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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 8
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel.
Mirabeau.

Schon während der ersten Tage fingen bei den Versammlungen in Versailles die Zerwürfnisse an, denn die drei getrennten Körperschaften konnten sich nicht einigen.

Graf Mirabeau, der später die Seele der Versammlung werden sollte, stand noch allein da, denn von allen Parteien wurde ihm offenes und verstecktes Mißtrauen entgegen getragen.

Schon seine Wahl hatte Schwierigkeiten gehabt, da der Adel ihn verwarf, als er unter den Ständen der Provence auftrat. Seine dunkele Vergangenheit, die Laster, von denen sein früheres Leben befleckt war, hatten dies veranlaßt. Jedoch in Aix und Marseille stritt sich der dritte Stand um seine Wahl und mit brausendem Jubel ging er als Abgeordneter daraus hervor.

Mirabeau mit dem häßlichen, von Pockennarben zerrissenen Gesicht, der Teufelsfratze, wie sein Vater sagte – war eine mächtige, kraftvolle Natur, voll Glut und heißer Leidenschaft. Bittere Lebenserfahrungen reiften ihn früh, und seine wechselnden Schicksale führten ihn in die verschiedensten Länder. Da er sich von früh auf mit dem Studium der Politik beschäftigt hatte, so kannte er die Verfassungen der Völker aus den Büchern, wie aus dem Leben, und sein Horizont war in politischen Dingen der weiteste und reichste.

Die Freiheit liebte er mehr als sein Leben, und daher stammten die glühenden Ausbrüche seines Despotenhasses. Dennoch blieb er bei alledem maßvoll und erhob sich gegen eine Entfesselung gefährlicher Leidenschaften, sowie gegen eine Freiheit, die wieder nur zur Unterdrückung führen mußte.

Um diese Zeit stand Mirabeau unter den Männern seiner Richtung einzig dadurch da, daß er überzeugt war, die furchtbarste Revolution sei bereits ausgebrochen, vor ihren Fluten wollte er rechtzeitig alles in Sicherheit bringen, was sich an Bürgschaften öffentlichen Gedeihens für eine ruhigere Zeit retten ließ. Das, nichts Größeres und nichts Geringeres, erkannte er als seine und aller Parteien Aufgabe.

Am Eröffnungstage der Reichsstände hatte eine königliche Ordonnanz das Erscheinen eines Blattes verboten, in welchem Mirabeau die Verhandlungen veröffentlichen und besprechen wollte. Da es aber in Frankreich seit zwei Jahren kein Preßgesetz mehr gab, so erließ Mirabeau einen flammenden Brief, in dem er das Ministerium scharf angriff und ihm vorhielt, daß es durch dieses Verbot an die Rechte der Nation taste.

In diesem Schreiben trat der Unterschied scharf hervor, den Mirabeau zwischen dem Ministerium machte, das er dem Volkshasse bloßstellte, und dem Könige, den er als unbeteiligt an diesem Schritte wissen wollte und den er als natürlichen Bundesgenossen der Nation in völliger Achtung erhielt.

In Versailles zitterte man beim Erscheinen dieses Briefes, und in der Versammlung rührte sich niemand für Mirabeau, aber sein Blatt wurde unter einem anderen Titel weiter veröffentlicht.

Der Hader der Stunde dauerte ungeschlichtet fort, bis sich zuletzt Ende des Monats der König hineinmischte. Es war wieder kein Rat, kein lösendes Wort, das er in seiner Zuschrift aussprach, sondern nur Wünsche und Hoffnungen, vermischt mit Bedauern über den Streit und die Unthätigkeit in der Versammlung.

So ging es während sechs Wochen. Das unselige Schwanken des Königs untergrub seine Macht immer mehr. Wenn er abends von treu gesinnten Edelleuten bestimmt wurde, ernste Schritte gegen die offene Empörung des dritten Standes zu thun, so konnte man sicher sein, daß er am Morgen unter Neckers Einfluß alle Entschlüsse des vorhergehenden Abends wieder aufgab und seine Versprechungen zurücknahm.

Der Marquis St. Herbert war während dieser schweren Wochen sichtlich gealtert. Sein kraftvolles Ringen erwies sich ohnmächtig bei dem Könige, auch durch die Königin, die sich, je ernster die Zeit wurde, desto edler entwickelte, konnte er Ludwig nicht beeinflussen, denn Marie Antoinette war jetzt ganz Mutter und wich nicht von dem Sterbebett des jungen Dauphin.

