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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 9
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.
Guiseppe St. Pierre und die Julitage von Paris.

An jenem Maiabende, als Guiseppe nach Paris zurückkehrte, hatte er sich gleich zu Marat begeben, um diesem mitzuteilen, daß er sobald als möglich seine Verbindlichkeiten lösen wolle, um dann zu seinem Vater zurückzukehren.

Marat, der die leidenschaftliche und unerfahrene Seele des Jünglings genau kannte, wußte, daß er ihn durch Widerspruch noch weiter treiben würde, daher schlug er einen anderen Weg ein, um ihn an sich zu ketten. Er bat ihn, nur noch einige Tage zu verweilen, da er ihm bei mehreren eiligen Geschäften völlig unentbehrlich sei, später riete er ihm selbst, lieber heimzukehren. »Freilich,« so meinte er, »thäte es ihm in der Seele leid, ihn in der Stunde zu missen, wo das Volk triumphierend sein Haupt erhöbe. Aber, da die Tage nicht ohne Kampf abgehen würden, so wäre es besser, sie trennten sich früher, denn sein weiches Gemüt sei nicht geschaffen für eine Schreckenszeit, die drohend am politischen Horizonte stände.«

So und ähnlich sprach der Verführer, und Marat wußte genau, was er that. Er wollte Guiseppe fesseln, denn er brauchte diesen jungen Schwärmer, dessen Begeisterung und beredte Sprache seiner Sache schon viele gewonnen hatte. Darum schmeichelte er ihm einerseits, während er andererseits einen Stachel in das feurige Herz des Jünglings senkte, indem er ihm nicht Kraft genug zuzutrauen schien, um als würdiger Kämpfer an dem Tage da zu stehen, wo das geknechtete Volk siegreich seine Banden brechen sollte.

Marat hatte sich darin nicht verrechnet; die alten Bande, von denen Guiseppe sich befreien wollte, schlangen sich unbemerkbar fester um seine Seele. Ohne darüber nachzudenken, wurde er immer tiefer in die revolutionären Umtriebe verstrickt und seine Rückkehr von Woche zu Woche verschoben.

Jetzt war der 11. Juli gekommen. Dunkle Gerüchte von dem, was geschehen war und noch geschehen sollte, durchschwirrten die Stadt. Die Massen rotteten sich zusammen, und die Straßen füllten sich mit finsteren Gestalten, die plötzlich Gruppen von vielen Tausenden bildeten.

Bei den ersten Andeutungen des unerwarteten Staatsstreichs tauchte aus den entlegenen Winkeln der Hauptstadt eine dämonische Macht auf. Wo sie hergekommen, wie sie sich so schnell zusammengeballt, wer konnte das sagen!

Genug, sie war da, und die einzelnen Exzesse, die stattfanden, die wilden Reden, welche ohne Scheu öffentlich gehalten wurden, zeugten davon, daß die Leidenschaften des Volkes bald keinen Zwang mehr dulden würden.

Guiseppes Herz berauschte sich an den glühenden Freiheitsreden, aber als die stillen Stunden der Nacht ihm Ernüchterung brachten, schlug ihm das Gewissen, und die innere Unruhe trieb ihn von seinem Lager hinaus in den erwachenden Sonntagsmorgen, dessen feierliche Ruhe noch durch keine drohenden Rufe, durch keine fanatischen Reden entweiht wurde.

Guiseppes Schritt irrte unstät in der Vorstadt umher.

Da schlug nicht weit von ihm in der Kapelle St. Antoine eine Glocke und läutete den Sonntag ein. Leise und ernst zogen die Klänge durch die Luft, und mit tiefem, feierlichem Tone setzten die anderen Glocken ein. Der Klang schmolz in den Lüften gleichsam zu einem herzerschütternden Mahnruf an die verderbte Welt zusammen.

Guiseppe lehnte an der zerfallenen Kirchhofsmauer, die der Epheu üppig umrankte; die heiße Stirn an die kühlen Steine gepreßt, lauschte er den Glocken, und schwere Thränen rannen dabei über seine Wangen. Mit Kindersehnsucht gedachte er seines Vaters, seiner verklärten Mutter, und brennende Reue nagte an seinem Herzen, das sich so lange dem mahnenden Rufe des Vaters verschlossen hatte. Bei ihm wohnte der Frieden, dort wollte er hin.

