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Glossen

Emil Gött: Glossen - Kapitel 2
Quellenangabe
typegloss
booktitleGesammelte Werke Band 1
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleGlossen
pages66
created20120215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein Leben glich bis heute einer Schachpartie, die ich mit einem plumpen Gegner spielte. Keinen Zug konnte ich tun, ohne daß er mir wegnahm, was er nehmen konnte – ohne eigenen Plan und ohne einen solchen bei mir zu erkennen. Und mir, dem es nicht auf das Gewinnen, sondern auf den schwermütigen Reiz des feinen Spiels ankam, war es nicht möglich, auf seine Spielart einzugehen; ich ließ ihm seine Figuren, und nahm sie im selben Grade weniger, als ich sie bequem schlagen konnte. Er aber hüpfte raublustig in meinem Spiel umher, auf meine Art bauend, und sie für unbegreifliche Dummheit haltend. So konnte ich keine Partie gewinnen, und zornig stieß ich mehr als einmal das Brett um.

 


 

Einst, wenn sich jemand empfindlich, aber unabsichtlich gegen mich vergangen hatte, gewöhnte ich mir an, seine Gründe als für ihn und seine Tat maßgebend zu betrachten und nur zu sagen: er tut so! Und ich zürnte ihm so wenig wie der Tischkante, an der ich mich stieß.

Später, als ich darin eine genügende Sicherheit hatte, die mich vor unzähligem Ärger bewahrte und meine Seelenkräfte schonte, gewöhnte ich mir an, wenn sich jemand absichtlich oder doch bewußt gegen mich verging, sofort zu denken: er ist so! Also kann er nicht anders und ist genug durch die Freudlosigkeit seines Wesens und damit gestraft, daß ich ihn nicht lieben kann. Ich lernte noch mehr verzeihen und betrachtete es als die breiteste Grundlage meiner Seelenruhe.

Noch später aber, und es ist noch nicht lange her, lernte ich das Dritte und Schwerste: zu mir selbst zu sagen: ich bin so! – Nur daß ich mich hier mit dem bloßen Verzeihen nicht zufrieden gebe, sondern der heiße Wunsch aufquillt, anders und besser zu werden und mir nicht mehr zu verzeihen zu brauchen.

 


 

Ich halte dafür, daß es der größten Fehler einer ist, den wir Menschen begehen, daß wir wohl die Vorzüge eines sogenannten geliebten Menschen eifrig einheimsen, seine unlieben Eigenheiten und Leidenschaften aber unwillig behandeln, so notwendige Ergänzungen und Erholungen von jenen sie auch sein mögen; wo wir doch an uns selbst reichlich Gelegenheit hätten, die Gemischtheit unserer Naturen zu erkennen. – Wir können gar nicht genug des Bösen am andern mit gutheißender Geduld ertragen, und erst durch das Maß, das wir in dieser göttlichen Seelenarbeit aufbringen – göttlich nenn ich sie, denn wieviel duldet Gott an uns! – bewähren wir unsere sonst nur vorgegebene Liebe.

Von der Grundlage eines notdürftig erhellten Persönlichkeitsgefühls aus lernen wir langsam und mangelhaft die Welt und die Menschen um uns kennen; sind wir, soweit es möglich ist, damit fertig, so wenden wir uns von der mangelhaft erkannten Welt wieder uns zu und lernen nun auf etwas breiterer Grundlage uns selbst besser kennen. Nun aber werden wir mit einer heller brennenden Ampel noch einmal in unsere Welt hineinleuchten, und vieles wird uns anders und noch mehr neu vorkommen; ja, wenn die jugendliche Elastik des Geistes auch dann noch anhält, wird es uns selbst noch einmal am stärksten ändern. In einem ganz schönen Menschenleben dürfte die Grenze dieser Jugendlichkeit nicht zu fern dem Grabe gezogen sein.

 


 

Ich weiß, man sollte keinen fehlerhaften oder unschönen Baum pflanzen, aus zwanzig Gründen nicht, die ich alle sehr gut kenne. Gleichwohl stehen alle schlechten Bäume, die ich doch setzte, aus guten Gründen; vorab aus guten Gründen gegenüber den tadellosen Bäumen, die in den Gärten meiner Kritiker auch nicht stehen. Mancher entschuldigt sich mit dem Mangel eines Gartens, in dem er nur gute Bäume haben würde. Dem Manne könnte ein böser Streich gespielt werden durch Schenkung eines Gartens.