Der Marquis sagte sich, daß die Massen dem folgen würden, der in diesen Tagen der Unentschiedenheit rasch handelte. Ergriff das Königtum die Initiative, dann fiel das Volk ihm zu, weil es aus dieser unleidlichen Krisis heraus kommen wollte; that der König aber diesen Schritt nicht, so dankte er ab zu Gunsten der Macht, welche das Ruder statt seiner ergriff. Das es schließlich so kommen würde, durfte sich der treue Royalist nicht verhehlen.

Am 16. Juni hielt Mirabeau eine denkwürdige Rede in der Nationalversammlung, wie auf seinen Vorschlag die Abgeordneten ihre Zusammenkunft nannten. Er wies darauf hin, daß die Steuern zwar jetzt noch in alter Weise fortgezahlt werden sollten bis die Versammlung auseinander ginge, später aber keine Steuererhebung stattfinden dürfe, ehe sie nicht von der Versammlung genehmigt wäre. Dann stellte er als erste Pflicht hin, bei den kommenden Beratungen die Ursachen zu prüfen, welche die Hungersnot in den Provinzen herbeigeführt hätten, und schleunigst auf wirksame Mittel zu sinnen, um diesem Elende gründlich abzuhelfen.

In ganz Frankreich war nur eine Stimme freudiger Anerkennung über diesen Beschluß. König und Ministerium halten alle Ursache, ihn gleichfalls gut zu heißen, aber es erneuerte sich der alte Kampf der widerstrebenden Einflüsse. Nach einem Schwanken von zwei bis drei Tagen hatte der König die Frage dahin entschieden, die Beschlüsse vom 16. und 17. für ungültig zu erklären.

Am 20. wollte die Versammlung wieder tagen, und man vermutete dabei den Übertritt von zahlreichen Geistlichen zum dritten Stande. Die Regierung suchte dies zu verhindern, indem sie die Sitzungsräume unter dem Vorwände schließen ließ, daß sie zu der am 23. stattfindenden königlichen Sitzung hergerichtet werden müßten.

Wie zu erwarten, erregte dies heftigen Unwillen. Die erhitzten Gemüter beschlossen, sich nichts desto weniger zu versammeln, zuerst im Ballhause und tags darauf in der Kirche des heiligen Ludwig, wo 149 Geistliche und 3 Bischöfe sich mit dem dritten Stande vereinigten.

Voller Spannung erwartete man den 23., denn noch wußte niemand, wie weit der König gehen würde. Zur festgesetzten Stunde hatten sich die drei Stände unter vielen Förmlichkeiten versammelt, auch Ludwig war erschienen und hatte den Thron bestiegen. Doch die gebieterischen Worte seiner Rede verfehlten den Eindruck, weil sie zaghaft und ängstlich gesprochen wurden, er befahl mit der Zunge, aber seine Haltung widersprach dem Befehle.

Ein Sturm bereitete sich vor. Der König war im Begriff, aus eigener Machtvollkommenheit eine Verfassung zu geben, welche er unter die Autorität der Privilegierten stellte, indem er seine eigene monarchische Gewalt beschränkte.

»Was Frankreich fehlt,« hatte einst Turgot gesagt, »ist eine Verfassung.« – In diesen freisinnigen Verheißungen, die Ludwig jetzt aussprach, gewährte er mehr als Turgot erbeten hatte, doch er verlangte, daß die drei Stände einzeln stimmen sollten, und sein letztes Wort lautete: »Ich befehle ihnen, meine Herren, sofort auseinander zu gehen, und sich morgen früh in den abgesonderten Beratungsräumen Stand für Stand wieder einzufinden.«

Dieses Wort fiel wie ein zündender Schlag in die Versammlung. Ludwigs Verfassungsprojekt mit den wohlthätigen Reformen hätte vor wenig Jahren den reichsten Dank geerntet, jetzt aber, verbunden mit der letzten Klausel, bewirkte es nur einen unbeschreiblichen Sturm. Alles, so sagte man sich, was der König durch die Verfassung versprach, hob' er damit wieder auf, daß er sie unter die Autorität der Privilegierten stellte, denn von diesen war man überzeugt, daß sie keinen anderen Weg einschlagen würden als den, welchen sie in diesen 15 Jahren festgehalten hatten, und somit alles vereiteln, was zu Gunsten der Reformen geschehe.

