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Glossen

Emil Gött: Glossen - Kapitel 3
Quellenangabe
typegloss
booktitleGesammelte Werke Band 1
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleGlossen
pages66
created20120215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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(Aus einem Reisebericht)

Engadin! – Aber es war nicht das ›terra fina, Engadina‹, das mich anlockte, sondern die Macht seines Aufklanges kam von einem Hauch und Schimmer andrer Art, der sich für mich darüber gelegt, herfließend von einer menschlich-übermenschlichen Gestalt, der diese Landschaft eine Art Heimat gewesen!

Dort oben hat der Verlorene, den man erst finden muß – aber auch finden wird – da oben hat er in den tiefsten seiner Wehen seine tiefsten Bücher geboren, der Welt geschenkt, wie man die heiße Schmerzensarbeit der Mütter schön tauft. Diese Wiege seiner Gesänge, dieses Schlachtfeld seiner Verzweiflungen, diese via triumphalis seiner Siege, diesen Tempel seiner Andachten, in dem zuletzt auch die Rache schwieg – dies wollte ich einmal mit eigenem Auge sehen, mit des Gottes voller Brust durchmessen und tief in mich einprägen, wie man es mit einem Heiligtume tut, sei es nun ein Gnadenort oder – das Stübchen der Geliebten. Ich glaubte förmlich noch von den Bergwänden und aus den Spiegeln der Seen etwas von seinem Blicke in mich saugen zu können, der darauf geruht, und zwischen den hallenden Felsen mußte noch sein Schritt umgehn. Und wie würde ich ihn dann erst verstehn, in tausend bisher undurchdrungenen Heimlichkeiten, die er so nur mir gesagt!

 


 

Nietzsches Übermensch, der vielverspottete, er kam nur ein bischen zu heiß, zu weißglühend aus der rauchenden und hallenden Esse: wenn wir den Verkühlten betrachten, so ist es nichts anderes als in Wirklichkeit das, was wir alle sein, und in Ermanglung davon scheinen wollen: der anständige Mensch, an dem man, und schließlich auch ein Gott, seine Freude haben könnte.

 


 

»Wenn Sie sich mit Nietzsche beschäftigen, kennen Sie auch den andern, der die gleichen Gedanken gehabt hat; – es soll ein armer Schullehrer gewesen sein?«

Armer Schullehrer! Was war Nietzsche anders? Und selbst wenn ein Zweiter schon oder gleichzeitig ähnlich gedacht hat – diese Gedanken liegen ja über der reiferen Menschheit in der Luft – wo bleibt dann aber das gewaltige, reiche, selig-unselige Innenleben dieses Mannes, die Umfänglichkeit, Tiefe, Zartheit und Farbenpracht seiner Seele, als deren eine Blüte sein unbeschreiblich großer Stil dasteht? Jenes Leben, das bald in naiver Selbstfreude, bald schämig versteckt und umschrieben, aus tausend Stellen hervorleuchtet, die keiner erdachte, der es nicht lebte.

 


 

Nietzsche ist für mich in einer, in seiner besondern Art der Typus des ewigen, wie des modernen Menschengeistes. Als dieser rastlose Geist, ausgerüstet mit den verhängnisvollen Gaben eines überaus hellen, immer wachen Verstandes, einer unbeirrbaren, durch nichts, auch durch keine Seligkeit käuflichen Redlichkeit vor sich selbst und eines leidenschaftlich fordernden Hungers nach Schönheit, muß er bei seinem Eintritt in die Welt zunächst zerstörend wirken, auf die Welt und sich selbst:

›Ja! ich weiß, woher ich stamme . . .‹

Aber es sind nicht nur verzehrende Kräfte in ihm tätig, sondern auch bauende, und er kann sich ihnen so wenig entziehen wie jenen; sie schützen ihn davor, in Ekel und Verzweiflung zu enden, und er hebt mit feurigen Armen das tausendfach verlorene Leben in ein schöneres, höheres, helleres, heißeres Dasein empor – etwas zu hoch und hell und heiß, als daß es dem gewöhnlichen Sterblichen erreichbar und begehrlich schiene.