 


 

Wenn irgend etwas überhaupt gegen Krankheit, gegen Schwachsein geltend gemacht werden kann, so ist es, daß in ihm der eigentliche Heilinstinkt, der Wehr- und Waffeninstinkt im Menschen mürbe gemacht wird. Man weiß von nichts loszukommen, man weiß mit nichts fertig zu werden, man weiß nichts zurückzustoßen – alles verletzt, Mensch und Dinge kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief, die Erinnerung ist eine eiternde Wunde, Krankheit ist selbst eine Art Ressentiment.

 


 

Eine förmliche Atmosphäre hat der Lebenswille, die Lebensnot und die Lebenskunst des Menschen um die Erde gebreitet, dicht, schwül, schwer, undurchdringlich, einem Metalle in Geistform vergleichbar; aber es läßt sich in ihr atmen und – besonders über ihr – jauchzen. Sie menschelt so, die Erde, daß ich wahrhaftig kein andres Vieh mehr sein möchte. Bei Gott, schrecklich müssen wir doch – unser Ungeziefer ungerechnet – jedem andern Wesen vorkommen. Dies denke ich manchmal in der unangenehmsten Form, wenn ich, die Peitsche in der Hand, vor ein paar Ochsen herschreite und sie anhuohen muß und ihr stierer Blick mich trifft.

 


 

Der Bauer verwächst mit seiner Scholle. – So beweglich die Füße des Menschen sind, und wie geschaffen, um hurtig über die ganze Erde zu laufen, laß dich nicht täuschen: wo er wirklich Halt macht, schlägt er Wurzel, und irgendwo will er es tun. Ja, seine Beweglichkeit dient ihm nur dazu, nach einem Wurzelgrund zu laufen. Ganz unstät ist nur der Kranke, der nirgends mehr leben kann und noch nirgends sterben will; seine Wurzelkraft ist dahin. Wer aber einmal festgewurzelt ist – fest wurzelt aber nur der Bauer, weil er den Boden überspinnt – verwächst nicht nur mit dem Standort, sondern seine Seele nimmt auch Eigenschaften an, die wir sonst nur den Pflanzen zuerkennen: er lernt Geduld haben, am Platz verharren, jeder Not trotzen, ja die Wurzeln nur um so tiefer treiben, je bedrohter sein Standort ist.

 


 

Das Endergebnis aller Erkenntnisarbeit des Mannes wird sein – was ein gesundes Weib von Anfang an empfunden hat. Aber trotzdem schadet auch ihr die Durchleuchtung ihrer Empfindungswelt durch das Gehirn nicht, sondern macht sie um so schöner. Sie empfindet nun im Lichte und fühlt in Farben, wie vorher im Dunkel; so als Mensch, wie zuvor als Tier.

Die Erkenntnis baut der Empfindung – oder sagen wir: der Mann baut dem Weibe die Welt schöner auf, als es in bloßer, blinder Empfindung vermöchte; ja man muß sagen: was nur empfindet, empfindet auch nicht. Das eine weckt das andere. Daher hat auch der bloß erkennende Mann, der das Erkannte nicht in echte Empfindung bringt, so wenig von der nur erkannten Welt, als das Weib von der nur empfundenen. Sie sind sich beide zum Weltgenuß so nötig wie zur Weiterschöpfung des Menschen. »Kindlein, liebet einander!«

 


 

Es gibt zwischen Mann und Frau eine Berührung, die alle Formen der schönsten Bewegung, in denen Liebende den Sturm ihrer Gefühle auszudrücken wissen, und alle deren Wonnen in sich schließt: es ist die Nichtberührung. Reglos halten sie vor einander, die Augen glänzen wohl, aber sie fordern nichts und geben nicht zuviel, das Gespräch ist belebt und geht gern über hohe und ferne, tiefe und starke Dinge – und nichts verrät das Brausen der Seele und den entzückten Tanz um sich. Wie schal ist dementgegen jedes Kosen.

