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Génévion von Toulouse

Leopold Schefer: Génévion von Toulouse - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleGénévion von Toulouse
publisherF. A. Brockhaus
year1846
senderHerbert Niephaus
correctorreuters@abc.de
created20180528
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IX.

 

Süß ist Errettung,
Süß das Erretten –
Und ohne das Unheil
Wo wären sie Beide
Die himmlische Güte!
Die göttliche Freude!

Die Franzosen haben ein, aus sehr erhabenem Geiste in ihre Sprache gedrungenes Wort: »Das ist mir passirt,« Il s'est passé – (en moi) – les jours so passent; auch das schöne: il m'est arrivé (von ripa). es ist an mir vorübergegangen; auch: es ist mir an's Ufer geschwommen, um große und kleine, kurz alle Vorfälle im Leben damit zu bezeichnen, und sie besagen zugleich damit, daß sie selbst ein Ruhendes, Feststehendes, Bleibendes sind. Die Deutschen sagen, daß sie ein Eigenthum durch alles ihnen Passirte erworben, indem sie davon den Ausdruck gebrauchen: Es hat sich mir ereignet, es ist mir eigen geworden. So wird der Regen und der Sonnenschein der vorüberziehenden Sonne und Wolke das Eigenthum der Blume, das sie erquickt oder versengt.

So war dem noch immer nachkranken Goran ein tiefer Schmerz zu eigen geworden, da Madelon sein Erwachen abgewartet und ihm berichtet hatte: Ich bin unglücklich gewesen, Goran! Génévion ist verloren für dich; und empfinde ich weiblich recht, auf eine dir tröstlichere Weise. Du kannst doch ruhig, ja du kannst glücklich sein, denn sie liebt dich, liebte dich bis zum Tode – sie starb .... weil du lebst!

Bei ihren Worten, die sie ruhig vortrug, um nicht durch Leidenschaft und Rührung sein Leid, wie dadurch geschieht, erst recht zu entzünden, nahm er eine immer festere militärische Haltung an, und wie ein gemeiner Soldat auf die äußerste Kränkung nur gegen seinen Unteroffizier schon schweigen kann und schweigt, weil ihn die Unterordnung stark dazu gemacht hat; so mochte Goran diese Angewohnheit, gegen die Obern zu schweigen, jetzt auf das Schicksal anwenden, als gegen den Feldherrn der Welt. Solche Subordination unter ihr Worte und Geräthe aller Art gedachten die geistlichen Herren und ihre Orden dem Volke beizubringen. Aber umsonst. Denn Gott blies dem Menschen einen, also seinen lebendigen Odem ein und bläst ihn noch und wird ihn immer blasen, damit jeder Mensch ein Bild werde .... das Gott gleich sei. Goran aber kümmerte sich auch nicht, ob die Sonne heute aufgegangen sei, oder jemals wieder aufgehen werde, so wenig, wie um das Frühstück, das ihm hingesetzt war, wie das Honiggericht gestorbenen Griechen. Madelon machte sich Vorwürfe in der Seele, daß sie vor Bestürzung von ihrer Freundin entflohen, wie kleine Kinder, selbst Schwestern von ihrer ertrinkenden Schwester. Doch tröstete sie sich damit, daß ihr Gang für Génévions Glück unerläßlich gewesen, und daß sie noch auf der heimlichen Treppe gehört, wie der alte erschrockene Baron schon nach Hülfe geschrien habe. Nur ängstete sie der Zweifel, ob der zwar blinde und taube Mann nicht an dem Luftzug der geöffneten Thüre gemerkt haben und nun aussagen werde, daß eine Person im Muschelcabinet gewesen, ja daß ihn neben der kalten Hand ein paar warme Finger berührt hätten. Darum lag ihr das Aeußerste daran, daß kein Mensch erfahre: Goran sei wiedergekehrt. Denn alsdann würde man im Hause des abermaligen Witwers ihren Gang aus seiner Anwesenheit herleiten und Gott weiß wie, ihr auslegen. Deswegen freute sie sich jetzt darüber, was ihr vorher oft peinlich gewesen war, daß ihr alter Diener Remi nicht sprechen und auch nicht schreiben konnte, wobei ihm jedoch zum Gehorsam das Ohr genügte, und daß Colinet seinem Herrn so getreu war. Auch sah Goran ganz blaß aus und trug, statt seiner im Meere verdorbenen Uniform, die ihm sehr wohlstehenden Sonntagskleider des Sohnes seiner guten Wirthe und Pfleger, die er in der Noth von den armen Fischern hatte annehmen müssen. Nur daß seine Mutter Ogine nicht auch erschrecke, wenn ihr Sohn lebendig zu ihr komme, sandte sie Colinet hinaus auf ihr Schloß, das nicht allzuweit von der Stadt am Ufer der sanften Garonne lag. Wenn die Mutter den Diener wiedersah, konnte sein Wiedererscheinen ihrer Seele auch den Sohn wünschenswerth und begehrt machen, und eine Erzählung, die immer eins aus dem andern richtig und nothwendig entstehen läßt, leitet die Gefühle wach, doch gemäßigt an einer schwebenden sicheren Kette. Und die Mutter trug ja keine Schuld; und doch Génévion mußte gewiß auch der Schmerz überwältigt haben, den Goran um ihren Verlust ja empfinden müsse, gerade so heftig wie ihre Freude: er ist wieder da! Hatte sie ihn verloren, doch Er nicht sie, dann wäre sie wol ja nur an dem Gefühle langsam vergangen: Ich bin verloren! So aber hatte der vereinigte Schmerz wie ein Blitz sie getroffen: Er hat mich verloren! Die Liebenden fühlen sich in des Geliebten Seele. Zu Madelons Beruhigung wohnten sie in einem nachbarlosen Hause ganz allein. Obendrein verbrannte sie ihre feine schöne römische Maske, die sie im Hause vorgefunden und die chauve-souris, die sie einmal sich selber genäht hatte. Dadurch meinte und wünschte sie ihren unglücklichen Gang auch auszurotten und ungeschehen zu machen.