Als der König den Saal verlassen hatte, folgten ihm sofort alle Bischöfe, einige Prälaten und ein großer Teil des Adels; die übrigen blieben zurück. Einen Augenblick waren sie betroffen, und ein dumpfes Murren wurde hörbar, als Mirabeau sich erhob, um in kühner, herausfordernder Rede die einzelnen Glieder der Stände an ihren Eid zu mahnen, der ihnen nicht gestattete, auseinander zu gehen, ehe die Verfassung gemacht sei.

Unterdessen erschien der Oberzeremonienmeister und überbrachte noch einmal den Befehl des Königs, den Sitzungssaal zu verlassen.

Mirabeau aber erklärte, sie würden diesen Patz nicht räumen, es sei denn vor der Gewalt der Bajonette. –

Als man dem Könige diese Erwiderung überbrachte, zuckte er bedauernd die Achseln. »Wohlan, wenn sie nicht gehen wollen, so mögen sie zusammen bleiben,« antwortete er.

Dieses Wort war eine tiefere Erniedrigung für das Königtum als eine verlorene Schlacht.

Die Versammlung tagte somit weiter. Auf Abbé Sieyes Antrag wurden Mirabeaus Vorschläge angenommen und nur noch die Unverletzlichkeit der Person jedes Abgeordneten hinzugefügt, weil man in ihm den Vertreter der Nation ehren wollte.

Am 25. erschienen die ersten Abgeordneten vom Adel unter den Gemeinen. Darunter der Herzog d'Aguillon, Beauharnais, Clermont-Tonnere, Rochefoucauld und andere Namen, alle vom höchsten Adel und seit dem amerikanischen Kriege von großer Popularität. In den nächsten Tagen erfolgten weitere Übertritte, so daß bereits die Mehrzahl des Adels und der Geistlichkeit in der Nationalversammlung saß.

Jetzt schrieb der König selbst an die Vorsitzenden der beiden ersten Stände, sie möchten ebenfalls sich mit den anderen vereinen, um ein Ganzes zu bilden. Die Monarchie hatte eine schwere Niederlage erlitten. Erst hatte sie sich passiv verhalten, dann gedroht und befohlen, und als man ihr trotzte, nachgegeben.

Nun lag das Schicksal Frankreichs nicht mehr in des Königs Macht, sondern in den Händen der National-Versammlung. Hätte Ludwig, wie Mirabeau riet, sich entschlossen, aus dieser mächtigen Versammlung die einflußreichsten Männer als Minister zu wählen, es hätte vieles wieder gut gemacht werden können. Daran aber dachte man im Schlosse nicht, denn man mißtraute Mirabeau, obgleich dieser wiederholt durch anerkannt bedeutende Männer Ludwig zu überzeugen suchte, daß er für das Königtum und nicht gegen dasselbe gestimmt sei.

In Mirabeaus Memoiren, finden sich, als er seiner Unterredung mit dem Minister Necker erwähnt, wiederholt Aussprüche, wie diese: »Ich will die Monarchie nicht erschüttern, ich will eine freie monarchische Verfassung,« und andere Worte, die deutlich zeigen, daß er bereit war, mit dem Könige zu gehen und seine Macht zu unterstützen, sofern sie nicht an einen Despotismus grenzte.

Ludwig jedoch konnte oder wollte nicht an diese Gesinnungen Mirabeaus glauben und hoffte noch, ohne ihn fertig zu werden. Vergebens suchten treu gesinnte Männer, unter ihnen der Marquis St. Herbert, den König umzustimmen; trotz aller früheren nutzlosen Versuche gaben es die wackeren Royalisten nicht auf, immer wieder von neuem zu ringen, wenn sie auch fühlten, daß es Danaiden-Arbeit sei.

Dem Vater zur Seite stand Horace; er teilte seine Sorgen wie seine Kämpfe und war durch seinen jugendfrischen Mut, durch seine lebenswarmen Hoffnungen dem alternden Marquis eine segensreiche Stütze gewesen. Aber selbst das vertrauensvolle Herz des jungen Offiziers konnte sich einer ernsten Besorgnis nicht erwehren, wenn er mit prüfendem Auge die Zustände in der Regierung beobachtete.