 


 

Was einem Mädchen unter hundert Kurmachern der Mann bedeutet, der Ernst macht! Wahrhaftig, es ist schwer für einen Mann, es von sich aus zu empfinden. Denn von ihm aus ist in den meisten Fällen das Mädchen, mit dem er Ernst macht, ein Abschluß, die letzte einer mehr oder weniger langen, gemischten und ungemischten Reihe; er aber ihr – ein oder der Anfang. Das nach Erfüllung zu dürsten beginnende Weib ist furchtbar daran: es darf sich nicht bedingungslos dem Manne hingeben, der nach ihr verlangt, so mächtig er sie auch bewege und errege. Wer wägt also das Maß der Selbstbeherrschung und sichtet die verwirrenden Gefühle eines reifen Mädchens im Kreise anscheinender Liebhaber? Wieviel Wiegen zertrümmert sie, wieviel Träume trägt sie zu Grabe? Und fällt sie – – fallen! Himmel, noch ist kein Weib gefallen, das der Mann hielt, der es fällte! An allem Frauenelend ist der Mann schuld, und an seinem – das ihre.

Es ist an keine Erhebung der gegenwärtigen Menschheit auf eine höhere Kulturstufe zu denken, ohne daß das Muttertum heilig gesprochen und ein Recht zu ihm geschaffen wird, als dessen Hüter der Staat, als der große Vater, sich ebenso ritterlich aufwirft, als er es bis heute zu lächerlichen Gunsten der liederlichen, treulosen Mannskerle nicht tut. Von dem Augenblick an, der dem Weibe die Gattenwahl und die schöne Sicherung seines Muttertums gewährt, wird eine neue Äone des Menschentums beginnen, verglichen mit der wahnwitzigen Barbarei, in der wir leben, und deren wir, wenn die Zeichen nicht trügen, anfangen, satt zu sein. Und in welch anderm Gleichmaß der Schritte wird es vorwärts und aufwärts gehen können, wenn die eine Hälfte des Menschen nicht mehr fallen wird, sondern – wählen kann! Wohl dann und auch wehe! wehe und wohl dem Manne!

Übrigens soll damit der Menschenzukunft kein himmelblaues Prognostikon gestellt werden. Die Signatur der Welt und des Lebens bleibt nach wie vor: ein unendlicher Plan offen für jede Lebensmöglichkeit und eine ewige, in allen letzten Entscheidungen erbarmungslose Schlacht um die Lebenswirklichkeit.

Dieser Kriegszustand wird immer herrschen, auch zwischen Mann und Weib, und um Mann und Weib. Aber wir wollen ihn in schöneren Formen haben, ohne Brutalitäten und Feigheiten, vielleicht auch ohne Masken.

 


 

Wenn das Leben, um über sich hinauszuführen, erst in sich fortzuschreiten hat, so zeigt ein Blick, daß es das auf zwei Füßen tut, die, wenn der Schritt flott und schön sein soll, ebengängig sein müssen: in Mann und Weib erhebt sich der Mensch – doch bis heute ist es nur ein Gehinke. Es fehlt zu furchtbar das Glück, und die Ehre, und die Gesundheit an und vor und für einander. Das eine schmachtet nach Leben, und am Munde des andern ›birgt sich Ekel‹; Gram, Scham, Ekel; und aus guten, entsetzlich guten Gründen. Unsere Tugend ist keine Tugend – ein freudloses Lechzen; unsere Freude ist keine Freude – ein schamloses oder schmachbewußtes Behagen an Schaum und Hefe des Lebenskelches, ohne zu dem unsäglichen Glück des heißen, starken, tiefen Trankes zu gelangen, der uns mit Welt und Gott eins macht und aus die Höhe des Lebensgefühles führt, wo Scham und Reue als Wölkchen tief unter uns schwimmen.

 


 

Es ist nicht der Zölibat – so furchtbar er wider die Natur ist; aber wider die Natur ist noch nicht gegen die Natur, sondern könnte ein Erhebungsmittel für sie sein, wie eine Widerstrebe ein solches für einen Hochbau ist – also, es ist nicht der Zölibat, der den Priester elend macht: sondern die geistige Beschränkung und die Kastration des Willens. Heilige Kriege erzeugen und erziehen hunderttausend Enthaltungen; doch es ist ein mächtig belebender, alles erfüllender und ersetzender Gedanke, der sie erträglich und natürlich macht. Aber der Gott, der dem Priester »der Liebe Quell im gequälten Herzen hemmt«, schlürft auch, ein hohles, lebenfressendes, unveränderliches Nichts, sein Hirn; denn da ragt der christliche Gott in der ewig wandelnden Welt, deren Erscheinung an ihm dahinzieht wie ein tausendfarbiger Traum, als ein unveränderliches Gebilde, tot, aber lebensaugend. Und in seinem Dienste siecht der Priester dahin: er kann den Strom des Lebens weder aushalten, noch mitmachen; so begnügt er sich mit der Ohnmacht vergeblichen Hemmens.