Ehe sie es gemerkt, ward Abend über ihnen; Trauertage scheinen wie Regentage eine Ewigkeit zu dauern, und führen doch für die Leidenden den Segen mit, daß sie geschwind vergehen, wie die Jahre der Alten; weil Leidende, Kranke und Alte nur eines oder weniges fühlen und denken; Kindern dagegen und Reisenden dauert ein Jahr unendlich lang und weit und breit, weil ihnen tausend Dinge die Tage und Stunden mit Neuem besetzen und gleichsam bevölkern.

Am zweiten Tage hatte Madelon den Schreck, daß ein Wagen vor ihrer Thür hielt und, wie sie durch die Jalousien sah, Herr von Boissieux, in große Trauer gekleidet, aus dem Kutschenschlage sah, sich anmelden ließ, aber gleich selbst dem Diener nach, die Treppe herauf nach ihrem Zimmer kam. Sie eilte Goran zu verschließen, ob er gleich so spät am Vormittage noch schlief, behielt den abgezogenen Schlüssel am Zeige- und Mittelfinger, und hatte Alles gethan, ehe Boissieux eintrat.

Er blieb lange stumm in dem dargebotenen Stuhl sitzen, so daß Madelon ganz angst ward. Zuletzt sprach er nur: Es wäre nun doch eins! ladete dann seine Schwester Ogine .... die Frau von Goran .... zum feierlichen Leichenbegängniß auf morgen Abend, und bat sehr um die Ehre. Sie könne sich dabei eben recht ausweinen und sich trösten .... Wenn Freund und Feinde sterben, das gleicht die Welt aus, schloß er; was wir früher oder später selbst müssen, das können wir uns, nach oder vor uns, an Andern gefallen lassen.

Madelon versprach noch einen Boten an Frau von Goran zu schicken, ob sie gleich schon von seinem Unglück benachrichtigt sei und die gute Génévion gewiß mehr beweine, als er sich vorstelle.

– Mein Herz befähigt mich das größte Leid mir vorzustellen.

– Ach, leider kann ein Glück recht bitter erst uns kränken; sprach sie unbesonnen, an der Mutter Glück durch Gorans Leben und ihr Leid über seiner Génévion Tod gedenkend.