Eiligen Schrittes wandte er sich der Stadt zu und langte endlich fast atemlos vor dem Posthause an. Noch war alles geschlossen, er mußte seine Ungeduld zügeln und warten; in fieberhafter Erregung ging er auf dem Platze hin und her. Das Leben war schon in den Straßen erwacht, das unruhige, wogende Getreibe vom Tage vorher. Verwegene Banden frechen Gesindels zeigten sich und wüste Lieder entheiligten die Sonntagsstille.

Guiseppe achtete jetzt nicht viel darauf, nur ein Gedanke beschäftigte ihn und sobald das Posthaus geöffnet wurde, stürzte er hinein, um sich ein Billet zu lösen.

»Ein Brief für Euch, Monsieur,« redete ihn der Postbote an.

Es waren die Schriftzüge seines Vaters, die Guiseppe erkannte, als er den Brief an sich genommen hatte und mit zitternder Hand das Siegel erbrach, um das Schreiben zu durchfliegen. Nur wenige strenge Worte, nur einen kurzen Befehl enthielten die Zeilen.

»So lange hast du meinen Wünschen und Bitten widerstanden,« schrieb St Pierre, »jetzt bitte ich nicht mehr, ich gebiete dem rebellischen Kinde, sein Versprechen zu halten und heimzukehren in das Vaterhaus, wenn nicht dieses Haus und Herz sich ihm für immer verschließen soll.«

Dieser Brief war in einer düsteren Stimmung geschrieben, die Worte waren hart und gemessen und legten sich wie eine erkältende Eisrinde um das heiße Herz des Jünglings.

Er, der Marat unentbehrlich gewesen war, wurde in diesem Briefe wie ein Schulknabe gescholten; ihm wurde gedroht, und daraufhin sollte er heimkehren, damit der Vater meine, es sei Furcht vor der Strafe, die ihn zurück getrieben habe! Nimmermehr!

Nun wollte er bleiben, jetzt ganz gewiß. Ob die Rückkehr ein paar Wochen früher oder später erfolgte, war gleichgültig. Geschah sie später, so war es ein freier Akt seines Herzens, nicht ein demütiges Fügen in eine Bevormundung, die ihm schimpflich dünkte.

Finster starrte er auf das Gewühl um sich, er sah wie das Volk die Büsten von Necker und Orleans im Triumph durch die Straßen trug, während der Pöbel anfing, die Waffenläden zu plündern.

Gedankenlos hörte er zu, als Camille Desmoulin, dieser Mann voll Geist und Beredsamkeit, stotternd und doch in flammender Rede die sichere Kunde von Neckers Entlassung brachte und die Patrioten aufforderte, als Erkennungszeichen aller Freiheitsfreunde ein grünes Blatt an der Mütze zu tragen.

Mit Jubelruf wurde sein Vorschlag angenommen, der frische Schmuck der nahestehenden Bäume abgerissen und die Blätter an den Mützen befestigt. Auch Guiseppe ward ein grüner Zweig gereicht, er steckte ihn mechanisch an seinen Hut und ließ sich von dem lärmenden Menschenstrom weiter treiben.

Inzwischen rückten Truppen heran. Ihre Bestimmung war aller Wahrscheinlichkeit nach, mit blanker Waffe den Tumult niederzuschlagen, aber statt dessen fingen die Soldaten der französischen Garde an, sich dem Pöbel zuzugesellen.

Auf dem Vendôme-Platz erfolgte der erste Zusammenstoß. Aus der Masse fiel ein Schuß auf eine Abteilung Royal-Allemand, die sofort Gebrauch von ihrer Waffe machte. Es kam zu kleinen Scharmützeln, bei denen genug Blut floß, um alles zu blinder Wut zu entflammen, doch es geschah nichts Eingreifendes, das die unruhigen Köpfe hätte einschüchtern können.

Dieser energielose Widerstand der Truppen konnte der Anarchie nicht steuern. Die wilden Banden fingen an, die Läden zu plündern, brachen in Privathäuser ein, und schließlich steigerte sich der Tumult derartig, daß Foulon, der neu erwählte Minister, der Rache des Volkes zum Opfer fiel und sein Kopf von dem Pöbel auf einer Pike umher getragen wurde.