Sein Hochflug wird ihm selber verhängnisvoll. Und es ist so: Alles, was er geschaut, gesagt und gesungen hat, ist vernünftig, wahr und gut – aber er hat nicht alles geschaut, gesagt und gesungen, was vernünftig, wahr und gut ist, und dadurch wird das Seinige aphoristisch, brüchig, chaotisch. Es bedarf der Ergänzung, Erfüllung. Seiner Höhe bewußt und der Niedrigkeit ansichtig, entfernte er sich mehr und mehr in seine lichten Wolken und verlor den Zusammenhang mit dem Volke, mit seinem Volke, mit dem Weibe, mit seinem Weibe (das er nicht fand) und mit der Erde, seiner Erde, die er doch so sehr liebte, über alle Himmel setzte, alle Himmel in sie setzte.

Er lehrte den Übermenschen, für den der Mensch sein soll, was der Affe für den Menschen: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham, er lehrte ihn in den feinsten und geheimsten Zügen, aber – er vergaß dem Übermanne das Überweib zu gesellen, und ohne die Erhebung des Weibes wird auch der Mensch sich nicht erheben; er wird nur aus dem Leben herausfallen.

Und er rief den Menschen zu, die er erziehen wollte: ›Was, Vaterland – Kinderland!‹ aber er vergaß, daß, damit Kinderland werde, Vaterland sein oder gewesen sein muß. So fiel er aus seinem Volke heraus, dessen Kraft und Größentrieb er verkannte. Und er, der durch Schopenhauer gegangen war und das principium individuationis, das Gewebe der Vielspältelung der Dinge, durchschaut haben mußte, vereinzelte sich und übersah, daß – gleich wie die Biene kein lebendiges Wesen ist, sondern der ganze Bien, ohne den sie in wenigen Tagen verloren wäre – daß so auch der einzelne Mensch nur ein ephemere Scheinexistenz hat, und sie, selbst in seiner höchsten Vereinzelung (wie er sie als Erbe einer unendlichen Generation erworben hätte), nur durch die tatsächliche, ob auch geleugnete Zusammengehörigkeit, durch die unlösbare Verknüpfung mit der Gesamtheit behauptet; er kann höchstens sie wegwerfen, freiwillig ihr entsterben, aber nicht leben ohne sie.

Freilich, über dem Volke steht die Menschheit, aber man setzt das höhere Stockwerk nicht vor dem niederen. Das Volk, und gar erst das, was wir Menschheit nennen, bildet eine Pyramide von notwendig ungeheurer Basis. Von der Spitze, die nur ein Punkt sein kann, bis zum letzten Quader der Basis bildet sie ein ununterbrochenes, von Leben durchflutetes Ganzes, in dem das Untere das Obere trägt; und wenn es still in sich hineinfühlt, so wird auch das Oberste, so leicht es sich macht, spüren, daß es von dem Ganzen getragen wird. Dafür kann aber das Ganze bis tief hinunter in die untersten Schichten beanspruchen, daß es etwas von dem Glück des Obersten zu sich herabströmen fühle. Es will des Hochgefühls teilhaftig werden, zu dem es mit breitem, geduldigem Rücken das Eine emporhebt.

 

*

 

(Aus einem Reisebericht)

1.

Ich will dem Österreicher die öffentliche Liebeserklärung machen, daß er für mich der liebenswürdigste deutsche Stamm ist. Von keinem andern habe ich so vielseitige und fast ungeteilt gute Eindrücke genossen, wie von ihm; ich kenne ihn freilich nur aus den Alpenländern und in den produktiven Schichten. Ich habe zugleich so gute Begriffe von ihm, daß ich immer ungläubig den Kopf schüttle, wenn ich Ungünstiges von ihm höre, z. B. Prügeleien und andere Mandeln im Reichsrate, oder wenn ich an seine elenden und ungeschickten Regierungen denke und seine tiefe Verpfaffung. Und es kommt mir immer vor, als ob hier etwas zu Herrlichem Berufenes mit häßlichen, unglücklichen Schorfen bedeckt sei, die aber eines Tages, in einem gesunden Bade und unter der neu springenden Fülle des eignen Blutes, sich losschälen und den schönsten Typ des Deutschen in weißer und rosiger Haut zeigen werden. Daher geht mir der Atem ein wenig aufgeregt und es knistert mir etwas gegen die Augen, wenn ich diesen Strand betrete – ›das Land der Deutschen mit der Seele suchend‹.

 


 

2.