Aber das ist nur der Gott der Kirche. Der Gott des Deutschen und des Menschen ist ein anderer. Furchtlosigkeit ist seine erste Signatur; und das erste, das er in dieser königlichen Furchtlosigkeit dem Menschen verleiht, das ist die Freiheit! Jede Laufbahn offen jeder Kraft.

Kein Auge braucht sich zu blenden, kein Gedanke sich auszulöschen, kein Hirn sich zu enthirnen. Da ist jeder Funke heilig, mit dem das steigende Leben sich in die dunkle Welt hineinzündet, gleichviel, was er enthüllt. Und müßte der Mensch einst vor dem entschleierten Bilde erstarren und versinken, nun wohlan, so hätte er es vollbracht. Aber davor keine Furcht; denn:

›Diese kleine Insel
Mit den rings steil abstürzenden Klippen,
Auf der wir träumen,
Ist umflossen von einem tiefen Leben.‹

 


 

Jedes finstere Pfaffenauge muß uns sagen: dieser Mensch, wie auch sein Maul eifern mag, liebt den Gott nicht, den er predigt, und wird nicht von ihm geliebt. Er gibt dem Leben nichts, und es quält ihn dafür nur, und rachsüchtig quält er es zurück, indem er die Hölle, die es ihm ist, auch für andere mit lauter Teufeln füllt – wo doch nur er der wahrhaft Glücklose, Leblose, Gottlose ist. Denn Glück, Leben, Gott müssen eins sein, oder sie dürfen sich nicht anders widersprechen, als um sich einzeln und wieder im ganzen höher zu führen, was aber wieder nie ohne Glück, ohne Freude, ohne starkes Leben, ohne ein Brausen von – Gott möglich ist. Wäre er seines Gottes, dem er in bewußtem oder unbewußtem Knirschen dient, so voll, als er es geglaubt haben will, er müßte – schimmern. Und nicht als eine dunkelfahle, bleischwere und bleigiftige Wolke über, nein unter uns dahinwandeln. Er ist ein freudloser, beklommener und klemmsüchtiger Sklave, nicht frei, noch wahr, noch gut. So ist er ohne ›Tugend‹.

 


 

Erst von einem Zusammenstrome naturwissenschaftlicher und ethischer Studien und Anstrengungen ist ein neues Ärztegeschlecht zu erwarten, das sich von dem bisherigen ähnlich abhebt, wie der Astronom vom Astrologen, oder der bessere Durchschnitt des heutigen Arztes vom alten, marktschreienden Quacksalber.

 


 

Die moderne, so hoch entwickelte und im Grunde durchaus ehrliche Naturwissenschaft läuft eine ähnliche Gefahr wie die früheren Metaphysiken. Sie schaut zu viel und zu sehr in die Nähe, wie diese zu sehr in die Ferne sahen; daher fehlte ihnen der Zusammenhang mit dem Nahen, Gegenwärtigen, Realen, und jener mangelt nun Sicht und Übersicht des Fernen, Ganzen und Ideellen. Die Aufgabe des gesunden Menschenverstandes, im höchsten Sinne des Worts, ist die Vereinigung jener beiden zu einem einzigen, von ihm beherrschten und doch ihn wieder erhebenden Ganzen: es ist die Einheit der Wissenschaft, die Einheit von Gedanke und Tat, von Gott und Welt.

 


 

Die Majoritäts- wie die Durchschnittsrechnung liefert zu leicht falsche Ergebnisse. Die Norm darf nicht nach dem Gewöhnlichen (also nach der Majorität) gerechnet werden, sondern nach dem Typus. Als solcher muß aber die Erscheinung in ihrem höchsten Ausdruck gelten, wo sie selbstverständlich immer als Minorität dasteht. Aus diesem Gedankengang müßte sich auch der Amielsche Satz ergeben: Die höhere Natur des Menschen ist seine eigentliche.

 


 

Unübersehbar liegt die Unendlichkeit des Raumes und die Ewigkeit der Zeit vor unseren Sinnen. Aus nächtigem Dunkel taucht der Anfang und die Vorzeit, in nächtiges Dunkel verliert sich die Zukunft und das Ende. Aber die kurze, uns übersichtliche Strecke dazwischen teilt, mißt und schätzt der Mensch genau nach Maßen, die er selbst geschaffen, aus dem Ungemessenen gerissen hat, nach Metern, Kilometern, Meilen, Erdbahnhalbmessern, Sternweiten; nach Sekunden, Stunden, Tagen, Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden, Äonen, bis er den Atem verliert und zu messen aufhört, und die Unermeßlichkeit beginnt.