So schloß der Tag; die Schatten der Nacht senkten sich auf das bange Paris, das die ersten Schreckensscenen erlebt hatte, und mit düsteren Ahnungen auf den kommenden Morgen blickte. Die Lage der ruhigen Bürger war eine äußerst gefahrvolle, denn sie sahen ihre Habe rettungslos den plündernden Horden preisgegeben; aus dieser Bedrängnis ging der Plan zur Bildung einer bewaffneten Bürgerwehr hervor, die den Exzessen wehren sollte. Mit dem den Franzosen eigenen Feuersinn wurde die Sache ausgeführt, und wenn auch nur mangelhaft organisiert, so stand doch schon am Morgen des 14. Juli die Bürgerwehr ziemlich tüchtig da. –

Die Männer der Freiheit, oder besser, die Männer der Revolution, Marat, Danton, Santerre, fühlten sich durch diese Maßregel der Pariser beengt.

Marat wußte, wenn das Volk sich sicher fühlen sollte, mußte es auch Waffen besitzen. Er hatte in diesen Tagen Guiseppe beobachtet und den Umschwung in seinem Gemüte wahrgenommen, da hoffte er, in ihm wieder ein gehorsames Werkzeug seiner Pläne zu finden. Bei einer kurzen Unterredung wußte er schlau die zerrissene Seelenstimmung des Jünglings zu benutzen, um ihn für seine Zwecke zu gewinnen.

So war es denn auf Marats Anstiften, daß am Morgen des 14. Juli Guiseppe mit beredten Worten die Menge entflammte, und die brausende Masse nach dem Invalidenhause führte, um dort Waffen zu fordern. Mit Gewalt drang das Volk in den Vorhof ein und nahm sowohl die Kanonen, wie die 20 000 Flinten, die dort aufbewahrt wurden.

Wohin aber wollte sich jetzt die bewaffnete Horde wenden?

»Nach Versailles,« – »gegen die Truppen,« so schollen wirre Rufe durcheinander. »Zur Bastille,« rief eine scharfe Stimme aus der Masse heraus, und jubelnd wiederholte das Volk den Ruf.

Guiseppe schwang sich auf einen der breiten Pfeiler, welche die eisernen Gitter verbanden. Seine Augen flammten in fanatischem Feuer. »Zur Bastille wollen wir ziehen,« rief er mit Donnerstimme. »Die stolze Zwingburg unserer Freiheit muß fallen, oder sollen wir warten, bis ihre Kanonen, deren Schlünde drohend aus den Schießscharten auf die Stadt herniederschauen, Tod und Verderben auf uns schmettern? Seht den finstern Koloß! Wie ein düsteres Gespenst ragt er in den Freiheitsmorgen hinein und wirft seinen Schatten auf die lichte Zeit, die am Horizont aufdämmert! Die alte Monarchie hat Tausende von Schuldigen und Unschuldigen dort hineingeworfen, ihre Seufzer dringen zu uns, und ich höre ihre Stimme rufen: Reißt dies Werk der Finsternis nieder, laßt keinen Stein auf dem anderen!

Auf, meine Brüder, zum Rachewerk! Die Nation wird uns segnen, wenn wir die drohende Frohnfeste, dieses entsetzliche Marterwerkzeug des alten Regime, niederreißen und der Erde gleich machen. Auf denn zur Bastille!«

»Zur Bastille, zur Bastille,« heulte es, und singend und jubelnd, tobend und schreiend, wälzte sich die Menschenmenge nach der Vorstadt St. Antoine. Dort lag das alte Schloß mit seinen achteckigen Türmen, grau und schweigend, wie ausgestorben, denn die geringe Besatzung von Schweizern und Invaliden hatte sich furchtsam in das Innere zurückgezogen.

Der Pöbel stürmte heran; französische Garden gesellten sich zu ihm, und schon beim ersten Anlauf wurde der tiefe Graben, der um die Zwingburg lief, und die erste Zugbrücke genommen.

Guiseppe war mit unter den ersten. Zaghaftigkeit kannte seine feurige Seele nicht, und allen voran eilte er auf die zweite Brücke zu. Eine Musketensalve von innen erfolgte, die Stürmenden antworteten mit Flintenschüssen.

Guiseppe hatte ein Schuß gestreift; das Blut rann über sein marmorbleiches Gesicht, er achtete es nickt.