Uns hob ein kräftiges, freudiges Gefühl die Brust, daß wir Deutsche seien, einem Staate angehörten, der ungeschützt, noch ungeliebt, viel gehaßt und noch mehr gefürchtet, mitten im Kampfe der Zeit und in deren Vorkampf stehe, von allen Seiten bedroht und gefährdet, und wo die freie Lust nicht zur Triebkraft reicht, so gezwungen, sich zu recken und zu strecken. Einen Gruß seiner Not, seiner heiligen Not! Bei Gott: würde der Himmel, oder überhaupt das Glück einer Existenz verzapft wie Freibier, er steckte schon lange so voll von Gesindel, daß kein anständiger Mensch mehr hineinginge.

Also wohlauf, junges Deutschland! und wenn das Christentum von dir verlangt, deine Feinde zu lieben, so unterstreiche ich dies und sage: Und einen Gruß der Not überhaupt, der heiligen, dunkeln, schrecklichen Freundin des Menschen.

Ja! Jede deiner Nöte, hab sie lieb – zum Fressen! Die Not, jede Not ist etwas Seltsames: sie nährt sich von uns, und je mehr wir ihr zu fressen geben von uns, desto verheerender weidet sie, die gemästete, ewig hohl bleibende. Packt man sie aber weidlich an, brechen wir sie und kraspeln sie zusammen wie eine Brezel, so blühen wir von ihr. Und Frucht steckt in diesem Bluste.

Alles Steigen besteht in diesem Niederzwingen von Trägheit, im Verlassen der gemächlichen Plattheit, im Untersichschaffen von Tiefe, im Überwinden von Schwere. Im Spiel, wo wir es gewöhnlich tun, ist es eine Lust, die das einfache Bedürfnis nach Erholung vom – Sitzen und Schleichen zu solch ungeheuerlichen Strapazen an Leib und Seele verlockt.

Machen wir nun aber auch aus den höheren Nöten des Lebens eine solche Tugend, die uns vom Sitzen, Liegen, Schleichen auftreibt und hochführt. Denn wenn wir schon leben müssen, so müssen wir diesem Leben – wann und wo sie sich nicht von selbst bietet, und das tut sie nie! – eine Form aufzwingen, in der es sich verlohnt, es auch leben zu wollen. Das gibt natürlich so lange Krieg, bis wir es zur Versöhnung zwischen dem gebracht haben, was wir beanspruchen, und dem, was das Leben uns gewährt.

In diesem Kriege setzt es Haare und Häute. Aber was kümmert sich die Schlange um den Verlust ihrer alten Haut, wenn eine neue unter deren Fetzen schimmert? So ist jede unserer Enttäuschungen nur eine Aufhellung, jede Bescheidung ein Gewinn. Verloren geht nur das Uneigne, und das Unsrige findet sich zusammen.

 


 

Und gib uns unsere (lebens-)tägliche Not! – Wer die deutschen Stämme gewaltsam einigen wollte, kennt das deutsche Volk nicht; der Fürst aber, der sich dem natürlichen Zusammenzug der Nation, ihrer Stählung und Schmeidigung, durch Setzung eines kraftvollen Überfürsten-Kaisertums widersetzt, ist ein Verbrecher gegen das keimende höhere Leben seines Volkes und gehört vom Throne gerissen.

Es ergibt sich hieraus ein sonderbares Verhältnis zwischen Fürst und Stamm, und ein neues Fürstenideal. Der Stamm – das ist echt und naturdeutsch – darf die Tendenz zur Behauptung seiner Eigenart haben; sein Fürst aber soll der weise Vermittler zwischen diesem Zuge und dem Ganzen sein, und der Führer seiner Herde zur großen Gemeinschaft. So findet er das Recht und das Glück seiner Existenz.

Man kann sagen, daß in diesem Worte die Tätigkeit eines deutschen Fürsten summiert worden ist, der dadurch dem deutschen Volke unvergessen bleiben wird: es ist der erste Paladin des Kaisers, der Großherzog Friedrich von Baden. Ist er auch nicht der größte und reichste deutsche Fürst, so ist er doch der erste.

 


 

Ein Mensch ist so groß, wie die größte Tat, die ihm gelang. Mag der Berg von seinem Scheitel über Schultern und Flanken noch so jäh abfallen, so hoch jener reicht, so hoch wird er gemessen. Und so bei einem großen Manne: er muß ansteigen aus Tälern, aus Niedrigkeit und Plattheit und sich wieder zu ihr senken; dazwischen aber türmt sich seine Höhe. Auch im größten Leben wird die Gelegenheit, erhaben zu sein, und Erhabenes zu tun, einen verschwindenden Raum einnehmen gegen den breiten Fuß, mit dem er in der Gewöhnlichkeit des Alltags und der Geschäfte steht. Aber die Größe, die er im entscheidenden Momente bewährte, steht ragend da und erscheint erst voll in einiger Entfernung, in Zeit und Raum, wo die Umgebung verschwunden ist.