Und genau so unübersehbar wie die Bahn zwischen woher und wohin liegt vor dem Menschen die zwischen warum und wozu. Das selbstgemachte Maß aber, womit er hier die seinen Maulwurfsaugen übersichtliche Strecke mißt, das ist der Zweck! Bis er den Atem verliert, der Zweck! Er kann nicht anders, er muß messen und den Atem darüber verlieren. Und wie er vor dem Begriff der Unermeßlichkeit und Unendlichkeit stehen bleibt, wenn seine Äonen und Sternweiten ausgegeben und verbraucht sind, so steht er am Ende auch hier vor dem schauerlichen Begriff des Unbezweckten und Zwecklosen, wenn er mit seinen Zwecken und Aberzwecken ausgemessen hat.

Die Welt ist eben für uns unmeßbar und das Leben unfaßbar. Sie zu messen und zu fassen geht der junge Mensch aus, und mit dieser Erkenntnis steigt der greise Denker ins Grab.

Und um sein Grab stehen Toren und fragen: wozu also die ganze Mühe dieses Lebens? Was der Zweck und wo das Ziel? Das tote Gehirn da drunten aber würde antworten: Menschenkinder, wozu die Frage nach Zweck und Ziel? Ich habe meine Arbeit getan und – damit genug! Ich ging aus gen Osten, und kehrte von Abend zurück; ich stieg senkrecht in die Höhe durch die Unendlichkeit und kam lotrecht von unten wieder herauf; ich warf mich in den Strom der Zeit und floß und floß mit ihm, seine Mündung ins Meer zu ergründen, und kam nach einer kleinen Ewigkeit wieder zur Uferstelle geflossen, von der ich hineingesprungen; und scharfsinnig und unerbittlich wahrhaftig klomm ich am Faden der Logik dem verborgenen Zweck, dem unbekannten Ziel nach, und wie es vor meinen Augen hell wurde, stand ich wieder vor der Türe des Labyrinthes, durch die ich eingetreten war, und konnte des Fadens Ende an den Anfang knüpfen. Von jedem Ding wußte ich den Zweck und von jedem Schritt das Ziel – aber das Ganze war ohne Zweck und ohne Ziel: wenn ich's mit meinen Sinnen und meinem Verstande messen wollte. Laßt mich nun von der Wanderung ausschlafen – vielleicht kommt mir's im Traum.

 


 

Die tragische Dichtung entspringt dem durch das Problem des Lebens erschütterten Geist und Gemüt. Die Schuld ist nur eine später mißverstandene, und schließlich künstlich hineingemengte Form jenes Problems, nicht sein Wesen, als welches sich eigentlich die Schuldlosigkeit darstellt. Die erschütterndsten Tragödien sind daher noch nicht gedichtet worden, vielleicht da und dort versucht. Der Ödipus nähert sich, als Schicksalstragödie, dem Wesen der Tragik noch am meisten, oder doch sehr weit. Die ›Schuld‹ gehört zur Sprache der Tragödie, nicht zu ihrem Wesen; sie macht dieses dem Ursachentier Mensch verständlich.

 


 

Wann und wo je ein Erlöser vergißt, daß der Angehauchte und Mitgerissene nie so stark von dem neuen Geiste ergriffen und durchdrungen ist, wie er, aus dessen Innern die Feuerbäche quellen – so ist er wahnsinnig und zum Kreuze geboren! Dies ist die erste und letzte Wahrheit, eine Erkenntnis, ein Bewußtsein, das jeder Heiße sich im Zusammenhang zu behalten hat, wenn ihm an einem vernünftigen Gange seiner Erscheinung etwas gelegen ist. Seiner einsamen Einzigkeit sich bewußt, von keinem grellen Ziele geblendet, wird er kälter und gemessener seine Bahn ziehen und – gesunder wirken! Und noch eins hat er zu begreifen: daß zum Aufgehen jedes Samenkorns auch – Zeit gehört! Und drittens: daß in jedem Keimenden der Tod prästabiliert ist. Und viertens: daß das Gepflanzte und Erbaute meist nur der Träger der Frucht ist, an der es zugrunde geht. – Diese Gedanken geben Kühlung, ohne daß ein Schatten fällt.

 

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