In dem berühmten Regiment französischer Garden, welches aus den besten einheimischen Truppen bestand, war man gewöhnt, alles vereint zu sehen, was Ritterlichkeit und Heldentum bedeutete. Jetzt war dies Regiment zur einer zügellosen Bande herabgesunken, die Disciplin lockerte sich, und die Mannschaften folgten nicht mehr den Befehlen ihrer Offiziere, wie sich dies in den letzten Tagen bei verschiedenen Anlässen gezeigt hatte.

Wer sollte nun der Anarchie steuern, die auszubrechen drohte, wenn kein Verlaß auf die Truppen war? Durch ganz Frankreich ging ein Sturm der Bewegung, sowohl in den Provinzen, wie in Paris, das anfing, seine von Versailles unabhängige Politik zu treiben. Wo aber war das alte französische Heer, das eine Stütze des Thrones sein sollte!?

So kamen die ersten Tage des Juli. Die fröhliche Stimmung, die in Versailles geherrscht hatte, als der König seine Einwilligung zur Vereinigung der drei Stände gegeben, war längst vorüber und hatte einer mißtrauischen Haltung Raum gegeben. Das Zusammenziehen von bedeutenden Truppenmassen um Versailles ließ in der Nationalversammlung den Argwohn aufkeimen, daß man auf diese Weise einen äußeren Druck auf die Abgeordneten ausüben wolle.

Wieder war es Mirabeau, der eine Adresse an den König vorschlug, welche einstimmig angenommen wurde. Durch dieses Bittschreiben ging kein rebellischer Ton, es war in den Ausdrücken der reinsten Devotion gehalten und sprach eine warme Verehrung für den König aus.

Mirabeau, der eine ernste Katastrophe voraussah, schilderte die Gefahr dieser Truppenanhäufungen als dringend, da das hungerleidende Volk von Paris in bitterem Unmut auf die vielen Soldaten sehen müsse, welche ihnen den Rest ihrer Nahrungsmittel streitig machten.

Was würde man auch in den Provinzen sagen? Würde man dort nicht bereit sein zu glauben, daß diese militärische Macht die freien Vertreter der Nation zu Beschlüssen zwingen sollte, die gegen ihre Wünsche und ihren Willen waren?

Endlich, welche Gefahr lag für die Truppen selbst darin, wenn sie an den Beratungen, denen sie so nahe gebracht waren, unwillkürlich teilnahmen? Was sollte geschehen, wenn ihre Leidenschaften dabei entzündet wurden?

Alles dieses hatte Mirabeau in glühenden Worten dem Könige geschildert; doch die Adresse wurde kühl aufgenommen mit dem Bemerken, daß, wenn die Versammlung die Truppen fürchte, sie sich nach Soissons begeben könne.

Bei Hof bereitete sich ein Plan vor, der nur wenig Eingeweihten bekannt war; man beabsichtigte nämlich, das Ministerium Necker zu entlassen und Paris wie Versailles durch Truppengewalt wieder zu gewinnen. Darum hatte Ludwig die Regimenter zusammengezogen und blieb nun taub gegen Mirabeaus Warnung.

Am 11. Juli erfolgte der Staatsstreich. Necker hatte keine Ahnung davon, ihm wurde, als er bei Tisch saß, von einem königlichen Lakaien der Befehl überbracht, sich in aller Frühe über die Grenze zu begeben.

Das neue Ministerium Breteuil, Broglie und Foulon war übel gewählt.

Broglie war ein verdienter Militär, der sich in dem siebenjährigen Kriege sogar ausgezeichnet hatte, aber es war ein alter Mann.

Breteuil gehörte zu dem verrufensten Teil des Hofadels, und Foulon galt für einen hartherzigen Blutsauger, von dem man erzählte, daß er bei der Hungersnot gesagt habe, das Volk solle Heu und Stroh fressen, es sei ja doch nur Vieh.

Die Antwort auf diesen Ministerwechsel erfolgte rasch und grauenvoll, denn Paris, diese Riesenstadt mit ihrer schlechten Polizei und schwer zu bändigenden Bevölkerung, war überladen mit dem Zündstoffe revolutionärer Leidenschaften, und zum Überfluß schlecht mit Lebensmitteln versorgt. Es bedurfte nur eines Funkens, um den gewaltigen Brand zu entzünden. Der Funke war gefallen, und Paris fing an, seinen verderbenbringenden Weg zu gehen. Die Stadt glich einem Vulkane, ein furchtbarer Ausbruch stand zu erwarten.

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