Immer wilder glühten seine Augen, immer fanatischer klangen seine Rufe, mit denen er das Volk anfeuerte. Einen Augenblick stutzte die Menge, als eine Kartätschensalve blutige Verwüstung in ihren Reihen anrichtete, aber weiter drang Guiseppe mit einigen wilden Genossen, und der Pöbel folgte ihnen.

Die Besatzung der Bastille, erschreckt durch die Heftigkeit des Angriffs, riet sich zu ergeben. Ihr Kommandant war ein unentschlossener Charakter und fühlte sich völlig ratlos, als die Soldaten voller Ungestüm die Übergabe verlangten. Endlich entschloß er sich mit den Rebellen zu verhandeln und kam mit ihnen darin überein, daß er ihnen die Feste gegen freien Abzug überliefern wolle.

Triumphierend hielt das Volk seinen Einzug. Doch die Leute, die diese Menschenmasse hierher geführt hatte, blieben nicht des Stromes Meister. Guiseppe hatte die Bastille im offenen Kampfe zerstören wollen, jetzt mußte er sehen, wie der rohe Pöbel das Versprechen des freien Abzugs mißachtete.

Vergebens erhob er seine Stimme, um sie zu mahnen, die edle Freiheitsthat nicht durch einen Treubruch zu beflecken. Das Volk, das ihm eben noch so willig lauschte, übertönte seine Stimme mit Fluchreden. Empört warf er sich den Rasenden entgegen und wollte Einhalt gebieten, aber man schob ihn beiseite, und in ohnmächtigem Zorn starrte er auf den Greuel, den er nicht hindern konnte. Als das blutige Haupt des Kommandanten zu seinen Füßen rollte, als er sah, wie der Pöbel fast die ganze Besatzung niedermetzelte, da dämmerte in Guiseppes Seele eine Ahnung auf von dem, was er gethan hatte, und schaudernd wandte er sich ab. Aber das wogende Treiben der Julitage ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken und betäubte nur zu bald die mahnende Stimme seines Gewissens.

*

An demselben Morgen des 14. Juli hielt ein geschlossener Wagen mit dem Wappen des Marquis St. Herbert an der Straßenecke der Faubourg St. Antoine. Schnöde Worte wurden laut beim Anblick des vornehmen Wagens; hier und da hob sich aus dem Haufen eine drohende Faust, und eine Handvoll Straßenkoth flog gegen das Wappenschild.

Der bleiche Mann, der aus dem Wagenfenster lehnte, kümmerte sich nicht darum, er ließ die grauen Augen forschend über die tobende Menge gleiten. Als jetzt wieder der Ruf an sein Ohr drang – »nieder mit der Bastille« – wandte er sich hastig zu dem Kutscher. »Nach Versailles, was die Pferde laufen können,« befahl er leise.

Der Kutscher leistete dem Gebot sofort Folge; es war aber nur schwer durchzukommen, denn überall waren die Straßen durch den Pöbel gesperrt. Endlich erreichten sie die offene Landstraße, die Pferde flogen dahin, und doch war bereits der Abend angebrochen, als sie endlich schaumbedeckt vor dem Portal des Versailler Schlosses hielten.

Der Marquis St. Herbert sprang heraus; auf der Treppe des königlichen Schlosses fand er den Grafen Liancourt, der vor wenig Augenblicken mit derselben Hiobsbotschaft aus Paris gekommen war und sich bereits beim Könige hatte melden lassen.

Man führte die Herren in das königliche Schlafzimmer. Erregt, mit fliegendem Atem berichtete Liancourt von dem beabsichtigten Sturm auf die Bastille. Der König wurde bleich und starrte ihn einen Augenblick an, dann winkte er mit der Hand eine hastige Entlassung. Die beiden Herren verbeugten sich tief.

»Unsere Stützen wanken, unsere besten Absichten werden verkannt,« seufzte der König. »Mein Volk rebelliert, und um uns wird es immer einsamer. Treue Herzen wie die Euren sind ein Schatz in so bitterer Zeit; Ihr werdet uns auch in schweren Stunden treu bleiben.«

»Bis in den Tod,« antwortete der Marquis mit feuchten Augen und zog die teure Königshand, die ihm freundlich gereicht wurde, voll Ehrerbietung an seine Lippen.