Bismarck!

 


 

Bismarck konnte beten und Champagner trinken, liebte ein Weib und sah seinen Weizen blühn, war ein Preuße und bekümmerte sich nicht um die deutschen Dinge; so wuchs er, einen Riesenwillen auf das Nächste und Mögliche beschränkend.

Beten und Champagnertrinken, die Schwarzrotgoldnen als Narren, die vom 18. März als »Verbrecher« ansehen – das gab Standpunkt! von dem er übrigens mit bewunderungswürdiger Klarheit um sich und vor sich sah. Nein, er brauchte nicht einmal zu sehen: fest stehen genügt; das andre kommt entgegen.

 


 

Ich hörte nie ein falscheres Wort über Bismarck, als das irgendeinem ersten Urheber vielfach nachgesprochene: »Wäre er nicht vom Erfolg gekrönt gewesen, so wäre er uns ein Schurke (oder sonst so etwas); er ist nichts als ein vom Glück begünstigter Abenteurer.«

Wer das aufgebracht hat, kennt weder Bismarck noch das deutsche Volk. Ich glaube, er wäre uns nur noch ehrwürdiger; bereitwillig würden wir sein großes Wollen anerkennen, und mit frommer Trauer beugten wir uns unter dem Unheil, das er über uns gebracht.

Oder sind uns Sickingen, Hutten, Wendel Hitzler und Genossen, ja selbst Hecker und Struve, Schurken und Abenteurer? Sie haben vor ihm nach dieser Hinsicht den seltsamen Vorzug, daß ihre Unternehmungen scheiterten, sie also keine Enttäuschungen zu erwarten hatten; während sein Unglück war, in den seinigen Glück zu haben, was die Deutschen bisher an ihren großen Männern nicht gewohnt waren.

Man ist ihnen schon nicht mehr groß, wenn man Glück hat; Pech gehört zur Größe, man nennt es aber dann nicht Pech, sondern Tragik. Noch weniger aber rechnen sie zur Größe, wenn ein Mann nur unternimmt, was ihm glücken muß; denn wieviel Blick und Kraft dazu gehört, zumal für einen Großen und Schweren, dem alle Dinge klein und leicht erscheinen, sich nicht zu vergreifen: das lassen sich diese platten Träumer nicht träumen.

Und das waren sie nicht gewohnt, bis dahin nicht, daß da einmal ein Deutscher kommt, in deutschen Dingen, nicht zu früh, nicht zu spät, zur rechten Zeit, am rechten Ort; wohl mit knapp zulänglichen, doch nicht unzulänglichen Mitteln (was sonst auch erbdeutsch ist), nicht mehr angreift, als er bezwingen, nicht mehr besetzt, als er beherrschen kann; den Mund nicht voller nimmt, als seine Faust zu beweisen vermag, und obendrein nicht einmal besser und größer zu erscheinen sich die Mühe gibt, als er wirklich ist – das ist dem Deutschen so neu, so ungewohnt, so undeutsch, so ungroßmenschlich, so infam vorgekommen, daß alle, in welche dieser neudeutschpreußische Geist nicht mit einfuhr, ihn und sein Werk selbst hassen und verächtlich finden mußten, – wozu noch kommt, daß er dieses Werk nicht weiter gebracht hat, als er nach seinen Mitteln imstande war.

Ich aber finde ihn ehrwürdig in der gesunden Robustheit seines Wesens und setze ihm eine Säule unter den kühnsten und größten Revolutionären, Emporwirkern der Menschheit, die irgendwo zu verehren sind. Er hatte den Mut und die Kraft, in einem Volke voll falscher und fauler Ideale eine Realität aufzurichten, und angesichts einer feindlichen Welt durchzusetzen. Und wenn ihm die Weihe des Pechs – Verzeihung: der Tragik – fehlte, so umblühte doch seine Stirne, und wird seinen Namen immer reicherumblühen: die staunende Bewunderung und Ehrfurcht aller Völker der Erde, und – der Haß alles Kleinen und Schlechten und Ohnmächtigen in seinem Volke und darüber hinaus!

 

*

 

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