngling vom Tode auf; diese überhimmlische Seligkeit ist nur den Sterblichen hier auf Erden gegeben, oder auf andern Sternen, und unter ganzen Geschlechtern nur wenigen vor allen, allen unaussprechlich Gesegneten.

Diese Worte sprach Goran nicht; seine Seele ließ sie vor heiligem Frieden ungebildet, aber seine Seele empfand ihren Inhalt, denn sie war selbst die Gesegnete.

Nach einer Zeit nur, die eine Ewigkeit aufwog, ja der beste Kern von aller Ewigkeit war, sagte er nur wieder: Meine Génévion, ich bin bei dir, du bist bei mir. Nun fort! fort!

Und ehe sie sich recht besonnen, verband er mit einem Tuche die Augen, damit sie, wo möglich, nicht erst merke, wo sie sei, und zeitlebens oft in der Erinnerung schaudere: wo sie gewesen sei! wer sie gewesen sei, oder habe sein sollen! – Er pries die Fügung, daß er nicht selbst jenen Abend nach Génévion gegangen sei, sondern Madelon. Denn noch viel eher würde sie vor ihm bis zu solcher Erstarrung erschrocken sein – auch er würde die ihm in den Armen Gestorbene nicht geraubt haben. – Zufrieden, daß er sie ja gesehen, würde er den Gang zu ihrer Gruft nicht gethan haben und unter den höchsten Schaudern der Welt, Schauder, denen die Verfluchung derselben verzeihlich erscheint, würde seine Génévion zu einer Todten sich gekämpft haben. Jetzt aber hob er sie, ja er riß sie fast aus dem Sarge und ließ sie einen Augenblick an das Gitter gelehnt, wie eine Blinde allein stehen, während er so rasch, als es die Geräuschlosigkeit erlaubte, den Sarg verschloß, den Schlüssel hinhing, die Laterne auslöschte und dann seine Errettete aus der Höhle des Todes die Stufen hinunter, und weit aus dem Thore des schauerlichen, ihm glücklichen Ortes trug, während er vor Nachhall der Angst vermeinte: Alle Weinenden trügen ihre Lieben wieder lebendig sich hinter ihm nach Hause! Und er eilte, bis er in ein wogendes Saatfeld die Theure von seinen Armen ließ, und die Wachtel schlug und die Sichel des Mondes strahlte von der Seite zur Erde herein, und droben prangten und flimmerten die Gestirne. Dort nahm er ihr das Tuch von den Augen, das sie fast unbewußt willig ertragen, breitete verborgen genug in der einsamen Nacht seinen Mantel unter, um auszuruhen, und sie ruhten an einander. Er hatte keinen Trunk Wasser für sie, aber sie schien nichts zu bedürfen, und Liebe und Glück bedürfen nichts als sich. Dann führte er sie langsam fort an den Strom, während sie nur einmal, noch aus jenem Abende sich dessen erinnernd, nach dem Kahne frug. Unterhalb der Brücke erlaubte er sich einen kleinen Fischerkahn mit einem Steine von seiner Kette zu schlagen; er führte sie hinein; er umhüllte sie mit dem Mantel, ergriff das Ruder und auf dem sanftschimmernden, sanft sie hintragenden Wasser, das heut für sie floß, heut für sie geschaffen war, fuhren sie unter leisem Geflüster nach seiner Mutter Schloß.

Er führte sie auf das Ufer, wo sie ihm unter den Händen einschlief; er lehnte sie an einen Olivenstamm, stieß dann den Kahn mit dem Ruder in den Strom, befahl sie Gott und ging, die Gelegenheit auszuspähen, um nun seine Braut verborgen zur Mutter zu bringen. Das Schloß seiner Tante war ihm nicht unbekannt; ein Licht im Halbgeschoß lockte ihn anzupochen; er rief auf gut Glück: Colinet! und der aus dem Schlafe ermunterte Wächter holte ihm seinen Diener.

– Sind Sie es? Gut, daß Sie kommen, sagte ihm Colinet, Ihre Frau Mutter war zu leidend, um zu Ihnen nach der Stadt zu fahren – und ihre Kammerjungfer hat auf das Wort im Testamente der gnädig verstorbenen Ménehoult, »ich vermache meiner Frau Schwägerin das besagte Schloß sammt Allem, was darin zu finden ist«, thöricht gesucht und zufällig gefunden; alte Goldstücke, von welchen die Gnädigverstorbene wol selbst nicht gewußt; und gewiß zählen und rollen sie beide jetzt in stiller Nacht das schöne Gold, um die Schmerzen damit zu verträumen, daß Sie so – – –

Goran unterbrach ihn vor Ungeduld und sagte ihm nur: Komm mit, Colinet! die Nacht ist kalt! Ich habe einen Schatz gefunden, der über alle Schätze ist.

Und so gingen sie beide zum Olivenbaume und führten halb und trugen halb Génévion in das Schloß. Sie pochten leise an die Thür der Mutter; sie riegelte auf, und Goran legte seine schöne Schläferin auf ihr Bett.

– Da lassen wir sie schlafen! sprach er. – Es ist Génévion, meine Mutter! es ist Génévion!

Die Mutter, noch mehr von dieser Rede erschreckt, als vom Sohne überrascht, nahm den Leuchter und beleuchtete das hingelegte Weib.

Sie sah und mußte glauben. Dann fiel sie dem Sohn in die Arme. Und erst als die Morgenröthe zu den Fenstern hereinleuchtete, hörten sie auf sich einander zu erzählen und zu berathen. Génévion und Goran sollten sich trauen lassen, stille Hochzeit feiern und dann nach Indien oder sonst wohin – nur fern von Toulouse gehen; zuvor aber sich als Eheleute dem trauernden Vater zeigen, dem guten Herrn von Lafaille, um seinen Schmerz in Freude zu verwandeln. Aber Alles heimlich, heimlich! Und ja Madelon, die treue Seele nicht zu vergessen!

 

*

 

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