Als am anderen Morgen der König in der Nationalversammlung erschien, hatte man sich vorgenommen, ihn mit schweigender Zurückhaltung zu empfangen, weil die Abgeordneten ihm infolge von Neckers plötzlicher Entlassung mißtrauten. Jedoch das schlichte Auftreten des Monarchen, der entblößten Hauptes, nur von seinen Brüdern begleitet, eintrat, und in herzlichen Worten Vertrauen um Vertrauen, Versöhnung um Versöhnung bot, dies alles wirkte so mächtig auf die Versammlung, daß sie in stürmischen Jubel ausbrach. Sie fühlte, daß sie der letzte Rettungsanker des Königtums war, und beschloß, eine Deputation von 100 Mitgliedern nach Paris zu schicken, um dort Ruhe zu stiften.

Der König dagegen gab das Versprechen, die Truppen uns Paris zu ziehen, und seine persönliche Erlaubnis zur Bürgerbewaffnung, der man den Titel Nationalgarde beilegte.

Man feierte ein glänzendes Versöhnungsfest. In der Kirche wurde ein Te Deum angeordnet, doch nur wenige gab es. die sich durch diese Äußerlichkeiten täuschen ließen, die meisten vom Adel sahen klar, wie es um die Sache des Königtums stand, und einzelne fanden sich sogar, die, unbekümmert um ihren Herrscher und um ihr Vaterland, ihr Leben im Auslande in Sicherheit brachten. Graf Artois und Prinz von Condé waren die ersten, die Frankreich verließen, und ihr Beispiel zog mehr und mehr furchtsame Gemüter nach sich.

Am 17. Juli entschloß sich der König, nach Paris zu fahren. Es war eine schicksalsvolle, erschütternde Reise, dieser Einzug in die rebellische Stadt. Nur wenige seiner Getreuen, darunter der Marquis St. Herbert, begleiteten den Monarchen.

An der Barriere von Paris wurden dem Könige die Schlüssel der Hauptstadt entgegengetragen. Eine unermeßlich lange Doppelreihe von Bewaffneten aller Art bildete ein dichtes Spalier vom Thore bis zum Stadthause; dazwischen standen Mönche in ihren dunklen Kutten und Flinten tragende Weiber. Auf den meisten Gesichtern lag ein unheimlicher Ausdruck, kein Gruß, kein Willkommensruf empfing den Herrscher. Erst in den belebteren Stadtteilen tönte ein vereinzeltes – » vive le roi«, aber hier und da fiel auch ein Schuß.

Langsam bewegte sich der Zug, die Schatten der letzten Merowinger umschwebten ihn. Der Marquis war zu Pferde und folgte unmittelbar dem königlichen Wagen; seine durchdringenden Augen ruhten spähend auf der trotzigen Menge, jede Bewegung des Einzelnen scharf beobachtend. Während die linke Hand die Zügel führte, ruhte die Rechte versteckt an dem Kolben eines geladenen Pistols. Augenblicklich sollte ein Schuß den Verwegenen strafen, der es wagen würde, die Hand an den König zu legen. Bei jeder zweideutigen Bewegung in der Menge drängte er sein Pferd dicht an den Wagenschlag, um mit seinem Leibe den geliebten Herrscher zu schützen. Wie freudig hätte er sein Herzblut hingegeben, um diesem geliebten Könige eine schwere Stunde zu ersparen!

Ludwig lehnte im Wagen zurück; matt und traurig, schauten die blauen Augen auf das Volk, aber alle die schweren Erfahrungen der letzten Zeit hatten nicht den Ausdruck unendlicher Güte aus seinen Zügen verwischen können.

Endlich gelangte man zum Stadthause. Wilde Gestalten, tumultuarisch bewaffnet, kreuzten hier die Piken über dem Haupte der Majestät, um den König bei seinem Empfange zu ehren. Man überreichte ihm die weiß-rot-blaue Kokarde, das grüne Abzeichen war bereits abgeschafft, weil Grün die Farbe des Grafen Artois war. Ludwig steckte selbst die Kokarde an seinen Hut und stieg die Stufen zum Stadthause hinan. Reden der verschiedensten Art begrüßten ihn hier, bis man ihn zum Fenster führte, um ihn dem Volke vorzustellen. Thränen standen in den Augen des gebeugten Monarchen, und seine Stimme zitterte vor tiefer, innerer Bewegung, als er sich zum Fenster hinauslehnte und der unten harrenden Menge erklärte, daß nur die Liebe des Volkes sein heißer Wunsch sei. Aus diesem Grunde würde er dem Willen der Nation nachgeben und Necker zurückberufen.