– Ein Glück? o gäbe es, käme mir noch eins! doch ich verstehe keins, sprach er und ward im Herzen der Meinung, nunmehr Recht und Niemanden Unrecht gethan zu haben, indem er selbst das Leid für jeden andern Gemahl Génévions übernommen. So schied er, während Goran von innen an die Thür schlug, zum Glück jedoch, ohne zu rufen.

Madelon aber sah erst, wie der Bediente drunten aus einem langen Register dem Kutscher befahl, wohin er nun fahren solle. Dann öffnete sie Goran und sagte ihm: Er ladet die ganze Stadt ein, um Allen recht einzuprägen, Génévion sei sein Weib gewesen und Er sei wirklich der Witwer von ihr – damit ihr Vater unfehlbar ihm auch ihre verbriefte große Mitgift auszahlen müsse! O welche Schalkheit in der Trauer auch! Er macht sogar noch Pfeile aus dem Sarge, ja aus den Todten – als wären sie nur Holz!

– Mag er zu seinem Troste! sprach Goran; ich habe eine Inschrift über ein Kirchhofthor gelesen, die ausrief: Wohl dem der schlafen kann. Wozu soll ich aufstehen? Ich bin nicht zum Tode müde, sondern vom Tode. Leiden machen nicht müde; sie sind die Müdigkeit selbst. Mein Tag ist schon am Morgen ganz wie aus.

– Fragst du nicht nach der Mutter?

– Ist sie gekommen?

– Noch nicht.

– So wird sie kommen oder nicht. Sie weiß ja –

– Was du leidest!

– Ich auch.

– Wenn sie dich tröstet, ja nur dich beklagt, so weißt du doch, daß Jemand Theures dich noch liebt.

– Ein Jeder liebt uns anders, Madelon! Wir lieben Jeden anders! Es ist alles einzig in der Welt. Die Menschen haben alle nicht so vieles. Das Wenige ist ihnen alles. Das Eine war das Meine und das Höchste. – Die armen Leute alle, denen je ein Herz gestorben ist! Die vielen Tausend bin Ich, der Eine, jetzo ganz allein und ganz genüglich! Keiner litt je mehr.

So sprach er, setzte sich und blieb so ruhig. Seine Nachkrankheit hatte sich, wie ein Bach in einen großen Strom, in den Lebensstrom ergossen und seinen Namen angenommen. Schon in der Dämmerung flog seine Seele gleichsam wie die Vögel zu Walde und er ging schlafen. Madelon aber schlich sich fort, um noch einmal ihre Freundin Génévion auf dem Paradebett zu sehen, wohin das Volk strömte.

Als am Tage darauf nun das Glockengeläute ausbrach, zum Zeichen, daß der Sarg erhoben werde, brachen auch ihre Thränen aus, und sie konnte es nicht über das Herz bringen, ihrem Goran, gleichsam im Namen und Auftrage Génévions zu sagen, wie schön sie im Sarge gelegen, wie ruhig erwartevoll der Dinge, die da kommen sollten. Es sei ihr immer gewesen, als erhebe sie ganz heimlich, ganz wenig ein Augenlid, um zu erspähen, ob denn wirklich ihr Goran nicht gekommen sei, um sie doch noch einmal zu sehen; da sie ihn aber nirgend wahrgenommen, habe sie das Augenlid wieder geschlossen, und habe wie ein Engel gelächelt. – Jetzt sei auch der Sarg verschlossen.

Und hinter den Jalousien sah er dann den Zug zur Gruft hinaus auf den Kirchhof vorüber schweben. Die Schwarzvermummten alle bedeuteten ihm nichts; aber mit brennenden Blicken durchbohrte er gleichsam den Sarg, so lange er drunten an ihm vorüber schwebte; eine kurze Minute nur auch – dann draußen, gerade wie er hinter zwei spät blühenden Bäumen verborgen war, kniete er nieder, um seine Geliebte sich hinter den Blüthen verschwinden zu lassen, im Geiste sie immer hinter Blüthen zu erblicken. So kniete er noch, den Kopf auf dem Stuhle, als der Zug auch endlich wieder nach Hause trappelte und die Wagen dumpf vorüber rollten.

Er hatte eine Hoffnung gefaßt –: Génévion wiederzusehen, und er freute sich darauf wie ein Kind, als wenn sie sich freuen würde!

 

*

 

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