Der Marquis war auf den Stufen des Stadthauses zurückgeblieben. Beim Vorüberschreiten des Königs hatte er sich in ernster Devotion verbeugt, vielleicht tiefer noch als sonst, um dem gedemütigten Herrscher zu zeigen, wie seine Getreuen ihn ehrten. Als Ludwig die Kokarde ansteckte, krampfte sich sein Herz zusammen, doch kein Zucken der Wimpern, kein Aufblitzen der Augen verriet, wie tief der alte Royalist diese Schmach empfand, nur ein flammendes Rot schoß jäh über seine Züge.

Jetzt hatte er mit zusammengepreßten Lippen den Worten Ludwigs gelauscht. Ein schwerer Seufzer rang sich aus seiner Brust: »Armer, teurer König,« murmelte er, »du bist zu gut für dies Volk. Es ist alles, alles umsonst!«

Wie im Traume sah der Marquis den König die Stufen wieder hinabkommen und in den Wagen steigen; er schwang sich auf sein Pferd und begleitete den Zug, der sich langsam fortbewegte. Es war ihm, als sei es das Grabgeleite, das er dem Königtum von Frankreich gäbe. Vor dem Portal des Versailler Schlosses hielt der Wagen. Dicht am Schlage, den Hut in der Hand, stand St. Herbert, er hatte seinen Schmerz mit Heldenkraft niedergekämpft und blickte nun mit klaren Augen auf seinen König.

»Wir sind durch schwere Stunden gegangen, Marquis,« sprach Ludwig matt, »es will uns scheinen, als sei der alte Ruhm und Glanz für immer von Frankreichs Thron gewichen.«

»Sire,« erwiderte der Marquis glühend, »aus der Asche des verbrannten Phönix erhebt sich ein neuer, herrlicherer, und aus den Trümmern Eurer erschütterten Macht wird sich eine neue aufbauen, größer und glänzender als die vergangene. Der alte Ruhm Frankreichs wird wieder auferstehen, und in Euer Majestät treue Hände wird der Herr die Siegespalmen legen nach überwundenem Streit.«

Der König lächelte trübe. »Wenn der Herr der Herren uns einst abrufen wird,« sagte er, »dann hoffen wir zu ihm, daß er uns ausruhen läßt nach dem Kampfe und unseren schwachen Händen die Friedenspalme giebt. Das ist die Stunde, in der sich aus der Asche ein neuer Phönix aufschwingt, dem Gott, wie wir hoffen, aus Gnaden eine unverwelkliche Krone geben wird anstelle der irdischen, die zu schwer für unser Haupt war. Beten Sie, Marquis, daß es so sei.

Die Zeit, da der erlöschende Ruhm Frankreichs wieder aufblüht, und dieser Thron in alter Kraft dasteht, diese Zeit scheint unserem müden Auge sehr weit. Die aufopfernde Liebe unserer Getreuen ist ein Trost in diesen bitteren Tagen, nehmt dafür den warmen Dank Eures Monarchen. Wir haben über wenig anderes zu gebieten, aber wir wissen, daß Eurem königstreuen Herzen dies genügt.«

Der Marquis beugte sich tief, als er die Hand seines teuren Herrschers küßte; zwei schwere Thränen, ernste, heiße Mannesthränen rannen dabei über seine Wangen.

Als die Thüren sich hinter dem Könige geschlossen hatten, eilte St. Herbert auf sein Zimmer und überließ sich dort rückhaltlos seiner Trauer. Nur um Ludwigs sorgenschwere Stirn einen Augenblick zu erheitern, hatte er sich zu einer Hoffnung aufgeschwungen, die ihm in ruhigen Stunden sehr fern lag. Er wußte, der König hatte Recht mit seiner Antwort, für diese Erde war es vorbei mit seinem Glanze, nur die Hoheit des standhaft erduldeten Märtyrertums konnte Ludwigs Stirn hier noch verklären. Alle weltliche Hoheit, allen irdischen Glanz riß ja das Volk Stück für Stück von seinem königlichen Herrn.

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